Samo war aus der Stadt zurückgekehrt und hatte gehört, wer dagewesen sei und daß der Vater im guten Wagen den Gast nach Hause geleitet. Samo war mit rotem Kopf nach Hause heimgekommen. Er hatte in einem Gasthaus für das Slawentum der Wenden große Reden gehalten und dabei viel getrunken. Nun rief er nach Hanka. Barsch stellte er eine Frage wegen des Besuches. Das Mädchen gab ihm ruhige Auskunft. Da blitzte es zornig auf in den Augen Samos. Grimmig fuhr er das Mädchen an:
»Du führst die Deutsche selbst ins Haus, du rufst ihr den Alten herbei, du trägst ihr Wein zu, du bestellst ihr die Fuhre – was hat sie dir denn für Trinkgeld gegeben?«
»Samo!«
Das Mädchen richtete sich beleidigt auf.
»Das lasse ich mir nicht gefallen. Ich habe nur das getan, was die Gastfreundschaft gebietet.«
»Gastfreundschaft gegen Deutsche gibt's nicht«, rief Samo. »Gastfreundschaft gibt es gegen Hottentotten, Indianer, Kannibalen und sonst noch einigermaßen achtbare Völker, abernicht gegen Deutsche! Wendische Gastfreundschaft gegen Deutsche ist die Gastfreundschaft der Schafe für den Wolf!«
Hanka wandte ihm ohne Antwort den Rücken und ging fort.
Als der Vater nach Hause kam, erneuerte sich der Streit. Der alte Hanzo wurde blaß.
»Mir scheint,« sagte er, »noch bin ich der Herr in meinem Hause, und wenn es so anfängt, dann will ich mir doch noch alles anders überlegen.«
Samo zuckte die Schultern.
»Es muß doch anders kommen. Schon fängst du an nachzugeben. Schon versuchen sie mit List und Schmeichelei das zu erreichen, was sie mit Gewalt nicht bekommen können. Die Wenden sind dann verloren.«
»Sie sind nicht verloren! Ich habe um keinen Fuß breit nachgegeben. Was das Mädchen getan hat, war gut und brav, und deine Anschuldigung fällt auf dich zurück. Mir scheint, Gott hat mir zwei wackere Schwiegertöchter zugedacht; was ich aber von meinen beiden Söhnen denken soll, weiß ich nicht mehr.«
Auch der Vater ließ ihn stehen.
Da lief Samo aufs Feld hinaus, wo es bereits dunkelte. Er traf die alte Wičaz, die mit Paketen aus der Stadt kam.
»Nun, Alte, was sagen die Leute zu meiner Verlobung?«
»Die meisten freuen sich.«
»Die meisten? Nicht alle?«
»Hm – es gibt doch viele, die schon halb deutsch sind, die beim Militär gewesen sind oder in deutschen Dienststellungen. Denen gefällt der Herr Juro gar nicht schlecht.«
»So, er hat also wendischen Anhang? Großen Anhang?«
Die Alte zuckte die Achseln.
»Tu nicht so einfältig, alte Wičaz. Was habe ich dir angetan?«
»Nichts habt Ihr mir angetan. Dem Kito, dem alten Scheusal, habt Ihr einen Pelz angetan, einen richtigen Kuppelpelz –«
»Ach ja – ich verstehe – für dich kommt's auch noch –«
Die Alte sah ihn von der Seite her listig an.
»Was ihm – dem Juro – die Leute am meisten übelnehmen, ist, daß er sich am Kronenhügel vergreifen will.«
Samos Augen glimmten auf. Ein Schein wilder Freude flog über sein Gesicht.
»Wissen denn die Leute von dieser Absicht?« fragte er möglichst ruhig.
»Es spricht sich so langsam herum.«
»Es könnte nichts schaden, wenn es sich etwas schneller herumspräche«, sagte Samo und schenkte der Alten einen Taler.
Sie nickte.
»Früher wolltet Ihr das nicht! Aber man kann das schon machen.«
»Also mache es! Daß ich nicht geizig bin, weißt du!«
Er nickte ihr zu und ging allein weiter.
»Oho,« sagte er bei sich, »ich wäre ein Esel, wenn ich es mir so dumm verderben würde wie Juro. Ich muß sehen, daß ich die Geschichte mit Hanka und dem Alten wieder ins Geleise bringe.«