Die Jahre gingen dahin, der Französische Krieg war geschlagen, die Wenden hatten ihre alte Tapferkeit bewiesen im Kampfe für das große Vaterland. Und es war Friede geworden im deutschen Land, alter Hader beglichen, alte Wunden vernarbt.
Auch im Wendenland war Friede. Keinerlei Auflehnung und Untreue des kleinen stillen Völkchens, keinerlei Bedrückung, kein unfreundliches Wort von seiten der Deutschen. Noch flatterten die großen Haubenbänder im Wind, noch schnurrten in den Spinnstuben die Rädchen und die Mäulchen, noch ritten die Osterreiter übers Feld, noch klangen die alten wendischen Lieder. Und mit Liebe und Sorgfalt gingen gelehrte Gesellschaften und Einzelpersonen daran, zu sammeln, zu hegen, daß nichts Wertvolles, nichts Köstliches aus diesem Völkerleben verlorengehe oder vergessen werde. Und diesen Leuten stehen alle Deutschen nahe, die guten Willens sind.
Stilles friedliches Einvernehmen! Die Schönheit des wendischen Spreewalds wurde den Leuten im weiten Lande durch Hunderte von Bildern kundgetan, und bald besannen sich die klugen Berliner, daß ihre Spree, an deren »grünem Strand« sie wohnen, ja doch irgendwoher kommen müsse, und kühn wie die Sucher der Nilquellen drangen sie stromaufwärts, gerieten in den Spreewald und staunten, daß da ein wundersames Lagunenland war, märchenhaft wie das alte Venedig, mithohen grünen Walddomen und Gondolieren, die auf leisen Nachen den Fremden durch verträumte Wasserstraßen fahren.
Auch ins noch stillere Oberland kam manch ein Maler, mancher Künstler und Volksfreund.
Und die deutsche Sprache kam mit ihnen. Aber die Wenden suchten sie auch selbst auf den Märkten, in den Fabriken, in den Studiersälen. Aufgezwungen darf sie nicht werden. Nationalität ist Liebe, und Liebe kann nicht erzwungen werden!
Friede war auch bei den Menschen, von denen dies Buch erzählt hat.
Hanka war die aufrechte, starke Herrscherin auf dem Hof des alten Scholta Hanzo. Als sie von dem Tode ihres Mannes erfahren hatte, legte sie weiße Trauerkleider an und trug sie ein Jahr und einen Tag. Sie sprach nie von Samo, aber sie wies alle Freier, die sich an sie drängten, herb und kurz ab. Selten versah sich jemand von ihr eines übermäßig freundlichen oder gar scherzenden Wortes; sie hielt strenge Zucht, und sogar der alte Kito bekam öfters seinen Tadel. Aber sie war gerecht. In ihrem ganzen Haus und Hof war nichts Unordentliches, nichts Unsauberes. Die alte Wičaz mit ihrem Sohn hatte fortziehen müssen. Der Scholta überließ Hanka mehr und mehr das volle Regiment, und der Wohlstand mehrte sich von Jahr zu Jahr.
Über ihrem Söhnchen Hanzo wachte sie mit äußerer Kühle, aber desto innigerer Herzenssorge. Einmal, als der Knirps eben fünf Jahre alt geworden war, trat er vor seine Mutter, hatte einen Papierhelm auf dem Kopfe und einen Holzstecken als Schwert an der Seite und sagte: »Mutter, ich bin der Kral!«
Da erschrak Hanka so, daß sie erst kein Wort herausbrachte. Dann berief sie den alten Kito und fuhr ihn hart an. Es stellte sich heraus, daß Kito unschuldig war; die Knaben auf der Gasse hatten dem kleinen Hanzo zugerufen, daß er der Kral sei.
Da sagte Hanka kein Wort mehr über diese Sache, aber sie gewöhnte ihren Sohn noch mehr als früher an Bescheidenheit und friedfertiges Wesen.
Zweimal im Jahre ließ sie die gute Kutsche anspannen und fuhr zu Besuch auf den Hof des Herrn von Withold. Und der alte Edelmann nannte sie »gnädige Frau« und küßte ihr die Hand. Mit Elisabeth verband sie seit den Tagen von Breslau eine stille Freundschaft. Von Juro hielt sie sich ferner. Sie fragte ihn nie um Rat, auch nicht wegen der Erziehung ihres Sohnes, dessen Pate er war. Desto größere Zärtlichkeit brachte sie seinem Töchterchen entgegen, das das einzige Kind seiner Ehe geblieben war. Juro lebte mit seiner Frau auf dem Gut seines Schwiegervaters. Sein Schwager Heinrich hatte seinen Willen, sich ganz der Musik zu widmen, durchgesetzt. Er war Kapellmeister in einem kleinen Hoftheater geworden. Er hatte eine Oper geschrieben, die allerdings durchgefallen war; aber sein Leben war nicht ohne Glanz, denn sein Heros Richard Wagner hatte ihn einmal auf die Schulter geklopft und »Mein lieber, geschickter Freund!« zu ihm gesagt. Von solcher Hocherinnerung ließ sich leben.
Juros ärztliche Praxis war nicht bedeutend. Es gab immer noch viele Wenden, die ihre Krankheiten besprechen ließen oder sich mit Hausmitteln behalfen. Immerhin: nach geraumer Zeit sickerte durch, daß der »Pán doctor« selten für seine Hilfe Geld beanspruche, ja daß er bei armen Leuten eher etwas aus eigener Tasche zulege. Und nun mehrten sich die Patienten. Juro sprach mit den Leuten wendisch. Manchmal – wie von ungefähr – sprach er deutsch. Und das war immer ein leises Examen. Endlich kam eine Zeit, wo ihn die Leute fragten, was sie mit ihren Kindern beginnen sollten, wenn sie aus der Schule entlassen wurden. Dann gab er ihnen die Ratschläge, die seine Überzeugung ihm vorschrieb. – –
Eines hatte die Großbäuerin Hanka lange gequält. Ihr Schwiegervater Hanzo hatte einmal in einer ernsten Stunde zu ihr gesagt:
»Hanka, ich muß dir etwas anvertrauen, was eigentlich nur eine Sache für Männer ist. Aber seit Samo tot ist, stehst du an seiner Stelle. Der kleine Hanzo ist ein Kind, mit dem ich über solche Dinge nicht reden kann. Und Juro hat verzichtet und stehtabseits. So will ich dir sagen, wohin unsere alte Krone gekommen ist, als sie aus dem heiligen Hügel gerissen wurde, damit du es deinem Sohne anvertraust, wenn er groß ist und ich nicht mehr bin. – Die alte Krone habe ich mit Samo in nächtlicher Zeit unter unserer Kirchhoflinde begraben, dort, wo die Mutter liegt und wo ich einmal liegen werde. Und die Krone wird über unsern Häuptern sein, wenn wir da schlafen. Niemand weiß das; die Kronenstätte ist dem wendischen Volke fortan unbekannt. Nur der Kral darf sie wissen und sein Erbe. Das ist dein Sohn. Und bis er es erfahren kann, sollst du es wissen!«
Nach dieser Aussprache war die Großbäuerin Hanka tagelang bleich und vergrämt umhergegangen, so daß die Leute unter sich flüsterten: »Die Frau ist krank!« Das war aber, weil kein Schlaf mehr über ihre Augen kam. Denn in der Nacht, wenn Hanka in halbwachem Traumschlummer lag, trat Samo an ihr Bett, sah sie mit heißen, verängstigten Augen an und rief:
»Die Mutter muß die Krone vom Kopfe nehmen!«
Das war wie in den schrecklichen Tagen von Prag. Und wenn der Morgen kam, grübelte Hanka, was sie tun solle. Ein einziger Mensch war, den sie hätte um Rat fragen können, das war Juro. Aber sie fragte ihn nicht. –
Nach sieben bangen Tagen und sieben schweren Nächten hatte es Hanka mit sich ausgemacht.
Heimlich verließ sie zur Nachtzeit Haus und Hof. Gestählt durch ihren bewußten Willen, ging sie zum hochgelegenen Gottesacker. Alles, was an Furcht- und Spukgestalt seit der Kindheit Tagen in ihrem Herzen lebte, war besiegt. Und sie ging zu der Linde, unter deren Krone die Frau ruhte, mit der sie in dies Dorf gezogen war. Sie stach mit ihrem Spaten vorsichtig den Rasen ab. Sie grub. Das Herz bangte ihr, der Spaten werde den Sarg jener Frau treffen, aber es geschah nicht. So arbeitete Hanka zwischen Grabsteinen und alten Holzkreuzen im Mondenlicht.
Und sie fand zwischen den Wurzeln des Slawenbaums, der Linde, die silberne Krone. Die putzte sie mit ihrer Schürze abund legte sie beiseite. Dann schloß sie die Grube, fügte den Rasen auf seine Stelle.
Eine kleine Weile stand sie an dem Grabe und sprach in ihrem Herzen:
»Ich wollte deine Ruhe nicht stören, gute Mutter, aber ich mußte diese Krone holen, weil es dein Sohn Samo verlangt. Nun sollt ihr beide in Gottes Frieden ruhen!« Die Krone trug Hanka auf ihrer Brust unter dem großen Umschlagtuch davon.
Und sie ging auf Seitenwegen hin zur Spree.
Dahinein senkte sie die Krone.
Leise und langsam floß das stille Wasser darüber. – –
Hanzo aber, der alte »Kral«, ging noch oft auf den Gottesacker zum Grabe seiner Frau und träumte beim leisen Rauschen der Linde von einer tiefen, stillen Ruhe da unten im Schmuck einer strahlenden Krone.
Und er war nicht getäuscht. Das wußte auch Hanka.
Eine Krone würde über seinem Haupte sein, wenn er da unten schlief:
Die alte, unvergängliche Krone, in deren Glanz und ewigem Schmuck alle die ruhen, die auf Erden die Wahrheit gesucht und das Recht geliebt haben.