The Project Gutenberg eBook ofDie jenische SpracheThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Die jenische SpracheAuthor: Engelbert WittichEditor: Georg Ludolf Louis GüntherRelease date: December 28, 2015 [eBook #50779]Most recently updated: October 22, 2024Language: GermanCredits: Produced by Norbert H. Langkau, Jens Sadowski, and theOnline Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE JENISCHE SPRACHE ***
This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.
Title: Die jenische SpracheAuthor: Engelbert WittichEditor: Georg Ludolf Louis GüntherRelease date: December 28, 2015 [eBook #50779]Most recently updated: October 22, 2024Language: GermanCredits: Produced by Norbert H. Langkau, Jens Sadowski, and theOnline Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
Title: Die jenische Sprache
Author: Engelbert WittichEditor: Georg Ludolf Louis Günther
Author: Engelbert Wittich
Editor: Georg Ludolf Louis Günther
Release date: December 28, 2015 [eBook #50779]Most recently updated: October 22, 2024
Language: German
Credits: Produced by Norbert H. Langkau, Jens Sadowski, and theOnline Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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Anmerkungen zur TranskriptionDieses Buch ist ursprünglich erschienen als eine Serie von Artikeln in: Groß, Hans (Hrsg.); Archiv für Kriminal-Anthropologie und Kriminalistik, F. C. W. Vogel, Leipzig; Bd. 63 (1915), S. 1-46, 97-133, 372-396; Bd. 64 (1915), S. 127-183, 297-355; Bd. 65 (1916), S. 33-89.InhaltsverzeichnisI. VorbemerkungII. EinleitungIII. Verzeichnis veralteter, meist jetzt umgeänderter jenischer WörterIV. Verzeichnis der jenischen Wörter, die aus der Zigeunersprache stammenV. Deutsch-jenisches WörterbuchVI. Alphabetisches Verzeichnis der jenischen StammwörterVII. SprachprobenVIII. Jenische SchnadahüpfelNachträgeAnmerkungenWeitere Anmerkungen zur Transkription finden sich amEnde des Buches.
Anmerkungen zur Transkription
Dieses Buch ist ursprünglich erschienen als eine Serie von Artikeln in: Groß, Hans (Hrsg.); Archiv für Kriminal-Anthropologie und Kriminalistik, F. C. W. Vogel, Leipzig; Bd. 63 (1915), S. 1-46, 97-133, 372-396; Bd. 64 (1915), S. 127-183, 297-355; Bd. 65 (1916), S. 33-89.
Inhaltsverzeichnis
I. VorbemerkungII. EinleitungIII. Verzeichnis veralteter, meist jetzt umgeänderter jenischer WörterIV. Verzeichnis der jenischen Wörter, die aus der Zigeunersprache stammenV. Deutsch-jenisches WörterbuchVI. Alphabetisches Verzeichnis der jenischen StammwörterVII. SprachprobenVIII. Jenische SchnadahüpfelNachträgeAnmerkungen
Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich amEnde des Buches.
VonEngelbert Wittich.
Herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Prof. Dr.L. Güntherin Gießen.
Daß das Rotwelsch der Gauner und die mit ihm verwandten sog. Geheimsprachen (der Dirnen, „Kunden“, fahrenden Leute, Hausierer und Händler) heute in langsamem, aber stetigem Abnehmen begriffen sind, unterliegt wohl ebensowenig einem Zweifel wie die Tatsache, daß der zurzeit noch gebräuchliche Rest dieser besonderen Ausdrucksweisen sich in fortwährender Umgestaltung befindet. Daher erwirbt sich jeder, der in der Lage ist, einigermaßen zuverlässige Mitteilungen über den gegenwärtigen Wortbestand jener Jargons zu machen, ein wissenschaftliches Verdienst, ähnlich dem des Ethnologen, der uns die Sprachen aussterbender Naturvölker vor ihrem völligen Verschwinden noch rasch zugänglich macht. Dem Gelehrten, der sich für diese Dinge interessiert, also etwa einem Sprachforscher oder gar einem Kriminalisten, wird es freilich nicht leicht gelingen, die noch heute praktische Verwendung einer Geheimsprache aus eigener Anschauung kennen zu lernen, da die Angehörigen des engeren Kreises, in dem die betreffende Verständigungsart üblich ist, dem fremden, ihrem Tun und Treiben sonst meist fernstehenden Eindringling begreiflicherweise ein gewisses Mißtrauen entgegenzubringen pflegen. Selten sind aber auch Aufzeichnungen von Geheimsprachen durch solche Leute, die sie selber aus der „Praxis“ kennen (also nach Art etwa des berühmten Gauner Wörterbuchs des „Konstanzer Hans“ von 1791), da dies außer dem Willen, den in der Regel sorgfältig behüteten Schatz der Öffentlichkeit preiszugeben, doch auch schon einen bestimmten Grad allgemeiner Bildung, namentlich aber einen gewissen Sprachsinn voraussetzt.
In der Persönlichkeit des Sammlers des hier zu besprechenden Wörterbuches der „jenischen Sprache“, EngelbertWittich, erscheinen jene Voraussetzungen im wesentlichen erfüllt. Er ist nämlich einerseits von Jugend auf vertraut gewesen mit den Ausdrücken des von ihm veröffentlichten Vokabulars[1], da er unter umherziehenden Handelsleuten und Zigeunern aufgewachsen (wenn nicht gar ein geborener Zigeuner) ist, während er andererseits an seiner im ganzen etwas dürftigen Volksschulbildung als Autodidakt so fleißig weiter gearbeitet hat, daß er sich auf dem Gebiete der „Zigeunerkunde“ bei den Fachleuten einen gewissen Namen erworben. Auch den meisten Lesern des „Archivs“ dürfte er bereits kein Fremder mehr sein. Seine Schrift „Blicke in das Leben der Zigeuner“ (Striegau 1911) ist z. B. im „Archiv“, Bd. 46, S. 363 von AlbertHellwigallen zur Lektüre warm empfohlen worden, weil sie „viel Interessantes“ enthalte, und schon in Bd. 31 (1908), S. 134 ff. ist eine von ihm verfaßte kurze Grammatik der Zigeunersprache durch JohannesJühlingherausgegeben worden. Ebenso stammt das von demselben Gelehrten in Bd. 32 (1909), S. 219 ff. veröffentlichte „alphabetische Wörterverzeichnis der Zigeunersprache“ eigentlich vonWittichher[2].
Das — ursprünglich 125 Oktavblätter umfassende — Manuskript derWittichschen Arbeit, die außer dem eigentlichen Wörterbuch (Nr. V) auch einleitende Bemerkungen (über die jenische Sprache im allgemeinen sowie über veraltet gewordene und aus der Zigeunersprache stammende Vokabeln insbesondere [Nr. II-IV]) und zum Schluß noch „Sprachproben“ und „jenische Schnadahüpfel“ (Nr. VII u. VIII) enthält, ging mir im Sommer 1914 mit der Bitte des Verfs. zu, die Veröffentlichung — am liebsten in einer Zeitschrift — vermittelnzu wollen. Da mir die Sammlung recht interessant und — trotz mancher Mängel — wohl wert erschien, weiteren Kreisen bekannt gemacht zu werden, wandte ich mich dieserhalb an den Herausgeber des „Archivs“, der dafür bereitwilligst die Spalten seiner Zeitschrift zur Verfügung stellte, unter der Bedingung jedoch, daß ich dem Ganzen eine annehmbare wissenschaftliche Gestalt zu geben unternähme. Diese Klausel war allerdings notwendig, denn in der „Urform“ ließ das Manuskript nicht nur in der Stilistik (bes. in der „Einleitg.“), Grammatik und Orthographie recht viel zu wünschen übrig, es fehlte auch in dem Wörterverzeichnis durchweg eine alphabetisch genaue Reihenfolge der Vokabeln, ja an manchen Stellen fand sich in dieser Beziehung ein kaum zu beschreibender Wirrwarr, dessen Lichtung sehr viel Zeit in Anspruch genommen hat. Auch standen mehrere, zu einzelnen Wörtern gegebene Bemerkungen prinzipieller Art nicht an der richtigen Stelle und mußten daher umgesetzt werden.
Leider hat der Verf. für das Wörterbuch nur die Form „Deutsch-Jenisch“ — nicht (bzw. nichtauch) „Jenisch-Deutsch“ — gewählt, was eine bessere Übersicht über den geheimsprachlichen Wortbestand gegeben hätte. Um jedoch diesen annähernd zu bestimmen, habe ich am Schlusse des Vokabulars wenigstens die (in zahlreichen Verbindungen und Zusammensetzungen wiederkehrenden) jenischenStammwörteralphabetisch zusammengestellt (Nr. VI). Auch die „Sprachproben“ enthielten noch einige Wörter, die im Glossar ursprünglich fehlten. Ich habe sie diesem eingefügt und durch den Zusatz „Spr.“ besonders kenntlich gemacht. Im übrigen wiederholen auch diese Sprachproben nur das Material des Wörterbuchs in zusammenhängender Rede (meist in Gesprächsform)[3], wobei aber mehrfache Wiederholungen und Weitschweifigkeiten anzutreffen waren, die ich fortgelassen habe. Andere Partien dieses Teils mußten wegen ihres obszönen oder doch allzu derben, frivolen Inhalts gestrichen werden. Auch die „Schnadahüpfel“ erscheinen in dieser Hinsicht zum Teil recht bedenklich. Da sie jedoch nicht — gleich den Prosastücken — nur der PhantasieWittichsentsprungen sind, sondern als altüberlieferter Besitzstand der „jenischen Leute“ zu betrachten sein dürften[4]und mithin eine gewisse kulturgeschichtliche Bedeutung haben, ließ ich sie unangetastet. Zu dem eigentlichen Wörterbuche habe ich fortlaufende Anmerkungen hinzugefügt, auf deren Anordnung und Inhalt weiter unten noch genauer einzugehen sein wird. Zuvor aber möchte ich hier über den Begriff und die Eigenart der vonWittichaufgezeichneten Geheimsprache noch einige nähere Bemerkungen vorausschicken.
Über die als Titel des Ganzen gewählte Bezeichnung „die jenische Sprache“ ist zunächst zu sagen, daß sie im vorliegenden Falle nicht etwa schlechthin als gleichbedeutend mit dem Rotwelsch oder der Gaunersprache aufzufassen ist, obwohl sich dieser Sprachgebrauch — dem auch die Etymologie des Wortes „jenisch“ nach herrschender Meinung sehr wohl entspricht[5]— etwa seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts nachweisen läßt und dann bis in die Neuzeit hinein erhalten hat[6]. Vielmehr liegthiereine neuere, engere Auffassungzu Grunde, wonach man unter „Jenisch“ speziell die Sprache der „Landfahrer“[7], der Hausierer, wandernden Krämer und Händler begreift[8]. Es handelt sich demnach bei der „jenischen Sprache“E. Wittichsum einen süddeutschen Händlerjargon. Die Leute, die sich desselben noch bedienen, sind (nach den eigenen Angaben W.s in seiner „Einleitung“) ihrem Gewerbe nach meist Korbmacher, Bürstenbinder, Schirmhändler, Kesselflicker, Scherenschleifer u. dergl., welche namentlich aus Württemberg, Baden und dem Elsaß, ferner auch aus Bayern stammen. So erklärt sich das Überwiegen der schwäbischen Mundart, insbesondere die weitgehende Übereinstimmung mit den (vonKlugeu. a. bereits veröffentlichten) „schwäbischen Händlersprachen“. Diese aber zeigen ihrerseits wiederum eineganz überraschende Ähnlichkeit mit der süddeutschen, namentlich der schwäbisch-badischen Gaunersprache, auch älterer Zeit, also z. B. mit dem „Pfullendorfer Jauner-Wörterbuch“ von 1820, ja sogar mit Quellen aus dem 18. Jahrhundert. Mit den letzteren (also z. B. dem nur handschriftlich überlieferten „Dolmetscher der Gaunersprache“ [vgl.Groß’Archiv, Bd. 56, S. 177, Anm. 2], den Mitteilungen vonSchöllin seinem „Abriß des Jauner- und Bettelwesens in Schwaben“ [1793; vgl.Kluge, Rotw. I, S. 268 ff.] sowie dem — hauptsächlich gleichfalls dem schwäbischen Sprachgebiet angehörenden — Wörterbuch desKonstanzer Hans[9]) weist gerade auch dasWittichsche „Jenisch“ noch merkwürdig viele Berührungspunkte auf[10].
Worin liegt nun der Grund für diese Erscheinung? Man wird zunächst nur allzu geneigt sein, das Schwabenland als die sog.Ganfer-Medine, d. h. das ehemalige Eldorado aller Gauner[11], dafür verantwortlich zu machen, umso mehr als man ja auch in anderen Gegenden unseres Vaterlandes, so z. B. in dem oberhessischen Vogelsberg, ein — in letzter Linie auf den Einfluß der großen Räuberbanden früherer Jahrhunderte zurückzuführendes — Fortleben rotwelschen Sprachguts innerhalb bestimmter Berufsschichten nachgewiesen hat[12]. Allein damit würde man doch etwas über das Ziel hinausschießen; der Richtigkeit jener Schlußfolgerung steht nämlich die Tatsache entgegen, — daß wieKluge(Rotw. I, S. 476) über die für die schwäbische Händlersprache von ihm herangezogenen Ortschaften bemerkt hat — „die des Jenischen kundige gewerbetreibende Bevölkerungnicht einheimisch, sondern in ihren Ursprüngen zum größten Teil vonaußen“ hereingekommen ist. In gleicher Weise dürfte es sich aber auch beiWittichs„jenischen Leuten“ der Hauptsache nachnichtum seßhafte Eingeborene handeln, worauf schon die offenbar vorliegende (und weiter unten noch näher zu berührende)Vermischung mit Zigeunern, jenem Wandervolke par excellence, hindeutet. Auf alle Fälle zulässig bleibt dagegen der Hinweis darauf, daß ja von jeher — schon von den Zeiten desLiber Vagatoruman — das Rotwelsch auch den im Lande umherziehenden Krämern und Händlern geläufig gewesen ist[13].
Die Ähnlichkeit unseres „Jenisch“ mit der deutschen Gaunersprache zeigt sich nun in den verschiedensten Punkten, nicht zum wenigsten gleich in der starken Durchsetzung mit Wörternfremden Ursprungs, unter denen wieder — ganz wie beim Rotwelsch sowie bei vielen anderen Händlersprachen — diejenigen, die sich auf dasJüdischdeutsche, in letzter Linie also aufsHebräischezurückführen lassen, den breitesten Raum einnehmen[14]. Es sei gestattet hier diese Vokabeln, und zwar in alphabetischer Ordnung nach ihrerjenischenForm, näher aufzuzählen[15]. Mit ziemlicherSicherheitgehören dahin: a) dieHauptwörter[16]:Bäzem= Ei (bzw.Betzam= „männliches Glied“),Beiz= Gasthaus (u. s. Ableitungen, wieBeizer= Wirt usw.),Boschert= Kupfergeld, Pfennig,Bossert= Fleisch,Dofes= Arrest, Gefängnis,Gallach= Geistlicher, Pfarrer,G’far= Dorf,Goi= Frau,Jahre= Wald,Kaffer= Bauer, Mann,Kaim= Jude,Keif= das Borgen, Schulden,Keiluf= Hund,Kenem= Laus, Filzlaus,Kies= Geld,Klass= Büchse, Gewehr,Kluft= Kleid (u. s. Abltgn.),Kohl= Lüge (u. s. Abltgn.),LechemoderLehm= Brot,Leile= Nacht,Malfes= Rock,MochamoderMochum= Dorf,More= Prügel, Streit (bezw.Morerei= Geschrei, Gezänk, das Streiten),Rochus= Zorn,Ruf= Hunger,Schaffel= Scheune,Schenagel= Arbeit (u. s. Ableitgn.),Schmelemer= Zigeuner,Schuk= Mark (als Geldstück),Schure= Ding (dann Aushilfswort für sehr verschiedene Begriffe),Schüx= Mädchen (jedoch nur in der Verbindg.schofle Schüx= Hure),Sore= Ware, Ding, Sache (u. dann Aushilfswort ähnlich wieSchure),Soruf= Branntwein,Ulme(-ma) = Leute (bes. in Verbdgn. u. Zus.); b) die (durch die Endung -e(n) oder -a „angedeutschen“)Zeitwörter[17]:achile(n)(-la) = essen,begeren= sterben,dalfen= betteln,diberen= reden, sprechen,kaspere= betrügen,schmusen(= diberen) u.schwächen= trinken[18]; c) dieEigenschaftswörter[19]:dofoderduft= gut,kochem= gescheit, klug,massig= zornig,molum= berauscht,schofel= schlecht,wo(h)nisch= katholisch[20];d) das Umstandswortkenn= ja. Dazu treten dann noch als nur mit (größerer oder geringerer) Wahrscheinlichkeit hierhin zu rechnen[21]: a) dieHauptwörter[22]: (Boga= Kuh),Bos= After,Duft= Kirche,Galm(plur.Galma) = Kind,Hamore= Fehde, Streit,Heges= Dörfchen,Johle= Wein, (Kafler= Metzger),Kober= Wirt,Lanenger= Soldat, (Lek= Zuchthaus [Arrest, Gefängnis]), (Schuker= Gendarm),Stratz(plur. Stratze) = Kind; b) die Zeitwörter[23]: (baschen= kaufen),derchen= betteln,schef(f)ten= sein, sitzen (gehen, kommen),sicheren= kochen; c) das (auch als Adv. u. Verneinungspartikel gebrauchte) unbestimmte subst. Zahlfürwort:Lore(lore) = nichts (nicht, nein)[24]. Daß übrigens früher die Zahl der Vokabeln hebräischen Stammes sogar noch größer gewesen ist, zeigt die vonWittichin seiner „Einleitung“ gegebene Zusammenstellung jetzt veralteter Ausdrücke, von denen die HauptwörterBomm= die Schweiz undJamm= Tag sowie die Zeitwörterholchen= gehen (nebstabgeholcht= fortgegangen) undmalochen(wohl für:schiebes malochen) = fortgehen, gehen in diese Gruppe gehören (s. Näh. dazu in den Anmerkgn. zur „Einltg.“).
Sehr groß erscheint auch der Einfluß derZigeunerspracheauf unser Glossar. Schon die Zahl der mit Sicherheit unmittelbar hieraus übernommenen Vokabeln steht nämlich nur wenig hinter derjenigen der Wörter hebräischer Herkunft zurück, während sie die der sonst in rotwelschen Quellen oder in anderen Krämersprachen etwa anzutreffenden Mengen von Ausdrücken dieser Art erheblich übersteigt. Nur bei dem Jenisch der schwäbischen Händler inUnterdeufstettenmacht sich — wie RudolfKapff(in der Zeitschr. für deutsch. Wortforschg., Bd. X. S. 214) nachgewiesen — ebenfalls ein stärkerer zigeunerischer Einschlag bemerkbar. Während aber hier die Wörter dieses Stammes immerhin etwa zwei Dutzend nicht übersteigen, sind sie imWittich’schen Vokabular ungefähr auf die doppelte Summe zu schätzen. Da der Verf. in seiner „Einleitung“ selber ein genaueres Verzeichnis dieser Vokabeln angefertigt hat, kann hier auf ihre Aufzählung verzichtet werden; jedoch sei der Vollständigkeit halber bemerkt, daß dort einerseits die weiteren Ableitungen von den zigeunerischen Stammwörtern (wie z. B. die Zeitw.lubnen= „huren“ undmatschen= fischen zuLubne= Hure undMatsche= Fisch oder das Adj.bogelich= gierig u. dergl zuBog[g]elo= Hunger) nicht berücksichtigt sind, während andererseitseinige der aufgezählten Vokabeln auch unmittelbar — nicht erst durch Vermittlung der Zigeuner — aus dem Deutschen oder aus anderen Sprachen ins Jenische eingedrungen sein könnten (Näh. s. in den Anmerkgn. zur „Einleitg.“; vgl. auch gleich weiter unten dieAnm. 26). Mit der bloßen Rezeption der äußeren Form erscheint übrigens die Einwirkung des Zigeunertums auf dieWittichsche Händlersprache noch lange nicht erschöpft, vielmehr ist auch noch in einer ganzen Reihe von — ihreräußerenErscheinung nach demDeutschenoderanderenSprachen zuzuweisenden — jenischen Ausdrückenbegrifflichdie besondere Anschauungs- und Denkweise des Zigeunervolks deutlich wahrnehmbar. Das Nähere hierüber ist aber besser erst weiter unten in anderem Zusammenhange mitzuteilen.
Von sonstigen fremden Sprachen haben nur dasLateinische[25]und seine beiden Haupt-Töchtersprachen, dasFranzösischeundItalienische, etwas breitere Spuren hinterlassen[26], während sich auf dasSlawischeund auf dienordischenSprachen mit Bestimmtheit nur ganz wenig zurückführen läßt.[27]
Auch abgesehen von der „Sprachenmischung“ treffen wir weiter in unserem Jenisch fast alle charakteristischen Kennzeichen des Rotwelschs an. So begegnet man beinahe auf jeder Seite des Vokabulars einer der typischen rotwelschen Endungen-erich,-ert(aus dem ältern-hart) und-ling(-linger) bezw.-ing(vgl. z. B.Toberich= Tabak,Glansert= Glas,Rauschert= Stroh,FlösslingoderSchwimmerling= Fisch,Hitzling= Ofen usw.), die übrigens auch — ganz wie es bei den Gaunern üblich — an WörterfremdenStammes angehängt sind (vgl. z. B.Schwächerich= Durst,Boschert= Pfennig,Bossert= Fleisch [sämtl. aus d. Hebr.],Babing= Gans [aus d. Zigeun.],Bommerling= Apfel [aus dem Franz.]). Weiter finden sich mehrfach Fälle der — zu größerer Unkenntlichmachung der ursprünglichen Form dienenden —Abbreviaturen(und zwar in der Form der sog.Aphärese, d. h. der Weglassung der Anfangssilbe[n], wieBolla[= Kartoffeln] statt und nebenSchundbolla,Staude[= Hemd] statt [rotw.]Hanfstaude, höchstwahrscheinlich auchBoga[= Kuh] stattHorbogaund vielleicht auchBos[= After] stattSchundbos[vgl. das Näh. in den Anm. zum W.-B.]), und vereinzelt erscheint auch eine sog.Transposition(nämlich beiKopel= Beinkleid, Hose, vermutl. statt zigeun.cholep). Bei der Begriffsbildung tritt u. a. auf der Gebrauch des „pars pro toto“ (wie z. B.Langohr= Hase) und von Eigennamen als Gattungswörtern (s. z. B.LattenkarleoderAugust mit dem Ofenrohr= Gendarm), auch für Tiere und Sachen (vgl.Hornikel= Ochse,Groenikel= Schwein [zuNi(c)kel, Kurzform vonNikolaus],Dietz[wohl Kurzform von Dietrich] = penis,Blauhanze= Zwetschgen), die auch noch auf andere Weisepersonifizierterscheinen (vgl.Lachapatscher= Ente,Strohbutzer= Gans sowie das merkwürdigeJerusalemsfreund= Schaf [s. Näh. in den Anm. zum W.-B. unter „Hammel“];Linzere= Brille,Stradelinzer= Wegweiser u. a. m.), endlich das weite Gebiet der (im Rotwelsch so beliebten)Metaphernoder Begriffsübertragungen (wie z. B.Hasa[d. h. Hasen] = Flöhe,Schundflederling[eigtl. „Dreckvogel“] = Mistkäfer,Kupferflederling[eigtl. „Heuvogel“] = Heuschrecke;Schlang= Kette,Fuchs,Füchsle= Gold, Goldstück,Frösch= Monate;Dächle= Regenschirm,Galgennägel= Rüben usw.).
Während sich in allen diesen und noch manchen anderen Erscheinungen der mehr oder weniger enge Anschluß an rotwelsche Vorbilder unschwer erkennen läßt[28], weist unser Jenisch auch einigeihm speziell eigene, überall hervortretende Besonderheiten auf. Es sind dies namentlich: die stark ausgeprägtemundartliche Färbungder Vokabeln und die auffällig große Zahl von (oft recht langen)ZusammensetzungenoderVerbindungenmehrerer Wörter miteinander.
Die dialektische Ausgestaltung der Wörter — die natürlich durchweg die süddeutsche, insbesondere schwäbische Eigenart an sich trägt[29], geht zuweilen so weit, daß die ursprüngliche Grundform nur noch schwer zu erkennen ist. So hat z. B.Klettert= Tisch nichts mit unserm Zeitwort „klettern“ zu tun, sondern ist nur eine schlechte Aussprache vonGlättert=Glatthart, undBlatt(= blatt)pflanzen= im Freien übernachten gehört nicht etwa zu dem Subst.Blatt, sondern zum Adj.platt(vgl. auchbaschen,Bommerlingu. ä. statt [der sonst — im Rotw. usw. — vorherrschenden Formen]paschen,Pommerling;bugleundbukle= tragen,gril(l)ischu.kril(l)isch= protestantisch,Gluberu.Kluper= Uhr u. a. m.). Fast noch häufiger als die Konsonanten erscheinen dieVokaleverändert. So finden sich z. B. neben den FormenGroenert,Groenikel,Ruedel,nuschigauch die breiteren:Groanert,Groanikel,Ruadel,nuaschig, nebenKunde,Rundling,SchundauchKonde,Rondling,Schond, und besonders beliebt erscheint der Wechsel zwischen denBuchstaben i und e. Man vergleiche:nobisundnobes,PatrisundPatres,linzenundlenzen,linkundlenk. Auch die Endung-lingist demgemäß (wieWittichauch in seiner „Einleitung“ selber betont hat) häufig zu-lengumgewandelt worden. Da hierbei indessen nur völlige Willkür (nicht irgendeine bestimmte Sprachregel) geherrscht zu haben scheint, so erübrigt es sich, die einzelnen Gruppen der nur auf-ling, nur auf-lengund der bald auf die eine, bald auf die andere Weise auslautenden Wörter genauer gegenüberzustellen[30]. Auch bei anderenEndungenvon Hauptwörtern oder solchen von Zeitwörtern sind bald die Formen der Mundart, bald die der Schriftsprache, bald beide nebeneinander gewählt worden (vgl. z. B.Fehma= Hand,Hasa= Flöhe,Bollau.Bolle= Kartoffeln,Buxau.Buxe= Hose,Ulmau.Ulme= Leute,Scheiu.Schein= Tag,Kollerin= Müllerin, aberDeislere= Wöchnerin,Stichlere= Schneiderin;fuchsa= erzeugen,fu(h)laod.schmelza= cacare, i. d. R. auch:achilaod.kahla= essen;budera= begatten,kaspere= betrügen,schlummere= liegen,toberiche= rauchen;bikenod.butten= essen,bostenod.pfichen= gehen; dagegen [in Zus.]:bohla,bohleundbohlen= fallen,pfladera[-re, -ren] = waschen,ruadla[-le, -len] = fahren usw.). Als eine spezifisch schwäbische Endung von Hauptwörtern dürfte wohl-ete(od.-ede) angesehen werden, die uns (nach Analogie etwa vonGäutschete= Schaukel zugautschen= schaukeln [s.Fischer, Schwäb. W.-B. III, Sp, 109[31]]) z. B. inBuklete= Traglast,Dämpfete= Zigarre,Flösslete= Urin,Schmelzede= „Abweichung“ (Diarrhöe) und — auch an einen fremden (zigeun.) Stamm angehängt — inFu(h)lete(= Schmelzede) entgegentritt[32]. Sehr beliebt erscheint auch die bekannte süddeutsche substantivische Verkleinerungsform -le[33]. Die gewöhnliche Adjektiv-Endung schreibtWittichregelmäßig-ich, nur ausnahmsweise-ig(so z. B. nebengrandichseltener auchgrandig, nebenmuffichauchmufig); eine kleinere Gruppe dieser Wortgattung endigt auch auf-isch(so z. B.begerisch,biberisch,gril[l]isch,jenisch,wo[h]nisch,schmelemerisch).
Was sodann die zahlreichenZusammensetzungen(bezw. Verbindungen) anbelangt, so dürften hierbei zunächst prinzipiell zwei Gruppen zu unterscheiden sein. Bei einerkleinerenKategorie dieser Fälle handelt es sich einfach um wörtliche Übersetzungen von Ausdrücken, die zum Teil auch im Deutschen schon etwas lang erscheinen, ins „Jenische“, und dabei mag den Verfasser eine gewisse philologische Freude an diesen Gebilden dazu verleitet haben, seinem Wörterbuche auch solche zungenbrecherischen Kompositionen wie z. B.Hornikelgielblättlingschottel(= Ochsenmaulsalatschüssel) einzuverleiben[34], die in der Praxis des täglichen Lebens doch kaum je in ihrer ganzenFülle ausgesprochen zu werden pflegen. Wesentlich anders liegt dagegen die Sache bei derMehrzahlder Zusammensetzungen oder Verbindungen, insofern sie nämlich als wirklich notwendige Umschreibungen für Begriffe eingestellt sind, für die es im Jenischen überhaupt keine selbständigen Wörter gibt, wobei übrigens der Vollständigkeit halber noch bemerkt werden muß, daß außerdiesemNotbehelf auch noch mancherleiandereMittel, das Fehlende zu ersetzen, Verwendung gefunden haben. So erscheinen z. B. nicht nur (wie ja nicht selten auch in unserer Gemeinsprache) Zeitwörter als Aushilfe für Substantive, sei es in Form des Infinitivs[35]oder von Partizipien[36], sondern es sind — nach Vorbildern im Rotwelsch[37]— auch Adjektive in gleicher Weise oder umgekehrt Hauptwörter für Eigenschaftswörter gebraucht worden[38], und endlich haben dannnoch viele Substantive eine Verengerung vom Gattungsbegriffe zur Artbezeichnung erfahren. Namentlich kommt dies für im Jenischen nicht vorhandene Bezeichnungen einzelner Tiere und Pflanzen vor, so wennKib= Hund auch den Pudel bedeutet,Flössling(SchwimmerlingoderMatsche) = Fisch auch den Karpfen oder Hering (argum.Flösslingschottel= Heringsbüchse),Flederling(od.Fläderling) = Vogel auch Elster, Kuckuk, Star und Taube, oder wennStöber= Baum auch für Birke, Buche, Eiche und Fichte gebraucht wird,Kupfer= Frucht, Getreide auch Heu, Klee, Häcksel und die meisten Getreidearten (wie Hafer, Roggen, Weizen) umfaßt usw.[39]. Auf die ganz ungeheure Ausdehnung, welche inWittichsJenisch besonders noch die BezeichnungenSoreund — mehr noch —Schure(eigtl. wohl nur „Ware“, dann „Ding“, „Sache“) als Aushilfsmittel für alles Mögliche (z. B. nicht nur für leblose Gegenstände, sondern auch für abstrakte Begriffe, ja selbst für Tiere) erfahren haben, hat der Verf. in seiner „Einleitung“ (S. 24) selber ausdrücklich hingewiesen[40](vgl. für die Einzelheiten, deren Aufzählung hier zu weit führen würde, m. Anmerkgn. zu den Wörtern „abbiegen“ und „Brücke“ im W.-B.). Da solche Begriffsverengerungen aber doch mehr oder weniger etwas Gewaltsames, Künstliches an sich haben, so erklärt es sich unschwer, daß man sie nicht ungern durch irgendeinen Zusatz doch häufig noch etwas näher gekennzeichnet oder m. a. W. eben jene Gruppe umschreibender Zusammensetzungen oder Verbindungen verwertet hat, von denen vorhin schon die Rede gewesen. So sind doch z. B.Schallerfleterling(d. h. „Singvogel“) für die Amsel oder den Kanarienvogel,grandicher Flederling(d. h. „großer Vogel“) für den Adler, oderSpronkert-Flössling(d. h. „Salzfisch“) für den Hering schon viel nähere Kennzeichnungen jener Tiere als das einfacheFlederlingundFlössling.
Hier ist nun die Stelle, wo noch etwas näher auf den Einfluß hinzuweisen ist, den — gerade bei dieser Art von umschreibenden Aushilfs- oder Ersatzbegriffen — dieZigeunersprachegeübt hat. Wenn man z. B.WittichsGlossar mit dem „deutsch-zigeunerischen Wörterbuch“ beiLiebich(Die Zigeuner usw. S. 171 ff.) vergleicht,wird man erstaunt sein, dort die allermeisten dieser Sprachgebilde — nur eben inzigeunerischerForm — wiederzufinden. Sehr zahlreich sind zunächst die Übereinstimmungen mit den — auch im Jenischen — durchVerbindungenvon Substantiven und Eigenschaftswörtern umschriebenen Begriffen, wie z. B.:grandicher Kaffer(zig. bāro gādscho[41]), d. h. „großer Mann“ = Riese,grandicher Sins(zig. bāro rai), d. h. „großer Herr“ = Amtmann, Richter u. dergl. m.[42],grandich Babingod.Strohbutzer(zig. bāro pāpin), d. h. „große [od. größte] Gans“ = Schwan,grandiche Schrende(zig. bāri tattin od. isma), d. h. „große Stube“ = Saal,grandicher Kies(zig. bāro parr), d. h. „großer Stein“ = Felsen,grandicher Funk(zig. bāro jāk), d. h. „großes Feuer“ = Feuersbrunst[43];oberkünftiger Giel(zig. pralduno mui), d. h. „oberes Maul“ = Gaumen,unterkünftiger Tritt(zig. telstuno pīro), d. h. „unterer Fuß“ = Fußsohle,näpfiger Schund(zig. danterpáskero tschikk), d. h. „beißender Dreck“ = Kalk,g’funktes Gib(zig. chadschēdo gīb), d. h.: „gebranntes Getreide“ = Malz,nobes dofer Glitschin(zig. tschi tschātschi glitin), d. h. „kein guter [rechter] Schlüssel“ = Dietrich und noch gar vieles andere, wofür hier auf das W.-B. selbst verwiesen werden muß[44]. Ebenso steht es mit derartigen jenischenZusammensetzungenim e. S. (d. h. der ineinemWort geschriebenen Bildungen aus mehreren Substantiven u. dergl.), nur daß dieZigeunerauch hierbei regelmäßig die Form der lockererenVerbindung(u. zwarmeist von Haupt- und Eigenschaftswörtern) kennen. Auch dafür nur einige Beispiele, die zugleich die charakteristische Denkweise der braunen Söhne des Ostens besonders ins Licht rücken:Schwächerlemamere(zig. tschutschĭnéngeri dai), d. h. „Brustmutter“ = Amme,Trittgriffling(zig. heréngĕro gus[ch]to), d. h. „Fußfinger“ = Zehe,Stöberschmaler(zig. rukkéskri mádschka), d. h. „Baumkatze“ = Eichhörnchen,Mufferhorboga(zig. nakkéskĕri gurumni), d. h. „nasige Kuh“ = Nashorn,Leile-oderRatteflederling(zig. rattjakro tschirkŭlo), d. h. „Nachtvogel“ = Eule,Begerflederling(zig. muléskĕro tschirkŭlo), d. h. „Totenvogel“ = Käuzchen, Steineule,Schmuserfläderling(zig. rakkerpáskĕro tschirkŭlo), d. h. „der sprechende Vogel“ = Papagei[45],Koelegroenert(zig. bengeskĕri trab), d. h. „Teufelskraut“ = Unkraut,Begerkittle(zig. mūleskĕro kēr), d. h. „Totenhäuschen“ = Sarg,Bossertschei(zig. [auch], massĕlo diwes), d. h. „Fleischtag“ = Sonntag,Bäzamaschei(zig. jāringĕro diwes), d. h. „Eiertag“ = Karfreitag,Bäzemaweisling(zig. [u. a. auch] jāringĕro gurko), d. h. „Eiersonntag“ = Ostern usw.[46]
Man könnte nun geneigt sein, anzunehmen, daßWittich, dem ja die Zigeunersprache ganz geläufig ist, einfach die zigeunerischen Umschreibungen ins „Jenische“ übersetzt habe. Allein dem steht die Tatsache entgegen, daß in vielen ähnlichen Fällenkeine wörtlicheÜbereinstimmung, vielmehr nur eine gewisse Analogie zwischen „Jenisch“ und „Zigeunerisch“ besteht[47], ja in manchen sogar auch das nicht einmal, sei es, daß die Zigeuner ihre Umschreibung einem anderenVorstellungskreise entnommen haben als die jenischen Leute[48]oder überhaupt für den betreffenden Begriff ein selbständiges kurzes Wort besitzen, während das im Jenischen nicht der Fall ist[49]. So muß man wohl vermuten, daß infolge des Verkehrs zwischen den Händlern, Hausierern usw. und den Zigeunern aus der Anschauungsweise der letzteren zwar ein sehr beträchtlicher Teil auch bei den ersteren eingedrungen ist, während dagegen ein — immerhin noch ganz stattlicher — Rest des Jenischen sich von diesem Einfluß frei gehalten hat.
Zum Schluß noch einige Bemerkungen über die Einrichtung meiner „Anmerkungen“ zuWittichs„Deutsch-Jenischem Wörterbuch“. Was zunächst deren Reihenfolge betrifft, so habe ich dabei grundsätzlich die Methode beobachtet,daß jedesmaldortzu einer jenischen Vokabel die erforderlichen Erläuterungen gegeben wurden, wo diesezum ersten Malauftritt, sei es nun für sichalleinoder auch nur in einerZusammensetzungmit anderen Wörtern, sodaß also z. B. unter „Apfelbaum“ =Bommerlingstöber— als der ersten Zusammensetzung mitStöber= Baum — auch alles, was überStöberzu bemerken, mitgeteilt worden[50], während andererseits unter der Zus. „Baumkatze“ =Stöberschmaler(und nicht erst unter „Katze“) die VokabelSchmalerbehandelt worden ist. In ganz derselben Weise wurde auch mit den Verbindungen verfahren. Gleich bei der ersten Vokabel des Wörterbuchs: Aas =mufiger Bossertod.Mass(d. h. eigtl. „stinkendes Fleisch“) sind daher z. B. auchmufigund sein Stammwortmuffen= riechen (stinken) sowieBossertod.Mass= Fleisch betrachtet und dieweiterenVerbindungen und Zusammensetzungen damit aufgezählt worden[51], wogegen an allen anderen Stellen, wo diese Vokabeln noch wiederkehren, auf „Aas“ zurückverwiesen worden ist. Es liegt auf der Hand, daß hierdurch gerade zu Beginn des Glossars die Anmerkungen in Zahl und Umfang reichlich anschwellen mußten, während sie dann weiterhin geringer werden und gegen das Ende zu fast nur noch in Zurückverweisungen bestehen.
In den Anmerkungen habe ich außer der Übersicht über den jenischen Wortbestand (Stammwort und Ableitungen davon[52], Zusammensetzungen, Verbindungen und Redensarten damit) auch die etwa nachweisbarenBelegein denstammverwandten(rotwelschen oder sonstigen geheimsprachlichen)Quellenzusammengestellt. Dabei mußte indessen grundsätzlich eine gewisse Beschränkung — nämlich auf das schwäbische (bzw. badische) Sprachgebiet — platzgreifen. Es wurden demnach regelmäßig auf etwa vorhandene Parallelen hin geprüft: a)für das ältere Rotwelsch: der sog. „Dolmetscher der Gaunersprache“ (nach einer im Reg.-Archiv zu Sigmaringen befindlichen Handschrift aus dem 18. Jahrh. von Prof.H. Fischerin Tübingen abgedruckt in den „Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Altertumskunde in Hohenzollern“, Jahrg. 38 [1904/5], S. 89 ff.), zitiert:Dolm. der Gaunerspr.;
dasWörterbuch des Konstanzer Hans, 1791 (vgl. näh. Titel u. Abdr. beiKluge, Rotw. I, S. 232 ff.), zitiert:W.-B. des Konst. Hans;
die rotwelschen Vokabeln inSchölls„Abriß des Jauner- und Bettelwesens in Schwaben“, 1793 (nachKluge, a. a. O., S. 268 ff.), zitiert:Schöll;
dasPfullendorfer Jauner-Wörterbuchvon 1820 (s. Titel u. Abdr. beiKluge, S. 336 ff.), zitiert:Pfulld. J.-W.-B.;
b) für dieGauner-undKundensprache der Gegenwart:
F. X.Mayer, „Jenisch in der Verbrecherwelt“, in den „Württemb. Vierteljahrsheften für Landesgeschichte“, N. F. Bd. XVI (1907), S. 66 ff., zitiert:Schwäb. Gaun.- und Kundenspr.;
c) für dieschwäbischen Händlersprachen:
die Sammlung vonKlugein s. Rotw. I, S. 479 ff., zitiert:Schwäb. Händlerspr.; dazu die Ergänzungen von:
W.Zündel, „Jenisch in Pfedelbach“, in den „Württ. V.-J. H. f. Landesgesch.“, N. F. Bd. XIII (1904), S. 202 ff.[53], zitiert nur durch den Zus.: „Pfedelbach“ nebst Seitenzahl zu „Schwäb. Händlerspr.“;
Rud.Kapff, „Nachträge zuKluge, Rotwelsch I“, in der „Zeitschr. für deutsche Wortforschung“, Bd. X (1908/9), S. 212 ff. Sofern sich diese Nachträge auf dieschwäb. Händlerspr.beziehen, sind sie nur nach den Namen der betr. Ortschaften (Unterdeufstetten,Lützenhardtu.Deggingen) abgek. zitiert:U., Lütz. u. Degg.nebst Seitenzahl zu „Schwäb. Händlerspr.“.
Berücksichtigt wurden auch noch das (der schwäb. Händlerspr. sehr ähnliche) sog.Pleißlen der Killertalerin Hohenzollern (nachKluge, a. a. O., S. 434 ff. vbd. mit R.Kapff, a. a. O., S. 212/13), ferner die (ebenfalls manche Übereinstimmungen usw. enthaltende)Pfälzer Händlersprache(beiKluge, S. 437 ff.), das (dieserwieder verwandte) Jenisch der Handelsleute aus der Gegend vonMetznachKapff, S. 216/17 (zit.: Metzer Jenisch) und ausnahmsweise auch noch sonstige Krämersprachen sowie anderen Gegenden angehörige Sammlungen der Gaunersprache (wie z. B. die stets reichen Aufschluß bietende v.Grolmans).
Für dieEtymologiender jenischen Vokabeln endlich konnte ich meistens auf die Ausführungen in meinen, in dieser Zeitschr. (Bd. 33 und Bd. 38-56) veröffentlichten „Beiträgen zum Rotwelsch und den ihm verwandten Geheimsprachen“ (I, II) verweisen (zitiert einfach:Groß’Archiv [mit Band- und Seitenzahl]), während manches andere in meinen Erläuterungen zu der obenS. 6,Anm. 12angeführten Abhandlung von H.Weber(zitiert einfach:Weber-Günther) enthalten ist. Eine reiche Fundgrube etymologischer Notizen über die Gauner-, Kunden- und Händlersprache in Schwaben bildet sodann H.Fischers„Schwäbisches Wörterbuch“ (z. Zt. 4 Bände, Tübingen,1901-1911). Da dieses groß angelegte Werk jedoch noch nicht ganz abgeschlossen ist, wurde für das Fehlende auch das ältere Schwäbische Wörterbuch von Joh. Christ. v.Schmid(2. Aufl., Stuttg. 1844) herangezogen. Mancherlei etymologische Aufschlüsse verdanke ich endlich wiederum der stets freundlichst gewährten Beihilfe von Dr. A.Landau(Wien). — Für die Zigeunersprache habe ich (außer den schon erwähnten Vokabularen vonLiebichundJühling(-Wittich) sowie den bekannten Werken vonPottundMiklosich[vgl.Groß’Archiv, Bd. 33, S. 225, 231 und Bd. 38, S. 252, Anm. 1]) noch benutzt: Franz NikolausFinck, Lehrbuch des Dialekts der deutschen Zigeuner, Marburg 1903 (zitiert:Finck). Für die Zitierungsart der sonstigen Literatur sei hier auf die Übersicht inGroß’Archiv, Bd. 33, S. 222-232 (nebst den Ergänzungen in Bd. 38 ff.) verwiesen. H.Groß, Handbuch für Untersuchungsrichter wurde überall nach der neuesten (6.) Aufl. (München, Berlin und Leipzig 1914) angeführt.
Die vorliegende Arbeit will und kann in keiner Weise auf Sprachforschung — soweit man davon überhaupt bei der jenischen Sprache reden kann — Anspruch erheben, sie soll nur einen bescheidenen Beitrag liefern zur Sprachbereicherung, sozusagen zur Erschließung und Vervollständigung des Sprachschatzes, zur Belehrung für jeden Interessenten. Vielleicht kann sie auch in der Praxis der Kriminal- und Polizeibehörden verwendet werden und ihnen einige Dienste leisten.
Ob die jenische Sprache eine direkte Gaunersprache ist, d. h. eine zu polizeiwidrigen Zwecken erfundene Sprache[54], kann der Verfasser nicht sagen oder beurteilen, denn dazu fehlen ihm alle notwendigen tieferen Kenntnisse[55].
Der Verfasser hat die Sprache unter den „fahrenden Leuten“ kennen gelernt, welche mit ihren kleinen zwei- und vierrädrigen, mitSegeltuch bedeckten Karren, die gewöhnlich Mann und Frau, Kind und Kegel beherbergen, im Lande umherziehen. Diese Leute, die teils aus dem Württembergischen, teils aus Bayern und Baden, aber auch aus dem Elsaß stammen und in Bayern „Krattler“[56], sonst überall „Jenische“ genannt werden (daher auch die Bezeichnung „jenische Sprache“[57]), setzen sich ihrem Berufe nach aus Bürstenbindern, Schirmhändlern, Sieb- und Korbmachern, Kesselflickern („Keßlern“), Scherenschleifern u. dergl. zusammen.
Früher wurde das Hausiergewerbe vielfach zum verschleierten Bettel benutzt. Ein charakteristisches und wahrheitsgetreues Bild aus der Vergangenheit dieser Leute gibt unter den „Sprachproben“ die Skizze „Dächlespflanzerulme“ (Nr. 25; vgl. auch die „Schnadahüpfel“ am Schluß der Arbeit). Um aber meinem Gerechtigkeitssinne Genüge zu tun und zur Ehre dieser modernen Nomaden, denen die stete Wanderschaft zwar Licht und Luft in reichem Maße, aber auch ein kärgliches und unruhiges Dasein bietet, sei es gesagt, daß der Bettel bei ihnenheutigenTages nur noch in geringem Umfange oder gar nicht mehr vorkommt, daß sie also im wesentlichen nur ihrem gesetzlich geregelten Wandergewerbe nachgehen. Auch haben es sich die Heutigen bequemer gemacht als es vor Zeiten ihre Väter hatten; sie haben die kleinen Schnappkarren, die sie selbst ziehen mußten, abgeschafft und sich dafür größere, mit einer Plane überspannte oder ganz aus Holz hergestellte Wagen (ähnlich denen der Zigeuner) zugelegt samt einem Rößlein davor. Übrigens gehen diese Gewerbe bedeutend zurück, und die fahrenden Leute verschwinden daher mehr und mehr von der Landstraße; am häufigsten sind sie noch in den Reichslanden und in Bayern anzutreffen.
Meiner, allerdings unmaßgeblichen Ansicht nach ist die jenische Sprache ein gemachtes und ersonnenes Kauderwelsch, dem jedoch kein unerlaubter, geheimer Zweck des jenischen Volkes zugrunde liegt, sondern lediglich das Bestreben, sich vor Uneingeweihten abzuschließen und ihren Jargon als harmlose Handelssprache zu benutzen[58], ähnlich wie es auch die Handelsjuden tun, welche die jenische Sprache ebenfalls verstehen und sprechen.
Beinahe selbstverständlich erscheint es, daß sich die jenische Sprache auch durch zigeunerische Wörter bereichert hat, während umgekehrt die Zigeunersprache — die ja eine richtige grammatikalische Sprache und als solche mit der jenischen nicht zu vergleichen ist — aus dieser keine Anleihen gemacht hat. Zwar versteht der Zigeuner fast ohne Ausnahme die jenische Sprache, aber er verschmäht es, das defekte Gefieder der seinigen mit jenischen Federn zu ergänzen und auszuflicken, denn zieren würde er sie dadurch nicht, sondern nur herabwürdigen und schänden[59].
Im Laufe der Zeit haben sich manche Wörter der jenischen Sprache verändert, sind z. B. abgekürzt worden usw., ja es scheint, daß sich auch das zur Zeit noch gebräuchliche Wortmaterial in fortwährender Umgestaltung und die jenische Sprache überhaupt im großen ganzen heute im Rückgange befindet. Die schon veralteten Ausdrücke sowie die Vokabeln zigeunerischen Ursprungs — von denen oben kurz die Rede war — sind vor dem eigentlichen deutsch-jenischen Lexikon noch besonders zusammengestellt worden (s. N. II u. III). Auffallend ist es, daß im Jenischen sehr häufig besondere Ausdrücke für die meisten Tier- und Pflanzengattungen, für Baum- und Straucharten, die doch jeden Tag gesehen werden, fehlen[60], und daß zur Bezeichnung derselben — sowie überhaupt aller Gegenstände (oder auch Tätigkeiten), wofür kein spezieller Name vorhanden ist — die WörterSchureoderSore(bei Tätigkeiten das [davon abgeleitete] Zeitw.schurele[oder auchpflanzen]) herhalten müssen, auf welche in dieser Beziehung fast Unglaubliches abgeladen wird.SchureoderSorebedeutet aber zunächst nur eine (die) Sache oder ein (das) Ding ohne irgendwelche genauere Angabe, so daß der richtige Sinn des Wortes lediglich erst aus dem jeweiligen Zusammenhang der Rede zu entnehmen ist. Ein überaus häufig gebrauchtes Wort der jenischen Sprache ist auchgrandich.
Endlich möchte ich noch hervorheben, daß ich mich beim Aufschreiben dieser Sprache sowohl an das schwäbische Idiom hielt alsauchan mein Gehör. Daher kommt es, daß ich baldlinzen,Rädling,Scheinling, baldlenzen,Rädleng,Scheinlenggeschrieben habe u. a. m. Nur nebenbei sei bemerkt, daß ich die jenische Sprache gewissenhaft und nach genauer Prüfung eines jeden Wortes aufgeschrieben habe und nicht — aus Büchern! Leicht war es für mich, die Wörter dieser Sprache zu sammeln, aber schwer, sie zu ordnen und zu erklären, was ja selbst dem Fachmann Schwierigkeiten bereiten dürfte. Der Verfasser bittet daher, etwaige Mißverständnisse, Schreibfehler usw., die sich eingeschlichen haben sollten, zu entschuldigen.
Möge die Arbeit gütige Aufnahme finden im Kreise der Leser und Forscher; dann bin ich reichlich belohnt für den darauf verwandten Fleiß.
Stuttgart, im Juni 1914.
Engelbert Wittich.