Siebentes KapitelDer Abschied

Steil fiel er von allen Seiten ab, und es war nur in langen Zickzacklinien möglich, zu ihm emporzuklimmen. Es war dies ein beschwerliches Stück Arbeit. Bei jedem Schritt sank der Fuß bis über den Knöchel in den schwarzen Sand des verwitterten Lavafeldes ein. Stunden vergingen in ermüdendem Steigen, bis die Herren endlich in die Nähe der Schneegrenze gelangten. Hier wurde Halt gemacht. Einige Stunden der Ruhe sollten die gesunkenen Kräfte der Bergsteiger wieder heben. Erst jetzt konnten die Herren erkennen, wie hoch sie schon gekommen waren, denn bei dem mühsamen Stampfen durch den lockern Boden hatten sie keine Zeit gehabt, Umschau zu halten.

Während die Marsiten einen Imbiß herrichteten, betrachteten die drei Schwaben das zu ihren Füßen sich ausbreitende parkartige Panorama, das sich im Lichte der untergehenden Sonne golden spiegelte. Kein Laut, kein Ton, der die Anwesenheit noch anderer belebter Wesen verraten hätte, ließ sich vernehmen, nicht einmal das Rauschen eines talwärts strebenden Baches. Alles schien an diesem Berge in die starren Fesseln völliger Stille geschlagen zu sein, und der Berg trug daher seinen Namen mit Recht. Auch die Erdensöhne waren schweigsam. Still mit den eigenen Gedanken beschäftigt, starrte jeder der Männer vor sich hin.

„Ich besinne mich vergeblich, mit welcher Landschaft auf der Erde ich das Panorama da unten vergleichen soll,“ unterbrach Stiller das Schweigen.

„Mich erinnert es in etwas an den Vulkan Villa rica im südlichen Chile. Hier wie dort ragt ein gleicher Bergkegel aus der Ebene hervor. Ganz ähnlich ist der Ausblick auf dunkelgrüne Waldungen und hellglitzernde Seen und Wasserstraßen.

Dazu kommt noch hier wie dort die durchsichtige Luft, die satte Bläue des Himmels und die geheimnisvolle Stille der Natur,“ entgegnete der vielgereiste Dubelmeier.

„Das kann ich nicht beurteilen. Aber ein Bild voll tiefen Friedens, voll wohltuender Anmut und Schönheit bleibt das Marsland auch von hoher Warte aus. Von wo aus man es auch betrachten mag, überall tritt es uns wie eine hehre Offenbarung entgegen,“ rief Stiller begeistert.

Bei diesen Worten seines Kollegen schneuzte sich Piller wieder einmal sehr kräftig.

„Recht haben Sie, Stiller! Doch hier kommt Speise und Trank, gute Mittel gegen — na, sagen wir Gemütsattacken.“ Damit ergriff Piller eine Flasche, schenkte sich von dem edlen Marsweine ein und trank das Glas mit einem Schluck leer.

Die Nacht war herangekommen. Phobos und Deimos zogen ihre stille, leuchtende Bahn, als die Karawane aufbrach, um auf dem festgefrorenen Schnee langsam den Weg zur Spitze des Berges emporzuklettern. Tiefe Rubintinten am östlichen Himmel kündigten den Aufgang der Sonne an, als Schwabens Söhne endlich glücklich den Gipfel des Berges erreicht hatten. Einem Glutballe gleich stieg bald darauf die Sonne empor und warf ihre Strahlen über Berge und Täler. Ein Rundblick von überwältigender Großartigkeit lohnte die Männer für ihre Anstrengungen des Aufstiegs.

Der Berg des Schweigens überragte die übrigen Höhenzüge ganz bedeutend. Er war die höchste Erhebung der nördlichen Marshemisphäre. Weithin schweiften die Blicke völlig frei und unbehindert. Selbst die fernsten Gegenstände schienen, dank der dünnen, klaren Luft, dem Auge greifbar nahe gerückt. In weiter, weiter Ferne nach Norden zu konnten die drei Gelehrtenmit Hilfe der scharfen Marsteleskope, die sie mit sich führten, eine weiße, bogenförmige Linie erkennen. Diese grenzte scharf und deutlich den bläulich schimmernden Horizont ab. Die Herren wußten zunächst nicht, wofür sie diese eigenartige Linie, die ein erstarrtes Eismeer einschloß, halten sollten.

„Das ist ja der Nordpol des Mars!“ entfuhr es plötzlich den Lippen Stillers.

Eine große Erregung bemächtigte sich der Beobachter: der Hauch der Unendlichkeit wehte ihnen hier entgegen. Ein solches Ergebnis der Fernsicht hatten sie nicht erwartet. Immer und immer wieder betrachteten sie die deutlich wahrnehmbare Abrundung.

„Kein, Zweifel, es ist der Nordpol. Wie wunderbar, daß unsere Augen auf einem andern Planeten das schauen dürfen, was auf der Erde bis jetzt, allen Versuchen zum Trotz, niemandem gelang!“ sprach Herr Stiller. „Wie wird dieses Bild erst bei Nacht sein!“

„Wie meinen Sie das?“ forschte Dubelmeier.

„Nun, ich denke an die feurigen elektro-magnetischen Polausströmungen,“ erwiderte Stiller.

„So bleiben wir so lange hier!“ entschied Piller. „Aber sehen sie einmal, meine Freunde, was ist denn da unten?“

Stiller und Dubelmeier drehten sich um. Etwa zweihundert Meter unter ihnen lag, hell beschienen vom Lichte des Tages, im Krater des früheren Vulkans ein See von heller, smaragdgrüner Farbe. Blühende Blumen umsäumten seine Ufer.

„Blumen und Wasser, Eis und Schnee, merkwürdige Kontraste! Wie verträgt sich das?“ fragte Piller. „Wir scheinen ja hier oben von einem Wunder ins andere zu fallen!“

„Auf dem Mars hat das Merkwürdige überhaupt kein Ende!“ entgegnete Stiller lächelnd. „Doch untersuchen wir dieSache, und steigen wir hinab in den Krater, der nebenbei noch ein ausgezeichneter Lagerplatz sein dürfte!“

Bald waren die Herren unten am See. Da, wo der Schnee aufhörte und der Pflanzenwuchs einsetzte, fühlte sich der Boden warm an, ein Beweis, daß der Vulkan noch nicht gänzlich erloschen war. Das Wasser des Sees war gleichfalls warm und zeigte eine Temperatur von dreißig Grad Celsius. Das wunderbar klare, nahezu durchsichtige Wasser von etwas salzigem Geschmack ließ den Boden des tiefen Sees deutlich erkennen, der wie mit einem tiefroten Teppich bedeckt erschien.

„Das sieht ja aus, als ob ein schwerer mineralischer Farbstoff hier hineingeschüttet worden wäre,“ äußerte sich Piller zu seinem Kollegen Stiller.

„Es scheint Eisenoxyd zu sein, das sich auf dem Boden des Sees niedergeschlagen hat. Wahrscheinlich war das Wasser einst stark eisenhaltig,“ entgegnete Stiller.

„Das mag sein. Dadurch ist auch das Fehlen jeglichen Tierlebens in dem Wasser erklärlich.“

Die Herren betrachteten nun die in Fülle am Uferrande wachsenden blühenden Pflanzen. Es war ein bunter, duftender Blumenteppich, der einen anmutigen Eindruck auf die Erdensöhne machte. Alle möglichen Arten von Pflanzen waren vertreten, die mit denen der alpinen Regionen der Erde verwandt waren.

Mit Behagen genossen die Herren die Stunden des Tages hoch oben im Krater und bedauerten nur, daß die andern Freunde nicht auch anwesend waren. Als der Abend gekommen war, stiegen sie, wohl eingehüllt in ihre Pelze, wieder hinauf zur Spitze. Tiefes Dunkel lag bereits über dem Marsland, als die Forscher den Rand des Kraters erreichten. Die Marsmondewaren noch nicht aufgegangen. Aber in der Richtung des Nordpoles, den die Freunde diesen Morgen gesehen, begann es aufzublitzen, zuerst langsam, dann immer stärker. Schließlich fuhren feurige Strahlen empor, bildeten über dem polaren Horizonte einen Halbkreis und verschwanden wieder. Ein herrlicher Wechsel der Farben vom blendenden Rotgold bis zum leuchtenden Saphirblau, verbunden mit dem Wachsen und Schwinden der zuckenden Strahlen, erzeugten ein Bild von vollendeter Schönheit.

„Diese glänzende Naturerscheinung ist ein würdiger Abschluß unserer Expedition nach dem Berge des Schweigens,“ sprach Stiller zu seinen Freunden, als das Polarlicht durch die inzwischen emporgestiegenen helleuchtenden Monde des Mars mehr und mehr zurückgedrängt wurde.

„Ja, hier oben auf dem Mars ist alles lichtvoll, voll freundlicher Helle, selbst die Nacht. Welch zauberhaft schöne Reflexe bringt das Licht der Monde da unten hervor!“

Mit diesen Worten wies Piller hinunter auf den stillen Kratersee, auf dessen Wasser die zitternden Strahlen der beiden Monde tausendfach gebrochen tanzten. Es war, als ob mit Leuchtkraft begabte Wesen aus der Tiefe des Berges emporgestiegen wären und nun an der Oberfläche des Wassers ihr neckisches Spiel trieben.

Im Mondschein traten die drei wackeren Schwaben, um eine wertvolle Marserinnerung reicher, einige Stunden später den Abstieg an, um vereint mit ihren vier Kollegen wieder nach Lumata zurückzukehren.

Nach der Rückkehr aus dem Gebiete der Vergessenen begann Frommherz den Verkehr mit seinen Gefährten mehr und mehr einzuschränken. Er nahm mit ihnen allerdings noch die gemeinsamen Mahlzeiten ein, zog sich aber, sooft es sich ohne Aufsehen machen ließ, von der Gesellschaft seiner Freunde zurück. An den Abenden, die sonst der allgemeinen Unterhaltung und dem Gedankenaustausch im schönen Heim von Lumata gewidmet waren, ging er für sich allein spazieren und genoß in stillem Entzücken den eigenartigen Zauber der Mondnächte. Und von hier oben sollte er fort, von diesem Eden, und wieder hinunter auf die kalte Erde? An diesem Gedanken krankte Frommherz förmlich. Die Herren waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um dem eigentümlichen Benehmen ihres Genossen allzugroße Bedeutung beizulegen.

Durch Eran hatte Stiller dem Zentralsitze des Stammes der Weisen in Angola mitteilen lassen, daß er und seine Gefährten sich endgültig entschlossen hätten, nach der Erde zurückzukehren. Die Abreise beabsichtigten sie am zweiten Jahrestage ihrer Landung auf dem Mars anzutreten.

Darauf war eine Einladung, wieder nach Angola zu kommen, als Antwort eingetroffen. Ihr Empfang dort ließ an Herzlichkeit nichts zu wünschen übrig. Eine Reihe glänzender Feste wurde zu ihren Ehren und als Feier des bevorstehenden Abschiedes veranstaltet. Das Beste und Schönste, was die darstellendenund bildenden Künste auf dem Mars zu leisten vermochten, wurde bei diesen Festen den Erdensöhnen geboten. Aber die Schatten des Abschiedes von dem wundervollen Planeten und seinen so idealen Bewohnern begannen bereits auf den Herren Schwaben zu lagern und ließen sie das Gebotene nicht mehr mit voller Freude genießen.

In der gewaltigen Spiegelgalerie des Palastes der Weisen fand das letzte Essen statt. Zu ihm waren von allen Seiten des Mars Eingeladene erschienen und von allen Stämmen offizielle Vertreter. Draußen im Westen begann das ewige Licht, die Sonne, niederzusteigen. Ihre milden, goldenen Strahlen warfen die großen Spiegel des Saales unzähligemal gebrochen zurück. Es war im Saale ein Wogen und Fluten des Lichtes, das die Augen förmlich blendete. Durch die offenen Fenster drang der Duft der Blumen herauf in den Saal. Im leichten Abendwinde ließen die schlanken Palmen des Parkes ihre Kronen leise rauschen. Ruhig und still grüßte der tiefblaue See durch den grünen Dom der Bäume herüber, zwischen denen noch in geschäftiger Eile zwitschernde Vögel flogen und Lianen ihre farbenprächtigen Blütenschnüre warfen. Ferne, sanfte Höhenzüge, rosig angehaucht von der Abschied nehmenden Sonne, rahmten das köstliche Landschaftsbild ein, das die Erdgeborenen heute zum letzten Male sehen sollten. Diese waren als die ersten im Saale erschienen und standen nun an den hohen Fenstern versunken in die traumhaft schöne Szenerie.

„Uns wird der Abschied wahrhaftig schwer gemacht,“ sprach leise Piller zu dem neben ihm stehenden Kollegen Stiller. „Frommherz hat recht. Ist dies hier nicht ein Land, das die Bezeichnung eines Paradieses verdient?“

„Ohne Zweifel!“ antwortete Stiller. „Es, ist ein Eden, sorecht geschaffen für die Betrübten, für die Heimatlosen, wie wir es nun sein werden.“

„Heimatlos? Wie meinen Sie das, Stiller?“

„Heimatlos, jawohl!“ erwiderte Stiller, und seine Lippen zuckten schmerzlich, als er nach kurzer Pause fortfuhr: „Glauben Sie denn, wir würden, nachdem wir zwei volle Jahre hier oben inmitten einer wunderbar schönen Natur, eines geradezu paradiesischen Landes unter stolzen, freien und edlen Menschen gelebt haben, uns in der Heimat wieder wohlfühlen können? Niemals! Fremdlinge werden wir da sein, wo wir geboren worden sind, wo wir früher gelebt, gerungen, für unsere Überzeugung gestritten haben.“

„Stiller, machen Sie mir den Abschied nicht zur Unmöglichkeit!“ Piller mußte sich, wie stets nach heftiger seelischer Erregung, mehrmals stark schneuzen. Dann trat er rasch an die Tafel, schenkte sich ein Gläschen Wein ein und leerte es auf einen Zug.

„Fern sei es von mir, Ihnen den Abschied zur Unmöglichkeit zu machen, denn wirmüssenja fort. Aber“ — ein Leuchten erhellte dabei das Gesicht des Sprechenden — „ausstreuen wollen wir, ohne Wortgeklingel, unten auf der Erde die Keime jener großen Zukunft, die wir hier oben in so herrlicher Weise verwirklicht angetroffen haben.“

Als Zeichen des Einverständnisses drückte Piller seinem Kollegen stumm die Hand.

Allmählich füllte sich der Saal mit den Geladenen. Alle kamen auf die Erdensöhne zu und schüttelten ihnen die Hände. Nachdem Anan erschienen war, begann das Essen. Neben dem Ältesten der Alten saßen die sieben Schwaben. Die Kronleuchter des Saales erstrahlten im Lichte elektrischer Lampen. Sie beleuchtetendie glänzende Tafel und die große, feierlich gestimmte Gesellschaft. Unten, vor der Spiegelgalerie, auf der großen Terrasse, waren die Chöre der Sänger und Musiker aufgestellt, die während des Mahles abwechselnd ihre entzückenden Weisen ertönen ließen.

Als das Essen beendigt war, erhob sich Anan. „Meine Brüder und Schwestern,“ hub er zu sprechen an, „die Stunde des Abschiedes von Angola ist gekommen. Unsere Gäste aus dem fernen Schwabenlande kehren demnächst wieder dahin zurück. Mögen sie heil, und gesund den trauten Boden ihrer Heimat wieder erreichen! Sie selbst werden in unserm Andenken für immer fortleben. Wir haben beschlossen, ihre Namen in goldenen Buchstaben auf Marmortafeln hier in diesem Saale neben ihren Bildern anzubringen, unsern spätern Nachkommen zur Erinnerung an diese kühne Reise zu uns und an ihren langen, durch keinen Mißton getrübten Aufenthalt in unserer Mitte. Ferner haben wir beschlossen, als weiteres Zeugnis dieses ersten und letzten Besuches von Erdgeborenen auf unserm Lichtentsprossenen all die verschiedenen Mitteilungen, die sie uns über das Leben und Treiben der Völker der Erde gemacht haben, in einem Buche niederzulegen, das hier in unserm Heim einen besondern Ehrenplatz erhalten soll. Für ewig soll neben den Namen unserer Gäste auch das festgehalten werden, was sie uns in feierlichen Augenblicken verkündet haben. So soll ihr Besuch im Andenken bei uns geehrt werden bis in die fernsten Zeiten.

Und nun, meine lieben Freunde,“ Anan wandte sich mit diesen Worten an die sieben Schwaben, „haben wir für euch eine Reihe von Andenken bestimmt, wie sie Kunst und Wissenschaft vereint auf unserm Lichtentsprossenen hervorgebracht haben.Nehmet diese Erzeugnisse, die dort auf jenem Tische liegen, mit euch zur Erinnerung an den Aufenthalt unter uns. Hier übergebe ich euch ein goldenes Buch. Es enthält die Entwicklungsgeschichte unseres Volkes. Mit der allgemeinen fortschreitenden Bildung und Urteilsfähigkeit vereinfachte sich bei uns auch mehr und mehr die Gesetzgebung. Sie gipfelt eigentlich nur in dem einen fundamentalen Satze: Tue nicht, was du nicht willst, daß dir getan werde! Ihr werdet also in dieser Beziehung in dem Buche wenig mehr finden, denn die Menge der Gesetze eines Volkes ist nur der Beweis für dessen Handlungsunfähigkeit. Das Buch enthält aber noch unsere Ansichten und Begriffe über die natürliche Moral, über die unverwüstlichen Grundsätze, die bei uns das Werk der Reinigung vollendet haben. Möge dieses sich auch einst auf der Erde in ähnlicher Weise vollziehen wie bei uns, mögen einst auch bei euch die Hüllen und Verkleidungen fallen, die leider unten auf der Erde noch den wahren, an sich so einfachen Kern der natürlichen Moral umschließen! Möge, von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, eure gefahrvolle und beschwerliche Reise nach unserer fernen Himmelsleuchte und euer Aufenthalt unter uns von Nutzen gewesen sein!“ Anan setzte sich.

Eine tiefe Stille herrschte, als der ehrwürdige Greis gesprochen hatte. Jetzt erhob sich Stiller. In bewegten Worten dankte er zunächst in seinem und seiner Gefährten Namen für all das Gute, das ihnen hier oben erwiesen worden sei. Er habe hier eine Reife der Entwicklung angetroffen, die er früher nur zu ahnen gewagt, in Wirklichkeit aber nicht für möglich gehalten habe. Er und seine Gefährten hätten hier oben viel gelernt, und von manchem Irrtum seien sie befreit worden.

„So habe ich unter anderem auch geglaubt, daß ohne denrohen Kampf ums Dasein eine Entwicklung des Menschen zu Höherem nicht denkbar sei, daß der rücksichtslose Kampf um die Existenz die notwendige Erhebung des Menschen für dessen Klärung und Läuterung vorstelle. Von dieser Ansicht bin ich durch meine Beobachtungen hier oben abgekommen. Der rohe Kampf ist nur das Kennzeichen der Selbstsucht, die wahre Nächstenliebe mildert ihn, und diese fehlt bei uns leider noch in hohem Maße.

Auch bei euch hier oben herrscht ein Wettkampf, aber wie sehr ist er von dem verschieden, was wir unten auf der Erde darunter verstehen! Jeder einzelne von euch ist bestrebt, in edlem, selbstlosem Wettbewerbe nur das Beste zu bieten unter peinlichster Berücksichtigung der berechtigten Interessen seines Nebenmenschen und Bruders. Jeder lebt bei euch das große Leben der Gesamtheit mit, weil er sich als einen wesentlichen Bestandteil des Gesamtorganismus fühlt; denn gedeiht der einzelne, so gedeiht auch das Ganze, ist dagegen der einzelne krank, so leidet auch die Gesamtheit. Und wie gesund, kraftstrotzend ist diese bei euch!

Wie weit sind wir dagegen auf unserer Erde von dem Ideale des Lebens und seiner Auffassung überhaupt entfernt! Wie klein stehen wir euch gegenüber da! Und doch, es muß und wird auch bei uns einst tagen. Wir, die wir bei euch gewesen, wir wollen, soweit es in unsern Kräften steht, den Samen zu jenem schönen und großen Leben der Zukunft ausstreuen, das wir bei euch hier in so prächtiger Blüte verwirklicht kennengelernt haben. Unsere Reise zu euch war nicht vergeblich. Was wollen ihre Mühseligkeiten und Gefahren bedeuten im Verhältnis zu dem Reinen und Schönen, das wir hier genießen durften! Schweren Herzens, mit dem Bewußtsein,hier bei euch unsern inhaltreichsten Lebensabschnitt zugebracht zu haben, unendlich reich in der Erinnerung, treten wir unsere Heimreise an. Die Mutter Erde verlangt zurück, was ihr entsprossen.

Niemals bis zu unserm letzten Atemzuge werden wir vergessen, was ihr uns geboten habt, was ihr uns gewesen seid, und wie ihr uns geehrt habt. Wenn wir einst später unten in unserer Heimat in nächtlichen Stunden aus weiter Ferne euren Mars, den Lichtentsprossenen, herüberleuchten sehen, so werden wir in treuem Gedenken stets bei euch weilen und mit stiller Sehnsucht an die schönste Zeit unseres Lebens zurückdenken. Lebt wohl, teure Freunde! Ich umarme Anan für euch alle und drücke ihm für euch alle den Bruderkuß des Erdgeborenen auf seine reine Stirn. Denn Brüder sind wir ja alle, die sich Menschen nennen, hier oben wie unten auf der Erde.“

Stillers Worte hatten auf alle Anwesenden gewaltigen Eindruck gemacht, und als er nun auf Anan, den erhabenen Greis, zutrat, ihn umarmte und küßte, da ertönte im Saale ein Sturm des Beifalles.

„Mein Bruder, edler Sohn deines Landes,“ antwortete Anan, „habe Dank für das, was du eben gesagt hast. Nimm auch von mir, dem alten Sohne des Lichtentsprossenen, den Bruderkuß und ziehe glücklich heim mit deinen Gefährten. Mit ihnen wirst du am Werke der Menschenvervollkommnung erfolgreich arbeiten, das weiß ich. Meine Augen werden sich bald schließen zu jenem Schlummer, von dem es kein Erwachen mehr gibt, aber auch ich werde, solange ich hier noch wandern darf, mit Freuden an die Stunden denken, die ich in deiner Gesellschaft in unserm Angola zugebracht habe.“

Nach dem stimmungsvollen Abschiede in Angola befandensich die sieben Schwaben einige Tage später wieder in Lumata. Stiller war mit der Sorge um das Luftschiff beschäftigt. In dieser Beziehung fand er bei den Marsiten alle Unterstützung und konnte nun die auf der Herfahrt gemachten schlimmen Erfahrungen durch Verbesserungen aller Art verwerten. Er machte sich auf eine lange Zeitdauer der Rückfahrt gefaßt, trotz der stärkeren elektromagnetischen Anziehungskraft der Erde, des im Verhältnis zum Mars um nahezu das Doppelte größeren Planeten.

Seit dem Aufstieg an jenem denkwürdigen Dezemberabend auf dem Cannstatter Wasen waren nahezu dritthalb Jahre vergangen. Unterdessen hatte sich der Mars wieder um eine ganz gewaltige, viele Millionen von Kilometer betragende Entfernung von der Erde wegbewegt und war von dieser heute nahezu doppelt so weit entfernt als zur Zeit der Abreise. Stiller rechnete aus, daß sie, nach Erdenzeit gemessen, mindestens fünf volle Monate in der Gondel zuzubringen hätten und auch dies nur unter der Voraussetzung, daß kein unvorhergesehenes Ereignis den Flug des Weltenseglers störe. Waren er und seine Gefährten einst in befriedigender körperlicher Verfassung und ohne nennenswerte Störungen nach dem Mars gelangt, warum sollte die Rückkehr nach der Erde schließlich nicht auch erträglich vonstatten gehen?

Allerdings erschreckte die Länge der bevorstehenden Reise den sonst so mutigen Mann doch etwas. Fünf volle Monate in der Gondel eingeschlossen zuzubringen, die vielerlei damit verknüpften Entbehrungen wieder auf sich zu nehmen, den Mangel des natürlichen Lichtes, der Bewegung zu ertragen, das mußte auch auf das tapferste Gemüt niederdrückend wirken; Aber Stiller schüttelte alle trüben Gedanken nachdrücklich abund freute sich über die großartigen technischen Kenntnisse der „Findigen“, die ihm nicht nur ein ähnliches Gas zur Füllung seines Luftschiffes bereiteten, wie es das Argonauton war, sondern die auch durch die Kunst der Haltbarmachung der wichtigsten Nahrungsmittel für die Reise meisterhaft zu sorgen verstanden. An elektrischer Kraft, fester Luft und dergleichen, deren Herstellung den Findigen schon seit alten Zeiten bekannt war, fehlte es auch nicht, und der Weltensegler führte jetzt ganz andere Mengen dieser Kräfte und Existenzmittel mit sich als zur Zeit seines Aufstieges. Ohne Lärm, ohne den geringsten Verdruß war die Instandsetzung des Luftschiffs vor sich gegangen. Wie vorteilhaft stach diese Art der Arbeit hier gegen die auf dem Cannstatter Wasen vor mehr als zwei Jahre ab! Dank der hohen Intelligenz, der Bereitwilligkeit und dem Eifer der Findigen befand sich der Weltensegler in so vortrefflichem Zustande, daß die gefahrvolle Reise jederzeit angetreten werden konnte.

Stiller hielt es für seine Pflicht, seine Gefährten über den Gang der Vorbereitungen zur Abfahrt auf dem laufenden zu halten. Er verschwieg den Freunden auch nicht die ungefähre Dauer der Rückreise. Anfangs waren die Kollegen über die Aussicht, so viele Monate in der Gondel zubringen zu müssen, sehr erschrocken gewesen, hatten sich dann aber rasch wieder gefaßt und sahen der Zukunft mit Mut und Vertrauen entgegen. Nur Frommherz äußerte sich nicht. Still und scheu schlich er herum, während die übrigen Herren ihre bescheidenen Habseligkeiten zu packen und in die Gondel zu schaffen anfingen.

Der Weltensegler war aus seinem Unterkunftshause herausgenommen worden und schaukelte sich, sorgfältig verankert, an dem Orte, an dem er einst niedergegangen war. Der letzte Tag des Aufenthaltes auf dem Mars war nur zu schnell herangekommen.Morgen in aller Frühe sollte die Abfahrt von Lumata erfolgen. Eran, der gastfreie, würdige Alte, hatte es sich nicht nehmen lassen, seinen Gästen noch ein reiches Abschiedsmahl zu bieten, zu dessen Verschönerung und Weihe die Harfenspieler und Sänger von Lumata wieder das Ihrige beitrugen. Ganz Lumata war auf den Füßen. Die Arbeit ruhte überall. Allerorts hatten sich die biedern Schwaben beliebt zu machen verstanden. Niemand war da, der den Fortgang der wackeren Männer nicht aufrichtig bedauerte. Aber sie hatten Familie, hatten Väter, Mütter, Brüder und Schwestern unten auf der Erde. Eine Rückkehr dahin erschien den Marsiten mit ihrem so hoch entwickelten Familien- und Gemeinsinn nur als ein Gebot der Pflicht.

Während des Essens und der allgemein herrschenden bewegten Stimmung war es niemand besonders aufgefallen, daß Frommherz verschwand. Als nach dem Schlusse des Mahles, das sich bis in die ersten Morgenstunden des neuen Tages hineingezogen hatte, die Erdensöhne aufstanden und im Begriffe waren, das Haus Erans, das sie zwei Jahre lang beherbergt hatte, zu verlassen, entdeckte man das Fehlen des Freundes. Man suchte ihn überall im Hause, fand ihn aber nicht. Dagegen entdeckte man einen Brief, der auf dem Tische seines Zimmers lag. „An meine Freunde und Gefährten!“ lautete die Adresse.

Stiller öffnete das Schreiben und überflog dessen Inhalt. „Wir haben es leider mit einem Abtrünnigen zu tun,“ erklärte er den besorgten Genossen. „Hören Sie, was Frommherz schreibt. Aber setzen wir uns zunächst wieder, und beratschlagen wir nachher, was zu tun ist.“

Die Herren entsprachen der Bitte, und Stiller ersuchte Eran und die übrigen Marsiten unter Hinweis auf das Fehlen des siebenten und letzten Reisegenossen um einen kurzen Augenblick Geduld. Eran zog sich sofort mit den Seinen zurück und ließ die Herren allein.

„Zum Kuckuck, dacht’ ich mir’s doch so halb und halb, daß Frommherz fahnenflüchtig werden würde!“ begann Piller zornig. „Lesen Sie einmal die Epistel vor, Stiller!“

„Verzeiht mir, teure Freunde und Gefährten, daß ich Euch eine schmerzhafte Enttäuschung bereite. Ich kann es nicht über mich bringen, mit Euch nach der Erde und nach unserer alten Heimat zurückzukehren. Aufs schwerste habe ich deshalb mit mir gekämpft und gerungen. Ich vermag den Mars nicht zu verlassen, es würde mein sicherer Tod sein, und den wollt Ihr doch auch nicht. Hier oben habe ich alles verwirklicht gefunden, was ich unten in ahnender Sehnsucht geträumt. Und nun soll ich ein Eden verlassen und in enge, unaufrichtige Verhältnisse und Lebensanschauungen wieder zurückkehren, nachdem ich so lange das reine Licht der Wahrheit geschaut habe? Nein, es kann nicht sein! Hat uns nicht der ehrwürdige Anan selbst in Angola das Bleiben hier oben freigestellt? Gut, so will wenigstens ich von diesem Anerbieten Gebrauch machen und Euch allein heimwärts ziehen lassen.

Wohl weiß ich, daß ich Euch durch meinen Entschluß kränke, aber ich kann wirklich nicht anders handeln. Richtet nicht zustrenge über mich und verzeiht mir, wenn möglich, in Liebe! Freiwillig bleibe ich hier oben. Es kann Euch somit keine Verantwortung dafür treffen, daß Ihr allein, ohne mich, nach der Heimat zurückkehrt. Möget Ihr sie glücklich erreichen! Dies ist mein innigster, aufrichtigster Wunsch. Grüßt mir mein Tübingen, grüßt mir mein liebes Schwabenland und meine Verwandten dort! Sagt ihnen, daß ich mich hier oben überglücklich, wie im Paradiese fühle und deshalb nicht mehr zur Erde mit ihrer Qual zurückgekehrt sei. Macht keine Anstrengungen, mich zu suchen. Ihr würdet mich doch nicht in meinem sichern Versteck finden, in dem ich so lange bleiben werde, bis Ihr abgefahren seid. Lebt wohl! In treuem Gedenken bin und bleibe ich Euer Friedolin Frommherz.“

In finsterem Schweigen verharrten die Herren einen Augenblick, nachdem Stiller den Brief vorgelesen hatte.

„Der elende Drückeberger!“ hob Dubelmeier zu knurren an. „Jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen, warum er sich in den letzten Wochen so sonderbar benommen hat.“

„Blamiert sind wir, heillos blamiert!“ schrie Piller. „Wie stehen wir nun da? Wo bleibt unsere gerühmte Ehrenhaftigkeit?“

„Beauftragen wir Eran, Frommherz zu suchen! Der findet den Ausreißer gewiß,“ riet Hämmerle.

„Diesem Vorschlage möchte ich beistimmen,“ fügte Thudium bei.

„Es geht doch nicht an, daß wir Frommherz hier zurücklassen. Entweder wir bleiben alle, oder wir gehen alle zusammen. Das ist klar!“ fügte Brummhuber bei.

„Meine lieben Freunde, schenken Sie mir ein wenig Gehör,“ bat Stiller die aufgeregten Gefährten. „Ich begreife und billige ja völlig Ihre Entrüstung über das Benehmen Frommherz’und teile es. Aber wir haben durchaus kein Recht, ihm unsern Willen aufzuzwingen. Er ist seinerzeit freiwillig mitgegangen und mag freiwillig zurückbleiben. Aber er hätte klar und offen handeln sollen. Mag er diese Handlungsweise vor seinem eigenen Gewissen verantworten! Nehmen wir die Sache, wie sie einmal ist. Unserm Andenken und unserer persönlichen Ehrenhaftigkeit kann das Bleiben Frommherz’ hier oben nicht das geringste anhaben. Im Gegenteil! Wir stehen immer als das da, wofür man uns nahm und hielt. Frommherz dürfte in dieser Beziehung bei den strengen Moralbegriffen der Marsiten nicht gut wegkommen. Ziehen wir also allein, ohne ihn! Ja, ich rate sogar zur Nachsicht und Milde. Seien wir aufrichtig! Ziehen wir vielleicht gern, leichten Herzens von hier fort?“

„Nein, gewiß nicht!“ ertönte es fünfstimmig.

„Nun wohl! So wollen wir die Lage, in die sich unser Frommherz freiwillig begeben, wenigstens zum Guten zu wenden suchen: wir empfehlen den Zurückbleibenden der Güte und Nachsicht unseres lieben, ehrwürdigen Eran.“

„Das fehlte noch!“ wetterte Piller.

„Warum nicht?“

„Ich verstehe Sie einfach nicht, Stiller!“

„Nun, so lassen Sie mich ruhig fortfahren. Während des Lesens von Frommherz’ Brief ist mir der Gedanke gekommen, daß unser Freund nach unsrer Abreise zur Strafe für sein eigenmächtiges Zurückbleiben und den dadurch bewiesenen Mangel an Gemeinschaftsgefühl möglicherweise nach den Gefilden der Vergessenen verbannt werden könnte.“

„Was ihm ganz recht geschehen würde!“ warf hier Brummhuber ein.

„Nein, das wollen wir ihm eben zu ersparen suchen. Möge er unter ähnlichen Bedingungen wie bisher hier weiter leben! Dieses Bewußtsein läßt uns später mit reineren Gefühlen an den Freund zurückdenken und wirft keinen Schatten auf die Erinnerung an unsere schöne Aufenthaltszeit hier oben. Nun wohl, so lassen Sie mich, bitte, gewähren! Ich rede nachher mit Eran und suche mit ihm zusammen das Unangenehme möglichst gut zu ordnen.“

„Stiller, Sie beschämen uns, Sie sind ein braver Kerl — der Beste von uns!“ Piller schneuzte sich sehr kräftig nach diesen Worten . . .

„O nein, mein Lieber! Ich war nur nicht umsonst hier oben unter diesen prächtigen, hoch denkenden und handelnden Menschen. Sie sehen nur, daß ich von ihnen etwas gelernt habe.“

„Wenn einer oben zu bleiben wirklich würdig wäre, so wären Sie es, Stiller!“ rief begeistert Hämmerle.

„Lassen wir das!“ wehrte Stiller ab. „Und nun will ich mit Eran Rücksprache nehmen.“ Ohne das geringste Zeichen des Erstaunens zu zeigen oder einen Laut der Verwunderung hören zu lassen, vernahm der ehrwürdige Alte den Bericht Stillers.

„Auch ich finde, daß du wohl daran tust, deinen Bruder nicht zu zwingen, die Rückreise mit euch anzutreten. Ein jeder Mensch hat bis zu einem gewissen Grade das Recht der Selbstbestimmung. Aber dieses Recht schließt nicht das Unrecht eures flüchtigen Bruders aus, das ich in der Art und Weise erblicke, wie er sein Hierbleiben durchsetzen will. Laß ihn aber nur hier und zieh mit deinen Brüdern hinab auf die Erde! Wir werden mit Friedolin nicht allzu scharf ins Gericht gehen.“

„Darüber möchte ich eben beruhigt werden, ehrwürdiger Eran.“

„Sei deshalb ohne Sorge! Taucht er nach eurer Abreise auf, so werde ich ihn persönlich nach Angola bringen und bei Anan Fürsprache für den Sünder einlegen. Aber eine kleine Strafe muß sein. Ich habe bereits über ihre Art nachgedacht.“

„Worin soll sie bestehen?“ fragte neugierig geworden Stiller.

„Friedolin soll uns ein Wörterbuch eurer Sprache schreiben. Ihr habt uns ja als Andenken einige Werke eurer hervorragendsten heimischen Dichter und Denker geschenkt. Nun gut, wir wollen diese Werke in der Originalsprache lesen, um uns ein klares Bild von euren Meistern machen zu können. Dazu brauchen wir aber ein Wörterbuch.“

„Diese Strafe lasse ich mir gefallen. Freund Friedolin wird die ihm gestellte Aufgabe zu eurer Zufriedenheit lösen, davon bin ich überzeugt.“

Damit war der Fall Frommherz erledigt. Stiller setzte seine Gefährten von dem Ergebnis der Besprechung in Kenntnis, und die Herren priesen von neuem die Güte und Nachsicht Erans, des wackern Patriarchen.

Nach der Zeitrechnung der Erde, die Stiller auch auf dem Mars unter genauester Berücksichtigung der Unterschiede in den täglichen Umdrehungszeiten von Mars und Erde weitergeführt hatte, war heute der siebente März herangekommen und mit ihm die Stunde der Abfahrt.

Eran hatte darauf bestanden, die sechs Erdensöhne zum Weltensegler zu begleiten. Auch Lumatas erwachsene Bevölkerung zog mit. Ernstes Schweigen, der Ausdruck ehrlichen Schmerzes über die Trennung, herrschte in der ganzen Schar. So schritten sie wortlos dahin zu der Wiese, auf der sich der Weltensegler in der klaren und reinen Luft des heraufziehenden Tages schaukelte.

„Nehmen wir kurz und rasch Abschied, vergrößern wir nicht das Weh der Trennung durch weitere Worte!“ sprach Eran, einen der Schwaben nach dem andern umarmend. „Möge ein gutes Geschick eure Heimreise begleiten! Kommt glücklich in eurer Heimat an.“

Ein Händedruck noch, ein Winken von allen Seiten, und die kühnen Weltensegler stiegen in die Gondel. Die Taue wurden gelöst, langsam und stolz, begrüßt von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne, begann sich der Ballon zu heben. Da kam eilenden Laufes Friedolin Frommherz daher. Die Menge machte ihm Platz.

„Lebt wohl, Freunde!“ rief er mit lauter Stimme. „Nochmals: verzeiht mir, daß ich bleibe und nicht mit euch zurückkehre! Reist glücklich und grüßt, mir mein teures Schwabenland!“

Aber die Herren in der Gondel hörten nur noch schwach, was ihnen Frommherz nachrief. Zu antworten vermochten sie nicht mehr. In immer rascherem Fluge entfernte sich der Weltensegler von dem wunderbaren Planeten und schwebte bald im dunkeln, kalten Weltenraum.

Der Zeiger der Zeituhr war auch in Stuttgart nach der so ungeheures Aufsehen erregenden Abfahrt der sieben Söhne des Schwabenlandes um Jahr und Tag vorgerückt. Wo mochten sie wohl stecken, die wagemutigen Landsleute? Ob sie wirklichden Mars erreicht hatten? Möglicherweise waren sie gar nicht nach diesem Planeten gelangt, sondern vielleicht auf einem der zahlreichen Planetoiden abgestiegen, oder die Expedition war verunglückt und die arme Forscherschar dann für immer verschollen im ungeheuren Weltenraume. Letztere Ansicht wurde allgemein als die richtige angenommen und geglaubt.

Nach dem Aufstieg des Weltenseglers unterhielt man sich anfänglich in Stuttgart noch viel und lebhaft über die Reise der Forscher, und Fragen aller Art waren aufgeworfen worden; nach und nach aber schlief das früher so lebhafte Interesse für die Marsexpedition ein. Neue Zeitfragen, aktuelle Ereignisse waren aufgetaucht und verdrängten schließlich die Erinnerung an das märchenhafte Unternehmen.

Da, plötzlich wie ein Blitzstrahl aus heiterm Himmel schlug an einem Septembertage die Nachricht in Stuttgart ein, die Herren Professoren, die vor bald drei Jahren vom Cannstatter Wasen aus nach dem Mars abgefahren waren, seien auf einer Insel in der fernen Südsee niedergegangen, und zwar mit ihrem Luftschiff, dem Weltensegler. Im ersten Augenblick wollte kein Mensch an diese Nachricht glauben; man hielt sie für einen schlechten Scherz. Als sie aber unter den amtlichen Mitteilungen im „Staatsanzeiger“ erschien und durch Tausende von Extrablättern sofort weiter verbreitet wurde, da wurden schließlich auch die hartnäckigsten Zweifler von der Wahrheit der Nachricht überzeugt.

In lakonischer Kürze lautete der telegraphische Bericht:

Matupi, 31. August, nachts.

Weltensegler vom Mars zurück, hier niedergegangen. Stiller, Piller, Brummhuber, Hämmerle, Dubelmeier, Thudium. Befinden relativ wohl.

In der ersten großen Überraschung fiel es vielen gar nicht auf, daß in dem Telegramm nur von sechs Teilnehmern die Rede war. Erst nach und nach wurde des fehlenden siebenten Mitgliedes der Expedition gedacht. Die Meinung hierüber war rasch gefaßt: Frommherz mußte während der Reise zweifellos gestorben sein.

Mit größter Ungeduld sah die engere wie die weitere Heimat, die gesamte Kulturwelt näheren Nachrichten entgegen. Welch interessante, spannende Berichte standen von den schon verloren geglaubten Forschern zu erwarten!

— — — — — —

Die erste Zeit nach der Abreise vom Mars verstrich den Insassen der Gondel ganz erträglich. Nach Professor Stillers Ausspruch befand sich der Weltensegler auf der richtigen Bahn und in der Anziehungssphäre der Erde. Die Reise stellte an die Herren wieder die höchsten Anforderungen in Bezug auf ihre Gesundheit, Geduld und Ausdauer. Monate waren seitdem schon vergangen, und das Ziel, die Erde, wollte noch immer nicht auftauchen. Die Dulder fingen an, sich mehr und mehr erschöpft zu fühlen und beneideten in Gedanken oft den zurückgebliebenen Freund Frommherz.

Aber schließlich muß ja auch die längste, dunkelste Nacht dem hellen Tag weichen. Es ging gegen Ende August. Über fünf Monate schon zog der Weltensegler durch den Ätherraum. Stiller erwartete von einem Tage zum andern den Eintritt des Luftschiffes in die Atmosphäre der Erde. Richtig! Eine beginnende Dämmerung zeigte ihre Nähe an.

Wie einst bei der Annäherung an den Mars alle Drangsale der Reise im Handumdrehen aus der Erinnerung verschwanden, so war es auch diesmal wieder der Fall. Als HerrStiller seinen Gefährten mitteilte, daß sie soeben in die Erdatmosphäre eingefahren und wahrscheinlich heute noch unten auf der Erde irgendwo landen würden, falls die Freunde nicht vorzögen, mit dem Weltensegler unmittelbar nach Deutschland zu steuern, da erhob sich heller Jubel in der Gondel. Vergessen waren plötzlich alle Mühe und Drangsal, alles körperliche Unbehagen.

„Wo es auch ist, nur herunter und heraus aus diesem verdammten Kasten!“ erklärte Piller. „Wahrhaftig, wir sind jetzt lange genug eingesperrt gewesen!“

„Piller hat recht,“ stimmte Thudium bei

„Keine Stunde länger als unumgänglich notwendig bleibe ich in diesem fürchterlichen Käfig,“ entschied Hämmerle, und ihm pflichteten Dubelmeier und Brummhuber bei.

„Nun, wenn es so mit Ihnen steht, so landen wir, wo es eben möglich ist,“ antwortete in gewohnter Ruhe Stiller. „Wir müssen aber Sorge dafür tragen, daß wir in zivilisierter Gegend absteigen und nicht aus Versehen in den offenen Ozean geraten.“

„Das recht zu machen, ist Ihre Sache, Stiller,“ entschied Piller. „Und nun, Gefährten, nehmen wir einen Schluck des herrlichen Marsweines als Ausdruck unserer Freude über die glücklich vollendete Reise! Dubelmeier, zu meiner innigen Freude und aufrichtigen Genugtuung haben Sie sich auf dieser Fahrt vom Saulus in einen Paulus verwandelt und an Stelle des Wassers den edlen Wein gesetzt. Also trinken wir!“

Während die übrigen Herren den Pokal, eine wunderbare Marsarbeit und ein Geschenk von Angola her, kreisen ließen, hatte Herr Stiller die Ventile des Luftschiffs gelockert und eines der Gondelfenster geöffnet. Der Weltensegler fiel rasch abwärts.

„Täuscht mich nicht alles, so schweben wir gerade über deraustralischen Ostküste,“ sprach Herr Stiller, nachdem er einen raschen Blick aus dem Gondelfenster geworfen hatte. „Wir werden bei Brisbane in Queensland landen.“

„Prächtig, Stiller, alter Knabe! Prosit! Da, nehmen Sie auch einen Schluck!“

Piller wollte gerade seinem Kollegen den Pokal mit dem Weine reichen, als plötzlich ein furchtbarer Windstoß die Gondel traf und mitsamt dem Luftschiff in eine drehende, wirbelnde Bewegung versetzte. Der Pokal fiel zu Boden, und die Herren selbst mußten sich an den nächsten festen Gegenständen in der Gondel festhalten, um nicht wie Bälle herumgeschleudert zu werden.

„Wir sind im letzten Augenblick in einen Zyklon geraten, wie sie hier herum häufig sind,“ schrie Stiller seinen erschrockenen Gefährten zu. „Nun heißt es, allen Mut zusammennehmen. Der blinde Zufall ist jetzt unser Führer.“

In unverminderter Stärke und Heftigkeit wütete der Orkan während der folgenden bangen Stunden. Der Wind pfiff heulend durch das offene, zerschmetterte Fenster der Gondel und wirbelte in ihr alles herum, was nicht befestigt war. In dem fürchterlichen Toben des Orkanes war jede Verständigung ausgeschlossen. Die Insassen der Gondel mußten sich schließlich der größeren Sicherheit wegen auf den Boden legen. Hilflos trieb das Luftschiff dahin, wohin es der rasende Sturmwind trug.Es war ein tragisches Verhängnis, das im letzten Augenblick der Reise, kurz vor der Landung auf der Erde, die Reisenden traf. Und dabei bestand noch die große Gefahr, daß der Weltensegler ins offene Meer treiben, und die Expedition, die die ungeheure Reise nach und von dem Mars bisher so glücklich überwunden hatte, zum Schlusse noch ertrinken werde.

Traurige, trübe Gedanken bewegten die Männer. So war eine Reihe von Stunden vergangen. Der Tag, der so vielversprechend begonnen hatte, neigte sich seinem Ende zu. Die Gewalt des Sturmes schien nachzulassen. Möglich auch, daß der Weltensegler gegen die Peripherie des Wirbelsturmes hinausgetrieben worden war, kurz, die tolle Fahrt durch die Luft verringerte sich zusehends, und die Herren konnten endlich ihre unbequeme Lage verlassen und Ausschau halten. Zu ihrer Freude nahmen sie wahr, daß der Ballon in eine weite, geräumige Bucht eintrieb, deren Hintergrund ein Wald von grünen Kokospalmen bildete, umsäumt von freundlichen, kleinen Häusern.

Rasch entschlossen öffnete Stiller die Ventile des Weltenseglers, als er gerade über dem Palmenwalde schwebte. Einem Riesengewichte gleich fiel der Ballon in die hohen Palmbäume, die krachend unter der merkwürdigen Last zusammenbrachen. Weißgekleidete Männer eilten an den Ort des Niederganges herbei. Ihnen gesellten sich die fast nackten, dunkeln Gestalten der Eingeborenen bei, die schreiend und gestikulierend um den Platz herumstanden, den sich der Weltensegler in ihrem Palmenwalde geschaffen hatte.

Bald lag der übel zugerichtete Weltensegler fest verankert im Palmenwalde.

„Wo sind wir denn?“ fragte Piller zum Gondelfenster heraus.

„Auf Matupi, im Südseearchipel,“ lautete die Antwort.

„Wahrlich, das war noch Glück! Beinahe wären wir ertrunken; viel fehlte nicht mehr,“ meinte Dubelmeier.

„Nun, dann hätten Sie eben im Wasser, Ihrem Element, geendet,“ brummte Piller.

„Heraus, Freunde, heraus aus der Gondel und endlich hinab auf festen Boden!“ drängte Stiller.

Als die Herren ausgestiegen waren, stellte sich der Führer der Weißen als Gouverneur der Insel vor.

„Wir sind aus Schwaben,“ entgegnete Stiller lächelnd, „Professoren an der Universität in Tübingen, und sind seinerzeit von Deutschland aus mit dem Luftschiff aufgestiegen. Schwaben kennt man ja überall in der Welt. Sollten Sie je einmal nach dem fernen Mars kommen, so werden Sie selbst da einen zurückgebliebenen engeren Landsmann von uns antreffen.“

Der Gouverneur starrte etwas verwirrt den Sprecher, an, den er nicht recht begriffen hatte.

„Sie kommen mit Ihrem Luftschiff aus Deutschland her?“

„Direkt nicht, indirekt ja, direkt vom Mars! Haben Sie niemals von der Expedition nach dem Mars gehört? Es sind allerdings jetzt ungefähr zwei und drei viertel Jahre her, seit wir vom Cannstatter Wasen abgereist sind.“

„Ah — ja, jetzt erinnere ich mich, von dieser ganz ungeheuerlich klingenden Reise einst gelesen zu haben. Und Sie wären wirklich die kühnen Reisenden . . .?“

„Ja,“ unterbrach Piller den Zweifelnden, „glauben Sie denn, daß sechs ehrenhafte schwäbische Professoren Ihnen etwas Unwahres vordunsten wollen? Wir sind die sieben Schwaben, die nach dem Mars fuhren. Wir waren zwei Jahre oben und kommen nur deshalb zu sechst zurück, weil der siebente oben geblieben ist. Verstehen Sie nun? Im übrigen heiße ich Professor Paracelsus Piller.“

„Entschuldigen Sie,“ erwiderte, der Gouverneur, „ich glaube Ihnen aufs Wort. Ich war nur furchtbar verwirrt, und meine Gedanken jagten sich förmlich unter dem Eindrucke des Gehörten. — Darf ich Sie nun zu einem Mahl und einem guten Trunk einladen?“

„Aber natürlich! Gewiß! Mit größtem Vergnügen!“ erklärten die Herren, die seit bald einem halben Jahr keine warme Suppe mehr gesehen hatten.

„Das Gehen wird uns etwas schwer. Unsere Gliedmaßen sind ziemlich steif geworden,“ erklärte Stiller dem Gouverneur, als er etwas mühsam neben ihm dessen naher Behausung zuschritt.„Wir sind am 7. März von oben abgefahren. Heute haben wir, irr’ ich mich nicht, den 31. August. Mithin sind wir nahezu sechs Monate in der Gondel gewesen. Eine lange, bange Zeit!“

„Wie stolz bin ich darauf, daß Sie gerade hier bei uns landen mußten!“

„Na, um ein Haar wäre unsere Expedition in letzter Stunde noch verunglückt, und niemand hätte dann die Ergebnisse unserer Reise erfahren. Doch einstweilen genug davon! Wir scheinen hier zur Stelle zu sein.“

„Treten Sie ein in mein Haus, das nun das Ihre ist, und lassen Sie mich der erste sein, der Ihnen, den kühnsten Reisenden, die je gelebt, den Willkomm auf unserer Mutter Erde bietet. Entschuldigen Sie, daß ich diese Begrüßungsformel erst jetzt ausspreche. Allein ich war durch Ihre überraschende Ankunft hier tatsächlich ganz verblüfft.“ Der Gouverneur schüttelte jedem der Professoren herzlich die Hand und stellte sie den übrigen Herren vor, die voll Hochachtung auf die vom Himmel heruntergefallenen Gäste blickten.

Die Weltensegler entledigten sich zunächst ihrer Pelzmäntel und nahmen gern das freundliche Anerbieten an, die schwere Reisekleidung gegen leichte, weiße Tropenanzüge zu vertauschen, die den Herren in einem Nebenzimmer bereitgelegt wurden. Rasch war dieser Wechsel vollzogen, und bald lagen die Herrenin ihrer bequemen Tropentracht auf der luftigen Veranda in großen Korbstühlen. Draußen strömte der Regen nieder, und sein prasselndes Geräusch auf dem Dache erhöhte noch das Gefühl der Behaglichkeit.

Unterdessen sorgte der Gouverneur für einen stärkenden Trank. Gekühlter Champagner wurde durch die lautlos herumhuschende schwarze Dienerschaft den Herren kredenzt.

„Sie müssen morgen unsere Marstropfen versuchen,“ sprach Piller zum Gouverneur, als er sein Glas mit einem Zuge ausgetrunken hatte und es zum zweiten Male füllen ließ.

„Was, Sie haben sogar Wein von oben mitgebracht?“ antwortete der erstaunt.

„Und was für einen guten!“ schmunzelte Piller. „Sogar mein sonst nur wassertrinkender Kollege hier, Herr Professor Dubelmeier, ist durch diesen Göttertropfen besiegt worden.“

„Nur durch die Gewalt der Umstände,“ wehrte sich Dubelmeier.

„Streiten wir nicht darüber, Dubelmeierchen! Lassen Sie uns alle anstoßen und rufen: Hoch Deutschland und das Schwabenland!“ Die Gläser klangen zusammen.

„Ein Hoch unsern hochverehrten Gästen!“ lud der Gouverneur die Beamten von Matupi ein. Nachdem dieser Ruf verklungen war, wurde das Essen als angerichtet gemeldet, und die Gesellschaft begab sich in das Speisezimmer. Mit gutem Appetit langten die Herren zu, und bald herrschte eine allgemeine rege Unterhaltung.

„Wollen Sie nicht Ihre Ankunft nach Stuttgart kabeln?“ fragte der Gouverneur. „Welch ungeheure Überraschung wird diese Mitteilung in Ihrer Heimat erregen!“

„Ja, das werden wir,“ entgegnete Stiller. „Ich denkeübrigens, daß wir mit dem nächsten Schiffe von hier nach Deutschland abreisen.“

„Wir haben vierzehntägige Dampferverbindung zwischen hier und Singapore. Dort können Sie dann sofort Anschluß nach Europa finden. Aber ich bin glücklich darüber, daß vor einer Woche der letzte Dampfer von hier abfuhr und Sie daher, meine verehrten Herren, noch volle sieben Tage unsere willkommenen Gäste sein müssen,“ sprach der Gouverneur lächelnd. „Sie haben wohl Wunderbares auf Ihrer Reise und oben auf dem Mars erlebt?“

„Darüber wollen wir einige Bücher veröffentlichen, denn unsere Berichte werden Bände füllen,“ erwiderte Stiller.

„Und Sie sollen das Werk später erhalten als Zeichen unseres Dankes für Ihre gastliche Aufnahme,“ fügte Piller bei, „denn wenn wir Ihnen alles mündlich erzählen wollten, was wir erlebt haben, so müßten wir manchen Dampfer versäumen. Das geht aber nicht. Es drängt uns, endlich wieder heimzukommen.“

„Das kann ich mir lebhaft vorstellen. Sie werden wohl allerlei interessante Sachen vom Mars mitgebracht haben?“

„Gewiß! Morgen sollen Sie verschiedenes sehen, und daraus können Sie dann leicht erkennen, auf welch hoher Stufe der Kultur die Bewohner jenes prächtigen Planeten stehen, die das Menschentum in seinem erhabensten Begriffe verwirklichen,“ erwiderte Stiller. „Zum zweiten Male möchten wir aber die Reise nicht mehr machen. Nicht nur ist sie voller Gefahren, sie ist auch fürchterlich anstrengend. Es war nicht unser eigenes Verdienst, sondern lediglich ein Spiel des Zufalles, daß wir die Reise hin und her im Weltraum unter verhältnismäßig guten Bedingungen ausführen konnten. Und heute morgen, als wirüber Queensland schwebten und gerade im Begriffe waren, auf Brisbane zuzusteuern, da packte uns plötzlich der Orkan und warf uns hierher.“

„Das ist allerdings sehr zu bedauern, daß Sie zum Schluß Ihrer ungeheuren Reise noch in den Zyklon geraten mußten. Wie ich vernahm, hat der Sturm auf den andern Inseln des Archipels schwer gehaust. Aber ich preise ihn doch ein wenig, diesen Wirbelwind, hat er uns doch Sie, die berühmten Söhne des Schwabenlandes, als Gäste zugeführt.“

Nach Beendigung des Begrüßungsmahls wurden die Reisenden in den Häusern der verschiedenen Beamten auf Matupi untergebracht, und bald lagen sie in tiefem, traumlosem Schlafe. Noch in der gleichen Nacht ging das Telegramm nach Stuttgart ab.

Als sich die Reisenden am andern Morgen durch ein Bad in dem klaren Wasser der Bucht erquickt hatten, traf bereits die Antwort von Stuttgart ein: Staatsregierung und Stadtrat hatten den ersten warmen Willkomm aus der Heimat gesandt und zugleich um Auskunft über Herrn Frommherz gebeten, da er nicht auf der Liste der Zurückgekehrten angeführt war. Die Antwort lautete:

„Frommherz freiwillig auf Mars zurückgeblieben. Expedition dahin geglückt. Zwei Jahre oben gewesen. Hoffen, in etwa vier Wochen in Stuttgart einzutreffen.

Stiller.“

Mit Staunen betrachteten der Gouverneur und die Beamten von Matupi die geniale Einrichtung der Gondel, die ihnen von Stiller gezeigt und erklärt wurde. Noch mehr aber staunten sie über die Kunsterzeugnisse aus Silber und Goldund über die mannigfachen und wertvollen Geschenke der Marsiten. Leider fand sich das goldene Buch nicht mehr vor. Da die Gondel abgeschlossen war, so konnte an einen Diebstahl während der Nacht um so weniger gedacht werden, als auch die Eingeborenen für den Wert des Gegenstandes kein Verständnis gehabt hätten. So mußte angenommen werden, daß das Buch durch eine der Gondelklappen hinaus in den Weltenraum gefallen sei, ein unersetzlicher Verlust, der auf das Gemüt der Professoren recht niederdrückend wirkte. Schließlich aber siegte die Freude der Rückkehr über alle trüben Gedanken.

Piller ließ es sich nicht nehmen, die Herren von Matupi in der Gondel mit dem kleinen Reste von Wein zu bewirten, der noch vom Mars her vorhanden war. Sie alle erklärten, einen so feinen und feurigen Wein noch nie zuvor im Leben getrunken zu haben.

Die Tage auf Matupi waren dem Packen der mitgenommenen Habe und dem Bergen der Instrumente gewidmet. Ballon und Gondel sollten später zerlegt und nach Hause gesandt werden. Pünktlich am 7. September morgens lief der Dampfer „Venus“ in die Bucht ein und ging der Faktorei von Matupi gegenüber vor Anker. Nach herzlichem Abschiede fuhren die Herren noch am Abend des gleichen Tages von Matupi ab.

„Ein merkwürdiges Zusammentreffen von Namen!“ sprach Stiller zu seinen Gefährten, als sie sich an Bord des Schiffes behaglich eingerichtet hatten. „Vom Mars kommen wir, auf der Venus fahren wir durch die blauen Wogen der Südsee, und die „Stuttgart“ erwartet uns, wie der Gouverneur sagte, in Singapore, um uns nach Genua zu bringen.“

Eine Woche später traf der Dampfer in Singapore ein.Schon bei der Einfahrt in den geräumigen Hafen war die „Venus“ mit ihren berühmten schwäbischen Fahrgästen der Gegenstand allseitiger Ehrung. Die zahlreichen im Hafen liegenden Schiffe aller möglichen Nationen trugen Flaggengala, und bis auf die malaiischen Prauws und chinesischen Dschunken herunter war alles festlich gekleidet. Von den Festungswerken wurde Ehrensalut gefeuert, als die „Venus“ langsam ihrem Anlegeplatz zufuhr.

In feierlicher Weise wurden die kühnen Marsreisenden von den Behörden und Konsuln Singapores begrüßt. Dann fand im festlich geschmückten Hause des deutschen Klubs das unvermeidliche Festessen mit den üblichen Reden statt. Die sechs Herren waren froh, als sie nach all dem Festtrubel und der glühenden Tropenhitze Singapores glücklich auf Deck der „Stuttgart“ saßen, die nach dem Eintreffen ihrer Ehrenpassagiere sofort die Anker lichtete und die Straße von Malakka hinaufdampfte.

„Empfinden Sie nicht auch wieder den alten, starken Widerwillen gegen diese Art offizieller Huldigungen, die im Grunde genommen doch meist den Stempel der Unwahrheit tragen?“ fragte Piller seinen Freund Stiller.

„Es geht mir wie Ihnen,“ erwiderte Stiller. „Mit der würdigen und harmonischen Weise, mit der in Angola Feste gefeiert wurden, stehen diese lauten Bankette, bei denen jeder sein liebes Ich möglichst vorzudrängen sucht, in grellem Gegensatz. Im Verkehre mit den Marsiten hatten wir sofort die Empfindung des Behagens. Hier untenerwacht sofort wieder das alte Unbehagen in der Berührung mit der Menge. Wir fühlen eben instinktiv, daß all die Worte lauter Anerkennung, die sündflutartig immer auf den niederprasseln, der einen nennenswertenäußern Erfolg gehabt hat, vielfach wenigstens gar nicht ernst gemeint sind.“

„Sie sprechen genau meine Meinung aus!“ bestätigte Dubelmeier, der dem Gespräch der beiden Gefährten aufmerksam gefolgt war. „Auch ich gestehe, daß mir diese Festessen und Festreden schon jetzt zuwider geworden sind, nachdem sie kaum begonnen haben.“

„Na, wir werden uns noch durch eine ganze Reihe solcher öffentlichen Veranstaltungen durchwinden müssen, bis wir endlich ungestört in der Stille unseres Studierzimmers arbeiten dürfen,“ antwortete Piller.

„Dem entgehen wir leider nicht. Ein Glück, daß wir auf dem Meere noch eine Ruhepause haben, bevor der Haupttrubel in der Heimat beginnt!“ entgegnete Dubelmeier.

Aber schon in Colombo begann in vermehrter Auflage das Feiern der berühmten Schwabensöhne, und als die „Stuttgart“ in Suez eintraf, bat die ägyptische Regierung um die Ehre ihres Besuches in Kairo. Endlich nach zweitägigen Festlichkeiten waren die Marsfahrer wieder auf dem Schiffe, das nun seinen Kurs direkt nach Genua nahm. Dort trafen die Reisenden Anfang Oktober ein. Nach fast dreijähriger Abwesenheit betraten sie hier zum erstenmal wieder den Boden Europas.

Die Reise der Herren durch Italien glich einem Triumphzuge. Halb betäubt von all dem Lärm der letzten Tage langten die Professoren auf der Station Hasenberg an, zu deren Füßen sich Schwabens Hauptstadt malerisch schön ausbreitet. Obgleich es Herbst war, prangte hier alles im reichsten Blumenschmuck. Vertreter des Staats, der Tübinger Universität, die Väter der Stadt, weißgekleidete Ehrenjungfrauen, Musikkapellen und eine tausendköpfige Menschenmenge erwarteten hier die Heimkehrenden.

Schon während der Fahrt durch Schwaben läuteten alle Glocken, nicht nur der Stationen, die der Zug berührte, sondern auch aller Dörfer in der Nähe des Bahnkörpers. Ein brausendes Hoch empfing denblumenbekränzten Zug, als er am 7. Oktober mittags vier Uhr aus dem Hasenbergtunnel herausfuhr. Die vereinigten Musikkapellen von Stuttgart spielten eine Begrüßungshymne, die eigens für diesen Zweck vonMusikdirektor Klingle komponiert worden war. Alsdann begann unten in der Stadt das feierliche Spiel der Glocken. Es pflanzte sich fort auf die Vorstädte und erinnerte an die Stunde jenes Dezemberabends vor bald drei Jahren, an dem die Herren die kühne Fahrt nach dem fernen Planeten angetreten hatten.

Die Begrüßungs- und Bewillkommungsreden verhallten im Lärm der allgemeinen Festesfreude. Die Autoelektrikwagen wurden bestiegen. Im ersten saßen die sechs Zurückgekehrten,Riesensträuße in den Händen. Langsam ging es durch die sich drängende, jubelnde Menschenmenge hinab in die reichbeflaggte Stadt. Eine kurze Rast in Marquardts Hotel wurde den so wunderbar wieder heimgekehrten, aber sichtlich erschöpften Gelehrten gestattet, dann aber mußten sie weitere Opfer der gesellschaftlichen Ordnung bringen.

In feierlichem Zuge, unter den betäubenden Hochrufen der in den Straßen flutenden Menschmenge wurden die Gelehrten nach der Liederhalle geleitet. In ihr sollte der offizielle Akt der Begrüßung vor sich gehen. Im großen Festsaale erwartete eine auserlesene Gesellschaft aus allen Kreisen der Hauptstadt die Professoren. Mit jubelndem Zurufe wurden diese begrüßt, als sie in den Saal traten.

Ein Vertreter der Regierung begrüßte als Vorsitzender in warmen Worten die kühnen Weltensegler, die durch die einzig dastehende Fahrt nach dem Mars ihre Namen nicht nur unsterblich gemacht, sondern dadurch auch das Ansehen und die Ehre der engeren Heimat in der gesamten Kulturwelt gefördert hatten. Schwaben sei stolz auf so würdige Söhne und wolle sie zunächst dadurch ehren, daß an dem Orte ihres Aufstieges auf dem Cannstatter Wasen ein Obelisk aus heimischem Granit errichtet werde, der die Namen der Teilnehmer an der Expedition und die allgemeinen Daten über sie eingemeißelt in den Stein tragen solle. Weitere äußere Ehrungen seien vorgesehen; denn eine solche Tat, wie sie Schwabens Söhne ausgeführt, könne überhaupt nicht gebührend genug anerkannt werden. Zunächst überreiche er im Namen der Regierung jedem der Herren einen goldenenLorbeerkranz, auf dessen Blättern der Name des Trägers und die Daten der Marsreise eingraviert seien.

Nachdem die Übergabe der goldenen Kränze unter rauschender Musikbegleitung vor sich gegangen war, begann das Bankett. Klugerweise war vorher bestimmt worden, daß während des Essens keinerlei Reden gehalten werden sollten. Als das Essen beendigt war, bestieg Stiller das Podium des Saales, um von hier aus zu der glänzenden Versammlung zu sprechen.

„Verehrte Anwesende! In meiner und meiner treuen Gefährten Namen danke ich Ihnen zunächst für die Herzlichkeit des Willkomms, den Sie uns zuteil werden ließen. Er hat uns sehr gerührt. Nehmen Sie es uns aber nicht übel, wenn wir Sie bitten, von jeder weiteren äußeren Ehrung unserer bescheidenen Persönlichkeiten Abstand nehmen zu wollen. Was wir ausgeführt, was wir getan, war ja nur dadurch möglich, daß uns ein seltenes Glück zur Seite stand. Wo aber der Mensch nur durch die Gunst äußerer Umstände sein Ziel erreicht, da ist es mit seiner eigenen Leistung doch viel weniger weit her, als Sie selbst vielleicht annehmen.

Gerade auf dem Mars, bei einem Volke von idealster Lebensauffassung, rückhaltslosester Wahrheitsliebe und tiefster Erkenntnis des eigenen Ichs, da haben wir erst gelernt, uns nach dem wirklichen Werte richtig einzuschätzen, wahr und streng gegen uns zu sein. Mit einer gewissen Selbstüberhebung reisten wir einst ab, mit ruhiger, nüchterner Schätzung unserer eigenen Person kommen wir zurück. Daraus entspringt also unsere Bitte.

Und nun lassen Sie mich Ihnen in kurzen Zügen ein Bild jener wunderbaren Welt entwerfen, in der es uns vergönnt war, zwei volle Jahre leben zu dürfen. Vorausgreifend will ich gleich bemerken, daß wir unsere Erlebnisse in einem Sammelwerke niederlegen werden, in dem Sie dann später alles Wünschenswerte selbst nachlesen können. — Nach der Abfahrt vonCannstatts Wasen langten wir nach dreimonatlichem Fluge durch den Ätherraum ziemlich wohlbehalten auf dem Mars an. Dort trafen wir Menschen an, die uns mit großer Gastfreundschaft aufnahmen. In dem Maße, als wir die Sprache der Marsbewohner erlernten, gewannen wir auch mehr und mehr Einblick in deren Leben, in ihre Sitten und Gebräuche. Voll staunender Bewunderung sahen wir dort oben eine Lebensführung, die wir in dieser Vollkommenheit niemals für möglich gehalten hätten. Das, was wir hier unten auf der Erde früher als Ideal des Lebens geträumt, — dort oben auf jenem Sterne ist es in die schönste Wirklichkeit übersetzt.

Was soll ich Ihnen in dieser Stunde von den Einzelheiten erzählen, die zu der wunderbar entfalteten, natürlichen Moral jener prächtigen Menschen da oben geführt haben! Ich fürchte dadurch nicht allein zu ermüden, sondern auch Ihre freudige Stimmung anläßlich unserer Rückkehr zu vermindern. Dies möchte ich aber nicht. Sie werden, wie gesagt, die Ergebnisse unserer Expedition durch unsere Bücher genau erfahren. Nun aber können Sie mich mit Recht fragen: ‚Ja, warum sind Sie denn wieder zurückgekommen aus einem Eden nach einem Tale des Jammers, wie es unsere Erde nun einmal vorstellen soll?‘ Darauf antworte ich auch offen: Wir sind schweren Herzens von oben fortgegangen. Nicht daß man uns geradezu fortwies, nein, man stellte uns Bleiben oder Gehen zur freiwilligen Entscheidung anheim. Nachdem wir aber sahen, daß wir dem so hochstehenden Marsvolke doch keine Dienste leisten konnten, die als Ausgleich für die uns gebotene Gastfreundschaft hätten dienen können, so verlangte es schon das einfachste Anstandsgefühl, daß wir zur Erde zurückkehrten.

Nur Herr Friedolin Frommherz konnte sich nicht entschließen,die Rückreise anzutreten. Er blieb oben zurück als der einzige lebendige Zeuge unseres Aufenthaltes auf dem Mars. Unsere Ankunft auf Matupi kennen Sie. Zum Schlusse wollen wir dem Schwäbischen Landesmuseum diejenigen Geschenke und Andenken überweisen, die wir oben auf dem Mars, in dem herrlichen Angola, in der Stunde des Abschiedes mit auf den Weg bekommen haben. Wir selbst bedürfen der Sachen nicht. Wie ein Märchen voll Schönheit, voll Zauber und strahlenden Lichtes wird jener Aufenthalt auf dem Planeten in unserer Erinnerung weiterleben, solange wir atmen, und gäbe es eine Seelenwanderung nach fernen Sternen, so würde ich nichts sehnlicher wünschen, als dort oben wieder erwachen zu dürfen, wenn ich hienieden nicht mehr bin.“

Herr Stiller trat ab. Lautlos hatte die Versammlung seinen Worten gelauscht. Manches Gesicht der Anwesenden drückte tiefe Ergriffenheit aus, als Herr Stiller geendet. So hatte man sich die Sache doch nicht vorgestellt. Wohin war die Festesfreude plötzlich gekommen? Herr Klingle griff in die beklemmende Stille, die sich der Versammlung bemächtigt hatte, als rettender Engel ein. Er erhob den Taktstock, und die leichten Töne einer einschmeichelnden Musik gaben der Versammlung ihre alte Fröhlichkeit wieder zurück. Es ließ sich auch hier auf der Erde ganz gut leben. Wozu also nach dem Mars reisen? Eine Fahrt wie die der sieben Schwaben sollte keine Nachahmung mehr finden. Die früher so heitern Männer waren als offenkundige Menschenfeinde zurückgekehrt. Sie wären somit besser im Lande geblieben. Das war die Ansicht vieler, die in später Nachtstunde von dem Bankette nach Hause gingen.


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