Der deutsche Verlagsbuchhandel und sein Anteil an der Litteratur der Gegenwart.
Die Cotta, Goeschen, Brockhaus und wie die bedeutenden Buchhändler alle heißen, sind tot, und an Stelle der großen, von weitausschauenden, scharf ausgeprägten Persönlichkeiten getragenen Verlagsgeschäfte, die bestimmenden Einfluß auf die Litteratur ausübten, sind zwar nicht minder große, aber desto unpersönlichere Aktiengesellschaften getreten, die zum weitaus größten Teil den litterarischen Markt beherrschen. Für diese Geschäfte handelt es sich nicht so sehr um die Förderung des Schrifttums durch den Verlag guter Litteratur, sondern in erster Linie um die Erzielung hoher Dividenden, zu deren Erhalt weniger Wert auf die litterarische Bedeutung eines Buches, als auf seine Gangbarkeit zu legen ist. Gerade das Fehlen jedes persönlichen Moments und das ausschließliche Werten eines Werkes nach seiner Absatzfähigkeit, für die ein Anhalt in dem Namen des Autors, hin und wieder auch in dem behandelten Stoffe oder einer momentan herrschenden Strömung liegt, läßt fast alle großen Verlagsfirmen aus einem großen Aufsatz scheiden, der von der Anteilnahme des Verlagsbuchhandels an unserem modernen Schrifttum sprechen soll. Nichtsdestoweniger stehen diese Firmen in erster Reihe, nicht zuletzt durch die großen mit einem enormen Kapitalaufwandgegründeten Familienblätter, durch die sie auf die Geschmacksrichtung und das Urteil des großen Publikums den bedeutendsten Einfluß ausüben. »Über Land und Meer«, »Buch für Alle«, »Zur guten Stunde«, »Moderne Kunst«, »Daheim«, »Gartenlaube«, »Vom Fels zum Meer«, »Für alle Welt« u. s. w. sind Unternehmungen, die das Lesebedürfnis von Hunderttausenden befriedigen, neben den Tagesblättern den größten Teil der litterarischen Produktion an sich reißen und den Wünschen ihres Publikums entsprechend beeinflussen und zustutzen.
Der Buchverlag ist für den Schriftsteller wie für den Verleger in den meisten Fällen nicht mehr lohnend genug und der vom Ertrage seiner Feder lebende Autor gezwungen, Konzessionen zu machen, sein künstlerisches Gewissen auszuschalten und das zu produzieren, was der Moloch, das große Publikum, am liebsten verschlingt: leicht verdauliche Unterhaltungsware. Gerade in der letzten Zeit sind aus den Kreisen der Schriftsteller Stimmen laut geworden, die auf den verderblichen Einfluß hinwiesen, dem ihre eigene Produktion unterworfen ist, seit man sie in die Zwangsjacke der Familienlitteratur gesteckt hat. Das Publikum hat an diesen Zuständen sicher mehr Schuld als die Verleger und Redaktionen der Zeitschriften, die nicht mit dem gebildeten Geschmack einer kleinen Gemeinde, sondern mit dem rechnen müssen, was Hunderttausenden gefällt. Um keine Abonnenten zu verlieren und sie der Konkurrenz in die Arme zu treiben, müssen sie, deren Unternehmungen auf Massenabsatz angewiesen sind, geben, was das große Publikum verlangt, müssen – im Gegensatz zu der Aufgabe eines wahren Familienblattes – verzichten, bildend und veredelnd auf den Geschmack des Volkes zuwirken. Was immer auf dem Gebiete der Litteratur bezw. der Ästhetik seit der politischen Wiedergeburt Deutschlands geleistet wurde: das große Publikum ist davon unberührt geblieben; ja es betrachtet noch heute die Litteratur nicht anders als eine angenehme Spielerei für müßige Stunden. Nur die eine Forderung: die nach mehr Wirklichkeitssinn, nach einer stärkeren Betonung des Lebens und seine Erscheinungen in der Litteratur hat – vielleicht mehr unbewußt, mehr vom Leben und seinen Forderungen selbst beeinflußt – auch im Publikum Anerkennung gefunden. In Bezug auf künstlerisches Verständnis sind keinerlei Fortschritte zu verzeichnen und die Existenzbedingungen des Buchhandels, in dem sich immer mehr eine rein kaufmännische Auffassung des Berufes geltend macht, sind nicht derart, um sich den Luxus gestatten zu können, in künstlerischer Hinsicht erzieherisch auf das Publikum zu wirken.
Der deutsche Buchhandel früherer Zeiten hat für Litteratur und Wissenschaft viel gethan und manches Werk, das weder die Unterstützung einer Regierung, noch einer Akademie oder eines Instituts gefunden hat, verdankt ihm allein sein Erscheinen. Nicht aus Liebe zum Geld, sondern aus Liebe zur Litteratur und Wissenschaft wurden Werke publiziert, für die kein Kaufmann, kein Geschäftsmann eine Hand gerührt hätte. So schrieb noch 1839 ein Gelehrter: »Der deutsche Buchhandel hat von jeher bewiesen, daß er seine eigentümliche Stellung in den nachbarlichen Grenzen der Intelligenz und Industrie zu würdigen wisse. Man prüfe die neuesten Kataloge und entscheide dann, ob jener ehrenhafte Grundsatz: einen Teil des Gewinnes, den die Muse dem häuslichen Altar beschieden, der Muse selber zu opfern, nicht bis auf unsere Zeit herab sich fortgesetzthabe.« Der Anteil, den der Verlagsbuchhandel an dem Wachstum unserer Litteratur, insonderheit an der deutschen Wissenschaft hat, ist sicher ein nicht geringer, aber er ist in den letzten Jahren, seitdem das Großkapital seinen Einzug im Buchhandel gehalten hat, bedeutend zurückgegangen. Die Aktionäre unserer großen Verlagsanstalten legen auf hohe Dividenden bei weitem mehr Gewicht als auf den Ruhmestitel Förderer der Litteratur und Kunst zu sein. Wirft man heute einen Blick in Kataloge, so wird man bei näherem Zusehen finden, daß das litterarische Interesse dem merkantilen gewichen ist, daß alljährlich Tausende von Schriften erscheinen, die nicht in der Absicht, eine Bereicherung unserer Litteratur, sondern eine solche des verlegerischen Geldbeutels herbeizuführen, publiziert wurden. War früher das jüdische Element hauptsächlich im Antiquariats- und Ramschbuchhandel thätig, so hat es sich in neuerer Zeit in hervorragender Weise des Verlagsbuchhhandels als Spekulationsobjekt bemächtigt, und neben angesehenen Firmen, die sich in jüdischen Händen befinden, ist eine ganze Reihe jüdischer Verleger aufgetaucht, die das Buch als Ware ausschließlich als Ware ansieht und demgemäß behandelt. Daß die Litteratur der Neuzeit so wenig Förderung seitens des Buchhandels findet, hat nicht sowohl seinen Grund in der materialistischen Anschauung, die in dem Buche nur ein Handelsobjekt sieht, aus dem so viel als möglich Kapital zu schlagen ist, sondern zum guten Teil auch in dem Mangel an Urteil, der viele Verleger von heutzutage nur nach dem greifen läßt, was sich durch einen klangvollen Namen oder eine hübsche Etikette auszeichnet. Andere wieder sind so im Banne der Moderne, daß sie sich für jedes Werk begeistern,das modern um jeden Preis, selbst um den des guten Geschmacks, erscheinen will, mag es künstlerisch auch noch so unbedeutend sein. An dieser Verständnislosigkeit in künstlerischen Fragen ist nicht zuletzt die Stellung schuld, auf die im Laufe der Zeit die Litteraturblätter und die Revuen mit litterarischem Anstrich herabgedrückt worden sind.
Union, Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, und Bong & Co., Berlin, werden, was die Höhe des Umsatzes anbetrifft, an die Spitze des Verlagsbuchhandels gestellt werden müssen, obwohl der Schwerpunkt dieser Geschäfte weniger im Buch- als im Zeitschriften-Verlag zu suchen ist. Der Hauptaktionär der Union, in der der große Spemann'sche Verlag mit den Kürschner'schen Unternehmungen aufging, ist Geheimrat Kröner, der Inhaber, bezw. Mitinhaber von A. G. Liebeskind, der J. G. Cottaschen Buchhandlung, Ernst Keil's Nachf., Leipzig u. a. Fast ebenbürtig steht der Union das ehemalige Hallberger'sche Geschäft, jetzt Deutsche Verlagsanstalt, gegenüber, das im verflossenen Jahre sein 50jähriges Jubiläum feiern konnte. Der aus diesem Anlaß herausgegebene Katalog umfaßt ca. 250 Seiten und giebt ein anschauliches Bild von dem Wachstum und der Bedeutung dieses Geschäfts, das sich allerdings in den letzten Jahren – namentlich seit Gründung der Zeitschrift »Aus fremden Zungen« – vorzugsweise der Übersetzungslitteratur zugewandt hat, so daß es wenig Autoren von Klang und Namen, gleichviel ob Engländer, Franzosen, Italiener, Spanier, Russen oder Schweden, giebt, die nicht mit einem oder mehreren Werken in der Deutschen Verlagsanstalt vertreten sind. Als bedeutendster Konkurrentdes Zeitschriftenverlags der Union und Deutschen Verlagsanstalt, bezw. der Zeitschriften: »Vom Fels zum Meer«, »Buch für Alle« und »Über Land und Meer« trat Ende der 80er Jahre Richard Bong auf, ein Mann, der sich aus kleinen Verhältnissen emporarbeitend, »der Leiter höchste Staffel rasch erstieg« und in den Zeitschriften »Moderne Kunst«, »Zur guten Stunde« und »Für Alle Welt« Unternehmungen schuf, in denen er besonderes Gewicht auf den Farbendruck legte, mit dem er erfolgreich gegen den Holzschnitt der Stuttgarter Blätter zu Felde zog. Ob und inwieweit geschäftliche Manipulationen, insbesondere die höhere Rabattierung seiner Zeitschriften zu diesem Erfolge beitrugen, dürfte an dieser Stelle wenig interessieren. Der Buchverlag der Firma – meist Romane, die in ihren Zeitschriften zum Abdruck gelangten – ist ohne besonderes charakteristisches Gepräge.
Das alte Verlagsgeschäft von F. A. Brockhaus, Leipzig, hat sich in den letzten Jahren neben der Pflege des Konversationslexikons, das jetzt in 14. bezw. 15. Auflage vorliegt, fast ausschließlich auf das Gebiet der Reisebeschreibungen geworfen. Den Reisen Stanleys und Wißmanns in Afrika folgten Nansens »In Nacht und Eis«, Landors »Auf verbotenen Wegen in Tibet« und neuerdings die Reisen Sven Hedins in Asien, alles Werke, die eine ungeahnte Verbreitung erlangten. Vom Buchverlag fast ganz zurückgezogen hat sich die Firma Breitkopf & Härtel, Leipzig, die den Schwerpunkt ihres Geschäftes auf den Musikverlag legte. Dagegen entwickelt das Bibliographische Institut, Leipzig, eine fast unheimliche Rührigkeit. Seine Spezialität liegt in den Sammelwerken, an deren Spitze Meyers Konversationslexikon steht; ihmschließen sich umfangreiche Publikationen an, wie die Klassiker-Ausgaben, Meyers Volksbücher, Sprachführer, Reisebücher, Allgemeine Naturkunde, Allgemeine Länderkunde, Sammlung illustrierter Litteraturgeschichten, Bilder-Atlanten zur Geographie und Naturgeschichte u. s. w., meist Unternehmen, die der Initiative der Geschäftsinhaber entsprungen sind. Die erwähnten Meyer'schen Volksbücher, die erst neuerdings wieder von sich reden machen, haben nicht entfernt die Bedeutung der Reclam'schen Universalbibliothek erlangt, von der jetzt mehr als 4000 Bändchen vorliegen: sie bilden den Grundstock des Verlags von Philipp Reclam jr., Leipzig, der mit ihnen in die Reihe der ersten Verleger trat. Überraschend kam den Meisten der vor einigen Jahren erfolgte Ankauf der Familienzeitschrift »Universum«, durch Reclam, die er seither zu einer Blüte geführt hat, die sie im früheren Hauschild'schen Verlage nicht erreichen konnte. Den 20 Pfennig-Heften Reclams und den 10 Pfennig-Volksbüchern Meyers stellte Otto Hendel, Halle, seine Bibliothek der WeltlitteraturàHeft 25 Pfennig gegenüber, die, obwohl in größerem Format und besserer Ausstattung, dem Unternehmen Reclams doch kaum wesentlichen Abbruch machen konnte.
Weder Otto Hendel, Halle, noch Hermann Hillgers Verlag, Berlin, den ich hier nur nenne, da auch er oder richtiger Professor Kürschner, nach dem Muster der Reclam-Bändchen einen »Bücherschatz« herausgegeben hat, der wenigstens numerisch schon zu großer Entwickelung gelangt ist, gehören an diese Stelle, die vielmehr den großen wissenschaftlichen oder belletristischen Verlagsanstalten zukommt. Von den letzteren sind hier zu nennen: J. G. Cotta'sche Buchhandlung, Nachf., Stuttgart, die Verlegerinder »Gedanken und Erinnerungen des Fürsten Bismarck«, die Sudermann, Fulda, Wilbrandt u. a. zu ihren Autoren zählt und auch wissenschaftliche, besonders historische Werke auf den Markt bringt. Der Hauch der Klassizität, der den alten Verlag noch aus der Goethe- und Schillerzeit umwehte, hat sich allerdings sehr verflüchtigt: er befaßt sich nur noch mit Werken, die »gehen«. Ein ähnliches Urteil läßt sich über den ehemaligen Stuttgarter G. J. Goeschen'schen Verlag fällen, mit dem die Dichterfürsten gleichfalls in Verbindung standen und der in den letzten Jahren, besonders seit seiner Übersiedelung nach Leipzig, sich mehr »praktischen« Verlagsbestrebungen (Sammlung Goeschen u. s. w.) zugewandt hat. – Auf praktischem Gebiet bewegt sich jetzt auch, abgesehen von dem Verlage der »Illustrierten Zeitung« und der Pflege des Holzschnitts, J. J. Weber, Leipzig (Katechismen u. s. w.).
Von großen wissenschaftlichen Verlagshäusern, die sich besonderen Spezialitäten zugewandt haben, verdienen genannt zu werden: B. G. Teubner, Leipzig (Pädagogik, altklassische Sprachwissenschaft), Weidmann'sche Buchhandlung, Berlin (Klassische Philologie, Pädagogik, Litteraturgeschichte, Rechtswissenschaft), Paul Parey, Berlin (Landwirtschaft, Gartenbau), Mittler & Sohn, Berlin (Militärwissenschaften), Wilhelm Engelmann, Leipzig (Naturwissenschaften), Friedrich Vieweg & Sohn, Braunschweig (Physik, Chemie, Mathematik), Hirschwald'sche Buchhandlung, Berlin (Medizin), J. C. B. Mohr, Tübingen (Protestantische Theologie, Rechtswissenschaft, Geschichte, Philosophie), Duncker & Humblot, Leipzig (Socialwissenschaft, Geschichte, Rechtswissenschaft, Naturwissenschaft), Gustav Fischer, Jena (Medizin, Socialwissenschaft, Rechtswissenschaft), JuliusSpringer, Berlin (Pharmazeutik, Forst- und Jagdwissenschaft, Rechtswissenschaft, Geschichte), F. C. W. Vogel, Leipzig (Medizin), Karl J. Trübner, Straßburg i. Els. und O. R. Reisland, Leipzig (Germanische und romanische Philologie), Emil Felber, Berlin und Eduard Avenarius, Leipzig (Litteraturgeschichte), Gothaische Verlagsanstalt vorm. F. A. Perthes, Gotha (Geschichte, Protestant. Theologie), R. Oldenbourg, München (Geschichte, Rechtswissenschaft, Pädagogik), sowie die großen rechtswissenschaftlichen Verlagsanstalten: Carl Heymann, J. Guttentag, G. m. b. H., Frz. Vahlen, Berlin, Ferd. Enke, Stuttgart und Veit & Co., Leipzig. Die Langenscheidt'sche Buchhandlung (Professor G. Langenscheidt), Berlin, die mit ihren für das Selbststudium des Englischen und Französischen berechneten Unterrichtsbriefen einen ungeheuren Erfolg hatte, darf, da sich diese, sowie die ausgezeichneten Lexika, auf wissenschaftlicher Grundlage aufbauen, Anspruch erheben, hier mitgenannt zu werden. Daß sie in den letzten Jahren Werke größeren Umfanges nicht mehr publizierte, mag seinen Grund in den Vorbereitungen haben, die sich zur Herausgabe der italienischen und spanischen Selbstunterrichtsbriefe notwendig machen. Halb wissenschaftlicher, halb belletristischer Natur, aber immer ernst und vornehm, ist der Verlag von S. Hirzel, Leipzig, dessen Belletristen Wissenschaftler und dessen Wissenschaftler Belletristen sind. Auf der Grenzscheide steht auch der Verlag von Alfred Schall, Berlin (vorm. Schall & Grund), der neben einer Reihe populärwissenschaftlicher Werke über Länder- und Völkerkunde, Heere und Flotten einen großen belletristischen Verlag pflegt. Bekannt ist besonders das Verlagshaus durch den »Verein der Bücherfreunde« geworden, derin seiner Blütezeit einen »Mitglieder«bestand von 12 000 zählte.
Von großen belletristischen Verlagshäusern ist in erster Linie Gebr. Paetel (Verlag der »Deutschen Rundschau«), Berlin, zu nennen, deren Verlagsfirma eine ausreichende Gewähr für die Güte der von ihr verlegten Bücher giebt. In dem 280 Seiten umfassenden Verlagskatalog, der über die Thätigkeit der Firma in den Jahren 1837–1895, die sich neben der Belletristik auch auf die Gebiete der Geschichte, Kulturgeschichte, Völkerkunde, Litteratur- und Militärwissenschaft erstreckt, berichtet, findet sich eine Fülle wertvoller Bücher, zumeist von Mitarbeitern der »Deutschen Rundschau«, die es von jeher verstanden hat, tüchtige Kräfte heranzuziehen. Eine ähnliche Stellung nimmt der Verlag von Bonz & Co., Stuttgart, und Fr. Wilhelm Grunow, Leipzig, ein, obwohl der letztere durch den Verlag der »Grenzboten« und der »Buschschen Tagebücher« sich die Sympathien vieler Kreise verscherzt hat. Nur Verleger zweier Autoren, die aber ein paar hundert aufwiegen, ist L. Staackmann, Leipzig, dem Rosegger und Spielhagen ihre Werke übergeben. – Ein besonderes Gepräge trägt, sowohl die Art der Verlagsartikel, als auch ihre Ausstattung anlangend, der Verlag von A. G. Liebeskind, hinter dem eine markante und eigenartige, vielleicht auch eigenwillige Persönlichkeit stand, die dem Ganzen ihre Physiognomie lieh. Ob sie der Verlag nach dem Tode L.'s noch beibehalten wird – er ist inzwischen nach Stuttgart übergesiedelt und in Händen des Geheimrat Kröner – bleibt abzuwarten. Das große Verlagshaus Velhagen & Klasing, Bielefeld, das sich durch den Verlag des stark religiös angehauchten»Daheim« einen Weltruf erwarb, hat sich neuerdings dem Gebiet der Geschichte und Kunstgeschichte (Monographien zur Kunstgeschichte. – Monographien zur Weltgeschichte) noch intensiver zugewandt. Es findet seinen Partner in dem katholischen Verlag der Firma J. P. Bachem, Köln a. Rh. (»Kölnische Volkszeitung«), deren Katalog eine große Anzahl Werke katholischer Tendenz aufweist. Ausschließlich Werke katholischer Richtung wissenschaftlicher und belletristischer Natur verlegen auch Ferd. Schöningh, Paderborn, der den Dichter der »Dreizehnlinden« zu seinen Autoren zählt, und die B. Herder'sche Verlagsbuchhandlung, Freiburg i. Br., eins der bedeutendsten Verlagsgeschäfte, das auch im Auslande sich große Absatzquellen erschlossen hat.
Hauptsächlich belletristischen Verlag, aber ohne besondere Eigenart pflegen Otto Jancke, Berlin (Verlag der »Romanzeitung«), Schles. Buchdruckerei und Verlagsanstalt, Breslau (Verlag von »Nord und Süd«, »Unterwegs und daheim«), Carl Reißner, Dresden, Paul List, Leipzig, Heinrich Minden, Dresden, Hermann Costenoble, Jena, J. Bensheimer, Mannheim, Albert Ahn, Köln a. Rh., und E. Pierson, Dresden, von denen die beiden letztgenannten auch vielfach als bloße Kommissionsverleger auftreten. – Mehr dem Gebiet der Buchfabrikation nähert sich der Verlag von Greiner & Pfeiffer, Stuttgart, durch seine für das große Publikum berechneten Anthologien, deren Ausstattung von der »Moderne« noch unberührt geblieben ist. Erst durch den Verlag des »Türmers« ist die Firma in die Reihe der für die Litteratur in Betracht kommenden Verleger getreten, obwohl die genannte Zeitschrift nichts weniger als »modern« im landläufigenSinne des Wortes ist. – Fast ausschließlich auf Übersetzungen beschränkt sich der Stuttgarter Verlag von J. Engelhorn, dessen Romanbibliothek ihrer Wohlfeilheit wegen einen ungeheuren Absatz zu verzeichnen hat. Die Zahl deutscher Autoren, die sich an diesem Unternehmen beteiligt, ist eine äußerst bescheidene, und wird wohl nur dann vermehrt, wenn der Romanbibliothek frisches Blut und erhöhtes Interesse zugeführt werden soll.
Mehr litterarisches Gepräge tragen der Verlag der Besserschen Buchhandlung, Berlin, Verlegerin Paul Heyse's, und Fr. Bahn, Schwerin. Als ein äußerst rühriger Verleger, der sich namentlich um die Einführung amerikanischer Litteratur in Deutschland besondere Verdienste erworben hat (Sternbanner-Serie), aber auch auf den Verlag guter deutscher Romane nicht verzichtet, gilt Robert Lutz, Stuttgart. Zu den Verlegern modernen Schlages übergehend, ist neben Freund & Jeckel, Berlin, und Fontane & Co., Berlin, die ebensogut noch zur vorhergehenden Gruppe gerechnet werden können, an erster Stelle S. Fischer, Berlin, zu nennen. Auch er ist wie Pierson, Dresden, und Ahn, Köln, bis zu einem gewissen Grade Kommissionsverleger, selbst seinen ersten Autoren, wie Hauptmann, gegenüber. Der bierfidele Otto Erich Hartleben, der Halbpariser Hermann Bahr, der jugendliche Georg Hirschfeld, die Berliner Felix Hollaender und Hans Land haben ihre Werke bei S. Fischer verlegt, der die Hauptmann-Gemeinde und alles, was nach »Moderne« aussieht, durch seine »Neue Deutsche Rundschau«, die ehemalige »Freie Bühne«, um sich zu scharen wußte. Fast noch ungeberdiger als dieser Verlag geben sich Schuster & Löffler, Berlin. Manch gutes Buch findetsich in dem Verlagskatalog der erst seit 4 Jahre bestehenden Firma, aber es fehlt auch der direkte Schund nicht, oder wenn das besser klingt, jene Litteratur, die nach dem Grundsatzel'art pour l'artgeschrieben, kein vernünftiger Mensch, vor allem nicht das sogenannte Publikum liest, die sich aber in Litteratenkreisen großer Beliebtheit erfreut. Schuster & Löffler haben vielfach neue Bahnen eingeschlagen, aber es waren nicht immer die rechten. Ein Buch kann modern, sehr modern sein und braucht doch nichts zu taugen! Dieser Unterschied ist ihnen leider nicht immer zum Bewußtsein gekommen. Ähnlichen Tendenzen wie Schuster & Löffler huldigt auch Vita, Deutsches Verlagshaus, Berlin, wenngleich dieses bei weitem mehr Konzessionen an das Publikum macht. Neue Wege, soweit namentlich die Ausstattung in Frage kommt, ist auch der Verlag von Fischer & Franke, Berlin, gegangen, der von allen seinen Mitbewerbern wohl das meiste Geschick gezeigt hat, Inhalt und Ausstattung seiner Verlagsartikel mit einander in Einklang zu bringen. In die Reihe der modernen Verleger hat sich auch G. Bondi, Berlin, gestellt, durch den Halbes Werke und das große Schlenther'sche Unternehmen zur Ausgabe gelangen.
Albert Langen, München, der Verleger des »Simplizissimus«, hat ein paar Jahre in Paris zugebracht, und man kann ihm das Zeugnis nicht versagen, daß er dort manches gelernt hat und bestrebt ist, immer etwas Originelles zu bringen, seinem Verlage ein charakteristisches Gepräge zu geben. Auf den Umschlägen seiner Bücher hat die Moderne schon wahre Orgien gefeiert: da sind Zeichnungen, so mystisch und dunkel, in denen gar nichts liegt, so daß man sich gemüßigt fühlt, selbst alles hineinzulegen;Frauen und Männer werden dargestellt, denen das Laster oder die Schwindsucht auf dem Gesicht geschrieben stehen, und das alles in jenen fließenden Linien, hingeworfen ohne Saft und Kraft – dazwischen einmal ein Mädchenkopf, so fein und künstlerisch, daß man sich verwundert fragt, wie der in diese Gesellschaft kommen konnte. Dann stelle man sich den »Simplizissimus« vor, ein »deutsches Blatt«, an dem nichts, aber auch gar nichts deutsch ist, ein Blatt, bestimmt, »die Kunst dem Volke zu vermitteln«. Man muß schon 10 Jahre in Paris oder bei den Wilden gelebt haben, um zu glauben, daß man ein solches Programm mit einer Zeitschrift vom Schlage des »Simplizissimus« durchführen kann. Nur wenig deutschen Namen begegnet man in seinem Verlagskataloge und auch diese haben einen fremden Klang; dagegen finden Ausländer: Franzosen, Russen, Skandinavier u. s. w. bei ihm bereitwilligst Unterkommen. – Durch eine ultramoderne Ausstattung hat sich auch der kleine Verlag von Joh. Sassenbach, Berlin, in Litteratenkreisen einen Namen gemacht. Er ist Verleger von Arno Holz und seiner Schule, die die Preisfrage: Wie kann jedermann innerhalb 24 Stunden lyrischer Dichter werden? mit einer verblüffenden Sicherheit und einer Naivetät, wie sie sonst nur den wirklichen Dichtern eigen ist, gelöst haben. Diese neueste Schule hat sich um Sassenbach gesammelt, der für die Allerjüngsten das zu werden verspricht, was für die Jungen der 80er Jahre Wilhelm Friedrich, Leipzig, war, der an das neue Evangelium und an die Mission der Bleibtreu, M. G. Conrad, Alberti, Walloth, Conradi, wie an seinen Herrgott glaubte. Und heute, nachdem kaum 10 Jahre ins Land gezogen sind?Wo ehemals die Mistbeete des Realismus standen, da blühen jetzt stille, bleiche »Lotosblüten«. Wilhelm Friedrich, der jetzt hauptsächlich Theosophie verlegt, ist immer mit der Zeit gegangen oder hat versucht, ihr vorauszugehen.
Als ein »Verlag für moderne Bestrebungen in Litteratur, Socialwissenschaft und Naturwissenschaft« hat sich Eugen Diederichs, Leipzig, eingeführt, und wenn auch bei ihm der Moderne hin und wieder Rücksprache mit dem Geschäftsmann nimmt, so ist er doch immer bestrebt gewesen, namentlich hinsichtlich der Buchausstattung die alten Gleise zu verlassen und neue Bahnen zu wandeln. – Berührungspunkte mit dem Verlage von Eugen Diederichs weist Georg Heinr. Meyers Verlag, Berlin, auf, der sich besonders als Pflegevater der deutsch-österreichischen Schriftsteller bewährt. Freilich sind die praktischen Erfahrungen, die er und mit ihm andere an dem österreichischen Verlage gemacht haben, wenig ermutigend: verdient hat er an keinem Buche aus Österreich, und selbst die Verlagskosten sind durch die wenigsten gedeckt worden. Durch die Gründung der »Heimat« ist sein Verlag der Mittelpunkt jener Bestrebungen geworden, die die »Heimatkunst« in den Vordergrund des litterarischen Interesses zu stellen suchen.