Petra verstand es wohl immer weniger, und dieses Trällern verwirrte sie; hätte sie es nicht besser gewußt, so wäre sie näher zu ihm hingetreten und hätte ihn angesehen, ob er wirklich der Oliver Andersen und ob es auch ganz richtig bei ihm bestellt sei? Sie brachte ihn in die Wirklichkeit zurück, indem sie sagte: „Du singst nur!”
„Was?”
„Du singst nur, sag' ich.”
„Singen? Es fiel mir eben ein, Tahitaho. Nein, ich singe nicht.”
„Ja, mach' nur so weiter. Manche Leute haben es im Kopf!”
Aber was tat Oliver jetzt? Er richtete sich vom Stuhl auf und griff nach ihr. Ein Affe, der die Gebärden anderer nachmacht, zwei ungewohnte Hände, die zufassen. Er spielte sich auf, tat, als könne er ihrem Liebreiz, der Sinnlichkeit ihres Wesens nicht widerstehen, er streckte die Zunge heraus, lachte mit seinem feuchten Mund. O, sie hatte Erfahrung! Hätte sie nicht gewußt, daß hinter seinen Narrenstreichen nicht das mindeste steckte, dann hätte sie ihm entgegenkommen, ja, sie hätte ihm sogar Anleitung geben können, jetzt fuhr sie bei seiner leeren Vorspiegelung zurück und schauderte. Als er das sah, sank er schlaff und mit unbehaglichem Ausdruck wieder auf seinen Stuhl nieder.
Petra wurde es wohl schwer, nicht vor ihm auszuspucken, sie war eine gesunde Natur, die Qualle dort am Brückenrand machte sie ängstlich und schamerfüllt. Um das Ganze etwas auszugleichen, sah sie ihn nicht mehr an und sagte wie zu sich selbst: „Wenn ich doch nur ergründen könnte, was du an Maren Salt gesehen hast!”
Oliver erwiderte matt: „Schweig! Ich hab' es nicht getan, hörst du!”
„Du weißt selbst, was du getan hast.”
„Ja, prosit Mahlzeit, glaub' es nur! Ich scher' mich nicht darum.”
„Nein, das versteht sich,” sagte Petra wie eine Märtyrerin. „Du bist ja der Mann im Hause, wir andern haben nicht das Recht, etwas über dein Benehmen zu sagen.”
„Na, ein solcher Tyrann bin ich doch auch nicht!”
„Um mich kümmerst du dich jedenfalls nicht,” sagte sie.
Nun war er doch allmählich wieder der alte Oliver geworden, und so fragte er nicht so wenig schlagfertig: „Nun, und wer hat sich denn dann um dich gekümmert?”
Eine Antwort auf diese Frage bekam er nicht, und er wünschte auch keine zu bekommen, aber Petra war frech und verstand es jedenfalls, ihn fernzuhalten: „Wenn ich zu denen gehört hätte, die gewollt haben, dann hättest du sehen sollen,” sagte sie. „Aber ich gehör' nicht zu denen. Ich bin auch gar nicht so neugierig, daß ich das ausschnüffle, was du tust, und Maren Salt ist wenigstens sechzig Jahre alt, da kannst du sie wohl haben!”
Na, Petra wollte also diese blödsinnige Idee durchaus nicht aufgeben, war es da nicht natürlich, daß Oliver gute Miene dazu machte und nicht länger widersprach? Sie ließ ihn nun auch auf dem Glauben, daß sie ihn tatsächlich im Verdacht habe, dieser Verdacht würde ihm nur zum Vorteil gereichen, und wenn er ihn richtig ausnützte, so hatte er sicherlich keinen Schaden davon.
„Ja ja,” sagte er, indem er so halb und halb zustimmte, „ich kann ja auch meine Fehler haben, ich kenne keinen Menschen, der nicht seine Fehler und seine Ausschweifungen und seine Lüste hätte.”
Es war merkwürdig, wie leicht er Petras Zustimmung dazu erhielt, und von da an waren sie nicht mehr uneinig, der Ton zwischen ihnen wurde im Gegenteil leicht und frivol. Das Verhör, dem er Petra unterworfen hatte, und die Frage, wie sie es in drei Teufels Namen angefangen habe, daß sie nun wieder dick werde, war ausgelöscht und verschwunden. Oliver ließ es hingehen, ja, er ging noch weiter und ließ ihr eine Art Anerkennung zuteil werden, er ließ ein paar Worte darüber fallen, daß sie eine verflixte Fruchtbarkeit habe: gut in den Vierzigern und noch immer gleich toll!
„Na,” erwiderte sie halb scherzhaft, „bin ich jetzt wieder gut?”
„Du?” rief er. „Wie dich gibt es keine mehr! Und das muß ich sagen, du hast es in dir, das Lob geb' ich dir. Und bei Gott, du hast dein Geschlecht nicht erst entdecken müssen, das war bei dir von selbst da.”
Am nächsten Morgen waren wohl Oliver wieder Zweifel aufgestiegen, denn er fragt Petra: „Hat Mattis es wirklich gesagt?”
„Was denn?”
„Daß ich der Vater des Kindes sei?”
„Jawohl, du hörst es ja!”
„Ich versteh' nicht, wie er darauf kommen konnte?”
Petra stemmt die Hände in die Seiten und versetzt: „Nein, du stehst der Sache ganz fremd gegenüber, aber Maren weiß es wohl selbst.”
„Sagt Maren es auch?”
„Jedenfalls hat sie den Jungen nach dir genannt.”
„Nach mir?” ruft Oliver. „Wie heißt er denn?”
„Ole Andreas.”
Schweigen. Das war fast wie der Spund im Loch, ja, und eswarauch etwas daran, aber trotzdem ... O diese verfluchten Weibsleute, auf was sie nicht alles kamen!
Schließlich sagt Petra noch: „Der Mattis hatte also seine guten Gründe, das zu sagen, was er gesagt hat.”
Da schien Oliver gründlich nachzudenken: „Aber wie hätt' ich das denn ins Werk setzen sollen?” Und als er die Stube verließ und zu Mattis hinüberging, tat er es, um nähere Erkundigungen einzuziehen.
Es ist Sonntagmorgen, und er trifft den Schreiner Mattis halb angekleidet in seiner Küche. Das Kind ist bei ihm, Maren Salt ist in der Kirche. Der Schreiner sieht den Mann, der von der Straße zu ihm hereinhumpelt, überrascht und fremd an.
„Guten Morgen!”
„Guten Morgen!”
Schweigen. Als Oliver kein Stuhl angeboten wird, muß er sich auf die Holzkiste setzen. Sie wechseln einpaar Worte übers Wetter, über die plötzlich eingetretene Kälte; Mattis ist wortkarg, plaudert aber hie und da mit dem Jungen, der auf dem Boden sitzt, ein paar Worte.
„Er ist gewachsen,” sagt Oliver.
„Ja, das fehlt nicht.”
„Wie alt ist er? Sieh nur, er hat auch schon Zähne bekommen! Wie heißt er denn?”
In den Augen des Schreiners glimmt es zornig auf: „Das ist einerlei,” sagt er. „Hier heißt er nur das Kind.”
„Ich fragte nur. Es geht mich übrigens auch nichts an.”
Die Mutter hat ihm einen lumpigen Namen gegeben, aber sie hatte wohl ihre Absicht dabei.
Da der Schreiner so feindselig ist, und es so lange dauert, bis er ihn dazu bringt, auf etwas Bestimmtes anzuspielen, fängt Oliver selbst davon an: „Wem soll er nun eigentlich gleichsehen?”
„Der Mutter,” antwortete Mattis kurz.
„Jawohl, der Mutter. Aber von Vaters Seite?”
„Wen meinst du denn?” ruft Mattis erbittert. „Du kennst vielleicht den Vater?”
Oliver lacht und nimmt es gleichsam gutmütig auf, aber er muß sich doch auch wehren. „O, du bist immer derselbe alte Mattis! Wenn ich mich auch sonst so frei von aller Schuld fühlte!”
„Das pflegen wohl alle miteinander zu sagen, wenn es Ernst wird.”
„Was meinst du damit?”
„Was ich meine? Daß alle miteinander leugnen. Und wer am schuldigsten ist, leugnet vielleicht am ärgsten, ich weiß es nicht anders. Sie wenden Bestechungen an und geben Geld aus, damit die Leute es verschweigen.”
Darin stimmt Oliver mit ihm überein, und er bedauert die Mütter, bedauert auch die Kinder. „Die armen Kinder!” sagt er.
„Das sagen sie auch alle miteinander,” erwidert Mattis, indem er das Kind auf den Schoß nimmt und mit ihm plaudert. „Hat deine Mutter dich hier allein gelassen? Ja, du siehst nach der Tür, aber sie bleibt wohl eine Stunde fort. Was kümmert sie sich darum? Da, hier hast du meine Uhr!”
Oliver schweigt, er gibt nicht acht auf Mattis' Geschwätz,er hängt einem Gedanken nach, der eben in ihm aufgestiegen ist. Oliver hat seine dösige Verschlagenheit, sein Kopf arbeitet am besten in der Dunkelheit und auf Seitenpfaden, jetzt fingert seine eine Hand in seiner inneren Westentasche, so ganz sachte, ganz verstohlen, nur wie wenn er sich zufällig kratzte. Dann zieht er ein paar Geldscheine ein Stückchen heraus, betrachtet sie, sieht sie an, ob sie passen, und sitzt dann mäuschenstill da. Mit dem wenigen, was Mattis gesagt hat, ist ja nichts festgestellt, er hat sich nicht deutlich ausgesprochen, und Oliver muß wieder von vorne anfangen: „Ich hab' gehört, der Junge heiße Ole Andreas, aber das ist wohl nicht richtig? Ich kann es nicht glauben.”
„So, das hast du gehört!” schreit der Schreiner rasend. „Beim Satan, warum fragst du denn dann? Ich glaub', du willst das Haus durchschnüffeln! Was willst du hier?”
Oliver antwortete sanftmütig und keineswegs unzufrieden über des andern Erregung: „Nein, es geht mich allerdings nichts an, wie der Junge heißt, und ich werd' dich nicht mehr danach fragen —”
„Nein, jetzt wo du es weißt!” schnaubt der Schreiner mit seiner großen Nase.
Nach einem wohlausgerechneten Schweigen sagt Oliver ebenso ruhig wie vorher: „Du wunderst dich wohl, daß ich zu dir ins Haus komm', Mattis?”
Mattis antwortet sofort mit ja.
„Das versteh' ich,” sagt Oliver. Nun aber zieht er zwei Geldscheine ans Tageslicht und sagt: „Was haben die Türen gekostet, die du einmal für mich gemacht hast?”
„Die Türen —?”
„Die du mir überlassen hast. Ich will sie bezahlen. Es ist lange angestanden, aber ich konnte es nicht früher tun.”
Der Schreiner Mattis ist ganz verwirrt und bringt nichts anderes heraus, als: „Es hatte auch keine Eile —”
„Aber ich kann nicht verlangen, daß du bis zum Jüngsten Tag wartest.”
„Die Türen? Nein, das hatte keine Eile. Bist du wegen der Türen gekommen?”
Oliver spricht würdig und rechtschaffen: „Siehst du, Mattis, du hast mir ja keine Rechnung geschickt, deshalbbin ich etwas entschuldigt, aber jetzt soll es nicht auf den Preis ankommen, ich will jeden Heller bezahlen. Und wenn es etwas zwischen uns gegeben hat, so will ich es jetzt wieder gutmachen.”
Mattis murmelt, die Schuld könne ja auf beiden Seiten gewesen sein. Er bereut wohl seine Heftigkeit und sagt: „Willst du dich nicht da auf den Stuhl setzen?” Im übrigen ist er trotzdem noch zurückhaltend; der Besuch scheint ihm auch ferner unbequem zu sein, er spricht hauptsächlich mit dem Kinde.
„Ja, er hat es gut hier bei dir,” äußert Oliver. „Das ist etwas Großes für ihn. Na, ich muß sagen, die Maren verdient eine Handreichung. Sie ist nicht schlecht gebaut.”
„Na,” sagt Mattis.
„Gar nicht schlecht gebaut. Und als sie vor ein paar Jahren das Kind bekam, war sie ja noch nicht so alt, wie sie jetzt ist. Deshalb brauchen wir uns nicht so sehr über sie zu wundern.”
„Nein, du darfst die Uhr nicht in den Mund stecken und sie verschlucken, Kind! Was das betrifft, so ist es nicht immer das Alter, worauf es ankommt,” sagt der Schreiner dann sachlich, indem er sich von dem Kinde weg an Oliver wendet. „Es ist nur, daß sie diese Nasenflügel haben, die immerfort winken und winken.”
„Hahaha, ja, du verstehst es, Mattis! Doch, was ich sagen wollte, er hat braune Augen, wie ich sehe.”
Keine Antwort.
„Das sollen gute Augen sein, die braunen. Ich selbst hab' blaue Augen und bin gut mit durchgekommen. Aber fast alle meine Kinder haben braune Augen, es ist gerade, als sollt' ich lauter Kinder mit braunen Augen bekommen.”
Noch immer kam der Schreiner mit keinerlei Anklage heraus, aber er machte auch keine gegenteilige Bemerkung, sondern erwiderte: „Seine Mutter hat braune Augen. Im übrigen darfst du das Kind so etwas nicht hören lassen, er versteht es.”
„Er versteht es nicht.”
„Er? Du kannst von nichts reden, was er nicht versteht. Alles versteht er. Wenn du Tür sagst, sieht er nach der Tür, und singst du ein Liedchen an der Hobelbank, dann versteht er, daß es ihm gilt.”
„Bei den meinigen war es geradeso,” sagt Oliver.
„Es ist ganz unglaublich,” fährt der Schreiner fort; „ich muß mich in acht nehmen, daß er nicht lernt, die Zeitung von einem Ende zum andern durchzulesen, bloß indem er mir zuhört. Das Abendgebet und seine Händchen falten, ist gar nichts für ihn.”
„Genau wie die meinigen!” erklärte Oliver.
„Ja, so ein Kind wie dieses gibt es nicht wieder auf der Welt,” stellte der Schreiner fest.
Oliver wiederholt: „Er hat jedenfalls Glück gehabt, daß er hier im Haus bei dir ist.” Übrigens ist Oliver enttäuscht über den Verlauf des Gesprächs. Er kommt nicht weiter, es führt zu nichts, er muß weiter zurückgehen, näher zum Abgrund hin. „Was hab' ich doch sagen wollen, ich bin so vergeßlich. Ja, da sitz' ich nun mit dem Geld in der Hand, wie du siehst, aber da fällt mir ein, daß ich dich etwas fragen wollte, nämlich, du hast jetzt das Kind bei dir und hast es liebgewonnen, aber wie, wenn nun sein Vater eines Tages käme, sich zu erkennen gäbe und behauptete —”
Der Schreiner fragte scharf: „Willst du mit ihm herkommen?”
„Ich? Mit dem Vater? Woher sollt' ich ihn nehmen? Ich bin nur ein Krüppel.”
„O, dir ist alles zuzutrauen!”
Oliver versetzt lächelnd: „Ich will mich nicht besser machen, als ich bin, o weit entfernt. Doch darüber wollten wir ja nicht reden; aber eines schönen Tages ist vielleicht das Kind nicht mehr bei dir —”
„Na, sie sollen nur daherkommen und ihn mir nehmen wollen! Sie können es ja versuchen!” drohte Mattis.
„Ich meinte, eines schönen Tages werdest du dich wohl selbst verändern und heiraten, und wo soll dann das Kind hin?”
„Hin?” schrie der Schreiner. „Meinst du, ich werf' ihn hinaus? Er soll nirgends hin, da steh' ich dafür!”
„Aber wenn der Vater kommt —”
„Was bohrst und gräbst du denn immer weiter? Was zum Teufel willst du denn wissen? Hast du Angst vor etwas, fürchtest du für deine eigene Haut? Da sitzt du und füllst ihm die Ohren mit unflätigem Geschwätz, ich will nichts mehr davon hören!”
Oliver gelingt es einzuwerfen: „Ich? Nein, ich rede nicht unflätig, ich sitze nur hier mit deinem Geld in der Hand, mit diesen zwei Banknoten —”
„Hat man je so etwas gehört, setzt sich hierher, tut ganz unschuldig und redet Schweinereien! Das Geld — was ist denn damit? O!” ruft er plötzlich. Endlich geht dem Mattis wohl ein Licht auf, er wird ganz blaß vor Zorn und steht mit dem Jungen auf dem Arm von seinem Stuhl auf: „Steck' das Geld ein und mach', daß du fortkommst, ich will es gar nicht!”
Ja, Oliver steht auf und will keinen Streit, aber er reizt den Schreiner noch auf; während er nach der Tür humpelt, sagt er: „Hehe, es ist fast, als sei der Junge dein Kind! Bist du vielleicht sein Vater?”
„Ich, sagst du das?”
„Ich frag' nur,” antwortet Oliver. Und jetzt kann kein Zweifel mehr darüber herrschen, daß er Mattis noch mehr aufreizen will. „Du hast ja auch ein Bett für ihn gemacht,” sagt er.
Mattis verteidigt sich. „Das war gar nicht für ihn. Und liegst du vielleicht auf dem bloßen Boden? Hast du noch nie gehört, daß ein Kind ein Bett hatte? Aber jetzt sollst du zum Haus hinaus, das ist todsicher!” ruft Mattis, indem er das Kind auf den Boden setzt. „Und nimm dein Geld, mit dem du mich bestechen wolltest, nur wieder mit. Haha! Du meintest, du könnest mich kaufen, um deine Vaterschaft zu verschweigen, aber das ist dir nicht gelungen, heb' dein Geld für einen andern auf! O, du bist ein Schweinekerl! Hinaus aus dem Haus, sag' ich!”
Und Oliver geht.
Er sieht befriedigt aus, es war, wie es nicht besser hätte gehen können, als es gegangen war; Oliver summt wieder ein Liedchen. Als er heimkam, platzte ja Petra fast vor Neugier, aber er erklärte nichts, er tat nur noch mannhafter und stellte sich unter die Haustür mit der Hand in der Westentasche, als ob es gar nicht kalt wäre, und von diesem Platz aus schwatzte er albernes Zeug mit den Frauen und Mädchen, die vorübergingen.
Gute Zeiten, Einigkeit im Hause und Freude im Leben — o, wir sind im Aufstieg, wir kommen immer mehr obenauf, gebe Gott, daß es so weitergeht! Das äußerte sichin richtig anständigen Taten: Mattis hatte ja diesen roten Briefkasten an seinem Hause, Oliver kaufte einen Messinggriff für seine Haustür und sagte zu Petra: „Daß du ihn mir nun aber auch ordentlich blank hältst!” Auf die Gefahr hin, als Verschwender verschrien zu werden, kaufte er kleine Geschenke für seine Töchterchen und seine Frau und war sehr gutherzig, ja, er brachte der Großmutter öfter als früher eine Tüte Kaffee mit — die ihn übrigens wohl nichts kostete.
Wie erfreulich war jetzt das Leben! Der Winter verging, das Jahr verging, und Oliver hatte recht, daß nichts so schnell vergeht wie ein Jahr. Es ereignete sich nichts Großes, aber genug zur Abwechslung, die Familie war nicht an mehr gewöhnt, das Kind war wieder ein blauäugiges, und wie das zusammenhing, konnte wahrlich in der Geschwindigkeit niemand ergründen, aber die Frage hatte auch nicht mehr so ungeheure Bedeutung wie in den alten Tagen. Sollte Oliver näher untersuchen? Wie würde es dann gehen, wenn er selbst untersucht würde, ging nicht auch über ihn ein Gerücht in der Stadt? Als er sich einmal ein wenig bitter über die neuen blauen Kinderaugen aussprach, sagte Petra: „Na, haben denn nicht wir alle beide blaue Augen?”
In einem Gespräch mit seinem alten Freund, dem Fischer Jörgen, machte Oliver geltend, daß die Gewächse auf der Erde auch nicht alle gleich seien: die einen trügen Früchte über der Erde, die andern unter der Erde. „Nimm zum Beispiel die Apfelbäume, die einen sind rot, die andern gelb. Aber nimm die Kartoffeln, die unter der Erde wachsen — eine Sorte Kartoffeln ist gelb und eine andere ganz blau. Geradeso ist es bei unsern menschlichen Augen, sie sind von höchst verschiedener Farbe. Ich hab' mir überlegt, daß das vielleicht von mir selbst kommt: wenn ich am tollsten auf eine Frau aus bin, dann gibt es braune Augen; was meinst du, Jörgen?”
Ach, Jörgen war über siebzig Jahre alt, mit Lydia, dem Reibeisen, verheiratet, Vater von drei großen Töchtern, großen Damen, seine Augen waren fast farblos geworden, er wußte nichts — er erinnerte sich an nichts. „Wieso toll?” fragte er und sprach sich dahin aus, daß auch manches Frauenzimmer toll und böse sein könne.
Aber Oliver schien es darum zu tun zu sein, gründlich verstanden zu werden. „Nimm nun zum Beispiel die Maren Salt,” sagte er. „Man beschuldigt ja mich, der Vater ihres Kindes zu sein, und der Junge hat braune Augen.”
„Ach so,” sagte Fischer Jörgen.
„Oder nimm viele andere in der Stadt, es gibt genug braune Augen da, und ich kriege ja auch fast keine andern. Nun darfst du aber ja nicht alles glauben, was die Leute mir in die Schuhe schieben, Jörgen, ich bitte dich darum, aber ich will mich auch nicht entschuldigen, denn ich hab' eine feurige, unbändige Natur in mir, und es gibt daheim blaue und braune Augen, je nachdem es trifft.”
„Ja,” sagte Jörgen.
Auf diese Weise steigt Oliver täglich höher hinauf, und nimmt immer mehr eine feste Stellung in seiner Scheinwelt ein. Schweigt nur! Er ist der Schöpfer und Erhalter, er geht dahin mit seinem eigenen Maßstab und macht diese Welt weit, nach ein paar Jahren steht er auf einem Hügel und schaut über ein großes Land hin, das ihm gehört.
Und jetzt gefällt es ihm wohl, das Leben in dieser seiner Welt! Er schlägt kein Gelächter auf und läßt sie fahren. Mit der Welt, die man geschaffen hat, muß man fertig werden, das müssen alle Schöpfer.
Ab und zu mußte er sich mit allerlei Ärger herumschlagen. Es konnte ihn die Lust ankommen, am Abend noch auf der Straße herumzuschlendern, ein wenig mit den Frauenzimmern zu schäkern, sich mit ihnen unterhalten zu wollen. Er kannte die Worte und die Umgangsart von seiner Matrosenzeit her, aber er hatte nicht mehr das alte Glück, es versagte; ob es nun daherkam, weil er nicht mehr die alte Schießfertigkeit hatte, oder weil er nicht das rechte Wild antraf. Was war denn los, warum lachten ihn denn die dummen Gören aus? Die Pflänzchen, diese Kiek-in-die-Welt, wollten sie nicht recht an seine reellen Absichten glauben? Warum, beim Satan, fuhren sie zurück, wenn er nach ihnen greifen wollte? O, es hatte seine Nachteile, eine Welt regieren zu müssen!
In der letzten Zeit war er wieder auf den Fischfang hinausgerudert. Jawohl, das war eine gute alte Aushilfe,wenn die Heimsuchungen überhandnahmen, Gott wußte allein, wie schwer es war, sich wieder im Leben zurechtzufinden. Es hieß, er fische, um einen kleinen Nebenverdienst zu haben, aber er war offenbar nicht so recht ernstlich auf den Fischfang aus, denn er kam sehr oft ohne Fische heim. Aber brauchte er etwa nicht Kleingeld? War die merkwürdige innere Tasche seiner Weste am Ende nicht unerschöpflich? O, er sah mit Sorge, wie die Tasche allmählich leer wurde, er hätte gern eine Anleihe gemacht, ja, er hätte stehlen mögen, um dem Schwinden des Geldes Einhalt zu tun, es ist nicht gut, wenn man zusehen muß, wie man verarmt. Er hatte ja seinen alten Platz im Lagerhaus und seinen Gehalt, jawohl, das tägliche Leben konnte er bestreiten, aber die Zubuße von Putz und Schleckereien, an die er sich gewöhnt hatte, dazu hatte er nichts mehr. Wo war eigentlich das Geld für die Eiderdaunen geblieben? Es war doch eine ganz erkleckliche Summe gewesen, und der Kuckuck mochte verstehen, wo sie hingekommen war. Er hatte weder dem Rechtsanwalt Fredriksen etwas am Haus abbezahlt, noch sich und seine Familie auf zwei Jahre mit Kleidern ausgesteuert; mit ein paar größeren Geldscheinen war er in den nächsten Ort gefahren und hatte sie dort wechseln lassen, aber das war nun schon ein Jahr her. Seine Innentasche war leer. Er konnte noch so eifrig hineingucken und sie umdrehen, sie war und blieb leer.
Mußte er da nicht auf den Fischfang hinausrudern? An und für sich hatte Oliver nichts dagegen, wieder in einem Boote zu schaukeln. Er versah sich mit einem Kochtopf und Fischgerätschaften, ruderte hinaus und blieb meist vom Samstagabend bis Montag früh fort. Vor allem fischte er für den eigenen Bedarf, in diesen eineinhalb Tagen. Das waren faule, sorglose Stunden, er ließ sich mehr treiben, als er ruderte, fuhr in die Buchten hinein und suchte die Inseln heim; natürlich sammelte er auch wieder Eiderdaunen, natürlich spähte er nach Strandgut und Treibholz aus. Einmal fand er ein leeres Fäßchen und ein anderes Mal eine Flasche mit einem Zettel darin, alles ohne wirklichen Wert. Weit draußen, wo die Dampfschiffe in die Bucht hereinfuhren, ragte ein Vogelberg ganz gerade aus dem Wasser auf, da war er seit zwei Jahrennicht gewesen; es war weit bis dahin, aber es konnte sich schon die Mühe lohnen, dort einen Besuch abzustatten, die Vögel nisteten da auf den terrassenförmigen Absätzen der Bergwand und waren sehr wenig scheu.
Die Tage vergingen, und Abel war ja ein guter Junge, ein komischer Kerl, er konnte seinem Vater bei Gelegenheit ein Zweikronenstück zustecken, sonst hätte es wohl mit Leckereien für Oliver knapp ausgesehen. Woher hätte er sonst Geld bekommen sollen? Er hatte einmal einen Sohn, der hieß Frank, ein wahres Wunder an Gelehrsamkeit; o, aber der schickte nichts nach Hause, er kam selbst nicht mehr heim, schrieb auch nicht, es ging das Gerücht, er habe irgendwo eine Lehrerstelle und er studiere weiter, nur immer weiter, wo wollte das enden? Die kleine Konstanze Henriksen auf der Werft hatte einen Brief von ihm bekommen, noch ein Jahr habe er vor sich, dann sei er fertig, das soll in dem Brief gestanden haben. Vor Verlauf eines Jahres konnte also Oliver keine Unterstützung von ihm erwarten, ein langes Jahr hindurch; aber dann würde ja etwas Erkleckliches kommen, nicht jedermann hatte einen gelehrten Sohn in der Hinterhand.
Inzwischen hatte er ja Abel, auch einen Prachtkerl, Oliver war rechtlich gesinnt und machte keinen Unterschied zwischen seinen Söhnen, wenn ja, so stand Abel seinem Vaterherzen jetzt am nächsten. Auf seinem Weg nach dem Lagerhaus kehrte er oft einen Augenblick in der Schmiede ein; Abel war da schon an der Arbeit, es machte dem Vater Spaß, ein Weilchen mit ihm zu plaudern und zu fragen, wie es gehe. Es ging immer ausgezeichnet. Abel hatte jetzt die Schmiede übernommen und war der Erste in allem. O, das war ein Sohn, auf den man stolz sein konnte! Auch andere kamen in die Schmiede, der Zeichenstift kam, der jetzt Heizer bei der Küstenlinie war, der wollte gewiß warten, bis eine von Abels Schwestern alt genug wäre, dann wollte er um sie freien, solche Absichten hatte also der Zeichenstift. Er kam in die Schmiede und fragte: „Hast du die Schmiede gekauft?” — „Nein,” antwortete Abel, „ich hab' nichts, um eine Schmiede zu kaufen, aber ich bin an Stelle des Meisters hier. Kannst du mir einen Jungen verschaffen, der den Hammer bedient?” — „Ei,” sagte der Zeichenstift,„sobald du dir einen Dampfhammer kaufst, der mit Paraffin getrieben wird, kannst du dir den Jungen für den großen Hammer ersparen.” „Ach, schwatz keinen Unsinn,” meinte der andere, „ich hab' in Horten mehrere solcher Hämmer gesehen.” — Abel wußte selbst, daß es solche Dampfhämmer gab, die mit Paraffin getrieben wurden, aber warum sollte er so einen für eine Schmiede kaufen, die nicht ihm gehörte? Still damit! — Der Zeichenstift schlug vor, Abel solle den Dampfhammer auf eigene Rechnung kaufen und das Geld für Lohn und Kost des Lehrjungen in seine Tasche stecken, das wäre eine Einrichtung, mit der auch Meister Carlsen gedient wäre. — „Woher soll ich das Geld für den Hammer nehmen?” fragte Abel. — Der Zeichenstift erwiderte: „Etwas hast du wohl selbst schon, etwas kann ich dir leihen, und den Rest kannst du schuldig bleiben ...” Ei, der tausend, der Zeichenstift mußte in die Blaumeise, Abels Schwester, bis über die Ohren verliebt sein!
Nein, nein, die Schmiede gehörte Abel noch nicht, aber er hatte sie in den Händen, und er verdiente einen schönen Lohn. Der Schmied Carlsen war nicht immer abwesend, nicht immer ganz fort, aber am liebsten stand er am Schraubstock und feilte an diesem und jenem, was geputzt werden mußte. In die Geschäftsführung mischte er sich immer weniger. „Was meinst du?” fragte er Abel, wenn er ein einzelnes Mal eine Arbeit übernehmen sollte. Im übrigen war er nicht einmal mehr ein halber Mann, er kam spät am Abend und ging früh wieder weg. So kam es, daß Oliver seinen Sohn fast ganz für sich hatte, wenn er seine Morgenbesuche machte.
Sie plauderten über ihre eigenen kleinen Vorkommnisse und besprachen die Ereignisse in der Stadt. „Nun wird der Fischer Jörgen allmählich ein ganzer Idiot,” sagte Oliver, „er kennt keinen Unterschied zwischen gelben Kartoffeln und blauen Kartoffeln, warum soll ich die Zeit vergeuden und mit so einem Mann reden? Ich lauf' davon, wenn ich ihn seh'.” — Vater und Sohn wurden nie uneinig, sie redeten freundschaftlich über alles, sprachen gewissermaßen brüderlich über alles, was ihnen am Herzen lag; wenn sie sich trennten, hatten sie nicht etwas Besonderes verabredet, oder sich für eine bestimmte Lebensanschauungentschieden, o weit entfernt; aber Oliver erfuhr, was der Sohn an dem Tag zu tun hatte, für wen er diese Karrenbeschläge schmiedete, sie waren für Konsul Johnsens Landhaus, wem der feine Wandschirm gehörte, der seit gestern in die Schmiede gekommen war, er gehörte dem Doktor. O, dieser Abel, er war ein tüchtiger Sohn, er arbeitete für alle vornehmen Leute.
Abel fragt: „Was denkst du nun über den Dampfhammer, von dem ich dir gesagt habe? Du wolltest darüber nachdenken.”
Natürlich hatte der Vater durchaus keinen Begriff von diesem abenteuerlichen Hammer, das mußte der Sohn schon vorher wissen, und war dann Abel nicht ein sonderbarer Kauz, daß er des Vaters Ansicht darüber hören wollte? Aber er hatte vielleicht sonst niemand, bei dem er sich aussprechen konnte; er behandelte seinen Vater ganz und gar nicht von oben herab und hörte ihm mit innerlichem Mitleid zu, er sah aus, als brauche er des Vaters Zustimmung bei dem, was er sich vornahm.
„Das will ich dir sagen,” antwortete Oliver, „ich bin ja weit herumgekommen in der Welt und habe alle Arten von Völkern gesehen — nun hab' ich gründlich darüber nachgedacht. Und wenn du den Hammer haben kannst, dann nimm ihn nur sofort. Das rat' ich dir.”
„So.”
„Ja, das sag' ich grad heraus. Denn es gibt in keinem Fach irgendeinen Meister, der so einen Dampfhammer hat, es wird in Stadt und Land bekannt werden, und du wirst schon die Funken sprühen sehen, wenn so ein Kerl aufs Eisen schlägt.”
„Ja.”
„Du kommst dafür in die Zeitung, und das kannst du mir aufs Wort glauben, denn ich bin selbst in die Zeitung gekommen. Ich hab' ein ausländisches, vollgetakeltes Schiff in Sturm und Unwetter vom Meere herein geborgen und es hier am Landungsplatz angelegt. Dann schickte ich nur einen Boten an Land nach dem Konsul und dem Protokoll. Was meinst du wohl, was all die Leute dachten, die da herbeiströmten und es sahen? Und drei Tage später stand ich in der Zeitung.”
„Ja.”
Nie wurde Oliver müde, andere mit diesem Ereignis zu ermüden. Aber er vergaß auch den Dampfhammer nicht, nein, er sagte, er könne ihn gar nicht mehr aus dem Kopfe hinausbringen. Und wenn er dem Sohn in der nächsten Zeit irgendwie behilflich sein könne, wenn er also etwas Geld, das der Mühe wert sei, zwischen die Hände bekomme, so werde er augenblicklich damit herkommen. „Laß mich nur erst mit mir selbst beraten!” sagte er und nickte mit nachdenklicher Miene dazu, wie wenn er vielleicht bald eine Möglichkeit sehen könnte. O, das Geld würde sich schon finden, und wenn nicht, dann wollte er jede Nacht im Boot draußen sein und am Morgen mit einer Ladung Treibholz heimkommen, die man verkaufen könne.
Nur ein Geplauder in aller Freundschaft. Abel blieb ja ebenso arm zurück, als der Vater fortging, ja, sogar noch etwas ärmer, da er zwei Kronen bei einer Wette verloren hatte. Das war so zugegangen: Abel sagte: „Du kannst nicht mehr bei Nacht hinausrudern, du hast die Kräfte nicht mehr dazu.” — „In meinem oberen Körper hab' ich noch genau dieselben Kräfte,” versetzte der Vater. — „Du kannst nicht einmal diesen Eisenblock hier aufheben.” — „So, kann ich das nicht? Diesen hier, den ich schon früher aufgehoben habe?” — „Ja, aber jetzt bist du ein Jahr älter. Es ist derselbe, ich setz' zwei Kronen!” — Oliver spuckte nicht einmal in die Hände, er hob den Block auf und gewann zwei Kronen. „Ich will sie nicht,” sagte er. — „Nein, du willst vielleicht lieber, daß dir der Block an den Kopf fliegt,” erwiderte der Sohn und überreichte dem Vater das Zweikronenstück.
Lauter Scherz und Freundschaft.
Keiner von ihnen erwähnte Klein-Lydia oder ließ etwas von der Heirat verlauten, nein, Abel war ein viel älterer, gesetzterer Mann geworden. Seinen dichtesten Bart hatte er allerdings noch immer auf den Händen, aber er hatte eine Schmiede unter sich und stand an Stelle des Meisters, da konnte man wachsen und heranreifen. Übrigens hatten da auch andere Ursachen mitgewirkt, Mutter Lydia war demnach nicht ohne Bedeutung für seine Entwicklung gewesen. Er mochte sich noch so sträuben, es anzuerkennen, aber an einem gewissen Abend vor ein paar Jahren hattedas alte Reibeisen ihm wahrlich ein Lehrgeld gegeben, das er nicht vergessen konnte. An dem, was sie gesagt hatte, war tatsächlich wirklich etwas dran gewesen, ein Knall vor seinen Ohren, eine Erweckung, die natürliche Folge davon war, daß er anfing, sich vom Hause des Fischer Jörgen fernzuhalten. Jawohl, er würde sich entfernt halten, wie er versprochen hatte! Er war furchtbar eifrig darauf aus, zu erfahren, wann Eduard von Neuguinea, oder wo es war, heimkäme, aber er ging doch am Hause vorüber. Später war ihm Mutter Lydia begegnet, sie war jetzt hinterdrein offenbar ganz friedlich gegen ihn gesinnt, hatte ihm zum Gruße zugenickt und ein paar freundliche Worte gesprochen. Er war auch ebenso höflich gewesen. Einige Wochen später begegnete ihm sein Liebchen, Klein-Lydia, selbst. Das Merkwürdige war, daß er ihr jetzt lieber nicht begegnet wäre, wenigstens nicht in diesem Augenblick, wo er rußig und ungewaschen von der Schmiede kam. Da das Zusammentreffen unvermeidlich war, versagten ihm fast die Knie, aber er brachte doch einen kurzen Gruß heraus und ging vorüber. In diesen Wochen hatte er es erlebt, daß er schüchtern wurde. In der folgenden Zeit traf er sie ab und zu in der Stadt mit Paketen in der Hand; er hätte sicher nähertreten und ihr die Pakete tragen können, aber er tat es nicht.
Nein, er redete nie mehr vom Heiraten.
„Du hast den Block nicht so hoch gehoben wie sonst!” rief er seinem Vater nach.
„Was hab' ich nicht?” versetzte der Vater. „Du hättest gut selbst noch oben drauf sitzen können!”
Wenn er so großartig scherzen konnte, so deutete das wohl auf eine besonders gute Laune bei Oliver. O, aber an diesem Tag hatte er besonders böse Ahnungen! Als er im Lagerhaus allein war, sich da zurecht machte, in den Spiegel schaute und an seine Arbeit ging, war ihm ganz klar, er stand vor einer Gefahr: Rechtsanwalt Fredriksen war ihm in der Stadt begegnet. Dieser Leuteschinder, dieser Blutsauger, er hatte einen Krüppel angesehen, als gehöre er ihm eigen. Und jetzt waren es zwei Jahre her, seit ihrem letzten Zusammentreffen.
Oliver übertrieb ungeheuer, der Rechtsanwalt war wie sonst freundlich und in Gedanken versunken an ihm vorbeigegangen,aber Oliver war ja nicht mehr der mutige Mann, seine innere Tasche war leer, die Erhebung seines Charakters war verschwunden. Als er zum Essen heimkam, hatte er eine Unterredung mit Petra, aber er erzählte ihr keine Neuigkeit, sie war dem Rechtsanwalt selbst begegnet.
„Hat er etwas gesagt?” fragte Oliver.
„Oho, sagte er etwas! Sollte er etwas zu mir sagen — auf der Straße?”
„Wie hat er ausgesehen?”
„Das weiß ich nicht. Ausgesehen? Ich seh' die Mannsleute nicht an und schiele nicht nach ihnen hin. Das alte Schwein hat mich genug geplagt, als er das letztemal hier war.”
„Mir kam sein Aussehen unfreundlich vor.”
Nach einer Weile redet Oliver weiter: Jetzt werde wohl der Rechtsanwalt mit seiner Unvernunft wieder anfangen. — „Ich rühr' mich seinetwegen nicht mehr von der Stelle,” sagt Petra. — Oho, ob es besser wäre, wenn sie alle auf die Straße gesetzt würden? Oliver entwickelte die Sache weiter und von seinem Standpunkt aus: es habe ihm noch nie so davor gegraut, obdachlos zu werden, wie eben jetzt, sie müßten hoffen, daß der Rechtsanwalt ein Mensch sei, denn wenn er geradezu im Sinne habe, gegen einen Krüppel wieder auf Mörderwegen zu gehen, dann müsse Petra ihm noch einmal energisch ins Gewissen reden.
„Was hältst du davon?” fragte Oliver.
Petra überlegte und hielt es nicht für unmöglich. Aber da war soviel, was dagegen sprach. Sie habe nicht einmal ordentliche Kleider —
„Kleider?”
Sie habe die unglücklichen Hemden vertragen. Und sie brauche auch eine Bluse, eine von denen, die vorne aufgemacht werden. Und außerdem noch andere Kleidungsstücke.
Wenn nichts anderes im Wege stehe, meinte Oliver, so könnte er sicher einige Kleidungsstücke auf Vorschuß bekommen. Er flammte wieder auf, setzte die Mütze schief auf den Kopf, als habe er mächtige Gönner, und redete als Familienversorger: „Gleich jetzt geh' ich in das Modegeschäft und hol' die Kleidungsstücke für dich.”
Bei einer solchen Gelegenheit mußte er ja tun, was nur immer in seinen Kräften stand.
Der Rechtsanwalt Fredriksen dachte indes jetzt wohl am allerwenigsten daran, Oliver und sein Haus zu beunruhigen, er hatte ganz andere Dinge zu erledigen. In diesen Tagen wurde der Stadt eine schwere Prüfung auferlegt, eine so unerhörte Erschütterung beigebracht, daß es war, als ob die Welt stille stünde. Was war seinerzeit der Postraub dagegen gewesen? Das DampfschiffFiawar untergegangen! Was bedeuteten alle möglichen anderen Dinge, wenn das Dampfschiff Fia nicht versichert gewesen war und nun vielleicht den Doppelkonsul Johnsen in Ruin und Untergang mit hineinzog?
Nichts anderes bedeutete mehr etwas.
Auch früher schon waren mehrere ernste Ereignisse in der Stadt zu verzeichnen gewesen: der alte Schulvorsteher war nun tot, der die vielen Sprachen der ganzen Welt kannte und die letzte Generation in den Grammatiken und den notwendigen Kenntnissen unterrichtet hatte, er war jetzt tot und seine Gelehrsamkeit mit ihm begraben. Eine andere Sache war auch am Brunnen tüchtig besprochen worden: die Frau des Doktors jammerte nun schon seit zwei Monaten darüber, daß sie guter Hoffnung war; es war das erstemal bei ihr, ach du lieber Gott, wie sie es verabscheute, wie sie sich davor fürchtete und wie schlecht ihr war — für dieses Unglück gab es keine Hilfe, und war es nicht auch ganz gerecht? — Da, eines schönen Tages war die Frau Doktor plötzlich nicht mehr guter Hoffnung. „Was?” schrien die Weiber am Brunnen; sie pumpten kein Wasser mehr und gingen auch nicht mit ihren Eimern fort, sondern blieben unentwegt da. Hatte die Person sich über ihr Inneres getäuscht und war sie gar nicht —? Unsinn! Weit entfernt! Aber so ungleich verteilte es unser Herrgott bei den Frauen, manche mußten Jahr umJahr Mutter werden, andere waren fürs ganze Leben davon befreit. So war es, wenn man einen Doktor zum Mann hatte, er hatte die Gelehrsamkeit, er konnte tun, was er wollte, das war keine Kunst —
Es fehlte also nicht an aufregenden Ereignissen.
Aber dann rollte eines Morgens der Donner über den Brunnen hin; das war die Nachricht von dem Untergang derFia. Diese Nachricht kam von Scheldrup Johnsen in Neu-Orleans, das Telegramm war drei Tage alt, es meldete kurz und gut, nannte Ort und Zeit und ging davon aus, daß die Versicherung in Ordnung sei. Aber die Versicherung war nicht in Ordnung. Und da schlug der Blitz am Brunnen ein.
In der kleinen Küstenstadt, die von nichts als von ihren Schiffen lebte, verstand jedes Weib, was eine solche Versicherung zu bedeuten hatte, sollte da der Doppelkonsul es nicht gewußt haben? Waren es nicht gerade die großen Sachen, die der Konsul selbst unter den Händen hatte, Berntsen dagegen lag es ob, dem Kramladen und dem Modehandel vorzustehen. Es kam zu einem Zusammenstoß zwischen dem Konsul und seinem Geschäftsführer; der Konsul meinte, er habe Berntsen den Auftrag gegeben, die Versicherung zu erneuern, und Berntsen hatte auch ganz richtig die Versicherung damals, wo es ihm aufgetragen worden war, erneuert, aber nachher nicht mehr. — Aber der Konsul habe doch ein für allemal den Auftrag gegeben. — Nein, erwiderte Berntsen, so habe er es nicht verstanden. — Der Konsul raufte sein Haar und behauptete, doch, er habe es ausdrücklich für immer, fürs ganze Leben gemeint. Berntsen hätte das außerdem selbst verstehen müssen, ob er denn nicht gesehen habe, was alles auf dem Pult des Konsuls herumlag, alles müsse er selbst besorgen, die ungeheuere tägliche Post, die Berichte an seine Regierungen, die Bücher, eine Welt, ein Chaos — wie, wenn nun Berntsen das von selbst verstanden hätte! — Es zeigte sich auch, daß Berntsen wirklich tüchtig eingegriffen hatte, sonst hätte es noch schlimmer auf des Konsuls Pult ausgesehen. — Ja, aber der Konsul habe die Versicherungspapiere zur Erledigung herausgelegt. — Berntsen hatte die Papiere auch da liegen sehen, und nachdem er sie drei Wochen vor Augen gehabt hatte, verschwandensie. — Jawohl, der Konsul hatte sie schließlich als erledigt weggelegt. Berntsen hatte kein Wort davon gehört, daß er sie fortschicken solle. — Doch, beim Satan, der Konsul hatte vor langer Zeit einmal gesagt, er müsse die Prämie abschicken: „Vergessen Sie die Versicherung nicht!” hatte er befohlen. O, jetzt mochte Gott ihm gnädig sein!
Frau Johnsen wankte ins Kontor herunter und weinte, rang die Hände, wischte sich Nase und Augen, schluchzte laut, bebte und redete wie im Fieber. Das war nicht gut für die Frau Konsul, sie war wohl auch leberkrank, denn sie war gar so gelb im Gesicht. Die Tochter kam auch, Fräulein Fia, sie nahm es ganz anders auf und legte nicht noch Steine auf die schwere Last. Das nütze nun alles nichts, sagte sie, Prüfungen müsse man ertragen. Sie müßten jetzt zeigen, daß sie Kultur hätten, sagte sie, die Komtesse; was an ihr liege, so wolle sie noch fleißiger arbeiten, sie habe ihre Kunst und ihren Beruf; die zwei Bilder, die sie im Louvre kopiert habe, müßten nun eben springen, sie wolle sie sofort zur Versteigerung schicken. „Hab' keine Angst, Papa!”
Der Konsul hörte nicht und sah nicht.
Dafür war ein anderer Mann in der Stadt, der sowohl hörte als sah, der Rechtsanwalt Fredriksen. O, ein kluger Mann, ein glücklicher Gewinner, also ein ganz verflixt guter Rechner. Da kam er nun endlich wieder, nachdem er fast das ganze Jahr hindurch im Landtag und in seiner Kommission gesessen, und jetzt hatte er ein viel besseres Aussehen als vorher, er sah nicht mehr so gefräßig aus, Gott weiß, ob er nicht Gesichtsmassage gebraucht hatte! Woher sonst konnte diese fast seelenvolle Freundlichkeit kommen? Allerdings hatte das auch seine Wirkung nicht verfehlt, daß er während seiner Abwesenheit zum Wortführer in seiner Stadt gewählt worden war; aber das würde einen Rechtsanwalt doch nicht dazu bringen, die abgelegenen Winkel der Sorge und Armut aufzusuchen und dort eine halbe Stunde trostspendend zu verweilen! Er ging zu der Tochter des Schulvorstehers, die ihren Vater verloren, und zu dem alten Postmeister, der seinen Verstand verloren hatte, und überall war er sehr teilnehmend gewesen. So war er jetzt. Schon als er vomSchiff an Land stieg, hatte ja der abscheuliche Olaus vom Wiesenrain ihn geduzt und ihn nur Fredriksen angeredet; aber darüber hatte dieser nur ein wenig gelächelt und gesagt: „Trag' meinen Koffer hinauf, Olaus!” — Olaus erwiderte: „Trag' du deinen Koffer selber!”
Ehe er sich nun aufs neue auf seine beschwerlichen öffentlichen Obliegenheiten warf und die Stadt zur ersten Versammlung zusammenrief, gönnte er sich noch ein paar freie Tage und wanderte in einem hellen Anzug und einem großen Hut umher; er hatte sich einen Stock gekauft, und seine Stiefel waren heil, er rauchte auch immerfort Zigaretten, ja, er war ein ganz anderer geworden. Warum wanderte er soviel umher, warum mußte der schwere Mann auch noch den Aussichtspunkt ersteigen? Das sah gesucht aus, ausgesucht einsam, nicht nur nach unerwiderter Liebe und tieferen Gefühlen. Wenn er an Konsul Johnsens Garten mit den Zementtürmen, dem Duft des spanischen Flieders und gaukelnden Schmetterlingen vorüberging, grüßte er Frau Johnsen, gegen die er nichts hatte, mit seinem großen Hut, er grüßte auch das Fräulein, ja selbst den Konsul, wenn dieser auf der Veranda saß. Wohl war er Vorsteher einer Kommission gegen den Konsul, aber Haus und Familie mußten außerhalb gehalten werden.
„Glücklich von Paris zurück!” rief er mit Donnerstimme über das Staket weg Fräulein Fia zu.
Es sei jetzt übrigens schon sehr lange her, seit sie von Paris zu Hause sei, dachte Fräulein Fia wohl, und sie hätte auch gut ihn selbst mit „Glücklich zurück vom Landtag!” begrüßen können, aber sie dankte nur mit einem nachlässigen Kopfnicken. Wer verstand diesen Menschen!
Er legt seine runden Arme auf das Staket und geht nicht gleich weiter, sondern sagt: „Sie finden es wohl daheim wieder sehr schön?”
„Ja.”
„Ich auch.”
Welche Unhöflichkeit vom Konsul! Da sitzt er auf der Veranda und liest in seiner Zeitung, dann wird er aufmerksam, lüftet schließlich den Hut ein wenig und grüßt, liest aber dann gleich weiter.
„Jawohl, auch ich finde es daheim wieder sehr schön. Selbst wenn ich keine schönere Heimat hätte —”
„Wollen Sie nicht hereinkommen?” fragt Frau Johnsen.
„Nein, ich danke, es ist spät geworden. Ich gehe nur vor Schlafengehen ein wenig spazieren, und ich kann Sie von dem Aussichtspunkt grüßen, Fräulein Fia!”
„Es war wohl heute abend hübsch da oben?”
„Wundervoll. Ein Sonnenuntergang mit ein paar besonders prächtigen Wolken! Ich verstehe mich ja nicht so darauf, wie die Maler und Künstler, aber für meinen Geschmack war es einzig in seiner Art. Würden Sie sich nicht zu einem kleinen Spaziergang hinauf überreden lassen?”
„Jetzt? Nein.”
„O nein. Und Sie gehen wohl auch am liebsten allein?”
Nun zündet sich der Konsul seine Zigarre wieder an, aber er kann sich dabei fast nicht von der Zeitung losreißen: Was in aller Welt interessiert ihn denn so ungeheuer? Und was ist denn mit Frau Johnsen? Diese Frau Johnsen war nicht immer so wortkarg gewesen; in den alten Tagen hatte sie höchst vergnügt geplaudert, wenn der Rechtsanwalt mit ihr sprach und sich mit ihr abgab, ja, sie tat wahrhaftig, als mache sie sich etwas aus ihm. Wie reich und groß waren diese Leute nun geworden; aber wie konnten sie es auch nicht lassen, es zu zeigen! Seht, da sitzt die Tochter des Hauses, sie ist nun seit mehreren Jahren alt genug und zum Überfluß auch hübsch genug, und da sitzt sie und hält sich eigensinnig zurück, bloß weil sie steinreich und eine gute Partie ist. Rechtsanwalt Fredriksen hätte übrigens der Familie in verschiedenem nützlich sein können, er war jetzt nicht mehr der erste beste, er war Landtagsabgeordneter und ein großer Mann, er konnte sogar noch größer werden, ja, er hatte beinahe sichere Aussicht, noch größer zu werden, die neuen Wahlen würden das entscheiden. Warum stand er denn da draußen und warb vor einem Gartenzaun? Das schickte sich nicht für jemand, wie er war; kommt ihm nur in die Nähe, gebt ihm den kleinen Finger! Er hatte in der großen Hauptstadt etwas gelernt, das nächste Mal würde es schon besser gehen, er wollte sie in den Arm nehmen —
„Guten Abend!” grüßte er und ging weiter.
Nach einer guten Weile schaute der Konsul auf und lüftete nun auch den Hut, aber da sah er nur noch desRechtsanwalts Rücken und seine Hautwulst im Nacken unterhalb des Huts. So ein Übermut! Und dieses Zeitungslesen! Der Konsul warf das Blatt weg und stand langsam auf, er gähnte laut und sagte: „Na, jetzt geh' ich hinein und lege mich zu Bett.”
„Ja, gute Nacht!” sagten die Damen.
Alles atmete Frieden und durchaus keine Gefahr. Aber am nächsten Tag, ja, da schlug der Blitz ein.
Rechtsanwalt Fredriksen hörte es zuerst in der Barbierstube, nachher traf er mit dem Apotheker zusammen, der es bestätigte. Der Rechtsanwalt hatte eigentlich gedacht, sich recht schön rasieren zu lassen und sogar noch ein paar Tage lang an Konsul Johnsens Garten vorbei nach dem Aussichtspunkt zu spazieren; aber bei der Nachricht von dem Untergang des DampfschiffsFiaänderte er entschlossen seine Absicht und nahm den Weg nach dem Hause Olsen. Sein Gang zeigte keine Unsicherheit, nichts Geheimnisvolles, er hatte etwas ausgerechnet und es richtig gerechnet, natürlich ging er nun zum Grütze-Olsen, wohin hätte er sonst gehen sollen? O, in seinem Gang lag Selbstgefühl!
Er war erwartet; Fräulein Olsen errötete, als sie seine Stimme hörte. Sie wußte, er war schon vor zwei Tagen zurückgekommen, aber in diesen zwei Tagen hatte er sich noch nicht blicken lassen.
„Nun ja, man hat mich zum Wortführer ernannt, während ich fort war,” erklärte er, „und da mußte ich mich erst in diese neuen Sachen einarbeiten. O, ich hab' geschuftet! Und am Abend war ich dann so müde, daß ich ganz einsame Spaziergänge machen mußte, um mich zu erholen. Sonst würde ich mir schon erlaubt haben, Sie zu begrüßen, Fräulein Olsen.”
„Meine Eltern hatten mir gesagt, daß Sie zurückgekehrt seien,” sagte Fräulein Olsen.
Weiter ging sie nicht, o nein; aber wenn er ihr in diesem Augenblick zu verstehen gegeben hätte, daß sie jetzt seiner rasenden Liebe nicht mehr ausweichen könne, dann wäre sie wohl schwankend geworden. Es waren nun mehr als zwei Jahre verflossen, seit sie sich zum letzten Male gesprochen hatten, sie war indessen noch älter geworden, ein paar Briefe in der Zwischenzeit hatten eine hinsterbendeErinnerung nur gerade am Leben erhalten. Mit dem andern Maler, dem Tünchersohn, wurde es nichts, der war nur ein Künstler und Bruder Leichtfuß; o, er war beständig in die eine oder andere verliebt, daran fehlte es durchaus nicht, aber er hatte keine Beständigkeit. Schließlich ging er hinunter an den Landungsplatz und malte den Olaus vom Wiesenrain. Das schickte sich nicht, nachdem er Konsul Olsens gemalt hatte; wahrhaftig, Konsul Olsens bildeten sich nichts darauf ein, aber sie würden in der Leute Mund kommen. Und im übrigen — einen Maler heiraten, das war so eine Sache, ihre Schwester hatte es erfahren, sie hatte es nicht so ergötzlich, sie redeten sogar von Scheidung — die neueste Mode im Lande. Sie hatte jetzt zwei Kinder und war überdies in den ersten Jahren verschiedentlich zu sehr langem Aufenthalt bei den Eltern gewesen, um die Ausgaben für den Haushalt zu vermindern, und wenn sie wieder abreiste, bekam sie eine Menge Geld und vollgepackte Kisten mit. Im letzten Jahr hatte sich dieses Verhältnis allerdings geändert, der Maler hatte einen größeren Namen bekommen, er stellte in Berlin aus und verkaufte seine Bilder zu höheren Preisen. Die Folge davon war, daß jetzt er, der Maler, auf eine Scheidung anspielte, jetzt konnte er auf eigenen Füßen stehen. Das war sehr traurig und sehr dumm, und bis jetzt war ja die Katastrophe abgewehrt worden, aber es war jedenfalls eine unglückliche Ehe daraus geworden. O, diese Künstlerverbindungen, sie waren nicht immer dauerhaft!
Aber wie stand es mit dem Bureauvorsteher beim Hardesvogt? Abgereist. Er war ein Jahr da, dann kam er in das Revisionsdepartement, niemand vermißte ihn, niemand bedauerte seinen Fortgang. Sein Nachfolger war wieder ein juristischer Kandidat, aber es zeigte sich, daß er sowohl Braut als Verlobungsring hatte — was wollte der hier in der Stadt, und was hätte Fräulein Olsen mit ihm anfangen können? Als er Besuch machte, ging sie zwar nicht aus dem Hause, nein, das tat sie nicht, aber sie blieb ganz einfach auf ihrem Zimmer, warum hätte sie hinuntergehen sollen. Später sah sie ihn in der Stadt, er sah aus wie ein Flüchtling, mit abgetragenen Beinkleidern, sehr nachdenklich und niedergedrückt, abermit Braut und Verlobungsring. Einen solchen Mann mußte man in Frieden lassen.
Und so war Fräulein Olsen noch immer zu Hause; sie wurde älter und beschäftigte sich mit ihren Erinnerungen. Ihr Herz hatte den Rechtsanwalt wahrscheinlich nicht vermißt, aber er war ihr nicht so ganz aus dem Sinn gekommen, er war der sprichwörtliche Sperling in der Hand. Wie war es wohl, hatte er Aussicht, Staatsrat zu werden? Noch immer war es die Natur selbst, die Fräulein Olsens Politik führte, einmal mußte doch auch sie eine verheiratete Frau werden.
„Wollen Sie sich nicht eine Zigarre anzünden?” sagt sie zum Rechtsanwalt.
Er fing an, von dem Untergang derFiazu sprechen, das sei ein ordentliches Menetekel für die Familie Johnsen. Denken Sie doch, ein Dampfschiff nicht einmal versichern! Was denn der Konsul auf seinem Kontor tue, wenn er eine so überaus wichtige Sache vergesse? Das müßte doch eine Grenze haben! Allerdings solle man ja mit Menschen, die im Unglück sind, Mitleid haben, aber Gott wisse es, vielleicht schadete dem guten Johnsen so eine Züchtigung gar nichts. Sie hätten ja alle miteinander einfach unverschämt dumm-groß getan.
„Ich weiß nicht,” sagt Fräulein Olsen, „den Scheldrup halt' ich nicht für dumm.”
Der Rechtsanwalt erwidert gleichgültig: „Was der Scheldrup ist oder nicht ist, das weiß ich auch nicht. Ich rede von der Tochter und den Eltern.”
„Ich möchte wissen, wie es der Scheldrup aufnimmt. Was meinen Sie, daß er nun ergreifen wird?”
Da sieht sie der Rechtsanwalt wie aus einer ganz andern Welt an, er kann es nicht lassen, die Stirne zu runzeln und sie anzusehen. „Ihre Frage ist sehr komisch,” sagt er, „ich hab' mich wirklich nicht mit ihr abgegeben, denn ich hab' an andere Dinge zu denken. Was der und jener Junge anfangen wird? Ich weiß es nicht, er wird wohl das tun, was er bisher auch getan hat. Steht er nicht hinter einem Ladentisch oder etwas Ähnlichem?”
„Scheldrup! Nein, er hat nie hinter einem Ladentisch gestanden.”
„So, also nicht. Ja, mir ist es gleichgültig.”
„Vielleicht kommt er jetzt heim und übernimmt das Geschäft.”
Den Rechtsanwalt ärgert dieses Gerede, und er versucht, noch mehr von oben herab aufzutreten. „Wer künftighin dieses bankerotte Geschäft und den kleinen Laden übernimmt, darüber nachzudenken hab' ich wirklich noch keine Zeit gehabt. Vielleicht ist der Scheldrup der Mann dafür, ich weiß es nicht. Hat er etwas gelernt?”
„Etwas gelernt? Ja, das wird er wohl im Ausland in all den Jahren getan haben.”
„So? In die Schule gegangen, auf fremden Universitäten studiert? Merkwürdig, daß niemand etwas davon gehört hat!” — Aber hier geht wohl dem Rechtsanwalt ein Licht darüber auf, daß er in völlig verkehrter Weise vorgeht, und er sagt: „Es ist überhaupt nicht die Rede von Scheldrup Johnsen, sondern die übrige Familie ist es, der es vielleicht ganz gut tut, wenn sie den stolzen Nacken beugen muß. Sie war's, die ich gemeint hatte.”
Fräulein Olsen kann es sich leisten, ein gutes Wort für Fia einzulegen.
„Fia malt so hübsch,” sagt sie.
„Finden Sie das?” Hier sieht der Rechtsanwalt aus, als könne er sich gezwungen fühlen, sich anders auszusprechen. Als das Fräulein fragt: „Ja, finden Sie das nicht auch?” antwortet er: „Wollen wir nicht von etwas anderem reden — Sie und ich?”
Da kam er nun auf seine eigene Angelegenheit.
O, nun aber war es wohl möglich, daß es besser gewesen wäre, wenn er geschwiegen hätte. Er hatte nicht den rechten Schick. Fräulein Olsen mußte natürlich seine jahrelange kühle Zurückhaltung auffallend gefunden haben, und nun sollte er sich erklären, sich gewissermaßen entschuldigen, das war keine einfache Aufgabe. Wo hätte er die schwierige Kunst lernen sollen, um ein Herz zu werben, aber die Mitgift zu meinen? Außerdem war seine Löwenstimme gegen ihn, die war für Schlägereien und Wortkämpfe, hier aber sollte sie etwas hinhauchen, gewissermaßen singen, wahrlich, ein anderer hätte es aufgegeben. Aber er verstand die Gefahr nicht und ging nur drauflos.
Es war ein Glück, daß es das Fräulein damit nicht sogenau nahm. Im Lauf der Jahre hatte sie sich ja einige vornehme Unarten angewöhnt, aber sie hatte noch ein richtiges Verständnis für die Dinge und war kein kleines Mädchen mehr. Fia Johnsen war wirklich mit ihrem Komtessewesen auch nicht so sehr weit gekommen.
Der Rechtsanwalt begann ja zu nachdrücklich — der Bauer, der Klotz! Zusammenarbeiten, sagte er, ob also die Rede von einem Zusammenarbeiten zwischen ihnen sein könnte? Ob sie darüber nachgedacht habe?
Darauf antwortete sie nichts, aber Zusammenarbeiten, was war denn das? Sie fand jedenfalls nicht, daß das ein Wort sei, das ihr keine andere Wahl ließ, entweder puterrot zu werden oder das Zimmer zu verlassen.
Nun entwickelte der Rechtsanwalt deutlicher, wie er in diesen zwei Jahren immer an sie gedacht habe — sie habe ihn vielleicht in dieser Zeit vergessen, aber er habe nichts vergessen, er könnte auf die Beilagen hinweisen, seine beiden Briefe. Alles, was er bei ihrer früheren Zusammenkunft ausgesprochen habe, sei in den Briefen wiederholt, und das gelte auch jetzt noch. Also, Fräulein Olsen, nun ist die Frage die: ist etwas Verständnis und Neigung auf beiden Seiten vorhanden?
Keine Antwort. Er wartete reichlich lange, und schließlich sagte sie wie er: „Lassen Sie uns von etwas anderem sprechen!”
War das nun wieder Ziererei? Er fühlte sich wohl nicht mehr ganz sicher, ihr Gerede über Scheldrup Johnsen hatte ihn unsicher gemacht; sie hatte so bestimmt behauptet, daß er nie hinter einem Ladentisch gestanden habe und daß er nun heimkommen werde, um das Geschäft zu übernehmen. Was bedeutete das alles in einem Augenblick wie diesem? Zum Henker, er konnte nicht singen, aber er redete weiter, ob sie längere Bedenkzeit haben wolle? Für ihn sei die Zeit jetzt gekommen, die Ungewißheit habe ihn gerade an diesem Morgen fortgetrieben, um für sich zu reden und zu hören, wie die Sache stehe. Aber vielleicht möchte sie doch lieber noch eine längere Bedenkzeit haben? fügte er hinzu.
„Ja,” sagte sie nur.
Wirklich? Er müsse gestehen, das könne er kaum glauben, nach Verlauf von zwei langen Jahren und nach allem,was zwischen ihnen vorgegangen sei. Ob sie denn nicht gerade herausgesagt finde, daß diese Stadt allmählich ein trauriges Loch geworden sei? Eine Stadt voll Kummer und Bankerott und Elend, an andern Orten lachten die Leute und es gehe ihnen gut. Welche Art Belustigungen man denn hier habe?
Hier warf sie lächelnd ein: „Ich bin nicht an Belustigungen gewöhnt.”
Aber sie könne es werden! lautete die Entgegnung. O, an andern Orten alle die vornehmen Straßen und die Schaufenster und Tivoli und Kaffeehäuser, ob sie denn das nicht reizen könne? Und was die Lebensweise betreffe, so handle es sich ja nur darum, wie man sie selbst bestimmen wolle, es gebe nichts, gar nichts, was man dort nicht bekommen könne. Alle Annehmlichkeiten des Lebens seien da auf einem Brett beisammen, die Zeitungen erschienen jeden Morgen und jeden Abend, die Musik spiele, beim Landtag würde geflaggt; am Sonntag könne man, wenn man wolle, den ganzen Tag im Bett liegen, oder man könne ins Theater gehen, oder mit der Straßenbahn irgendwo hinfahren, oder im Studentenwäldchen spazieren gehen, oder einen guten Vortrag hören. Was man hier am Ort denn habe! Wenn sie wolle wie er, dann zöge sie fort von hier —
Auch das war eigentlich kein Gesang, aber es war doch nicht so ganz verkehrt, und das Fräulein hätte nun einiges Interesse an den Tag legen sollen; aber nein. Gott weiß, was hergehörte, um diese Dame etwas aus dem Konzept zu bringen? Der Rechtsanwalt rückt ihr vorsichtig immer näher und erreicht sie schließlich; er hat in der Hauptstadt etwas gelernt, er tastet weniger ängstlich, legt schließlich den Arm um sie und sagt: „Liebes Fräulein, wenn es doch zu einem etwas besseren Verständnis zwischen uns kommen könnte!”
Sie stand auf, das tat sie, stand auf, lief aber nicht nach der Tür, die Dame stand nicht vor etwas Unumgänglichen, sie sah ihn nur an und sagte: „Ich hoffe, Sie sind nobel, Fredriksen?”
„Natürlich. Hm. Aber Damen pflegen doch im Gegenteil Freude an ein wenig Hofmacherei zu haben,” sagte er, und dabei nickte er und zwinkerte mit dem einen Auge,als habe er recht genaue Kenntnis gewonnen. Er habe durchaus nichts Böses gemeint, nur eine Annäherung, sie wisse doch, wer er sei, sie kenne ihn —
„Ja, das allerdings,” erwiderte sie und setzte sich auf das Sofa.
Er sei ja mit einer Menge Damen zusammengewesen, das fehle durchaus nicht, habe auch an den Gesellschaften auf dem Schlosse teilgenommen, berühmte Sängerinnen gehört und was dergleichen mehr sei — o ja, und einige seien richtig feinfein und nach seinem Geschmack, einzig in ihrer Art gewesen, sie hätten tief ausgeschnittene Kleider an, machten die tiefsten Verbeugungen, trügen Halsketten und Brillanten. „Aber eine Familie mit so einer gründen und sie zur Lebensgefährtin erwählen — nein!” donnerte Fredriksen und schüttelte den Kopf. Er habe im Gegenteil immer an eine gewisse Dame in seiner eigenen kleinen Stadt gedacht, und auf sie habe er seine ganze Hoffnung gesetzt —
„Auf Fia,” warf Fräulein Olsen ein.
Wie plötzlich das herauskam! Er wurde ein wenig verdutzt und bemerkte nur: „Warum nennen Sie gerade diese?”
Fräulein Olsen lächelte.
„Fia,” sagte er, „lassen Sie sie nur in Ruhe, lassen Sie sie in ihrem roten Hut spazieren gehen und lassen Sie sie ihre Bilder malen. Ist es nicht wahr, wenn ich sage, kann man sich ein unnützlicheres Geschöpf denken? Aber das geht uns nichts an, ich begreife nicht, warum wir von ihr sprechen. Ja, mißverstehen Sie mich nun nicht, Fräulein Olsen, die Kunst und schöne Bilder und Gemälde haben ihre große Bedeutung. Ach, du lieber Gott, aber wie so ganz anders sind Sie als dieses Frauenzimmer, es ist nicht halb soviel an ihr wie an Ihnen, dünn und zart und lange Stelzen. Gott bewahre mich davor!”
Es konnte Fräulein Olsen nicht unlieb sein, auch einmal vorgezogen zu werden und als die erste zu gelten, seinerseits war der Rechtsanwalt keineswegs karg: wenn Anerkennung ihr etwas Ungewohntes war, dann sollte sie solche jetzt bekommen! Fräulein Olsen steht wahrhaftig auf und stellt den Aschenbecher vor ihn hin, da hat er es behaglich, und bei dieser Freundlichkeit, dieser Häuslichkeitriß ihn wohl die Liebe mit fort, und er nahm sie in den Arm. Sie wiederholte nur: „Seien Sie nobel, Fredriksen!” entfloh aber nicht wie ein Traum, sondern ließ sich neben ihm auf einen Sessel niederfallen. Er war ja nicht gefährlich und gefräßig, er war nur ein wenig grob und ungebildet wie alle Männer — was übrigens die Mannsleute nicht übel kleidet.
„Aber Sie müssen doch zugeben, daß Sie sehr hingenommen von Fia gewesen sind,” sagte sie.
„Von Fia?” Daß sie das sagen konnte, daß sie das in den Mund nehmen mochte! Hören Sie einmal, eine Malerin, die reine Bleichsucht! Fräulein Olsens wegen würde er sofort die ganze Welt umsegeln, aber Fias Bilder wegen keinesfalls. „Da haben Sie's!” Die Kunst jawohl, aber fürs Tägliche ziehe er im ganzen genommen Fräulein Olsens Beine und Arme und Brustpartie und Figur vor. „Ach, Fräulein Olsen!” sagte er.
„Sie hat hübsche Zähne.”
Sprachen Sie denn noch immer von Fia? Beim Satan, wie zäh war doch Fräulein Olsen, wenn sie von etwas zu sprechen angefangen hatte. Er antwortete damit, daß er sich an sie anlehnte, bedeutend näherrückte, daß er den Arm um sie legte und sich's an ihrem warmen Rücken bequem machte. Und natürlich redete er währenddessen: nun wolle er ihr sagen, wer hübsche Zähne habe. Und jetzt wolle er ihr sagen, wer ein hübsches stattliches Mädchen und ein Schmuck in ihrem reichen Hause sei. Er sei ja jetzt in vornehmen Häusern gewesen, ja, geradezu an höheren Orten, deshalb könne er vergleichen, und das wolle er hervorheben, eine so herrliche Gestalt und so herrliche Formen im großen und ganzen genommen — wohingegen Fia, sehen Sie nur an sich selbst hinunter, Fräulein Olsen, und dann sehen Sie Fia an, das ist, Gott helfe mir, wie wenn man aus den Wolken wieder auf die Erde herunterkommt. Und im übrigen, alles, was sie sagt und tut und wie sie aussieht — lauter Kunst und Finesse und Spitzen und Ziererei alles miteinander.
Fräulein Olsen mußte über die Spitzen lachen, und da wuchs dem Rechtsanwalt der Mut noch mehr. „Wären es wenigstens Spitzen an Beinkleidern gewesen!” sagte er.
Er fühlte, wie sich ihm ihr Rücken etwas entzog, alsob sie aufstehen wollte, aber sein Arm hielt sie fest. Ja, das habe er gerade heraus sagen müssen. Und hohoho, lachte er, man wolle sich doch nicht nur mit Luft verheiraten. Er gehöre nicht zu denen, die die Freuden des Lebens verachteten, im Gegenteil, er sei in dieser Beziehung ein Freund von guten Narrenstreichen und Annehmlichkeiten, und wenn er es recht verstehe, so sei Fräulein Olsen selbst genau so beschaffen und gerade so angelegt, nicht wahr?
„Jetzt müssen Sie mich loslassen,” sagte sie, und wieder glitt ihr Rücken von ihm weg.
Er mußte zum Ernst und dem Geschäftlichen zurückkehren; nun erklärte er ihr, jetzt sei der Augenblick gekommen, die nächsten Wahlen würden ihn wieder in die Nationalversammlung führen, und dann sei es selbstverständlich, daß er in die Regierung komme. Es könne von ihm sanguinisch aussehen, so zu denken und so zu sprechen, aber es fehle ein Vertreter für die Seefahrt, und er habe ja als Obmann der Matrosenkommission eine gründliche Kenntnis auf diesem Felde bekommen, sagte er.
„Ei, dann werden Sie ja Staatsrat!” sagte sie.
„Nach menschlicher Berechnung, ja,” erwiderte er. Sie solle doch ja nicht denken, das sei nur ein Hirngespinst von ihm. Außerdem daß er schon in den Zeitungen als der kommende Mann bezeichnet worden sei, habe er auch dies und jenes hinter den Kulissen gehört. „Und Fräulein Olsen, jetzt frage ich Sie von ganzem Herzen, könnte es sich nun nicht so schicken, daß Sie mein Schicksal mit mir teilten und die Frau eines bekannten Politikers würden, die Frau eines Staatsrats?”
Keine Antwort.
Er redete weiter, aber er ließ doch so nebenbei durchblicken, daß er auch ohne sie nicht ganz und gar verzweifeln müßte, er habe verschiedene Bekanntschaften gemacht, jetzt aber sei Fräulein Olsen sein einziger Gedanke. Er gehe davon aus, daß ihre Eltern, der Konsul und seine Gattin, nichts dagegen einwenden würden, er wolle sie ja nicht zu einer gewöhnlichen Frau machen. Wie nun ihre Antwort laute, ob er hoffen dürfe?
Und endlich gab sie Antwort. „Ich kann nichts darüber sagen” lautete diese.
„Sie meinen doch wohl jedenfalls, daß Sie es sich noch überlegen wollen?”
„Ja, ja. Ich will es mir überlegen.”
„Wie lange?”
„Das weiß ich nicht. Wir wollen jetzt nicht weiter darüber reden.”
„Wollen wir nach den Wahlen darauf zurückkommen?”
„Wie lang ist das?”
„Vier bis fünf Wochen. Ich möchte Sie so gerne mitnehmen, wenn ich wieder nach Christiania muß, ich sehne mich nach Ihnen und ich liebe Sie. Wir wollen uns eine eigene Wohnung einrichten, Gäste bei uns sehen, einflußreiche Leute, Politiker. Und ganz richtig, während ich daran denke: wir wollen Ihrem Schwager zwei Bilder abkaufen, wenn ich es gesagt habe, dann steht es fest, aber Sie müssen sie selbst auswählen. Sollen wir also sagen, wir warten bis nach den Wahlen?”
„Ja, ja.”
Sie versprach nichts, keine Spur. Als er gegangen war, blieb sie noch eine Weile sitzen und überlegte. Fräulein Olsen konnte sich nicht beklagen, nichts war ihr zerstört worden, sie war durchaus noch nicht verloren, ihr Los war sicherlich nicht das schlimmste. Soweit konnte es kommen, daß sie einen Mann hatte, für den die Stadt einmal, wenn er kam, beflaggen würde, wer hätte in dem Falle dann einen ähnlichen Mann aufzuweisen?
Sie hört Schritte auf der Treppe und denkt: „Kommt er noch einmal?” O, eine viel größere Überraschung als das sollte ihr werden: herein traten ihr Vater und Konsul Johnsen, der Doppelkonsul selbst, der noch niemals einen Fuß über ihre Schwelle gesetzt hatte, jetzt kam er und verkaufte sein Landhaus an Grütze-Olsen.