Chapter 12

Neuntes Capitel.

Wunderbare Veränderung! — Und das alles verdankte ich den Briefen von Lord Macartney. Aber warum legte er so vielWichtigkeit darauf? Weil die Verbindung mit dem englischen Lager schon seit mehreren Wochen unterbrochen war. Alle Couriers (Harkarrahs) wurden von den mahrattischen Streifparthien ermordet, oder mit verstümmelten Nasen und Ohren zurückgeschickt. Niemand wollte sich mehr zu dieser Reise verstehen. Aber sollte ich den Feinden meines Vaterlandes dienen, oder sollte ich nicht vielmehr — Doch das Wetter war vortrefflich, der Mond stand groß und freundlich am Himmel, und das ruhige Meer glänzte in Silberschein. Wir spannten unser kleines Segel auf, und steuerten fröhlich nach Süden zu.

Als die Sonne aufgieng, befanden wir uns auf der Höhe von Covilom, und schon um zwei Uhr Nachmittags hatten wir mein liebes Sadras im Gesichte. Plözlich tagte im Südost eine Fregatte auf, die mir verdächtig schien. Ich ließ daher zwischen die Brandung rudern, und lief in eine kleine Sandbucht ein. Jezt, so nahe bei Sadras,mußte ich diesen freundlichen Ort doch noch einmal sehen. Ich ließ demnach die Chialeng an den Strand ziehen, und eilte den wohlbekannten Fußsteig hinan.

Allein was fand ich? Alles öde, alles mit Schutt und Trümmern bedeckt. Die Einwohner waren durchs Schwerdt, oder den Hunger umgekommen; die Engländer, die mahrattischen Streifparthien, die Räuberbanden hatten allmählich Alles zerstört. Traurig wandelte ich durch die einsamen Straßen hin, bis ich endlich an mein eigenes Häuschen kam. Noch breitete der hohe, schattige Tamarindenbaum seine kühlenden Aeste darüber aus; aber es hatte das Schicksal der übrigen gehabt. Voll wehmüthiger Erinnerungen eilte ich an den Strand zurück, und beschloß, wo möglich, noch bis Alamparve zu gehen. Es war ohngefähr vier Uhr Nachmittags.

Eine Stunde darauf befanden wir uns auf der Höhe von Arialchery. Aber inzwischen war der Wind weniger günstig geworden,und der Himmel hatte sich mit schwarzen Wolken bedeckt. Die See gieng hohl; die Möwen flogen nach dem Lande; Alles kündigte ein Ungewitter an. Dennoch hoffte ich Alamparve noch erreichen zu können, und ließ daher die Leute rudern, was nur möglich war. Bald aber versank die Küste in Nacht, und der glänzende Schaum der Brandung war das Einzige, was ihre Nähe verrieth.

Noch eine gute Stunde hatten wir ungefähr in dieser Richtung fortgesteuert; als der Wind allmählig aus Norden aufzufrischen anfieng. Bald war er uns völlig entgegen, und Alamparve zu erreichen pure Unmöglichkeit. Zugleich brach das Ungewitter los, und der Regen schoß in Strömen herab. »Ans Land! Ans Land!« — schrien wir alle, und ruderten muthig in die schäumende Brandung hinein. Die Chialeng stieg und sank, bis sie endlich von der lezten Welle, wie ein Pfeil ans Ufer geschnellt ward.

Die Gegend, wo wir uns befanden, warmit Gebüsch und wilden Palmbäumen bedeckt, und schien gänzlich unbewohnt. Wir zogen die Chialeng so hoch als möglich ans Land, nahmen einige Lebensmittel daraus, und verbargen uns im Gehölz. Der Sturm wüthete mit Heftigkeit fort. Die Palmen rauschten; der Regen schoß zwischen den Zweigen herab; und furchtbar tönte die Brandung vom Ufer her. Keiner von uns vermochte ein Auge zuzuthun.

Gegen Morgen schien das Wetter etwas besser zu werden; doch gieng die See entsezlich hoch. Wir beschlossen daher, ruhig am Lande zu bleiben, worauf sich jeder dem Schlafe überließ. Einige Stunden darauf erwachte ich plözlich von einem Sonnenstrahl, stand auf, und legte mich an einen Baum. — Auf einmal — Menschenstimmen ganz nahe bei mir. — Ich warf mich auf den Boden; der Ton kam vom Strande her — Mit zurückgehaltenem Athem kroch ich an den Rand des Gehölzes, da zogen sie hin. — Zwanzig Mann von einer mahrattischen Streifparthie.

So ritten sie vorüber, und eilends weckte ich meine schlafenden Leute auf. — Was sollte ich thun? — In See gehen? — Der Sturm hielt noch immer an. — Am Lande bleiben? — Die Gefahr nahm mit jedem Augenblick zu. — Unterdessen hatte sich der Himmel aufgeklärt. — Ich beschloß, mein Schicksal dem Meere anzuvertrauen. — »In See!« — rief ich meinen Leuten zu; sie schüttelten den Kopf. — »So wißt denn« — fuhr ich fort, und theilte ihnen den Vorfall mit. — Mehr bedurfte es nicht; augenblicklich war die Chialeng flott gemacht. Muthig ruderten wir durch die Brandung, und kamen bei dem dritten Versuche glücklich in See.


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