[152]S. abbiegen.
[153]Beschrenkenbedeutet auch schließen (oder sperren) schlechthin sowie ver- od. zuschließen (daherb’schrenktauch = verschlossen); dazu dieZus.anb’schrenke= anschließen und dieAbleitg.Beschrenker= Schließer. Dagegen setztzuschrenken= zuschließen ein einfachesschrenken= schließen voraus, das aber im Vokab. fehlt.Zu vgl.(aus demverw. Quellenkr.):Schöll272 (aufschrenken= aufmachen);Pfulld. J.-W.-B.339, 344 (schränken= schließen, einschließen,aufschränken= eröffnen);Schwäb. Gaun.- und Kundenspr.73 (Schränker= Hausdieb);Schwäb. Händlerspr.(inLütz.[215]:schränke[n]= schließen,Schrenke= Tür, in U. [214]:abschränke[n]= verschließen). ZurEtymologiedes zweifellos rein deutschen (mit „Schrank“ und „Schranke“ verwandten) Wortesschränkenusw., das schon im Rotw. des 17. Jahrh. bekannt gewesen, s. d. Näh. inGroß’Archiv, Bd. 42, S. 73, 74 (unter „Schränker“).
[154]Das Zeitwortfebere(n)(-ra) = schreiben oder beschreiben (dahergefebert= schriftlich) kommt noch vor in denZus.:auf-,aus-,ein-,heraus-,nach-,nieder-,über-,unter-undvorfebern. Mit dem Stammfeber-sind gebildet die Subst.Feberschure= Bleistift (eigentl. „Schreibding“) undFeberklettert= Schreibtisch.Ableitungensind:Feberer= Schreiber (dazugrandicher Feberer= Schriftgelehrter) undFeberei= Schrift oder (das) Schreiben.Zu vgl.(aus demverw. Quellenkr.)Dolm. der Gaunerspr.98 (febrenundFebrer);W.-B. des Konst. Hans254, 257 (febereundFeberer,ausfeberen= ausschreiben);Schöll274 (febern= schreiben [in der Bettlerspr.]);Pfulld. J.-W.-B.337, 341, 344 (hier ebenfallsfebern,Febererundausfebern, ferner nochFeberei= Schreibzeug);Schwäb. Händlerspr.480, 486 (fæ̂berenoderfêberenundPfeberei= Brief). Vgl. auchPfälz. Händlerspr.437 (fêwere= schreiben). ZurEtymologie, dieFischer, Schwäb. W.-B. II, Sp. 996 als „unklar“ bezeichnet, s. Hypothesen (betr. nordischen Ursprungs) inGroß’Archiv, Bd. 43, S. 64 ff. unter „Feberer“; vgl. dazu auch weiter unten überFehma(unter „Hand“).
[155]Mitschallen= singen sind noch zusammengesetzt:nach-undvorschallen.Ableitungen:Schaller= Sänger (fem.:-erin,Zus.:Schallerfläderling= Singvogel, insbes. Amsel, Kanarienvogel) undSchallerei= Gesang.Zu vgl.(aus demverw. Quellenkr.):Dolm. der Gaunerspr.99 (schallen= singen); desgl.W.-B. des Konst. Hans254 undPfulld. J.-W.-B.343 (hier [340, 342] auch:Schallen= Gesang undSchaller= Sänger);Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr.73, 74 (schallen,Schaller= Sänger,Schallerle= Organist,Schallerkasten= Kirche);Schwäb. Händlerspr.483, 486 (schallen,Schaller,Duftschaller[d. h. „Kirchensänger“] = Lehrer). ZurEtymologie(von unserm deutsch. Zeitw.schallen) sowie über weitere Belege s. Näh. inGroß’Archiv, Bd. 42, S. 69-71; vgl. auchWeber-Günther, S. 180 u. 188.
[156]S. abgehen.
[157]Begerenbedeutet: sterben, umkommen, auch spezieller ersticken. Dazu das Partiz.begert= gestorben, verstorben (entleibt, entseelt, leblos, starr, tot) sowie die Negationbegert nobis(eigtl. „stirbt nicht“) = unsterblich und die Zus.Begertflössling(d.h. „toter Fisch“) = Hering. Als Subst. gebraucht istBegert= Leiche. Die dafür sonst im Rotwelsch vorkommende VokabelBegeru. ähnl. (auch = Tod), das Stammwort für das Zeitw.begern(vgl. unter „Etymologie“), ist für sichalleininWittichsVokabularnichtangeführt, wohl aber sinddamit(od. vielleicht auch bloß mit dem Stammebeger-des Zeitw.begeren) zahlreicheZusammensetzgn.gebildet worden, soBegersins= Arzt (Doktor), auch bes. Wundarzt (u. dazu die Verbdg.schofler Begersins= Quacksalber),Begerschure= Gottesacker (Kirchhof), auch Grab, Gruft,Begerkies= Grabstein, Leichenstein,Begerfläderling= Käuzchen, Steineule (vgl. dazu betr. die Übereinstimmg. mit der Zigeunerspr. schon „Vorbemerkung“,S. 18sowie unter „Käuzchen“),Begerkitt= Krankenhaus (Siechenhaus, Spital) u. Leichenhaus (vgl.grandiche B.= Hospital,Lanenger B.= Lazarett, u. das Dim.Begerkittle= Sarg [s. dazu schon obenS. 44,Anm. 147unter „Abort“]),Begergadschood.Begerkaffer= Leichenbeschauer, letzteres auch Totengräber,Begersauft= Leichenbett (Sterbe-, Totenbett),Begermoss= Leichenfrau,Begerbikus= Leichenschmaus,Begerbochdam= Leichentuch,Begerkluft= Sterbekleid,Begersore= Totenbahre,Begerkritzler= Totenschein.Ableitungen(vonbegeren) sind: das Subst.Begerei= (das) Sterben, Krankheit, auch speziell Seuche, u. das Adj.begerisch= sterblich, krank (gebrechlich, leidend, unpäßlich) u. speziell lahm (daher:begerisch bosten= lahm gehen; vgl. ferner die Negat.nobis begerisch= wohl [gesund], die Verbdg.begerische Mufferei= Totengeruch u. die Zus.Begerischsauft= Krankenbett). Auch als Subst. wirdBegerischgebraucht = Siechtum oder spezieller: Epilepsie (Fallsucht), währendgrandich Begerischdie Schwindsucht bedeutet.Zu vergl.(aus demverw. Quellenkr.):Dolm. der Gaunerspr.95 (begerisch= krank, vgl. auch 98:begerisch gekeilt werden= hart geschlagen werden);Schöll271, 273 (Beger= Tod,begern= sterben);Pfulld. J.-W.-B.341, 345 (bäkeren= sterben,bägeret= gestorben,bäkeret= tot,Bäkerei= Krankheit,bäkerisch= krank,Bäkerischkitt= Krankenhaus);Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr.67, 72, 76 (begern= sterben od. krank sein [hierfür auchbechern],abgebegert= gestorben,Begerer= Arzt,Begerwinde= Krankenhaus);Schwäb. Händlerspr.486, 487 (bêkeren= sterben [vgl. inPfedelb.(213):bägertu.beechert= gestorben],bêkerisch[inPfedelb.(213):beecherisch] = sterbenskrank, todkrank,Bêkerwinde= Spital). ZurEtymologie(vom hebr.peger= „Leichnam“) sowie über weitere Belege im Rotw. s. Näh. inGroß’Archiv, Bd. 42, S. 69 u. Anm. 1 (unter „Begerschaberer“) vbd. mit Bd. 43, S. 29 (unter „Pöckerer“). Vgl. auch nochFischer, Schwäb. W.-B. I, Sp. 576 vbd. mit Sp. 363/64 (unter „auf-bägere[n]“).
[158]Mitbugle(-la) od.buk(e)le(n)(-la) = tragen, bringen, holen (Spr.) finden sich noch dieZusammensetzungen:fortbugla= fortbringen, forttragen,herausbukla= heraustragen,mitbukle= mitbringen,umher-,wegbukle= umhertragen, wegtragen sowie die Verbindungschiebes bukle= davontragen.Ableitungensind: die Subst.Bukler(in der Zus.Kritzlerbukler= Briefträger, Postbote) u.Buklete= Last, Traglast.Zu vgl.(aus demverw. Quellenkr.):Dolm. der Gaunerspr.100 (buckeln= tragen);Schöll272 (buklen);Pfulld. J.-W.-B.345 (ebenso);Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr.76 (buckeln);Schwäb. Händlerspr.(inPfedelb.[213]bukeln, inLütz.[215]buckle[n]). ZurEtymologie(vom deutsch.Buckelod.Puckel) sowie über weitere rotw. Belege s. Näh. inGroß’Archiv, Bd. 47, S. 209 u. Anm. 2. Vgl. auchFischer, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1504 (mit weiteren Angaben).
[159]Mitpfladere(n)(-ra) = waschen (auch: baden, ferner putzen, reinigen, säubern, wischen) sind noch zusammengesetzt:auf-u.auspfladere(n)(-ra) = auf- u. auswaschen (ausspülen). Mit dem Stammepflader-zusammenges. Hauptwörter sindPfladerschottel= Waschbecken,Pfladersore= Wäsche,Pfladermoss= Wäscherin,Pfladerkitt= Waschhaus,Pfladerflu(h)te= Waschwasser.Zu vgl.(aus demverw. Quellenkr.):Dolm. der Gaunerspr.89, 91, 101 (Fladerei= Wäsche,Fladerer= „Balbierer“, Doktor);Pfulld. J.-W.-B.343, 346 (fladeren= waschen,Flader-Schury= Schermesser);Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr.77 (flattern= waschen);Schwäb. Händlerspr.488 (pfladere); vgl. auchPleißlen der Killertaler435 (fladere[n]) u.Metzer Jenisch207 (flādere). Zur (nicht ganz sichern)Etymologiesowie über weitere rotw. Belege s.Groß’Archiv, Bd. 42, S. 44, 45 u. Anm. 1, 2. —Fischer, Schwäb. W.-B. II, Sp. 1537 gibt keine Erklärung.
[160]S. Abort.
[161]S. abbiegen.
[162]Mitpfreimen(-ma) = bezahlen (zahlen), vergüten ist noch zusammenges.auspfreimen= auszahlen; als Subst. gebraucht:Pfreimen= Steuern.Ableitung:Pfreimerei= Zahlung (Sold, Verdienst).Zu vgl.(aus demverw. Quellenkr.):Pfulld. J.-W.-B.337, 338, 346 (pfräumen= auszahlen, bezahlen, zahlen);Schwäb. Händlerspr.479, 488 (pfreimen= bezahlen, zahlen). ZurEtymologie: NachFischer, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1078 istpfreimenwohl nur eine Nebenform vonbereimen(s. darüber das Näh. weiter unten unter „bezahlen“), wozu die (z. B. beiKarmayer17 vorkommende) Formbepreimen(vgl.Groß’Archiv, B. 33, S. 305, Anm. 3, lit. a) den Übergang zu vermitteln scheint.
[163]Mitzaine[n](od.zeine[n]) = bezahlen (zahlen) sind noch zus.an-u.auszeine[n](-na). Als Subst. gebraucht istZeine= Zahlung.Zu vgl.(aus demverw. Quellenkr.):W.-B. des Konst. Hans259 (zainen= zahlen);Schwäb. Händlerspr.in U. [214]:zaine[n]= bezahlen). DieEtymologieist unklar.
[164]S. abbiegen.
[165]Grandicher Flederlingheißt wörtlich „großer Vogel“, währendgrandichFlederling= Storch, eigentlich wohl durch „größter Vogel“ (d. h. der in Deutschland bekannte größte Vogel) wiederzugeben sein dürfte mit Rücksicht auf das, wasWittichan anderer Stelle (s. unter „Bischof“) über den Gebrauch vongrandich(im Gegensatz zugrandicher) als Superlativ im Jenischen ausgeführt hat (vgl. dazu auch schon „Vorbemerkung“,S. 17,Anm. 42u. Näh. noch in m. Anm. zu „Bischof“). — MitFlederling(od.Fläderling) schlechthin werden auch einzelne Vogelarten bezeichnet, so die Elster, der Kuckuck, der Star und die Taube (vgl. dazu „Vorbemerkung“,S. 16). Aber auch mancheZusammensetzungenmit dem Worte finden sich sowohl für bestimmteGattungenvon Vögeln (s.Schallerflederling= Singvogel,Flu[h]teflederling= Wasservogel) als auch für einzelneArten. So kommtSchallerflederlingauch spezieller für die Amsel und den Kanarienvogel undFlu(h)teflederlingfür die Bachstelze (als e. Art Übersetzung) vor (neben der Bezeichng.jenischer Flederling, worüber das Näh. noch weiter unten bei „Bachstelze“); vgl. ferner:Stämpfflederling(eigtl. „der schimpfende Vogel“) = Elster (s. d. betr. Übereinstimmg. mit der Zigeunerspr.),Leile-od.Ratteflederling(d. h. „Nachtvogel“) = Eule (s. d. betr. Übereinstimmg. mit d. Zigeunerspr., vgl. auch obenS. 37,Anm. 127),Begerflederling(d. h. „Totenvogel“) = Käuzchen, Steineule (vgl. dazu schon obenS. 98,Anm. 157),Schmuserflederling(d. h. „der sprechende Vogel“) = Papagei (s. d. betr. Übereinstimmg. mit d. Zigeunerspr., vgl. auch schon „Vorbemerkung“,S. 18),Dofeflederling(d. h. „der schöne Vogel“) = Pfau (s. d. betr. Analogie im Zigeun., vgl. auch „Vorbemerkung“,S. 18,Anm. 47),Schofeleiflederling(d. h. „Unglücksvogel“) = Rabe (vgl. „Vorbemerkg.“,S. 19,Anm. 49) u.Furschetflederling(d. h. „Gabelvogel“) = Schwalbe (nach deren gabelförmigem Schwanze; s. betr. die Übereinstimmg. mit d. Zigeun. unter „Schwalbe“). Beachtenswert ist, daßFlederlingin gewiss. Zus. auch fürandereTiere (Insekten) vorkommt, so inKupferflederling= Heuschrecke undSchundflederling= Mistkäfer. Seltener sind endlich Zus., in denen das Wortvorangesetztist, so:Flederlingskitt= Vogelbauer,Fl.-bäzeme= Vogeleier,Fl.-nolle= Vogelnapf u.Fl.-schnellen= Vogelschießen. —Zu vgl.(aus demverw. Quellenkr.):Dolm. der Gaunerspr.101 (Fletterling= Vogel);Schwäb. Händlerspr.488 (Fläterling= Vogel [inPfedelb.(213):Flätterlingauch spezieller = Taube, wozu noch bemerkt sei, daß geradediese engereBedeutg. im alten Rotw. zuerst vorkommt; s. z. B.Hildb. W.-B.1753ff (227) u.Rotw. Gramm.n. 1755 (18. u. D.-R. 47)]). SeinerEtymologienach gehört das Wort natürlich zu „flattern“; s.Günther, Rotwelsch, S. 60 vbd. mitFischer, Schwäb. W.-B. II, Sp. 1545 (unter „Flätterling“). —
Das (in der Verbindg.grandich[er] Flederlingenthaltene) Adj.grandich(odergrandig) hat außer der häufigsten und allgemeinsten Bedeutung „groß“ noch folgende: bedeutend, begütert, dick, erwachsen, gewichtig, hoch, hochherzig, lang, mächtig, prächtig, reich, viel, voll, vorzüglich, endlich auch noch „wütend“ (doch geht es indiesemSinne wahrscheinl. auf einenanderenStamm zurück; s. d. Näh. unten bei der „Etymologie“ a. E.); mit vorgesetzter Verneinung (nobis grandich) ist es = wenig, winzig, alsAdverbgebraucht bedeutet es: oft (häufig), alsSubst.(Grandich): Gewalt, Höhe. Der Komporat.grandicherkommt nicht nur für „größer“, sondern auch für „mehr“ („mehrfach“, „vielmals“) vor. InVerbindungn.erscheintgrandich: a) zuweilen mit einemZeitw., sograndichepflanzen(eigtl. etwa „den Großen spielen“) = hoffärtig (aufgeblasen, stolz, übermütig) sein (wogegengrandicher pflanzennur durch „verlängern“ wiedergegeben ist), viel häufiger aber natürlich: b) mitHauptwörtern, und zwar in d. R. (und nicht selten in unmittelbarem Anschluß an die Zigeunersprache) als umschreibender Ersatz für Begriffe, für die es im Jenischen keine besonderen selbständigen Bezeichnungen gibt (vgl. „Vorbemerkung“,S. 17ff.), soα) für Sachen im weit. S. (einschl. z. B. Gebäude u. dergl.):grandiche Jahre-od.Krachersäftling(d. h. „große Waldtraube“) = Ananas,grandiche Duft(d. h. „große Kirche“) = Dom (s. d. betr. d. Zigeun.),grandicher Kies(d. h. „großer Stein“) = Felsen (s. d. betr. d. Zigeun.), auch Quaderstein,grandiche Kitt(d. h. „großes Haus“) = Hof,grandiche Kolbekitt(d. h. „großes Pfarrhaus“) = Kloster (s. d. betr. d. Zigeun.),grandiche Schoflerei(d. h. „großes Gericht“) = Kreis- (Land-, Kriminal-) Gericht (s. betr. d. Zigeun. unter „Kreis-“ u. „Kriminalgericht“),grandicher Sins-Obermann(d. h. etwa „des großen Herrn- [des Landesherrn] Hut“) = Krone (s. d. betr. d. Zigeun.),grandiche Lobekitt(d. h. „großes Geldhaus“) = Münze, Münzwerkstätte,grandiche Hegerle(d. h. „große Knödel“) = Nudeln,grandiche Kaflerkitt(d. h. „großes Metzgerhaus“) = Schlachthaus,grandiche Schrende(d. h. „große Stube“) = Saal (s. d. betr. d. Zigeun.),grandicher Spraus(d. h. „großes [langes] Holz“) = Stange (s. d. betr. Analog. im Zigeun.); fernerβ) auch für — mehr od. weniger —abstrakte Begriffe; so:grandich Flu(h)te(d. h. „großes“ [od. größtes] Wasser) = Meer (vgl. schon obenS. 36,Anm. 126),grandich Ulma(d. h. „viele Leute“) = Menge,grandich Lanenger(„viele Soldaten“) = Heer (s. d. betr. d. Zigeun.), fernergrandicher Funk(d. h. „großes Feuer“) = Feuersbrunst (s. d. betr. d. Zigeun.),grandich Bogelo(d. h. „großer Hunger“) = Heißhunger,grandich Begerisch(d. h. „großes [schweres] Siechtum“) = Schwindsucht,grandich Schureod.Sore(d. h. „viele Dinge“) = Reichtum, Überfluß, Vermögen; sodannγ) fürTiere: so (außergrandich[er] Flederlingnoch);grandiche Gachne(d. h. „großes Huhn“) = Hahn,grandich Jerusalemsfreund(d. h. „großes Schaf [Hammel]“) = Schafbock,grandich Babingod.Strohbuzer(d. h. „große Gans“) = Schwan (s. d. betr. d. Zigeun.); endlichδ) fürMenschen, und zwar: aa) nach derenEigenschaften, wiegrandicher Kaffer(d. h. „großer Mann“) = Riese (s. d. betr. d. Zigeun.) bezw.nobis grandicher Kaffer= Zwerg; zu vgl. auch die (wohl als partes pro toto für die Personenselbstgebräuchl.) Bezeichngn.grandicher Rande= Dickbauch,grandicher Ki(e)bes= Dickkopf oder Starrkopf u.grandicher Giel(Grandichergiel) = Großmaul (wobei noch zu erwähnen, daßsolcheVerbindungen auch als Adjektive gebraucht vorkommen, s. z. B.grandicher Rande= beleibt, wohlbeleibt, bes. auch schwanger, trächtig,grandicher Muffer= großnasig; vgl. auchgrandich Sore(s. oben) = vermögend; bb) nach demStandeod.Beruf, wie z. B.grandicher Sins(d. h. „großer Herr“) = Amtmann, Richter (s. d. betr. d. Zigeun.), aber auch Fürst, Herrscher u. dgl. m. (s. d. betr. d. Zigeun.),grandicher Feberer(d. h. „großer Schreiber“) = Schriftgelehrter u. a. m. Auf die weiteren Beispieledieser Artist — um Wiederholungen zu vermeiden — ausführlicher erst in der Anm. zu dem Worte „Bischof“ eingegangen, da dortWittichsBemerkung über die in seinem Jenisch eigentümliche Art steht, die Steigerung von Rangstufen durch Hinzufügung vongrandicher(als Komparativ) u.grandich(als Superlativ) vorzunehmen (vgl. S. 101). Als bloße wörtl. Übersetzungen unserer deutsch. Bezeichnungen erscheinen natürlichGrandicher-Patresu.Grandichemamere= Großvater, -mutter. —Zu vgl.betr.grandich(aus demverw. Quellenkr.):W.-B. des Konst. Hans256, 259 (grandig= gewaltig, stark);Schöll271 (grandig= groß, stark, viel);Pfulld. J.-W.-B.339, 340, 342, 344, 345 (grandig= groß,grandiger Kanofferod.Gschor= „Erzdieb“,grandiges Schuberleod.Balderle= Gespenst,grandig Flotte= Meer,grandige Kehr= Schloß [Gebäude],grandige Duft[od.Kangeri(aus dem Zigeun.)] = Tempel);Schwäb. Händlerspr.481 (grandig= groß); auch demMetzer Jenisch(216) bekannt. DerEtymologienach geht das (schon zu Beginn des 17. Jahrh. im Rotw. auftretende) Wort wohl unmittelbar auf roman. Ursprung, und zwar noch eher auf das italien.grandeals auf das französ.grand, zurück. S. Näh. inGroß’Archiv Bd. 38, S. 270 (unter „Sens“) u. dazu nochWeber-Günther, S. 173 (unter „garant“) sowieFischer, Schwäb. W.-B. III, Sp. 790. Nur indem Sinne „wütend“ — wozu das bes. in der bayr. Mundart allgemeiner gebräuchl.grandig= „mürrisch, verdrießlich, übel aufgelegt“ u. dergl. zu vergleichen ist — dürfte es wohl auf einenanderenStamm zurückgehen. S. dazu d. Näh. beiFischer, a. a. O. unter u. zu „grandig“, Nr. 2, c verbd. mitSchmeller, Bayer. W.-B. I, Sp. 1003 (unter „Grand“) sowie Sp. 999 (unter „grennen“).
[166]S. abbiegen.
[167]Über die Adj.ni(e)sich,nillichod.nuschichs. d. Näh. schon oben unter „aberwitzig“.Gielbedeutet: Maul (Schnauze), Mund (Lippe), dann auch allgemeiner (gleichsam als pars pro toto) Gesicht, Miene, Signalement (s. d. betr. Übereinstimmg. mit d. Zigeunerspr.). AndereZus.bzw.Verbdgn.mitGielsind nochGrandichergiel= Großmaul (s. dazu schon obenS. 100,Anm. 165),Schmusichergiel= Plappermaul sowieoberkünftiger Giel(d. h. eigtl. etwa „Obermaul“) = Gaumen (s. d. betr. Übereinstimmg. m. d. Zig., vgl. auch „Vorbemerkung“,S. 17).Vielleichtdürften als Ableitungen vonGielauch das Zeitw.giele(n)(-la) = (sich) erbrechen, übergeben (auch als Subst. gebr.) u. das Adj.gielerich= übel („zum Übergeben [Erbrechen] schlecht“ [Spr.]) betrachtet werden.Zu vgl.(aus demverw. Quellenkr.):Pfulld. J.-W.-B.338, 342, 345 (Giel= Maul,gillen= erbrechen, speien);Schwäb. Händlerspr.4841 (Gîl= Mund). DerEtymologienach gehört das (als rotw. schon imLib. Vagat.[54] bekannte) Wort zu dem bereits mhd.giel= „Maul, Rachen, Schlund“ (s.Lexer, Mhd. Hand-W.-B. I, Sp. 1011; vgl. auchSchmeller, Bayer. W.-B. I, Sp. 892), bildet also „einen der nicht häufigen Fälle der Erhaltung vonArchaismenim Rotwelsch“ (so:Fischer, Schwäb. W.-B. III, Sp. 651; vgl. auch schonWagnerbeiHerrig, S. 207 u.Behaghelin d. Z. der Allg. Deutsch. Sprachver. Jahrg. 1905, Sp. 158). Das Zeitw.gil(l)en= erbrechen usw. hatFischer, a. a. O., Sp. 658 — freilich nur mit einen Fragezeichen — zu dem hebr.gilla= „enthüllen“ in Beziehung gesetzt.
[168]Als eineZus.mitBos= After (Hinterer) könnte vielleicht aufgefaßt werdenBoslem= Exkremente (das wäre dann eigtl. — daLehmauch imWittich’schen Vokabular für „Brot“ vorkommt — soviel wie „Afterbrot“). Ebenso scheint ein gewisser Zusammenhang vorzuliegen zwischenBosu. dem Zeitw.bosenod.bosme= lecken, zu dem möglicherweise die Redensartjann’mei Bos= „leck mich (im A....)“ (s. d. W.-B.) den Übergang gebildet hat.Zu vgl.(aus demverw. Quellenkr.):Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr.74 (Bos= Podex [ganze Hinterseite]);Schwäb. Händlerspr.485 (Boß= Podex; vgl. dazu noch inPfedelb.[211]:muff mei Boß= „l. m. i. A.“). DieEtymologieist unsicher.Fischer, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1303 hat das hebr.bōš= „sich schämen“ herangezogen, jedoch nur mit einem Fragezeichen. Weniger gesucht erscheint es m. E., inBoszu erblicken nur eine Abkürzung (nach Art der sog. Aphärese) von der Zusammensetzg.Schundbosu. ä. (wörtl. etwa „Kothaus“, zuSchund= Kot u. dgl. [s. obenS. 41,Anm. 139] u.Bos= Haus, älterer rotw. Form fürBaisu. ä., aus dem gleichbed. hebr.bajit[vgl. Archiv, Bd. 38, S. 221, Anm. 1]), die sich zu Anfang des 19. Jahrh. in einzelnen Sammlungen der Gaunerspr. als Bezeichnung für den „Hinteren“ findet (so z. B. beiKarmayer150 [nebenSchandbus(138)]; vgl.Pfister1812 [303:Schonnboos] u.v. Grolman58 u. 63 u. T.-G. 101 [Schonboosu.Schandbusod.-buß]).
[169]S. Abort.
[170]Dieselbe Ausdrucksweise haben auch die Zigeuner (s.Liebich, S. 139 u. 174:hakko bersch[d. h. „jedes Jahr“] = alljährlich). —Janeod.Jahne= Jahr findet sich auch noch in denVerbdgn.voriges Ja(h)ne= vorjährig u.nobis dofs Ja(h)ne(d. h. eigtl. „kein gutes Jahr“) = Mißjahr (s. d. betr. d. Zigeunerspr.) u. in den Zus.Ja(h)neschei= Jahrestag u.Neuja(h)ne= Neujahr (Spr).Zu vgl.(aus demverw. Quellenkr.):Dolm. der Gaunerspr.94 (Jone= Jahr, daherJone Gschok= Jahrmarkt);W.-B. des Konst. Hans257, 259 (Jane= Jahr,Jann= Jahre);Pfulld. J.-W.-B.341 (Jane= Jahr). DieEtymologiebleibt zweifelhaft.Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 74 hat hingewiesen teils aufJam= Tag (in der FormJäm[m]chen= Jahr [s. dazu schon oben „Einleitg.“,S. 26,Anm. 70]), teils auf das hebr.schānā, jüd.schōnō= Jahr, das auch in die Gaunerspr. eingedrungen ist (s. z. B. schonChristensen1814 [322:Schone], u. dann öfter bis zur Neuzeit [vgl. A.-L. 603 u.Groß492 (Schono,-num),Rabben121 u.Ostwald137 (Schone,-num)]). Jedoch erscheint es vielleicht am einfachsten, auch hier (gleichwie möglicherweise ja beiJäm[m]chen) nur eine absichtliche Entstellung des Auslauts von „Jahr“ anzunehmen.
[171]Auch diese Umschreibung ist bei den Zigeunern gebräuchlich (s.Liebich, S. 139 u. 174:hakko diwes[d. h. „jeden Tag“] = alltäglich). — Das jenischeSchei(od.Schein) = Tag (wofür früherJammgebräuchlich gewesen [vgl. oben „Einltg.“,S. 26,Anm. 70]), hat noch verschiedene Nebenbedeutungen, so: Helle (auch als Adj. gebr. = hell), Licht (Wachslicht, Kerze), Fackel (Wachsfackel), Ampel, Lampe, Laterne u. endlich Fenster. Mehrere dieser Bedeutungen begegnen auch in denZusammensetzungenmit dem Worte, so: a) = Tag (nurans Endegestellt) in:Nilliche-(Ni[e]siche-od.Nuschiche-)schei= Fastnacht (vgl. obenS. 39,Anm. 132),Ja(h)neschei= Jahrestag (vgl. obenAnmerkg. 170),Bäzemeschei(eigtl. „Eiertag“) = Karfreitag (s. d. betr. Übereinstimmg. mit der Zigeunerspr., vgl. auch „Vorbemerkung“,S. 18),Brandlengschei(eigtl. „Kuchentag“) = Kirchweihe,Flössleschei= Regentag,Bossertschei(eigtl. „Fleischtag“) = Sonntag (vgl. schon obenS. 31,Anm. 119); b) =Licht(od.Lampe):α)vorangestellt: inScheischure(eigtl. „Licht- [od. Lampen-] Ding“) = Docht u.Scheinpflanzer= Lichtzieher;β)ans Endegestellt: inSchuberleschein(d. h. „Gespensterlicht“) = Irrlicht (s. d. betr. die Zigeunerspr.),Leileschei(n)= Nachtlicht, dann aber auch Mond u. Stern (vgl. dazu schon obenS. 37,Anm. 127); c) =Fenster: inScheiglansert= Fensterglas.Zu vgl.(aus demverw. Quellenkr.):W.-B. des Konst. Hans255, (Schaispringer= „Diebe, die bei Tag stehlen“); übereinstimmend damit in der Bedeutg.:ScheinspringerbeiSchöll269, 270 u. imPfulld. J.-W.-B.345 (vgl. hier [339] auch nochPrenzenschein= Feiertag, währendSchein—ohneZusatz — [337] so viel wie „Auge“ bedeutet);Schwäb. Händlerspr.487 vbd. mit 479, 480, 483 (Schein= Tag, Nebenbedtgn.: Auge, Fenster, Licht; vgl. inPfedelb.[214]:Bichschein= Zahltag). In den übrigen rotw. Quellen findet sichScheinfür „Tag“ (abges. von der oben erwähnten Zus.) m. Wiss. zuerst beiSchintermicherl1807 (288), für „Auge“ zuerst beiPfisterbeiChristensen1814 (328), dagegen schon imBasl. Glossar v. 1733(201) für „Glas“. Aus den Krämerspr. vgl. noch:Pfälz. Händlerspr.438 (Schainche= Auge, Fenster, Lampe),Metzer Jenisch216 (Scheinche= Augen), u.Winterfeld.Hausierspr.441 (Scheincher= Fenster). DerEtymologienach gehört das Wort wohl zweifelsohne zu unserem gemeinsprachl.Schein(in dem ursprünglichsten Sinne von „ins Auge fallende Helle“, mhd.schîn, ahd.scîn= „Glanz, Helligkeit, Sichtbarkeit“ usw. (s.Weigand, W.-B. II, Sp. 690/91); vgl. auch A.-L. 597. Über das stammverwandteScheinling= Auge s. das Näh. unter „Augapfel“.
[172]Dieselbe Umschreibung kennt auch die Zigeunersprache; s.Liebich, S. 145 u. 174 (mangamáskero lowo, d. h. eigtl. „Bettelgeld“ = Almosen). — Betr.Dercher-s. das Näh. unter „abbetteln“. Das jenischeBich= Geld (Geldstück, Kupfergeld), Münze, dann auch Barschaft, Gehalt (Sold), Summe kommt in mancherleiZusammensetzgn.vor, so a)am Anfangstehend:α) für Personen: inBichsins= Bankier, aber auch Münzmeister, u.Bichschenegler= Münzarbeiter (auch wohlBichpflanzer, argum.:Bichpflanzerskitt= Münzwerkstätte, vgl. auch noch die Umschreibg.nobis dufter Bichpflanzer[d. h. eigtl. „kein guter Geldmacher“] = Falschmünzer);β) für Sachen:Bichkitt= Bankhaus,Bichschure= Geldkasse od. -kasten,Bichrande= Geldsack; b)ans Endegesetzt: (außer inDercherbichnoch) inStradebich= Chausseegeld (Pflaster-, Wegegeld),Schenagelsbich= (Arbeits-) Lohn,Duftbicht(eigtl. „Kirchengeld“) = Opfergeld,Kritzlerbich= Papiergeld.Zu vgl.(aus demverw. Quellenkr.): nurSchwäb. Händlerspr.481 (Bich,Pichod.Spich= Geld; dazu [inPfedelb.(214):Bichschein= Zahltag]); diePfälz. Händlerspr.438 hat die FormPech. Über sonstige Belege im Rotwelsch usw. (wo die FormPichod.Picht— nebenBicht— vorwiegt) sowie die (nicht sichere)Etymologiedes Wortes s. Näh. inGroß’Archiv, Bd. 33, S. 279, 280 u. Anm. 1 u. 2 (im Anschluß an A.-L. 583 [unter „Pich“]). —Fischer, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1094 gibt keine Erklärung.
[173]Auch hiermit (wie schon in der „Vorbemerkung“S. 18erwähnt) sachlich übereinstimmend die Zigeunerspr.; s.Liebich, S. 174 (tschutschĭnéngĕridai, d. h. „die Brustmutter“ = Amme; doch wirddaidabei auch wohl weggelassen [s. S. 166, vgl. auchFinck, S. 93]). Das jenische WortSchwächerle= Brust (bes. Weiberbrust), bei Tieren = Euter (daherHorbogen-,Trabert-,Groenikelsschwächerle= Kuh-, Pferdeeuter, Schweinezitzen), dann auch = Herz, geht zurück auf das Zeitw.schwächen= trinken (saufen, zechen), aber auch = dursten (in der Wendg.mich schwächert’s). ZuerstererBedtg.:geschwächt= betrunken, berauscht,halbgeschwächt= halbtrunken sowie dieZus.:ausschwächen= austrinken (aberschwäch’ [a]uf= trink’ aus),beschwächen= betrinken,ver-u.vorschwächen= ver-, vortrinken. Zu beachten ist, daß das (unverkleinerte) Subst.Schwächernur so viel wie „Rausch, Trunkenheit“ (auch wohl „berauscht, betrunken“) bedeutet (vgl. „Vorbemerkg.“,S. 13,Anm. 33). WeitereAbleitungen(vonschwächen) sind dann noch: d. Adj.schwächerich= durstig (Spr.), als Subst. = Durst, u. d. Subst.Schwäche= Tränke, Viehtränke (daherTrabertschwäche= Pferdetränke),Schwächet= Getränk,Schwächerei= Sauferei, Trank, Trinkgelage, Zeche.Zusammensetzgn.mit dem Stammschwäch-(des Zeitwortsschwächen) sind endlich:Schwächglansert,-nolle,-schottel= Trinkglas, -schale, -schüssel, alle drei aber auch (allgemeiner) = Trinkgefäß.Zu vgl.(aus demverw. Quellenkr.):Dolm. der Gaunerspr.91 u. 100 (schwächen= trinken,Dobrisch schwächen= Tabak rauchen;esschwächet mich= es dürstet mich);W.-B. des Konst. Hans255, 256, 258, 259 (schwäche[n]= trinken,z’ Schwächet steken= zu trinken geben,Dow’re schwäche= Tabak rauchen;es schwächert mi= es durstet mich);Schöll271 (schwächen= trinken,Schwächer= Durst);Pfulld. J.-W.-B.337, 339, 343, 345 (schwächen= trinken, saufen, aussaufen,verschwächen= versaufen [verdr.: erlaufen],Schwächeod.Schwächer= Rausch,Schwächerei= Trunkenheit);Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr.67, 68, 76 (schwächen,ausschwächen,Schwäche= Trunk;Schwächem= Durst);Schwäb. Händlerspr.487 (schwächen, inPfedelb.[208, 209, 212-14]:ausschwächen, fernerSchwäche= Trank,Schwächem= Durst,Schwächere= Wirtshaus,schwecherisch= durstig,Schwächbruder= Saufbruder, inLütz.[215]Schwächer= Rausch). Vgl. nochMetzer Jenisch216, 217 (schwäche= trinken,beschwächt= betrunken). Zur (nicht sicheren, aber vermutl. auf das Hebr. zurückzuführenden)Etymologies. ausführl.Groß’Archiv, Bd. 43, S. 42 ff. (unter „Schwächer“); vgl. auchWeber-Günther, S. 169 (unter „Schwäche“). —
Das zweite (in der Zus.Schwächerlemamereenthaltene) Wort,Mamere= Mutter, findet sich auch noch in der Verbindg.Patres(d. h. Vater)und Mamere= Eltern (s. d. betr. d. Zigeunerspr., die ebenfalls kein eigenes Wort für „Eltern“ hat [vgl. auch „Vorbemerkung“,S. 17,Anm. 44]) sowie in den folgendenZus.: a)am Anfangstehend:Mamereglied, das drei Bedeutgn. hat, nämlichα) Oheim (als „Mutterbruder“),β) Tante (als „Mutterschwester“),γ) Neffe (v. mütterl. Seite her; vgl. zuαu.βbetr. die Überstimmg. mit d. Zigeun. Näh. unter „Oheim“ u. „Tante“), weiterMameregroenikel= Mutterschwein; b) ansEndeges.:Grandichemamere= Großmutter,Kittmamere= Hausmutter,Schoflemamere(eigtl. „schlechte Mutter“) = Stiefmutter.Zu vgl.(aus demverw. Quellenkr.):Dolm. der Gaunerspr.96 (Mamaire= Mutter),Schöll271 (Mammere);Pfulld. J.-W.-B.342 (Mamere);Schwäb. Händlerspr.484 (wieSchöll). ZurEtymologie: NachFischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 1432 ist das (auch sonst noch im Rotw. vorkommende) Wort — wie übrigens auch schonSchöll271 vermutet hat — wohl ohne Bedenken herzuleiten vom französ. „mamère“. Eine Heranziehung der Zigeunersprache ist daher nicht nötig, wie denn z. B. auch dieSulzer Zigeunerliste v. 1787(251) ausdrückl. das rotw.Mammeredem gleichb. zigeun.Mamma(vgl.Finck, S. 71:máma) gegenübergestellt hat.
[174]Auch die Zigeunerspr. hatdenselbenAusdruck (momĕlin) für Licht (Fackel, Kerze) u. Ampel (Lampe, Leuchter); s.Liebich, S. 147, 174, 196, 214, 218 u. 219. Im übrigen s. überSchei(n). Näh. schon oben unter „alltäglich“.
[175]S. unter „absingen“ u. „Adler“.
[176]Auch die Zigeunersprache kennt (wie schon in der „Vorbemerkung“,S. 17erwähnt) diese Umschreibung (eigtl. „großer Herr“ für „Amtmann“ u. dergl. (s.Liebich, S. 127 u. 174:bāro rai; vgl. auchJühling, S. 225 [= „Bezirksamtmann“]), desgl. für die Bedeutgn. „Richter“, „Herrscher“ u. „Oberherr“ (s. d.Vork. im W.-B.), während für die weiteren Bedeutgn. „Fürst“ u. „Landesherr“ bes. Benennungen bestehen. Übergrandich Sins= König (fem.grandich Sinse) — wobeigrandichals Superlativ zu betrachten — s. d. Näh. noch unter „Bischof“; vgl. auch schon „Vorbemerkung“,S. 17,Anm. 42.Zusammensetzgn.mitSins(od. Sens) = Herr (Edelmann, Gebieter [vgl. fem.Sinseod.Sense= Herrin (Dame, Edeldame) u. d.Dimin.Sinsle= Junker]) sind: a)im Anfang:Sinsekitt= Herrenhaus, Herrschaftshaus u.Sinseschrende= Herrenzimmer, während inSinsemoss= Herrin (Dame, Edeldame) undSinsemodel= Fräulein doch wohl eher das fem.Sinsesteckt; b)am Ende(beliebt bes. als Berufsbezeichngn.):Begersins= Arzt (Doktor), Wundarzt (u. dazuschofler Begersins= Quacksalber, vgl. auch obenS. 98,Anm. 157),Bich-,Kies-,Lobesins= Bankier (Bichsinsauch = Münzmeister),Fehtesins= Quartierherr (fem.-sinse=Quartierfrau),Sturmkittsins= Ratsherr,Dupfsins= Wundarzt,Näpflingsins= Zahnarzt.Zu vgl.(aus d.verw. Quellenkr.):W.-B. des Konst. Hans254, 259 (Sinz= Herr,Sinst= der regierende Herr);Schöll272 (Sens= Herr);Pfulld. J.-W.-B.338, 340, 341 (Sens= Herr,Obersens= Beamter,Senserei= Herrschaft, Kanzlei);Schwäb. Händlerspr.482 (Sens= Herr, in U. [213] = Amtsrichter [inPfedelb.(208) dafür:Seetzer] u.Senserei= Amtsgericht). Über weitere Belege im Rotw. seit d. 15. Jahrh. (woraus hier bes. erwähnt sei, daßgrandiger Simsfür „Amtmann“ od. „Edelmann“ schon beiA. Hempel1687 [168] vorkommt) sowie über die nicht sichere)Etymologies. ausführl.Groß’Archiv, Bd. 38, S. 269ff (unter („Sens“).
[177]Bu(t)zbedeutet bes. auch noch Büttel, Polizeidiener, Polizist. EineVerbindungdamit istgrandicher Bu(t)z= Polizeiwachtmeister und (als nochmal. Steigerung)grandich Bu(t)z= Polizeidirektor (s. dazu das Näh. noch unter „Bischof“).Zusammensetzgn.damit sind: a)am Anfang:Bu(t)zekeilufod.-kib= Polizeihund; b)am Ende:Dofes-,Kittle-oderLekbu(t)z= Gefangenwärter. EineAbleitungist:Bu(t)zerei= Polizei (dazu weiter dieZus.Bu[t]zereikitt= Polizeiamt).Zu vgl.(aus demverw. Quellenkr.):Pfulld. J.-W.-B.338 (Butz= „Bettelvogt“);Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr.63, 73 (Buz= Polizei,verdeckter Buz= Geheimpolizist):Schwäb. Händlerspr.485 (Butzod.Betz[inPfedelb.(212): auchBuz] = Polizist; vgl. inLütz.[215]:Grünlingsbutz= Waldhüter). Vgl. auchPfälz. Händlerspr.437 u.Metzer Jenisch216 (Butsbzw.Butz= Polizist). ZurEtymologiedes (rein deutschen) Wortes sowie über seine sonstigen Belege im Rotw. (in der FormPutzschon seit d. Mitte des 18. Jahrh.) s. ausführl.Groß’Archiv, Bd. 42, S. 10ff u. zu vgl. dazu etwa nochFischer, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1571 (unter „Butz“, Nr. 3, b).
[178]S. auch unter „Weinbeere“ u. „Weintraube“.Zus.mit dem Worte sind (außerJahre-od.Krachersäftling, das in gleicher Weise für Brombeere, Erdbeere, Heidelbeere u. Himbeere gebräuchl. ist) noch das ähnl.Staubertsäftling= Mehlbeere (so daßSäftlingalso bes. auch die „Beere“ bedeutet [vgl.WittichsBemerkg. im Text], obwohl es dafür [ohneZus.] im W.-B. — vielleicht bloß versehentlich —nichtaufgeführt ist) sowie (amAnf.stehend)Säftlingsore= Weinberg (s. dazu betr.SoreNäh. unter „Brücke“).Zu vgl.(aus demverw. Quellenkr.):Dolm. der Gaunerspr.100 (Saftling= Trauben);Pfulld. J.-W.-B.343 (Säftling= Rebe);Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr.75 (Säftling= Traube);Schwäb. Händlerspr.487 (ebenso; vgl. imPfedelb.[214]:Säftlingjole= Wein). DerEtymologienach gehört das Wort natürlich zu unserem gemeinspr.Saft; vgl.Günther, Rotwelsch, S. 61.
[179]a) MitJahre= Wald (Forst, Gehölz, auch bes. Fichtenwald) sind (außerJahresäftling) noch folgendeZus.gebildet worden:Jahrekrächerle= Haselnuß,Jahrestöber(d. h. „Waldbaum“ = Tanne;Jahreschure(d. h. etwa „Waldding“) = Hirsch u.Jahrestierer(d. h. „Waldhuhn“) = Rebhuhn (s. d. betr. Übereinstimmg. mit d. Zigeun.). AlsVerbindg.erscheintJahre bosten(eigtl. nur „[in den] Wald gehen“ [vgl. obenS. 40,Anm. 137]) für das Zeitw. „jagen“.Zu vgl.(aus demverw. Quellenkr.):W.-B. des Konst. Hans254 (Jahre= Wald);Schöll271 (Jaare);Pfulld. J.-W.-B.346 (Jahre; vgl. [339, 341]:Jahrhegel= Förster, Jäger);Schwäb. Händlerspr.488 (Jâre). Über weitere rotw. Belege sowie dieEtymologie(vom hebr.jaa’r= „Wald“) s. d. Näh. inGroß’Archiv, Bd. 38, S. 251, Anm. 2; vgl. auch Bd. 42, S. 7 (unter „Jahrhegel“) sowie nochFischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 79 (unter „Jare“).
b) MitKracher(das indenselbenBedeutgn. wieJahregebraucht wird) sind im wes. auch diegleichen Zusammensetzgn.gebildet worden, so außerKrachersäftlingnochKracherkrächerle(= Haselnuß),Kracherstöber(= Tanne) u.Kracherschure(= Hirsch); dagegen ist nebenJahrestierer(= Rebhuhn) allerdings nurKrachergachneals Synon. angeführt. AuchKracher bostenhat dengleichenSinn wieJahre bosten.Zu vgl.(aus demverw. Quellenkr.):Pfulld. J.-W.-B.340, 346 (Krach= Holz, Wald);Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr.77 (Kracher= Wald sowie die geogr. Bezeichg.Schwarzkracher= Schwarzwald);Schwäb. Händlerspr.488 (Kracher= Wald). Über weitere rotw. Belege sowie zurEtymologie(von unserem gemeinspr. Zeitw.krachen) s. d. Näh. inGroß’Archiv, Bd. 46, S. 11 (u. Anm. 1) u. 12; vgl. auchWeber-Günther, S. 181 (unter „Krachet“) u.FischerSchwäb. W.-B. IV, Sp. 662 (unter „Krachert“).
[180]Mitblible(n)= beten, auch predigen sind ferner noch zusammengesetzt:nach-u.vorblible(n)= nach- u. vorbeten, sodann (mit dem Stammeblibel-[des Zeitworts]) die SubstantiveBlibelulma= fromme Leute, auch „Stundenleute“, d. h. Methodisten,Blibelkaffer,-moss,-kitt= „Stundenmann, -frau, -haus“ (in gleichem Sinne) undBlibelschlang(eigtl. „Betkette“) = Rosenkranz (s. d. betr. Übereinstimmg. mit der Zigeunerspr.).Ableitungensind: das Subst.Bliblerei= Gebet u. das Adj.bliblich= gläubig, heilig (dazu dieVerbdg.bliblicher Schuberle= heiliger Geist). In demverw. Quellenkreisehat das Wort nur dieschwäb. Händlerspr.(inLütz.[214]:b’lipple[n]= beten). ZurEtymologiebietet einigen Aufschluß das veraltete schwäb.Blippenplapper, eine „spöttische Ablautbildung“ für „Plapperer“ (nachFischer, Schwäb. W.-B. I, Sp. 1206).
[181]S. abbetteln.
[182]S. abbiegen.
[183]ÜberFunk= Feuer s. abbrennen. Das Zeitw.pflanzen(Grundbedeutg.: machen [daher:aufpflanzen= aufmachen (Spr.)], verfertigen) versieht in Verbindg. mit anderen Wörtern die Rolle eines Aushilfsbegriffs in vielen Fällen, wo im Jenischen keine besonderen Bezeichnungen vorhanden sind (vgl. darüber schon die „Einleitg.“S. 24sowie m. „Vorbemerkg.“,S. 16,Anm. 40), so z. B. in den Redensartengrandiche pflanzen(d. h. eigtl. „den Großen machen“ oder „spielen“) = hoffärtig (aufgeblasen, stolz, übermütig) sein (dagegen:grandicher pflanzen[eigtl. „größer machen“] = verlängern),Blatt(blatt)pflanzen= im Freien übernachten (s. d. Näh. unter „übernachten“),Strauberts pflanzen(eigtl. „Haare machen“) = kämmen,Bommeod.Keif pflanzen(eigtl. „Schulden machen“) = leihen,Käfferle pflanzen= Onanie treiben (s. zurErklärungNäh. unter diesem Ausdr.),schofle Falle (-la) pflanzen(eigtl. „böse Sachen machen“) = „huren“ (s. Näh. unter „böse“); mitauspflanzenist endlich (als Gegensatz zu dem obigenden Funk anpflanzen) gebildet:d(en) Funk auspflanzen= löschen (auslöschen), wonach dann wohl auch daseinfache auspflanzendie Bedeutg. von „ausblasen“ erhalten hat. Besonderer Beliebtheit erfreut sich aber (ganz wie im Rotwelsch) die AbleitungPflanzer, fem.-erin(= „Verfertiger[in]“) inZusammensetzgn.mit Substantiven als Bezeichnungen für die verschiedensten Berufsarten, insbes. die Gewerbe, so:Klass-od.Schnellepflanzer= Büchsenmacher,Schures-od.Stiepenpflanzer= Bürstenbinder,Griflengtrittlingpflanzer= Handschuhmacher,Nollespflanzer= Häfner, Töpfer, auch Kesselflicker,Oberman(n)pflanzer= Hutmacher (Kappen-, Mützenmacher) od. Kürschner,Straubertsschurepflanzer= Kammacher,Schottel(od.Schottle-)pflanzer= Korbmacher,Rädlengpflanzer= Kutschenbauer, Wagner,Bochdampflanzer= Leineweber, Tuchmacher,Scheinpflanzer= Lichtzieher,Scharflingpflanzer= Messerschmied,Kies-od.Lobepflanzer= Münzarbeiter (auch wohlBichpflanzer, argum.:Bichpflanzerskitt= Münzwerkstätte u. zu vgl.nobis dufter Bichpflanzer= Falschmünzer [worüber Näh. auch schon obenS. 105,Anm. 172]),Hitzlingpflanzer= Ofensetzer,Kritzlerpflanzer= Papiermacher,Dächles-od.Pflotscherpflanzer(fem.:-erin) = Schirmflicker(in),Glitschinpflanzer= Schlosser,Trittlingpflanzer= Schuhmacher (Schuster),Sprauspflanzer= Stockmacher,Streiflingpflanzer= Strumpfwirker,Gengle-od.Luberpflanzer= Uhrmacher,Lattepflanzer= Waffenschmied,Schrendepflanzer= Zimmermann.Zu vgl.(aus demverw. Quellenkr.):Dolm. der Gaunerspr.98 (Nuschepflanzer= Schuhmacher);Pfulld. J.-W.-B.337-339, 342-344 (pflanzen= machen,toxpflanzt= abgerichtet,krankod.dildi pflanzen= einstecken;Fleppapflanzer= Büchermacher,Tschuripflanzer= Messerschmied,Girchen-od.Nuschenpflanzer= Schuhmacher,Zinkenpflanzer= Petschaftfälscher);Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr.75 (Pflanzer[ohne Zus.] = Schuhmacher);Schwäb. Händlerspr.483, 486, 487 (Schottelpflanzer= Korbmacher,Stichlingpflanzer= Schneider,Trittlingpflanzer= Schuster,Gänglingpflanzer[inPfedelb.(213):Gluckerspflanzer] = Uhrmacher; ferner ebenfalls noch inPfedelb.[208, 210-213]:Krach[od.Hallas]pflanzen= lärmen,Bummen pflanzen= Schulden machen,Plamppflanzer= Bierbrauer,Schuberlespflanzer= „Geistererlöser“ [Tätigkeit des kathol. Pfarrers], aber auch = Teufel,Obermannpflanzer= Hutmacher,Zainepflanzer= Korbmacher,Dickköpfpflanzer= Nagelschmied,Staudenpflanzerin= Näherin,Kluftenpflanzer= Schneider; endl. noch in U. [213]:Mulumpflanzer= Arzt). ZurEtymologies. d. Näh. inGroß’Archiv, Bd. 46, S. 12ff. (wo auch die meisten der oben angeführten Zus. erklärt sind).
[184]S. abbiegen.
[185]Mitschniffen= anpacken, erfassen, nehmen, holen (Spr.), bes. aber = stehlen (entwenden, rauben, berauben) sind noch zusammengesetzt:aus-,heraus-u.wegschniffen= aus-, heraus-, wegstehlen.Ableitungen: die Subst.Schniffer= Dieb, Gauner, Räuber (dazu dieZus.Schnifferulma= Diebesbande) u.Schnifferei= Diebstahl sowie das Adj.schniffich= diebisch.Zu vgl.(aus demverw. Quellenkr.):Pfulld. J.-W.-B.337, 339, 345 (schniffen = ausplündern, stehlen, als Subst.Schniffen= Diebstahl);Schwäb. Händlerspr.486, 487 (schniffen= stehlen [ausplündern (s.Pfedelb.[208])],Schniffer= Strolch). Übrigens sind die Vokabelnschniffen,Schniffer(Nebenf.schnipfen[auchschnüffen] u.Schnipfer) u.Schniffereischon dem Rotwelsch des 17. u. 18. Jahrh. bekannt gewesen (vgl. z. B.A. Hempel1687 [168:schniffen= „mausen“,Schnifferey= „Mauserei“,ein grandiger Schniffer= „ein rechter Erzdieb“,Hornickel-,Trabertschniffer= Kuh-, Pferdedieb];Waldh. Lex.1726 [187-189, 190: alles im wes. ebenso, außerdem noch für Pferdedieb auchZußgenschnifferu.Schnifferauch = „einer, der das Geld aus der Ficke (Tasche) ziehet“];Münchner Deskription1727 [192:schniffenu. dasSchniffenoder Rauben];Basl. Glossar1733 [202:schnüffen= stehlen];Hildburgh. W.-B.1753 ff. [288, 231:geschnipft= gestohlen,Schnipffer= „Spitzbub“];Körners Zus.zurRotw. Gramm.v. 1755 [241:schniffenod.schnipfen= stehlen]). ZurEtymologies.Landauim Schweiz. Archiv für Volksk., Bd. IV, S. 240 vbd. mitGrimm, D. W.-B. IX, Sp. 1333 (unter „schnipfen“, Nr. 3). Danach bedeutetschnipfenod.schniffenmundartlich (so z. B. imSchwäbischen[vgl.Schmid, Schwäb. W.-B., S. 474]) soviel wie „mit einer schnellen Bewegung etwas wegschnappen, entwenden, listig stehlen“; es ist hauptsächl. auf die oberdeutschen Mundarten beschränkt geblieben; vgl. u. a. nochSchmeller, Bayer. W.-B. II, Sp. 578 u.Hügel, Wien. Dial.-Lex., S. 143.
[186]Mitbutschenist zusammengesetztausbutschen= ausfragen, ausforschen, forschen. Es ist sonst m. Wiss. in den Geheimsprachen nicht bekannt. DerEtymologienach stammt es aus der Zigeunersprache her (s. „Einltg.“,S. 29). Vgl. Näh. beiPottII, S. 375 (unter „Pchuczav“),Liebich, S. 154 u. 198 (putschawa= ich frage, forsche),Miklosich, Denkschriften, Bd. 27, S. 41 (unter „phuč“: bei d. deutsch. Zig.:pučava= ich frage,pučjum= Frage usw.),Jühling, S. 225 (putsch= frage [Imperat.],Putschaben= die Frage, das Fragen),Finck, S. 81 (p’utš-,p’utšew-[p’utšej-, p’utšed-] = „fragen, forschen“).
[187]S. abbiegen.
[188]Das Adj.dof(weit seltener:duft[das in der modern. Gaun.- u. Kundensprache überwiegt]) mit der Grundbedtg. „gut“ (dazu Komparat.:döfer= besser) wird in überaus weitem Sinne gebraucht, wie folgende Übersicht der verschiedenen einzelnen Begriffe (bei denen das [gleichzeitige od. alleinige] Vorkommen der Formduftin Klammern angemerkt ist) dartut. Es bedeutet nämlich noch: anständig, anwendbar (auchduft), artig, aufrichtig, beliebt, bequem, bieder, brav, brauchbar (nurduft; s. d. Verbdgn. unter dies. Worte), dienstfertig, dienstwillig, echt, edel, ehrbar, ehrenhaft, ehrenwert, ehrlich, fein, folgsam, freundlich, friedfertig, frisch (Spr.); geeignet, zufällig, gefühlvoll, geheilt, gemütlich, gemütvoll, genesen, geschmeidig, gesund, getreu, gerecht, geziemend, gnädig, günstig (auchduft), gütig, gutmütig, heil, heilsam, herzlich, hochherzig, höflich, hold (auchduft), hübsch (auchduft), keusch, kostbar, leutselig, lieb, liebenswürdig, lieblich (auchduft), liebreich (auchduft), nobel (auchduft), nützlich, prächtig, sanft, sauber, schamhaft, schön, sittsam, tauglich (auchduft), treu, tüchtig (auchduft), tugendhaft, unschuldig, verschämt, vortrefflich, vorzüglich, wahrhaft, wohlwollend, willig, züchtig; dazu weiter die Verneinungnobis dof(eigtl. „nicht gut“) = garstig, nichtswürdig, treulos, unecht, unkeusch, unnütz, unrichtig, untauglich, untreu, unzüchtig, wertlos. Sowohldofwienobis dofsind dann auch zu Hauptwörtern erhoben worden, und zwar ersteres für „Glück“ od. „Pracht“, letzteres für „Trübsal“ oder (flektiert:nobis Dofs) für „Übel“ (vgl. „Vorbemerkg.“,S. 15,Anm. 38). Die Umschreibungdof diberenod.schmusen(d. h. „gut reden“, [von jmd.]), bedeutet „(jmd.) loben“. Ferner sinddofu.nobis dofin Verbindg. mit Substantiven zur Umschreibung zahlreicher Begriffe verwendet worden, für die es im Jenischen an besonderen (selbständigen) Bezeichnungen fehlt (vgl. dazu „Vorbemkg.“,S. 17,18, Anm.47u.S. 19,Anm. 48). So: a) Verbindgn. mitdof:dofer Schmunk(d. h. etwa „gutes Fett, Schmalz“) = Butter,dofer Kies(d. h. „schöner Stein“) = Diamant, Edelstein,dofer Schwimmerling(d. h. „schöner Fisch“) = Forelle,dofer Bengesod.Benk(d. h. etwa „lieber Bursche“) = Geliebter, Liebhaber u.dofe Model(d. h. „liebes Mädchen“) = Geliebte, Liebhaberin (wogegen beidofer Benk,Freierod.Fieselim Sinne von „Junker“ nachWittichdoferals Komparativ aufgefaßt werden soll, so daß die Umschreibung soviel wie „bessererJüngling“ od. „bessererjunger Mann“ bedeute),dofer Rädling(d. h. „schöner Wagen“) = Kutsche,dofer Lanenger(d. h. etwa „schöner [feiner] Soldat“) = Offizier,dofe Kitt(d. h. „schönes Haus“) = Schloß. Durch die Zusammenziehung ineinWort sind nochengerverbunden worden:Dofefläderling(d. h. „schöner Vogel“) = Pfau (s. dazu schon obenS. 18,Anm. 47) u.Dofelehm(d. h. „gutes [feines] Brot“) = Weißbrot (Gegens.Schoflelehm[d. h. „schlechtes Brot“] = Schwarzbrot); b) Verbdgn. mitnobis(-es)dofod.duft:nobes dofer Glitschin(d. h. „kein guter Schlüssel“) = Dietrich (s. d. betr. Analogie in d. Zigeunerspr., vgl. auch schon „Vorbemerkung“,S. 18),nobis dufter Bich-,Kies-od.Lobepflanzer= Falschmünzer (s. dazu schon obenS. 105,Anm. 172) u.nobis dofs Jahne= Mißjahr (s. dazu schon obenS. 104,Anm. 170).Zu vgl.(aus demverw. Quellenkr.):Dolm. der Gaunerspr.93 (tof= gut);W.-B. des Konst. Hans256, 259 (dof= gut);Schöll271 (tov= gut);Pfulld. J.-W.-B.338, 340, 344 (tofe= gut,töfer= besser,dov= schön,Tofe= Biedermann);Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr.70 (duft[dov] = gut);Schwäb. Händlerspr.481, 484 (dof[inPfedelb.(212):dov] = gut, schön; inPfedelb.[209]: auchdöver= besser). Vgl. auchPfälz. Händlerspr.437 (dôfod.tôf= gut. ZurEtymologie(vom hebr.Tôb[h][tōf] = „gut“) s.Groß’Archiv, Bd. 50, S. 156; vgl. auchWeber-Günther, S. 155,Seiler, Lehnwort IV, S. 490, u.Fischer, Schwäb. W.-B. II, Sp. 246 (unter „tof“) u. 445 (unter „duft“).
[189]Ki(e)bes(-bis), eigtl. = Haupt, Kopf, Schädel, auch bes. Hinterkopf, ferner noch = Stirn u. Hals findet sich in der Verbindg.grandicher Ki(e)bes= Dickkopf od. Starrkopf (s. dazu schon obenS. 100,Anm. 165), in der längeren Umschreibungnobis Strauberts auf’m Ki(e)bes(d. h. eigtl. „keine Haare auf dem Kopfe“) = Kahlkopf sowie in den folgendenZus.: a)am Anfang: inKi(e)besschlang= Halskette,Ki(e)besstrauberts= Haupthaare, Kopfhaare; b)am Ende: inStraubertski(e)bes= Lockenkopf,Vorderki(e)bes= Vorderkopf sowie (in übertrag. Sinne) inNille-od.Ni(e)seki(e)bes= Tollkopf u.Toberichki(e)bes= Pfeifenkopf.Zu vgl.(aus demverw. Quellenkr.):Dolm. der Gaunerspr.95 (Kiebes= Kopf);W.-B. des Konst. Hans254 (Kibes);Schöll272 (ebenso; vgl.kibesen= enthaupten);Pfulld.J.-W.-B.341 (desgl.);Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr.72 (Gîbes);Schwäb. Händlerspr.483 (Kibesod.-bis; vgl. dazu inPfedelb.[210]:Kahlkibes= Kahlkopf). Vgl. auchPfälz. Händlerspr.438 (Kiwes= Kopf) u.Metzer Jenisch216 (Kibes[Kibes] = Kopf). ImPleißlen der Killertaler435 istKîvis= Verständnis. — Über die sonstigen verschiedenen Formen im Rotwelsch s.Groß’Archiv, Bd. 56, S. 55 u. Anm. 1. Zur (nicht sicheren)Etymologievgl.PottII, S. 16,Günther, Rotwelsch, S. 36 u. Anm. 1 u. bes. jetzt nochFischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 360/61 („wenn nicht etwa zu zigeun.chīw= „Deckel“ [s.Finck, S. 68: xīw] ... nur zuKabas, rotw. = Kopf [s. schonLib. Vagat.(54)] zu stellen“, wozu mhd.kabez, aus lat.caput[Haupt], heranzuziehen, vielleicht mit ablaut. FormKibes,Kabeswiepiff,paff).
[190]Bauser= Angst (Beängstigung), Entsetzen, Erschrecken, Furcht, Schreck ist vielleicht — ebenso wie das Adj.bauserich= ängstlich, furchtsam, auch als Subst. (für „das Grauen“) gebraucht (vgl. dazubauserich sein= befürchten, [sich] beunruhigen sowie die Verneinungnobis bauserich= furchtlos) erst eine Ableitung von dem Zeitw.bausen= fürchten.Zu vgl.(aus demverw. Quellenkr.):Dolm. der Gaunerspr.92 (bausen= fürchten);W.-B. des Konst. Hans257 (ebenso, auch:es baust ihm= er fürchtet sich, ferner noch:Bauser= Angst);Schöll271, 273 (bausen= fürchten,Bauser= Angst);Pfulld. J.-W.-B.337, 343, 344 (Bauser= Angst, Schauer,bauserich= ängstlich, scheu);Schwäb. Händlerspr.479 (Baußeru.Baußam[inPfedelb.(208):Bausam] = Angst). DieEtymologieist unsicher, denn die Hypothesen A.-L.’s (523: Ableitg. vom deutsch. Zeitw.bauschen[pauschen], mhd.bûschen,biuschen, = „schwellen machen“ bzw. spätmhd. u. älternhd.bûsen,bausen= „aufschwellen“; s. Näh. beiWeigand, W.-B. I, Sp. 171) erscheinen doch wohl zu gewagt.Fischer, Schwäb. W.-B. I, Sp. 733 gibt keine Erklärung. Nach gefl. Mitteilgn. vonDr. A. Landau(Wien) soll vor etwa 50 JahrenBoitsi haben= „Furcht haben“ in der galizisch-jüdischen Schülersprache gebräuchlich gewesen sein, das wahrscheinlich auf das kleinruss.bojati sja= „sich fürchten“, poln.bać sie(3 Pers. Sing. Praes.:boi sie) zurückgeht, doch wagt L. keinen unmittelbaren Zusammenhang dieser Ausdrücke mit dem rotw.bausenanzunehmen.
[191]S. abbiegen.
[192]S. abkaufen.
[193]Das Zeitw.kluftenscheint inWittichsJenisch nur imZus.üblich zu sein, wie (außerankluften[wozunobis ankluftet, d. h. „nicht angekleidet“, „unbekleidet“ = nackt] noch):auskluften= ausziehen, entkleiden (daherauskluftetebenfalls = nackt) u.verkluften= verkleiden. Es gehört zu den Subst.Kluft= Kleid (Anzug, Gewand, Tracht), womit auch einigeZusammensetzgn.(so:Kafferskluft= Manneskleid,Lanengerkluft= „Montur“,Begerkluft= Sterbekleid) sowie dieVerbdg.unterkünftige Kluft= Unterkleid gebildet sind. Eine weitereAbleitg.(vonKluft, bzw.kluften) ist dannKlufterei= Kleidung, Bekleidung (Anzug, Gewand), womit ebenfalls wieder zweiZus.vorhanden sind, näml.Mossklufterei= Frauenkleid u.Kafferklufterei= Männerkleider.Zu vgl.(aus demverw. Quellenkr.):Dolm. der Gaunerspr.95 (eine ganze Klufterei= „Kleidung von Kopf bis Fuß“);W.-B. des Konst. Hans253 (Klufterey= die Kleider);Pfulld. J.-W.-B.341 (Klufterei= Kleid, vgl. [337]Klufting usmalochenod.abketschen= auskleiden);Schwäb. Gaun.- u. Kundenspr.66, 71 (Kluftod.Klufterei= Kleid,ankluften= anziehen);Schwab. Händlerspr.483Kluft= Kleid, u. dazu noch inPfedelb.[208, 212]:Kluftenpflanzer= Schneider u.ankluften= anziehen); vgl. auchPleißlen der Killertaler435 (Kliftle= Kleid, Anzug) sowie nochMetzer Jenisch216 (Klăft= Rock). Über die sonstigen Belege u. Formen im Rotw. sowie dieEtymologie(vom hebr.chălîfôt= „Kleider, insbes. Feier- od. Ehrenkleider“) s. Näh. inGroß’Archiv, Bd. 38, S. 273/74 (unter „Kluftier“) u. d. Anm. verbd. mit Bd. 46, S. 10, Anm. 1. Vgl. auch nochSeiler, Lehnwort IV, S. 491 u.Fischer, Schwäb. W.-B. IV, Sp. 508 (unter „Kluft“ II) vbd. mit Sp. 435 (unter „Klaffot“).