Die Romanciers der alten Schule.

Die Romanciers der alten Schule.

Gustav Freytag, geb. am 13. Juli 1816 zu Kreuzburg, gest. am 30. April 1895, wird als der Dichter des deutschen Bürgertums gefeiert. Selbst durch die besten Werke, die er geschaffen, geht ein leiser philiströser Zug, den er vielleicht seiner Stellung als Privatdocent in Breslau verdankt. Fast allen Büchern Freytags sieht man an, daß ihr Verfasser Kulturhistoriker ist, der sein Material gewissenhaft zusammenträgt, ehe er an die Ausarbeitung eines Werkes geht. Fr., ein ausgesprochenes Erzählertalent, begann seine litterarische Laufbahn als Lyriker und Dramatiker. Sein erstes Stück führte den Titel »Die Brautfahrt«, ihm folgten die Gedichte: »In Breslau«, die Schauspiele »Die Valentine« und »Graf Waldemar«. Im Jahre 1848 übernahm er in Gemeinschaft mit dem Litterarhistoriker Julian Schmidt die Redaktion der »Grenzboten«, die er durch fast 25 Jahre fortführte. Seiner Beschäftigung mit Politik und Presse verdankt das nicht gerade tiefgehende Lustspiel: »Die Journalisten« seine Entstehung, das einen großen und dauernden Erfolg errang, der seinem nächsten, der Gegenwart abgewandten Drama: »Die Fabier« nicht beschieden war. 1855 entstand das Hohelied des deutschen Kaufmannes: der Roman »Soll und Haben«, nach dem Recept geschrieben, das Julian Schmidt aufgestellt hatte: »Der Roman solldas Volk da suchen, wo es in seiner Tüchtigkeit zu finden ist: nämlich bei der Arbeit«. Das nächste Werk: »Die verlorene Handschrift« spielt in Professorenkreisen und gewann ihm die Herzen der akademischen Jugend. Seine kulturhistorischen Forschungen legte F. in den »Bildern aus der deutschen Vergangenheit« nieder. Acht Jahre hat er dann an den »Ahnen«, einer Art historischen Familienromans, geschrieben, von dem jedes Jahr einen neuen Band brachte. 1. »Ingo«, 2. »Ingraban«, 3. »Das Nest der Zaunkönige«, 4. »Die Brüder vom deutschen Hause«, 5. »Marcus König«, 6. »Der Rittmeister von Alt-Rosen«, 7. »Der Freierkorporal bei Markgraf Albrecht«, 8. »Aus einer kleinen Stadt«. Das ganze Werk, dessen Schauplatz nach Thüringen verlegt ist, sollte die Wandlungen des deutschen Volkes darstellen: mit jedem Bande geht es mehr der Gegenwart entgegen, bis die Sammlung, mit dem Jahre 350 beginnend, mit einer Erzählung aus dem 19. Jahrhundert ihren Abschluß erreicht. Eine »Technik des Dramas«, die ihn als feinen Kenner der dramatischen Praxis zeigt, verdient noch Erwähnung, sowie eine Lebensbeschreibung Karl Mathys' und die mit geteilten Empfindungen aufgenommene Schrift: »Der Kronprinz und die deutsche Kaiserkrone«. Sein Leben und Schaffen beschrieb der Dichter selbst in den »Erinnerungen aus meinem Leben.«

Friedrich Spielhagen, geb. 24. Febr. 1829 in Magdeburg, ist der Dichter der Reaktion, jener Zeit, die dem tollen Jahre folgte; seine Romane suchen vor allem die Erscheinungen der Zeit, die socialen Kämpfe, den Sturm und Drang der letzten 50 Jahre festzuhalten und dem Leser verständlich zu machen. Sp. hatte bereitsdas 30. Jahr überschritten, als sein erster großer Roman »Problematische Naturen« erschien, der seinen litterarischen Ruf begründete. Sein zweiter großer Roman »Die von Hohenstein«, hat als Hintergrund das Jahr 1848, ihm schlossen sich »In Reih und Glied« und »Hammer und Amboß« an. Von weiteren Werken Spielhagens, die fast alle tendenziös gefärbt sind, nennen wir noch: »Hans und Grete«, »Unter Tannen«, »Die Dorfkokette«, »Deutsche Pioniere«, »Allzeit voran«, »Was die Schwalbe sang«, »Ultimo«, »Sturmflut«, »Das Skelett im Hause«, »Platt Land«, »Quisisana«, »Angela«, »Uhlenhaus«, »An der Heilquelle«, »Was will das werden?«, »Noblesse oblige«, »Ein neuer Pharao«, »Sonntagskind«, »Stumme des Himmels«, »Susi«, »Selbstgerecht«, »Zum Zeitvertreib«, »Faustulus«. Auch als dramatischer und lyrischer Dichter hat sich Spielhagen, wenngleich mit geringem äußeren Erfolge versucht. Von seinen Schriften, deren Gesamtausgabe in vorläufig 22 Bänden erscheint, verdienen noch Erwähnung: »Beiträge zur Theorie und Technik des Romans«, »Aus meiner Studienmappe«, sowie der 1899 erschienene Band: »Neue Beiträge zur Theorie und Technik der Epik und Dramatik«, besonders aber seine Autobiographie: »Finder und Erfinder. Erinnerungen aus meinem Leben.« – Spielhagen ist in der Reaktion der 50er und 60er Jahre stecken geblieben: er verstand die neue Zeit nicht mehr und suchte in seine neuen Romane noch die alten Ideale hineinzutragen. Auch das antiquierte Motiv von der Liebe eines mit allen Vorzügen des Geistes und Herzens ausgestatteten Bürgerlichen zu einer Adeligen, das in fast allen Werken wiederkehrt und eine heimliche VorliebeSp.'s für den Adel erkennen läßt, vermochte auf die Dauer nicht mehr zu fesseln, und so sehr sich auch Spielhagen, mehr als jeder andere der »Alten« bemühte, in die »Moderne« hineinzuwachsen: er verstand sie nicht, so wenig wie er verstanden wurde.

Berthold Auerbach, geb. am 28. Febr. 1812 zu Nordstetten, gest. am 8. Febr. 1882 zu Cannes in Frankreich, wurde durch seine »Schwarzwälder Dorfgeschichten« berühmt. Wenn A. auch nicht wie Rosegger, Anzengruber u. a. in das Wesen des Volkscharakters eingedrungen ist – es als Jude auch gar nicht konnte, – so hat er doch das Verdienst, einer der ersten gewesen zu sein, die die Dorfgeschichte wieder zu Ehren gebracht haben. Zu seinen besten Novellen, die allerdings auch von Schönfärberei nicht frei sind, zählen: »Barfüßle«, »Joseph im Schnee« und »Edelweiß«. Mit den großangelegten Werken »Auf der Höhe«, »Das Landhaus am Rhein« und »Waldfried« betrat A. das Gebiet des liberalen Tendenzromans.

Luise von François, geb. am 27. Juni 1817 in Herzberg, gest. am 26. Sept. 1893, eine der talentiertesten Romanschriftstellerinnen, erwarb sich ihre litterarische Stellung durch den historischen Roman: »Die letzte Reckenburgerin«, dem sich »Frau Erdmuthens Zwillingssöhne«, »Stufenjahre eines Glücklichen« u. a. anschlossen.


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