XIV.Die Polyandrie.
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Nicht als einenotwendigeFortbildungsstufe des Matriarchats, sagte ich im vorigen Kapitel, sei die Polyandrie zu betrachten, wohl aber erhebt sie sich stets auf der Basis des Mutterrechtes und kann als dessen schärfste Ausprägung angesehen werden. Es verlohnt sich einen Blick auf die Verbreitung dieser in unseren Augen so widerlichen Sitte zu werfen. Natürlich kann dabei nur vongeregelterVielmännerei die Sprache sein, denn ungeregelt fällt sie mit schrankenloser Vermischung zusammen und liegt auch dem Wesen dessen zu Grunde, was bei sonst irgendwie geordnetem Geschlechtsverkehr in Ermanglung eines anständig klingenden Ausdrucks mit dem FremdworteProstitutionbezeichnet wird. Von schrankenloser Ungebundenheit unterscheidet sich die Polyandrie dadurch, dass in letzterer die Frauausschliesslichmit mehrerenbestimmtenMännern verbunden ist, und das Weib den Vater ihrer Kinder, oder die Sitte den ältesten oder ersten ihrer Gatten bezeichnet. Innerhalb dieses geregelten Verhältnisses hat man nun wieder einerohereund einehöhereForm zu unterscheiden, welche beide schon aus dem Altertume überliefert werden. Schon damals hat nämlich die Sitte der Polyandrie bei verschiedenen Völkern bestanden, besonders bei den Agathyrsen, den südlichen Nachbarn der Skythen, bei den Liburnern an den Küsten des AdriatischenMeeres und bei einigen Völkerschaften des alten Britannien. Allerdings unterscheiden die alten Schriftsteller nicht scharf zwischen freier Vermischung und geregelter Vielmännerei, so dass die von ihnen beigebrachten Beispiele mitunter wohl auch, wenngleich gewiss mit weniger Recht, für allgemeine Weibergemeinschaft beansprucht werden konnten. Ganz besonders gilt dies von den Agathyrsen, den Mäaten desDio Cassiusund anderen.Seylaxvon Caryanda berichtet von den Liburnern, dass die freien Männer sich von ihren Frauen beherrschen liessen, welche sich mit ihren Sklaven und den Männern der Nachbarschaft zu paaren pflegten.Tacituserwähnt Spuren der Polyandrie bei den alten Germanen. NachCaesarwar dieselbe den alten Britanniern eigen; bei ihnen gehörten die Weiber zehn bis zwölf Männern, meistens Brüdern, aber auch Vätern und Söhnen gemeinschaftlich an. Die aus diesen Verbindungen entsprossenen Kinder wurden demjenigen, welchen die Mutter zuerst besessen, zuerkannt.[472]Dio Cassiuslässt eine britische Frau in Verteidigung ihrer Landsmänninnen einer Römerin erwidern, dass sie offen mit ihresgleichen das thäten, was die Römerinnen im geheimen mit unter ihnen Stehenden. Auch waren die alten Britannier äusserst empfindlich für den Schimpf, welchen ihnen die Römer angethan, undTacituserzählt in seinen Annalen, dass Boadicea, die Gattin eines Häuptlings der Icenen, als sie ihre Landsleute zur Abschüttelung des römischen Joches aufforderte, dieselben daran erinnerte, dass sie selbst mit Rutenhieben geschlagen und ihre Töchter geschändet worden seien.[473]Daraus liesse sich auf geregelte Polyandrie schliessen, die eben weit entfernt von Unzucht ist. UnleugbareZeugnisse für das Vorhandensein der Vielmännerei unter den Pikten lassen sich beibringen. Und während in einigen Teilen Mediens, nachStrabo, Polygamie durch bestimmte Gesetze geboten war, da jeder Mann mindestens sieben Frauen halten musste, hatten in anderen Provinzen des Reiches die Weiber mehrere Männer und blickten mit Stolz auf diejenigen herab, welche deren weniger hatten als sie. Ehe der Islâm dort Eingang fand, schätzten desgleichen die Weiber Azerbeidschans die Höhe ihrer sozialen Stellung nach der Zahl der Männer, deren sie sich rühmen durften. Auch die Goten in Transoxiana übten Polyandrie und die Hindutraditionen weisen ebenfalls darauf hin. Sie wird sogar zum Teile noch gut geheissen im Gesetzbuche des Manu, welches den Bruder ermächtigt, die Schwägerin zu befruchten, und ohne irgend welchen Vorwurf spricht davon das Epos Mahabharata, dessen Heldin Draupadi die Gattin von fünf Pandavabrüdern war. Als der König Drupada, Draupadis Vater, seine Unzufriedenheit darüber aussprach, hielt ihm der älteste der Brüder entgegen, dass Dschatita, aus der Familie Gautamas, eine vortreffliche Frau, mit sieben Heiligen zusammengelebt habe, und dass Wrakschi, die Tochter eines „Muni“ (heiligen Gelehrten) mit zehn Männern verheiratet gewesen sei, sämtlich „Pradscheta“, d. i. Männern, deren Seelen durch Büssungen geläutert worden. Hier war also die Vielmännerei eine von der Sitte durchaus gebilligte Satzung.
In uns beträchtlich näher gerückten Epochen wird Polyandrie auch von den Guanchen auf den kanarischen Inseln gemeldet. Bei der Ankunft der Spanier auf Lanzarote hatte daselbst eine Frau mehrere Männer, welche in der Ausübung der Rechte des Familienhauptes wechselten. Der eine Ehemann ward als solcher nur während eines Mondumlaufes anerkannt; sofort übernahm ein anderer das Amt und jener trat in das Hausgesinde zurück.[474]Diese eigentümliche Sitte herrscht übrigens noch in der Gegenwart in verschiedenen Gegenden Amerikas und sogar in Afrika, sowie auf einigen Inseln der Südsee, und im Süden Australiens giebt esStämme, unter denen nicht nur die Brüder fast völlige Weibergemeinschaft pflegen, sondern die Frau ihren Schwager sogar regelrecht als ihren Mitgatten bezeichnet.[475]Für den Australkontinent ist Polyandrie für die Eingeborenen am unteren Murray vonAngas, für die an der Moretonbai vonLang, für jene bei Port Lincoln vonWilhelminachgewiesen worden.Karl Emil Junghat sie aber während eines mehrjährigen Aufenthalts in Inneraustralien weder am Murray, Murrumbidschi oder Darling, noch am Cooper und im Seendistrikte mit Sicherheit finden können.[476]Auch auf einigen Eilanden Polynesiens tritt die Polyandrie neben der Polygamie auf, in der Weise, dass in den höheren Klassen die Sitte dem Manne gestattete, so viele Frauen zu nehmen als er wollte, während den Frauen das nämliche Recht in Bezug auf die Zahl ihrer Männer zustand. Ist die Frau von höherem Adel und reicher als der Mann, so hat sie das Recht polyandrisch zu leben, während sich der Mann den Luxus der Polygamie nicht gestatten darf.[477]So giebt es auf der Markesasinsel Nukuhiwa die schon einmal erwähnten weiblichen Häuptlinge „Atapeius“, welche zwei Männer hatten, deren einem sie schon in früher Jugend vermählt wurden; beide nahm dann ein reiferer Liebhaber ins Haus. Die Männer lebten ohne Eifersucht in voller Eintracht nebeneinander.[478]Desgleichen gedenktEllisder Vielmännerei gewisser Häuptlingsfrauen auf Tahiti, und eine Art beginnender Polyandrie bestand auf Hawaii durch Zuführung eines Cicisbeo,Punulagenannt, zum Manne. Neuseeland wird vonLafitau,Mac Lennanund anderen gleichfalls in den Kreis polyandrischer Sitten einbezogen, doch gelingt es mir, abgesehen von einer Legende, welche SirGeorge Greymitteilt, nicht, glaubhafte Anhaltspunkte dafür aufzufinden. Im allgemeinen darf man die Vielmännerei in Polynesien wohl nur als eine ausnahmsweise Erscheinung betrachten, weniger in Melanesien.[479]So ist es auf denNeuen Hebriden bei der Witwenschaft eine Art Übereinkommen, dass zwei Witwer mit einer Witwe leben; sie gehört beiden, ebenso die Kinder.
Zweifelhaft ist auch die Vielmännerei der Aleuten und Korjäken. Von ersteren berichtet allerdingsLangsdorff, man finde zuweilen, dass eine und dieselbe Frau mit zwei Männern lebe, die sich nach willkürlichen Bedingungen in die gemeinschaftliche Gefährtin ihres Lebens teilen;[480]doch scheint hier von keiner allgemeinen Gepflogenheit die Rede zu sein, und heute sind überdies auch solche Spuren völlig verschwunden. Von den Korjäken weiss man vollends nur, dass sie, wie andere Nordasiaten auch, dem Gastfreunde Frau und Tochter zur freien Verfügung stellen, welche merkwürdige Sitte keineswegs auf Polyandrie hinweist, sondern der Periode der schon stark ausgebildeten Mannesrechte angehört. Ebensowenig sind die gesellschaftlichen Zustände der Nordwestamerikaner und Inuitvölker oder Eskimo geregelte Polyandrie. Unter den Konjagen halten die Frauen allerdings Nebenmänner, gewissermassen gesetzliche Liebhaber, und die Eskimo brechen, nachDavid Crantz, ohne Scheu von beiden Seiten die Ehe, wo sie können;[481]in manchen Gegenden kommen auch wirklich vereinzelte Fälle von Vielmännerei vor; doch gehören sie nicht zum guten Tone, daher die Eskimo nicht zu den eigentlichen Polyandristen zu rechnen sind. In Nordamerika war Vielmännerei bei einigen Irokesenstämmen gestattet;[482]Humboldttraf sie in Südamerika bei den Avanos und Maypures am Orinoko, wo oft mehrere Brüder nur eine Frau besitzen.[483]Im allgemeinen trifft man Polyandrie in der Neuen Welt bloss vereinzelt. In Afrika begegnet man ihr bisweilen bei den Herero, nachGustav Fritschaus Armut,[484]wogegen nachBüttnereine gewisse Gemeinsamkeit der Frauen herrscht, nicht zwischen allen Stammesgliedern, sondern nur zwischen Angehörigen gewisser durch einen Bund geschlossenen Gemeinschaften, der Oma-Pange.[485]In Westafrika tritt die Vielmännerei in anderer, loserer Form bei reichen und vornehmen Frauen auf. So leben in Akra reiche Mädchen mit wem sie wollen, ohne dass ihre Unbeständigkeit Anstoss erregt. Dagegen ist das willkürliche Verstossen und Ersetzen des Gatten durch einen andern, wie bei den Fürstinnen in Kongo und Loango üblich, entschieden nicht als Vielmännerei aufzufassen, welche den geregelten Verkehrgleichzeitig— nicht nacheinander — mit mehreren Männern voraussetzt.
Nirgends hat die Polyandrie so weite Verbreitung gefunden als in Asien, insbesondere in Ostindien und bei den Nachbargebieten, allerdings weniger bei den Hindu, in deren Adern noch ein schwacher Bruchteil arischen Blutes fliesst, sondern bei den stammfremden Urvölkern, sowohl im Dekkan als im Himalaya. Insbesondere sind es die Bewohner der Nilgherry-Gebirge und unter diesen wiederum der Stamm der Toda, Tuda oder Tuduvar, in der Umgebung von Ottakamund, welche strenge Polyandrie üben und seit Generationen eng untereinander sich verbinden oder heiraten, wenn man dieses Wortes sich bedienen darf. Es bestehen aber unter ihnen fünf Kasten, und diese heiraten niemals untereinander. Die Gatten müssen stets derselben Kaste oder Klasse angehören. Sonst entscheidet aber nur die Neigung, wie FrauJanssenberichtet. Das junge Mädchen bittet ihre Mutter, sie in die erwählte Familie zu führen; ist dies geschehen, so bezahlt der Bräutigam seinem Schwiegervater 20–30 Rupien (40–60 Mark), und damit ist die Ehe geschlossen. Dem Gebrauche gemäss wird die junge Frau zugleich die GattinallerBrüder ihres Mannes; ihr erstes Kind gilt als das des ältesten Bruders, das zweite als das des zweiten und so fort. Diese Verbindung ist auch keineswegs unlöslich; wenn es der Frau in der Familie ihres Mannes nicht gefällt, so kann sie dieselbe verlassen, sich eine andere suchen und dieses Verfahren mehrmals wiederholen. Der Mann geniesst dasselbe Recht.[486]In dieser Darstellung der FrauJanssenfällt sicherlich auf, dass der Anstoss zur Heirat vom Mädchen ausgeht, was auf matriarchalische Sitten hindeutet. Etwas anders allerdings schildert den Vorgang OberstWilliam E. Marshall, dem wir ein anziehendes Buch[487]über jenes Hirtenvolk verdanken. Darnach erlangt der Jüngling die Einwilligung seines künftigen Schwiegervaters und vereinbart mit ihm den in wenigen Monaten zu entrichtenden Kaufpreis. Die Heirat ist nunmehr geschlossen, bis auf die Zustimmung des Mädchens, welches diese von der üblichen Probe abhängig macht. Die beiden jungen Leute werden nämlich allein in eine Hütte gesperrt, in welche die Mutter des Mädchens Nahrungsmittel reicht, und nach vierundzwanzig Stunden giebt das Mädchen, je nach seiner Zufriedenheit, die Entscheidung kund. Es erscheint also auch in dieser Fassung immerhin das Mädchen als der wählende, sogar als der prüfende Teil. Ist in sechs bis zwölf Monaten der vereinbarte Preis nicht erlegt, so gilt die Heirat als aufgelöst und der Vater nimmt seine Tochter samt ihrem Kinde zurück, wenn sie eines hat.[488]Weiteren Angaben des MajorW. Ross Kingzufolge lebt die Todafrau mit jedem ihrer Männer einen Monat lang. Aus naheliegenden Gründen herrscht wenig Sympathie zwischen Vater und Kind, wasMarshallindes in Abrede stellt. Von den Mädchen, die geboren werden, lässt man nur eines am Leben und beseitigt die übrigen durch Erdrosselung, wasMarshallals ein Liebeswerk, das ohne unnütze Härte ausgeübt wird, entschuldigt. Es giebt also in jeder Todafamilie höchstens eine Tochter und es erzeugt dies natürlich einen so beträchtlichen Weibermangel, dass sehr häufig ein junger Mann zu keiner Frau kommen kann. NachW. Ross King, der drei Jahre unter diesem Volke gelebt und es aufmerksam beobachtet hat, gestatten dann in solchen Fällen die Brüder-Männer oderMänner-Brüder, dass auch ein solcher zeitweilig seinen Anteil an ihrer gemeinschaftlichen Frau erhalte. Der nämliche Gewährsmann fügt hinzu, dass die Verlobung mit dem ersten Gatten schon in früher Jugend stattfindet; alle andern Brüder dieses Bräutigams sind von ihrer Geburt ab an dessen zukünftige Frau gebunden. NachMarshallmuss dagegen jeder zweite Gatte von beiden Teilen genehmigt werden und den Kaufpreis des ersten Gatten teilen oder ihm die Hälfte zurückerstatten. Doch kann der Mann noch mit einem andern Weibe, verheiratet oder nicht, eine Ehe eingehen. Scheidung ist zu allen Zeiten mit Zustimmung beider Teile zulässig.[489]Seitdem die Engländer den Kindermord streng untersagt haben, bekennen sich die Toda, wieMantegazzaberichtet, allmählich zur Monogamie; auch kannte der italienische Gelehrte einige unter ihnen, die der Polygamie huldigten.[490]
Ausser bei den Toda herrscht Polyandrie unter den Kurg oder Kudagu von Maissur, bei welchen indes die Sitte, dass die Weiber mehrerer Brüder diesen allen gemeinschaftlich angehören, immer mehr in Verfall gerät, dann unter den Völkern der Malabarküste, von wo der tüchtige französische Reisende und BeobachterL. Rousseletberichtet: Nachdem ein Mädchen einen Mann geheiratet, der ihr Beschützer und Ernährer wird, steht es ihr frei, sich noch eine beliebige Anzahl von andern Männern zu Gatten zu nehmen, welche es in der That auch sind, während der erste nur den Namen führt. Polyandrie üben an der Malabarküste auch die der Brahmanenkaste der Hindu angehörenden Naïr, welche ursprünglich Soldaten zu sein behaupten. Deshalb willPescheldie Frauengemeinschaft dieser Kriegerkaste, welcher wie den saporogischen Kosaken Ehelosigkeit als Ordensgelübde vorgeschrieben war, nicht mit eigentlicher Vielmännerei verwechselt wissen.[491]Wahr ist, dass die Polyandrie der Naïr sehr hart an rein matriarchale Zustände streift. Sie „heiraten“ nämlich, bevor die Braut zehn Jahre alt ist, aber nach der ersten Nachtwohnt der Mann nie wieder seinem Weibe bei. Diese lebt in ihrer Mutter Hause oder, nach dem Tode ihrer Eltern, bei ihren Geschwistern und begattet sich mit irgend einem Liebhaber oder mit so viel Liebhabern als sie wählt, von gleichem oder höherem Rang. Die sehr hübschen Naïrweiber sind stolz darauf, Brahmanen, Radscha und andere hochstehende Personen unter ihren Verehrern zu zählen. Nach anderen Angaben ist der Verkehr mit einer unbeschränkten Anzahl von Männern indes nicht immer gestattet, vielmehr auf zehn bis zwölf beschränkt. In solchem Falle hat die Frau ihr eigenes Haus und ihre Männer bringen abwechselnd je zehn Tage bei ihr zu. Jeder Mann kann seinerseits Mitglied mehrerer solcher Bündnisse sein. Natürlich bedingt die Vielmännerei Verwandtschaft durch das weibliche Geschlecht. Kein Naïr kennt seinen Vater, und jeder Mann betrachtet die Kinder seiner Schwester als seine letzten Erben. Er benimmt sich gegen sie mit derselben Zärtlichkeit, welche Väter in anderen Teilen der Welt ihren eigenen Kindern zeigen. Eines Mannes Mutter steht an der Spitze der Familie und nach ihrem Tode übernimmt seine älteste Schwester die Leitung. Brüder leben fast stets unter einem und demselben Dach, aber wenn einer sich von den übrigen trennt, so wird ihn stets seine Lieblingsschwester begleiten. Das bewegliche Eigentum eines Mannes wird nach seinem Tode unter die Kinder seiner Schwester geteilt; wenn aber Ländereien vorhanden sind, so fallen diese an den überlebenden Bruder. Dieses Erbrecht in der weiblichen Linie heisst „Aliga Santâna“ oder „Marumakkatâyam“. Die Naïr stehen im Rufe grosser Zügellosigkeit und Unsittlichkeit; übrigens hat der Mangel an Zurückhaltung bei den Frauen durchaus keinen nachteiligen Einfluss auf die Bevölkerung, ja es fehlt hier sogar die spärliche Fruchtbarkeit, wie sie anderen Hindu eigen ist.
Auch die Telugu oder Telinga sind Polyandristen, wie ihre Verwandten, die Reddi, die Tottiyar und die Mopla oder Mapilla. Bei allen diesen wird die Jungfrau im Alter von 16–20 Jahren einem Knaben von fünf bis zehn Jahren angeheiratet und giebt sich sofort den erwachsenen Verwandten ihres knabenhaften Gatten, den Schwiegervater mit inbegriffen, hin. Für alle Kindergilt der angetraute Mann als Vater, der, wenn er erwachsen, eine gealterte und hässliche Frau sich gegenüber hat[492]und nun, wie bei den Reddi, zur Entschädigung wiederum mit der dem unmündigen Sohne gekauften Frau leben mag.[493]Untrügliche Zeichen, dass Polyandrie noch vor kurzem bestand, finden sich in Garwhal, einer Landschaft der Nordwestprovinzen, in Sylhet und Kaschar in Bengalen; sie kommt noch, wie man sagt, vor in den Siwalikbergen, im Süden von Garwhal, und bei den Khassia in Assam, am Brahmaputra. Doch sind wir über die Sitten dieser Völker nicht genügend unterrichtet. Von den Khassia berichtet OberstDaltonz. B. bloss: „Sie schliessen ihre Ehen ohne besondere Zeremonieen und lösen sie eben so leicht.“[494]Der Mann zieht dabei nicht die Frau zu sich hinüber, sondern tritt als neues Mitglied in Familie und Besitz der Gattin ein. Bei der sehr einfachen Trennung bleiben die Kinder bei der Mutter. Ist der Thron erledigt, so geht die Herrschaft auf den Sohn der Schwester des verstorbenen oder abgesetzten Königs über. Allein alles dies sind wohl Merkmale oder Überreste matriarchalischer Zustände, deuten aber nicht notwendig auf Vielmännerei. Auf solche allerdings bezeichnende Spuren des ehemaligen Mutterrechtes stösst man vielfach bei den Bergstämmen des Brahmaputrathales. So üben bei den Garo die Mädchen das matriarchalische Recht, sich ihre Ehemänner zu wählen. Hat ein Mädchen Gefallen an einem Burschen gefunden, so teilt sie ihm mit, dass sie an einem versteckten Orte im Walde auf ihn warten würde. Sie selbst begiebt sich dorthin und nimmt für einige Tage Nahrung mit. Dort bringt das Paar eine Zeit lang zu, worauf sie in das Dorf zurückkehren und ihre Vereinigung verkünden. Sollte ein Jüngling aber sich von seinen Gefühlen hinreissen lassen und einem Mädchen seine Liebe erklären, so wird das als eine Beleidigung der ganzen Familie angesehen, welche nur durch Schweinsblut und grosse Mengen Reisbier ausgetilgt werden kann.[495]Bei den Kotsch oder Koctsch, welche zweifelsohne zu den ältesten Völkern Indiens gehören, spielen die Frauen ebenfalls eine grosse Rolle. Sie sind es, welche die Sorge für die Erhaltung des Eigentums zu übernehmen haben. Nach dem Tode einer Frau fällt das Eigentum den Töchtern zu und wenn ein Mann heiratet, so lebt er bei seiner Schwiegermutter und muss den Befehlen derselben, sowie jenen seiner Frau gehorchen. Heiraten werden von den Müttern eingeleitet, welche für den Bräutigam zehn Rupien zahlen, während der letztere nur fünf für die Braut giebt. Wenn der Gatte stirbt, so nimmt die Frau einen andern. Begeht er Ehebruch, so muss er sechzig Rupien Busse zahlen und wenn seine Angehörigen dies nicht aufbringen können, so wird er als Sklave verkauft.[496]Bei den Dafla oder Dophla endlich ist Vielweiberei und Vielmännerei gleichmässig erlaubt.[497]Stark und ausgeprägt geht Polyandrie im Schwange in Kaschmir, unter den Kulu, in Ladakh, in Kistewar und Sirmor, überhaupt in den Gegenden am Himalaya, welche an Tibet grenzen und vor allem in Tibet selbst.
Zu den Polyandristen des Himalayagebietes zählen vornehmlich mongolenähnliche, wenn auch in schwachem Masse hinduisierte Stämme, wie die Bhutia, welche als Hirten in Bhutan an der nördlichen Grenze von Assam umherziehen. Bei ihnen ist Polyandrie eine gesellschaftliche Einrichtung, artet aber, wozu sieüberhaupt neigt, nachMantegazzain „freie Liebe“ aus.[498]AuchDaltonversichert: Die Einrichtung der Ehe scheint bei den Bhutia entweder gar nicht vorhanden oder von geringem Wert zu sein, denn die Männer kümmern sich um das sittliche Verhalten ihrer Frauen gar nicht.[499]Weiterhin gegen Westen fortschreitend, begegnet man der Vielmännerei in Nepal, im Quellgebiete der Dschamna, im Bezirke von Dschaunsar (Jounsar), bei den Pahari, den Kulu und den meisten Stämmen tibetischer Rasse, soweit sie dem Buddhismus anhängen. In Dschaunsar ist, wenn der älteste Bruder heiratet, die Frau, wie auch meist anderwärts, zugleich die Gattin seiner jüngeren Brüder, obgleich die Sprösslinge höflichkeitshalber die Kinder des ältesten Bruders genannt werden. Wenn eine so grosse Altersverschiedenheit unter den Brüdern einer Familie besteht, dass z. B. bei sechs Brüdern der älteste schon herangewachsen, die jüngsten aber noch Kinder sind, so heiraten, wieDunlopberichtet, die älteren drei Brüder dann eine Frau, und haben die jüngeren das heiratsfähige Alter erreicht, so heiraten sie eine andere, beide Frauen aber werden in gleicher Weise als die Frauen aller sechs Brüder betrachtet.[500]ZuFrasersZeiten kostete eine Frau zehn bis zwölf Rupien, für den Bauer ein Betrag, den er nur schmerzlich erlegte. Mehrere Brüder kauften sich eine Frau, welche sie übrigens ohne Schwierigkeiten an Fremde vermieteten. Bei den Pahari herrscht Vielweiberei, daneben jedoch, beim ärmeren Volke, Polyandrie. Der älteste Bruder heiratet und alle seine anderen Brüder haben teil an dem Weibe; die Kinder werden gemeinschaftlich geliebt und gepflegt.[501]Von den Kindern wird bei den meisten Polyandristen am Himalaya, wieHermann von Schlagintweitmitteilt, der älteste Gatte der Mutter als Vater, die jüngeren werden als Onkel angeredet. Von den verheirateten Frauen sagt der genannte Gewährsmann, dass sie, auch wenn sienureinenMann haben, sich nicht zur Untreue verleiten lassen; die Mädchen dagegen geben sich einem ausschweifenden Lebenswandel hin.[502]Von den polyandrisch lebenden Frauen in Kulu bemerktJ. Calvert, dass sie mehr durch ihre Schönheit, als durch ihre Tugend sich auszeichnen,[503]und bestätigend sagtKarl Eugen von Ujfalvy, dass die Reisenden von Kulu die merkwürdigsten Geschichten zu berichten wissen. Man erzählte ihm sogar, dass der englischeAssistent-Commissionerstrengste Vorschriften hatte treffen müssen, um dem freien Leben der Kuluweiber zu steuern.[504]Die Ehegenossenschaften im Kululande, wo der Kindermord an Mädchen Sitte ist, leben übrigens in der besten Eintracht, die Kinder sprechen von einem älteren und einem jüngeren Vater, und sobald ein Gatte die Schuhe eines seiner Brüder vor dem Ehegemache erblickt, weiss er, dass er dasselbe nicht zu betreten hat. Man nennt dieses Vorhandensein der Schuhe auf der SchwelleDschutika tabu.[505]Wer fühlt sich da nicht auf das lebhafteste gemahnt an das, wasHerodotvon den alten Nasamonen berichtet! Übrigens kommen in Kulu in einem und dem nämlichen Dorfe Fälle von Polyandrie und Polygamie vor. So ist es auch in Ladakh oder Klein-Tibet, wo die Frau das Vorrecht geniesst, ausser der Brüdergenossenschaft, der sie als Eigentum verfällt, noch einen fünften oder sechsten Gatten nach ihrem Geschmack wählen zu können. Auch hier sprechen die Kinder von einem „älteren“ und von „jüngeren Vätern“, doch bleiben letztere in einer untergeordneten Stellung; die Sorge für die Kinder fällt allein dem ältesten zu. Ladakhs Frauen haben im Verhältnis zu denen Indiens grosse Freiheiten; sie gehen stets unverschleiert. In Lahul herrscht Vielmännerei, ob auch in Spiti ist wahrscheinlich, aber nicht erwiesen.
Am verbreitetsten vielleicht ist die Vielmännerei im buddhistischen Tibet, aber nur in den niederen Volksschichten. Die Frau darf jedoch mit den Männern, die ebenfalls stets Brüder sind, nicht blutsverwandt sein. Bei Staatsbeamten, sowie solchen, die nach dergleichen Ehrenstellen streben, scheint dort das Heiraten etwas Verhasstes zu sein, als eine schwere Last betrachtet und daher vermieden zu werden.Samuel Turner, den die Ostindische Kompanie 1783 nach Tibet sandte, meldet nämlich: „Die Häupter der Regierung, die Staatsbeamten und alle, die es zu werden streben, halten es unter ihrer Würde und nicht für ihre Pflicht, Kinder zu haben; sie glauben sich dessen überhoben und überlassen diese Mühe den Männern des Volks. Die Tibeter betrachten die Heirat als eine verdriessliche Sache und als eine störende und beschämende Last, welche die Männer einer Familie sich zu erleichtern trachten müssen, indem sie dieselbe untereinander teilen.“ Im Grunde genommen war diese Ansicht der Ehe beiläufig auch jene des Apostel Paulus.
Seltsamerweise ist in Tibet, diesem Kernlande des Buddhismus, die Eheschliessung ein rein bürgerlicher Akt, an welchem die tibetischen Priester, die die Gesellschaft der Weiber meiden, keinen Teil haben; Scheidung ist bei Zustimmung beider Teile statthaft. Der älteste Gatte ist auch hier für die Kinder der Vater, die jüngeren sind Onkel. Vor der Ehe kann das Mädchen beliebig über sich verfügen, ohne ihren Ruf zu gefährden. Mitunter geht die Polyandrie mit Geschwister-Polygamie Hand in Hand; ein junger Mann, welcher eine ältere Frau nimmt, erhält nämlich zugleich die jüngere Schwester.
Eine Heimstätte der Vielmännerei ist auch die herrliche Insel Ceylon, das alte Taprobane, dessen buddhistische Bewohner dieser Sitte früher in ausgedehntem Masse ergeben waren. Gegenwärtig kommt sie nur noch bei den singhalesischen Kandhyan vor, einer kräftigen Rasse, welche im gebirgigen Innern der Insel wohnt und bis in die jüngste Zeit sich nie mit der Bevölkerung der Ebenen vermischt hat. SirJames Emerson Tennent, dem wir ein umfangreiches und erschöpfendes Werk über Ceylon verdanken, zweifelt nicht, dass die Vielmännerei dort dereinstganz allgemein gewesen und in ein ungemein hohes Alter hinaufreicht.[506]Die englische Regierung ist seit langem eifrig bemüht sie zu unterdrücken, ausgetilgt hat sie die Sitte noch nicht.[507]In der Regel sind die Gatten Verwandte, sehr häufig Brüder. Nicht selten haben ihrer zwei oder drei eine Frau gemeinschaftlich; es soll jedoch, wieHäckelberichtet, auch Damen geben, die sich des Besitzes von acht bis zwölf anerkannten Männern erfreuen. Wenn nun schon die Vielmännerei im allgemeinen auf ein bedeutendesmoralischesÜbergewicht der Frauen hindeutet, so ist die auf Ceylon übliche doppelte Art der Heirat dafür ein weiterer Beweis: Diese beiden Heiratsmethoden sind dieDigaund dieBina. Nur bei der ersteren Form verlässt die Frau das elterliche Haus, um bei ihrem Gatten zu wohnen; die Frau kann, wenn sie will, die Trennung verlangen, aber der Mann muss einwilligen, und dann werden nur die Hochzeitsgeschenke zurückgegeben. Bei der Bina-Heirat, die auch bei den indischen Kotsch üblich, wohnt dagegen der Mann im Hause seiner Schwiegereltern und kann jeden Augenblick fortgeschickt werden, wird überhaupt mit sehr wenig Rücksicht behandelt. Die Singhalesen sagen, um die Stellung eines solchen Mannes zu bezeichnen: „Der Bina braucht in die Wohnung seiner Frau nur vier Dinge mitzunehmen: ein Paar Sandalen, um seine Füsse zu schützen, ein Talipotblatt, um sich gegen die Sonnenstrahlen zu verwahren, einen Stab, um sich daran zu halten, wenn er krank ist, und eine Laterne um sich zu leuchten. Mit diesen Vorsichtsmitteln kann er jede Stunde des Tages oder der Nacht abreisen“.[508]Der matriarchale Charakter dieser Bina-Ehe ist unverkennbar. Nicht unmöglich, dass dieselbe einst auch den Chinesen bekannt gewesen, denn der Strafkodex des Himmlischen Reiches spricht von „den durch ihre Schwiegerväter aus dem Hause vertriebenen Schwiegersöhnen“, und bedroht sowohl den Schwiegervater, wie die etwaan der Austreibung sich beteiligende Frau mit hundert Rutenstreichen.[509]
Sehr wenig bekannt dürfte es sein, dass polyandrische Gepflogenheiten im Herzen Europas noch im Schwange gehen. Das Karpatenvölkchen der Bojken ist trotz Christentum und moderner Gesetzgebung heute noch der Vielmännerei ergeben. In dem Bewusstsein dieser Stammesangehörigen ist noch nicht das GebotunsererMoral erstanden, eine Frau solle blosseinemManne angehören. Im Gegenteil, die Vielmännerei herrscht dort in der Volkssitte so sehr, dass der Ehemann selbst von der RichtigkeitdieserMoral überzeugt ist und er — verachtet das Weib seiner Liebe, wenn sie nur seine Frau allein ist. „Schäme dich, dass du nur einen Mann hast“ — diese Äusserung eines Bojken aus der Nähe von Sambor ist kennzeichnend für die Anschauungsweise des Völkchens.
Über den Einfluss der Polyandrie auf die Sitten des Volks herrschen sehr abweichende, ja geradezu widersprechende Meinungen. NachTurnerwäre derselbe kein ungünstiger. In Vergleichung mit den südlichen Nachbarvölkern geniessen die Weiber in der Gesellschaft einen hohen Rang. Mit den Vorrechten einer unbeschränkten Freiheit verbinden sie den Charakter der Hausfrau und der Gefährtin der Ehemänner. Nach Aussage der meisten Reisenden leben die Ehegenossen sehr friedlich nebeneinander, in keiner Weise von Eifersucht geplagt.Georg Boglesagt, sie neigten überhaupt wenig zur Eifersucht. Hie und da allerdings entstehe ein Streit über die Kinder, aber er werde bald beigelegt durch die Vergleichung der Gesichtszüge mit jenen der Väter — wiederum eine Erinnerung anHerodotsMitteilungen über die äthiopischen Auser — oder indem man der Mutter die Entscheidung überlässt.[510]Viel weniger günstig lautet das Urteil anderer Beobachter. Herrvon Ujfalvysagt, die Polyandrieübe jedenfalls unter den Weibern einen üblen Einfluss auf Sitte und Geist aus, denn weder in Ladakh noch in Sultanpur sind sie Muster von ehelicher Treue, und ohne positiv lasterhaft oder geldgierig zu sein, sind die Frauen dieser Länder doch sehr gefallsüchtig und flatterhaft.[511]In Südindien ist die Vielmännerei, nach der AnsichtEmil von Schlagintweits, sogar ein grosses gesellschaftliches Übel, das zu tiefem Herzeleid, Misstrauen, Eifersucht, Streit und zu Hass bis in den Tod führt, aber von den Behörden und Missionären vergeblich bekämpft wird, da die geringe Meinung, welche der Hindu der unteren Stände vom Weibe hegt, und der Eigennutz der Priester dieser Unsitte Vorschub leistet.[512]— Ich weiss nicht ob in diesem Gemälde die Farben nicht etwas allzu grell aufgetragen sind, zumal bei aller Würdigung der mit Vielmännerei verknüpften Nachteile gerade die Eintracht in den polyandrischen Haushaltungen, das Fehlen jeglicher Eifersucht das unverhohlene Erstaunen der europäischen Reisenden zu erregen pflegt. Ja, die Polyandrie hat inMantegazzasogar in gewissem Sinne einen Anwalt gefunden, der sich eben auf südindische Verhältnisse beruft: „Ich habe die Polyandrie bei den Toda im südlichen Indien beobachtet und habe die Frauen bei ihnen viel glücklicher gefunden als bei polygamen Völkern. Alles was selten ist, wird gesucht und geschätzt, und wenn die Gewohnheit die Schneide der Eifersucht abgestumpft hat, so trinken mehrere Männer ohne Widerwillen und Groll aus einer einzigen Schale der Liebe, während die immer begehrte Frau, die es immer versteht, den glücklich zu machen, welcher sie sucht, Liebkosungen und Liebesbeweise mit weisem Masse austeilt. Die Monogamie,“ fährt der italienische Gelehrte fort, „ist die einzige moralische Form der menschlichen Gesellschaft, aber wo sie wegen des niedrigen Niveaus einer Rasse nicht möglich ist, da hundertmal lieber eine polyandrische, als eine polygame Rasse, so sehr dies auch unsern Stolz als Männer demütigen mag“.[513]
Aus der in diesem Kapitel versuchten Schilderung der verschiedenen polyandrischen Zustände lassen sich, wie ich eingangs erwähnte, zwei Formen der Vielmännerei herausschälen: eine rohere und eine höhere. Kennzeichnend für letztere ist das verwandtschaftliche, in der Regel das Bruderverhältnis der Gatten; man kann sagen, nicht der einzelne, sondern die Familie beweibt sich, nimmt eine Frau. Hat ein Mann keine Brüder, so muss er sich mit andern Männern vergesellschaften und nur dann kann er heiraten; andernfalls bleibt er Junggeselle sein Leben lang.[514]Roher ist jedenfalls die Form, wo das Weib sich beliebige Gatten wählt. Beide Arten Vielmännerei treten aber sowohl neben endogamen, als exogamen Gewohnheiten auf, wie ja auch das die Grundlage bildende Matriarchat sich gleichfalls schon der ursprünglichen Endogamie entwunden hat und auch im Bereiche der Exogamie erscheint. Überall nun, wo die Polyandrie zur zweiten, höheren Stufe aufgestiegen, ist auch schon zumeist die agnatische Erbfolge üblich, ohne dass das Kind seinen wirklichen Vater zu bezeichnen im stande wäre. Wo dagegen die Gatten untereinander durch keine Verwandtschaftsbande verknüpft sind, wie bei den Naïr, dauert die mütterliche Erbfolge fort.[515]
In Indien will man die interessante Erfahrung gemacht haben, dass, wo Polyandrie herrscht, die männlichen, wo Polygamie dagegen, die weiblichen Geburten an Zahl grösser seien, so dass sich gewissermassen die Natur den menschlichen Satzungen anzubequemen scheine.[516]Auf Ceylon z. B. sollen auf je zehn Knaben bloss acht bis neun Mädchen zur Welt kommen. Da aber in den Haremen Siams nachCampbellKnaben und Mädchen in den gleichen Zahlenverhältnissen geboren werden, wie bei monogamen Verbindungen, so hältPeschelden obigen Satz für widerlegt, zumal auch die Erfahrungen der Tierzüchter dieser Vermutung nicht günstig sind.[517]Desgleichen hat Dr.Dusingeine Menge Thatsachen zusammengetragen, welche seiner Aufstellung viel Wahrscheinlichkeit verleihen, dass bei anormalen Sexualverhältnissen stets mehr Wesen jenes Geschlechtes geboren werden, an denen es mangelt, so dass mit Hilfe dieser Eigenschaft das Verhältnis der Geschlechter sich von selbst regelt.[518]Dies schliesst nicht aus, dass ein Missverhältniskünstlichhervorgerufen werden kann, wie dies z. B. durch systematischen Mädchenmord bei einzelnen Rassen oder Stämmen thatsächlich geschieht. Unzweifelhaft leistet aber Weibermangel der Vielmännerei Vorschub. Die aus der Koromandelküste nach Malakka, Singapur, Java u. s. w. auswandernden tamulischen Kling z. B. bringen nur wenig Frauen mit und deshalb ist auch Polyandrie bei ihnen allgemein.[519]Auf Mallicollo, einer der Neuhebriden, ist ein solcher Mangel an Weibern, dass zuweilen je zwei Männer nur eine Frau besitzen.[520]
Im übrigen wird der Ursprung der für den Europäer so befremdenden und widerwärtigen Sitte der Polyandrie von den meisten auf Sparsamkeitsrücksichten zurückgeführt. In Tibet, in Kulu u. s. w. sind die bebaubaren Bodenstrecken von sehr geringer Ausdehnung; der Besitz ist demnach ein sehr beschränkter und würde, infolge einer fortgesetzten Teilung, sich so vermindern, dass er in kürzester Zeit nicht mehr im stande wäre, den Besitzer zu ernähren. So ist also nachHarcourtundRousseletdie Polyandrie eine rein nationalökonomische Einrichtung. Dieser Meinung pflichten auchFrederick Drew,Hermann von Schlagintweit,Karl von Ujfalvy, Dr.H. W. Bellewzu, welch letzterer die Vielmännerei in Kaschmir ebenfalls aus der geringen Ausdehnung des bewohnbaren Bodens erklärt,[521]und auchMantegazzasieht in ihr fast immer eine Folge von Armut; sie ist ihm zufolge dem ganz malthusischen Bedürfnisse entsprungen,die starke Vermehrung der Bevölkerung zu beschränken.[522]In vielen Fällen mag man diese Begründung gelten lassen, zu einer allgemeinen, befriedigenden Erklärung der Sitte reicht dieselbe meines Erachtens nicht aus. Ich befinde mich hier in Übereinstimmung mitHerbert Spencer, welcher die Vielmännerei ebenfalls nicht auf Armut zurückführen will, obgleich letztere, wie er einräumt, in gewissen Fällen Ursache ihrer Fortdauer und ihrer Ausbreitung gewesen sein mag.[523]Ceylon ist zwar auch ein armes Land und ein schlechter Ackerboden,[524]aber es sind vornehmlich die reicheren Stände, welche dort Vielmännerei üben,[525]und die Balti in Tibet haben als Muhammedaner die Polyandrie mit der Polygamie vertauscht, obschon sie dieselben ökonomischen Gründe für die erstere hätten, wie die Tibeter und Ladakhi, denn der anbaufähige Boden ist sehr beschränkt.[526]SirJohn Lubbockerblickt in der Polyandrie eine ausnahmsweise Einrichtung, die gewöhnlich die Beseitigung der Übelstände bezweckt, welche da entspringen, wo bei ursprünglich herrschender Monogamie ein grosser Mangel an Frauen ist.[527]Gewiss ist dies ebenfalls ein ins Gewicht fallender Gesichtspunkt, undMantegazzaerkennt denselben an, wenn er sagt: Die Polyandrie kann nur in einem Lande als normale und beständige Form der menschlichen Familie herrschen, wenn sie durch den Mord der neugeborenen Mädchen unterstützt wird.[528]Diese Einschränkung schiesst allerdings über das Ziel hinaus, insofern Mädchenmord durchaus kein regelmässiger Begleiter polyandrischer Zustände sein muss.Mantegazzaselbst weiss nichts davon bei den polyandrischen Bhutia; in Ladakh hatDrewtrotz aller Nachforschungen nichts über allenfalsige Mädchenmorde erfahren können. Andrerseits wütet diese Sitte unter den Radschputen,und diese sind keine Polyandristen. Mag nun auch Armut des Boden einerseits, natürlicher Mangel an Frauen andererseits immerhin das seinige zur Entwicklung der Vielmännerei beigetragen haben, ihre wahre Grundlage ist eine tiefere; sie wurzelt inälterenVerhältnissen.LippertsVerdienst ist es, als kulturgeschichtlich unrichtig aufgedeckt zu haben, dass auch innerhalb endogamischer Zustände das Prinzip der Blutsverwandtschaft ursprünglich auch dasjenige der Konnubialgrenzen begründet habe. Im Gegenteile beruhte auf der Idee der Blutsverwandtschaft diejenige der Berechtigung zum Geschlechtsverkehre in unbeschränktestem Masse. „Es sind vielmehr wiederum nur die Generationsschichten über und untereinander, deren Scheidemarken sich, wie nach vielen anderen Richtungen hin, so auch in den konnubialen Verhältnissen allmählich geltend machen, wohingegen Geschlechtsverbindungen innerhalb derselben Generationsschicht, zwischen Brüdern und Schwestern, nicht nur keine Beschränkung erleiden, sondern vielmehr als der absolut normale Zustand gelten.“[529]Und auf diesen Untergrund weist die Mehrzahl der Fälle bis heute noch als Volkseinrichtung erhaltener Polyandrie zurück. Im Grunde sagt nichts anderes auchHerbert Spencer, wenn er „die Polyandrie als eine der Formen von ehelichen Beziehungen betrachtet, welche sich aus den ursprünglichen ungeregelten Zuständen hervorarbeiten, und zugleich als eine Form, die sich noch da erhalten hat, wo andere mit ihr wetteifernde Formen von den Umständen nicht begünstigt wurden und sie daher noch nicht zu beseitigen vermochten.“[530]