Der letzte Trauergast war an den schwarzen, weißgeränderten Sarg getreten, in dem die tote Frau in ihrer Brauttracht lag, hatte sein stilles Vaterunser gebetet, den Anverwandten sein Beileid ausgesprochen und war dann nach der großen Gesindestube gegangen, wo Kaffee und Kuchen, Käse und Branntwein zu haben waren.
Endlich war es Zeit zum Aufbruch. Vater und Söhne nahmen bewegten Abschied, und die Tote wurde im offenen Sarg aus der Stube getragen, mit den Füßen voran, damit sie nicht »zurückschauen könne«. Der Spiegel wurde enthüllt, das Fenster geöffnet, die Stühle, auf denen der Sarg gestanden hatte, wurden umgestürzt.
An der Haustür wurde der offene Sarg hingestellt. Die tote Bäuerin, deren Augen halboffen waren, blinzelte noch einmal in ihren Hof hinein. Es war alles sauber und ordentlich. Die zwei Mägde, die das Vieh im Augenblick des Abschieds füttern mußten, rannten so eilig mit ihrem Heu, als fürchteten sie immer noch einen Tadel der Frau. Ein paar junge Mädchen rückten an ihrer Plachta[6], ob sie auch ordentlich säße; einige alte Leute nickten der Toten zu: »Du kannst stolz sein, daß du ein so großes Grabgeleite hast!«
Unter der weißgekleideten Trauergesellschaft standen zwei in schwarzen Gewändern: Elisabeth und ihr Bruder Heinrich. Samo, der einmal die Augen aufhob und die beiden Deutschen sah, dachte bei sich: Sie sind wie schwarze Flecken auf weißen Kleidern.
Die Herbstsonne schien auf den bevölkerten und doch so stillen Hof. Da trat der alte Scholta an den Sarg heran, nahm den Hut ab und sprach laut:
»Vater, in deine Hände befehle ich meine Frau!«
Dann wurde der Sarg geschlossen und nach dem hochgelegenen Friedhof getragen, wo ein Glöcklein mit blechernem Klang läutete. – – –
Alle einfachen Menschen haben das Bedürfnis, zu lärmen,wenn sie einmal eine Zeitlang haben still sein müssen. Nach dem Begräbnis wurde die Dorfstraße überaus lebhaft.
Die Mägde sprachen von dem »prachtvollen Leichenputz«, den die Tote getragen, von den blütenweißen Brusttüchern und der breiten gestickten Seidenschärpe, vor allem aber davon, daß sie in der linken Hand statt des üblichen Sträußchens eine Zitrone gehabt habe.
»Nun, sie war eine Reiche!«
»Und was für eine! Sie ist sogar im Bette gestorben!«
»Arme Leute könnten das nicht!«
»Dürften es auch nicht. Es wäre gegen die Schicklichkeit.« –
Die Burschen waren noch lebhafter. Sie behandelten insbesondere eine Standesfrage.
Zu den Leichenträgern gehörten auch ein Halbbauer und ein Häusler; sogar der Schäfer. Der Großbauer Klin hat nicht mit »Träger« sein mögen deshalb. Sie haben müssen herumschicken. Da ist der Gregorek für den Klin eingesprungen.
»Der Klin hat ganz recht. Bauersleute sollen nur von Bauern getragen werden. Anderen Leuten kommt das nicht zu«, sagte ein junger Bauernsohn stolz.
»Du schmutziger Bengel, du bist der richtige!« fuhr ein anderer dazwischen. »Der Tod macht alles gleich. Und dem Toten ist es ganz gleich, wer ihn trägt.«
Der Bauernsohn geriet in Hitze.
»Wenn ich nicht meinen guten Anzug anhätte,« sagte er, »würde ich dir eine ›Pflaume‹[7]geben, an der du zu kauen hättest – du – du Demokrat du!«
»Warte nur den Abend ab«, entgegnete der andere. »Die Pflaume kommt zurecht. Sie wird desto blauer und saftiger werden – für dich.«
»Pst!« machte ein dritter. »Sie war die Frau des Kral. Da ist es etwas anderes. Da haben alle Anteil am Begräbnis. Der Branntwein war gut. Es wird ein Leichenschmaus, wie ihr noch keinen erlebt habt.«
Darauf sprachen sie von Mädeln und von Manövern. –
Zwei alte Weiber humpelten zusammen.
»Mein Gott«, sagte die alte Wičaz, die Mutter des Knechtes Lobo, »man kommt im Leben zu nichts. Ich hab' doch so viel Wanzen in meinem Bett, und da hab' ich ein paar gefangen und in eine Federspule gesperrt und die Spule an beiden Enden mit Wachs verklebt. Ich wollte sie in den Sarg stecken, daß ich alle Plagegeister los würde. Aber ich habe ja nicht allein an den Sarg kommen können. Es waren ja immer Leute da. Nun ist gar das Wachs von der Spule in meiner Tasche abgegangen, und die Viecher sitzen mir im Kirchenkleide. Ein armer Mensch hat kein Glück.«
»Wart, bis der alte Kito stirbt«, tröstete die andere. »Der macht's nicht mehr lange. Und bei dem sind nicht viel Leute. Der nimmt die Wanzen mit.«
»Hast du nicht deine Wanzen dem Merten mitgegeben?«
»Ja, aber sie haben nicht mit ihm gehen mögen, weil der sich doch gehangen hat und in die Hölle gekommen ist. Sie sind wiedergekommen.«
»Also warten wir, bis der alte Kito stirbt. Auf den hat man sich immer verlassen können!« – – –
Juro ging mit den beiden Deutschen vom Kirchhof zurück. Sie redeten nicht viel. Es war nur, daß die Gäste nicht allein blieben. Am Kretscham stand Heinrichs Fuhre. Dort nahmen sie bald Abschied. Elisabeth sagte leise zu Juro:
»Es tat mir weh, daß ich am Grabe deiner Mutter allein so fremd war. Die Leute sahen mich an, als ob ich nicht dahin gehöre, und ich gehörte doch gewiß dahin.«
»Ich danke dir, daß du gekommen bist, Elisabeth. Es wird eine schwere Sache, die wir übernehmen wollen, weil wir nicht zu den Leuten hingehen, weil wir sie zu uns herüberziehen müssen. Aber wir wollen mutige Kameraden sein.«
Sie reichten sich die Hände und schieden. – –
Samo ging mit Hanka. Sie sprachen eine Weile nicht, dann hob Samo den Kopf, wies nach vorn und sagte:
»Da gehen die Deutschen. Sie sind aufdringlich. Wie alleDeutschen! Gestern das studentische Gefasele dem Vater gegenüber war direkt ekelhaft. Sie sind hinter Juro her.«
»Wie meinst du das?« fragte das Mädchen arglos wie ein Kind.
»Es ist nicht schwer zu raten. Sie wollen ihn für das deutsche Mädchen.«
»Für diese da? – Als Mann? Als Ehemann?«
»Ja natürlich!«
Hanka schüttelte den Kopf und sagte ruhig:
»Das darf er nicht. Eure Mutter hat es mit meinen Eltern ausgemacht, daß Juro mich heiratet. Das muß er nun doch tun!«
»Nimmst du ihn gern?«
»Ich weiß es nicht. Er spricht nicht mit mir. Gestern hat er mich ausgeschimpft und mir den Leichentopf zerschlagen. Eigentlich fürchte ich mich vor ihm. Aber er ist einhübscherMann.«
»Ja! Und er ist ein Glückspilz!« knirschte Samo zwischen den Zähnen.
Hanka senkte traurig den Kopf.
»Ich möchte am liebsten wieder heim. Es ist so schön zu Hause. In der Spinnstube war ich schon die Kantorka[8], und ich bin doch erst achtzehn Jahr.«
Samo blieb vor ihr stehen und sah sie an. Und die Trauer wich auf ein paar Sekunden aus seiner Seele, und er sah, daß Hanka schön und lieblich sei.
»Man sollte dich auf Händen tragen, Hanka!«
»Sie sind alle gut zu mir. Nur Juro ist streng. Er schalt mich gestern, daß ich wendisch sprach.«
Da kollerte ein leises, grimmes Lachen über Samos Lippen.
»Der zukünftige Kral!« sagte er verächtlich. »Nun, ich bin da und will aufpassen. Gehen wir durch die Seitengasse, Hanka. Ich will nicht am Kretscham vorbei. Ich mag diese Deutschen nicht grüßen.«
»Aber ich will das Mädchen sehen«, sagte Hanka. »Sie ist ein Fräulein, man sieht es gleich.«
Samo ging allein durch die Seitengasse. – – –
Der Kral schritt hochaufgerichtet seines Weges. Sein Gesicht war ebenmäßig feierlich. An diesem schweren Tage seines Lebens brach eine rote Sonne durch graue Nebel des Schmerzes, zeigte sich seine Königswürde.
Bis von Muskau her im Nordosten waren Trauergäste gekommen, viele aus dem Spreewald von Burg, Leipe und Lehde, auch von den Städten Lübbenau und Kottbus. Dann welche aus Wittichenau und den Dörfern um Hoyerswerda, endlich viele aus dem Sächsischen, und sogar der berühmte und gelehrte Herr Buchdrucker Schmaler aus Bautzen hatte den weiten Weg nicht gescheut. Er ging jetzt neben dem Kral, und seine Brille funkelte, und sein Slawenherz freute sich dieser einmütigen Kundgebung des Wendenvolkes. Er sprach vom reinen Slawentum, und daß es wohl vereinbar sei mit der preußischen Königstreue.
Alle aber, die von weither gekommen waren, drängten sich an den Kral heran, wollten genau sehen, wie er ausschaue, und daheim Kunde geben vom König, dessen Bild auf keiner Münze und in keinem Buche stand. Eine Röte stieg dem Kral in die Wangen und verdrängte die bleiche Trauer. Und Dankbarkeit war in seinem Herzen für die Frau, die jetzt eingescharrt wurde. Zweimal in seinem Leben hatte er durch sie sein Königtum deutlich gefühlt, am Hochzeitstag, da er sie bekam, und heute am Begräbnistag, da er sie verlor. Beide Male hatte das Wendenvolk seine Vertreter zum Kral geschickt aus allen Dörfern und Städten.