Chapter 55

Achter Brief.

Bai vonSt. Helena,Juli 1805.

Was ich so oft gehört habe, finde ich nun vollkommen bestätigt: das Clima von St. Helena ist wirklich sehr angenehm. Dies kommt besonders von dem Paßatwinde her, der unaufhörlich über die Insel weht, und die Luft beständig rein und kühl erhält. Erdbeben und Orkane, in den tropischen Gegenden sonst so häufig, sind hier unbekannt. Es regnet selten, oft, wie man behauptet, in zehn, zwölf Monaten und darüber nicht. Als Ursache hiervon giebt man die Stätigkeit des Paßatwindes, so wie die abgeschnittene Lage, den geringen Umfang, und die verhältnißmäßigeKahlheit der Insel an. Indessen scheint gewiß, daß die hiesige Atmosphäre seit ungefähr 50 Jahren etwas feuchter geworden ist, daß seit dem vermehrten Anbaue ungleich mehr Regen fällt, und daß man eine anhaltende Dürre immer weniger zu fürchten hat.

Wichtig scheint die Bemerkung, daß die Luft auf St. Helena überall, in den Thälern wie auf den Bergen, an den Küsten wie im Innern der Insel, gleich vortreflich ist. Der Wärmegrad hingegen wechselt natürlich nach den Höhepunkten ab. Auf den höchsten Punkten fällt der Wärmemesser bis unter 54° Fahr. herab, während er im St. Jamesthale bis 84° steigt. Beides wird aber freilich nur selten bemerkt. Der sogenannte Wintermonat, der halbe Juni und Juli, pflegt hier am kühlsten zu seyn. Der Himmel ist dann häufig bedeckt, es fallen ziemliche Regenschauer, und nicht selten ist die ganze Insel in einen leichten Nebel verhüllt.

Wie gesund die Luft von St. Helena sey,beweißt unter andern auch das Ansehen der Einwohner, besonders derer, die hier geboren sind. Da ist keine Spur von jener Totenfarbe, jener Abmagerung und Schwäche, wie man sie in andern Theilen von Asien und Afrika bemerkt. Ohne etwas von schweren Krankheiten oder peinigenden chronischen Uebeln zu wissen, erreichen die meisten Einwohner ein sehr hohes Alter, und zeigen noch oft im 70, ja 80sten Jahre, ungemeine Kraft und Munterkeit. Eben so erholen sich die siechsten Personen, an deren Leben man in Ostindien verzweifelte, auf St. Helena größtentheils mit unglaublicher Schnelligkeit.

Von der gefährlichen Nachtluft, die in den tropischen Ländern oft so tödtlich ist, weiß man hier ebenfalls nichts. Im Gegentheil, man kann sogar am Strande schlafen, ohne daß man das Mindeste davon zu fürchten hat. Dies geschieht denn auch von den Matrosen sehr häufig, indem die Schiffe gerade der Stadt gegenüber vor Anker gehen. So vereinigt sich denn Alles, um St. Helenazu einem macenarischen Posten zu machen, der für den englisch-ostindischen Handel sehr wichtig ist. Hier finden nämlich die nach Europa segelnden Schiffe gleichsam auf halbem Wege, den besten Erfrischungsort. Ich sage, die nach Europa segelnden, weil nur diese über St. Helena gehen. Die aus Europa kommenden legen nämlich am Kap an. Dieser Unterschied wird durch die Abweichung des Paßatwindes bestimmt.

Der Umfang der Insel wird auf höchstens 12 Stunden geschäzt. Die größte Länge soll von 6, die größte Breite von 4 Stunden seyn. Die Bevölkerung giebt man auf 2300 Seelen an, worunter 5-600 Mann Garnison, und 7-800 Neger mit begriffen sind. Für die Sicherheit der Insel ist nach Möglichkeit gesorgt. Nicht genug, daß jede Landung durch die hohen Felsen und die heftige Brandung sehr erschwert wird; es sind auch auf den vornehmsten Punkten Batterien und Bollwerke angelegt.

Zugleich sind auf den benachbarten Felsengipfelnimmer große Steinvorräthe in Bereitschaft. Auf dem höchsten Punkte der Insel, auf dem Dianenpik, ist ein Wachthaus, von dem man alle Schiffe in der Entfernung von vielen Stunden signalisirt. Eben so sind rund um die Insel Telegraphen errichtet, die sämmtlich mit St. Jamestown in Verbindung stehn. Die Disciplin der Garnison ist sehr gut, und alle Morgen sorgfältiger Namensaufruf. Sobald man nun einen Mann vermißt, wird sogleich Embargo auf die Schiffe gelegt. Dies macht das Desertiren beinahe unmöglich, indem nicht leicht ein Schiffer die Hand dazu bieten wird.

Der jetzige Gouverneur ist ein sehr thätiger und einsichtsvoller Mann. Er hat sich bereits in vielen Hinsichten um St. Helena sehr verdient gemacht. Unter andern hat er eine Einrichtung getroffen, die äußerst nüzlich geworden ist. Alle Vergehungen werden nämlich mit einer verhältnißmäßigen Strafarbeit gebüßt. So wurden mehrere öffentliche Gebäude aufgeführt, die Inselwege verbessert,wüste Strecken angebaut u. dgl. mehr. Der schöne Compagniegarten z. B. entstand allein auf diese Art. Vorher war es ein wüster Platz, wo aller Unrath von St. Jamestown zusammenfloß. Jezt ist es die herrlichste Pflanzung, die man sehen kann.

Die Feldarbeiten werden hier durch Neger verrichtet, die zum Theil freie Leute sind. Der Sclavenhandel ist schon seit 25 Jahren und darüber abgeschafft. Dies hat auf den Anbau der Insel den glücklichsten Einfluß gehabt. Indessen halten sich auch die freien Neger freiwillig zu den einzelnen Gutsbesitzern, was für beide Theile gleich vortheilhaft ist. Eben so sieht man deren als Bediente, Jäger, Aufwärter, theils auf dem Lande, theils in St. Jamestown. Man rechnet in allem 7-800 zusammen, worunter die Weiber die Mehrzahl sind.

Von diesen leben sehr viele in der Stadt. Sie werden besonders als geschickte Näherinnen, Köchinnen und Wäscherinnen gelobt. Die jüngere und schönere treiben ein bekanntesNebenhandwerk, das während der Anwesenheit der ostindischen Flotten sehr einträglich ist. Die meisten Negerinnen berechnen ihr Alter theils nach dem Monde, theils nach den Proviantschiffen aus England. — »Ich bin 300 Proviantschiffe alt!« — gab mir eine sehr betagte Frau zur Antwort. Dies macht, 4 Proviantschiffe auf das Jahr gerechnet, nicht weniger als 75 Jahre.

Zwei Tage nachher.

Werden Sie glauben, theuerster Freund, daß von der Fortsetzung meiner Reise nach der Kapstadt die Rede gewesen ist? Hören Sie nur! Vor ungefähr 5 Tagen lief hier ein kleines Kapsches Schiff mit Wein und Butter ein. Der Capitain hörte von uns, und bot uns gegen gute Bezahlung sofort die Ueberfahrt an. Meine sämmtlichen Gefährten entschlossen sich fast augenblicklich dazu, ich aber nahm mir vor, etwas bedächtlicher zu Werke zu gehn.

Den andern Tag ward ich zu dem Capitainunseres Kriegsschiffes eingeladen; was schon mehrmals der Fall gewesen war. Er erklärte mir, er würde in 5, 6 Tagen unter Segel gehn. Ob ich ihn begleiten, meine Reise nach dem Kap fortsetzen, oder auf St. Helena bleiben wolle, sey mir freigestellt. Ich bat um eine Stunde Bedenkzeit, und entschloß mich zur Reise nach — England.

Sie werden erstaunen, verehrter Freund, aber hören Sie meine Gründe an. Zuerst ist das Kapsche Schiff ein kleines, altes und sehr schlechtes Fahrzeug, wie sie es in der Regel fast alle sind. Zweitens sind wir im Regenmonßon, wo es in diesen Gewässern, und gerade in der Nähe des Kaps, sehr heftige Stürme giebt. Drittens ist die Reise von St. Helena nach dem Kap ohnehin schon beschwerlich, da man, um den Paßatwind zu bekommen, einen bedeutenden Umweg machen, und wenigstens einen Monat darauf rechnen muß. Viertens endlich glaubte ich, allen Umständen zufolge, durchaus an mein erstes Schiff und dessen Schicksal gebunden zu seyn.Der Capitain selbst gab mir vollkommen Recht. Ich werde nun noch eine Rundreise um die Insel machen, wozu die Erlaubniß bereits ausgewirkt ist, und dann mit vollen Segeln nach Europa zurück!


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