Chapter 11

„Habe ich euch nicht vorausgesagt, daß nichts geschehen werde? Jetzt schlage ich den Herren vor, in den Dom zu gehen. Denn das einzige Sichere ist schließlich die Religion.“

„Tatsächlich“, erklärte der Gevatter Achille, „wird es das Klügste sein, sich dort aufzuhalten, wo alle sind.“

Polli schlug vor:

„Wir werden uns nicht gerade so hinstellen, daß alle uns sehen, und wenn Don Taddeo siegt, sind wir dennoch dagewesen.“

„Auch verlangt der Sicherheitsdienst meine Gegenwart“, schloß der Leutnant, und man brach auf. Der Apotheker wollte sich davonmachen, um den Advokaten vom Umschwung der Dinge zu unterrichten; alle mußten ihn festhalten.

„Du bist ein Mann ohne Gewissen, daß du deine Freunde bloßstellen willst.“

Beim Dom fing man den Kaufmann ein, der fast entwischt wäre.

„Das ist nicht hübsch, Mancafede. In einem solchen Augenblick!“

Auf den Fußspitzen drückten sie sich durch den Schweif von Menschen im Vorraum. Drinnen war es still zum Erschrecken, und nur die Stimme vom Hochaltar:

„Feuer! Alles wird brennen!“

Sie fuhr durch die tausend, von ihrem Sturm gebeugten Köpfe hin. Ihr Echo fiel von den Pfeilern herab und schlug mit ein auf die demütige Menge.

„Nicht nur das Haus Malandrini wird brennen; auch das Haus Polli und alle Häuser am Corso! Der Platz wird brennen, und niemand weiß mehr, wohin flüchten!“

Die Menge zitterte. Die Ohren zuckten bei jedem neuen Schreckenswort. Polli drehte wirr den Hals umher.

„Vielleicht hat er recht, und es brennt bei mir?“

„Denn diese Stadt wars, über die Jesus weinte, als er über Jerusalem weinte! Kein Stein, sage ich euch, bleibt auf dem anderen. Wehe! schon stürzt das Rathaus ein, und ich sehe, wie es euch erschlägt: dich, Fierabelli, dich, Coccola, euch Weiber da, — und haltet das Kind, haltet!“

Ein langer Schauder. In der Kapelle Torroni fiel vom Schenkel des Posaunenengels ein kleiner Druso herunter und winselte. Die Mutter überrannte jammernd die Leute.

„Die Sache wird ernst“, murmelte unter dem Chor der Gevatter Achille. „Hat er nicht auch mich genannt?“

„In den Dom!“ rief Don Taddeo, und seine Stimme überschlug sich. „Alle in den Dom! Kein anderes Dach mehr gegen den Feuerregen. Vielleicht, daß Gott ihn aufhält, wenn ihr betet. Nein, Gott zählt euch: ist ein Gerechter unter euch, einer? Dies ist die äußerste Minute . . .“

Die Augen des Priesters gingen von Mensch zu Mensch; jedem brach die Hitze aus, niemand atmete mehr. Seine Lippen öffneten sich wieder; noch kam aus ihnen kein Hauch, aber eine Frau schrie schwach auf: Frau Zampieri war in Ohnmacht gefallen, — und da kreischten sie, eine hinter ihr, eine drüben, kreischten, die Augen verdreht, in ihre gepreßten Hände, kreuz und quer durch das Schiff bis vor die Füße des Priesters. Er ließ langsam den Kopf auf die Brust hinab und sagte, halb erloschen:

„Keiner. Es komme das Feuer.“

Ein Fall: alle lagen auf den Knien. Die gebückten Nacken zitterten, als erwarteten sie einen Griff. Die Menge gab Laute von sich, wie der bewegte Halbschlaf eines Sterbenden.

„Nur ein Haus bleibt stehen!“ befahl Don Taddeo schrill. „Von der ganzen Stadt nur eins: das Haus in der Via Tripoli!“

„Wie?“ fragte man und richtete sich auf. Frauen kicherten. Junge Leute sahen sich nacheinander um. In der Kapelle Cipolla entstand ein Gewühl; der Konditor Serafini steckte den Kopf hinter das Grabmal der guten Prinzessin Ginevra und sagte:

„Da seid ihr. Heute abend komme ich und gehe gar nicht mehr fort, — da ihr die einzigen sein sollt, die übrig bleiben.“

Theo und Lauretta widersprachen.

„Wir sind wie die anderen, und wenn Don Taddeo alle umkommen läßt, ist es nicht gerecht, daß wir allein übrig bleiben sollen.“

Und sie schluchzten feucht ins Tuch, — indes Mama Farinaggi, unbekümmert um die Damen draußen in den Bänken, Kreuze schlug und die große Raffaella aus ihren gemalten Augen den Blick der Frau Camuzzi erwiderte, noch verächtlicher und fremder als sie.

Der Kaufmann Mancafede nahm die Hände vom Kopf, über den er sie als Dach gestellt hatte, und hob sich aus seiner hockenden Stellung.

„Wie? Ah! welch schlechter Scherz. Ich glaubte wirklich, mein Haus stände nicht mehr, meine Tochter sei tot, und nun ginge es an mich.“

„Wer weiß, wie es jetzt draußen aussieht“, entgegnete Camuzzi. „Es geschieht so wenig, daß wohl endlich Gott selbst eingreifen muß, damit etwas geschieht.“

Don Taddeo schlug mit der Hand wie nach Fliegen; er bekam rote Flecken, und er schrie:

„Es bleibt stehen und eure verdammten Seelen wohnen darin!“

„Gute Unterhaltung!“ sagten die Mägde Fania und Nanà, und obwohl sie immer fester an die Wand gedrückt wurden, glucksten sie laut. Hier und da pruschte jemand ins Tuch. Don Taddeobrach ab; sein Gesicht entfärbte sich ganz, — und dann, wie einzeln ausgesandte Glockentöne, und so sanft:

„Darüber am Himmel aber steht geschrieben: die Stadt ging unter durch ihre Laster. Jesus hat über sie geweint, aber sie hat nicht gehört.“

Die Töne zitterten dahin, bis in die dunkeln Winkel; — und als alle die Lider gesenkt hatten, senkte Don Taddeo selbst sie. Leiser, in der gepreßten Stille:

„Denn alle Laster — und die Stadt hat sie alle — sind eins. Sie kommen alle daher, daß wir Gott nicht lieben. Das höchste Gebot heißt, wir sollen Gott lieben und unsern Nächsten. Aber wir liebten sie nicht: darum verdarben wir.“

Und mild eindringlich, überallhin, wo ein Schluchzen sich löste: „Denn wir lieben auch Gott nicht, wenn wir unsern Nächsten nicht lieben. Es ist nicht wahr. Es genügt nicht, einen Geist zu lieben, der Gott heißt. Liebt die Menschen, dann liebt ihr Gott!“

Er sah Frau Acquistapace an, in der vordersten Bank.

„Sei gut und duldsam gegen deinen Mann, und du liebst Gott, auch wenn du nicht jede Woche beichtest.“

Vor den Bänken der Bürgerfrauen, gleich zu seinen Füßen, hockten hinter ihren Strohstühlen die kleinen Leute. Er neigte die Augen zu ihnen.

„Hasse den Krämer Serafini nicht,“ sagte er zu der Frau des kleinen Zollbeamten Cigogna vom Tor; „wenn er schlecht gewogen hat, denke, daß er sechs Kinder hat . . . Sprich Gutes von der Rina,“ sagte er zu Elena, der Arbeiterin des Schusters Malagodi, „obwohl sie dich verklatscht hat.“

Und zu der Pipistrelli:

„Verfolge die Sünder nicht! Wir sollen weder die Komödianten noch den Advokaten verfolgen, denn was sind wir selbst. Wenn die Stadt brennt, wo ist dann der, der nicht mitschuldig wäre, weil seine Sünden das Feuer herabriefen.“

Don Taddeo seufzte und schloß die Lider.

„Was sagt er? Was will er?“ — und bei den Männern in dem Raum zwischen den Bänken und den Pfeilern ward es unruhig.

„Man erstickt, und Don Taddeo spricht nur zu den Weibern.“

„Er sagt, wir sollen den Advokaten lieben“, erklärte der Schneider Coccola; und der Schlosser Fantapiè:

„Es fehlte nichts weiter.“

„Er sagt, wer den Advokaten haßt, ist mitschuldig an dem Brand beim Malandrini.“

„Man muß gestehen,“ äußerte der Wirt von den ‚Verlobten‘, „daß Malandrini bei der Partei des Advokaten ist. Sollte wirklich einer der Unseren —?“

„Du selbst, Gigoletti, wirst es getan haben, denn wer macht, nun der ‚Mond‘ abgebrannt ist, so gute Geschäfte wie du?“

„Alle, wenn man näher nachdenkt, alle sind verdächtig.“

„Es ist schrecklich.“

„Man hört nichts“, sagte hinten, unter dem Chor, der Herr Giocondi. „Spricht er von der ‚Gegenseitigen‘?“

„An meinem Platz“, — und Polli hißte sich auf die Fußspitzen, „sitzt die Frau des Schmiedes. Der Mittelstand nimmt uns die Kirchenbänke weg, dann soll er uns wenigstens die Logen lassen.“

„Ihr alle seid mitschuldig“, wiederholte Don Taddeo, wich gegen den Altar zurück und spreizte die Hände. Aber da traf er in ein Gesicht: mitten unter den kleinen Leuten zu seinen Füßen in ein Gesicht, das er kennen mußte und doch nicht kannte. Es hatte Augen, die forschten und forderten, still und fest. Umsonst versuchte er fortzusehen; diese Augen riefen ihn zurück, wie die einer vertrauten Heiligen, die viele Jahre lang über seinem Betstuhl gestanden hätte, alles von ihm wußte, ja, so sehr mit seiner Seele vermengt war, daß sie seine Schwesterschien und tiefe Rechte an ihn hatte. Ihn schauderte, er sagte rasch:

„Nein! Sie haben keine Schuld. Was wissen sie? Einer nur war wissend genug, um zu sündigen.“

Er atmete, ohne es zu wollen, tief auf zwischen den Worten. In seiner Brust quoll es, als sollte sie springen.

„Denn einer nur liebte nicht die Menschen, liebte Gott im Geist, und das heißt, daß er den Geist zu seinem Gott machte, und durch den Geist, seinen Gott, stolz und einsam ward. Seine Strafe aber war, daß noch immer eins ihn an die Menschen band: das Niedrigste. Er hatte die Liebe verleugnet, da mußte er die Brunst leiden; mußte sich hassen, der vom Geist abgefallen war, und die Welt, die ihn verführt hatte; mußte auf sie und auf sich das Feuer herabrufen; mußte mit eigener Hand es entzünden . . .“

„Don Taddeo, man versteht ihn nicht, er muß sich sehr schlecht fühlen“, — und Frau Salvatori beugte sich aus ihrer Bank zu Mama Paradisi hinüber. „Es ist kein Wunder, nachdem er sich für die Komödiantin geopfert hat.“

„Man sagt, daß er vom Altar aus predigt, weil er voll Brandwunden ist und nicht die Kraft hat, auf die Kanzel zu steigen.“

„Und dennoch will er die Komödianten, noch bevor sie fortziehen, zu Christen machen. Denn er spricht nur noch zu der Primadonna, — als habe er uns alle vergessen.“

Die Blicke der Frauen hefteten sich, ergriffen, an den großen goldenen Haarknoten dort vorn, unter dem weißen, verbogenen Filzhut.

„Er spricht zu ihr! Wie er zu ihr spricht! Er hat die Tropfen auf der Stirn. Sie muß eine Frau von großem Verdienst sein. Ich werde niemals wieder glauben, daß eine Komödiantin keine anständige Frau sei. Welch Heiliger, Don Taddeo! Er lehrt uns die Menschen kennen und gerecht sein gegensie. Wie er leidet um unserer Sünden willen! Seht seine Augen! Sie erlöschen . . .“

„Wie?“ fragte Don Taddeo, vorgebeugt, vorwärts gezogen von jenen hellen unbeugsamen Augen. „Muß ich noch mehr sagen? Alles denn?“

Die Zähne schlugen ihm zusammen, er keuchte. Die Pipistrelli plapperte laut aus ihrem Gebetbuch. Die Frauen ringsum raunten miteinander. Don Taddeo griff sich an die Brust; er riß daran, er riß es heraus:

„Ja, ich bins, ich habe es getan.“

Da bewegten sich jene Lider, die nie gezuckt hatten. Jene schrecklichen und erlösenden Augen senkten sich. Don Taddeo griff um sich.

„Er schwankt! Er fällt! Wehe! Der Heilige stirbt.“

Alles sprang auf, ein heißer Stoß warf alle nach vorn. Bevor sie ihn erreicht hatten, rang Don Taddeo sich vom Altar empor. Das Chorhemd fiel zurück.

„Seht die Brandlöcher in seiner Soutane!“

Weinende Gesichter, betende Hände strebten zu ihm herauf. Er streckte über sie hin die Arme.

„Friede!“ rief er auf einmal mit läutender Stimme. „Das Opfer ist gebracht, wir sollen Frieden haben. Laßt euren Zwist! Fragt nicht länger nach dem Brandstifter! Er hat gebeichtet, und er ist fort. Ihr habt ihn nicht gekannt. Beschuldigt niemand! Seine Tat gehört nicht ihm; wir selbst —“ und Don Taddeo schlug sich, „haben sie begangen! Denn wir hatten nicht genug Liebe. Wir haßten uns, wir befeindeten uns; jeder hielt sich für den Gerechten, und dadurch wurden wir eine Stadt von Ungerechten, die brennen mußte. Ich klage mich an —“

Die Hand hinaufgereckt:

„— des Bürgerkrieges, in den ich die Stadt gestürzt habe,des geistigen Stolzes, der mich verdarb, — und ich will Buße tun. Holt den Advokaten, damit ich ihm den Schlüssel zum Eimer ausliefere. Er ist ein großer Bürger —“

Don Taddeo stockte, er schluckte hinunter, — aber er breitete die Arme aus.

„— den ich ungerecht habe leiden lassen.“

Aus dem dichten Volk um den Altar stiegen Hände, Stimmen setzten an:

„Aber! Reverendo!“

„— den ich ungerecht habe leiden lassen!“ rief Don Taddeo noch einmal, hoch und zitternd. „Niemand hat mehr für euch getan als er.“

„Ihr! Ihr!“ antwortete es ihm.

Er reckte den Hals noch höher, als entflöhe er den Stimmen dort unten.

„Liebt euch! seid gütig! gütig!“

Da geschah ein Krach, als stürzte das Gewölbe ein. Es polterte, inmitten eines großen Aufschreies, durch das Schiff. Man sah Weiber rennen und am Boden einen Knäuel. Alles stob fort vom Hochaltar; — und ein Kopf rollte herbei und blieb liegen vor Don Taddeo: der steinerne Kopf einer Frau.

Im weiten Halbkreis starrte das lautlose Gedränge. Da lag in seinen geflochtenen Weiberhaaren der Kopf und sah Don Taddeo an, der ihn ansah. Er war weiß wie der Kopf, und die Hände hielt er gespreizt. Plötzlich schlug er sie vors Gesicht und war fort. Kaum, daß im Vorhang hinter dem Altar noch eine Falte von ihm flatterte.

„Was ist geschehen? Das war der Teufel, rettet euch! . . . Nein nein! es kommt aus der Kapelle Cipolla. Es ist der Kopf der guten Fürstin Ginevra.“

Man lief hin. Die Buben hatten auf dem Grabmal derFürstin gehockt. Um Don Taddeo zu sehen, waren sie ihr auf den Kopf geklettert, — und welchen dünnen Hals die Ginevra hatte! Sie waren heruntergestürzt, als der Kopf abbrach, über Fania und Nanà, über die Mädchen aus der Via Tripoli, und mit ihnen allen gegen das Gitter der Kapelle, das zuschlug und einen Haufen Leute von den Stufen fegte. Da wälzten sich noch welche.

„Seht den Savezzo! Er hat den Schuh verloren und sucht ihn zwischen den Beinen der andern. Wie du komisch bist! Ja, dein Schuh hat ein Loch bekommen, es nützt nichts, daß du uns anbläst wie ein Kater.“

Die Frauen lachten. Der Savezzo hatte seinen Schuh wieder am Fuß und stampfte auf.

„Seht ihr nicht, daß das wieder eine Intrige des Advokaten ist? Er wollte mich umbringen lassen, weil ich ihn gestürzt habe.“

Die Männer sahen sich an. Der alte Seiler Fierabelli äußerte zögernd:

„Eh! der Advokat wird kein Mörder sein.“

„Man redet nicht mehr gegen den Advokaten“, sagte Frau Zampieri entschlossen. „Don Taddeo will es nicht.“

„Don Taddeo will es nicht“, wiederholten die Frauen.

„Was, Don Taddeo! Er ist krank, und er schwatzt.“

Sofort war der Savezzo umringt und hatte gekrümmte, scharfe Finger vor den Augen.

„Nichts gegen den Heiligen, oder du bist tot!“

„Frieden! Frieden!“ rief der Seiler. „Da kommt Don Taddeo mit dem Kelch.“

Die Frauen drängten eilig in die Mitte.

„Wie er doch schön ist in seinem Meßgewand!“

Aber sie sahen, daß ihm das Haar herabgefallen war und spitz bis über die Nase lief. Das linke Auge war ganz klein, sein Gesicht schien schief. Sie flüsterten:

„Wie er sich zerwühlt hat! Er hat geweint um uns.“

Der Barbier Nonoggi bohrte sich drehend durch die Menge.

„Ich habe es euch von Anfang an gesagt, wie? daß der Advokat wieder obenauf kommen werde. Wer jetzt bei ihm in Gnade will“, — und er schnitt dem Bäcker Crepalini eine Fratze „der wende sich an mich, seinen Freund.“

Da er des Schneiders Chiaralunzi habhaft ward:

„Rasch hinauf! Woran denkt Ihr denn? Der Maestro wartet nur noch auf Euch.“

„So wird er umsonst warten,“ entgegnete der Schneider, „denn ich werde in seiner Messe nicht spielen.“

Der Barbier entsetzte sich. Der alte Zecchini griff ein.

„Tut es für mich, Chiaralunzi! Ich liebe die Musik, sie ist die Schwester des Weines.“

Alle redeten dem Schneider zu.

„Es handelt sich nicht um den Maestro, den Ihr haßt; es handelt sich um unser aller Erbauung, was Deixel.“

Die Frauen sagten:

„Es handelt sich um Don Taddeo. Wollt Ihr ihn beleidigen?“

Und sie schoben, indes vom Chor herab der Kapellmeister stumm und wild die Arme warf, den Schneider vor sich her in die Wendeltreppe. Sie hielten Wache, bis er droben war.

„Immer Ihr!“

Der Kapellmeister atmete regellos, er griff sich ans Herz.

„Ich sehe es voraus: Euretwegen wird meine Messe durchfallen. Aber dann —: ah! Wenn ich Euch vor mir habe, fühle ich, wessen ich fähig wäre.“

Der Lehrer Zampieri vor der Orgel sah in seinem Spiegel das Gesicht des Maestro zerrissen, Lohe in den blauen Augen, und wandte sich erstaunt um. Die Musiker ließen die Instrumente sinken. Der kleine alte Beamte Dotti sagte:

„Seien wir vernünftig, Maestro. Wir spielen zur Ehre Gottes.“

„Und meine Ehre?“ fauchte der Kapellmeister. Die großen Schulmädchen im Chor stießen sich an und kicherten.

Der Schneider sagte kein Wort, aber er blies, wie er es probierte, so stark in sein Horn, daß alle auffuhren. Man lugte hinauf und lachte.

„Still doch, Don Taddeo betet, er bekennt seine Sünden . . . als ob er welche hätte, der heilige Mann.“

„Signora Eufemia, Eurem Kleinen ist das Chorhemd zu groß.“ „Aber er schwingt den Weihrauchkessel geschickter als Eurer.“

„Woran hast du während des Sündenbekenntnisses gedacht, Scarpetta? Ich habe mich daran erinnert, daß der Advokat meinem Bruder den Schreiberposten in der Unterpräfektur verschafft hat.“

Der dicke alte Corvi brummte:

„Soll es die letzte gute Tat des Advokaten bleiben, daß er mir die Stelle bei der öffentlichen Wage gegeben hat?“

Der Schlosser Fantapiè schüttelte den Kopf.

„Man muß gestehen, daß wir seit vier Wochen nicht immer richtig gehandelt haben. Ich glaubte wahrhaftig, der Advokat habe das Feuer gelegt. Wußten es nicht alle, und war nicht der Advokat für die Freiheit und für die Komödianten? Aber wenn Don Taddeo sagt, daß es ein anderer ist und daß er ihn kennt —“

„Es wird der Engländer sein, denn er ist in aller Frühe abgereist.“

„Du redest Unsinn, Coccola: ein Engländer! Aber ein Landstreicher hat bei Malandrini im Hof gelegen, sagt man; er ist verschwunden.“

„Warum schickt nicht Cantinelli seine Leute auf die Suche! Was tut die Regierung! Bürgerkrieg und Feuer: ah! man kann sagen, daß wir in Not sind, dank unsern Sünden.“

Und da vorn rief Don Taddeo die Hilfe Gottes an. Dreimalrief er um Hilfe gegen das Elend der Unwissenheit. „Ich habe dich nicht gekannt, o Herr, da ich die Liebe nicht kannte; und ach, wie jene, die seufzen, mich bei dir anklagen, weil ich dich ihnen nicht offenbarte!“ . . . Dreimal rief er um Hilfe gegen das Elend der Schuld. Dreimal rief er um Hilfe gegen das Elend der Strafe, — rief langgezogen, nasal und zitternd; und sein letzter Ton irrte noch, ein armer, suchender Mißklang, durch das Aufbrausen der Orgel hin, das wie der stöhnende Atem von Tausenden war. Chorgesang brach aus gleich einem großen Weinen, und alle Instrumente hoben leidenschaftlich zu klagen an.

„Das ist das Kyrie. Hört Ihr mich, Signora Eufemia? Ach, ach, ich will Euch nur bekennen, daß Euer Carluccio hübscher ist als mein Lino. Darum sagte ich, ihm sei das Chorhemd zu groß.“

„Ach, ach“, ging es durch die Bänke. Das Volk in den Kapellen erbebte.

Don Taddeo aber brachte alle Laute des menschlichen Elends zum Schweigen. Seine Stimme erhob sich, in einsamer Tapferkeit:

„Gloria in excelsis!“

Und es antwortete ihm der Chor:

„Gloria in excelsis!“

Der Strich der Violinen errichtete Staffeln nach oben, die Hörner stürmten feierlich. Wie der Wind schwang sich die Orgel auf.

Als es wieder still war, bekreuzte sich der Schlosser Fantapiè.

„Mir scheint, daß Gott will, wir sollen den Advokaten zurückholen.“

„Ich sage nicht nein,“ antwortete der Krämer Serafini, „aber wird Crepalini wollen?“

Denn der Bäcker wühlte umher.

„Eh! Coccola, eh! Malagodi, scheint es euch so leicht, den öffentlichen Feind zurückzurufen? Don Taddeo: ah! Don Taddeo mag reden; er ist nicht in den Geschäften. Wir aber; der Advokat wird sich an uns rächen! Dir, Scarpetta, entzieht er die Arbeiten im Rathaus, und mir, wer weiß, erneuert er nicht das Monopol.“

„Welch Glück für alle!“ riefen die jungen Leute mit bunten Halstüchern; — und der Bäcker, kirschrot bis in die Augen, kollerte vergeblich gegen das Volk an, das sich beglückwünschte.

Der Herr Giocondi wagte sich hervor:

„Seitdem der Advokat nichts mehr zu sagen hat, ist Euer Brot noch viel kleiner geworden, Crepalini. Wenn Ihr an der Macht wäret, müßten wir alle verhungern; —“ und der Herr Giocondi blinzelte dem Volk zu, das ihm recht gab. Er kehrte, den Bauch heraus, zu den Herren unter dem Chor zurück.

„Mut!“ sagte er. „Ich haue euch alle heraus, und ich rette den Advokaten. Seit ich mit Don Taddeo gesprochen habe, geht alles gut. Die Tätigkeit eines Versicherungsinspektors ist die beste Schule für Diplomaten.“

Der Savezzo war da und sagte zwischen den Zähnen:

„Und die Herren glauben, der Advokat werde nicht erfahren, daß Sie alle von ihm abgefallen waren? Er wird es erfahren, ich schwöre es Ihnen.“

„Nicht antworten!“ raunte der Herr Giocondi dem Apotheker zu, der schon losfuhr. „Man muß vorsichtig sein in unserer verwickelten Lage.“

Und alle zogen sich zurück von dem Savezzo. Er hörte ein Hüsteln und fand sich neben der Bank, worin Frau Camuzzi kniete. Der Spitzenschleier stand weit um ihren Kopf; niemand konnte sie sprechen sehen.

„Unsere Sachen gehen schlecht, wie es scheint . . . Blicken Sie auf Don Taddeo! Er betet um unsere Würdigung; beten auch wir.“

Sie neigte sich tiefer; sie fingerte sanft am Rosenkranz. Er knirschte.

„Man kann es nicht leugnen. Der Tenor ist mir entkommen, und der Advokat, den ich getötet habe, kehrt zurück, wie ein Gespenst.“

Sie blieb lange stumm; sie hob und neigte den Kopf, wie die Betenden. Dann, flüsternd:

„Knien Sie hin!“

Und als sein Ohr ganz nahe war:

„Um den Tenor bekümmere ich mich: er mag ruhig sein. Er glaubt, er solle heute abend eine große Sünde begehen und ein Mädchen entführen, das dem Herrn bestimmt ist. Ich aber werde ihn hindern, zu sündigen, und werde Alba retten. Lassen Sie mich beten!“

Nach einer Weile, mit Aufseufzen:

„Ich fühle, daß der heilige Agapitus mich hört. Wissen Sie nicht, daß er schon einmal eine Jungfrau, die einem Verführer in die Hände gefallen war, rettete, indem er durch sein Gebet dem Verführer jede Fähigkeit nahm, einer Frau gefährlich zu werden?“

Da sie den Savezzo schnauben hörte:

„Hätten Sie doch den Glauben! Dann hätten Sie auch den Erfolg . . . Den Advokaten lasse ich Ihnen. Sie haben nicht versucht, Don Taddeo umzustimmen? Es wäre auch unnötig. Er ist krank, — und die Leute verehren ihn als Heiligen, das macht ihn noch schwächer. Sie müssen ihn aufgeben und sich an den Advokaten halten.“

„An wen?“

„An den Advokaten. Sogleich müssen Sie zu ihm gehen, denn sonst kommen andere Ihnen zuvor, — und sich ihm anbieten. Sie sagen ihm, jetzt, da er Ihre Kraft kennt, wollen Sie sie nicht mehr gegen ihn gebrauchen. Sie machen sichanheischig, ihm Ihre Partei zuzuführen und gemeinsam mit ihm zu herrschen.“

„Niemals“, sagte der Savezzo ganz laut. Sie ließ Zeit verstreichen. Dann:

„Er wird zu glücklich sein, sich an Ihrer Hand halten zu können; und da Sie den Frieden zurückbringen, werden alle Sie gut empfangen. Dann ist Zeit gewonnen, etwas Neues anzuzetteln, das uns endgültig von dem Advokaten befreit.“

Sie neigte sich tiefer.

„Libera nos a malo!“

„Niemals!“ wiederholte er. „Ich hasse ihn zu sehr. Zu lange mußte ich heucheln. Für einen von uns hat die Stadt nur Raum. Kehrt er zurück, dann habe ich verspielt . . . Aber er wird nicht zurückkehren. Ich werde dem Volk verbieten, ihn zurückzurufen. Ich werde Gewalt brauchen, ich werde —“

„Still da!“ — und Frau Camuzzi wandte sich zur Frau Acquistapace. „Finden Sie nicht, man sollte nicht sprechen, während Don Taddeo betet?“

Don Taddeo verneigte sich und faltete die Hände, ergeben wie der, für den er handelte, dessen irdisches Leben seine Gesten zurückbannten. Er ging von der linken Seite des Altars auf die rechte. „Sein Wandel war noch schwerer“, dachte er; und wie aus den Kesseln der kleinen Nonoggi und Coccola der Weihrauch um ihn her dampfte: „Aber seine Werke duften. Seine duften.“

„Es ist höchste Zeit“, — und der Savezzo packte den Schlosser Fantapiè und den Schuster Malagodi am Arm. „Don Taddeo liest die Epistel, jetzt heißt es wählen. Wollt ihr die Macht nehmen oder den Tyrannen zurückrufen?“

„Eh! auch das kleine Volk ist noch da“, sagte der Schuster.

„Und Don Taddeo“, setzte Fantapiè hinzu. Druso, Scarpetta, die beiden Serafini, alle sagten dasselbe.

„Ohne Don Taddeo gibt es keine Partei des Mittelstandes; denn wie bekommen wir ohne ihn das Volk?“

Der Unterpräfekt Herr Fiorio stand in der Nähe, der Savezzo tat einen Schritt auf ihn zu. Sofort verschwand er hinter dem Pfeiler, — und der Savezzo spürte eine Kälte auf dem Scheitel: geradeso hatte der Unterpräfekt — wie viele Stunden wars her? — den Advokaten fallen gelassen!

Jeder, nach dessen Hand er griff, steckte sie in die Tasche. Sie zuckten die Achseln.

„Fragt das Volk, ob es Euch will, statt des Advokaten. Fragt das Volk.“

Der Savezzo stieß, die Stirn nach vorn, in die Kapelle Torroni, über deren Stufen es, mit starkem Zwiebelatem, herausquoll. Es stand in Pyramiden bis auf den Altar; es kniete, die Beine durcheinander; es trug Kinder auf den Schultern; und in den verschränkten Händen eines jungen Mannes stand ein Mädchen, für das am Boden kein Platz mehr war.

„Da bin ich! Da ist der, der euch befreit hat!“ — und der Savezzo wollte die Arme schwingen; die aber, die er damit getroffen hatte, schlugen sie ihm herunter. Statt der Arme rollte er die Augen.

„Der Advokat ist gestürzt! Jetzt sollt ihr die Freiheit kennen lernen!“

„Laßt uns in Ruhe! Siehst du nicht, daß du uns trittst?“

„Ich bin kein Herr, ich bin einer von euch: da seht!“ — und er hüpfte auf einem Fuß, um den andern aus der Enge herauszuziehen. „Meine Schuhe sind durchlöchert. Und hier!“

Er hielt ihnen seine plumpen Finger hin mit den abgerissenen Nägeln. Sie antworteten:

„Schon recht, die Schuhe und die Hände. Aber dein Gesicht gefällt uns nicht.“

Der Mann, der das Mädchen trug, sagte:

„Du denkst zu viel an dich selbst, um die Freiheit zu lieben.“

„Don Taddeo will dich nicht, er will den Advokaten“, rief eine Frau; und eine andere:

„Der Advokat ist lustiger als du, er liebt die Frauen und das Volk.“

Auf dem Altar hielt ein junger Mann in buntem Halstuch die Arme gekreuzt, um Raum zu sparen für seine Nachbarn. Von dort oben sah er dem Savezzo in die Augen.

„Der Advokat liebt die Freiheit, das fühlt man. Ihr, Herr Savezzo, wollt bewundert werden; und wenn Ihr den Advokaten damit besiegen könntet, würdet Ihr vom Gipfel des Glockenturmes bis hinüber zum Rathaus auf einem Seil gehen.“

Alle murmelten Beifall. Aus einem großen Zahntuch sagte jemand:

„Der Advokat ist ein großer Mann.“

Dort in der Ecke versuchte sogar einer zu klatschen. Der Kapellmeister, droben im Chor, hörte es.

„Ach ja, ich weiß wohl, daß das schön ist“, — und er dirigierte ganz leise, den Kopf auf die Schulter gelegt, mit einem verkniffenen Lächeln.

„Und es ist so schön, dieses Graduale, weil ich es in jener Nacht erfunden habe, als Flora Garlinda so böse war und mich so unglücklich machte. Wie gut, daß ich jene schlimme Nacht gehabt habe! Damals zeigte sich, daß alles, was ich um sie gelitten hatte, in diesen ‚Fortschritt des geistlichen Lebens‘ paßte; und als er fertig war, da war ich sicher, ich hätte sie gewonnen, und vor Freude machte ich sogleich mein Halleluja.“

Den Taktstock in der Schwebe, sah er nach Don Taddeo aus.Das Herz ging ihm auf einmal heftig. „Mein Halleluja! Jetzt kommt es! Nur diese Minute noch leben!“ Und der Stock zitterte.

„Halleluja!“ sang Don Taddeo.

Der Kapellmeister sah fliegend noch einmal alle an. Wie er langsam die Hand senkte, ergriff ein Lächeln fiebriger Seligkeit ihn unwiderstehlich . . . Da zuckte er auf. „Das Tenorhorn! Ich wußte es.“ Er war plötzlich weiß, wie der Pfeiler hinter ihm, hatte wirre Augen und streckte den Hals lang aus.

„Falsch eingesetzt, Chiaralunzi! Versteht sich, Ihr müßt falsch einsetzen.“

„Er tut es mit Absicht, um Euch den Erfolg zu verderben“, zischelte der Barbier Nonoggi über seine Klarinette hinweg, während der Schneider, dunkelrot, das Horn von sich stieß.

„Wie? Ihr wagt mittendrin aufzuhören? Ich tue Euch unrecht? Dann also“ — und der Kapellmeister sprang, die Arme erhoben, vom Podium, „nehmt doch Ihr den Stock, Ihr werdet es besser machen, Ihr kennt meine Musik besser als ich.“

Einer nach dem andern senkte sein Instrument, der Chorgesang versiegte. Die Orgel allein führte das Halleluja zu Ende, und nur noch Nina Zampieri ließ ein paar Harfentöne hineinfallen, wie Tropfen in ein Gewitter. Der Schneider hatte seinen Stuhl umgeworfen; sie standen sich gegenüber. Dem Kapellmeister quollen die Augen hervor, sein Gesicht lief blau an. Er griff sich an den Hals. Ganz heiser:

„Ihr glaubt, Ihr versteht etwas von Musik, weil Eure Frau mit einem Tenor schläft.“

Schon waren alle auf den Beinen. Blandini, Allebardi und der junge Mandolini waren noch nicht genug, um den Schneider zu halten. Der schöne Alfò hängte sich um seine Schenkel, — indes Nonoggi und der kleine alte Beamte Dotti in die Wendeltreppeflüchteten. Der Chor drängte gegen die Wände. Jemand rief: „Hilfe!“

„Was trampelt ihr dort oben?“ fragte man hinauf. „Was gibts?“

Der Lehrer Zampieri lehnte sich hinüber.

„Dem Maestro ist nicht wohl. Es ist ein so schwieriges Werk, und er hat es selbst geschrieben.“

„Man muß jetzt still sein; Pipistrelli ist schon dabei, die Kerzen anzuzünden.“

Don Taddeo ging zurück auf die linke Seite des Hochaltars. „Wie er gebückt geht!“ bemerkte Mama Paradisi; Frau Zampieri setzte hinzu:

„Man würde glauben, er steige einen Berg hinauf.“

Und auf den Stufen der Kapelle Cipolla, hingekniet im Gewühl, mit Augen übergroß und voll Kerzenschein, drückten die Mägde Fania und Nanà die kleinen schwarzen Hände vor die Brust.

„Siehst du das Kreuz? Er trägt das Kreuz. Er trägt für uns das Kreuz.“

Nun brannten alle Kerzen und vermischten auf dem goldenen Grund der Apsis ihre Flammen zum Geflirr. Die Kessel der kleinen Druso und Coccola schwangen höher, dichter ballte sich der Weihrauch, woraus die Stimme des Evangeliums erklang.

Blandini, Allebardi und der junge Mandolini schoben den Schneider hinunter. Er keuchte nach seiner Frau; aber sie saß dahinten im Haufen, er mußte in der Vorhalle bleiben. Man hörte noch seine ungleichen Schritte hin und her, man riet, was er habe, — da stieg eine Melodie wie aus einer einzigen befreiten Brust, schwungvoll und voll Zuversicht.

„Das Kredo! Aber das ist glänzend!“

„Es ist aus der ‚Armen Tonietta‘“, behauptete Polli.

„Sieh nur den jungen Mann, ich hätte es ihm nicht zugetraut.“ Und da das Stück aus war, unterdrückt, mit Hälserecken:

„Bravo Maestro!“ — indes Don Taddeo sich, schillernd und funkelnd in seinem bestickten Gewand, demütiger über den Altar neigte und seine Hände höher hinauftasteten.

„Komm, heiliger Geist!“

Er wusch sich murmelnd die Hände. Sein Ruf:

„Orate, fratres!“

Ein jähes Aufschwellen des Chores:

„Sanctus! Sanctus! Sanctus!“

Und die bewegte Stille der Erwartung. Schnell flüsterten die Frauen noch miteinander, durch die Männer ging eine letzte Unruhe . . . Das Klingeln.

In einem großen Rauschen rutschte alles von Bänken, Mauerwerk und Stufen. Man hörte die Krücken der alten Nonoggi klappern, wie sie hinkniete. Frau Giocondi, die schnarchte, bekam von ihren Töchtern einen Stoß und tauchte eilig nieder. Alle Stirnen senkten sich tief, nun Don Taddeo das strahlende Gefäß erhob. Das kleine weiße Rund darin sah über alles Volk hin, wie des Gottes gebrochenes Auge, — und ihm zur Seite erloschen, in einer langen Stille, vor Müdigkeit und Gram die Augen des Priesters.

„Auch uns Sündern“, sagte er schwach; mit Anstrengung, die Arme, wie am Kreuz, weit offen gegen das Volk: „Pax Domini!“ — und indes alles sich räusperte, Stühle umherstieß und hinausdrängte, antwortete seinem Gebet der Chor:

„Sondern erlöse uns von dem Übel.“

Der Apotheker Acquistapace ward unter den ersten aus der Tür geschoben.

„Was hast du? Was gibts denn zu weinen?“ fragte Polli ihn. „Ah! wie sie schön das Agnus Dei spielen! Wie die Messerührend und erbauend war! Ich bin so lange nicht in der Bude gewesen.“

Und da in einem Schub seine Frau erschien, umfaßte er sie und drückte ihr, links und rechts, zwei dicke Küsse auf. Sie hielt ganz still.

„Es handelt sich nicht darum“, sagte Polli. „Es handelt sich um den Advokaten. Wir müssen ihn holen.“

Er trat an Malagodi, den Seiler und Scarpetta hinan.

„Habe ich nicht recht, Ihr Herren? Dies ist die Stunde, Frieden zu schließen. Er ist besser für die Geschäfte, — und schließlich sind wir Menschen.“

„Eh! ich sage nicht nein“, erwiderten sie. „Denn wegen des Bürgerkrieges bleiben die Bauern aus, heute am Sonntag. Das trifft euch: gut; aber es trifft auch uns.“

Der Gevatter Achille sammelte auch den Bäcker Crepalini und seine Freunde vor dem Dom.

„Ah! ihr glaubt, der Advokat werde sich an euch rächen? Ihr kennt ihn nicht. Der Advokat ist ein Gentleman mit dem edelsten Herzen.“

„Ich verbürge mich für meinen Freund,“ sagte der Apotheker, „daß er Euch das Monopol erneuert.“

Dennoch kratzte der Bäcker sich den Kopf und verkroch sich sacht in den Haufen, der den Kapellmeister beglückwünschte. Er lehnte am Dom, drückte die heißen Handflächen gegen die Mauer und lächelte verstört. „Ich habe sie also erbaut“, dachte er. „Ich habe ihre Leidenschaften verklärt; sie fühlen Frieden. Ich aber mußte leiden, als ich meine Messe erfand, leiden für Flora Garlinda.“

Da er nichts sagte, schwand der Haufe. Der Kapellmeister lehnte noch immer und lächelte. Auf einmal streckte ihm, mit einem Gesicht voll glänzender Gnade, der Cavaliere Giordano die beringte Hand hin.

„Maestro, ich habe eine gute Nachricht für Sie: — gestern abend schon ist sie mir mit der Post gekommen; aber ich wollte den Erfolg Ihrer Messe abwarten, um Ihr Glück verdoppeln zu können. Maestro —“

Mit einer Geste, leicht und glücklich, als bewegte sie einen Zauberstab:

„— Sie sind zweiter Orchesterdirigent bei der Gesellschaft Mondi-Berlendi und werden zur Herbstsaison nach Venedig gehen.“

Das Lächeln des Kapellmeisters erstarrte. Der Cavaliere Giordano winkte die nächsten zu Zeugen herbei.

„Wie? das ist eine wohlverdiente Auszeichnung. Denn unser Maestro Dorlenghi ist nicht nur ein Talent, er ist ein sympathisches Talent.“

Man stimmte bei. Frau Camuzzi stieß Frau Paradisi an:

„Ah! Signora Aida, noch soeben stellten wir fest, daß uns nie so fromme Gedanken gekommen sind, wie in der Messe des Maestro, und jetzt verläßt er uns.“

„Das ist zu natürlich“, sagte Flora Garlinda. Sie hatte auf einmal große blasse Halbkreise unter ihren Augen, die todernst blieben, obwohl sie die Lippen, wie zum Lächeln, von den Zähnen zog. Sie hob die schlaffe Hand des Kapellmeisters auf und schüttelte sie hart.

„Es war leicht vorauszusehen, daß er uns andere überholen werde. Ich, die Sie hinter sich lassen, empfehle mich Ihnen, Maestro. Sie müssen wissen, daß ich Ihnen geholfen habe. Denn ich habe von der Gesellschaft Mondi-Berlendi der kleinen Rina gesprochen: Sie erinnern sich, Maestro, Ihrer Geliebten, der Dienstmagd Rina, die Sie dem Cavaliere Giordano abgetreten haben.“

Man kicherte. Der alte Zecchini pruschte aus. Der Kapellmeister warf sich plötzlich herum; man sah seinen Nacken heftigzucken, während er sich auf der Mauer um die Ecke drückte. Der Cavaliere Giordano ging ihm mit ausgestreckten Händen nach.

„Mein lieber Dorlenghi, wie kann der Irrtum dieser braven Leute —. Ich versichere Sie, daß nur Ihr ungewöhnliches Talent —.“

„Lassen Sie, Cavaliere, es ist das unverdiente Glück, dem meine Nerven nicht widerstehen. Und bei alledem —“

Unvermittelt stieß er nach allen Seiten, er hielt sich die Stirn, er stöhnte wund.

„— habe ich Sie kompromittiert und in Gefahr gebracht: Sie, meinen Wohltäter!“

Der Cavaliere begann zu schnuppern.

„Wie denn, mein Lieber? Erklären Sie sich.“

Der Kapellmeister machte, die Fäuste an den Schläfen, fortwährend:

„O! O!“

Vom Platz kam ein Durcheinander von Rufen:

„Wir wollen Frieden! Wir wollen den Advokaten!“ — und immer wieder das Gebrüll des Savezzo:

„Wenn ihr ihn ruft, werde ich machen, daß ihr die ersten seid, die seine Rache spüren!“

Der Cavaliere Giordano sah sich unruhig um.

„Was habe ich zu fürchten? Sie müssen nun sprechen.“

„Der Schneider . . .“

Der Kapellmeister legte die Hand um den Mund und preßte die Worte zwischen den Fingern hervor:

„Ich war von Sinnen, ich wußte seine Beleidigungen nicht mehr zu erwidern . . . Da habe ich ihm gesagt, Sie betrögen ihn mit seiner Frau.“

Der alte Tenor lachte meckernd.

„Eh! und wenn es wahr wäre.“

„Aber der Schneider tobt, er wird Sie vielleicht umbringen.“ Die Miene des Alten fiel zusammen; er spreizte die Hand.

„Es ist nicht wahr! Ich schwöre, daß es nicht wahr ist. Möglich, daß ich es versucht habe. Ich leugne nicht, daß ich —“

„Wir wollen den Advokaten! Die Herren sollen ihn holen! Schweige, Intrigant!“

Der Kapellmeister und der Cavaliere Giordano irrten, die Hände gerungen, im Kreise umeinander her.

„Ah! diese jungen Leute“, jammerte der Alte. „Immer gleich ist der Kopf dahin. Die Leidenschaften! Das heiße Blut! Schöne Sache!“

„Was habe ich getan!“ stöhnte der Kapellmeister. Der Alte blieb stehen, sein Kopf wackelte vor Zorn.

„Aber Sie schuldeten mir Rücksicht für meine Wohltaten! Was Sie getan haben, ist niedrig und gemein!“

Gleich darauf, einknickend, zum Weinen verzogen:

„Er bringt mich um. Wohin verkrieche ich mich jetzt. Ah! ich wußte wohl, daß ich hier enden würde: in einer Stadt mit weniger als hunderttausend Einwohnern und umgeben von Geheimnis. Es ist jene verdammte Unsichtbare, die mich umbringen wird durch die Hand des Schneiders!“

Plötzlich lief er auf krummen Knien davon, in den Corso hinein, lief und kam nicht von der Stelle. Frau Camuzzi erschien an der Ecke.

„Cavaliere!“

Sie holte ihn ein; sie flüsterte:

„Nicht dorthin. Der Schneider ist auf dieser Seite.“

Da er stöhnend herumfuhr:

„Der Platz ist voller Leute: dort werden Sie am sichersten sein. Gut, daß Sie noch heute die Stadt verlassen.“

„Ich werdesie nie mehr verlassen.“

„Man muß Vorkehrungen treffen. Ich könnte Sie bei mirverstecken; aber da der Schneider Ihre Wohnung kennt —.“

„Retten Sie mich!“

Der Alte klammerte sich an ihren Arm. Sie wiegte nur den Kopf. Dem weiten, stürmischen Haufen, den, aus seinem Innern heraus, die Leidenschaften hin und her über den Platz schoben, entrangen sich Polli und Acquistapace.

„Alle sind einig; wir gehen zum Advokaten.“

Aber der Savezzo brach hervor:

„Umsonst! Er ist verhaftet, er geht auf die Galeere.“

Der Savezzo riß sich aus der Brust einen Packen schmutziger Papiere, machte den Finger naß:

„Das ist sein Geständnis! Er hat gestanden, daß er das Feuer gelegt hat.“

Die Menge wich zurück — und plötzlich stürzte sie vor.

„Laß sehen! Wo!“

„Es ist falsch!“ rief donnernd der Apotheker und griff mächtig zu. Er hielt das Papier in die Höhe. „Der Schurke hat es gefälscht. Da habt ihr den Schurken. Jetzt wißt ihr, wen ihr auf die Galeere schicken sollt.“

Er stellte die Hand gegen das Geheul des Volkes, stampfte mit dem Holzbein und schrie, daß ihm die Adern schwollen:

„Laßt ihn! Vergreift euch nicht! Ah! bewundert die Milde des Advokaten. Er verzeiht allen, die etwas gegen ihn unternommen haben: er verzeiht sogar diesem und gibt ihm sein Papier zurück.“

Und der Alte reichte es mit großer Geste dem Savezzo, der auf seine Nase schielte. Das Volk klatschte.

„Bravo! Hole den Advokaten!“

„Der Schneider“, sagte Frau Camuzzi, „hat vom Maestro nicht ihren Namen gehört, wie, Cavaliere? Nur, daß ein Tenor bei seiner Frau ist, weiß er. Aber ihr seid zwei Tenore hier. Schicken Sie den andern hin!“

Da er sie ansah:

„Ja, schicken Sie ihn, damit er Sie bei der Frau des Schneiders entschuldige. Er soll ihr eine Stunde geben statt Ihrer, er soll tun, was ihm gut scheint; — wir aber geben dem Schneider einen Wink. Ah! er wird nicht lange fragen, wie die Sachen liegen; er wird die Überlegung verlieren . . .“

„Aber das wäre ein Mord“, sagte der Cavaliere Giordano und zog sich einen Schritt zurück. Frau Camuzzi hob die Schultern. „Ich rate Ihnen, weil Sie es wünschen. Scheint es Ihnen nicht, daß hinter allen diesen Leuten, bei der Gasse der Hühnerlucia, der Schneider steht und herübersieht? Was er für Augen hat!“

„Hilfe! Ich will tun, wie Sie sagen.“

„Mut, Cavaliere! Ich gehe und versuche, ihn zu besänftigen . . . Ah! er ist fort. Wo war er denn? Aber Sie sind nun gewarnt.“

Der Kaufmann Mancafede stürzte hinter Acquistapace und Polli drein.

„Ihr werdet nicht ohne mich gehen! Bin ich nicht der treueste Parteigänger des Advokaten, der keinen Augenblick an ihm gezweifelt hat?“

Auch der Herr Giocondi wackelte herbei.

„Und ich? Denn, man muß gerecht sein, ohne meine Verhandlungen mit Don Taddeo wäre der Advokat niemals wieder an die Oberfläche gelangt.“

Sie erklärten ihm, seine diplomatischen Talente seien im Augenblick nötiger auf dem Platz, um das Volk in seiner guten Gesinnung zu erhalten.

Vor der Treppengasse warf sich ihnen noch einmal der Savezzo in den Weg. Er schlug blindlings sich selbst mit den Fäusten, und wie er sprechen wollte, spritzte es.

„Feiglinge! Elende Feiglinge!“ heulte er. „Doppelte Verräter, die abfallen in der Gefahr und, wenn sichs wendet, wieder herbeikriechen. Ich: ah! ich gehe unter. Aber ich gehe unter, indem ich euch verachte.“

Mit einem Schlag auf seine Brust, daß sie dröhnte, machte er kehrt.

Sie stiegen schweigend . . . Der Kaufmann wandte sich zum Apotheker:

„Du hättest ihm antworten sollen. Warum hast du ihn nicht niedergeschlagen?“

Nach einer Weile seufzte Polli:

„Es scheint, daß wir den Kopf verloren und manches geredet haben, was wir trotzdem niemals getan haben würden. Ich wenigstens darf von mir sagen, daß ich auch in der Not zum Advokaten gehalten hätte.“

Der Apotheker blieb stumm und ließ den Kopf gesenkt.

„. . . Im Zimmer des Advokaten steht seine Nichte am Fenster“, bemerkte Mancafede. Der Tabakhändler meinte:

„Er wird Trost gesucht haben im Schoß der Familie. Sogleich aber soll er sehen, daß es auch noch Freunde gibt.“

Und schon von weitem begann er hinaufzupfeifen. Die junge Amelia wandte sich ins Zimmer zurück.

„Advokat, da kommen drei Herren!“

Der Advokat zuckte im Bett mit den Schultern. Er behielt die Augen geschlossen. Die Witwe Pastecaldi sah hinaus.

„Gottlob, es sind Freunde.“

„Was denn, Freunde,“ — und Galileo Belotti zog die Brauen bis unter die Haare hinauf. „Es gibt keine Freunde mehr. Sie werden dem Advokaten sagen wollen, daß er auf die Galeere kommt.“

„Du bist gottlos. Siehst du nicht, daß der Advokat krank ist? Du würdest besser tun, auf den Platz zu gehen, zuden anderen häßlichen Leuten. Würde er nicht besser tun, Doktor?“

Der Doktor Capitani, der das Nachtgeschirr des Advokaten untersuchte, stimmte zu.

„Du würdest besser tun, du würdest besser tun, pappappapp. Aber wenn der Platz langweilig ist ohne den Advokaten.“

Und Galileo kugelte polternd durchs Zimmer.

„Galileo!“ rief, gleich unter dem Hause, die Stimme des Tabakhändlers. „Sage dem Advokaten, daß wir gekommen sind, um ihn zu verhaften.“

Die Witwe Pastecaldi stieß, die Faust an der Wange, einen Schrei aus, wie ein kleines Mädchen.

„Was habe ich gesagt“, — und Galileo streckte die Brust heraus. Der Advokat tat einen Ruck; rasch stützte der Doktor ihn.

„Auch das härteste Geschick wird mich stark finden“, sagte der Advokat und beschrieb mit der Hand einen Bogen, der zitterte. „Aber ich fühle mich nicht verloren; denn —“

Er fand Stimme:

„— ich glaube an die Gerechtigkeit des Volkes.“

Da flog die Tür auf. Polli rief herein:

„Guten Tag die Gesellschaft. Ist der große Mann zu Hause?“ Aber sogleich verstummte er und machte einen Schritt rückwärts.

„Signora Artemisia,“ flüsterte der Apotheker, „was gibts? Der Advokat sieht uns nicht an, geht es ihm sehr schlecht?“

Da sie nur die gefalteten Hände erhob:

„Dann müssen wir dem Volk wohl sagen, daß es ihn nicht haben kann. Denn das Volk will ihn wieder haben.“

„Wie? Wollt ihr ihn nicht verhaften?“ fragte Galileo.

„Was denn! Versteht Ihr nicht, daß das ein Scherz war?“ sagte Polli. „Das Volk ruft dich, Advokat.“

„Da bin ich“, sagte der Advokat und zog die Beine unter derDecke hervor. Er schob den Doktor fort, — aber dann saß er in seinen Unterhosen auf dem Bettrand und konnte nicht weiter. Seine Schwester stürzte herbei.

„Du wirst dich ruinieren, Advokat. Der Ruhm bringt dich um.“

„Was, Ruhm!“ — und Galileo erklärte den Herren:

„Er hat zu viele warme Bäder genommen, der Advokat. Immer gerade, wenn man essen will, braucht er die ganze Küche für sein heißes Wasser. Und dann, versteht sich, sieht man in seinem Bureau seit vier Wochen nichts anderes mehr, als Unterröcke . . .“

Die Schwester jammerte auf.

„Ich habe es dir immer gesagt, Advokat, wenn du an der Macht wärest, könntest du den Frauen nichts abschlagen und sie würden dich ruinieren. Jetzt ist es geschehen.“

„Denn der Advokat“, schloß Galileo, „hat heute morgen in der Badewanne einen Schlaganfall gehabt.“

Der Advokat war plötzlich auf den Füßen, er klopfte die Luft mit dem Handrücken.

„Was für Albernheiten! Einen Schlaganfall, ein Mann wie ich! Sagen Sie den Herren, Doktor, daß ich ganz gesund bin!“

„Es war nur ein wenig Schwäche“, entschied der Doktor; „denn, Advokat, es sieht ganz so aus, als hätten Sie wieder mehr Zucker verloren!“

Der Apotheker kam, schwer stelzend, herbei; er nahm die Hand des Advokaten.

„Mein armer Freund, du hast gelitten. Wir, das Volk, haben dir Leiden verursacht. Jetzt aber wollen wir dich wieder haben und dir danken. Komm!“

„Ich komme, es geht schon besser. Meine Kleider! Ah! das Volk ruft mich. Sie, Doktor, wollen mich krank; aber das Volk will mich gesund, und es ist stärker als Sie, ich bin gesund.“

Er umarmte den Freund, die Schwester und den Arzt.

„Ihr Gesicht ist schon weniger grau,“ sagte der Doktor Capitani, „Ihre Augen haben schon Glanz. Ich lasse Sie also dem Volk, — wenn Sie mir versprechen, daß Sie in Zukunft nehmen wollen, was ich Ihnen gebe.“

„Mehr als das! Ich nehme auch, was Sie mir nicht geben!“ — und der Advokat tätschelte ihm den Bauch, er küßte ihn schallend auf die breiten blonden Backen.

„Wie Sie sympathisch sind, Doktor! Ah! wie wir alle glücklich sind. Ich habe wohl gewußt, es werde so kommen. Nie habe ich den Glauben verloren an die Gerechtigkeit des Volkes.“

„Nicht diese Hose!“ rief Polli. „Es ist ein großer Tag; der Advokat muß gekleidet sein, wie zu seiner Hochzeit.“

„Wo hast du die neue?“ fragte die Witwe Pastecaldi. „Sieh doch Galileo: er hat sie gefunden.“

Galileo polterte:

„Wenn einer die Sachen des Advokaten kennt, bin ich es.“

Die Schwester band dem Advokaten die Krawatte. Mancafede äußerte:

„Als ich sie dir verkauft habe, wer uns da gesagt hätte, du würdest sie auf einem solchen Feste tragen. Denn wir haben alle besiegt. Don Taddeo hat uns um Gnade gebeten.“

„Es ist nicht wahr“, sagte der Apotheker. „Er hat uns alle zum Frieden ermahnt. Gott hat ihn vernünftig gemacht: so hat er nun eingesehen, Advokat, daß du ein Mann von großem Verdienst bist.“

„Und daß auch er einer ist,“ sagte der Advokat, „das weiß ich seit heute nacht.“

Er ließ sich vom Doktor den Rock anziehen und griff nach dem Hut.

„Gehen wir! Artemisia, komm!“

Sie betastete ihr ländliches Mieder.

„Wie kann ich. Das Volk wird dich auslachen, wenn es mich bei dir sieht.“

Er antwortete:

„Sei ruhig, das Volk wird nicht verlangen, daß ich etwas anderes sei, als es selbst.“

„Der Advokat auf die Galeere?“ sagte am Fenster aus ihrem weißen Mullkleid die junge Amelia, die Augen weit verdreht. Man mußte ihr einen Stoß geben.

Wie sie aus dem Hause traten, ging gerade ein Schuß los, und drunten schrie das Volk auf.

„Beim Bacchus“, sagte Polli. „Sie haben auch die Kanone aus dem Rathaus geholt.“

„Wenn sie nur kein Unglück anrichten“, sagte der Advokat. „Ich werde nachsehen müssen.“

„Eh!“ machte der Apotheker, „glaubst du, es sei nichts Wichtigeres zu tun? Don Taddeo will dir den Schlüssel zum Eimer geben.“

Da der Advokat mit offenem Munde stehen blieb, äußerte Mancafede:

„Du siehst, daß er Furcht vor uns hat.“

Der Advokat erlangte Worte:

„Wie? Das Gericht hat ihm den Eimer zugesprochen, und er will —. Das ist ja ein Dummkopf!“

Sein Lachen brach ab, er ging weiter.

„Ich wollte sagen, daß ich das nicht getan haben würde. Man sieht, daß Don Taddeo eine erlesene Seele hat.“

Bis zur Ecke sprach er nicht mehr, — und da öffnete drunten sich der Platz, summend und schwarz, und schon stürmten ausgestreckte Hände herauf, und Schreie knatterten:

„Da ist er! Da ist der Advokat! Es lebe der Advokat!“

Er hielt an auf dem letzten Absatz der Treppe; die Seinen zogen sich einige Stufen zurück; und in weitem Bogen senkteer den Hut vor dem Volk, das ihn begrüßte. Der Schatten des Rathauses fiel über ihn, über sein Gesicht, das er zurücklehnte, — und dennoch sah man breite Sonne darauf. Ja, sie dehnte die Muskeln im Gesicht des Advokaten, verklärte die gegerbte Haut, machte alle Runzeln hüpfen und sandte weithin einen Schein aus.

„Nie hat man den Advokaten so gesehen“, riefen die Frauen. „Er ist schön!“

Die Männer sagten einander:

„Wir sollten den Advokaten wirklich ins Parlament schicken, damit sie in der Hauptstadt sehen, welch einen großen Mann wir haben.“

„Meine lieben Freunde“, sagte der Advokat erstickt und schüttelte Hände. Der Apotheker drang vor: „Platz, Ihr Herren!“ und vom Dom her bahnte der Leutnant Cantinelli die Gasse. Wie der Advokat hineinging, sah er drüben einen andern sie betreten: Don Taddeo! Und über den Dom herab hing die päpstliche Fahne! Da fing auf dem Turm die Glocke an zu läuten, und sogleich dröhnte auf der andern Seite ein Schuß. Der Advokat fuhr herum: vom Rathaus flatterte die Trikolore. „Es lebe der Advokat!“

Sie ließen ihn nicht weiter, bevor nicht jede Hand geschüttelt war; und er, bleich vor Glück, erkannte kaum noch die Gesichter. Plötzlich:

„Camuzzi! Ah!“

Mit einem Blick auf die Trikolore:

„Mein lieber Freund Camuzzi!“

„Den Hymnus an Garibaldi!“ schrie der Apotheker. Denn vor seinem Hause, hinter dem Wogen des Volkes blitzten die Musikinstrumente. Darüber schwenkte, auf einem Stuhl, der Gevatter Achille seine Fahne.

„Den Hymnus an Garibaldi!“ wiederholte das Volk. DerUnterpräfekt, Herr Fiorio, konnte gerade noch dem Maestro in den Arm fallen. Er beschwor ihn um den Königsmarsch.

Der Marsch sprengte daher, man klatschte; der Advokat entriß sich dem Volk; er sah auf sich zu den großen rostigen Schlüssel kommen, den Don Taddeo mit beiden Händen vor sich hinhielt. Don Taddeo war bleich, als sei er tot; seine scharf roten Augen wichen nie von dem Advokaten. Wenn eine Frau sich nach seiner Soutane bückte, um sie zu küssen, tat er eine rasche Wendung, sonst aber hielt er, obwohl alle von ihm die Hände ließen, seine Schritte lange zurück, als wollte er diesen Gang verlängern, immer noch verlängern . . . Der Advokat streckte plötzlich beide Hände aus und begann zu eilen. Er hatte eine achtungsvolle Miene, und fast lief er. So trafen sie sich, noch ehe Don Taddeo beim Brunnen war. Er hielt den Schlüssel weiter von sich, der Advokat nahm ihn mit einem Kratzfuß. Dann zogen sie sich leise voneinander zurück. Das Volk wartete, verstummt. Der Advokat hüstelte, und Don Taddeo sah zu Boden. Auf einmal hatte er mit einem Lächeln die Augen aufgeschlagen und der Advokat die Arme ausgebreitet. Der Beifall des Volkes umstürmte sie, wie sie einander auf der Brust lagen. Am Dom klatschte die Fahne des Papstes, gelb und rot gleißend, in ihre schweren Falten. Der Gevatter Achille warf über dem Gewimmel sein weiß-rot-grünes Tuch rasend hin und her durch die blaue Luft. Pipistrelli zog nun beide Glocken, er ließ sie tanzen. Die Musik setzte sich in Bewegung, im Eilschritt blies sie ihr Stück, wie einen berauschenden Wind, um den Platz; — und da ging zum drittenmal die Kanone los. Don Taddeo und der Advokat hielten sich an den Händen; „Es lebe der Advokat! Es lebe Don Taddeo!“ — und indes jeder sich nach seiner Seite verneigte, gaben in der Mitte ihre Hände sich manchmal einen Ruck, als leitete einer auf den andern den ganzen Beifall ab: gerade wie man es in der„Armen Tonietta“ an der Primadonna und dem Tenor gesehen hatte.

„Es lebe Don Taddeo!“

Die Frauen brachen die Scheu, sie warfen sich über ihn, er bekam schallende Küsse auf die Wangen, stand da mit einem Fleck Röte unter den Augen und einem flüchtenden Lächeln.

„Es lebe der Advokat!“

„Meine lieben Freunde! Da ist der Schlüssel zum Eimer!“ — und er reckte sich hinauf. „Wir haben ihn zurück; jetzt werden wir den Komödianten den Eimer zeigen!“

„Wir werden den Komödianten den Eimer zeigen!“ rief das Volk. Der Advokat drückte den Finger auf den Mund, er schielte nach Don Taddeo. Aber Don Taddeo erklärte hastig, mit Spreizen und Einziehen der Hand, die Komödianten sollten nur kommen, er wolle mitgehen.

„Wie, Reverendo?“ — und der Advokat lüftete mehrmals nacheinander den Hut.

„Welch Heiliger!“ sagte das Volk, indes Gaddi und der Cavaliere Giordano herbeigeschoben wurden. Der Advokat stellte sie dem Priester vor.

„Der Cavaliere ist ein über den Erdkreis hin berühmter Mann, dem die Menschheit für hohe Dinge verpflichtet ist. Der Herr Gaddi aber hat heute nacht an der Spritze gearbeitet wie einer von uns. Sie freilich, Reverendo, der Sie mehr getan haben als alle —“

„Große Sünden“, sagte Don Taddeo rasch und preßte die Hand auf die Brust, „verlangen große Tugenden; und was ich erkannt habe, ist, daß unsere Verdienste eins sind mit unserer Schuld.“

„Ich bin Ihrer Meinung“, sagte der Advokat. „Wir werden immer nur tun können, was wir schulden, und das wenige Gute, das mir zu vollbringen erlaubt ist —“

Mit einem Bogen des Armes:

„— das kommt mir vom Volk.“

Es ward geklatscht, — und ein langer Schub beförderte die beiden samt ihren getragenen Mienen bis vor die Tür des Turmes. Keiner wollte vorangehen; sie drehten einander rundum und wurden drehend hineingestoßen. Die Menge quoll nach. Über die Stufen zum Dom schwemmte eine Welle Volkes. Ihr entstieg der Savezzo und drückte sich unbemerkt unter die Matratze. Er schlich durch die Vorhalle. Aus all den leeren Bänken dahinten erhob sich ein einziges, dämmerweißes Gesicht.

„Sie hier, Herr Savezzo?“ fragte Frau Camuzzi.

„Da Sie mir ein Zeichen gegeben haben —.“

„Ich, ein Zeichen?“

Die Stimmen klappten von den Pfeilern zurück; Frau Camuzzi flüsterte:

„Sie irren sich . . . Aber Sie sind im Mantel, und Sie tragen ein Bündel?“

„Ja. Denn ich gehe; ich verlasse den Schauplatz meiner Niederlage. Lieber in der Fremde einen neuen Kampf beginnen, als hier den frechen Triumph des alten Feindes erleiden.“

Gedämpfter Jubel drang in die Stille.

„Hören Sie?“ — und er knirschte. Er warf seinen Hut auf den Boden.

„Heben Sie ihn auf,“ sagte Frau Camuzzi, „wir sind in der Kirche. Da Gott selbst für den Advokaten ist, werden Sie die Dinge nicht ändern.“

„Ich werde sie ändern, — nachdem ich draußen gesiegt habe und groß geworden bin.“

„Ich“, sagte Frau Camuzzi und seufzte still, „habe einen Mann, der Gemeindesekretär ist und bleibt. So muß ich wohl in derStadt mein Leben enden und warten, ob es den Heiligen gefällt, mich zu erhören.“

„Ich stürze mich in die große Welt! Welch andere Interessen und Leidenschaften!“

„Glauben Sie?“ — ganz sanft den Kopf geneigt.

„Man wird von mir hören. Nachdem ich in der Hauptstadt ein großer Journalist geworden bin, den alle fürchten, kehre ich zurück, und der Advokat wird dann sehen, wen man ins Parlament schickt. Ah! wie ich aufräumen will in der Stadt. Zu welchem Brei ich die herrschenden Familien zerstampfe! Ich sehe den Platz mit bankerotten Leichen bedeckt.“

Er schielte schwarz, und das Knirschen verrenkte seinen Mund. Draußen heulte es auf:

„Zurück! Um Gottes Liebe! Man erstickt!“

Die beiden sahen sich an.

„Es scheint,“ sagte langsam Frau Camuzzi, „daß der Turm, der ein wenig eng ist für solch großes Fest der allgemeinen Versöhnung, Ihnen die Mühe abnimmt, Herr Savezzo, und alle umbringt.“

Ihre Mundwinkel zitterten; durch ihre Augen strich ein Blitz, aber sie deckte sogleich die Lider darüber. Nach einer Weile:

„Sie fahren also mit den Komödianten in der Post?“

Er breitete die Flügel seines Mantels aus.

„Ich gehe zu Fuß, wie es sich für einen harten und armen Eroberer schickt, und in denselben Schuhen, die eine feindliche Menge mir zerrissen hat.“

„Dann wird es Ihnen um so leichter sein, unterwegs jemandem ein Wort zu sagen . . . Der Alba Nardini in Villascura: Sie sagen ihr, der Tenor werde sie warten lassen, er sei aufgehalten bei der Frau des Schneiders Chiaralunzi.“

Er schloß seinen Mantel über den Armen, die er kreuzte. Forschend von unten:

„Wie haben Sie das gemacht?“

„Die Heiligen! Das taten die Heiligen . . . Vielleicht war es mein Gebet, das sie bewog? Gleichviel, es handelt sich um die Interessen des Himmels, dessen Braut die arme Alba ist, — und sollen nicht, nun alle zur Eintracht bekehrt sind, auch wir ein wenig Gutes tun?“

„So hat dieser eine Tenor Sie tiefer gekränkt, als mich die ganze Stadt?“

Da er einen schwarzen Blick bekam:

„O lassen Sie! Ich weiß nichts, und ich tue, wie Sie wollen. Was daraus entsteht, kümmert es mich? Ich bin ein Fremder, der vorübergeht und ein Wort fallen läßt. Könnte davon die Stadt zusammenstürzen!“

Er warf den Zipfel seines Mantels um sich her, daß er über die andere Schulter wieder zurückflog.

„Auf Wiedersehen, wenn ich Sieger bin!“


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