Chapter 37

Neunzehntes Capitel.

Es war gerade drei Uhr Nachmittags; langsam zogen wir durch den Schattengang, der von Madras nach St. Thomas (indisch Maliapur) führt. Hinter diesem Dorfe fingen die Verwüstungen des lezten Krieges an, alles war daher mit Ruinen bedeckt. Zum Glück hatten wir uns hinlänglich mit Lebensmitteln versehen.

Am dritten Tage kamen wir durch das Thal Maweliewarom, das seiner wunderbaren Ruinen wegen berühmt ist. Man sieht hier nämlich eine Reihe von Tempeln, Piramiden, Chauderies, Gewölben u. s. w., die sämmtlich aus einem Stücke in den Felsen gehauen sind. Mit Ehrfurcht betrachtet man diese Ueberreste einer eben so kühnen, als romantischen Architektur, aus den ersten Jahrtausenden der Welt.

Am merkwürdigsten sind sieben Tempel, die sich in gerader Linie, einer hinter denandern, vom Strande aus, über eine Meile weit, ins Meer hinausziehen. Der erste steht beinahe noch ganz auf dem Lande, das Wasser steigt nur bei sehr hohen Fluthen hinein. Die vier folgenden ragen immer weniger, die zwei lezten fast gar nicht aus dem Meere empor.

Noch weiter in den See hinaus, erblickt man eine Menge ähnlicher Ruinen, die bei hohem Wasser sehr gefährlich sind. Die sieben Pagoden von Maweliewarom, pflegen daher auf allen Seekarten bemerkt zu seyn.

Alle diese ungeheuren Gebäude hält man für die Ueberreste einer der ältesten und größesten Städte von Indien, deren Geschichte indessen in tiefer Nacht verborgen liegt. Blos ein berühmtes indisches Heldengedicht (Mahebaroth) erwähnt des mächtigen Königs Joudishter, der daselbst residirt haben soll. Wie dem indessen auch seyn mag; die Aufführung solcher Massen beweißt einen hohen Grad artistisch-scientifischer Cultur. Das Ganze muß übrigens von unermeßlichem Umfange gewesenseyn, da nicht nur das Thal, sondern auch ein so beträchtlicher, jezt vom Meere verschlungener, Küstenstrich damit bedeckt war. Mitten unter diesen Denkmälern längstverschwundener Generationen, findet man ein kleines, meistens von Braminen bewohntes Dorf, an dessen Eingange die Chauderie steht.

Indessen pflegen nur wenig Reisende hier zu übernachten, weil alles mit Tigern, Schakals u. s. w. angefüllt ist. Da wir uns aber zu lange aufgehalten hatten, schien es noch weniger räthlich, in der Dämmerung weiter zu gehen. Wir beschlossen daher, vor der Chauderie ein großes Feuer anzuzünden, und wechselweis dabei Wache zu halten, wo mich dann nach dem Abendessen die erste Wache traf.

Es war fast Mitternacht, der Mond gieng hinter den waldigen Gebirgen unter, und goß sein schwindendes Licht auf die gigantischen Ruinen einer Pagode herab. Bald lag nun alles in Dunkelheit; kein Lüftchen wehte; kein Blättchen rauschte; selbst das Heulen der Schakals hatte aufgehört. Da starrteich hinaus in die schwarze Nacht, und auf das einsame Thal, wie auf das Grab einer entschlafenen Welt. O Menschenleben! O Menschengröße! Augenblicke — Jahrtausende! —EinTropfen aus dem Ocean der Ewigkeit.

Am sechsten Tage kam ich durch lauter verwüstete Gegenden in Pondichery an, und fand in dem deshalb bezeichneten Wirthshause bereits einen Brief von Mamia, der den Tag nach meiner Abreise abgegangen[12]war. Sie schrieb mir in den zärtlichsten Ausdrücken, und hoffte mich unverzüglich wieder zu sehen. Ihre Brustbeschwerden schienen zuzunehmen, doch war sie im übrigen vollkommenwohl. Ich selbst ward aber leider nunmehr von einem Fieber befallen, das mich nun alle Tage im Bette hielt. Unterdessen hatte ich dem lieben Mädchen geantwortet, und ihr versprochen, in zehn, zwölf Tagen wieder in Madras zu seyn.

Schon stand ich jezt im Begriffe, meine Rückreise anzutreten, als ich von meinem Dobasch einen Brief mit der Nachricht erhielt, daß Mamia plözlich verschwunden sey. Ein Gunekare (Wahrsager) hatte ihr einige Tage vorher, ihren Horoscop gestellt, und ihr die nahe Trennung von ihrem Geliebten vorhergesagt. Seit diesem Augenblick hatte sie unaufhörlich geweint, und ihre Brustschmerzen dadurch vermehrt. In ihrem Zimmer war jedoch nicht die mindeste Anzeige von einer Reise zu finden; im Gegentheile waren Juwelen, Kleider u. s. w. in der besten Ordnung. Ich gestehe es, ich erschrack über diese Nachricht so sehr, daß ich mich kaum zu fassen im Stande war.

So hatte ich einige Tage in großer Unruhezugebracht, als eines Abends ein Malabar bei mir erschien, der gerade vonOmurkam. Er brachte mir Nachrichten von Mamia; sie war krank, und befand sich in dem Hause seiner Mutter, die ebenfalls von der Caste der Tänzerinnen war. — »Wie?« — rief ich mit wehmüthiger Freude aus: — »Krank, und zu Omur?« — »Ja Herr!« — erwiederte der Juntrie, und erzählte mir den Zusammenhang. Mamia kam wirklich von Madras, und wollte nach Pondichery. Sie hatte diese Reise so eilig angetreten, daß sie nun gefährlich darnieder lag. Die Daja hatte den Juntrie auf ihr ausdrückliches Verlangen abgeschickt: — »Sie wünsche mich vor ihrem Tode nur noch einmal zu sehen.«

Man denke sich meine Empfindungen. — Soviel Liebe, soviel Anhänglichkeit! Und ich solltesieverlieren, die mein Alles war! — Schnell ließ ich einen Palankin kommen, reiste die ganze Nacht, und kam schon Morgens um sieben Uhr zu Omur an. Da stand ich nun mit klopfendem Herzen vor dem kleinenmalabarischen Häuschen, das meine geliebte Freundin verbarg, während der Juntrie hineingegangen war, und der Daja von meiner Ankunft Nachricht gab.

Die gute alte Frau erschien, und erzählte mit thränenden Augen, wie alles zugegangen war. Mamia hatte seit meiner Abreise keinen ruhigen Augenblick gehabt. Nichts war im Stande gewesen, sie von der Reise nach Pondichery abzubringen; sie wollte, sie mußte mich noch einmal sehen. Aber am fünften Tage hatte sie ein heftiges Fieber bekommen, und war halbtodt in Omur angelangt.

Der Juntrie kam uns jezt zu sagen, daß Mamia aufgewacht sey. Die Daja gieng hinein, sie auf meine Ankunft vorzubereiten; ich hörte meinen Namen nennen, und folgte ihr auf dem Fuße nach. Mamia lag auf einer Matte ausgestreckt. Ihr himmlisches Gesicht war todtenbleich; ihr ganzes Ansehen zeigte die höchste Erschöpfung an. Aber kaum ward sie mich gewahr, so richtete sie sich auf, und breitete ihre Arme nach mir aus. — »Achmein bester Freund!« — rief sie mit heißen Thränen — »Wie bist du so gut! — Nun will ich gern sterben, habe ich dich doch noch einmal gesehen!« —

Ich suchte sie zu trösten, aber vergebens — »Ach Gott!« — fuhr sie fort — »Nein! Für mich ist keine Hülfe mehr, ich fühle es nur zu gut! Mein Schmerz ist tödlich; meine Augenblicke sind gezählt! Geliebtester! Ich habe nur noch eine Bitte an dich!« —

»Und was soll ich für dich thun, o Einzige meines Lebens« — sagte ich. —

»Du bist mir Alles! Ich habe keinen Freund als dich! Zünde du meinen Scheiterhaufen an!« —

Ich versprach es ihr — Sie legte ihr Haupt an meine Brust, und hob ihre brechenden Augen noch einmal voll Zärtlichkeit zu mir empor. — »Leb wohl, Geliebtester! — Leb ewig wohl!« — Dies waren ihre lezten Worte, und so entschlummerte sie.

Nichts von meinen Empfindungen; einen solchen Schmerz hatte ich noch nie gefühlt.Das holde theure Mädchen war das Opfer ihrer Zärtlichkeit. Erst seit jenem schrecklichen Tage, wo sie mich rettete, hatte sie über Brustbeschwerden geklagt.

»Theure, geliebte Seele!« — rief ich mit heißen Thränen — »Ach! Ohne dich ist das Leben nur eine Marter für mich!« — Traurig vergieng der Tag; die Braminen richteten alles zum feierlichsten Begräbnisse ein. — Zum leztenmal sah ich das himmlische Gesicht — die Flamme loderte auf — der unsterbliche Theil meiner Geliebten stieg zu Brama empor. — Lebt wohl, ihr Gestade Ostindiens! — Ich kehrte nach Pondichery, und bald darauf nach Europa zurück!


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