2
Südwärts, südwärts, immer stieß mich die Faust Gottes. Fünf, sechs Stunden Schlaf, und weiter! Meine Glieder hingen an unsichtbaren, eisenstarken Seilen der Ewigkeit, ich trieb ohne Willen durch Armut, Not, Hunger und Demütigung. Vor dem Ärgsten schützten mich Kutte und Pilgerhut, doch in die Klöster traute ich mich nicht, trotz der Zeugnisse im Ränzel, trotz des Meßbuches, das ich auswendig wußte. Ich schritt und schritt, ein langer, abgemagerter Mensch mit hohlen Augen und verwildertem Bart, die Füße mit Zellen und Sehnen umhüllt, den Wanderstab mit scharfer Eisenspitze wie eine Lanze auf der Schulter. Das Zutrauen zu mir selbst wuchs nicht, aber das in die Leichtgläubigkeit der Menschen, und so schien ich unverdächtig, wohin ich auch kam. Meine Stimme, des Befehlens entwöhnt, kannte ich kaum noch, sie klang von unten her, rauh und traurig zugleich; aber ich brauchte nie viel zu sagen, meist genügte die wortlos ausgestreckte Hand. Wo die Wälder dicht und dunkel waren, schlich ich dem Wilde nach;das war all meine karge Freude – ich kann sie nicht bereuen.
Mein Herz blutete sehnsüchtig nach Genossen, gleichwohl ging ich allen aus dem Wege, die meine Straße fuhren; nie war ich so einsam gewesen. Die stummen Dinge der Landschaft wurden mir vertraut, sprachen, unterhielten mich; ich war in einer neuen, leidenschaftslosen Welt, die nichts von Schuld und Unschuld wußte. Der Vogel fraß seinen Wurm, die Wildkatze griff den Vogel, verreckte irgendwo im Walde, vermoderte wurmdurchwühlt, grell schossen Honigblüten aus ihrem Leibe – Gottes Kreise, Gottes ewige Gesetze, unbefleckt von grübelnden Menschenhirnen, Menschenangst, Menschenhaß.
Und Menschenliebe. Durch die strömenden Regennächte trug ich das Bild meines Weibes vor mir her, alle Stunden unseres gemeinsamen Erlebens wob ich zu einem Teppich und sorgte, nicht ein Fädchen zu vergessen.
Hoftag zu Reims. Wir standen einander abgekehrt, hatten uns nie gesehen, kaum voneinander gehört. Wir wandten uns um, als obeinWille uns beherrschte, sahen – und erstaunten nicht. DieLuft zwischen uns zitterte von Staub und Sonnenschein, uns schien sie süß und kühl und rein, wir durchschritten sie wie auf Flügeln und gaben uns beide Hände. Bis das Gelächter der Herren und Frauen uns auf die Erde riß und ihre Wangen mit Blut überflutete. Nie hatte ich solcher Art ein Weib betrachtet; keine Leidenschaft bebte in mir, meine Augen entkleideten sie nicht schamlos wie die anderen, von ihrer süßen Schönheit sah ich nichts. Ich wußte nur, sie war mein, und ich gehörte ihr. Wir waren eins, Gott hatte sie für mich erschaffen.
Und ich warf sie – Gott, mein Gott! So allgewaltig kann keine Liebe sein, um solches zu verzeihen, auch deine nicht. Nie werde ich erlöst, nie werde ich neben ihr im süßen Himmel wandeln. Grübeln und Grübeln. Vielleicht gestattet mir Gott, sie aus dem Höllenpfuhl von weitem zu betrachten, vielleicht – nach einem Leben voller Buße, Tapferkeit, Demut. Ich rang im Gebet, ich wanderte, wanderte, schlief traumlos wie ein Toter, ermattete meine Manneskraft, die neben allem gierig und wach den Weibern im Felde zuschaute, ward inwendig, was ich außen galt: ein Mönch, ein Pilgrimnach dem Grabe Christi; aber einer mit Dämonen und höllischen Flammen in der Brust.
Erst als ich die Eisgipfel der Alpen sah, ergriff mich Wanderlust, golden winkte die blaue Ferne. Der alte Leichtsinn entführte mich im Sturm in das Sonnenland hinter den Bergen, ich empfand mein Losgebundensein als Freiheit und hatte Augenblicke, da mein Herz jubelte; zwar schnell und hart gedämpft, aber doch tief geheim geduldet und geliebt. Der Hafen – ich wußte nicht einmal, welcher – war ein Markstein meines Weges. Marksteine sind tröstlich, auch die auf unendlichen Pfaden.
In Genua sank mir der Mut. In meiner Heimat, auch am englischen und französischen Hofe, war von Lust und Prunk der Kreuzzüge hin und her geredet worden. Was ich hier erlebte, ließ mich erstarren. Ein schmutziges Lager johlender, bettelnder Männer, Weiber und Kinder zog sich vom Hafen über die Hügel bis weit vor die Stadt – Pilger, Handeltreibende, Gauner, Abenteurer, geschäftig durchrannt von Krämern aller Länder, Juden, Schiffsmaklern, Geistlichen, Heimkehrern – falschen und echten – ein Schwarm von Opfern, Spitzbuben und Nichtstuern.
Riesige Galeeren lagen im Hafen, faßten anderthalbtausend Menschen in ungeschlachten Bäuchen, verfrachteten die Elenden wie Vieh zu kreischenden Bündeln in das Land Christi, das droben, im Norden, aller Heil schien und aller Sehnsucht war. Sie duldeten alles, diese flachshaarigen Pilger aus Deutschland, Flandern, der Normandie. Sie gruben ihre Heller aus den schlottrigen Beuteln, um im Wüstensande verderben zu dürfen. Ach, sie träumten von einem Paradiese, von blühenden Gärten, von fronloser Zeit. Genua, Venedig, Juden, Templerorden – alle verdienten am heiligen Grabe, am heiligen Kriege. Die Kreuzzüge waren ein riesenhaftes Geschäft geworden, ein Schacher, der mit grausiger Offenheit betrieben wurde.
Unerfahren, beschwerten Gemüts bestaunte ich das bunte Wirrsal. Nach drei Tagen war ich in das Gröbste eingeweiht und um manchen schönen Traum ärmer, an Erfahrung weiser denn die ältesten Leute meines harmlosen Vaterlandes. Pest und Aussatz lagen unter den schmutzigen und unter den gepflegten Häuten, und über all dem der wolkenlose, endlos tiefe Himmel, die lachende Sonne Italiens; ringsum ein Reifen und Blühen, fern der wogendeSaphir des herrlichsten Meeres, darauf die Segel wie riesenhafte Möwen schaukelten. Da ich Herzog war – wie lange dünkte mich diese Zeit vorüber! – hatten mich die Nöte meines Volkes nicht gekümmert, sorglos genoß ich und achtete nicht, ob einer darbte. Jetzt brannte mir für die Fremden das verwandelte Herz. Guten Glaubens hatten diese Bauern ihre Scholle verlassen und das Kreuz auf ihren Rock geheftet, ihnen war der Himmel auf Erden versprochen worden. Nun gaben sie ihr letztes Geld für die Überfahrt oder mußten sich zu langen Frondiensten an die verpflichten, welche ihnen einen Platz auf Deck verschafften.
Ich selbst wußte nicht, wie ich mich durchschlagen sollte. Makler aller Stämme bedrängten mich, aber der billigste Platz überstieg meine ärmlichen Pfennige. Zum erstenmal erfuhr ich den Wert einer Mark Silbers und wünschte, einen Griff in meine herzoglichen Truhen tun zu dürfen, doch das war auf immer dahin. Da ich den üblen Bettel hier nicht mitmachen konnte, kaufte ich für den Rest meines Geldes Brot und Speck genug für eine Woche, schlief am Strande und teilte meinen Vorrat sparsam ein. Ich, der ich ehemals mit verschwendenderHand begabte, wer mir in den Weg lief, wies den Hunger von mir, so hohläugig er mich anstarrte, und verhärtete mein Herz, bis es blutete. Tagsüber stand ich an den Schiffsländen und sah den Frachten zu, betäubt von dem bunten Gemisch des Überflusses und des Mangels, zerrissen von dem vielfältigen Schrei der schönen und häßlichen Sehnsüchte um mich her.
Endlich nahm ich, müde des Elends, die Wanderung wieder auf, südwärts immer, gen Amalfi, dazu mir ein friesischer Schiffer geraten. Die Rast in Genua war mir gut angeschlagen, trotz allem, und als ich die Gärten der Stadt hinter mir hatte, begann ich aufs neue zu hoffen. Die übermütige Fruchtbarkeit der Landschaft gab mir ein Gefühl von Schutz und Geborgensein, dies Land war von Segen wahrhaft überflutet und ließ jedem das nackte Leben. Es gab wieder Gastlichkeit, da im menschenleeren Felde keine Bettler traubengleich aneinanderhingen wie in Genua. Ängstlich mied ich die Städte, selbst Neapel ließ ich zu meiner Rechten liegen und klomm über die unwirtlichen Gebirge an das Ziel.
Bei brüllendem Unwetter, triefend vor Nässe, dampfend in der Schwüle erreichte ich Amalfi, daswie ausgestorben dalag, trotz des gefüllten Hafens, denn die Schauer jagten sich, Blitze fegten von den dunklen Bergwänden in das tosende Meer, alles Menschliche verkroch sich in den Häusern. Ich drückte mich in eine Herberge, froh der Leere in den Gassen, aber innen wurde ich gewahr, daß hier das Elend und der Ansturm der Pilger nicht minder groß waren als in Genua. Beim ersten Anzeichen blauenden Himmels schritt ich beklommen ins Freie und tat mich am Hafen um, ob nicht wer einen Ruderknecht brauche, aber alle wiesen mich ab, mit hochgezogenen Brauen und spöttischem Gesicht über mein geistlich Gewand, das zu arbeiten begehrte.
»Geh ins Kloster, Mönch!« bedeutete mich einer im schlechten Französisch der Provence, »was nimmst du den Armen das Brot? Der Prior gibt dir, wessen du bedarfst.«
Der Mann hatte recht, aber ich wagte nicht, seinen Rat zu befolgen, der Mönch Ronald war noch zu jung in der Kutte. Wie in Genua stand ich und starrte auf die Schiffe, auf das Wunder hoffend. Eine lübische Kogge war zum Auslaufen bereit, klein, zierlich, sauber wiegte sie sich ein wenig abseits auf dem blauen Spiegel. Jetzt löste sich einBoot von ihr ab und ruderte auf mich zu, der ich an der Lände stand. Ein Ritter, sichtbar ein Deutscher, schlicht, jung und bieder, sprang ans Ufer und half seinem Gemahl. Sie schritten dicht an mir vorüber zu den Krämerläden, die bis in die halbe Nacht geöffnet waren, traten bald wieder hervor und lehnten an der Hafenbrüstung, Arm in Arm, über die Wasser nach den emporglimmenden Sternen schauend. Mir berührte es das Herz absonderlich weh, ich dachte jener, die nun die Erde deckte, die ehemals lieb und traut an meiner Schulter lehnte.
Was mochte das Schicksal dieser beiden sein? Warum ließen sie die Heimat? – Sie gaben mir keine Zeit, dem nachzudenken, zögernd wandten sie sich und kehrten zu ihrem Boot zurück.
Ihr Weg führte an mir vorüber. Von weitem sah ich die Frau, hoch, blond, ein schönes, trauriges Gesicht mit großen, seltsamen Augen. Wenige Schritte vor mir schaute sie auf, ihre Blicke trafen mich, und nie sah ich in einem menschlichen Antlitz solch tiefes, wehrloses Sichergeben in ein Schicksal. Sie fuhr mit der Hand an ihr Herz und neigte still den Kopf.
Mir erging es nicht besser. Ich war überzeugt,diese Frau niemals gesehen zu haben, ich dachte nicht eines Herzschlags Länge daran, jene hätte mich als den erkannt, der ich war; und dennoch hörte ich den Flügelschlag der Bestimmung über mir rauschen und harrte unruhig, wenn auch ohne Furcht.
Dem Ritter war die Ursache ihrer Bewegung entgangen, vielleicht glaubte er ihr Gemüt vom Abschied verschattet; er neigte sich zu ihr und sagte leise auf deutsch:
»Mut, Liebling, wir fahren mit Gott.«
Sie hob den Kopf, bleich und leuchtend wie ein Marmorbild stand ihr Antlitz in dem nächtigen Himmel. Unvermutet schwang ihre dunkle Stimme in der Luft:
»Ihr seid ein Pilger? Fahrt Ihr zum Heiligen Lande?«
Mit einem ahnte ich, dies war die Erlösung. Der Ritter sah verwundert zu mir her und lächelte wohlwollend, möglich, daß er sich von meinem Aussehen keine Nebenbuhlerschaft versprach. Er tat wahrlich recht daran: die Tyrrhenische See zeigte mein mondumspültes Bild, als tauche ein Meeresungeheuer aus dem Hafengrund.
»Edle Frau,« erwiderte ich, »Ihr habt recht gesehen,ich bin ein Pilger und walle zum Heiligen Lande. Aber wann das sein wird, weiß Gott allein, denn ich habe kein Geld für die Überfahrt.«
»Ihr seid geistlich – geweihter Priester?«
»Ihr sagt es, edle Frau,« sprach ich gelassenen Mundes, indes mir das Herz schier die Rippen zerschlug. Ich bemerkte, wie sie mit den Augen ihren Gemahl beschwor und eine alte Bitte wiederholte.
Der Ritter nahm das Gespräch auf:
»Ehrwürdiger Vater, Ihr sprecht deutsch wie ein Normanne. Wes Landes seid Ihr?«
»Weiß selber nicht,« wich ich aus, »ich bin Gottes. Das Abendland ist mir geläufig auf deutsch, französisch und sächsisch. Auch Italienisch lernte ich und schreibe und spreche Lateinisch. Nehmt mich mit, Herr, vielleicht kann ich Euch in manchem zu Diensten sein. Lohns begehr ich nicht, aber Fahrt und Pflege müßt Ihr zahlen.«
Mit zitternder Seele spielte ich den Sorglosen, nahm mein leeres Beutelchen aus der Kutte und wendete es um – ach, ein vergessener Pfennig fiel heraus, rollte über die Steine und schoß blinkend in das Wasser.
»Seht, Herr,« sagte ich lachend, »das Scherfleindes Armen opfere ich den Meeresgöttern, daß sie uns sanft tun.«
Der Ritter lachte laut und herzlich, ihr Antlitz aber ward von einer noch tieferen Blässe überzogen, und eine Träne hing an der blonden Wimper.
»Wir sind einig,« sagte der Ritter hastig, denn plötzlich gellten von der Kogge drei Pfiffe, »es ist kein Priester an Bord, und mein Gemahl – in den Nachen, Mönch, und auf gen Jerusalem!«
Ein Wellenplätschern, ein Wink von Gottes Braue – ich stand an Deck eines Schiffes, das ruhvoll mit geschwellten Segeln durch die Sternennacht glitt, dem heiligen Ziele zu.