„Oder“, murmelte Frau Camuzzi und drückte, sehr bleich, die Lider zu, damit die Träne nicht hinausrinne, „ist nicht nur der Maestro durch jene Musik in Aufruhr gebracht?“
Schweigend stiegen sie die letzten Treppen hinab; drunten fuchtelte der Advokat.
„Wäre ich die Persönlichkeit geworden, für die alle mich halten, wenn ich nicht Sie gehabt hätte, Camuzzi? Vielleicht mußte Ihr Widerspruch meinen schöpferischen Drang anstacheln, damit Waschhaus und Theater, Vizinalwege und Licht entstehen konnten. Zuweilen denke ich mir: wenn einst der greise Vertreter unserer politischen Wählerschaft zurücktritt —. Sie verziehen das Gesicht, Camuzzi, aber der Cavaliere Lanzerotti wird dennoch zurücktreten, und kann sein, daß das Volk mir selbst die Ehre erweist, mich als seinen Deputierten in die Hauptstadt zu schicken —: dann, so denke ich mir, wäre es gut, wenn ich auch in der Kammer Sie, Camuzzi, wiederfände; denn Sie würden mich größer machen . . . Ich sei groß inWorten, sagen Sie? Sie wissen nicht, Freund, was Begeisterung ist, sonst wären Sie heute abend begeistert!“
Er streckte den Ankommenden die Hände hin.
„Wie gnädige Frau? Bewegung und Tätigkeit, das ist alles, und das lehrt uns die Musik des Maestro Viviani!“
„Eine Frau kann nicht handeln,“ sagte sie; „und daß ich bei den Komödianten war, werde ich morgen dem Don Taddeo beichten müssen. Inzwischen werden die Gewissensbisse mich nicht schlafen lassen.“
„Ich wußte, meine Liebe, daß es so enden würde“, sagte Camuzzi.
„Und der Maestro?“ rief der Advokat die Gasse hinauf. „Wir haben ihn verloren?“
Der Kapellmeister winkte, bevor er sich von der Rampe losriß, noch einmal in das Dunkel der Höfe und Häuser hinab, das ihm voll lauschender Atemzüge schien.
„Ja, ich werde euch wohltun! Durch mich werdet ihr glücklicher werden und einander lieben. Ein Mädchen, das meine Arie aus einem Fenster singt! Ein Junge, der mit seinem Korb voll Gipsfiguren durch den Staub zieht und dem eine Melodie von mir die Straße weniger heiß macht! Werde ich nicht sein wie ein König, dessen Bild auf allen Münzen, in allen Händen ist? — und dessen Bild ein Sinnbild des ganzen Volkes ist!“
Er lief die Treppe zu Ende.
„Da wären wir alle beisammen,“ bemerkte der Advokat; „und wenn unser Theater auch nicht sehr zentral liegt, — der Bau eines neuen städtischen Theaters hier im Mittelpunkt wird trotz Ihrem Händeringen, Camuzzi, eine unserer nächsten Aufgaben sein —: so verschafft uns das doch einen Spaziergang, der hoffentlich allerseits angenehm war.“
„Jeder genießt solchen Spaziergang auf seine Art“, erwiderte Frau Camuzzi.
Sie bestand darauf, nach Hause zu gehen. Vor ihrer Tür trennte man sich. Wie der Advokat mit Savezzo und dem Kapellmeister zu der bewegten Versammlung beim Café „zum Fortschritt“ stoßen wollte, sah er aus der Treppengasse Flora Garlinda biegen. Sofort entschuldigte er sich und eilte ihr durch das festliche Gedränge entgegen. Sie kam seinen Komplimenten zuvor.
„Ah! Advokat, Sie sind ein Mann, auf den man sich verlassen kann, Sie wollen mir Ihre Rezension vorlesen . . . Wie? Sie haben sie noch nicht geschrieben? Sie haben die Zeit verschwatzt, gleich all dem Volk hier?“
Da er stammelte:
„Ach, Herr Advokat, ich habe Sie in meiner Einbildung so hochgestellt, daß Sie vielleicht Mühe haben werden, sich dort zu behaupten . . . Treten wir unter die Rathausbogen: es ist schattig darin, und ich hasse das Girren dieser Geputzten, ihr nutzloses Umhertreiben . . . Sagen Sie mir also, was Sie schreiben werden!“
Und obwohl er beteuerte, er müsse sich in der Muße seines Kabinetts darauf vorbereiten:
„Sie werden mit Recht das meiste über den Cavaliere sagen. Er ist berühmt; seine Kunst ist zweifellos die größte und seine Stimme die glänzendste. Vergessen Sie das nicht, Herr Advokat! Für Gaddi ist das Lob nicht zu viel, daß er sich seit zehn Jahren auf der Höhe seines Könnens befindet.“
„Dieses Lob erregt nirgends Neugier“, dachte sie und streifte mit einem feinen, hellen Blick den Advokaten, der leise keuchend die Lippen bewegte, als lernte er ihre Worte auswendig.
„Was Italia angeht, stellen Sie zu ihrem Ruhme fest, daßdas Publikum, geblendet durch ihre Erscheinung, die Streichung ihrer beiden Arien nicht einmal bemerkt hat. Der arme Nello sodann bietet Ihnen Gelegenheit, Ihre Leser als Menschen zu rühren: ist er doch, weil er die Anstrengung des Singens nicht erträgt, in eine schwere Ohnmacht gefallen. Der Maestro —“
„Ich erwähne ihn gar nicht“ — und der Advokat spreizte voll Eifer die Hand. Er dachte: „Sie wird mich nicht umsonst bis hierher geführt haben: ich wußte es“ — und er trat ihr voran in den ganz dunkeln Hof des Rathauses.
Die Primadonna sagte:
„Das geht nicht. Sagen Sie, er sei trotz seinem Mangel an regelmäßiger Vorbildung, also sozusagen als Dilettant, überraschend gut gewesen, so daß das Publikum nicht nur aus Lokalpatriotismus der Freundlichkeit der Hauptdarsteller zustimmte, die bei Empfang des Beifalls auch den Maestro in ihrer Mitte sehen wollten.“
„Aber das ist ja beinahe gerecht!“ rief der Advokat. „Ich bewundere Sie immer mehr. Und von Ihnen selbst —“
„O! nur wenig. Aber schließen Sie mit mir!“
„Ich werde sagen, daß Flora Garlinda ein Stern ist, der vorläufig nur erst über den Dächern unserer kleinen Stadt leuchtet. Bald aber geht er über denen der Hauptstadt auf, ja über denen von Paris, London und New York!“
„Sie haben Talent, Advokat.“
„Ich setze hinzu, daß ich lieber schweigen würde, um Sie nicht zu rasch zu verlieren. Aber die Wahrheit drängt ans Licht.“
Die Hand auf dem Herzen, tat er einen Schritt. Sie wich einen zurück.
„Und da Sie das im Ernst meinen, Herr Advokat, habe ich Ihnen nicht zu danken. Männer wie Sie wären beleidigt,wenn man täte, als erwiesen sie Gunst, wo sie nur gerecht sind.“
„Wie wir uns verstehen!“ — und heftig schnaufend trat er noch einmal vor. Sie bog sich weg, bis ihr Rücken die Mauer berührte. Links und rechts hatte sie seine gerundeten Arme. Ihre Hände staken in den Taschen ihres Staubmantels, die Schultern hielt sie hochgezogen, als ob es sie fröre; — aber mit ruhiger, warmer Stimme sprach sie zu ihm:
„So habe ich auch keinen Augenblick den Verdacht gehegt, Sie seien wie die andern Mächtigen, die sich von der Frau für das belohnen lassen, was sie für die Künstlerin tun. Wissen Sie doch selbst um den großen Ehrgeiz und die ungeheuren Pflichten, die das Talent uns auferlegt. Ich kenne Sie, Advokat: Sie würden durch die Demütigung einer Frau, die ihresgleichen ist, auch sich gedemütigt fühlen.“
„Wie wahr!“ sagte er erstickt, „das ist meine Art zu denken; Sie lehren sie mich erst richtig kennen.“
„Man kann nicht oft so zu einem Menschen sprechen. Nehmen Sie diese Hand, mein Freund!“
Der Advokat entfernte die seine vom Augenwinkel, den er gedrückt hatte.
„Ich danke Ihnen für Ihre Worte, Fräulein Flora Garlinda, und ich darf behaupten, daß ich sie verdiene.“
Er hob ihre Hand zwischen den seinen auf und ließ sie nachdrücklich wieder hinunter.
„Sie tun mir weh, Herr Advokat.“
„O Verzeihung!“ — und er sank tief zusammen, um ihre Fingerspitzen zu küssen. Darauf trat er mit einer großen Gebärde beiseite. Sie ging vorüber, den Kopf schief, mit einem leisen, unbestimmbaren Lächeln aus dem Profil.
„Eine so große Künstlerin“, murmelte er unter dem Schauer, womit seine eigene Ritterlichkeit ihn überzog.
„Sie, Herr Advokat, wären einer größeren würdig“, sagte Flora Garlinda und gelangte mit einem letzten, rascheren Schritt über die Schwelle.
„Da sind sie,“ sagte Nello Gennari, „ich will sie holen.“
Er verließ hastig den Tisch, tat, als trachtete er auf dem Umwege um mehrere Gruppen mit der Primadonna und ihrem Begleiter zusammenzutreffen, verfehlte sie aber und schlüpfte plötzlich selbst in den Rathaushof.
„Würde man glauben,“ — und der Apotheker Acquistapace lächelte, vor Bewunderung starr, in die Runde, „daß dort eine so große Künstlerin kommt?“
Der Herr Giocondi entgegnete und verzog diskret die Lippe:
„Tatsache ist, daß sie mit aufgestecktem Haar nach nichts aussieht.“
„Sie hat eine schöne Hand“, meinte der junge Savezzo und zeigte die eigene umher mit allen ihren abgerissenen Nägeln. Italia erklärte rasch noch:
„Wenn man immer die vier Finger in der Mitte teilt, wird jede Hand schön.“
Dabei lächelte sie schon für die Ankommende. Von der andern Seite traf Camuzzi ein, schlank und elegant in einem neuen Herbstmantel mit enger Taille. Savezzo musterte ihn mit düster leidender Miene und sagte dem Sekretär voraus, daß er schwitzen und sich erkälten werde. Der Advokat lobte vielmehr Camuzzi, weil er dem einheimischen Handwerk zu verdienen gebe. Polli stellte fest:
„Tatsache ist, daß wir alle — kurz, wir haben uns verändert. Entweder irre ich mich, oder sogar dein Bruder, Advokat —“ und er nickte nach dem Nebentisch, wo Galileo Belotti und der Baron Torroni mit den Pächtern eine lärmende Unterhaltung führten: „ja doch, er hat eine andere als seine Arbeitshose an.“
„Und was die Frauen betrifft“, begann der Leutnant Cantinelli. Der Advokat unterbrach ihn:
„Und warum haben wir uns verändert, meine Herren? Weil wir durch unser Theater endlich ein wenig Bewegung in die Stadt bekommen haben. Daher Ihr neuer Mantel, Herr Camuzzi, mit dem Sie selbst für meine Ansicht kämpfen; daher die neue Blüte unseres öffentlichen Lebens!“
Er rundete die Arme, als wollte er den weiß beleuchteten, vollen und schwatzenden Platz damit umfangen.
„Nie sah man so viele Frauen mit Hüten!“ rief der Apotheker.
„Freilich sagen die beiden Fräulein Pernici,“ begann der Leutnant wieder, „daß einige Hüte nicht von ihnen bezogen und darum nicht schön seien.“
Jeder nannte, ohne den andern zu hören, die Frau, die ihm am besten angezogen schien. Hinter den Bürgern, an der Mauer, fragte Flora Garlinda den Kapellmeister:
„Und Sie, Maestro? Denken Sie an Ihren Ruhm, den die ‚Glocke des Volkes‘ verbreiten wird? Denn Sie haben es so einzurichten gewußt, daß neben Ihnen wir andern heute abend ganz verschwanden.“
Und er, mit weichem Lächeln:
„Ich bitte Sie um Verzeihung, wenn ich Ihnen gegen meinen Willen weh getan habe. Ich weiß nicht, was andere denken, was andere fühlen: für mich hat es heute nur eine gegeben, nur eine, bei der Schönheit und Größe waren. Flora Garlinda, die falsche Scham sollte uns nicht hindern, die Wahrheit zu sagen . . .“
Seine blauen Augen glänzten feucht in seinem rosig bewölkten Gesicht. Sie musterte ihn kalt.
„Es war ein großer Abend“, stammelte er. „Vielleicht waren wir alle nur dazu da, Sie noch größer zu machen. Aber auch ich habe gelebt heute abend, und ich danke allen dafür —“
Mit einer zitternden Geste:
„Allen.“
Sie sah, die Mundwinkel gesenkt, düster weg.
„Auch noch danken“, murmelte sie. „Ich hasse alle, weil ich sie nicht einfach verachten kann. Ich hasse sie, und ich — liebe sie. Vielleicht möchte ich, daß sie mir zujubeln und daran ersticken. Danken? Bilden Sie sich ein, daß, was geschieht, um Ihren Dank geschieht? Fühlen Sie nicht, wie alles böse und gefährlich ist?“
Sie zuckte die Achseln und drehte ihm den Rücken.
„Den schönsten Hut“ — und der Advokat verbeugte sich mit Wucht nach dem Tisch zur Linken, „ah! nur Frau Aida Paradisi hat ihn.“
Die beiden Töchter lugten unter der weiten schwarzen Spitzenwolke hervor, die über dem Haupte der Mutter schwebte, und auch der Kaufmann Mancafede zeigte sich darunter. Er erhob ein Glas Punsch und schlug vor, die Tische zusammenzurücken. Es geschah; und sogleich fragten die Damen nach dem Tenor Nello Gennari. Man suchte ihn vergeblich.
„Aber ist es zu glauben,“ sagte der Advokat, „daß dort hinten eine Nonne umherstreicht? Nach Mitternacht noch sind diese heiligen Unterröcke unterwegs! Sollte man nicht der kirchlichen Behörde einen Wink geben?“
„Er ist so zart, der arme junge Mensch“ — Mama Paradisi wand sich nach allen Seiten, um ihrer Stimme den delikatesten Fall zu geben. „Sein Unwohlsein von vorhin wird er noch spüren; und vielleicht verträgt er auch die Nachtluft nicht.“
Der junge Savezzo verfolgte unter gewulsteten Brauen den Zipfel einer weißen Flügelhaube, der aus dem Schatten des Bogenganges hervorhuschte und wieder darin verschwand.Wie der schöne Alfò mit Kaffeegeschirr vorüberlief, hielt Savezzo ihn an.
„Alfò,“ raunte er, „man nimmt dir die Alba weg.“
Der Sohn des Caféwirtes lächelte glücklich.
„Die schöne Alba, ich werde sie heiraten.“
„Bist du so gewiß, daß sie dich liebt?“
„Warum kommt sie sonst täglich zur Messe? Nur um hier vorüberzugehen und mich anzusehen.“
„Aber seit einer Woche kommt sie nicht mehr.“
„Sie kommt nicht mehr,“ — und die Augen des jungen Mannes strahlten vor Eitelkeit — „weil sie mit mir schmollt; denn das letztemal habe ich versäumt, sie anzusehen, weil ich den Wein aufwischte, den der Schlächter Cimabue verschüttet hatte. Im Mai aber bin ich zwanzig Jahre alt und heirate sie, sie mag ruhig sein.“
„Alfò, man verführt dir die Alba. Es ist der jüngste der Komödianten, jener Tenor, der sie dir verführt.“
Alfò schüttelte glucksend den Kopf.
„Du glaubst mir nicht?“ sagte der Savezzo. „Ich habe es gesehen. Der Komödiant ist heute in Ohnmacht gefallen, weil er alle Nächte, verstehst du, dort draußen verbringt.“
Das Lächeln des schönen Alfò ward nachdenklich. Plötzlich fletschte er die Zähne.
„Wo ist der Komödiant?“ — und er griff unter schnarchenden Lauten in die Hosentasche. Der Savezzo zog ihm die Hand heraus.
„Wenn er da wäre, hätte ich nicht mit dir gesprochen; denn ich will nicht, daß ein Unglück geschieht. Auch kann ich mich irren. Vielleicht hat er sie noch nicht verführt, deine Alba. Nötigenfalls werde ich dich warnen, ja, ich werde dir die beiden zeigen. Aber du mußt versprechen, vernünftig zu sein.“
Der schöne Alfò lächelte wieder vollkommen glücklich.
„Wie sie mich liebt, die Alba!“
Ein Jubelgeschrei erhob sich. Über allen Häuptern erschien in den Händen des Gevatters Achille ein Tablett mit drei Flaschen Asti. Unbemerkt hatte der Apotheker sie bestellt. Der Herr Giocondi ließ sich von ihm einschenken und erklärte:
„Da deine Frau dich nicht mit Asti empfangen wird, ist es gut, wir trinken ihn jetzt.“
„Welch glänzendes Leben wir führen!“ rief der Advokat. „Wer das alles noch vor acht Tagen vorhergesagt hätte! Auf taghell erleuchtetem Platz stoßen wir mit schönen, prachtvoll geschmückten Frauen an, und um uns her bewegt sich eine Gesellschaft, auf die manche bedeutende Stadt stolz wäre. Unsere alten Monumente sehen sich mit Staunen verjüngt durch die Wogen des Verkehrs, die sie umfluten; das Blut pulst heftig in den Adern unserer Stadt; und wehe dem —“
Er stieß den Arm nach dem Dom aus.
„— der es wagen wollte, den Fortschritt aufzuhalten.“
Auch die andern waren in diesem festlichen Augenblick der Zuversicht, daß Don Taddeo den Eimer werde herausgeben müssen. Camuzzi allein äußerte Zweifel. Der Mittelstand sei unzufrieden, er drohe die Reihen der klerikalen Opposition zu verstärken. In all dem Glanz erweitere sich, setzte der Sekretär hinzu, ein dunkler Fleck. Niemand hörte auf ihn; der Apotheker schwenkte sein Glas vor der Primadonna.
„Es lebe die ‚Arme Tonietta‘! Ich glaubte immer, solch einen Tag würde ich nicht wieder sehen; denn dies ist ein Tag wie zu Zeiten Garibaldis. Der Advokat hat recht: wir sind hier in einer kleinen Stadt, aber was für große Dinge erleben wir!“
Man trank einander zu; man trank den Pächtern nebenan zu. Galileo Belotti und der Baron Torroni kamen mit ihren Gläsern und forderten die Damen auf, auch ihnen und ihrerGesellschaft die Ehre eines Besuches zu geben. Italia war eben dabei, dem Apotheker zu schwören, daß sie keinen Fuß in die Unterpräfektur setzen werde. Galileo zog sie, unter Kratzfüßen, am Arm. Sie folgte; aber bei jedem Schritt kitzelte sie mit den Augen den Apotheker, der sich rötete.
Der Kapellmeister bemerkte plötzlich, daß zu seiner Linken der Cavaliere Giordano mit hängender Lippe und Falten auf der Brust teilnahmslos hinausstarrte. Er mußte den Alten anstoßen, damit er aufhorchte.
„Ihre Leistung war schön, Cavaliere,“ sagte er warm; „sie war ergreifend: ich danke Ihnen.“
Der alte Sänger bewegte mit einem müde spottenden Lächeln die Hand.
„Ich hätte es nicht tun sollen“, sagte er.
„Aber Sie sind ein großer Künstler!“ sagte der Kapellmeister erschreckend. „Wenn es Abende gibt, an denen Sie sich nicht ganz auf Ihrer gewohnten Höhe fühlen —“
Der berühmte Tenor legte ihm die Hand auf den Arm.
„Sie sind ein guter junger Mann, Dorlenghi; Sie haben Mitleid mit mir. Glauben Sie aber nicht, daß ich zu jeder Stunde in Unwissenheit darüber bin, wie es mit mir steht! Morgen werde ich zweifellos mich dieser Worte nicht mehr erinnern und wieder auftreten. Was kann man tun.“
Der Kapellmeister sah auf seine Knie; er wagte nicht zu atmen. Der Cavaliere Giordano hob mehrmals die Schultern; dann griff er nach seinem Glas. Als es leer war, richtete er sich auf und lachte gewaltsam.
„Ich rede Dummheiten: Sie werden es bemerkt haben, Maestro, und sie hoffentlich vergessen. Wie Sie selbst wissen, hat man schlechte Abende, und ich hatte sie schon vor dreißig Jahren. Was beweist das? Und selbst wenn man sich eine Zeitlang zum Singen nicht disponiert fühlt, bleibt man darumetwa nicht Mann? Gewisse Frauenblicke geben mir zu verstehen, daß ich noch heute einem Jüngeren gefährlich werden könnte. Sie machen große Augen, Maestro: Sie haben Grund dazu.“
„Was für eine Frechheit!“ schrie der Apotheker mit einem mächtigen Schlag zwischen die Gläser. „Dieser Bauernlümmel untersteht sich, das Fräulein Italia auf den Hals zu küssen!“
„Was denn, Bauernlümmel!“ keifte Galileo Belotti und trat ihm watschelnd entgegen. „Versteht sich, wir sind weder Gecken noch Schwätzer, aber wir haben Fäuste, wir!“
Seine ländlichen Freunde bestätigten dies.
„Wir werden sehen!“ rief der Apotheker und stapfte auf seinem Holzbein der feindlichen Schlachtreihe entgegen . . .
Der Cavaliere Giordano kicherte.
„Sie sollten sich hüten, Maestro. Ihre kleine Rina: ich bin ihr in diesen Tagen öfter begegnet, und es ist nicht sicher —. Sie hat mir gestanden, daß Sie sie vernachlässigen, und versteht sich, daß ich mich daran gemacht habe, sie zu trösten. Das Kind ist schüchtern; dennoch scheint es, daß die Liebe zu mir im Werden ist; und wenn nun Sie, Dorlenghi —“
Ein Krach: mehrere Stühle waren umgefallen, und Galileo Belotti kugelte sich, vom Apotheker hingestreckt, im Staube. Die Pächter drangen auf den alten Krieger ein. Er brüllte, während er um sich stieß, vor Wut, denn einer von ihnen lud dort hinten Italia, die kreischte, auf seinen Wagen! Der Baron Torroni kam, vom Wein brandrot, dazwischen: sie gehöre ihm, er sei ein Herr.
„Was denn Herr“, keifte Galileo Belotti zwischen den Beinen der Kämpfenden hervor.
„Seht ihr nicht? Das ist der Conte Tancredi mit der ‚Armen Tonietta‘!“ keuchte der Advokat in den Lärm. Alle Bürgerhatten die Arme in der Luft und feuerten den Apotheker an. Mama Paradisi flüchtete kreischend mit ihren Töchtern; der Gemeindesekretär brachte seinen neuen Mantel in Sicherheit; in weitem Umkreise zogen sich die nächtlichen Spaziergänger zurück; die streitenden Pächter benutzten die Gelegenheit, ohne Zahlung zu verschwinden; — da ging, festen Schrittes und eine Hand in der Hosentasche, der Bariton Gaddi auf die beiden Bewerber Italias los, stieß den Edelmann und den Bauern vor die Brust, daß sie hintenüber in den Wagen fielen, und hieb auf das Pferd ein. Dann führte er, ohne sich umzusehen, Italia, die in die Hände weinte, durch die Gasse der Hühnerlucia von dannen.
„Lassen Sie doch jene Leute!“ — und der Cavaliere Giordano stieß den Kapellmeister an. „Unsere Angelegenheit ist wichtiger. Die Kleine würde mich gewiß lieben, wenn Sie, Dorlenghi —“
Der Alte murmelte etwas dazwischen; durch das Pergament seiner Wangen drang ein wenig Rot, schön rund und kirschenfarben, wie frisch geschminkt.
„— wenn Sie ihr sagen wollten, daß sie — frei ist, daß sie sich ohne Furcht, die arme Kleine, ihrer Neigung zu mir hingeben darf.“
Er schielte angstvoll auf den jungen Mann hinunter, der die Lider nicht aufschlug und stumm schluckte. Plötzlich stand der Kapellmeister auf, drückte dem Sänger, immer ohne ihn anzusehen, die Hand und entfernte sich schnell.
„Welch häßlicher Zwischenfall,“ sagte der Advokat Belotti; „wir werden uns hüten, der ‚Glocke des Volkes‘ darüber zu berichten. Solche Dinge, sagen wir nur die Wahrheit! — können in jeder Stadt vorkommen. Überall gibt es immer noch schlecht erzogene Leute; um so schlimmer, wenn man in seiner eigenen Familie —“
„Ich habe so gut gelacht,“ sagte Flora Garlinda; „es war so unterhaltend.“
„Wie? Aber man hat die Achtung vor Ihrem Geschlecht verletzt!“
Sie warf die Lippe auf.
„Ich freue mich, wenn ich es sehe. Ich selbst verlange nicht darum Achtung, weil ich eine Frau bin, und ich hasse die Weiber.“
„Aber es war gefährlich! Jene Bauern tragen Messer!“
„Warum haben sie sie nicht gezogen? Wie unterhaltend es gewesen wäre! Wozu nützen alle diese Leute! Was können sie? Sie hätten einander einmal stechen sollen, das wäre das beste gewesen, was sie je getan hätten.“
Die Mienen des Advokaten, des Tabakhändlers und des Herrn Giocondi trugen entsetzte Mißbilligung. Gleichzeitig rafften alle drei sich zurecht, griffen nach den Gläsern und stießen sie auf dem Tisch zusammen.
„Auf die Gesundheit!“ sagten sie kräftig.
Während sie tranken, erlosch die Bogenlampe; — und plötzlich, wie aus dem Schatten geboren, stand auf dem leeren Platz inmitten des seltsam scharfen Geplätschers vom Brunnen ein kleiner Uralter und zog mit einer klapprigen Verbeugung seinen randlosen Hut von fern vor dem Cavaliere Giordano — und dann noch einmal vor Flora Garlinda. In einem wankenden Tänzeln näherte er sich; sein winziges Gesicht lächelte aus allen Runzeln, die glanzlosen Augen versuchten eine stumpfe Schelmerei; — und wie er beim Tisch anlangte, legte er die Hand aufs Herz und öffnete, ohne daß ein Laut entstand, einen weiten, dunklen Mund, der das Gesicht zu verschlingen schien. Der Advokat bemerkte, wie die Primadonna zurückschrak, und wendete sich um.
„Ah! da ist Brabrà. Keine Furcht: es ist ein harmloserVerrückter, seit dreißig Jahren ernährt ihn der Herr Nardini in Villascura. Man hat nie erfahren, wie er zu uns geraten ist. Sage den Herrschaften deinen Namen, Brabrà! Denn Sie müssen wissen, daß dies der einzige Laut ist, den er je von sich gibt. Sage Brabrà!“
Statt dessen kam aus dem gereckten Hals, woran lange, schlaffe Sehnenstränge schaukelten, ein feiner Fistelton: ein Ton, wie von einem Kinde, das schwärmt und singen möchte.
„Was fällt ihm ein“, sagte der Advokat. „So hat er noch nie getan. Was will er?“
„Auch ich —“ sagte eine erloschene Stimme; und der kleine Greis tastete sich immerfort, mit Fingern aus lauter schwarzen Hautringen, über Brust und Hals. „Auch ich —“
Polli vermutete:
„Er war im Theater: das scheint ihm geschadet zu haben.“
„Ah!“ machte der Advokat; und in der Erinnerung an das Benehmen des Verrückten, der die Huldigung der Menge von ihm abgelenkt und, als parodierte er ihn, das Volk gegrüßt hatte, ließ er ihn streng an:
„Was tatest du im Theater, Brabrà?“
„Theater!“ — und der Greis zuckte auf. Mit den Fingern am Hals: „Auch ich . . . Theater . . .“
Der Cavaliere Giordano erkannte:
„Er will sagen, der arme Teufel, daß er früher einmal gespielt hat. Wie hießest du denn damals, mein Freund?“ fragte er mit Wohlwollen und großer Überlegenheit. Der Uralte schloß die Lider, erhob tastend die Hand; und alle seine Runzeln, die Faltensäcke, zwischen denen der Mund verschwand, sein ganzes eingeschrumpftes Gesicht stand angstvoll still. Auf einmal öffnete es sich, begann zu arbeiten, den Augen entstieg eine schwache Flamme, und der Mund kam herauf, um zu sagen:
„Der Montereali.“
Der Cavaliere Giordano lehnte sich zurück.
„Der Montereali — es ist lange, daß ich den Namen nicht mehr gehört habe. Der Montereali“, erklärte er dem Advokaten, „war, als ich anfing, nicht mehr auf der Höhe, aber man sagte, daß er große Zeiten gehabt habe. Seit mehr als dreißig Jahren ist er tot.“
„Der Montereali“, wiederholte der Uralte und deutete sich zitternd auf die Brust.
„Auf was für Dinge die Verrückten verfallen!“ bemerkte der Advokat. Der Herr Giocondi sagte:
„Er ist gut aufgelegt. Bravo, Brabrà!“
Der zahnlose Mund stand wieder schwarz offen. Der Cavaliere Giordano legte die Hand ans Ohr.
„Er singt etwas: ja, eine Melodie, die ich — vielleicht — gekannt habe. Welche Oper war doch das? Welche — Oper —“
Plötzlich hörte man Flora Garlinda laut auflachen. Alle fuhren herum: sie lag mit den Armen auf dem Tisch und schrie gellend. Ihr schmaler Körper ward geschüttelt, aus dem bläulichen Gesicht traten die Adern. Man versuchte umsonst, ihre Finger vom Rande des Tisches loszumachen: ihr Blick, voll der Verlassenheit einer nie gesehenen Angst, schreckte die Helfer zurück, und sie lachte . . . Wie der Advokat sich die Stirne trocknete, erschien in der Gasse der Hühnerlucia der Schneider Chiaralunzi.
„Das Fräulein ist nicht nach Hause gekommen“, sagte er. „Wo ist denn das Fräulein Flora Gar —“
Da stockte sein Schritt, die Farbe verließ sein Gesicht, seine großen Hände schlotterten.
„Ich habe ihre Stimme nicht erkannt“, sagte er. „Wie ist das möglich?“
Kaum berührte er ihre Hände, und sie lösten sich. Sie ließsich von ihm aufheben; er führte und trug sie, und dabei wiederholte er:
„Das Fräulein verzeihe die Freiheit, die ich mir nehme.“
Polli, Giocondi und der Advokat sahen einander an.
„Teufel, man weiß nie, mit diesen Künstlern. Sie scheinen in bester Laune, und dann auf einmal machen sie solche Sachen . . . Es wird vielleicht besser sein, nicht darüber zu reden? Wer weiß, was die Leute vermuten, wenn man dabei war . . . Hoffen wir nur, daß sie niemand aufgeweckt hat . . . Das ist sicher: die Unsichtbare hat einen guten Abend gehabt . . . Freund Acquistapace ist längst bei seiner Frau: er wird seine schwere Stunde überstanden haben . . . Gute Nacht, Cavaliere. Sie bleiben also sitzen? Es ist ein Uhr. Ah! wer wie diese Künstler am Morgen schlafen könnte.“
Der Advokat kehrte nochmals um; er stellte sich dem kleinen Uralten gegenüber, der nun wieder allein inmitten des Platzes sein Grüßen und Lächeln übte, und sprach zu ihm mild, aber bestimmt:
„Das nächste Mal, Brabrà, wirst du dir eine Art Verrücktheit aussuchen, die den Leuten weniger auf die Nerven geht. Auch die Verrücktheit, Brabrà, läßt sich regeln und organisieren. Du hast heute abend einen häßlichen Epilog an ein schönes bürgerliches Fest gehängt. Aber die Tatsache, daß du verrückt bist, bedenke dies wohl, Brabrà, gibt dir noch nicht das Recht, ein schlechter Bürger zu sein.“
Da der Uralte, als sei nichts geschehen, weiterdienerte, verlor der Advokat die Geduld, nahm ihn beim Kragen und beförderte auch ihn in die Gasse der Hühnerlucia.
Der Gevatter Achille kam aus seiner Tür, um dem Cavaliere Giordano am vereinsamten Tisch gute Nacht zu wünschen und ihn um Verzeihung zu bitten, wenn er jetzt sein Lokalschließe. Der Platz lag dunkel und leer. In seinem tiefsten Schatten, am Hause des Kaufmannes Mancafede, regte ein halboffener Fensterladen sich, zitterte ein wenig und begann sich zu senken. Aber dahinten aus der Nacht des Rathaushofes kam ein Schritt: — und der Laden am Hause Mancafede blieb stehen.
Nello Gennari hielt, den Kopf gesenkt, unter dem Torbogen an: da flüsterte etwas Weißes, das fortflatterte:
„Ihr sollt sogleich ins Theater zurückkehren und —“
Er hörte nicht mehr. Eine kleine Nonne wendete sich nach ihm um, sie lief noch einmal ganz nahe vorüber.
„— und singen. Man wird Euch hören.“
„Die Äbtissin?“ fragte er und langte nach der Erscheinung. Aber sie flog schon die Treppengasse hinan. Er lief hinterdrein, die Arme erhoben. Die Füße schienen ihm in Erde einzusinken, und doch hieß es nun in den Himmel folgen! Er merkte nicht, daß er über lagernde Ziegen fiel. Die Zähne klapperten ihm, er dachte wirr: „Alba ist gekommen, sie wartet auf mich. Werde ich sterben müssen, wenn ich singe: ‚Die kostbare Nacht‘? Sie kostet vielleicht das Leben, die kostbare Nacht. Die Äbtissin entscheidet nun. Wie immer du entscheidest: Alba, ich bin dein!“
Der Satz über die letzten Stufen fühlte sich an wie ein Flug. Er sah sich auf der weiten Terrasse vor dem Palast; die Nonne war fort. „Habe ich geträumt? Wie sollte zu dieser Stunde Alba herkommen; was weiß sie von mir? Jemand verhöhnt mich.“ Da drückte er die Augen zu und stürzte hinein.
Die Gänge waren nicht ganz dunkel; und zwei Kerzen in Laternen an den Kulissen sandten eine schwachrote Bahn zwischen den getürmten Schatten von Saal und Bühne, die Rampe entlang. Nello Gennari betrat, die Hände um dieSchläfen, in zwei stürzenden Schritten die Bühne und schüttelte sich ganz. Die Töne versagten ihm, sein Atem flog. Er zügelte ihn, um hervorzubringen:
„Die Nacht wollen wir genießen, sie kostet vielleicht das Leben, die kostbare Nacht!“
Er gelangte, stockenden Schrittes, bis in die Lichtbahn vor der Rampe und erhob, die Handflächen hingewendet wie ein zum Sterben Bereiteter, den Blick. Das Dunkel droben war undurchdringlich. Zwischen ihren beiden schlanken Säulchen deuchte ihm jene Loge dort, die dritte rechts, schwärzer als alle: eine Galerie von Nächten, hindurchgeleitet durch Rätsel voll Grauen und voll Entzücken.
Er wiederholte, den Kopf in den Nacken gebogen: „Die kostbare Nacht“; und wie er die letzte Note aushielt, fühlte er eine Hand an der Kehle. Sie würgte ihn, weich und stark. „Die Äbtissin“, dachte er und schloß die Augen. „Sie ist es, ich sterbe . . . Und soll dich nicht sehen, Alba?“ Als er aber die Lider voneinander löste, entschwebten droben der Finsternis zwei kleine weiße Hände, die lautlos applaudierten. „Das ist das Glück: jetzt weiß ich, daß es mir bestimmt ist!“ — und Nello sank auf die Knie.
Kniend sang er: „Sieh, Geliebte, unser umblühtes Haus heißt uns blühen!“ — und fühlte die Töne seiner Brust entströmen, wie die unerschöpflichen Fluten des Glücks. Das Ohr geneigt, erwartete er den Einsatz seiner Partnerin. „Ihre Stimme! Ihre Stimme!“ Da fielen auf seine Hände Blumen. Gleich darauf ging eine Tür. Er sprang auf, stürzte hinaus und erreichte die Treppe früh genug, um sie zu versperren. Leichte Schritte liefen ganz oben ein paar Stufen herab, wieder zurück, und enteilten. Er war hinterher. Um eine Ecke flatterte eine Rockfalte. Unter der Tür eines Zimmers erkannte er die dunkel fliehende Gestalt. Dort hinten,wo eine lange Galerie in Schatten zusammenfiel, spreizte eine unsicher schimmernde Hand sich beschwörend rückwärts. Durch die himmelhohen Fenster eines Saales warf sich, zwischen zwei Wolken, die es überjagten, ein kleines angstvolles Sternenlicht auf einen eingesunkenen Thron, zersprungene Bilder und ein weißes Profil, das dahingleitend in einem Schrei ohne Laut den Mund aufriß. Den Augen des Verfolgers entstürzten Tränen; vor Tränen sah er die nicht, die dicht vor ihm laut atmete, strauchelte, ein Fenster aufriß. Er blieb stehen, er erhob langsam die gefalteten Hände. Seine Augen, die sich entschleierten, trafen den Schatten unter ihren Brauen. Einander gegenüber, schwiegen sie und blieben reglos. Sie hielt die Arme über die Gitterschranke des bis zum Boden offenen Fensters gebreitet. Der Umriß ihres Kopfes zerging in dunkler Luft. Ein Wasser rauschte, vom Felsen hinter ihr, in große Tiefe.
Aus einer jagenden Wolke glitt wieder jener Sternenschein, da sagte Alba:
„Du hast geweint.“
„Denn ich mußte dich ängstigen“, sagte Nello. „Aber wenn ich jetzt nicht bis zu dir drang, wars aus. Verstehst du, was das heißt?“
„Ich weiß alles.“
„Alba!“
Sogleich riß er den Fuß wieder zurück: ihr Nacken lag weit draußen, sie rief:
„Rühre mich nicht an!“
Schaudernde Stille; — und dann, unmerklich zuerst, sank sie nach vorn, seinen Armen entgegen.
Es schlug vier.
„Wir müssen fort“, sagte Alba. „Zwei Stunden noch, und wir kommen nicht mehr ungesehen über den Platz.“
„Zwei Stunden noch“, sagte Nello. „Bleibe doch, bleibe! Du hast mich so lange warten lassen auf diese Stunde.“
Und beim nächsten Glockenschlag, der sie aufschreckte:
„Fünf Uhr! O Nello, ich bin verloren.“
„Laß mich in den Abgrund springen, und du bist gerettet!“
Er lehnte sich schon hinaus; sie hängte sich an ihn.
„O Nello, du liebst mich nicht!“
Sie schloß die Augen. Als sie sie öffnete:
„Ich bin bereit. Wir werden über den Platz gehen und uns zeigen.“
„Alba! verzeih mir. Warum nicht hier bleiben bis zur Nacht? Wir wären so glücklich! In der Nacht trage ich selbst dich fort, ich verspreche es dir.“
„Es geht nicht, man würde mich vermissen. Jetzt müssen wir durch das Kloster und den Berg hinab nach Villascura. Komm, deine Hand, mein Geliebter!“
Am Tor des Klosters:
„Um halb sechs wird eine der Schwestern öffnen: wird es Amica sein? Amica ist die Tochter unseres Gärtners, sie war zu Hause meine Dienerin und sollte es nun hier sein.“
Alba sah das Tor des Klosters an und schlug die Augen nieder.
„Als um Mitternacht alle in der Kirche beteten, hat Amica sich fortgeschlichen, um dir zu sagen, daß ich dich erwartete. Wird heute die Pförtnerin Amica sein?“
Sie war es. Wie sie ihr folgten, mit heimlichem Händedruck:
„Sind wir nicht zu glücklich? Wie groß muß einst das Mißgeschick sein, das unser Glück endet.“
„Rasch durch den Garten!“ flüsterte Alba. „Wenn man hier einen Mann sähe — und mit mir! . . . Gottlob, der Baumgang schützt uns . . . Jetzt hinab. O fürchte nicht für mich! Es sieht steil aus wie eine Mauer, aber ich weiß Stufen, und vielleicht weiß nur ich sie. Dies ist ein vergessener Weg. Die Stufen sind zerfallen: gib acht! Hier unterbricht eine Schlucht sie, aber ich finde sie wieder. Deine Hand, mein Geliebter!“
„Alba, an deiner Hand ist Blut. Ich sehe es kaum im Zwielicht, aber meine Lippen schmecken es . . . Wir sind in einer Höhle aus großen Steinen. Willst du nicht rasten? Dein Mund, meine Geliebte!“
„Wir müssen weiter. Werde ich das Haus offen finden? Wirst du entkommen? . . . Gleich haben wir die Terrasse erreicht. Die Tür auf der Terrasse steht offen. Jetzt soll es also sein?“
„Jetzt soll es also sein? Noch einmal, bevor ich dich nicht mehr sehe, deine Augen, Alba!“
„Nein! ich kanns nicht. Wir steigen nicht weiter hinab. Jenes Gebüsch verdeckt einen Vorsprung des Felsens; es steht eine Bank dort.“
Auf seiner Brust:
„Wie oft, o Nello, habe ich mich, als ich Kind war, an dieser Stelle vor den andern versteckt, vor Gespielinnen, die mich holen wollten. Ich fühlte mich von ihnen verschieden. Wenn sie später vom Heiraten sprachen, dachte ich: ‚Mein Gatte wird also größer sein, als die euren alle‘ . . . Nun gehöre ich dir; und das scheint mir noch seltsamer, furchtbarer und süßer, als wenn ich Christus gehörte.“
„Du machst mir beklommen, Alba. Denn ich, ach, ich bin wie alle. Wir sind so viele in Verona, die das Singen lernen und durch das Land ziehen. Ich bin arm. Glücklich war ich, wenn ich vier Monate im Jahr singen durfte für wenig Geld. Dieübrige Zeit sah ich den Himmel an und ließ das Leben vergehen. Was aber geschieht mir, seit ich dich liebe!“
Sie löste sich von ihm, richtete sich auf, sah gerade aus. Ihr bleiches Profil, die Nase zierlich und scharf gebogen, das Kinn in gerade Schatten gefaßt, erblickte er im düstern Glanz des Auges geschliffen wie einen Dolch.
„Wirst du mich immer lieben?“ fragte sie und sah ihn an. Er drückte die Lider zu, betastete das Herz, als schmerzte es, und schüttelte heftig den Kopf.
„Immer.“
„Sage mir, welche Frauen du vor mir geliebt hast!“
„Keine! keine! Ich schwöre es dir. Ich weiß von keiner andern Frau, ich werde von keiner wissen. Alba, wie ich dich liebe!“
„Nello, wie ich leide!“
„Auch du?“
„Und wie wir glücklich sind!“
Sie saßen sich zugewandt, die Knie verschränkt, die Hände eines jeden gespreizt auf dem Rücken des andern, und atmeten einander, aus tödlich gespannten Gesichtern, leise keuchend in die halboffenen Münder.
„Um Vergebung!“ wisperte es; und immer durchdringender:
„Um Vergebung!“
Aufseufzend ließen sie sich los. Drunten auf der Terrasse tanzte der Barbier Nonoggi, zwei Finger preßte er unter schwindelnden Grimassen ans Herz, auf die Lippen und wieder aufs Herz.
„Ich wollte, da ich gerade dem Herrn Nardini den Bart gemacht habe, die Herrschaften nur warnen, weil Gefahr droht. Meine Absichten sind die redlichsten, und niemand kann schweigen wie ich. Sogleich aber wird der Advokat Belotti hier sein,und Sie wissen wohl, daß er das böseste Klatschmaul der Stadt ist . . . Nicht dorthin! Gehen Sie das Haus entlang, nach dem Wasserfall. Sie werden zufrieden sein mit meinem Rat, — und wenn ich Ihnen sonst mit etwas dienen kann: ich habe Parfümerien, Zöpfe, Fächer . . .“
Sie klommen, und riefen einander leise Mut zu, ein Stück hinan, um den Abstieg nach dem dunkelsten Flügel des Hauses zu finden, wo der Wasserfall vorbeischnellte. Sie liefen hinab: unversehens war der Berg nach innen gekrümmt; Steine rollten in die Höhlung; unter ihren Füßen schwankte es. Sie wagten sich nicht mehr zu rühren. Der Staub des niederschießenden Wassers sprühte sie an. Da zischelte es von der ebenen Erde her:
„Vorsicht! Wir sind nicht allein.“
Der Advokat Belotti machte drunten einen Kraßfuß; er rundete die Hände um den Mund.
„Auf mich können Sie sich verlassen, wie Sie wohl wissen; aber das Unglück will, daß der Barbier Nonoggi in der Nähe ist, der die böseste Zunge von allen hat. Fliehen Sie!“
Da sie regungslos hinuntersahen:
„Wie? Sie werden mir doch nicht mißtrauen? Ich bin, wie gewöhnlich, der Eier wegen da, und zum Beweise kann ich Ihnen sagen, daß sie heute um zwei Soldi teurer sind.“
Dabei begann er, sich hinten ein langes Netz herauszuwickeln.
Plötzlich krachte der Boden und sprang ihnen fort. Der Busch vor ihnen ward von steiniger Erde hinuntergerissen.
„Halten Sie sich an jener Pinie!“ rief der Advokat. Aber sie griffen nicht um sich: sie faßten nur nach einander. Die Arme einer um des andern Schulter, stürzten sie.
Nello öffnete die Augen und tastete nach Alba. Sie glitt von ihm herab; dann richtete auch er sich auf; sie sahen sich um.Droben über dem Wasserfall, beim Elektrizitätswerk, standen Arbeiter und bogen sich vor Lachen auf ihre Knie. Unten lehnte der Advokat Belotti breitbeinig hintenüber und schmunzelte fett. Der Barbier Nonoggi lief, die Hand vor dem Munde, davon. Alba und Nello stiegen, und bei jedem Schritt betrachteten sie einander ernst, auf den Weg hinab.
„Der Herr Nardini kommt“, zischelte der Advokat, — und sie flüchteten das Haus entlang, über die Terrasse, in die Tiefe des Gartens und das Dunkel des Zypressenganges. Auf einer begrünten Bank sanken sie einander an die Brust.
„Hat nicht vor langer Zeit eine Uhr geschlagen: viele Schläge?“ fragte Alba. „Ich hörte sie wohl, aber mir war, es sei nicht wirklich und es gelte nicht. Nun werde ich gehen müssen.“
„. . . O Himmel! Die Stunde des Essens ist versäumt, der Großvater wird mich suchen, was tun? . . . Mein Geliebter, tritt in die große Brunnennische an der Bergwand. Der Knabe und das Mädchen auf dem Brunnenrand blasen einander nur einen schwachen Strahl ins Gesicht; sie werden dich nicht naß machen, wenn du hinter den hohen Pflanzen in der Nische stehst.“
„Ich kenne sie. Wie oft habe ich darin gestanden, wenn Schritte durch den Garten kamen. Aber nie, o Alba, waren es deine!“
„Hinter der Terrassentür stand ich und sah dich. Ich habe dich meine Fußspuren küssen gesehen, Schöner, der du bist.“
Sie hielt an, um sein Gesicht mit ihren Händen zu umrahmen.
„Alba, dein Haar! Als ich es zuerst sah, glänzte es darin rot wie Kupfer. Jetzt ist es ganz schwarz.“
„Es war niemals wie Kupfer. Möchtest du, daß es schöner wäre?“
„Du bist eine Hexe! Ich fürchte mich vor dir.“
Da bemerkten sie, daß sie ganz nahe beim Hause standen. Sie riß sich los; er entwich in den Schatten.
Er hatte kaum das Versteck erreicht, da kehrte sie zurück. Er stürmte ihr entgegen; sie erwartete ihn mit einem flammenden Lächeln; und um ihn aufzufangen, knickte sie ein wenig ins Knie und schnellte wieder auf, wie beim Kommen und beim Sturz einer großen Welle.
„Der Großvater ist gleich nach dem Essen fortgegangen; wir sind allein und frei. Begreifst du es? Begreifst du es?“
„Ah! Wir können uns also auf die Bank bei den Blumen setzen.“
„Die Hyazinthen duften so süß, daß man sterben möchte“, sagte Alba.
„Ich brauche mich nicht mehr hinter euch zu verstecken“, rief er den beiden Figuren auf dem Brunnenbecken zu. „Ihr könnt gehen!“
Er warf dem Knaben einen Stein in den Mund. Der Wasserstrahl brach ab. Ein Schrei.
„Er hat sich nach uns umgesehen! Sie hat geschrien! O Nello, was tust du, wir werden Unglück haben.“
„Du, Alba, hast geschrien: du,“ — und er schloß ihre angsterfüllten Augen an seiner Brust. Ihre Hand erhob sich, weiß langend, nach seinem Kopf; er drückte den Mund in ihre Schulter; und durchtränkt mit dem beißenden, schmerzlich berauschenden Geruch ihres feuchten, halb wahnsinnigen Körpers, erschrak er, weil er hatte spielen können.
Sie begann zu sprechen.
„Sonst, wenn ich am Abend aus der Kirche kam und in unserem schwarzen Hause ein Fenster hell sah, dachte ich: wie lange wird mein Großvater sein Licht noch anzünden, dann brennt meins dort oben, in dem Hause auf der Bergkuppe.Es war mir befreundet, ich nickte ihm zu. Jetzt — sieh hinauf, ich kann es nicht —, hat es nicht eine furchtbare Gestalt? Will es mich nicht töten?“
Bauchig und grau in den Felsenrand gekrallt, mit krummschnabeligem Dach und zwei böse blinkenden Fenstern daran, hockte das Kloster in der Höhe wie ein Raubvogel, der den Fang abpaßt.
„Es will mich nur noch tot. Im Leben habe ich einzig dich. Was soll aus mir werden, wenn du mich verläßt? Noch niemals wußte ich, was es heißt, allein zu sein: jetzt ahnt mirs.“
Er griff fester um sie, die der Schauder schüttelte.
„Nie, nie verlaß ich dich!“
Sie legte das Gesicht nach oben, bewegte es langsam und stark hin und her, und große Tränen stockten auf ihren Wangen.
„Es ist unmöglich, daß du mich liebst, wie ich dich.“
Sie machte sich los, sie tat, die Hände vor den Augen, zwei wankende Schritte in den Schatten hinein.
„Wir sollten sterben“, sagte sie. „Schon jetzt.“
„Da sind Blumen,“ sagte er, „ein weicher Teppich. Wenn wir heute nacht darauf einschliefen?“
„Du willst? Du liebst mich also?“
„Wir würden tun, was die Tonietta und ihr Piero nicht taten“, setzte er hinzu und lächelte stolz.
„Wer sind die?“
„Berühmte Liebende. Werden auch wir einst berühmt sein?“
„Ich will dich singen hören, ich will dich wieder singen hören!“ und sie hängte sich, zitternd, an seine Schulter. „Nello! das ganze Leben für deine Stimme. Meine ist schwach, ich kann nicht sagen, wie ich liebe. Du kannst es!“
„Die Probe!“ rief Nello. „Der Maestro war nicht zufrieden mit mir, und heute abend soll ich vor dir singen! Denn du wirst kommen: sage, daß du kommen wirst!“
„Da du es willst . . . Ich werde über den Berg zurücksteigen. Vom Kloster führt ein Gang ins Schloß, Amica wird mich begleiten. Werde ich mich bis vor die Tür der Loge wagen, deren Schlüssel der alte Corvi mir heimlich verkauft hat, und die Lichter, die Menge, das Fest des Saales wie eine Glorie um dich her sehen, mein Geliebter?“
„Ich fühle, daß ich zum erstenmal gut singen werde. Komm mit mir, gleich jetzt! Solange ich dich habe, bin ich mir solcher Kraft bewußt, als wäre ich ein Held.“
„Ich gehe mit! Die Straße ist leer, es ist heiß, — und kämen auch Leute; was wissen sie? Was können sie gegen uns?“
„Was können sie gegen uns!“
Ein Ebereschenbaum flammte im blauen Himmel. Alba lief hin; — da schrie sie laut auf: eine große Schlange lag, quer über der Straße, schwarz im Staube. Nello hob einen Stein auf; und da Alba ihn zurückhielt:
„O laß! Was kann mir geschehen: mir, den du liebst.“
Er ging, und holte schon zum Schlage aus, rasch auf die Schlange los. Seine Hand zuckte schon: da sah er am Halse der Schlange Blut. Sie war tot! Im selben Augenblick flog der Stein. Alba lief herbei.
„Du hast mich geängstigt, Böser. Wie tapfer du bist! Ein Held, mein Geliebter ist ein Held!“
Sie küßte ihm die Hand. Er entzog sie ihr und stöhnte.
„Was hast du, mein Nello?“
„Dieses Tier ist widerwärtiger tot als lebend. Steige nicht darüber weg, Alba. Kehre um, ich sehe Leute. Kommst du ins Theater? O komm! Ich werde singen können heute abend, und vielleicht kann ich nur das?“
Er ging, den Kopf gesenkt zwischen den heraufgezogenen Schultern, allein weiter.
„Ich habe Alba belogen! . . . Aber ich hielt die Schlange, alsich zuschlug, für lebend. Habe ich Alba also belogen? Ich bin nicht feige. Wie sie mich liebt! Wie wir uns lieben! Sterben wäre nichts . . .“
Der Platz war noch unbelebt; vor dem Café las Gaddi eine Zeitung.
„Auch du kommst umsonst!“ rief er ihm entgegen. „Die Probe ist abgesagt. Der Maestro hält lieber eine Probe für seine Messe ab. Versteht sich: der Maestro Viviani ist ihm weniger wichtig als der Maestro Dorlenghi.“
„O Virginio!“ — und Nello preßte die Hand des Freundes, als wollte er sie zermalmen: „Wie wir uns lieben!“
„Gemacht? Meinen Glückwunsch. Da es ein reiches Mädchen ist, wirst du dich nun nicht sträuben, sie zu heiraten. Ohnedies lese ich da gerade von dem Bankrott der dramatischen Gesellschaft Valle-Bonisardi, von der ich mich fast hätte engagieren lassen.“
Nello lachte, klar wie Gold.
„Du weißt ja nicht: ich singe ihr vor, ihr ganz allein. Ah! du weißt nicht: ich habe eine Schlange getötet, die daran war, sie zu beißen.“
Er strich sich das Haar zurück, seine Brust dehnte sich, ein kraftvolles Lächeln ging durch seine Züge. Gaddi betrachtete ihn.
„Ich leugne nicht, daß du aussiehst wie ein Gott. Aber man kann nicht alle Tage Schlangen töten; und auch das Singen ist eigentlich keine Beschäftigung für das ganze Leben.“
Das Lächeln des Glücklichen erlosch auf einmal; er ließ ein bleiches, abgespanntes Gesicht auf die Brust sinken.
„Was ist fürs ganze Leben“, murmelte er. „Wenn ich umkehrte und zurückginge, gleich jetzt, gleich jetzt: bin ich denn sicher, sie noch zu finden, noch die Liebende zu finden, die ich erst eben verließ? War nicht alles ein heftiger Traum?“
Da Gaddi ehern lachte:
„Ich bin verrückt, wie? Sage mir, daß ich einfach verrückt bin!“ — und er stimmte ein. In den Fenstern ihres Hauses keuchte Mama Paradisi: „Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus“; eine ihrer Töchter schrie blechern über den Platz das Gebet der Tonietta, indes die andere brummte: „Ich habe ein Recht auf eure Weiber, ich bin der Herr.“
„Und meine Frau!“ sagte der Barbier Nonoggi, der herbeihüpfte. „Sie singt schon, seit sie aufgewacht ist: ‚Welche Erlösung, nicht mehr von Liebe zu wissen‘, und doch erinnere ich mich nur zu gut, daß sie noch diese Nacht davon gewußt hat.“
Nello schüttelte sich. Die Herren Polli und Giocondi trafen ein und klopften dringend auf den Tisch.
„Einen Vermouth, Gevatter Achille, der Tag wird heiß werden. Siehst du, wie hoch es bei der Konkurrenz hergeht?“
Der Wirt des Cafés „zum Fortschritt“ hob seine schweren runden Schultern.
„Eine Konkurrenz nennt ihr das? Habt ihr, die ihr doch schon fünfzig Jahre in der Stadt seid, schon je gewußt, daß hinter dem Vorsprung des Hauses Mancafede noch ein Café steckt? Das Café ‚zum heiligen Agapitus‘: ich habe erst heute meinen Alfò hinübergeschickt, um zu sehen, wie es heißt.“
Und er spie aus. Trotz seiner Verachtung atmete er kürzer als sonst und hatte die Stuhllehne nötig, um seinen Bauch zu stützen.
„Das Café ‚zum heiligen Agapitus‘!“ rief Nello hell. „Bekommt man dort Weihwasser zu trinken?“
„Wie viel Geist der Herr hat!“ sagte der Gevatter Achille und kicherte. Nonoggi zog einen Zopf aus der Brust.
„Sie sind ein glücklicher Mann, Herr Nello Gennari. Da habe ich alles, was Sie wünschen. Auch Fächer sind da.“
Nello lachte, ohne zu hören.
„Das hindert nicht,“ erklärte Polli, „daß sie schon jetzt dort drüben zu Haufen sitzen, und der Freund Giovaccone fängt erst an, seine Tische auf den Platz hinauszustellen. Der ganze Mittelstand ist in Aufruhr: man sollte es nicht glauben, wegen der leeren Loge!“
„Und es scheint, daß sie sich mit Don Taddeo verbünden“, setzte der Herr Giocondi hinzu.
„Für Sie!“ kreischte Nonoggi. „Alles für den Herrn Nello! Und wenn Sie meinen Laden beehren —“
Er zerrte den jungen Mann am Arm.
„— werden Sie ein hochelegantes Necessaire finden, wie es für einen Mann in Ihrer Lage paßt.“
Nello wehrte ab. Er sah sich leuchtend um. Wie alles belustigend war!
„Ah! dieser Don Taddeo!“ — und Polli verschränkte die Arme. „Es scheint, er will den Entscheidungskampf.“
„Ein Demagoge,“ rief Giocondi, „der heute früh bei der Predigt das Volk aufwiegelt gegen die Herren! Sie waren nicht in der Kirche, Herr Gaddi? Auch ich setze keinen Fuß mehr in die Bude. Ist es etwa erlaubt, dem Volke zu predigen, es solle das Theater demolieren?“
Der Barbier riß eine Hälfte seines Gesichtes schwindelnd hoch.
„Was höre ich, Herr Nello? Sie wollen nichts kaufen? Wissen Sie denn, was das heißt? Es heißt, daß Sie mich ruinieren! Denn habe ich nicht alle diese feinen Waren nur für Sie kommen lassen und auf Ihren ausdrücklichen Wunsch?“
„Das Theater demolieren!“ rief Nello und warf den Zopf in die Luft.
„Wir werden zuerst das Café ‚zum heiligen Agapitus‘ demolieren“, sagte der Gevatter Achille. „Es ist längst baufällig.“
„Ich bin ruiniert!“ kreischte Nonoggi und rannte einem Jungen nach, der mit dem Zopf davonlief.
Polli nickte ernst.
„In einem hat der Priester nicht unrecht: die guten Sitten sind bei uns sichtlich im Schwinden begriffen. Man weiß nicht, wen er mit der großen Babel gemeint hat, die er so viele Male verflucht hat . . .“
„Die große gelbe Choristin wird er gemeint haben“, schlug Giocondi vor und stieß Polli vor den Magen.
„Man muß zugeben,“ erklärte der Gevatter Achille, „als ich heute früh meinen Laden aufmachte, fand ich auf dem Sofa ein Liebespaar, das bei mir die Nacht verbracht hatte.“
„Auch ich habe eins überrascht“, sagte der Tabakhändler, „auf meiner Treppe, wie ich heimkam.“
Giocondi erhob die Handfläche gegen ihn.
„Fange nicht davon an! In meiner Gasse: — ich versichere euch, daß man darauf tritt. Und ich spreche noch nicht vom Hof des Rathauses, wo es so dunkel ist.“
Sie platzten aus; sie mußten sich auf die Knie stützen.
In diesem Augenblick kam der kleine Uralte vorbei, vor sich hinlächelnd, mit einem dünnen Trällern.
„Brabrà!“ schrie der Herr Giocondi. „Auch er war unterwegs heute nacht, und ich bürge euch dafür, daß er manches zu sehen bekommen hat. Noch immer amüsiert er sich darüber.“ Der Barbier tanzte vor Nello umher; er verzog den Mund zum Weinen.
„Sie werden begreifen, mein Herr: ich habe eine Familie zu ernähren, und wenn der Herr darauf besteht, mich zu ruinieren, dann bleibt mir nur übrig, allen Leuten zu sagen, was ich weiß . . .“
Dabei hielt er an und spähte dem jungen Mann von unten in die Augen. Die Frauen sahen aus den Fenstern: Nellostand, die Hände auf den Hüften, und lachte, daß es wie Gesang klang. Die andern lachten mit.
„Und der Advokat!“ brachte Polli hervor. „Man weiß wohl, warum er an diesem wichtigen Tage noch nicht auf dem Platz ist. Er hat die ganze Zeit in seinem Studierzimmer zu tun. Er sitzt, weil es warm ist, in Unterhosen an seinem Schreibtisch und empfängt die kleinen Choristinnen, die um einen Vorschuß bitten . . .“
„Ah! ihr Schweinigel, was singt ihr da?“ rief donnernd der Gevatter Achille.
„Sie wird vielleicht das Leben kosten, die kostbare Nacht“, sang die Rotte von Buben, aber mit veränderten Worten, und marschierte im Eilschritt vorbei. Nello Gennari folgte ihnen lachend um den Platz. Vor dem Hause des Kaufmannes Mancafede riß es ihn zurück: im ersten Stock hatte ein Fensterladen sich bewegt; und Nello stand, sein letztes Lachen noch im Halse, blinzelte scheu und hatte eine lange, ermattete Miene.
„Die Unsichtbare! Ich hatte sie vergessen, sie aber hat mich immer im Auge behalten. Sie kennt meine Schritte, sie weiß auch, wohin ich den letzten tun werde. Wohin? Wohin?“ — und er richtete einen leidenschaftlichen Blick auf die Dunkelheit zwischen den Brettern des Ladens. Gleich darauf, den Hals abgewendet, die Hand gespreizt:
„Nein! Nichts sagen! Lieber sterben, wenn es sein müßte: sterben, ohne zu wissen . . . Aber sterben?“
Er verschränkte die Arme, senkte das Gesicht auf sie, und ein Schauder durchlief ihn heftig.
„Albas Hände nicht länger um meinen Kopf spüren, noch den Geruch ihrer feuchten Haut je wieder einatmen; ihr Lächeln, dies weiße Feuer, nie mehr brennen fühlen . . . Ich hätte gestern sterben sollen: gestern war es zu ertragen . . . Welche Angst, wie viele Gefahren! Und ich konnte lachen? Nonoggihat mir gedroht; ich verstand es nicht; mir war, er triebe seine Späße dort ganz unten, irgendwo am Boden. Jetzt sehe ich die grausame List in seinen blutigen Augen. Ich muß zu ihm, ich kaufe alles, was er will!“
Aber wie er herumfuhr, stand in der Ladentür der Kaufmann und lächelte bedeutsam. Er wußte alles, — da seine Tochter alles wußte! Das Schicksal beschwichtigen! Sich Frist erkaufen!
„Hätten Sie nicht, mein Herr —“ stammelte Nello. „Hätten Sie nicht —“
Mancafede rieb sich die Hände.
„Ich hätte einen Posten rotes Flanell, sehr geeignet für dramatische Künstler. Auch Stoff für Herbstanzüge hätte ich. Aber überstürzen Sie nicht Ihre Wahl, Herr Nello Gennari. Wenn ich meinen Laden am Sonntag schlösse, würde ich ihn doch für einen Kunden wie Sie wieder öffnen.“
„Dieser Anzug gefällt mir; aber er wird für mich zu teuer sein.“
Der Kaufmann fiel ein:
„Ich schicke ihn Ihnen — und werde mich hüten, einen Kunden von Ihrer Bedeutung, mein Herr, wegen der Bezahlung zu drängen. Ich weiß zu gut, daß man an Ihnen nichts verliert. Auch diesen Anzug vielleicht, der Ihnen bezaubernd stehen würde, oder diesen, an dem die Liebe jeder Frau sich weiden muß?“
„Wie Sie wollen“, murmelte Nello.
„Also beide. Gut, mein Herr, Sie werden bedient werden. Dafür bekommen Sie den roten Flanell zu einem Ausnahmepreis,“ — und auf den grauen Wangen des Kaufmannes zeigte sich etwas wie ein Widerschein seines roten Flanells.
„Zu welchem Preis also?“ fragte Nello ergeben. Mancafede antwortete nicht; er dienerte in der Tür. Darauf entschuldigteer sich. Sein altes Hasenprofil lächelte zahm und schlau.
„Eine Kundin ging vorüber, mein Herr: nichts als eine Kundin.“
Und indes Nello über die großkarierten Stoffe gebeugt stand, fiel die Matratze der Domtür hinter Alba zu.
Die Kirche war ganz leer. Alba strich den Schleier von den Augen, sah, leise keuchend, umher wie nach Verfolgern und sank in der nächsten Bank auf die Knie. Sie legte die Stirn in die Hände. Als die kalte Luft ihren heißen Nacken wollüstig erschauern machte, zog sie das Tuch darüber. Ihre Schultern zuckten, ihre Stirn preßte, als würde sie immer schwerer, die schmerzenden Hände gegen das harte Holz. Mit einem Ruck richtete sie sich auf, betrachtete diese Hände, betrachtete den See von Tränen, den ihre beiden Augen auf der Bank zurückgelassen hatten, und schüttelte langsam den Kopf . . . Ein Geräusch in der Vorhalle: Alba flüchtete in den Schatten eines Beichtstuhles.
Sie glitt hervor, stahl sich bis hinter die Nonne, die vor der Kapelle des heiligen Agapitus kniete, und tastete leise nach ihrem Saum: tastete und stockte. Die Hand fuhr zurück, angstvoll um den Hals, woraus ein Schluchzen brechen wollte. Die Augen heiß auf der im Frieden Anbetenden, schlich Alba rückwärts davon in das Dunkel.
Die Nonne war fort. Weite Stille: — aber der lange gelbe Vorhang des letzten Fensters dort hinten bewegte sich; etwas Schwarzes raschelte herab; und unter der Türöffnung zur Seite des Hochaltars erschien Don Taddeo. Er beugte die Schultern, worauf Kalk lag; wie gebrochen ging er; sein entzündeter Blick irrte durch das Schiff. Wie unversehens Alba hervortrat, erschrak er, daß seine Soutane schlotterte. Beiihrer bittenden Gebärde nach dem Beichtstuhl wich er jäh aus und zog, als sei ihm übel, das Gesicht zusammen. Sie legte die Finger aneinander und führte ihre Spitzen an die Lippen. So ging sie, die erweiterten Augen geradaus, vorüber. Auf der Schwelle zögerte sie, wandte sich um nach ihm: ihre Blicke fielen ineinander, unmerklich nickten ihre Lider sich zu. Der Priester schloß seine. Er strich mit der Linken über sie hinab; die Rechte stieß er unsicher in die Luft; mit großen, flatternden Schritten erreichte er die Sakristei.
Alba, auf der Schwelle, stand atemlos . . . Endlich senkte sie die Schultern mit Kraft, ließ über die Augen den Schleier und hob von der Tür die Matratze auf, die den Lärm des Platzes erstickt hatte.
Eine Frau mit dem Spitzentuch auf den Haaren, eine Fremde, streckte draußen soeben die Hand aus. Alba reichte ihr die Matratze, — und Italia neigte sich, um mit großen, neugierigen Tieraugen hinter der verhüllt Fliehenden dreinzuschauen.
„Hier kommen Sie nicht durch, Fräulein“, sagte die Magd Felicetta; denn den Dom entlang staute sich quer über den Platz ein Haufe Frauen, die Kinder hinaufhoben und durcheinander riefen.
„Obwohl ich bei keinem der Herren mehr diene, sondern beim Bäcker Crepalini, der mit den Herren Krieg führt, gebe ich Ihnen doch einen Rat, Fräulein, denn Sie haben Mitleid mit den armen Leuten. Steigen Sie also vom Corso die Gassen hinunter und kommen Sie beim Rathaus wieder herauf. So werden Sie keine Unannehmlichkeiten haben. Denn der Platz ist voll von Männern, die sich schlagen wollen. Sehen Sie meinen Herrn, den Bäcker, vor dem Café des Freundes Giovaccone sitzen? Die Seinen sind zahlreich, und er hat einengewissen roten Kopf, den ich kenne. Wehe dem Advokaten Belotti! Er wird nicht mehr lange das Wort führen drüben beim Gevatter Achille.“
Frau Nonoggi und die Frau des Schusters Malagodi schrieen einstimmig:
„Seht die Gottlosen! Sie sind die Feinde des Don Taddeo, und sie wollen ihm den Eimer nehmen.“
Das Gebell des Bäckers drang durch.
„Ah! die Herren wollen uns die Schlüssel zu den Logen nicht verkaufen, dafür werden sie den Schlüssel zum Eimer nie zu sehen bekommen.“
Er begann sogleich von vorn:
„Ah! die Herren wollen uns —“
Der Advokat Belotti keuchte seinerseits etwas herüber, immer dasselbe, das niemand verstand; aber man sah die Herren drüben höhnisch lachen.
„Pappappapp“, machte sein Bruder Galileo am Tisch des Bäckers.
Plötzlich kreischte aus ihrem Fenster die Frau des Apothekers Acquistapace und schüttelte die Faust:
„Ah! Lügner, ah! Verräter, er sagt, Don Taddeo habe den Eimer verkauft, an einen Amerikaner habe er ihn verkauft.“
Vor dem Café „zum heiligen Agapitus“ war sogleich alles auf den Beinen; alle Fäuste waren in der Luft. Die Frauen vor dem Dom zeterten.
„Der Advokat wird recht haben“, schrie vor dem Rathaus aus Leibeskräften der Barbier Bonometti, und er stieß in der Schar von Männern den alten kleinen Beamten Dotti an.
„Schreit mit! Der Advokat wird recht haben mit dem Eimer. Er enthüllt die Intrigen der Sakristei. Er ist ein großer Mann, der Advokat!“
Die Beamten schrien:
„Es lebe der Advokat!“
Der dicke alte Corvi setzte hinzu:
„Er ist ein großer Mann, der Advokat, denn er wird mir die Stelle bei der öffentlichen Wage geben.“
„Hat er uns nicht das Waschhaus erbaut?“ fragten die Mägde Fania und Nanà die Frau des Schusters. „Es lebe der Advokat!“
Die kleinen Choristinnen riefen im Gedränge der Weiber:
„Und er gibt Vorschüsse, soviel man will! Er lebe!“
Der Advokat winkte seinen Anhängern mit dem Hut; er sagte zu den Herren um ihn:
„Die braven Leute! Bei solcher Gesinnung eines Volkes ist es nicht zweifelhaft, wer recht behält: die Widersetzlichkeit, verbündet mit der Reaktion, oder die Ordnung, die eins ist mit der Freiheit.“
„Immer die großen Worte“, murmelte der Gemeindesekretär. „Wer weiß, auf welcher Seite hier die Freiheit ist. Freiheit ist nicht dasselbe wie Zügellosigkeit.“
„Beabsichtigen Sie eine persönliche Anspielung, Herr Camuzzi?“ fragte der Advokat. „Dann erfahren Sie, daß ich mich eines Lebens, das frei von Heuchelei ist, nicht schäme. Ich weiß mich einer ruhmreichen Tradition verbunden. Offenbar ist Ihnen unbekannt, mein Herr, von welchen Müttern wir stammen. An der Stelle unserer Stadt hat ein Heiligtum der Venus gestanden, mein Herr.“