Zehnter Brief.
In See,August 1805.
Gestern verließen wir St. Helena. Ich schlief noch ganz ruhig in meiner Koje[26], als ich durch die Signalschüsse geweckt ward. Schnell zog ich mich an, und eilte auf das Verdeck. Eben stieg die Sonne aus dem Meere auf, und alle Schiffe glänzten im Morgenroth. Wir hatten deren noch sechs in unserer Begleitung, lauter große Ostindien- und Chinafahrer mit Ladungen von unermeßlichem Werth. Der Südostpassat war uns äußerst günstig, bald lag die Insel gleich einem schwarzen Streifen hinter uns, und heute sind wir schon viele Meilen davon entfernt. Ich habe jezt die eine Hütte ganz für mich. So kann ich mich der zweiten Koje als Vorrathskammer bedienen, und bin in allem weit besser daran, als ehedem. DieKost ist erträglich, das beste müssen aber auch diesmal die eigenen Provisionen thun.
12. August.
Vorgestern segelten wir die Insel St. Ascension vorbei, sie bietet dem Auge nichts als kahle Klippen dar. Das Segeln in Convoy hält unsere Fahrt nicht wenig auf. Immer bleibt ein und das andere Schiff zurück, auf das gewartet werden muß. Dann ist bald dies, bald jenes zu thun. Dann ruft bald dieser, bald jener das Kriegsschiff an. So lagen wir oft drei und mehrere Stunden bei, wobei es nicht an gegenseitigem Besuchen fehlt. Auf dem einen Ostindienfahrer giebt es fast alle Abende große Musik. Es sind besonders Blasinstrumente, was auf der See von ganz eigener Wirkung ist. Morgen passiren wir die Linie, doch finden keine Feierlichkeiten statt.
30. August.
Seit 10 Tagen haben wir den Südostpassat verloren, und rücken nur langsam fort.Der Himmel ist bedeckt, der Barometer gefallen, der Wind veränderlich. Wir sahen unter der Linie einige Wallfische, sie glichen von weitem einem großen umgekehrten Schiffe, das mit den Masten nach unten liegt. Sehr schön nahmen sich die hohen von ihnen ausgeworfenen Wasserstrahlen aus. Sie bildeten, ehe sie wieder niedersanken, einen majestätischen Bogen im herrlichsten Farbenspiel.
Vorige Nacht hätten wir beinahe ein großes Unglück gehabt. Der eine Ostindienfahrer war nämlich vom Curse abgekommen, und schoß in der Nacht kaum anderthalb Fuß vor unserm Vorderstewon[27]vorbei. Wir haben Wassermangel, so eben höre ich aber, daß man uns vom Kriegsschiffe drei große Fässer zugeschickt hat. Nun so will ich mir denn seit 8 Tagen den ersten Thee wieder machen, der mir wie Nektar schmecken soll.
9. September.
Der Capitain hat die Luken öffnen lassen, um nach der Ladung zu sehen. Es ist viel Seewasser eingedrungen, der Schaden scheint größer als man geglaubt hat. Dies ist aber sehr natürlich, da alles unter einander geworfen worden war. So liegen die Kisten mit den feinen Tüchern oben auf. Auch die meinigen sind bis auf den Grund durchnäßt. Die Bücher z. B. bilden nichts als eine verschimmelte Masse, so daß ich sie nur ins Meer werfen kann. Die Matrosen sind jezt beschäftigt, das Schiff anzumalen, und bringen überall, wo sichs nur schicken will, eine Stückpforte an. Wir sollen von weitem recht furchtbar aussehn, damit sich kein französischer Kaper an uns macht. Unsere Fahrt war bei dem veränderlichen Winde langweilig genug. Allein gegen Ende der vorigen Woche bekamen wir den Westpassat, und nun geht es fröhlich den europäischen Gewässern zu.
27. September.
Gestern war ein angstvoller Tag für uns. Ohngefähr auf der Höhe von Kap finisterre rief uns am 24. ein englischer Kutter an. Er gab uns Nachricht, daß der ganze Golf von Biscaya, und besonders die Einfahrt des Kanals mit französischen Kriegsschiffen bedeckt sey. Sie hätten den größten Theil eines nach Westindien bestimmten Convoys genommen, und sich sogar an der englischen Küste gezeigt. Der Capitain unseres Kriegsschiffes hielt es daher fürs beste, seinen Kurs so nördlich als möglich zu nehmen, theilte indessen auf jeden Fall die nöthigen Befehle aus.
Gestern um 9 Uhr Morgens tauchten in großer Entfernung einige Kriegsschiffe auf. Man sah sie allgemein für englische an. Allein um 1 Uhr Nachmittags zeigte sich leider das Gegenteil. Es waren 3 französische Fregatten, von denen die eine mit vollen Segeln auf unser Kriegsschiff zukam. Indessen dauerte es doch noch fast eine Stunde,ehe das eigentliche Gefecht seinen Anfang nahm. Es scheint, daß man auf beiden Schiffen noch mit den Zurüstungen beschäftigt war. Endlich schickte die Fregatte dem Kriegsschiffe einige Kugeln und bald darauf eine ganze Ladung zu, und nun begann der Kampf mit Heftigkeit.
Unser Kriegsschiff leistete den tapfersten Widerstand, selbst als schon in der ersten halben Stunde die zweite, und endlich auch die dritte Fregatte dazu gekommen war. So dauerte das Gefecht, mit einer kleinen Pause bis gegen Abend fort. Jezt aber mußte das Kriegsschiff streichen, worauf es von den Franzosen in Besitz genommen ward. Wir sahen jezt die eine Fregatte auf die Convoy loskommen, benuzten aber den Vortheil des Windes und der Dämmerung, und entgiengen ihr. Doch zweifle ich, ob dies allen Schiffen geglückt seyn mag.
Unsere Offiziere und Matrosen waren überden Sieg der French Dogs[28]vor Wuth ganz außer sich. Sie schwuren, die Prise bis auf das Aeußerste zu verteidigen, und sollte es ihr lezter Augenblick seyn. Die Lichter wurden bedeckt, die Kanonen und Gewehre in Stand gesezt. Jeder hielt sich auf seinem Posten, und spähte in die düstere See hinaus. Indessen bekamen wir nur einige Schiffe und diese sämmtlich nur an der französischen Küste zu Gesicht. Wir erkannten sie in ziemlicher Entfernung an den drei großen Laternen des Hintertheils.
Heute Morgens um 8 Uhr aber erblickten wir ein Schiff, das mit vollem Winde auf uns zugesegelt kam. — »Jezt gilt es Leben oder Tod!« — rief der englische Lieutenant und munterte das Schiffsvolk durch eine kräftige Anrede zum Gefechte auf. Wir Passagiere, der vorige Capitain, der Schiffsarzt und ich, mußten uns in den Raum begeben, und brachten hier eine Stunde in Todesangstzu. Doch endlich hörten wir ein lautes Freudengeschrei, wurden hinaufgerufen, und sahen, daß jenes Schiff ein englischer Kutter von 34 Kanonen war. Er kam uns nun in kurzem zur Seite, und theilte uns allerhand Neuigkeiten mit.
5. October 1805. Morgens.
Wir haben die Küsten von Cornwallis in Gesicht, der Wind ist südost, und also in hohem Grade günstig für uns. Die schönen grünenden Berge mit ihren alten Kastelen glänzen im Sonnenschein, und eine Menge freundlicher Häuser ragen zwischen Baumgruppen hervor. — Ein Amerikaner hat uns mit herrlichem Pökelfleische und Kartoffeln ein erwünschtes Geschenk gemacht. Auch wird so eben ein Netz mit Sardellen aufgefischt. Alles auf dem Schiffe ist Leben und Fröhlichkeit. Wir sehen eine abgehende westindische Kauffartheiflotte von mehr als hundert Segeln, die von zwei Kriegsschiffen escortirt wird. Es ist ein unaussprechlich erhabener Anblick.Noch diesen Abend segeln wir um Cap Lezard herum.
Plymouth, 7 October 1805.
Als ich gestern Morgens erwachte, befanden wir uns in der Cawsandbay. Welcher Mastenwald! Welches Leben und welche Thätigkeit! Ich sage nicht zu viel, es lagen hier an 500 Schiffe zusammen, und dazwischen fuhren unzählige Schaluppen hin und her. Nicht weniger angenehm war der Landprospect. Ein Halbzirkel von herrlichen angebauten Bergen, in den Abhängen mit freundlichen Landhäusern, an dem Fuße mit schönen Dörfern bedeckt. Hier weidende Heerden, dort wohlgekleidete Feldarbeiter, und im Hintergrunde auf der höchsten Spitze ein Telegraphenthurm. Bald kamen nun eine Menge Boote mit Lebensmitteln an unser Schiff. Ich kaufte mir Wasser, Milch, Brod, Butter und Obst, und hielt ein köstliches Frühstück damit. Wenn man so nach drei Monaten zum erstenmal wieder einen frischenTrunk reines Quellwasser kostet — es ist ein Genuß, der sich nicht mit Worten beschreiben läßt.
Unterdessen ward es von Stunde zu Stunde immer lebhafter in der Bay. Ich zählte an 300 Boote, blos mit Frauenzimmer angefüllt. Alle diese Damen hatten die Nacht auf der Flotte zugebracht, und kehrten jezt ans Land zurück. Sie waren in Mäntel und Pelze gehüllt, und schienen äußerst lustig zu seyn. Aber werden Sie wohl glauben, daß die ganze Gesellschaft, wohl an 2000 zusammen, aus feilen Mädchen bestand? Dies gehört zur englischen Marinepolizei. So wie eine Flotte in einem der fünf Haupthäfen eingelaufen ist, werden die Matrosen abgeholt. Den meisten brennt das Geld in der Tasche; es muß so bald als möglich wieder fort. Nun dürfen sie aber nur bei Tage ans Land, also helfen sie sich auf die obige Art. Es ist sogar ein Gesetz vorhanden, daß es ihnen kein Admiral u. s. w. verwehren darf. So kommt das Geld durch diese Mädchen sofort wieder inUmlauf, und die nächtliche Ruhe der Einwohner bleibt ungestört.
Unser Prisenmeister hatte sich inzwischen an Bord des Admiralschiffes begeben, und ließ uns einen ganzen langen Tag in peinlicher Ungewißheit. Endlich kam er Abends spät zurück, und kündigte uns die weitere Fahrt nach Portsmouth an. Das Kriegsschiff war aus diesem Hafen ausgelaufen; also gehörte auch die Prise dahin. Heute früh lavirten wir demnach wieder aus der Bay heraus, so ungünstig sich auch Wind und Wetter anließ.
Vier Stunden waren wir bereits unter Segel gewesen, und hatten doch kaum zwei Seemeilen zurückgelegt; als die Heftigkeit des Windes zum Sturme anwuchs. Der Regen floß in Strömen herab, und die Wellen schlugen unaufhörlich über das Verdeck. Mehrere die Bay einsegelnden Schiffe riefen uns zu, daß See zu halten unmöglich sey, allein unser Lieutenant kehrte sich nicht daran. Bald verloren wir das Boogspriet, und gleich darauf die Stange vom Besaanmast. Jezt erstschien der Lieutenant die Gefahr einzusehen, befahl das Schiff zu wenden, und rief durch Nothschüsse einen Lootsen an Bord. So liefen wir vor einigen Stunden in Plymouth ein, ich erhielt Erlaubniß, mich ans Land zu begeben, und lasse nun diesen Brief sofort über London an Sie abgehen.