Dann erschien das Spiegelbild des Mondes unten im Wasser; das bergauf und bergab wogende Schiff, das Champagnerzischen der Kielwellen und das Geknister des elektrischen Wassers voll tagheller Schaumwolken stellte den beiden, je länger sie sich über das Geländer lehnten, die Welt auf den Kopf. Und sie fanden sich beide erst wieder in dem krausen Weltallgetriebe und in dem spiegelfechtenden Meeresnachtleben auf ihren zwei Füßen zurecht,wenn sie, versteckt hinter einem Rettungsboot oder hinter einer Kabinentür, die Arme umeinander legten und, Wange an Wange, ihr Blut aneinander pochen ließen.
Dann rückte am vierten Tag am Ende des Roten Meeres ein mächtiger, dunkelbrauner, ausgedörrter Berg heran, zu seinen Füßen lange, rote Kasernendächer: die Festung Aden. Dieser Berg war wie der Pfosten der Tür in den Indischen Ozean; und im grüngelben Abendhimmel blieb das Meer zurück, und die Boote mit nackten schmalen Somalinegern, die das Dampfschiff draußen vor Aden wie eine Affenherde umwimmelt hatten, blieben zurück, und zurück blieben die Länder, wo der Halbmond regierte, und die graue arabische Felsenküste, auf der weiße Minaretts am Nachmittag gleich weißen Fahnenstangen gestanden hatten, und dahinter man sich das Land voll Harems und Frauen träumte. Alles das ging im Westen in dem friedlich ölgelben Himmel unter, und auf der straffgespannten Meeresfläche im Osten lag vor Ilse und Okuro das noch unsichtbare, aber sich stündlich nähernde Indische Reich, an dem sie jetzt vorbeiziehen sollten.
Mit der Weite des Indischen Ozeans kam auch wieder die Weite der Gedanken über Ilse und Okuro. Die Hitze, die mit ihren Flammen im Roten Meer alle Menschenkörper zu ihren Medien gemacht hatte, verlor an Kraft, und die Menschen wurden wieder selbständig und dachten wieder ihren eigenen Gedanken nach.
Eines Abends saß Ilses Großmutter allein am Ende des Promenadendecks. Große Sternbilder der fremden Südzone stiegen aus der Meerestiefe auf und wanderten über die Masten des Schiffes fort.
In der Nähe der Dame saß nur Kutsuma und las. Das Schiff war wie eine große indische Trommel, daran die Meereswellen ihre Märsche trommelten, und sein Gang war immer ein Wechsel von Begeisterung, wenn es sich in die Sterne hob, von Enttäuschung, wenn es wieder in die Leere sank.
«Wie viele Gedanken mögen an den Sternen hängen», dachte die alte Dame. «Wie viele Tausende von Seereisenden haben nachts mit offenen Augen hier unter den Sternen auf wandernden Schiffen gesessen. Jeder Stern ist wie eine eingepuppte Seidenraupe, von der man Gedanken wie Seidenfäden abspinnt.»
«Sehen Sie, Herr Kutsuma», sagte die alte Dame, «Sie sagen immer, mein Haar sei so weiß wie der Abendschnee auf dem Hirayama am Biwasee in Ihrer Heimat Japan. Und so wahr mein Haar nie mehr dunkel wird, so wahr glaube ich, daß Ilse für ihr Herz keinen besseren Mann finden konnte als Okuro. Aber damit ist nicht gesagt, daß Okuro in Japan nicht eine bessere Frau als Ilse finden und ohne Ilse sehr glücklich werden könnte.»
Kutsuma hatte eine Landkarte auf seinem Schoß, sah auf und sagte:
«Ich bewundere immer, wie großartig die Europäer die Welt einteilen können, die Länder in flache Figuren, die Erdkugel in Breitengrade und Längengrade; in alles Irdische bringen die Europäer Zahlen und Ordnung. Aber sie erfinden kein System für ihre Gefühle, wollen kein System anerkennen für das kleine, kurze Menschenleben, das doch aus nichts anderem besteht als aus Jugend, Reife und Alter, das also Grenzen hat und nichtals etwas Unbegrenztes, Unordentliches angesehen werden kann.»
«Aber, mein Herr», unterbrach die weißhaarige Dame ungeduldig Kutsuma, «Gefühle lassen sich doch nicht in Systeme bringen. Gefühle sind doch das Unbegrenzte am Leben! Liebesgefühl kann Unordnung und Ordnung zugleich geben: Liebesgefühl ist eine Hasardnummer, man setzt auf Rouge oder Noir. Aber es gibt kein sicheres System, in dem man beim Liebesgefühl in Ordnung mit sich selbst kommen könnte. Wer liebt, wünscht glücklich zu machen, aber das Leben muß erst beweisen, ob er einen Gewinn oder eine Niete gezogen hat.»
«Wo Liebe ist, ist ewiges Glück», sagte der Asiate. «Wo ein Wechsel eintreten kann, war die Liebe nicht vollständig. Ihr Europäer wünscht, daß der Mann sein Leben lang die Frau bediene und sie höher halte als sich selbst. Wir Asiaten verlangen von der Frau, daß sie den Mann bediene und sich ihm unterordne. Und wir finden: dieses bringt Ordnung in die Liebe zwischen Mann und Frau.»
«Sehr weise gesprochen», sagte die alte Dame. «Aber lassen Sie jetzt auch den Abendschnee auf dem Hirayama zu Ihnen sprechen; das heißt: vertrauen Sie den Gedanken, die unter meinen weißen Haaren entstanden.
Das Kostbare an der Liebe ist, daß sie ein ewiges Abenteuer bleibt, und daß weder die Sicherheit der madonnenhaften Unterordnung einer asiatischen Frau, noch die olympische Selbstherrlichkeit einer europäischen Liebe in ein System bringen kann. Die Liebe wird immer etwas verschwenderisch sein, immer ein Zuviel in das Blut der Menschen bringen, das Zuviel, das die Endlichkeit des seligen Augenblickes in eine Unendlichkeit des Genussesverwandeln kann. Wo das Zuviel zwischen zwei Menschen fehlt, die sich vorstellen, daß sie sich liebten, wird die Liebe immer nur ein erbärmlicher chemischer Prozeß bleiben, der Kinder hervorbringt und sich ruhig in ein System fassen läßt.»
Der Asiate schwieg lange und ließ die Sternbilder wandern. Dann sagte er und faltete seine Landkarte zusammen:
«Die Götter in Europa haben euch Europäer nicht umsonst Mikroskope für eure Augen konstruieren lassen. Ihr könnt auch eure Liebesaufregung unter ein Mikroskop legen. Wie die Eisblumen an euren Fenstern, so seht ihr die Linien eurer Liebesleidenschaft. Und ihr Europäer könnt über Dinge sprechen, die uns Asiaten ewig unsichtbar bleiben.»
Die alte Dame antwortete:
«Ihr Asiaten könnt das auch, wenn ihr wollt. Nur seid ihr liebenswürdige und bescheidene Kinder eurer Götter, und wir sind vorwitzig. Wir müssen unsere Freuden belauschen und unsere Schmerzen. So wie unsere Anatomen den Blutkreislauf fanden, so suchen wir nach dem Kreislauf unserer Schmerzen und Freuden.»
Kutsuma spricht eifriger:
«Wir haben nur immer von den Indern den Kreislauf der Seele zu beobachten gelernt. Aber die Liebesleidenschaft haben wir nicht als Lebenswert untersucht und haben die Liebe nicht auf die Höhe gestellt wie ihr in Europa. Aber seit ich bei euch war, begreife ich, daß die Zukunftswelt die Liebesleidenschaft als Weltmittelpunkt erkennen wird. Nicht die Weltruhe, nicht das Nirwana, wie wir in Asien immer glaubten, und nicht den Weltschmerzund das Weltmitleid, wie euer vergehendes Christentum immer glaubte; die Liebesleidenschaft ist für jeden, der sein Leben ernst nimmt, sein Gott, der ihm Leben und Tod gibt. So sagte auch gestern Okuro zu mir, als wir bei Aden das Rote Meer verließen, er sagte mir, er würde nie mehr mit Ilse über die Meinung streiten, die sie als Europäerin von der Ehe hat. Sie macht ihn mit jeder Meinung glücklich. Sein Blut ist so zufrieden von ihrem Blut, daß er nicht mehr nach Lebensgebräuchen und Lebenssitten fragt, daß er ihr zuliebe ein Europäer werden will auch in seiner Heimat. Seine Liebe ist jetzt so groß, daß er meinungslos geworden ist.»
Kutsuma wartete auf einen Freudenausbruch der Dame. Und als der junge Mann keinen Laut als Antwort erhielt, empfand er mit einemmal das Schweigen zwischen sich und der alten Dame wie einen Abgrund, als wäre sie über einen Ozean vor ihm und seinen Worten zurückgewichen.
Lächelnd suchte Kutsuma eine Verbindung herzustellen und sagte:
«Warum schweigt der Abendschnee am Hirayama? Er, der mir vorhin so schöne weite Gedanken gab?»
Da seufzte die alte Dame:
«O, wie unglücklich sind die gütigen Liebenden! Güte in der Liebe bringt Unglück. Liebe ist nie gütig, Liebe fordert, mißhandelt, vergewaltigt. Von zwei Liebenden muß einer der Stärkere werden. Der Mann muß die Frau unterjochen, er kann ihr ja den Wahn ihrer Selbstherrlichkeit lassen, wenn sie es noch nötig hat. Aber er darf nicht gütig meinungslos werden.
Sagen Sie das zu Okuro! Das sei die Ansicht dieserweißen Haare. Und immer, wenn er meine weißen Haare sieht, die ihr Japaner mit dem Abendschnee von Hirayama vergleichet, soll er stark werden, soll nicht vor Ilse meinungslos werden. So wie der Schnee am Hirayama nie zu schmelzen ist, so soll sein Wille von keinem Frauenwillen zu schmelzen sein. Nur dann macht er Ilse glücklich.»
Kutsuma betrachtete andächtig den weißen Kopf der alten Dame, so andächtig, wie nur ein Japaner im Abend am Biwasee den Schnee von Hirayama betrachten kann. –
Ceylon mit seinen wolkenblauen, glänzenden Bergen, die voll Amethysten und Mondsteinen liegen, wurde von dem wandernden Schiff für einen Tag berührt. Dann zog die magnetische Ferne das Schiff weiter nach Osten. Und Ilse träumte sich Palmenwälder aufs Meer, denn sie wußte: rings waren Küsten mit heiligen indischen Wäldern und heiligen indischen Tempeln. Und ringsum an den Küsten lebten Völker, die so gut waren, daß sie den Schlaf eines Tieres heilig hielten, – den Schlaf des geringsten Straßenhundes, dem es einfiel, mitten in den verkehrsreichsten Städten sich in die Sonne zu legen und zu träumen. Kein Fußtritt verjagt den Träumenden, denn jeder Traum, auch der Traum eines Hundes, ist ein Paradies, das sich für Augenblicke auf die Erde senkt. Darum wird auch der Schlaf der Tiere mit Ehrfurcht behandelt. Keine Peitschen knallen, nur Silberglocken am Kutschbock treiben die Pferde an. Über alles das dachte sie oft mit Scheu nach.
«Wie seltsam», meinten die beiden Japaner und die beiden Europäerinnen, «daß Europa und Asien nebeneinander auf derselben Erde liegen, sie, die weniger zusammengehörenals Erde und Mond. Europa gibt seinem Leben das Sprichwort: Zeit ist Geld. Und Asien beachtet weder die Zeit noch das Geld. Es ist erstaunlich, daß die einfache Schiffsschraube, die nichts tut, als sich drehen, uns aus der Welt der Begriffe von Zeit und Geld in die Welt der entgegengesetzten Begriffe befördern kann, ohne daß wir dabei daran zugrunde gehen oder erst sterben müssen.»
«Am seltsamsten», sagte die alte Dame, «ist es für mich, die ich schneeweiß aus Europa komme. Ich glaubte mich schon am Ende meines Lebens; und ohne daß ich eine neue Inkarnation eingehen muß, verjüngen und erwärmen sich hier in Asien meine Gedanken. Wenn ich morgens in den Spiegel sehe, wundere ich mich, daß ich immer noch den Schnee auf meinem Kopf trage.» –
Das Schiff hatte Hinterindien, Penang und Singapore passiert und drang in das Chinesische Meer.
In Singapore aber war Ilse aus ihren indischen Träumen gerissen worden. Dort, wo die Chinesen wie der Sand am Meere sind, wo die gelbe Rasse die braune Rasse verdrängt, wo Ilse noch gelbere Menschen als die gelben Japaner sah, während ihr das Reisen schon wie das Wandern des Blutes in ihrem Körper zur Gewohnheit geworden war, – überfiel sie ein Schrecken und eine Angst vor der Zukunft. Die schlitzäugigen Menschen entsetzten sie. Die geschlitzten Augen, die hervorstehenden Backenknochen schienen ihr die Gesichter zu verkrüppeln.
Am Abend, als sie mit ihrer Großmutter aus Singapore an Bord des Schiffes zurückkam und der Himmel voll gelber Abendwolken gleich tausend gelben Chinesengesichtern war, ging sie nicht in ihre Kabine zu ihremMann. Sie eilte in die Kabine ihrer Großmutter, drückte ihr Gesicht in die Hände der alten Dame und schluchzte.
«Kind, Kind, ich weiß es», sagte die alte Dame. «Ich habe dasselbe gedacht wie du heute. Aber laß die Zeit verstreichen. Die Zeit bringt Gewohnheit, und Gewohnheit kann dich wieder glücklich machen. Wenn die Erde hier auch fremder ist als ein fremder Planet, wir stehen doch noch mit den Füßen auf derselben Erde, und wir werden auch mit der gelben Rasse gut Freund werden.»
«Ich nicht», sagte Ilse. «Sieh mein rotes Haar an, sieh meine weiße Haut an. Ich habe nicht daran gedacht, daß ich unter eine ganze Welt von gelben Menschen komme. Okuro war mir lieber, als er, allein, eine Kuriosität in Europa war. Aber jetzt ging er heute vor mir unter in der Flut der gelben Gesichter, als wäre er im Chinesischen Meer ertrunken. Ich will heute nacht nicht in seiner Kabine schlafen. Ich werde bei dir bleiben, Großmutter, und im nächsten Hafen fliehen wir und kehren um nach Europa. Es ist mir, als ginge ich bis zum Hals im gelben Lehm und erstickte, wenn ich unter den gelben Menschen bleiben muß.»
«Kehre nicht um, Kind! Die Gewohnheit wird dich glücklich machen», wiederholte die alte Dame.
«Großer Gott, welch ödes Glück dann! Gewohnheit ist das Glück der Dienstboten, nicht das der Herrschaft, hast du immer weise gesagt, Großmutter. Und jetzt gibst du deine Weisheit auf, nur um mich zu trösten! Neulich sagtest du noch, daß das Liebesglück ein Zuviel im Blut haben müsse, einen Überschwang. Dieses Zuviel wird unter diesen gelben Menschen nie mehr zu mir zurückkommen.»
Die beiden Frauen umarmten sich leidvoll und saßen miteinander auf dem Rand des Kabinenbettes in dem kleinen weißlackierten Raum, und saßen eine Stunde still, ohne sich zu rühren, und waren beide weit fort aus dem Schiff. Beide gingen durch die Straßen von Europa, beide verstummt vor Sehnsucht nach der Heimat und beide von neuem aufschluchzend, als sie sich ansahen und sich vom Schiff weitergeschleppt fühlten. Sie wunderten sich im stillen, daß das im Wasserdruck knisternde Schiff vom Heimweh zweier Menschen nicht zum Sinken gebracht würde.
Die Nacht kam, und Ilse blieb in der Kabine ihrer Großmutter und ließ sich durch die alte Dame bei Okuro entschuldigen.
Was dann in dieser Nacht geschah, weiß kaum ein einziger, der sich im Schiff befand, mit Genauigkeit zu erzählen.
Die alte Dame fühlte sich plötzlich durch einen Stoß mitten im Schlaf aus dem Bett geschleudert. Sie schrie nach Ilse. Alle Leute im Schiff schienen mit ihr zu schreien. Alle Lampen waren erloschen. Das Schiff schien mitten im Meer still zu liegen. Statt der taktmäßig arbeitenden Maschinenschraube herrschte Todesstille. Und als die alte Dame sich von einem Koffer aufrichtete, auf den sie gefallen war, faßten sie zwei Männerhände, zogen sie wie eine Maschine durch die Dunkelheit, wo kniehohes Wasser ihr entgegenschoß, schäumendes und gurgelndes Wasser, schreiendes und sich windendes Wasser, das mit Menschenleibern angefüllt zu sein schien.
Statt der Schiffstreppen fühlte sie Menschenkörper unter ihren nackten Füßen. Die Männerhände und dassich türmende Wasser hoben sie wie mit Hebeln über tausend Hindernisse, bis sie auf ein Schiffsdeck hinfiel, auf einen andern Dampfer, der wie ein dunkler Berg in der mondhellen Nacht neben dem taumelnden und untergehenden Schiffsdeck stand, von dem sie kam. Sie erkannte jetzt Okuros Gesicht im Getümmel der sich Rettenden, Okuro, der ihre Hände hielt und sie fortschleifte und sie auf den roten Teppich eines erleuchteten Schiffssaales niederlegte. Dann schrien beide zugleich: «Ilse!», und Okuro verschwand.
Die alte Dame sah sich unter halb bekleideten Frauen und Männern, die wie in einem Tollhaus weinten, lachten, gleich Menschen, die zu Hunden und Affen geworden wären, sich stießen, übereinandersprangen, in dem Schiffssaal unter die langen Speisetische krochen, sich hinter Stühle verbarrikadierten, sich die Augen zuhielten, fortgesetzt «Hilfe!» riefen, trotzdem sie gerettet waren, und fortgesetzt die Namen von Angehörigen schrien, trotzdem sie diese gerettet im Arm hielten.
«Ilse, Ilse!» rief die alte Dame immer wieder, als könnte sie mit dem gerufenen Namen einen Menschen erschaffen.
Das vom Meerwasser durchtränkte Nachtkleid hing ihr wie eine schleppende schwere Haut um den zitternden Körper. Aber sie rutschte noch mit den letzten Kräften von den Knäueln der Menschen fort, die mit den Armen um sich schlugen, fort von diesen Skelett-Menschen, welchen die Sekunden des Todesschreckens den jungen Leib in den Leib von Greisen verwandelt hatten.
Ein paar wahnsinnig gewordene Männer wurden neben ihr von Matrosen gefesselt. Ein paar anderestrengten sich an, einen der Glühlichtkronenleuchter von der Decke zu reißen, und zerschlugen mit den Fäusten die gläsernen Birnen und schrien: «Wir wollen kein Licht! Wir wollen nichts sehen.»
Ein Mann biß sich in den Arm einer Frau fest. Die Augen quollen ihm aus dem Kopf, und die Frau lachte und schrie: «Mein Lieber! Mein Lieber!» Das Blut rann ihr vom Arm auf die Diele, und die Augen quollen ihr vor Verzückung aus den Höhlen.
Die alte Dame kroch zu einer Kabinentür, die weit offen stand. Da sprang ein wahnsinnig gewordener Malaye mit zwei Messern in den Händen über sie weg, hinein in den Saal, stach nach den Weibern, die unter den Tischen schrien, stach nach den Männern, die unter dem Kronleuchter hingen, und kniete sich dann auf den Rücken des Mannes, der sich in den Arm der Frau hineingebissen hatte. Die Frau lachte noch verzückter als der wahnsinnige gelbe Malaye, der den weißen Rücken ihres Mannes mit den blutigen Messern bearbeitete.
Neue Matrosen stürzten herein und rissen die Leute auseinander. Und unter der Türe sah die alte gerettete Dame die Flügel einer riesigen silbernen Windmühle; es waren die elektrischen Scheinwerfer des Dampfers, die mit ihren steilen weißen Strahlen die Nachtluft zertrennten.
Am Schiffsgeländer neben ihr erkannte sie im weißblauen Licht des Scheinwerfers zwei Männer, wie aus Schnee geformt, die miteinander rangen. Die Dame schrie mit ihren letzten Kräften: «Okuro! Kutsuma! Ilse! Ilse!» Dann sah sie, wie der eine Mann den andern mit dem Kopf an das Messinggeländer schlug und dann denniedergeschlagenen zärtlich aufhob und auf den Ruf: «Ilse, Ilse», sich nach der alten Dame umsah, den Ohnmächtigen aus dem weißen Lichtschein forttrug, hin zu der alten Dame. Als der Schleppende und der Geschleppte im gelben Lichtschein des Schiffssaales erschienen, fielen beide Männer wie tot an der Türschwelle nieder. Es waren Okuro und Kutsuma.
«Ilse», keuchte die alte Frau noch einmal und fiel neben den beiden Japanern ohnmächtig hin. –
Die Geretteten hörten am nächsten Tag, daß im Mondnebel ein Zusammenstoß zwischen ihrem und dem Schiff, auf welchem sie sich jetzt befanden, stattgefunden und ihren Dampfer zum Sinken gebracht hatte. Unter den Ertrunkenen, die ringsum aus der glatten See gefischt wurden, wurde auch Ilses Leiche an Bord gebracht.
Kutsuma aber hielt Okuro in der Kabine zurück und belog ihn und sagte ihm, Ilse wäre mit ihrer Großmutter gerettet. Denn er fürchtete, daß sein Freund sich nochmals ins Wasser stürzen würde, wie er es beim Untergang des Schiffes versucht hatte, als er Ilse nicht fand.
Aber Okuro war bei der Lüge seines Freundes ungläubig, schüttelte den Kopf und sagte:
«Ich weiß, daß Ilse ertrunken ist. Ihre Seele war für mich schon nach Europa zurückgekehrt, und sie war für mich schon tot, ehe das Schiffsunglück eintrat. Ilse lebt nicht mehr, sonst würde sie vor mir stehen. Sonst wäre sie in der letzten Nacht in meiner Kabine geblieben. Ilse kehrt nicht wieder.»
Nach den wahnwitzigen Kämpfen und Aufregungen der Unglücksnacht blieb Okuro von nun an bis zur Landung in Japan teilnahmlos. Er betrachtete nur stundenlangseine Hände, welche Ilse immer geliebt hatte. – Er, die weißhaarige Großmutter und sein Freund Kutsuma saßen wie Wandbilder schweigend nebeneinander auf den Deckstühlen des nach Japan wandernden Schiffes, und Ilses Name wurde nicht mehr ausgesprochen.
Aber Kutsuma war immer bereit aufzuspringen, um die alte Dame und Okuro vom Schiffsgeländer zurückzuhalten, denn das Wasser unten schien magnetische Kraft zu haben für alle die Schiffbrüchigen, welche Angehörige in der Unglücksnacht verloren hatten. Einige sprangen auf der Fahrt plötzlich ins Wasser, Männer, welche ihre Kinder suchten, Frauen, die zu ihren Männern wollten.
Dann erschienen eines Morgens die stillen, zwerghaften Inseln Japans im Frühnebel, die Silhouetten der vielfach gekrümmten uralten Bäume, die zierlichen Hügel mit den winzigen Terrassen winziger Reisfelder.
Die beiden Japaner erwachten aus der Totenstille, und nur die weißhaarige Dame blieb stumm, und ihre Augen sagten müde: Seit Ilse tot ist, ist die Erde für mich ein Sargdeckel geworden. Ich möchte mich auch in den Sarg legen.
Als die Schiffsbrücke in Nagasaki herabgelassen wurde und unten Motorboote voll von Angehörigen der japanischen Reisenden beim Schiff anlegten, sahen die Leute, welche Okuro und seine junge Frau erwarteten, zu ihrem Erstaunen den berühmten Schauspieler die Schiffstreppe herabsteigen, mit seinem Arm eine alte, weißhaarige Dame stützend.
«Ist Okuro deswegen nach Deutschland gereist, um sich eine alte Dame, die weiß ist wie der Abendschnee amHirayama, zur Frau zu holen?» fragten sich seine Freunde verwundert. Aber niemand lachte. –
Unter Okuros Freunden war ein japanischer Schriftsteller, welcher den Eindruck nicht vergessen konnte, welchen die weiße alte deutsche Dame auf ihn gemacht hatte, die als vermeintliche Frau des Okuro am Arm des jungen Japaners ans japanische Land gestiegen war. Dieser Schriftsteller schrieb ein Drama; und nachdem Monate vergangen waren und die alte Großmutter von deutschen Freunden nach Europa zurückgebracht worden war, las er sein Drama Kutsuma und Okuro vor.
Kutsuma, welcher in Japan Frauenrollen spielte, war sehr begeistert von der Rolle der Ilse, und Okuro sollte die Rolle der weißhaarigen Großmutter spielen. Der Schriftsteller hatte das Stück den «Abendschnee auf dem Hirayama» genannt.
Der Abend der Vorstellung kam, und Okuro trug eine Perücke aus weißer Seidenwatte. Nie hatten die Zuschauer eines japanischen Theaters ein lebhafteres und atemloseres Spiel gesehen. Nur einige murmelten und wunderten sich, daß der junge Ehemann das Drama spielen wollte, das sich erst vor Monaten ereignet hatte. Und viele nannten ihn herzlos und gefühllos, weil er den Tod seiner jungen Frau nicht ernster nahm als ein Drama.
Der letzte Akt kam und die Szene, wo die gerettete Großmutter aus der Kabinentür kriecht und während des Schiffsunglücks nach Ilse schreit. Sie tastet sich vorwärts. Aber statt dessen richtet sich der die Großmutter spielende Okuro auf und springt an die Theaterrampe vor, streckt die Arme ins Publikum, und statt in Wehklagen über die Ertrunkene auszubrechen, ruft er:
«Seht mich aus dem Schrecken neugeboren und weise und kühl geworden, wie der Abendschnee am Hirayama! Klatscht in die Hände, klatscht Beifall dem Größten, dem Gott des Unglücks, der die Herzen erlöst, der männlicher ist als das Glück, der einen Willen hat, wenn das Glück keinen mehr hat. Gedankenvoller, als der Schnee am Hirayama über dem Biwasee im Abend scheint, ist der Blick des Unglücks, wenn er sich auf uns richtet, feierlicher und gigantischer ist die Weisheit des Unglücks und ragt über alles Wissen. Ich beweine sie, die Ertrunkene, nicht, und ihr sollt auch mich nicht beweinen, der ich die Gunst des größten Gottes genoß, die Gunst des Unglücks, das heiliger ist als der Augenblick des Glückes.»
«Klatscht Beifall!» rief Okuro noch einmal; und dann kam Kutsuma, der, als Ilse verkleidet, jetzt ertrunken sein sollte und nicht mehr zu erscheinen hatte, und fing den wahnsinnig gewordenen Freund in seinen Armen auf.
Die Zuschauer sahen noch, wie Kutsuma dem Okuro die weiße Perücke vom Kopfe riß, um ihm Luft zu machen und sein Gehirn zu kühlen. Da – mit einem einzigen Ausruf des Schreckens erhob sich das ganze Theaterpublikum; denn Okuros Haar war unter dem Spiel vor Schmerz so weiß geworden wie die Watte der weißen Perücke. Einer im Theater wies es dem andern und wurde ehrfürchtig vor der Seele des Liebenden, die hier größer als die Kunst des Schauspielers gespielt hatte.
Alle im Theater weinten; und keiner, der je zum Biwasee kommt und den Abendschnee am Hirayama bewundert, vergißt der Geschichte des Liebenden zu gedenken, den das Unglück weiß wie Schnee machte.