Vorwort.
Es sind in neuester Zeit vielfach Versuche einer Darstellung der Litteratur der letzten Jahre unternommen worden[1]und es war dies umsomehr von nöten, als unsere besten Litteraturgeschichten im Stich lassen, sobald die Litteratur der letzten Jahrzehnte in Frage kommt. Selbst Vogt und Kochs Litteraturgeschichte, die im vorigen Jahre zur Ausgabe gelangte, ein sonst tüchtiges und zuverlässiges Werk, macht vor der modernen Litteratur Halt und behandelt die Zeit von dem Auftreten der »Jüngsten« an in einer wahrhaft stiefmütterlichen Weise, die zu dem Ganzen in keinem Verhältnis steht und deutlich erkennen läßt, wie wenig die Verfasser über die moderne Litteratur unterrichtet sind. Wenn man nun auch zugeben muß, daß es mit Schwierigkeiten verbunden ist, klar und übersichtlich eine Periode darzustellen, in der noch alles Lebenund Bewegung ist, die noch nicht einmal äußerlich zu einem gewissen Abschluß gelangt ist, so erscheint es doch nicht angängig, aus einer zeitlich nicht begrenzten Litteraturgeschichte die moderne Litteratur auszuschließen oder sie in ungenügender Weise zur Darstellung zu bringen. Denn nichts liegt dem Interesse näher, als was uns zeitlich naheliegt, und es ist sehr wohl möglich, zeitgenössische Schriftsteller und ihre vorliegenden Werke zu beurteilen, auch auf die Gefahr hin, daß durch spätere Schöpfungen neue charakteristische Züge in das Bild Aufnahme finden müssen. Darstellen läßt sich also die Litteraturperiode der letzten Jahre – fraglich ist nur, ob der Bericht über dieselbe, 10 oder 20 Jahre später, nicht derartige Korrekturen erfahren wird, daß Urteil und Anschauung der Gegenwart dadurch für die spätere Zeit vollständig entwertet werden. Strömungen und Unterströmungen auf litterarischem Gebiete sind für denjenigen, der mitten in der darzustellenden Periode steht, nur schwer erkennbar, und auch das Urteil des vorurteilslosen Beobachters wird von der Parteien Haß und Gunst verwirrt, besonders in einer Zeit, die an Stelle der litterarischenPersönlichkeitenlitterarischeSchulensetzt und durch Schlagworte zu ersetzen sucht, was ihr an litterarischem Verständnis abgeht.
[1]Neben den Studien zur neueren Litteratur, die Professor Erich Schmidt, Adolf Stern und Franz Muncker veröffentlichten, sind vor allem das Buch B. Litzmann's über das deutsche Drama der Gegenwart, sowie Alfred Bieses Lyrische Dichtung und neuere deutsche Lyriker, Wolff's Geschichte der deutschen Litteratur in der Gegenwart, Adolf Bartels, Die deutsche Dichtung der Gegenwart, Edgar Steiger, Das Werden des neuen Dramas, und Richard M. Meyers Geschichte der deutschen Litteratur im 19. Jahrhundert, zu nennen.
[1]Neben den Studien zur neueren Litteratur, die Professor Erich Schmidt, Adolf Stern und Franz Muncker veröffentlichten, sind vor allem das Buch B. Litzmann's über das deutsche Drama der Gegenwart, sowie Alfred Bieses Lyrische Dichtung und neuere deutsche Lyriker, Wolff's Geschichte der deutschen Litteratur in der Gegenwart, Adolf Bartels, Die deutsche Dichtung der Gegenwart, Edgar Steiger, Das Werden des neuen Dramas, und Richard M. Meyers Geschichte der deutschen Litteratur im 19. Jahrhundert, zu nennen.
[1]Neben den Studien zur neueren Litteratur, die Professor Erich Schmidt, Adolf Stern und Franz Muncker veröffentlichten, sind vor allem das Buch B. Litzmann's über das deutsche Drama der Gegenwart, sowie Alfred Bieses Lyrische Dichtung und neuere deutsche Lyriker, Wolff's Geschichte der deutschen Litteratur in der Gegenwart, Adolf Bartels, Die deutsche Dichtung der Gegenwart, Edgar Steiger, Das Werden des neuen Dramas, und Richard M. Meyers Geschichte der deutschen Litteratur im 19. Jahrhundert, zu nennen.
Wir sagten, daß in 10 oder 20 Jahren das jetzt abgegebene Urteil über unsere moderne Litteratur eine Wandlung erfahren wird, und je weiter wir uns von der Gegenwart entfernen, destomehr wird die zeitgenössische Kritik von der späterer Zeiten sich als unterschiedlich erweisen. Sie wird ruhiger, objektiver ausfallen, aber sie braucht darum nicht »richtiger« zu sein, denn der Werteines Buches darf nicht nur danach bemessen werden, daß es noch kommenden Geschlechtern etwas zu sagen hat, er kann auch darin bestehen, daß es, allein für seine Zeit geschrieben, auch nur dieser nützt. Da wir aber die Litteraturgeschichte aus der Kulturgeschichte ausscheiden und ihr eine selbständige Stellung – ob mit Recht oder Unrecht, sei dahingestellt – angewiesen haben, so werden in ihr alle diejenigen Werke zu kurz kommen, die allein für ihre Zeit berechnet und nur diese fördernd, nicht künstlerischen Gehalt oder genügendes Interesse für die Zukunft mitbringen. Noch ein weiterer Grund kommt hinzu, um die Aufgabe der Litteraturgeschichte zu erschweren: der, daß niemand, und sei er noch so belesen, in der Lage sein wird, ohne Anleihen bei anderen zu machen, ein Urteil über die Litteratur, selbst eines so begrenzten Zeitraumes, wie es der von 1880–1900 ist, abgeben zu können. Denn um festzustellen, welcher Dichter und welches Werk in diese Litteraturgeschichte aufzunehmen wären, müßte, unter der Voraussetzung einer Befähigung, über alles urteilen zu können, ein eingehendes Studium aller in dem betreffenden Zeitraum erschienener Werke vorausgehen. Denn wie könnte jemand, der nicht das ganze Gebiet beherrscht, wissen, ob er nicht das Wichtigste übersehen, ob ihm nicht gerade das entgangen, auf das das meiste Gewicht zu legen wäre? Wäre er allein in der Lage, auch nur über eine beschränkte Anzahl Werke ein Urteil abzugeben, sie litterarisch zu werten, und könnte dies immer unter Ausschaltung alles Persönlichen geschehen? Könnte er sich ganz dem Einflusse entziehen, den auch ein minder gutes Buch ausüben kann, das ihm persönlich mehr als den anderen zu sagen hat oder das ineiner Stimmung zur Hand genommen wurde, die es für ihn in einem besonderen Lichte erscheinen ließ? Und wird derselbe Autor, der, 30 Jahre alt, ein Werk kritisiert, mit 40 Jahren noch dasselbe Urteil über das Werk abgeben? Ein persönliches Gepräge kann eine Litteraturgeschichte nur in einzelnen Zügen tragen und auch diese müssen mit Vorsicht gegeben und durch die Urteile sachverständiger Kritiker wenigstens kontrolliert werden. Gerade weil selbst ein eng begrenztes Gebiet zu beherrschen unmöglich ist, kann der Autor einer Litteraturgeschichte kaum etwas anderes sein als ein Kompilator, der die abgegebenen Urteile in litteraturgeschichtlichen und verwandten Büchern und Zeitschriften abzuwägen, zu kontrollieren und aus ihnen das Facit zu ziehen hat. Er wird nie, und wenn er seinen Namen noch so fett auf das Titelblatt schreibt, ganz aus Persönlichem heraus eine Litteraturgeschichte schreiben und sagen können: so denke ich über alle jene Werke, zu denen ich in dem und dem Verhältnis stehe.
Allerdings soll eine Litteraturgeschichte in ihrer Gesamtheit mehr sein, als ein Sammelsurium von Urteilen, die Hinz und Kunz über Bücher und Autoren abgeben und die Müller oder Schulze dann »kontrollieren« und »abwägen«: eine Litteraturgeschichte muß vor allem auf die geistigen Strömungen das Hauptgewicht legen, sie muß, wenn sie Wert besitzen soll, uns zeigen, wie sich diese in dem Kopfe des Verfassers darstellen, der bei einer Geschichte mehr auf den geistigen Zusammenhang, auf die typischen Erscheinungen, als auf ihre Repräsentanten zu achten hat. Die Geschichtsschreibung, die nur die »Haupt- und Staatsaktionen« kannte und darstellte, hat sich überlebt, die politische Geschichte von ehemals istder Kulturgeschichte gewichen, die versuchen muß, uns aus der Zeit heraus die Erscheinungen zu erklären und verständlich zu machen. Von der Litteraturgeschichte muß aber noch mehr gefordert werden. Vor allem ist ihre Aufgabe, reinlich zu scheiden zwischen dem, was Mode, Reklame und Marktschreierei, gute Freunde und getreue Nachbarn aus einem Autor gemacht haben, und dem, was ihm an wirklichem Verdienste, nach seinem Können, zukommt. Sie hat sich mit den schlechten Autoren, die den litterarischen Geschmack einer Zeitwesentlichbeeinflussen, ebenso abzufinden wie mit den guten, hat auch derbesonderenBeeinflussung älterer Werke und Autoren, die für eine Zeit wieder lebendig geworden sind, zu gedenken, sie muß – und das nicht zuletzt – auch gutzumachen suchen, was an einem Autor gesündigt wurde, dessen Talent sich mit jedem der durch Verlegerreklame und Cliquenwirtschaft bekannt gewordenen »Jungen« und Modernen messen kann, der aber den Fehler beging, nur seine Bücher und nicht auch seine Freunde und Vettern für sich reden zu lassen.
Es bedarf wohl einer Erklärung, warum der vorliegende Abriß der deutschen Litteraturgeschichte der Gegenwart mit dem Jahre 1880 und nicht, wie dies sonst üblich, mit dem Tode Goethes (1832) oder dem Ausbruche des deutsch-französischen Krieges (1870) beginnt.
Das eine wie das andere Jahr kommt für die Litteratur wenig in Betracht. Der Tod Goethes, wie der Ausbruch des Krieges waren rein äußere Umstände: der erstere beendete nicht das goldene Zeitalter unsererLitteratur, das mit dem Erscheinen des ersten Teils von Faust sein Ende erreichte, und der letztere leitete keine neue Epoche unserer Litteratur ein. Wenn es auch gefährlich ist, den Beginn einer neuen Litteraturperiode durch ein bestimmtes Jahr festzulegen, so haben doch, nach unserem Dafürhalten, die 80er Jahre mehr Berechtigung, als Ausgangspunkt bei der Darstellung der modernen Litteratur angenommen zu werden, als das Jahr 1870, das nicht einmal auf einem litterarischen Gebiete – der Kriegslyrik – neue Blüten trieb, sondern nur politisch von Bedeutung ist. Nimmt man ein bestimmtes Jahr zum Ausgangspunkt an, so entsteht die Frage, inwieweit sich ein Zurückgreifen auf die vorhergehenden Jahre zum besseren Verständnisse des angesetzten Jahres notwendig macht. Litterarische Erscheinungen wie Freytag und Spielhagen – um Beispiele aus der modernen Litteratur anzuführen – hatten ihren Vorläufer in Gutzkow, wie Heyse's Schaffen schließlich auf Goethe zurückführt. Und noch eine andere Schwierigkeit erwächst dem Litterarhistoriker bei der Darstellung eines bestimmten, engbegrenzten Zeitraumes. Heyses, Spielhagens und Freytags litterarische Bedeutung und Erfolge – um bei den einmal Genannten zu bleiben – gehören einer vergangenen Periode an, sie waren es nicht, die der neueren Litteratur den Stempel aufdrückten und auch ihr eigenes litterarisches Charakterbild erhielt durch ihre späteren Schöpfungen keine neuen Züge. Das trifft selbst bei einem Autor wie Spielhagen zu, der sich wie kaum ein anderer unter den Alten bemüht hat, die neue Zeit zu verstehen und mit ihr zu paktieren, aber doch immer der alte Spielhagen der 70er Jahre blieb.
Die älteren Dichter sind daher in dem vorliegenden Abriß nur stiefmütterlich behandelt worden, eine Taktik, die auch darauf zurückzuführen ist, daß es nicht schwer hält, sich über sie anderenorts zu informieren. Wir wollten vor allem den geringen Raum, der uns zur Verfügung steht – das Werkchen ist ein etwas erweiterter Abdruck aus dem »Buchhändler-Kalender für 1900« – benutzen, um auf die »neuesten und allerneuesten« Dichter aufmerksam zu machen. Daß wir auch hier nur Einzelbilder und Einzelerscheinungen herausgreifen konnten und auf eine Darstellung derEntwickelung der neuesten Litteraturverzichten mußten, findet gleichfalls seine Erklärung in der uns auferlegten räumlichen Beschränkung. Sie verführte auch, im Gegensatze zu unserer Anschauung, daß eine Litteraturgeschichte nicht nur die schöngeistigen Schriften, sondern das gesamte Geistesleben zu umfassen hat, soweit es seinen Ausdruck in der Litteratur findet und nicht rein fachwissenschaftlicher Natur ist, zu einer ausschließlichen Berücksichtigung der Belletristik, so daß man Namen wie: Büchner, Eduard v. Hartmann, Friedrich Nietzsche, Schopenhauer, Stirner, Gregorovius, Treitschke, Sybel, Ranke, Mommsen, Schäffle, Ihering, Erich Schmidt, Paul de Lagarde, Karl Hillebrand, Victor Hehn, Herman Grimm, Otto Gildemeister, Bamberger, Fürst Bismarck, Richard Wagner u. a., in den »Charakteristiken« nicht begegnen wird, so sehr sie Anspruch auf Aufnahme in eine moderne Litteraturgeschichte haben. Dagegen wird man es in einer speciell für Buchhändler, Litteraten etc. bestimmten Litteraturgeschichte gerechtfertigt finden, daß wir nicht sowohl den Versuch einer Charakteristik der litterarischen und verwandten Blätterunternommen, als auch auf den Anteil hingewiesen haben, der dem Verlagsbuchhandel an der Entwicklung unserer Litteratur zukommt.
Was die in den »Charakteristiken« angeführten Dichter betrifft, so wird gewiß schon im kommenden Jahrzehnt eine ganze Reihe in der Versenkung verschwinden und anderen Platz machen müssen, die jetzt bescheiden bei Seite stehen, unbeachtet von der Kritik und dem großen Publikum. Ihr Ruhm wird dauernder sein als der unserer litterarischen Tagesgrößen, wenn auch eine Litteraturgeschichte so geringen Umfangs und mit so bescheidenen Aufgaben wie die vorliegende, nur vorsichtig für einzelne von ihnen eintreten kann. Denn auf die Freude, gerade denKönnernohne Anhang in der Presse und im Publikum zu ihrem Rechte zu verhelfen, muß der Verfasser eines Werkchens verzichten, das seiner ganzen Anlage nach nur für die Gegenwart berechnet, keine Umwertung der jetzigen litterarischen Werte vornehmen kann, sondern allein den Zweck verfolgt, über die bekannteren Schriftsteller und ihre Werke ein paar orientierende Notizen zu geben, mit denen sich die Benutzer besser im litterarischen Leben zurechtfinden können.
Leipzig, März 1900.
Emil Thomas.