nachtigall. Ich bedank mich für eine solche Erhebung, wenn ich in der Luft oben häng, und fliegen die Raben um mich herum. Wollen Sie ein Rabenbratel aus mir machen?
vipria. Ein Bettler bist du jetzt, ein Krösus sollst du werden.
nachtigall. Ah, da muß ich bitten, jetzt heißt s mich gar einen Bettelmann? Haben Sie meine glänzenden Verhältnisse nicht bemerkt? Haben Sie nicht ghört, wie mich der Wirt auf den Glanz hergestellt hat? Jetzt werden Sie gleich mit mir gehen und werden mich an ein Ort führen, wo ich Sie verklagen kann.
vipria. Den Löwen schenk ich dich zum Mahl, wenn du dich nicht in meinen Willen fügst.
nachtigall. Was für Löwen? (Sieht sich um und erblickt das Gebäude samt den Löwen; erzittert.) O sapperment, das sind zwei Bologneserl. (Auf einen Löwen deutend.) Das eine muß ein Weibel sein, sie kokettiert auf mich. Jetzt zieh ich andre Saiten auf. (Fällt auf die Knie.) Verehrteste, ich bin jetzt, was Sie wollen; ich bin ein Bettelmann, ein Bettelweib, eine ganze Bettelfamilie, wenn Sie befehlen; ich bitt gar schön, schenken S mir nur ein bissel mein Leben.
vipria. Steh auf! Gib Augen deiner blinden Furcht und sieh dich um im Vaterland der Blumen.
nachtigall (bleibt knien). Ich weiß es; ich bin voll Respekt; ein schönes Land, ich küss ihm die Hand, und blumenreich! Mir hats von weitem schon gfallen, ich habs für ein großes Gartengschirr ghalten.
vipria. Entzückt dich nicht der Wohlgeruch?
nachtigall. Das glaub ich, die Woll riecht sehr gut, das ganze Land ist ein völliger Pomadetiegel!
vipria (beiseite). Der Narr taugt ganz für meinen Plan. (Laut.) Steh auf! Dies Land ist nicht so unbewohnt, als du es wähnst, hier atmen Tausende, und über sie herrscht eine junge und eine schöne Königin.
nachtigall. Also zwei Königinnen? Eine junge und eine schöne? Nun, wenn die junge auch schön ist, und die schöne auch jung, da muß einem schon die Wahl weh tun. Das wär ein Glück, wenn ich da Harfenist werden könnt.
vipria. O du bescheidner Wurm! An ihrer Seite wirst du herrschen, morgen schon.
nachtigall. Hören S auf, Sie Gspaßige, Sie foppen mich. Eine Kinigin soll ich erhaschen? Ein Kiniglhasen vielleicht.
vipria. Zum Werkzeug meiner Rache hab ich dich entführt. Noch heute abend wirst du hier ein Preisgedicht verfassen, wodurch die Hand der Herrscherin dir werden muß. Unter Tausenden wirst du das Beste liefern.
nachtigall. Das Beste liefern? Seltne Tugend eines Lieferanten.
vipria. Jetzt eilst du hin und meldest dich in jenem herrlichen Palast; dort gibst du vor, du wärest ein Minstrel, ein Sänger aus dem fernen Engelland, dir wär Apoll erschienen im Begeistrungstraum und hätte dir befohlen, in dies Land zu segeln und der Dichtkunst Ehre hier zu retten, und eine Würde zu erringen, die deinem Geist gebührt und deinem Stolz.
nachtigall. Das wird ein ungeheurer Triumph werdn mit dem zerrissenen Hut und dem gflickten Rock.
vipria. Ein Wink von mir wird dich in goldene Kleider hüllen, und eine goldene Harfe schenk ich dir.
nachtigall. Ah, da werd ich eine goldene Schneid haben, da geben S acht. Das ist die neueste Erfindung in der Medizin, daß Gold die Nerven stärkt, und wie haben s das entdeckt?—Da haben s einen armen Teufel, der vor Hunger kaum mehr gehn hat können, alle Säck voll mit Dukaten gefüllt, und auf einmal hat sich eine solche Kraft bei ihm geäußert, und er ist so impertinent geworden, daß er die schönsten Leut bei der Tür hinausgworfen hat. Bums, haben s ihm das Gold wieder weggenommen, und er war wieder so miserabel wie vorher.
vipria. Ich will an dir erproben diese Kraft. Geh hin, du wirst dort viele Dichter treffen, doch lache ihres Spotts. Zu Hermione laß dich führen, so heißt die Königin, dort bläh dich auf, durch Prahlerei vermehr die Häßlichkeit, die dir Natur verliehn, damit dein Anblick ihre Heiterkeit vergifte, dann kehrst du schnell zurück und schlägst an dieses Tor; hier wirst durch fremde Phantasie du das Gedicht erschaffen, das dich zu Hermionens ewger Qual zum Herrscher stempelt ihres Reichs und ihrer halb verloschnen Reize.
nachtigall. An das Tor soll ich anklopfen, wo die zwei Hausmeister vor der Türe liegen? Das laß ich bleiben! Wenn einer unrecht versteht, so macht er statt der Tür den Rachen auf. Da geh der Aken hinein, ich nicht.
vipria. Den Löwen kümmert nicht die Maus. Geh hin, versuchs, die Schwester öffnet dir.
nachtigall. Jetzt haben die zwei Löwen eine Schwester auch noch. Was ist zu tun? Hier zwei männliche Löwen, (Auf Vipria deutend.) dort ein weiblicher Tiger. Wer ist jetzt bissiger? Aufs Beißen gehts einmal los. (Entschlossen.) ich halts mit die Löwen. Doch, vielleicht sind sie ebenso großmütig als ich kleinmütig bin. Mut, Richard Löwenherz! (Lauft hin, klopft schnell an und springt gleich wieder zurück.) Getroffen hab ich! Was ich getroffen hab, das wird der Himmel wissen.
2. Szene
(Die Torflügel springen auf, Arrogantia tritt heraus.)
vorige. arrogantia
arrogantia. Wer wagt es, anzupochen hier?
nachtigall. So ists recht! Eine war nicht gnug zu meiner
arrogantia. Was willst du, Übergang vom Affen zu den
nachtigall. Da haben wirs! Ich habs ja gwußt, der
vipria. Wie kannst du den beschimpfen, den mein Blick Qual, die Fortsetzung kommt auch noch heraus. Menschen? zweite Teil ist immer schlechter als der erste. aus Millionen sich zum Werkzeug hat erkoren?
nachtigall. Just mich hats erwischt; das ist ein solches Glück, als wenn der zehnte Mann erschossen wird. vipria. Hier stell ich dir den Helden dieses Tags, den künftgen Schach der Insel, vor.
arrogantia. Welch eine herrliche Karikatur! Ha, ha, ha! Freund, du bist die schönste Mißgestalt, die ich erblickt noch hab.
nachtigall. Ich bitt recht sehr, meine schöne Bella- Donna, Sie sind zu gütig. Nein, was die für eine Beschreibung von mir herausgibt, das ist schandvoll.
vipria. Was macht die Phantasie? Hat sie den Käfig nicht zertrümmert?
arrogantia. Verzweiflung hat in ihr gewütet, doch blickt sie ruhig jetzt um sich, und bald erglänzt ihr Aug, bald spiegelt eine Träne sich in ihm.
vipria. Sie dauert mich, die arme Nachtigall.
nachtigall. Also da drin haben s auch eine Nachtigall? Auf die Letzt gehn die herum und fangen die Nachtigallen zusamm. O ich unglücklicher Nachtigall! Auf die Letzt komm ich in ein Vogelhaus und muß aus einem Nirschel saufen, und mir ist ein Maßziment zu klein.
vipria. Wie stehts mit unserem Dichterschwarm? Wirkt ihre Gefangenschaft auf ihn?
arrogantia. Herrlich! Alle Dichter dieser Insel rennen in geistloser Verwirrung durcheinander; auch nicht ein Vers steht ihren hohlen Köpfen zu Gebot, seit sich die Phantasie daraus entfernt.
vipria. So komm, ich will der Phantasie verkünden, wodurch sie ihre Freiheit kann erringen. Unterdessen wird sich dieser im Palaste Hermionens zeigen. Berühre ihn mit deinem Pfeil!
arrogantia. Erglänze, Kies, und werd zum Edelstein, von außen wenigstens! (Sie berührt Nachtigall; er hat ein mit Gold gesticktes Staatskleid an.)
vipria (berührt einen Baum, es hängt augenblicklich eine goldneHarfe daran).Und ich schenk diese Harfe dir, geh hin und lasse sieerklingen;Durch Harfenton erfreutest du so manches trübeHerz,Doch heute bring ein fröhliches durch ihren Klangzum Schmerz!Erring durch sie das Preisgedicht, du Sänger froher Lust,Und bohr dadurch den Rachepfeil in Hermionens Brust!
(Beide ab in ihren Palast.)
3. Szene
nachtigall allein
nachtigall. Jetzt laufen s alle zwei davon und lassen mich allein da stehn. Wenn ich nur ein Wort verstanden hab von der ganzen Schnatterei, so bin ich ein schlechter Mann. Ich weiß gar nicht, was s mit mir da wollen. Wann ich lieber in meinem Bierhaus wär, mir wird mein Lungenbratel kalt, das ich angschafft hab. Und tu ich nicht, was sie schaffen, so bringen s mich am Ende gar um, die zwei Bißgurn. Anzogen hätten s mich schön, es könnt was herausschauen; aber ich kenn mich nicht aus, mir bleibt der Verstand aus, und ich soll ein Preisgedicht machen! Um keinen Preis, das kann ich nicht. Lieder hab ich genug gemacht, ich war sehr liederlich—will ich sagen liederreich; aber andere Vers, gerührte, die hab ich noch nie versucht.—Ach was, ich verlasse mich auf meine zwei Rabenschwestern. Ich geh jetzt einmal in den Palast und hol mir entweder einen tüchtigen Respekt oder tüchtige Schläg ab. Der Zufall ist ein kurioser Kerl, der hat schon manchen herausgeholfen.
Arie.Der Zufall, der sendet viel Vögelchen umVon zweierlei Gattung per se,Die flattern der Welt um die Nase herumUnd bringen ihr Wohl oder Weh.Die Glücklichen habn eine rote Bordur,Die Schlimmen sind schwarz wie ein Rab,Doch streifen die roten auf blumiger Flur,Die schwarzen, die fliegen talab.Drum send mir, o Zufall, ich bitte dich fein,Ein rosiges Vögelchen heut,Das flieg in den Saal meiner Zuhörer neinUnd stimm sie zur Nachsicht und Freud;Dann schwing ich die Harfe, erobre die BrautUnd führ sie im Jubel nach Haus.Doch ist sie mein Weibchen, dann rufe ich laut,Freund Zufall, jetzt pack dich hinaus!Die Treue darf nie bloß durch Zufall bestehn,Der Zufall bringt oft ein Chapeau,Und Zufälle, die durch ein Dritten entstehn,Die machen nur selten uns froh,Doch stürbe mein Weibchen, fatale GeschichtMein Wunsch wird es niemals zwar sein,Dann, glücklicher Zufall, vergesse mich nicht,Find mit einer andern dich ein.
(Geht ab.)
4. Szene
(Hermionens Palast.)
odi und alle Dichter der Insel stürzen herein
chor (zu Odi).Laß uns vor, eile hin,Rufe schnell die Herrscherin!Wir erdulden nicht die Qual,Sie verschieb die Dichterwahl!
odi. Seid ihr denn unsinnig geworden; hat das Dichten euch die Sinne verwirrt? ein dichter. Vorbei ists mit der Dichtkunst hoher Gabe, wir sind behext, uns fällt kein Vers mehr ein. Hermionen bitt hieher, wenn du ein Freund zu deinem Rücken bist.
alle. Ja, hörst du, Wicht!
odi (schreiend). Ich höre schon. (Für sich.) Du grobes Dichtervolk! (Geht ab.)
5. Szene
vorige. narr.
narr (eilt herein). Ists wahr, was ich gehört? Die Hypokrene ist vertrocknet, die Dichtkunst sitzt auf dürrem Sand? O weh, o weh, o weh!
alle. Hermione ist für uns verloren.
narr. Fällt euch denn gar nichts ein?
alle. Gar nichts.
narr. O arme Waisenkinder des Apoll, ich will nach Deutschland reisen und bei unsern Dichtern eine Gedankenkollekte für euch machen.
6. Szene
vorige. distichon
distichon (verstört, rasch eintretend). Verrat! Verrat! Mein Geist hat sich empört!
narr. Dem Himmel sei gedankt, hier ist der Weisheitsmillionär.
distichon. O Brüder, stimmt in meine Klage ein! Apoll hat mich verflucht. Verzweiflung, nimm als Sohn mich an!
narr. Da kriegt s ein saubers Kind.
distichon. Verloren ist mein Geist, wo find ich ihn?
narr. Ich trommle ihn dir aus, dein Geist ist ein verlorner Schlüssel, dir geht er ab und andern nützt er nichts.
distichon. Gar, gar nichts fällt mir ein, und heut soll ich den Preis erringen!
narr (kniet sich nieder). O du Herkules aller Dichter, ich winde mich im Staube und bewundere deine Unwissenheit.
distichon (verzweifelnd sich vor die Stirne schlagend). O! hätte ich meine Gedanken in Spiritus aufbewahrt—
narr (ebenso). O! hätte ich meinen Witz an einen Eseltreiber verschenkt—
distichon. So dürft ich die Schmach nicht erleben, der Narr dieses Narren zu sein.
narr. So dürfte ich die Schand ihm nicht antun, an Euch ihn zu üben.
7. Szene
vorige. hermione
hermione (schnell). Wer ists, der mich begehrt? Was will die bunte Menge mir?
narr. Die Verzweiflung hält ihren Triumpheinzug hier.
hermione. Hier ist nicht euer Platz, im Tempel sehn wir uns; zu flink war euer Geist.
distichon. O Königin! Laß mich zu deinen Füßen sterben!
hermione. Stirb im Gedicht, nicht in der Wirklichkeit, ein Distichon darf nur in Versen enden.
distichon. An Knittelversen werd ich noch ersticken. Unmöglich ists uns heut, dich, hohe, zu besingen. Es ist, als hätten alle wir nur einen einzgen hohlen Schädel, aus dem die Dummheit selbst mit einem ungeheuren Besen die Vernunft hinausgefegt. Ein Zauberkrampf zieht unser Hirn in einen Knaul zusammen.
hermione. Bist du mein Hofpoet, was sprichst du so gemein?
distichon. Das ist das Schönste, was ich noch den ganzen Tag gesagt, ich kann nichts Edles denken mehr, und wo ich hinseh, (Sieht auf den Narren.) seh ich ein Fratzengesicht.
narr. Ich auch.
distichon. Darum, o Herrscherin, verschieb den heutgen Preis, wir können dich heut nicht erringen; laß uns bis morgen Zeit, wenn du nicht unbesungen aus dem Tempel eilen willst.
hermione. Die Furcht ist es, die euren Geist bestrickt. Wie wagt ihrs zu behaupten, daß hier außer euch kein Dichter lebt? Bestraft sei euer Stolz, ich halte meinen Schwur, und ich erneu ihn hier: "Und wenns ein Bettler ist! Verse will ich klingen hören, Hermione heißt der Stoff, sieben ist der Stunde Zahl." Jetzt eilet hin und erjammert ein Gedicht, weil ihr zu feig es zu ersinnen seid!
distichon. So leb denn wohl, du stolze Dichterbraut! Kommt, ihr enterbten Söhne der lyrischen Muse, erleichtern wir durch Schimpfen unser edles Herz. Wir sind doch Genies, der Zeit zum Trotz, und wenn wir gar nichts wüßten, so wissen wir doch das. Wir finden uns im Tempel ein, vielleicht, daß sich die Zaubernacht in unsern Köpfen lichtet; dann brüllen wir die Verse gegen seine Kuppel, daß sie erzittert und unser eignes Echo uns den Preis entgegenruft.
(Läuft ab.)
alle. Ja, das wollen wir. (Ihm nach.)
narr. Jetzt haben s ihms geben! O ihr Verseverarmten, prosaischen Bettelhunde!
hermione. Das ist Apollos Werk. Amphio, nun hast du leichteres Spiel.
8. Szene
vorige. odi
odi. Gebieterin, ein Fremdling bittet um Gehör, er richtet viele Grüße von Apollo aus, der ihn gesandt. Er ist der schnellste Schwimmer, den das Meer je trug, in einer Nacht schwimmt er von England her. Es ist ein spaßiger Patron.
narr. Vielleicht Apollo selbst. hermione. Ist es ein schöner Mann?
odi. Von weitem hielt ich ihn für einen Pavian; in der Nähe magst du selbst ihn hier betrachten.
9. Szene
vorige. nachtigall mit der goldenen Harfe
nachtigall.Arie.Serviteur! Serviteur!Ist Ihnen allerseits ein Ehr.—Ich bin ein fremder Dichtersmann,Das sieht mir jeder Narr gleich an,Und schwimme übers Rote MeerAls goldner Fisch aus England her.—Apollo selbst ist mein Herr Vetter,Im Himmel lauf ich ab und zu,Und erst mit alle andern GötterDa bin ich gar auf du und du.Kurzum, ich bin hierher gekommen,Weil, wer ein Preisgedicht ersinnt,So hab die Nachricht ich vernommen,Am ersten Ruf die Braut gewinnt.Drum lach ich mir voll an den Buckel,Der Sieg, ich wette drauf, ist mein;Ich stiehl Fortunen ihre KugelUnd scheib als Dichter alle neun!Hab ich die Ehre, die Prinzessin Hermione zubetrachten?
hermione. So ist es, Freund, du hast dich nicht geirrt.
nachtigall. Bin ungemein erfreut! (Beiseite.) Ach, das ist eine liebe Person, wenn die meine Frau ist, schau ich vierzehn Tag kein andre an. (Zum Narren.) Und wie heißt dieser Herr?
narr. Ich heiße Muh.
nachtigall. Ein schöner Nam, so leicht, so flüssig—eine jede Kuh kann ihn aussprechen.
narr. Ich hab ihn auch schon aus eines Esels Mund gehört.
nachtigall. Vielleicht ein Anverwandter der Prinzessin?
narr. Der Hofnarr bin ich hier.
nachtigall. Hofnarr? Fidonc! Da gehört er in den Hof hinunter, Freund, und nicht in den Saal herauf.
narr. Heut ist schon so ein Tag, wo alle Narren eingelassen werden, sonst wärst du auch nicht da.
nachtigall. Also wie stehts mit uns, Verehrteste!
hermione. Mit uns? Du sprichst sehr kühn, mein Freund.
nachtigall. Ja, wer wird denn da viel Umständ machen! Wir werden heut abend Mann und Weib.
hermione (lächelnd). Weißt du das so gewiß?
nachtigall. Gar kein Zweifel! Sie sind der Preis, der ausgesungen wird, und ich der entsetzlichste der Dichter in der Welt, das merkt man gleich an der— wie sagt man nur—nun an Verschiedenem.
narr. An der Ideenfülle hauptsächlich.
nachtigall. Das will ich hoffen; die gefüllten Ideen sind immer besser als die ungefüllten, das ist so wie mit den Krapfen. Übrigens hab ich als Dichter eine außerordentliche Leichtfertigkeit, ich hab schon über fünfhundert Trauerspiels geschrieben, und je mehr als ich schreibe, desto trauriger wird das Publikum.
hermione. Kennst du den Homer?
nachtigall. Nein! Aber den Humor kenn ich, und der soll mir auch Ihr Herz erobern. Auch darf man gar nicht glauben, daß ich ein armer Teufel bin, ich hab in England schöne Revenuen.
narr. Also nicht der arme Poet von Kotzebue?
nachtigall. Nein, der reiche, aber es sind nicht alle so reich. Es gibt geschickte Dichter, wenn sie den Mund auftun, machen sie sehr witzige Ausfälle, aber wenn sie den Sack aufmachen, fällt ihnen nie was heraus. Doch zur Sach jetzt! Mein Herr Vetter, ein gwisser Apollo, ist mir die vorige Nacht im Traum erschienen, hat mir Ihre Hand versprochen und den heutgen Abend zur Vermählung bstimmt. Machen Sie also keine Umständ und fügen Sie sich in sein Willen. Meine Aufwartung hab ich gmacht, ich werd jetzt noch ein kleins Jausenschlaferl machen, und dann fang ich zum Dichten an, daß der Rauchen auffliegt. Und eh die Sonne in das Meer noch plumpst, bin ich so glücklich, Ihr Gemahl zu sein. (Will ab.)
hermione. So lebe wohl; beweise bald, ob du ein Meister in dem Versbau bist.
nachtigall. Was Bau? Verzeihen Sie, da muß ich nochmal umkehren. Ein Baumeister bin ich nicht, das sag ich gleich.
hermione. Ist nicht die Dichtkunst mit der Baukunst formverwandt? Denn wie der Bauherr Stein an Stein aus edlem Marmor füget, so reihet der Poet Gedanken an Gedanken und bindet sie durch seines Witzes Mörtel.
nachtigall. Sie irren sich. Wissen S was für ein Unterschied ist zwischen einem Dichter und ein Baumeister? Wenn einem Dichter was einfallt, ist s ihm eine Ehr, wenn aber einem Baumeister etwas einfallt, das ist eine schöne Schand, das glauben Sie mir, der ich die Ehre habe mich zu empfehlen. (Ab.)
10. Szene
vorige ohne Nachtigall
hermione. Ein sonderbarer Mensch; ein Abenteurer ists, der hier sein Glück versucht; doch er erheitert mich.
narr. Wenn der den Preis gewinnt, dann gibst du unterm Preis dich weg.
hermione. Schweig, Narr! Ein Dichter ist er nicht, doch besser scheinet sein Gemüt als deines zu sein, und seine Laune könnte deiner leicht gefährlich werden. Verlaß mich jetzt!
narr (für sich). So muß sogar ein Narr auf seiner Höhe zittern. O undankbare Welt! Da glaubt so mancher oft, er wär allein der Narr im Haus, da kommt ein andrer her und sticht ihn wieder aus; und dieser andre wird von einem andern Andern dann verdrängt, und so zerstreiten sich die armen Narren ums traurge Narrentum. Ein jeder möcht der größere sein, und jeder narrt sich selbst. O eitle Narretei, o närrsche Eitelkeit! Ich wollt, ich hätt brav Geld, dann mach ein Narrn, wer will! (Ab.)
hermione (allein). Gemeiner Neid, der selbst den Weisen schändet oft. O Amphio, wie wird man dich beneiden, wenn dich die Myrte und der Lorbeer schmückt.
11. Szene
vorige. amphio verstört und bleich
amphio. O Hermione, find ich dich! Wenn du mich je geliebt, so blick mich gütig an!
hermione. Was quält dich, Amphio? Was führt dich jetzt hierher?
amphio (starr). Laß mich in deine Augen schaun, ich bitte dich, so lang, bis sich mein Geist an ihrem Strahl entzündet.
hermione (sieht ihn verwundert an).
amphio. Ich danke dir. (Er macht das Spiel, als wollte er sich durch ihren Anblick zum Dichten begeistern, und vermag es nicht; er geht daher hoffnungsvoll einen Schritt von ihr und sagt, nachdenkend gegen Himmel schauend.) So—so—nun wird es gehen. (Immer unruhiger.) Flamm auf, Gemüt, flamm auf! (Verzweifelnd.) Es ist umsonst, sie ist für mich verloren! (Will ab.)
hermione. Wo willst du hin?
amphio. Ins Meer. (Lacht wild.) Ich will Neptun mich weihn.
hermione. Doch seiner ungetreuen Tiefe nicht?
amphio. Sie ist nicht tiefer als mein Schmerz, und seinen Wellen kann ich nur vertraun, warums in ihren Grund mich reißt.
hermione. Bist du mein Amphio? Hermione sei der Stoff, sprach das Orakel heut, und so besingst du mich?
amphio. So wisse denn, ich kann dich nicht besingen; mein Geist ist wüst, mein Herz ist kalt; seit du mich sprachst, bin ich nicht Amphio mehr.
hermione. Ermanne dich, dir fehlt Vertraun auf deine Kraft.
amphio. Betrogen bin ich durch die Phantasie, sie ist ein Weib. Hätt ich ihr nicht getraut!
hermione (empört). O könnt ich für dich dichten, um dir zu beweisen, wie schön ein Weib aus Liebe denken kann.
amphio. Sie ist erschöpft, sie hat sich selbst verbannt.
hermione. O lästre nicht! Sagst du nicht selbst durch dein Gedicht: Es ist die Phantasie ein tiefer Zauberbrunnen, Aus dem wir der Gedanken Nektar schöpfen; Es reichet vom Olymp bis in des Orkus tiefsten Schlund, Mit seinem Ring umschließet er die Welt, Und unausschöpfbar ist sein ewger Born; Denn alle Ströme der Verhältnisse Ergießen sich auf seinem Grund.
amphio. O Königin, warum hast du den kühnen Schwur gewagt? Es hätte des Gedichtes nicht bedurft; nur deine Liebe braucht ich zu erringen, den wisse, daß— doch nein, nun ists zu spät, du wirst des Siegers Braut, und mein Geheimnis laß ich mit mir untergehn.
hermione. O halt! Noch hab ich einen Hoffnungsstrahl. Wie du, so klagen alle meine Dichter, vielleicht, daß es ein Spuk der bösen Zauberschwestern ist. Drum Mut, denn in dem Tempel des Apolls muß dieser Zauber schwinden. Freude, Amphio, mir sagts mein Herz.
amphio. Das Elend hascht nach jedem Hoffnungswahn, so will ich mein Vertrauen mit deinem Hoffen denn vermählen und einen Sohn erwarten, der Erfüllung heißt.
hermione. Ich will noch vor dem Fest schnell das Orakel fragen, mehr darf ich nicht für unsere Ruhe tun. Nicht mir gehör ich an, nein, ich gehör Apoll! Mein höchst Vertraun setz ich auf ihn, den Weltbestrahlenden; denn eine Ahnung hat er mir in meine Brust gelegt, daß mich ein andrer nicht erringen darf als du. Darum erwart ich in dem Tempel dich. Mut, Amphio, die Götter sind uns nah! Vertrau auf ihren Schutz! (Ab.)
amphio (allein). Nun wohl, ich will mein Glück dem letzten Augenblick vertraun; und konnte mich die Phantasie, die hohe, täuschen, dann laß mich ziehen aus dir, Welt, in der das Edle trügt und nur Gemeines sich bewährt. (Ab.)
verwandlung
(Gemach im Palaste der Zauberschwestern. An der Seite ein griechisches Schreibepult auf einer Stufe.)
12. Szene
arrogantia und vipria treten rasch ein
vipria. Wo bleibt der Tropf?
arrogantia (sieht durch das Fenster). Hier kommt er schon.
vipria. Jetzt bring die Phantasie! (Arrogantia ab.)
13. Szene
vipria. nachtigall
nachtigall. Da bin ich schon, ich hab meine Sachen prächtig gemacht. Nun, wie schauts jetzt mit dem Gedicht aus, machen wirs zusammen gschwind! Ich kanns gar nicht erwarten. Die Königin ist schön, da sind Sie nichts dagegen. Ich bin in sie verliebt, ich kanns gar nicht erwarten, bis ich König bin.
14. Szene
vorige. arrogantia. phantasie
arrogantia (zerrt die Phantasie in Ketten herein, die Flügel sind ihr abgeschnitten). Hier bring ich sie, sie hat entwischen wollen, als ich ich den Käfig öffnete.
vipria. Wo hast du deine Flügel?
arrogantia. Ich hab sie ihr beschnitten.
vipria. Das hast du klug gemacht. (Höhnisch.) Wo wolltest
phantasie (ebenso). Ich hab zum Geier fliegen wollen, du denn hin, du Täubchen, du? weils bei der Eule mir mißfiel.
arrogantia. Ich will auf Kundschaft mich begeben; mache mit ihr, was du willst! (Ab.)
15. Szene
vorige ohne arrogantia
vipria (zu Nachtigall). Durch diese wirst du das Gedicht hier schreiben; das ist die Phantasie.
nachtigall. Ah! das freut mich, daß ich die Ehr hab, kennenzulernen. (Heimlich zu Vipria.) Was ist denn das, die Phantasie?
vipria. Es ist der Geist, der im Gehirn der Dichter tobt. nachtigall. Also die springt den Dichtern im Gehirn herum? Dann ists kein Wunder, wenns bei ihnen
rappelt. Drum sagt man, die Dichter sind närrische Köpf!
vipria. Ich schmied sie dir an diesen Schreibtisch an. (Sie hängt die Fessel der Phantasie in einen Ring, der an der Seite des Schreibepultes angebracht ist, ein, so daß die Phantasie an der Seite des Tisches gegen die Mitte der Bühne auf der breiten Stufe sitzt, doch ja nicht etwa auf dem Boden.) Sei stolz darauf! Kein Dichter kann sich dessen rühmen, daß sie als Sklavin ihm gedient. Was sie dir vorsagt, zeichne emsig auf, als schriebst du Diamanten hin! Hermione ist der Name des Gedichts, den schreibst du oben hin.
nachtigall. Also ich bin ein Dichter, der nur schreibt, ohne daß er was denkt? Da bin ich nicht der einzige. Und sie ist die, die für die Dichter alle denkt?
vipria. So ists.
nachtigall. Das muß a Marter sein! Drum schaut s so mager aus.
16. Szene
vorige. arrogantia
arrogantia (ängstlich). Hermione ist auf dem Wege zu den zwei Orakelpriestern, um vor der Wahl noch das Orakel zu befragen, warum die Geistesnacht auf ihren Dichtern ruht. Wenn das geschieht, ist unser Plan vereitelt.
vipria. Das muß verhindert werden! Komm, wir verwandeln diese beiden Priester schnell in Stein und setzen uns an ihre Stelle hin. In der Gestalt des Affriduro frag ich dich, und du sprichst als Stimme des Orakels aus: Apollo habe einem Fremdling seine Gunst geschenkt, den Hermione wählen muß. (Zu Nachtigall.) Unterdessen bleibst du hier und schreibest dein Gedicht, doch bevor die Stunde halb verfließt, findst du dich in dem Tempel ein und trägst es mit der Harfe vor; wenn es auch schlecht ausfällt, das beste ist es doch, weil es das einzge ist. (Zur Phantasie.) Du halte deinen Schwur, begeistre ihn, so viel in deiner Macht es steht. (Zu Nachtigall.) Laß sie nicht frei, wenn du dein Leben liebst, und will sie dir nicht dienen, zwinge sie, du bist ihr Herr. (Beide ab.)
17. Szene
die phantasie. nachtigall
phantasie (für sich). O Amphio, welch schrecklich Los! Ich kann dich nicht erretten.
nachtigall (setzt sich an den Tisch). Jetzt werden wir halt schauen, daß wir was zusammen dichten. Das wird ein Arbeit werden.—Also: Hermione.—Und eine rote Tinte haben s mir hergestellt. Das wird ein blutiges Gedicht. Also gschwind anfangen!—Kommt was oder nicht?
phantasie (seufzt). Ach!
nachtigall. Ach? Ist denn das ein schöner Gedanken?Ach! Da wird einem völlig bang dabei. (Ungeduldig.)Nu, weiter um ein Haus! Ich komm nicht von derStell. Nu? (Er rüttelt sie.)
phantasie. Was willst du, Tropf? Die Phantasie muß frei sein, wenn sie dichten soll. Nie wird sie dir in Fesseln dienen.
nachtigall. Was ist das für ein Diskurs? Wo ist denn ein Stock? (Nimmt einen Thyrsusstab von einer Draperie.) Da liegt er jetzt auf dem Tisch. Jetzt, wie nicht ordentlich phantasiert wird, wird er wo anders aufgelegt.
phantasie (lacht verzweiflungsvoll). Ha, ha, ha!
nachtigall. Wie dumm als sie lacht!
phantasie (wie wahnsinnig). Einst war ein goldnes Vögelein, Das nannt sich Phantasie.
nachtigall. Was ist denn das? Die phantasiert ja ohne Hitz?
phantasie (fährt wild auf). Ich duld es nicht!
nachtigall (tunkt ein und schreibt schnell). Nu, endlich einmal!
phantasie. Ihr Blitze! stürzt herab—
nachtigall (schreibt schnell nach). Jetzt gehts drauf los.
phantasie. Und euren glühnden Kuß—
nachtigall (wie oben). Holla, hast es nicht gsehen.
phantasie. Drückt auf die freche Stirn!
nachtigall. Die freche Stirn—Nicht gar so gschwind, ich komm nicht nach.
phantasie (toll). Du Schafskopf, schweig!
nachtigall (stutzt, ohne zu schreiben). Was ist das für ein Vers?
phantasie. Willst du ihn zweimal hören?
nachtigall. Was die alles zusammdiktiert?—Was hab ich denn da gschrieben? (Liest das Geschriebene.) "Ich duld es nicht, ihr Blützer stürzt herab und euren glühenden Fuß drückt auf den frechen Stier—(Pause.) Du Schafskopf schweig!" Was ist denn das für eine Phantasiererei? Da phantasier ich ja besser, wenn ich das Nervenfieber hab?
phantasie. Zu gut für dich, gemeiner Wicht!
nachtigall. Das Weibsbild halt mich für einen Narren. Die Zeit vergeht; ich bring nichts zsamm. Wenn nur die zwei Schwestern von Prag da wären. Die ganze Sach ist schon dumm angstellt; ein andrer hat die Phantasie im Kopf, und ich habs bei den Füßen da. Wie soll da was herauskommen? Ich krieg schon alle Hitzen. (Er zieht den Rock aus.) O Himmel, was ist das für ein Marter um einen Dichter, dem nichts einfallt. Du mußt mir helfen, oder ich verzweifle.
phantasie. Du zwingst mich nicht, du feiger Tropf!
nachtigall. Das ist eine boshafte Person. Ich bring s um, ich schneid ihr den Kopf ab und nimm ihr die Gedanken heraus. (Läuft zu dem Tisch.) Ich setz mich nochmal nieder. (Liest den Titel.) Hermione!—Diktier weiter! (Boshaft in den Tisch trommelnd.) Hermione—sie hört mi halt nit an; ich fahr durch die Luft. Jetzt hab ich die Gedanken von allen Dichtern in der Welt (Auf die Phantasie zeigend.) in diesem Binkel da beisamm und ich hab von dem ganzen Gedicht noch nichts fertig als das einzge Wort: Hermione; da kann ich doch den Preis nicht kriegen damit? Ich verzweifel.
phantasie. Ha, ha, ha! Das freut die Phantasie.
nachtigall (wütend). Jetzt lachts mich aus; ich werd noch wahnsinnig. (Kniet sich vor ihr nieder.) Ich beschwöre dich bei allen Sternen, phantasier!
phantasie (kniet auch). Ich dich bei allen Sonnen, laß mich frei!
nachtigall. Ich beschwöre dich bei allen griechischen und walachischen Dichtern, phantasier!
phantasie. Ich bau dir eine Welt aus glücklichen Gedanken, laß mich frei!
nachtigall. Ich kann ja nicht. Hab doch Barmherzigkeit! (Weint.)
phantasie (weint). Du unempfindlich Tier!
nachtigall (weinend). Jetzt fangt s zu weinen an. Jetzt sind wir alle zwei im Wasser. Wenn s nur in Versen weinte, um des Himmels Willen—die helle Prosa lauft ihr übers Gsicht.—(Ein sanftes Glöcklein läutet in der Ferne.) Jetzt muß ich fort, jetzt läuten s siebene im Apollosaal! Du, gfreu dich, wenn ich wieder komm! O Todesschweiß, du stehst mir an der Stirn! Ich weiß kein anders Mittel—ich kann ein Lied von der schönen Magellona, das änder ich um und sing statt: Mageroni, Hermioni, und wanns nicht gfallt, ich schieß mich tot, ich häng mich auf, ich bring mich viermal nacheinander um! Ich Dummkopf ohne alle Phantasie! (Rennt verzweifelnd ab.)
18. Szene
phantasie allein
phantasie. Quodlibet.
(Die Musik beginnt, es schlägt dreiviertel auf sieben, diePhantasie springt ängstlich auf.)
Ha! Was ist das? die Stunde tönt,Und Amphio ist verloren!
(Ängstlich.)
Wenn, Apoll, du mich nicht rettest,Werd ich noch des Wahnsinns Raub!
(Trauernd.)
Durch den Äther, durch die LüfteSchwebt ich leichten Flugs dahin!—Ihr ungetreuen Flügel, nur einen AugenblickWünscht ich euch zu besitzen, ihr wärt mein höchstes Glück!—Entsetzlich! Entsetzlich! Wenn Phantasie so weit es bringt,Daß sie ein Quodlibet gar singt.Doch mir leuchtet am Himmel ein tröstendes Licht,Ich fleh zu den Göttern, sie täuschen uns nicht!—
(Kniet.)
O Jupiter! der du mich einst aus deinem Hauptgebarst,Der du mir stets ein gütger Vater warst,—Kannst du die Tochter hier gefesselt sehn?O, schleudre deinen Blitz und laß mich untergehn!O Jupiter! Erhöre mich! Höre mich!
(Ein Blitzstrahl fährt herab und zertrümmert ihre Fessel.)
Ha, ich bin frei, hohen Dank euch ihr Götter!Ha, wie durchströmt mich dies freudige Sein!Fort sind von mir jetzt die lästigen Ketten!Schnell hin zu Amphio, ihn zu befrein!Amphio, halt! Amphio, halt! Die Phantasie ist frei!
(Sie wirft einen griechischen Mantel der Zauberschwestern um und eilt ab.)
verwandlung
Das Innere des Apollotempels. Im Hintergrunde die Statue des
Apoll. Im Vordergrunde ein Seitenthron, worauf sich Hermione
befindet. Neben ihr Hofleute; ihr gegenüber die Schar der
Dichter. Dem Thron gegenüber sitzt auf dem hervorragendenPostamente einer Säule Amphio in verzweifelnder Attitüde.
Volk. Vipria, Arrogantia als Opferpriester verkleidet. MehrerePriester des Apollo.)
19. Szene
alle dichter.
Chor.Vergebens winkt des Preises Glück,Die Phantasie kehrt nicht zurück;Und beschämt gestehen wirUnsre Geistesohnmacht hier.
vipria (im Tone des Affriduro). Verhüll dein Antlitz, hohe Muse! Hermione, hör das Unerhörte an: Alle Dichter deines Landes erklären laut, daß sie nicht fähig waren, ein Gedicht zu deinem Lob zu schreiben, und selbst Apollos hehrer Anblick sie nicht kann dazu begeistern.
amphio. Hörst du es, Nemesis?
hermione. Sind das die Weisen meines Landes, die gelehrten Männer?
distichon. Verzeih, o Königin! Gelehrsamkeit allein verfasset kein Gedicht. Wissen ist ein goldener Schatz, der auf festem Grunde ruht; doch in das Reich der holden Lieder trägt uns nur der Phönix Phantasie.
hermione (sieht auf Amphio). So lebt auf Flora keiner mehr, der Hermionens Ehre retten kann?
narr. In einem Lobgedicht gewinn ich keinen Preis, ich bin zum Schimpfen auf die Welt gekommen.
hermione (steht auf). So hebt die Feier auf!
arrogantia. Halt ein! Noch tönt die siebente Stunde nicht! Du kennest des Orakels Spruch: Ein Fremdling wird es sein!
hermione. Auch das Orakel ist bezaubert.
vipria. Lästre nicht. (Für sich.) Wo bleibet der Verräter nur?
20. Szene
vorige. nachtigall
nachtigall (von innen). He, he! Halt ein! Ein Gedicht! Ein Gedicht! (Stürzt atemlos herein.) Halt ein! Ein Gedicht und auch ein Dichter, alle zwei sind da!
alle. Was ist das?
vipria. Wie? Du hast ein Gedicht?
nachtigall. Ein schreckliches Gedicht!
narr. Mich trifft der Nervenschlag.
alle. So lies es vor!
distichon. Ja, lies!
nachtigall. Das kann ich nicht. Das hab ich nicht
gelernt. Ich sings, weil ich ein Sänger bin aus Engund
Schottenland. Merkt auf! Mein ist der Preis!
narr. Das wird was Schönes werden.
nachtigall (stellt sich in die Mitte, spielt mit der Harfe und singt).Liebe Leutchen, kommt zu mir,Will euch etwas singen,Ich will Hermionen hierSchnell ein Loblied bringen.Jeder, der sie nur erblickt,Liegt in Liebesbanden,Selbst der Weise wird berückt,Habt ihr mich verstanden?
chor.Wie gemein! Wie gemein!Was sind das für Verse?
nachtigall. Zeigt sie sich im Blumenreich, Atmet alles Wonne,
Alle Blümchen rufen gleich:Servus Hermione!Wandelt auch in finstrer Nacht,Ganz ohne Laterne,Ihre Äuglein voller PrachtLeuchten wie zwei Sterne.
chor.Ha, ha, ha! Ha, ha, ha!Das ist nur zum Lachen.
nachtigall.Und der lieben Vöglein ZahlIst ihr recht gewogen,Auch ein alte NachtigallKommt herbeigeflogen;Kurz, ihr holder Nam erschalltLaut in jeder Zone,Selbst die Bären in dem WaldBrummen: Hermione!
chor.Hört den Wicht! Solch GedichtWagt er hier zu singen!
hermione. Bin ich zum Spotte dieses Narren hier geworden? Soll ein Gedicht das sein?
distichon. Das heißt Apoll gelästert; schleppt zum Tempel ihn hinaus!
alle. Hinaus mit ihm!
vipria. Halt ein! Erfüllen mußt du, Hermione, deinen Schwur. Er hat das beste dir gebracht, er werde dein Gemahl!
hermione. Unmöglich!
alle. Verräterei! Zu schlecht ist sein Gedicht.
vipria. Wer spricht ein besseres hier? Ich fordere nochmal auf.
amphio (leise). Wehe mir! (Allgemeines Schweigen.)
vipria. Dies Schweigen spricht dein Urteil aus. arrogantia (winkt; es donnert). Und Apoll bestätigt es.
nachtigall. Jetzt donnerts gar wegen mir.
vipria. Wagt ihrs zu widersprechen?
alle (langsam). Nein, er werde ihr Gemahl!
amphio. Entsetzliches Geschick!
narr. Je dummer der Mensch, je größer sein Glück.
hermione. So ist denn keine Rettung mehr?
nachtigall (trippelt kindisch). Ich werd König! Ich werd König!
21. Szene
vorige. die phantasie
phantasie (tritt ein, im Mantel gehüllt, ergreift Amphios Hand; leise ihm ins Ohr). Amphio, die Phantasie ist frei, nur dich begeistert sie.
amphio (springt auf, plötzlich inspiriert). Halt ein! Ich rett des Tempels Ehre hier, wage ein Gedicht. Zu kostbar ist der Preis, ich entreiß ihn dir.
alle. Apoll, wir preisen dich.
amphios gedicht.Die Nacht zieht fort ins ewig finstre Heimatsland,Die Welt umkränzt ihr Haupt mit Phöbus Strahlenband,Und wie Auror die Erd in Purpur hüllt,Entdeckt sie einen Jügling, gramerfüllt.Ein Königssohn ists, der die Nacht durchweintUnd seines Auges Tau mit dem des Morgens eint.Aurora grüßt ihn sanft und strahlt ihm Trost ins Herz,Da fleht er zum Apoll, gibt Worte seinem Schmerz.Im Wunderland, das meines Vaters Reich begrenzt,Wo die Natur im tausendfarbgen Schmuck erglänzt,Thront meiner heißen Liebe Königin.Mit zartem Reiz vereint sie hohen Sinn,Es haben sich die anmutsvollen MusenZum Sitz erkoren ihren holden Busen,Und wie sich Daphne einst dem Dichtergott entwand,So reichet sie nur einem Dichter ihre Hand.Darum, Apoll, magst du nur schnell die Muse senden,Soll Amors bittre Qual nicht bald mein Leben enden!So jammert er und fluchet seinem Leben;Da faßt sein Herz ein namenloses Beben,Mit seinem Schmerz fühlt er die Freude ringen,In Wolken hört er Harmonien klingen,Es schwebt die Phantasie auf Rosennebel niederUnd schwingt im Morgenstrahl ihr glänzendes Gefieder."Mich hat Apoll gesandt, ihn rühren deine Leiden,Vertauschen wirst du sie mit Hymens Götterfreuden."So spricht die Phantasie, ergreifet seine HandUnd schwebt mit ihm nach Hermionens Land.Zwei kühne Aars, durchsteuern sie die LüfteUnd rauschen nieder in das Reich der Düfte.Dort wandelt sich der Prinz zum stillen Hirten umUnd sucht durch Poesie zu gründen seinen Ruhm.Ihn sieht die Königin; er weiht ihr sein Gedicht,Da faßt sie ein Gefühl, ihr Herz erklärt sichs nicht,Es kämpft ihr Stolz, sie will den Kühnen hassen,Doch Eros spricht: "Du darfst ihn nimmer lassen."Ein Preisgedicht läßt sie im Land verkünden,Nur mit dem Sieger will sie sich verbinden.So wie der Fels im Meer trotzt sturmbewegten Wellen,Will des Geliebten Geist auf gleiche Prob sie stellen.Schon harrt das Volk, da kommt der Hirt heran,Trägt Wahrheit vor, nicht was die Dichtung sann,Dann tritt er auf und fordert seinen Lohn:Die Hand der Königin und Floras Thron.Wagt kühn den Kauf und schließt mit ihr den Herrscherbund,Denn wißt, ich bin der Sohn des Königs von Athunt.
alle (freudig). Heil dem Sohn des Königs von Athunt! es lebe unser neuer Herrscher!
zauberschwestern. Verdammt! distichon. Das Gedicht hat eine Menge Fehler.
hermione (stürzt in Amphios Arme). O Amphio! Mein Prinz! O nehmt mein Herz, mein Reich und meinen ewgen Dank!
nachtigall. Jetzt steh ich frisch.
amphio (stürzt zu den Füßen der Phantasie). Nur ihr gebühret unser Dank.
alle. Wer ist das?
phantasie (wirft den Mantel ab). Ich bin die holde Phantasie, die euch nicht retten konnte, bis mich Jupiter befreit, weil ich gefangen in den Händen eurer Zauberschwestern war.
vipria und arrogantia (verwandeln sich schnell in ihre wahren Gestalten um).
arrogantia. Ihr triumphiert zu früh!
vipria. Noch atmet Vipria und ihre Zauberwut! Dem Tod send ich als Braut dich zu. So stürz denn dieser Tempel ein, und unter seinem Schutt begrab dich ewge Hochzeitnacht!
(Es wird Nacht, zwischen dem Tempel und Meere sinken finstre Wolkenschleier ein. Donner und Blitz. Die Statue des Apoll samt dem Opferaltar versinkt.)
Warum trotzen diese Hallen? Wer verhindert ihrenSturz?
(Heftiger Donnerschlag, die Bühne wird licht, der Nebel verrinnt zu beiden Seiten, man hat die vorige Aussicht auf das Meer. Apollo mit den Sonnenrossen will soeben in den Schoß der Thetis sinken; der Sonnenwagen gleitet noch auf der Oberfläche des Meeres.)
alle. Weh uns!
22. Szene
vorige. apollo
apollo. Wer wagt es, meinen Tempel zu zerstören?
alle. Apoll! die zauberschwestern. Weh uns, er selbst!
apollo (steigt aus und tritt vor).
phantasie (sinkt zu seinen Füßen). Um Schutz fleht dich die Phantasie für deine Insel an. Zwei Zauberinnen rasen hier; gefangen nahm man mich.
apollo. Wer hats gewagt, die Phantasie zu fesseln?
phantasie. Diese hier.
apollo. Der Orkus strafe sie dafür! (Die Zauberschwestern versinken.)
narr. Jetzt haben sies überstanden.
apollo (zu Hermione). Ich war es selbst, der Amphio dir bestimmt. Das Orakel ist erfüllt, dein Land hat einen Herrscher aus dem Hause von Athunt; von mir gesendet war die Phantasie.
alle. Heil Apoll dir!
apollo. Mein Tempel ist zerstört, baut einen neuen auf und heiligt ihn der Phantasie; sie wird vereint mit mir in Zukunft eure Insel hier beschützen, die auch von heute an die Dichterinsel heißt.
nachtigall. Den Namen kriegt s nicht wegen mir.
narr. Ich such mir jetzt ein Land, wo lauter Narren sind.
nachtigall. Und ich schau, daß ich eine Nachtigalleninsel find.
apollo. Wer ist der Fremdling hier?
nachtigall. Jetzt kommt er über mich, das wird a schöne Wäsch.
distichon. Aus England ein Minstrel.
nachtigall (kniet nieder). Und Harfenist aus Wien, die Rabenschwestern haben mich entführt.
hermione. Ich nehme ihn zum zweiten Narren auf.
nachtigall. Ich küss die Hand.
narr. Den Kerl bring ich um.
nachtigall. Ich bin der singende und das der redende, ich hoff, daß man mit beiden wird zufrieden sein.
apollo (zur Phantasie). Die bunten Flügel hat man dir geraubt, dich werden künftig goldne zieren! Zu
Amphios Vater sei dein erster Flug, bericht desSohnes Glück dem König von Athunt!
phantasie (tritt vor).Ein Schlußwort spricht die Phantasie,O lohnt mit Nachsicht ihre Müh!Wenn sie auch Kleines euch gebar,So denkt—daß sie gefesselt war.
apollo.Die Götter wachen über euer Los,Mir winkt die Nacht, ich sink in Thetis Schoß.
(Er geht zurück und steigt in den Sonnenwagen, mit welchem er langsam untersinkt. Eine allgemeine Abendröte verbreitet sich über die ganze Bühne. Die Meereswellen erglänzen mit roter Folie und der Chor dauert solange, bis Phöbus ganz im Meere ist. Die Hinterkurtine, welche reinen Horizont vorstellt, hebt sich bei dem Sinken des Sonnenwagens, und es präsentiert sich auf ihr die Abendröte.)
chor.Sink hinab, du heißer TagUnd vergolde dir dein Grab,Doch zum schönern LebenslaufStrahle morgen neu herauf!
(Der Vorhang fällt.)
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Die gefesselte Phantasie, von Ferdinand Raimund.
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