Chapter 29

Eilftes Capitel.

Als ich wieder zu mir kam, spürte ich in meiner Nähe einen scheußlichen Verwesungsgeruch.Es war ein todter Büffel, auf dem ich lag. Hastig raffte ich mich auf, und starrte verzweiflungsvoll in die undurchdringliche Finsterniß. Zorn und Wehmuth, Verdruß und Ungeduld; alle diese Empfindungen wechselten unaufhörlich in meiner Seele ab. Doch suchte ich mich endlich zu beruhigen, sezte mich auf den steinigten Boden nieder, und fiel in einen tiefen Schlaf.

Der Tag brach an; die finstere Gruft erhellte sich; ich erwachte, und wurde mit Entsetzen mein ganzes Unglück gewahr. Ich befand mich nämlich in einer Höhle, die sich zu beiden Seiten tief in die Erde zu erstrecken schien. Aus dem Gewölbe war ein großes Stück eingebrochen, und durch diese Oeffnung fiel das Licht hinein. Die hohen Wände waren völlig steil, und auf allen Seiten gleich weit davon entfernt.

Was sollte ich thun? Die Gegend schien durchaus menschenleer. Dennoch beschloß ich zu rufen, und verstärkte die Stimme nach Möglichkeit. Allein vergebens, sie verhalltein dem ungeheuren Raume, der mich umgab. Der Tag vergieng, das tröstende Licht verschwand, und Finsterniß des Grabes hüllte mich abermals ein. Diese zweite Nacht war ungleich schrecklicher für mich. Tausende von Uhus flogen über meinem Kopfe aus und ein, und ganze Haufen heulender Schakals umringten die Oeffnung. So saß ich mehrere Stunden lang, bis endlich ein schwacher Mondstrahl in die Höhle fiel, und meine Stimmung etwas ruhiger ward. Bald darauf sank ich in tiefen Schlaf.

So vergieng die Nacht, und mit dem ersten Sonnenstrahle floß neue Hoffnung in mein Herz. Durch die Oeffnung aus der Höhle zu kommen, war unmöglich; aber durch einen der Seitengänge vielleicht einen Ausweg zu finden, schien, troz der Gefahren, eines Versuches werth. — »Wohlan!« — sagte ich zu mir selbst — »Wohlan! das Aeußerste gewagt!« — So raffte ich mich ungefähr um Mittag auf,und schlug den Weg in einen der düsteren Seitengänge ein.

So lange ich noch etwas Tageslicht hatte, gieng es ziemlich gut. Als aber auch der lezte Schimmer verschwand, hielt ich mit klopfendem Herzen an. Doch auch diesmal trug die Ueberlegung den Sieg davon, und so stürzte ich mich muthig in die unermeßliche Nacht hinein. Die einzige Vorsicht, die ich brauchte, war, mich Schritt vor Schritt an der Wand zu halten, und allen Biegungen derselben nachzugehen.

Der Boden war rauh, und ungleich. Steinhaufen, und einzelne Felsenstücke, Erhebungen und Vertiefungen wechselten unaufhörlich ab. Ich mußte den Weg unaufhörlich mit dem Hirschfänger untersuchen, und rückte daher nur langsam fort. So mochte ich mich ohngefähr zwei Stunden fortgearbeitet haben; als ich plözlich an etwas Bewegliches stieß. Ich befühlte es mit dem Fuße; es schienen Knochen zu seyn. Ich griff es an; es war ein Menschenskelett.Welche Entdeckung! — »Das Bild meines Schicksals!« — sagte ich zu mir selbst, und lehnte mich tief erschüttert an die Wand.

Unterdessen glaubte ich einiges Geräusch zu hören, und rufte laut durch die starrende Finsterniß. Zugleich verdoppelte ich meine Schritte, entschlossen, dem Tode, oder dem Leben entgegen zu gehen. Plözlich ward ich zwei kleine feurige Punkte gewahr. — Vielleicht eine Schlange die auf mich zugeschossen kam. — Aber die Punkte blieben unbeweglich; es schien von zwei Lampen zu seyn. In dem Augenblicke machte die Wand einen starken Abfall, und ich erblickte eine Felsenspalte, die vom glänzenden Abendrothe beleuchtet war. Eilends kappte ich das Gesträuch hinweg, zwang mich mit muthiger Brust hindurch, und athmete nun wie neue geschaffen, in der freien herrlichen Gotteswelt.

Die Sonne gieng unter, und im Purpurglanze lag die ganze liebliche Landschaft, und Vizagapatnam in geringer Entfernungvor mir. Ich eilte dahin, und ward mit großer Freude empfangen; jedermann hatte mich todt geglaubt. Es zeigte sich jezt, daß ich in einer der Höhlen gewesen war, die ehedem mit den Pagoden in Verbindung standen, und deren Eingänge nur noch wenigen Braminen bekannt sind.


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