Zeichen der Unruhe

Erster TeilZeichen der Unruhe„Das Thema der Ehe wird zu sehr im Dunkel gehalten. Laßt freie Luft ein! Laßt freie Luft ein!“George Meredith.I.Die Unbefriedigtheit der Geschlechter„Das Gespenst der Ehe harrt, entschlossen und furchtbar, an den Kreuzwegen.“R. L. Stevenson.Seit Frau Mona Caird die Institution der Ehe in der Westminster Review angriff und der großen Diskussion im Daily Telegraph über die Frage: „Ist die Ehe ein Mißgriff?“ Bahn brach, ist die Ehe die immerwährende, unversiegbare Quelle für Zeitungs­briefecken und verbrauchte Subredakteure gewesen. In der flauen, sauren Gurkenzeit braucht der niedrigste Zeitungsskribent nur eine Spalte über dieses Thema loszulassen und gleichviel, ob es eine ernste Abhandlung über „Die Vollkommenheit der Polygamie“ oder eine banale Diskussion über das Thema: „Sollen die Ehemänner den Tee zu Hause trinken?“ ist, es wird unvermeidlich das gewünschte Resultat erzielen und die unzähligen Spalten der Zeitung wochenlang mit Zuschriften versehen. Die Leute interessieren sich immer für die Ehe, entweder vom objektiven oder subjektiven Standpunktaus, und das mag mich entschuldigen, wenn ich noch ein Buch über dieses abgedroschene, jedoch immer fruchtbare Thema wage.Das Ehethema scheint jetzt mehr denn je in der Luft zu liegen, überall wird es diskutiert, und sehr wenige Leute haben etwas Gutes darüber zu sagen. Der oberfläch­lichste Beobachter muß gemerkt haben, daß in der Mehrheit eine wachsende Furcht vor dem Ehejoch, besonders unter den Männern besteht, und eine wesentliche Unzufriedenheit und Unruhe unter den verheirateten Leuten, besonders unter den Frauen. Was ist mit dieser Generation geschehen, daß die Ehe in ihren Augen so abschreckend wirkt? Von allen Seiten hört man, wie sie herabgesetzt und ihre Notwendigkeit in Frage gestellt wird. Von der Kanzel bemüht sich die Geistlichkeit, die Heiligkeit der Institution aufrecht zu erhalten, und ermahnt unaufhörlich jede Gemeinde, sie zu achten und heilig zu halten. Aber die Berichte der Ehegerichtshöfe liefern eine bedenkliche Lektüre, und jeder Rechtsanwalt wird aus seinen persön­lichen Erlebnissen erzählen, daß die glücklichen Verbindungen bedeutend in Abnahme begriffen sind, und einige der größten zeitgenössischen Denker stimmen einen Chor der Verdammung gegen die Ehe der Jetztzeit an.Tolstoi sagt: „Die Beziehungen zwischen den Geschlechten suchen eine neue Form, die alte zerfällt inStücke“. In dem handschrift­lichen Nachlaß Ibsens, jenes tiefen Kenners der mensch­lichen Natur, kommt die folgende bemerkenswerte Stelle vor: „Das Wort ‚freigeborene Menschen‘ ist eine retorische Phrase, sie existieren nicht, denn die Ehe, das Verhältnis zwischen Mann und Weib, hat die Rasse verdorben und allen das Zeichen der Sklaverei aufgedrückt.“ Vor nicht langer Zeit erregte auch der größte Moralist des neuen England, George Meredith, eine ungeheure Sensation durch seinen Vorschlag, daß die Ehe ein zeitweises Abkommen mit einer Minimalfrist von, sagen wir, zehn Jahren sein solle.Es ist klar, daß die Zeit für eine solche umstürzlerische Änderung noch nicht gekommen ist, aber wenn die Anzeichen und Symptome der letzten zwei Jahrzehnte nicht trügen, können wir mit Sicherheit annehmen, daß die Zeit dafür kommen wird und daß die gegenwärtigen gesetz­lichen Bestimmungen des Ehebandes in irgend einer Weise abgeändert werden müssen.Vor fünfzehn Jahren gab es eine plötzliche umstürzlerische Strömung gegen diese Bestimmungen und ein erneutes Interesse an der sexuellen Frage zeigte sich in dem Emporwuchern von „Tendenzromanen“, eine Bezeichnung, die später als Vorwurf angewendet wurde. Ich kann mich erinnern, wie ich als Schulmädchen die durch ein solches Buch hervorgerufeneErregung mitmachte und bitter enttäuscht war, als meine erzürnte Gouvernante, die sich für dieses reizvolle Thema offenbar nicht zu interessieren schien, mir das Buch strengstens verbot. Eine Schar von Nachahmern folgten diesen ersten literarischen Verstößen. Einige davon waren total unliterarisch, und alle boten einen unfehlbaren Wegweiser durch das verwirrende Labyrinth der Ehe. Noch ärger war die darauf folgende unvermeidliche Reaktion, als der Realismus in der Dichtung in Acht und Bann erklärt wurde und die krankhafte Romantik das Feld beherrschte. Der Kultus der Familienliteratur war bald wieder in vollster Blüte. Dann folgte eine Lawine von unerträglich albernen und kindischen Zeitschriften, in denen das Wort „Geschlecht“ direkt verrufen und das erstrebte Ideal offenkundig das gerade Gegenteil des wirklichen Lebens war. Sonderbar, wie plötzlich das sexuelle Thema aus den Spalten der Presse verschwand. Die Psychologie war abgetan und die Intriguen waren an der Tagesordnung. Viele damals wohlbekannte und als feine Charakter­schilderer renommierte Autoren verschwanden von den Inhalts­verzeichnissen der Zeitschriften und den Verlegerlisten, während seichte Schriftsteller,die weitschweifige Detektive- und Abenteurer­geschichten erzählen konnten, in die Halme schossen.Es fehlt nicht an Symptomen, daß das Pendel des öffent­lichen Interesses nun wieder zurückgeschwungen hat, eine Strömung des Realismus in der Dichtung kommt auf und die Forderung der Neugestaltung der Ehebande dürfte demnächst erhoben werden. Jedoch das Pendel wird noch oft hin und herschwingen müssen, bevor es den Beziehungen zwischen den Geschlechtern gelingen wird, jene neue Form zu finden, von der Tolstoi spricht. Es bleibt abzuwarten, was die eben erwähnte Wiederbelebung ausrichten wird. Was erreichte die letzte Agitation? Im Praktischen nichts. Einige wenige Frauen mögen zu ihrem unauslösch­lichen Kummer angeregt worden sein, in den Fußstapfen der Herminia aus Grant Allens Roman zu wandeln. Und eine Menge frühreifer junger Mädchen, die die Literatur jener Tage gelesen haben, verursachen möglicherweise ihren Eltern einige Angst durch ihre revolutionären Ideen über den Wert des heiligen Ehestandes. Aber welche von jenen vorgeschrittenen Dämchen erinnerte sich an die Bergpredigt als das für das weibliche Herz so unwiderstehliche Trio nahte — der Ring, die Ausstattung und das eigene Heim — ganz zu geschweigen von dem zuverlässigen, gewichtigen in Aussicht stehenden Gatten? Jedoch sind in den vierzehn Jahren, die seit dem Erscheinen der „Frau, die es tat“ verflossen, gewiß einige Änderungen vorgegangen.Vor allem ist es offenbar noch schwerer, sich anständig durchzubringen. Die Zeiten sind schlecht und das Geld selten. Die Männer sind jetzt sogar noch mehr abgeneigt, dem trällernden Engel durch die Heirat ein Heim zu bereiten, und es ist ein Typus von Frauen entstanden, der der Ehe scheu gegenüber steht und ihre vielen Gefahren um ihrer problematischen Freuden willen herzlich ungern riskiert. Das Bemerkenswerteste von allem ist die wachsende gegenseitige Unbefriedigtheit der Geschlechter. Die Männer vermeiden die Ehe nicht nur wegen ungünstiger finanzieller Verhältnisse oder weil die Beschränkungen des Ehejochs ihnen irgendwie lästiger sind als früher, sondern weil sie die Frau nicht finden können, die sich ihrem Ideal genügend nähert. Die Frau hat in den letzten zwei Generationen solche Fortschritte gemacht, ihr Gesichtskreis hat sich so erweitert, ihr Geist so entwickelt, daß sie sich sehr weit von dem Ideal des Mannes entfernt hat und der Mann daher zögert, sie zu heiraten. Es liegt etwas Komisches in dieser Situation und ich bin überzeugt, daß die Götter an der olympischen Tafel über diese verfahrene Ehe des zwanzigsten Jahrhunderts lachen würden.Ein anderer Grund, warum sich die Männer um soviel seltener verlieben als früher, muß zum großen Teil dem Niedergang der Phantasie zugeschriebenwerden, und obgleich die Frauen in der Hauptsache ebenso sehr zu heiraten trachten wie nur je und es allgemein bekannt ist, daß sich die modernen jungen Frauen um den modernen jungen Mann übermäßig bemühen, haben die Beweggründe für dieses Treiben nichts mit den durch die Zeit geheiligten Liebesmotiven zu schaffen. Die Ehe bringt Unabhängigkeit und eine gewisse gesell­schaftliche Stellung: aus diesen Gründen begehren die Frauen sie. Marriot Watson hat dies in knapper Weise ausgedrückt: „Die Frauen wolleneinenMann heiraten, die Männer heiratendasWeib.“ Nichtsdesto­weniger sind die Frauen selbst jetzt mehr geneigt, sich zu verlieben als die Männer, weil sie jene Fähigkeit der Einbildungskraft besser bewahrt haben, welche möglicherweise auch den Grund der Enttäuschung und der Unzufriedenheit der Frauen in der Ehe bildet.Das Ende von all dem ist, daß die Männer und die Frauen einander entgegengesetzt geworden zu sein scheinen. Wie sehr sie auch das Geschöpf ihrer Phantasie lieben, scheint eine Art verhüllten Mißtrauens zwischen den Geschlechtern im großen und ganzen, aber besonders auf seiten des Mannes vorzuwalten — vielleicht, weil der Mann der Frau nötiger ist, als die Frau dem Mann. Diese Feindseligkeit gegen die Frau kann man besonders in den Spalten der Tagespressebeobachten. Es vergeht kaum eine Woche, daß nicht ein Journalist des edleren Geschlechtes seinen Spott über das untergeordnete Geschlecht, dem seine Mutter angehört, in spaltenlangen, meisterhaften Schmähungen über diese oder jene Eigenschaft ergießt. Jedem Artikel folgt eine leiden­schaftliche Korrespondenz, in welcher „ein überdrüssiger Papa“, „ein hoffnungsloser Ehemann“, „ein eingeschüchterter Bruder“ und der unvermeidliche „Zynikus“ dem Verfasser die lebhafteste Zustimmung zollen, während eine „glückliche Mutter von sieben Töchtern“ und ein „Verehrer des schönen Geschlechts“ in verschiedenen Zuschriften seine sofortige Abschaffung und öffentliche Ungnade verlangen.Die Liste der Fehler, welche die Männer an den Frauen finden, ist endlos. Der eine behauptet, daß die Frauen bloß häusliche Maschinen sind und ungeeignet, einem intelligenten Mann Gefährtin zu sein, da sie sichnichtüber die ihre Dienstboten und Kinder betreffenden Gespräche erheben können; ein anderer behauptet, daß sie bloße Blaustrümpfe sind, die nach einer unerreichbaren Geistigkeit streben; ein dritter, daß sie nur leichtfertige Puppen ohne Herz und Geist sind, die in der Jagd nach Vergnügungen ganz aufgehen; und ein vierter, daß sie geschlechtslose, derbe, schlecht­gekleidete männliche Ungeheuer sind.Nach den Behauptungen der Verfasser der Zeitungszuschriften zu urteilen, sind die Frauen zugleich abgeschmackt männlich, jämmerlich weiblich, lächerlich geistig, abstoßend athletisch und aufreizend leichtfertig. Dem Äußern nach sind sie entweder dürre, hagere, plattfüßige Laternenpfähle, oder aufgeputzte, verschnürte, geschminkte Puppen. Ihre Extravaganzen lassen sich nicht wiedergeben. Wenn sie zu jener Klasse der Gesell­schaft gehören, die man gewöhnlich unter Gänsefüßchen anführt, dann rauchen, trinken, spielen und fluchen sie unaufhörlich. Sie vernachlässigen ihre Kinder und ihr Haus, sie haben wenig Prinzipien und noch weniger Vernunft, keine Moral, kein Herz und absolut keinen Sinn für Humor.„Aber“, wird der aufmerksame Leser vielleicht ausrufen, „das ist ja nichts Neues. Seit der erste Mann aus der ersten Klemme dadurch herauskam, daß er der einzigen verfügbaren Frau die Schuld zuschob, ist die Frau immer das Lieblingsventil für die Mißlaunigkeit des Mannesgewesen.“ Allerdings kann die Zeit nicht die unendliche Mannigfaltigkeit der weiblichen Vergehen aufheben, wie sie sich in den Augen des Mannes spiegeln. Die Tradition hat das Thema geweiht, und die Gewohnheit erhält es. Und wenn die Posaune des jüngsten Gerichtes erschallen wird, wird der letzte lebende Mann darüber murren, daß das Weibin seinem abscheu­lichen Eigennutz ihn allein gelassen hat, und der letzte Tote, der auferstehen soll, wird beim Erwachen darüber fluchen, daß seine Frau ihn nicht früher geweckt hat!Aber früher bemängelte der Mann die Fehler der Frau mehr in Form einer geistreichen Neckerei, so wie man die Seinen manchmal liebevoll verlacht. Es lag in seinen Schmähartikeln fast immer etwas von guter Laune, die jetzt fehlt. An ihrer Stelle kann man jetzt Bitterkeit und eine direkte Animosität bemerken. Die Männer nehmen den Aufstand der Frauen gegen die von den Männern geschaffenen Bedingungen offenbar ungnädig hin, und sie revanchieren sich dafür dadurch, daß sie sich weit seltener verlieben und sich noch mehr sträuben, in den Hafen der Ehe einzusegeln.Sie kommen aber doch hinein, wenn auch in anderer Gemütsverfassung. Furchtsam und zitternd legt der verzagte moderne Liebhaber seinen neuen Frack an und schreitet zaudernd auf jenen Kampfplatz zu, wo ihn strahlend und siegreich das entschlossene Wesen erwartet, dessen Wille ihn soweit gebracht hat. Nein, nicht ihr Wille, sondern der geheimnisvolle Wille der Natur, der, stetig und in seinen Absichten unerschütterlich, sich nicht um unseren sexuellen Hader und den Verlauf unserer kleinlichen Liebeleien und Gehäßigkeiten kümmert. Die bombardierte, geschmähte, durchviele tausend Angriffe verwundete und mit den Sünden vonJahrhundertenbefleckte Institution der Ehe blüht weiter, denn, wie Schopenhauer sagt: „Die zukünftige Generation in ihrer ganzen individuellen Bestimmtheit ist es, die sich mittelst jenes Treibens und Mühens ins Dasein drängt.“ Der „Wille zum Leben“ wird immer das letzte Wort haben.II.Warum Männer nicht heiraten„Wenn ihr die Auslese der Menschheit haben wollt, nehmt einen guten Hagestolz und eine brave Frau.“„Es gibt wahrscheinlich nicht Hitzköpfigeres und Tolleres in dem Leben eines Mannes als die Verheiratung.“R. L. Stevenson.„Was immer man auch gegen die Ehe sagen mag, sie ist jedenfalls ein Experiment.“Oscar Wilde.„Alle Männer verheiraten sich und keines derMädchen,“ solleine flatterhafte Dame einmal gesagt haben, und man versteht, was sie damit ausdrücken wollte. In einer Zeitungsbriefecke über die Ehe las ich einmal folgende bemerkenswerte Stelle: „Heutzutage ist es ganz anders, als wie ich ein Mädchen war. Damals hatte jeder Bursche seinen Schatz und jedes Mädchen ihren Anbeter. Jetzt scheint es mir, daß die Burschen keinen Schatz brauchen, und die Mädchen keinen Anbeter finden können. Auf einen jungen Mann, der die ernste Absicht hat, ein Mädchen zu heiraten, gehenzwanzig, die mit dem Mädchen bloß spielen, ohne darauf zu achten, daß es kompromittiert wird. Die Zeiten sind ungalant und bedürfen einer Verbesserung.“ Dieser Brief ist unterzeichnet: „Eine Arbeiterfrau“. Es ist klar, daß er von einem Mitglied der Zeitungsgilde geschrieben wurde, welches der Signatur durch Anwendung des gewöhn­lichen Ausdrucks „Anbeter“ eine genügende Wahrschein­lichkeit zu verleihen glaubte. Aber trotz der Niederschrift auf Kommando sind die Behauptungen darin nur zu wahr: Die Zeiten sind wirklich ungalant und werden es immer mehr.Vor nicht langer Zeit war ich in einer heiteren Gesell­schaft, wo über die Tendenzen des modernen Mannes, nicht zu heiraten, diskutiert wurde. Jemand versetzte alle anwesenden Männer in gute Laune mit der Mahnung, daß ein Mann „dadurch, daß er hartnäckig ledig bleibt, sich in eine fortgesetzte öffentliche Versuchung verwandelt“. Und da fünfzehn Junggesellen anwesend waren, wurde das Gespräch natürlich persönlich.Einer, den ich Vivian nennen will, bemerkte galanterweise, daß alle reizenden Frauen verheiratet seien, und er so gezwungenermaßen ledig bleiben müsse. Ich erfuhr zufällig, daß er in eine verheiratete Frau gründlichst verliebt ist. Ein anderer, Lucian, ein sehr schöner und beliebter Mann in den Dreißigern, sagte, daß erdie ernste Absicht habe, eines Tages zu heiraten, aber daß er vorher noch einige Jahre der Freiheit genießen wolle. Dorian behauptete ernstlich, daß er auf meine Tochter warten wolle (die jetzt achtzehn Monate alt ist), aber ich weiß im Vertrauen, daß sein Fall ähnlich dem Vivians ist. Hadrians Verheiratung wäre wegen seiner Gesundheit ein Verbrechen. Wir wußten das alle, und so fragte ihn niemand darum. Dieselbe Diskretion wurde in bezug auf Julian beobachtet, von dem es allbekannt ist, daß er ein „unseliges Verhältnis“ geschlossen und praktischerweise nicht das Recht hatte, zu heiraten. Florian hat vor einigen Jahren einen Korb bekommen und ist nun scheu und mißtrauisch gegen das schöne Geschlecht, was wirklich sehr schade ist, da er zu jener Art von Männern gehört, die für das Heim und die Familienfreuden wie geschaffen sind, und er eine Frau sehr glücklich machen würde.Von Augustin und Fabian kann man wohl behaupten, daß „sie zu viele kennen gelernt haben, um bei einer bleiben zu wollen“ — Und ich fürchte wirklich, daß sie sich für die Ehe verdorben haben, wenn nicht in jenem alten Spruche Wahrheit liegt, „daß ein gebesserter Lebemann den besten Ehemann abgibt.“ Endymion kommt alles in allem nicht in Betracht, da seine blauen Augen und seine breiten Schultern sein einziges Vermögen bilden. Er schlägt genügendKapital aus diesen Beigaben, sie bringen ihm reichlich weibliche Gunst ein, aber sie genügen kaum, um eine Frau zu erhalten.Claudian möchte wirklich gerne heiraten, aber er leidet unter einer verhängnisvollen Treulosigkeit, und wie er sehr einladend erklärt, kann er ein Mädchen nicht so lange lieben als die Vorbereitungen zur Heirat dauern. Er ist sicher, daß er eines Tages von irgend einer entschlossenen und wahrscheinlich wenig zu ihm passenden Frau geangelt und widerstrebend zum Altar geführt werden wird. Galahad will nicht heiraten, bis er nicht die „Eine, die Wahre, die Einzige“ gefunden haben wird, und ich fürchte, aus ihm wird kein Ehemann mehr, denn der arme Galahad trägt schon Brillen und einen Kahlkopf. Seine Anhäng­lichkeit an ein unerreichbares Ideal verspricht, ihm sein Leben zu verderben.Als ich an Aurelian die Frage stellte, lächelte er so hämisch, daß er mehr denn je einem erbitterten Geier glich und bemerkte, daß er im Begriff sei, seine Anträge zu überdenken und sich noch nicht klar sei, welche der beste ist. Da die Tatsache, daß er von sieben Frauen abgewiesen wurde, allen bekannt ist, so bewundern wir wirklich alle die Hartnäckigkeit seiner Pose als Herzensbrecher. Man weiß sogar von ihm, daß er sich selbst leiden­schaftliche Briefe in verstellter Handschrift schreibtund geschickt fabrizierte Tränen hie und da auf sie fallen läßt, um diesen Meisterstücken von Verliebtheit, die er als Beweis seiner vielen Eroberungs­geschichten benützt, einen Anschein größerer Wahrschein­lichkeit zu geben. Wenn die Tränen trocken sind, so sehen sie äußerst natürlich aus. Freilich ist es ein Kniff, den jedes Schulmädchen kennt, aber ich habe nie zuvor einen Mann gekannt, der zu ihm Zuflucht genommen hätte, und hoffe auch nie wieder einen kennen zu lernen.Cyprian und Valerian geben als Grund für ihr fortgesetztes Jungesellentum die Tatsache an, daß es ihnen in dieser Verfassung zu gut gehe, und sie nie das Bedürfnis nach einer Gattin gefühlt hätten. Der letztere fügte hinzu, daß, wenn er gerade das „eine Mädchen“ finden würde, er ja die Sache überdenken könnte, aber wie die Dinge stünden, zöge er die Gewißheit den Chancen vor und wolle kein Risiko eingehen. Unter uns gesagt, sind sie beide sehr selbstbewußt und egoistisch und ich glaube nicht, daß irgend eine Frau viel an ihnen verloren hat.Der vierzehnte Jungeselle war Bayard, der zu einem sehr trostlosen Liebhabertypus gehört. Fast alle Frauen sind zu ihrem Leidwesen von ihm angelangweilt worden. Er hat die lästige Gewohnheit, überall und jedem weiblichen Wesen gegenüber seiner Sehnsucht nach einer Ehe idealster Sorte Ausdruck zu geben undjungen, im sicheren Hafen der Ehe gelandeten Frauen in weitschweifigster Weise anzuvertrauen, wie sehr er sich darnach sehne, einen Platz in dem Herzen einer guten Frau einzunehmen, und welch großer, reiner, leiden­schaft­licher und ungestümer Liebe er fähig sei. Er hat geradezu etwas Sympathie­erregendes und seine Haltung ist natürlich sehr anziehend für harmlose ältere Mädchen. Er ist immer in höchst bedroh­licher Weise in solche Beziehungen verstrickt, paradiert aber sehr mit seiner Armut und macht sich wieder glücklich frei, wenn die Angelegenheit einen kritischen Punkt erreicht hat, gewöhnlich ohne irgendwelche mißliebige Auseinander­setzungen. Wenn jedoch die Dinge schon zu weit gediehen sind, um das zu ermöglichen, kann er ein Zurücktreten immer ganz leicht dadurch gestalten, daß er sagt: „Ich liebe dich zu sehr, mein Schatz, um dich mit in die Armut hinein zu ziehen.“ Wie viele Mädchen haben nicht, im tiefsten Herzen verwundet, diese abgedroschene Lüge mit anhören müssen, wo sie doch mehr denn je gewillt waren, seinetwegen arm zu werden, zu kargen, zu sparen und zu verzichten. Nicht etwa, daß Bayard und seinesgleichen eine solche Ergebung einflößen! Ich meine, daß die Hauptbestandteile dieser besonderen Ausrede von sehr vielen unverheirateten Männern heutzutage als der Grund ihres Junggesellentums angegeben werden.Im allgemeinen gesprochen gibt es zwei Hauptgründe, warum die Männer nicht heiraten: 1. weil sie noch nicht die Frau gefunden haben, für die sie sich genügend interessieren, 2. — und diese bilden die Majorität —, weil sie zu selbstsüchtig sind. Natürlich drücken die Männer das anders aus; wie Bayard sagen sie, „sie können es nicht erschwingen.“ Sie denken an all die Dinge, die sie aufzugeben hätten, und wie schwer es ist, heutzutage genug für sein Vergnügen zu haben, wie unmöglich es dann sein würde, wenn man noch eine Frau und eine Familie dazu zu erhalten hätte; wie sie das Pokerspiel aufgeben, einen billigeren Schneider finden und an Golfbällen sparen müßten. Sie schaudern bei dieser Aussicht zusammen und entscheiden in der ausdrucksvollen, üblichen Sprechweise des Tages, daß „sie es nicht dick genug haben.“ Die Dinge, welche über allem Preis stehen, werden gegen jene gewogen, die man mit Geld erkaufen kann und — für nötig findet.Es wäre jedoch die größte Tollheit, wenn man unkluge Heiraten ermutigen wollte, die ohnedies schon eine Quelle von so viel Elend sind, und natürlich beziehen sich meine Ausführungen nicht auf die echte Armut jenes Mannes, der es sich wirklich nicht leisten kann, zu heiraten. Für ihn habe ich wirkliche Sympathie, denn er vermißt die besten Dinge des Lebens,wahrscheinlich ohne eigene Schuld. Dasobengesagtebezieht sich einzig und allein auf den Mann des Mittelstandes, der es sich erlauben könnte, zu heiraten, wenn er sich selber weniger und irgend eine Frau mehr lieben würde. Fünfhundert Pfund im Jahr ist z.B. ein ganz nettes Einkommen für einen Junggesellen, der nicht direkt zur „Gesell­schaft“ gehört. Mit dieser Summe kann ein Mann des Mittelstandes ganz gut auskommen, wenn er keine besonders kostspieligen Laster oder Passionen hat. Freilich aber verlangt es Selbstverleugnung, wenn er damit für Frau und zwei oder drei Kinder sorgen soll. Das bedeutet ein kleines Haus in einer der billigeren Vorstädte anstatt einer Junggesellen­wohnung in der Stadt, Omnibusse anstatt Mietwagen, Galeriesitze anstatt Sperrsitze, einen vierzehntägigen Familien­aufenthalt in Broadstairs anstatt eines einmonat­lichen Aufenthaltes zum Fischen als „garçon“ in Norway. Es bedeutet, daß man keine Soupers mehr im Savoyhotel hat, keine Wochenenden mehr in Paris verbringt und nicht mehr auf einen Sprung nach Monte Carlo hinüber rutscht. Aber es kann durchgeführt werden und glücklich durchgeführt werden, vorausgesetzt, daß ein Mann die Liebe über den Luxus stellt. Fast jeder Mann kann es sich leisten, zu heiraten, — und zwar die richtige Frau.Freilich, wenn ein Mann noch die „Frau seiner Träume“ zu finden gedenkt, dann ist alles gut. Aber nur die verächtliche Ausrede Bayards hat mich so empört. Wenn die Männer die Wahrheit sagen wollten, wäre das alles nicht so schlecht. Aber dem alten Adam gleich, schieben sie wie gewöhnlich die Schuld den Frauen zu und sagen: „Die Mädchen erwarten heutzutage zu viel. Es ist unmöglich, genug Geld zu verdienen, um sie zu befriedigen“. Das ist eine der vielen Lügen, die die Männer über die Frauen ausstreuen, oder sie befinden sich vielleicht selbst in einer Täuschung und glauben wirklich an die Wahrheit dieser Behauptung. Nun, klären wir sie auf! Die Mädchenerwartennicht zuviel. Sie sind ganz geneigt, arm zu sein, wie ich es vorhin sagte, wenn sie nur den Mann genug lieb haben. Jedenfalls, sobald sie jenes Stadium erreicht haben, wo sie der wirklichen Dinge des Lebens bedürfen, da werden sie Weibtum und verhältnis­mäßige Armut dem Wohlstand und dem leeren Herzen in ihrem elterlichen Heim vorziehen. Mit einem Wort, sie würden lieber „abgearbeitete Frauen als ruhelose alte Jungfern“ sein.Eine andere Täuschung, welche die Männer über die Frauen ausstreuen, ist die, daß sie zu vergnügungs­süchtig sind, um daheim zu bleiben. Wie oft hört man Behauptungen wie folgende: „Juno Jones wird keinegute Frau sein. Sie spielt den ganzen Tag Golf.“ Oder: „Ich könnte mir’s nicht leisten, Sappho Smith zu heiraten. Sie schwärmt zu sehr für schöne Kleider und fürs Theater.“ Gott helfe dem Mann! Was haben denn die armen Mädchen anderes zu tun? Sappho hat eine Vorliebe für feine Kleider und fürs Theater. Sie füllt ihr leeres Dasein mit diesen Dingen aus, so gut sie kann. Juno hat den langen lieben Tag nichts zu tun, aber sie geht sehr gern ins Freie, und so konzentriert sie ihre prächtige Kraft auf ein Spiel mit Stock und Ball, weil jedweder tätige Anteil an dem großen Spiel des Lebens ihr versagt ist. Heiratet sie, wenn sie euch mag, und ihr werdet sehen, was für einen guten Kameraden ihr an ihr haben werdet, und was für prächtige Kinder sie euch schenken wird. Oder heiratet Sappho, und ihr werdet finden, daß sie nie andere als einfache, in euren Mitteln liegende Vergnügungen haben will, so lange ihr gut zu ihr seid und sie so liebt, wie sie geliebt zu werden wünscht. Sie wird sich ganz gern ihre Kleider selbst machen und ihre größte Freude darin finden, euer Einkommen einzuteilen und euer Heim zu schmücken.Jeder kann sich daran erinnern, oberflächliche und vergnügungs­süchtige Mädchen gekannt zu haben, die prächtige Frauen geworden sind, deren Kinderstube musterhaft und deren Haushalt über allen Tadelerhaben ist. Gewiß prophezeiten alle ihre Freunde Unheil, als diese Schmetterlinge zum Altar geführt wurden. Ich glaube aufrichtig, daß die Frauen nur dann ausgefallene Vergnügungen brauchen, wenn sie innerlich elend sind. Es sind gewöhnlich die Unglück­lichen, die Elenden, die ruhelosen alten Mädchen, die überall hin laufen und das Geld zum Fenster hinauswerfen. Sie fühlen, daß das Leben sie betrügt, und müssen irgend eine Entschädigung haben.Aber um zu meinen fünfzehn Junggesellen zurückzukehren: nun bleibt nur mehr Florizel, dessen Haltung gegenüber den Ehefesseln gerade das Gegenteil von der Bayards und Claudians ist. Er ist aufrichtig geneigt, zu heiraten, glühend, warm, bestrebt, das Richtige zu tun, aber es fehlt ihm an moralischem Mut, und er ist schauderhaft egoistisch. Ich möchte ihn so gerne glücklich verheiratet sehen, da er dann ohne Zweifel rasch jene heftige Selbstliebe verlieren würde, aber ich frage mich, ob es irgend eine anziehende Frau gibt, die selbstlos genug wäre, um ihn in dem gegenwärtigen Zustand der Selbst­vergötterung zum Gefährten zu erwählen. Er ist immer für irgend eine Frau entflammt, schwebt stets knapp über irgend einer großen Leiden­schaft und sehnt sich darnach, kopfüber in das Liebesmeer zu stürzen und den Anker der Ehe auszuwerfen, der ihn dort festhalten soll, wo er nicht mehr abschwenken kann.Unglücklich­erweise kann er sich nicht genug selbst vergessen, um den verhängnis­vollen Sprung zu wagen. Bei allen seinen Fehlern hat Florizel etwas Liebenswertes. Ich wäre froh, wenn er zur Vernunft gebracht würde — obgleich es eine tapfere und geduldige Frau sein müßte, die diese Aufgabe zu unternehmen hätte.Als alle fünfzehn Junggesellen aufgehört hatten, über sich selbst zu sprechen und sich mit der anderen Gesell­schaft zum Bridgespiel niedergesetzt hatten, kam eine alte Dame, die — wie ich — es vorzog, Zuschauer zu bleiben, zu mir und setzte sich neben mich. „Wie sie herumreden“, sagte sie. „Ich aber kann Ihnen sagen, warum sie nicht heiraten. In fünf Worten: Weil sie sich nicht verlieben. Und warum verlieben sie sich nicht? Weil die Mädchen sich zu viel um sie bemühen. Weil die Mädchen ihnen überall über den Weg laufen. Ich habe sieben Söhne, und alle sind unverheiratet. Ich weiß es.“Notiz. — Es ist interessant, daß Westermarck in seiner „Geschichte der mensch­lichen Ehe“ eine Anzahl von Autoritäten erwähnt, um zu beweisen, daß bei vielen alten Nationen die Ehe eine allen zufallende religiöse Pflicht war. Bei den Mohammedanern ist sie noch heute eine Pflicht. Bei den Hebräern hörte man nichts vom Cölibat und sie haben ein Sprichwort:„Wer kein Weib hat, ist kein Mann“. In Ägypten ist es unrein und sogar anrüchig für einen Mann, sich der Ehe zu enthalten, wenn kein richtiges Hindernis vorliegt. Die Chinesen betrachten es als ein beklagenswertes Unglück für einen Jüngling, wenn er unverheiratet stirbt und bei den Hindus von heute wird ein Mann, der allein bleibt, als ein beinahe unnützes Glied der mensch­lichen Gesell­schaft betrachtet —, der außer dem Bereich des Natürlichen steht.III.Warum Frauen nicht heiraten„Es ist Sache der Frau, sich sobald als möglich zu verheiraten, und die des Mannes, so lange er kann, unverheiratet zu bleiben.“G.Bernard Shaw.„Die Ehe bringt der Frau solche Vorteile, eröffnet ihr so viele Lebens­möglich­keiten und stellt ihr so viel größere Freiheit und nützliche Betätigung in Aussicht, daß, einerlei, ob sie glücklich oder unglücklich verheiratet ist, sie durch sie nur gewinnen kann.“R. L.Stevenson.„Warum die Frauen nicht heiraten? Aber sie heiraten ja — wenn sie nur können“, wird der intelligente Leser unwillkürlich ausrufen. Nicht, bei der erst besten Gelegenheit! wohlgemerkt! Keinintelligenter Leserwird diesen Irrtum begehen, obzwar es ein ziemlich allgemeiner Irrtum bei den Nichtver­stehenden ist. Die meisten ledigen Frauen über dreißig müssen das eine oder andere Mal zusammengezuckt sein bei der genial sein wollenden Bemerkung irgendeines älteren Mannes: „Schau, schau, noch nicht verheiratet. Nun, da möcht ich wohl wissen, was die jungen Männer dazu sagen.“ Ich schreibe absichtlich „irgend eines Mannes“, denn keine Frau, wenn sie auch noch so katzenartig veranlagt ist und noch so gern einen Pfeil in die Brust der Rivalin abschießt, würde eine Beleidigung von so besonders verletzender Art über die Lippen bringen, die seltsamerweise von dem Mann, der einen groben Schnitzer begeht, immer als das schmeichel­hafteste Kompliment gedacht ist. Die Tatsache, daß das unglückliche, auf diese Weise attaquierte ältere Mädchen ein Dutzend Anträge gehabt haben mag und es doch aus Gründen ihrer inneren Natur vorzieht, ledig zu bleiben, scheint vollkommen über das Verständnis dieser Leute zu gehen.Aber der Hauptgrund, warum die Frauen nicht heiraten, ist offenkundig der, weil die Männer sich nicht um sie bewerben. Die meisten Frauen werden Ja sagen, wenn ein genügend netter Mann ihnen ein genügend angemessenes Leben bietet. Wenn die Anträge, die sie bekommen, unter ein gewisses Niveau fallen, dann ziehen sie es vor, ledig zu bleiben, und hoffen dabei im Stillen, daß der richtige Mann noch kommen wird, bevor es zu spät ist. Man muß auch hervorheben, daß, je kultivierter die Frauen werden, sie desto weniger geneigt sind, nur um der Verheiratungwillen zu heiraten, wie ihre Großmütter es taten.Dann gibt es einige Frauen, eine ganz kleine Schar, die, wenn sie nicht ihr Ideal in seiner Vollkommenheit verwirk­lichen können, sich nicht mit dem Minderen begnügen. Durch eine Ironie des Schicksals kommt es vor, daß diese Frauen oft die Edelsten ihres Geschlechts sind. Es bleibt jedoch noch eine andere kleine Schar ledig, aus aufrichtiger Abneigung gegen die Ehe und ihre Pflichten. Es ist vielleicht nicht zu scharf gesagt, daß eine Frau, die absolut keine innere Berufung für Weibtum und Mutter­schaft hat, eine degenerierte sein muß, und so sehr des weiblichen Instinkts ermangelt, daß sie den Vorwurf verdient, „geschlechtslos“ genannt zu werden. Dieser Typus nimmt augenscheinlich zu.Dann bleiben jene (ich möchte nicht gern eine Vermutung über ihre Zahl aufstellen), die lieber irgend einen Mann heiraten, wie wenig begehrenswert und für siepassend erauch sein mag, als „ungeliebt zu verblühen“. Es ist eine tief betrübende Tatsache, daß ein Mann noch so häßlich, noch so närrisch, noch so brutal, noch so eingebildet und niederträchtig sein kann — und doch eine Frau findet. Jeder Mann kann irgend eine Frau finden, die ihn heiratet. Bei dieser Gelegenheit muß man an jene berühmte Köchin denken, die, alsman ihr anläßlich der Treulosigkeit ihres Liebhabers sein Mitleid ausdrückte, erwiderte: „Das macht nichts, ich kann Gott sei Dank noch jeden Mann lieben.“Man kann nicht umhin, mit einer gewissen Belustigung die ernsten Artikel über diesen Gegenstand in den Frauen­zeitschriften zu lesen. Da wird uns überzeugendst versichert, daß die Frauen heutzutage nicht heiraten, weil sie ihre Freiheit zu hoch schätzen, weil jene, die Geld haben, es vorziehen, unabhängig zu bleiben und ihr Leben zu genießen, und jene, die keines haben, lieber tapfer ihr Leben durchkämpfen als die Sklavin eines Mannes, eine bloße Magd, die ganz im Haushalt aufgeht, zu werden usw. usw. ganze Seiten voll. All das mag ja von einem ganz kleinen Teil der Frauen wahr sein, aber es bleibt doch eine unbestreitbare Tatsache, daß der Hauptgrund für das Sitzenbleiben der Frauen die Gleich­gültigkeit der Männer ist. Ich habe jede Sympathie für die Frauen, welche die schweren Verantwortungen der Ehe aufzuschieben wünschen, bis sie das gehabt haben, was man beim anderen Geschlecht das Sich-Austoben nennt, d.h. bis sie eine Periode der Freiheit genossen haben, in der sie studieren, reisen, ihre Jugend tüchtig genießen, mit verschiedenen Männern verkehren, dem Leben in die Augen schauen und etwas von dessen Sinn lernen können. Aber es kommt eine Zeit in dem Leben beinahejeder Frau — ausgenommen der obbesagten Degenerierten —, in der sie fühlt, daß es Zeit ist, die Kindereien beiseite zu schieben und in der sich in ihr Herz eine Sehnsucht nach den wirklichen Dingen des Lebens einnistet, den Dingen, auf die es ankommt, den Dingen, die dauern — die Liebe in der Ehe, und kleine Kinder, und jenes unschätzbare Gut, ein eigenes Heim.Es ist heutzutage Mode, das Heim zudiskreditieren. Und Bernard Shaw hat es scherzend „das Gefängnis des Mädchens und das Arbeitshaus der Frau“ genannt. Aber was für ein wunderbares Heiligtum ist es tatsächlich! Und wieviel es für die Frauen bedeutet, können nur jene erzählen, die es entbehrt haben.In unserer Jugend ist das Heim der Ort der Futterkrippe, der Ort, wo es Bindfaden, Briefmarken und Monatsschriften in Hülle und Fülle gibt, — ein Ort, wo gewöhnlich Liebe ist, aber nichtsdesto­weniger hauptsächlich der Ort, den wir als uns gebührend betrachten und für den dankbar zu sein uns nie im Traum einfällt. Später ist das Heim oft mit beschwer­lichen Pflichten verknüpft, für manche wird es sogar der Ort, von dem man gerne fort möchte; aber wenn wir es verloren haben, wie sehnen wir uns danach zurück! Wie ehrfürchtig denken wir an jedes Zimmer und alles, was sich dort ereignete! Wie sehnen wir uns in Gedanken nach dem alten Garten und träumen vondem geliebten Grün! Es kommt nicht in Betracht, wie armselig das Heim gewesen sein mag, ein jedes Stückchen davon ist einem heilig und teuer, vom Garderobezimmer an, wo man an trüben Tagen Räuber und Soldaten gespielt hat, bis zum Werkzeug­schuppen, wo man bei schönem Wetter alles mögliche im Sonnenlicht spielte. Bis zum heutigen Tage rührt es mich fast zu Tränen, wenn mir eine schlecht gekochte Kartoffel unterkommt. Nicht weil sie so schlecht ist, sondern weil sie mich an die Kartoffeln erinnert, die drei kleine Kinder in der Asche des Feldfeuers in einem alten Garten mit ausgelassener Lustigkeit zu kochen und mit stiller Ehrfurcht zu essen pflegten — vor langer, langer Zeit. Noch heute weckt der Duft eines solchen Feuers in mir das Gefühl, ich sei, wie einstmals, wieder sieben Jahre alt.Aber ob eine Frau ein Heim bei ihren Eltern hat oder nicht, eine jede normale Frau sehnt sich nach ihrem eigenen Heim, und ein Mädchen, das sogar die Blumen auf der Mittagstafel der Mutter ungerne herrichtet, wird in der Ehe ganz unappetitliche Hausarbeit gerne tun, in jenem Heim, das sie ihr eigen nennt.Diese leiden­schaftliche Liebe zum Heim ist eines der charakter­istischesten Merkmale der Frau. Ich meine nicht die Vorliebe „daheim“ zu sein, da die Neigungen der modernen Frauen gewöhnlich anderswoliegen, aber die Liebe zu dem Ort selbst, und der Wunsch, ihn zu besitzen. Eine große Anzahl Frauen heiraten einzig und allein um dieses heißbegehrten Besitzes willen. Und was jene anbetrifft, die es nicht tun, so erzählen die Spalten der „Christ­lichen Welt“ und anderer Zeitungen klägliche Geschichten über ihre Sehnsucht darnach. Frauen von „Herkunft“ (eine schwulstige und unsinnige Partikel) sind fast zu allem bereit, nur um einen bescheidenen Winkel, einen ganz untergeordneten Platz in der fremdesten Familie zu finden. Sie wollen Haushälterinnen, Dienerinnen, Gesell­schaft­erinnen, Sekretärinnen, Helferinnen für „kleinen Gehalt und ein Heim“ sein, und manchmal auch ganz ohne Gehalt. Sie wollen packen, nähen, ausbessern,unterrichten, überwachen; sie bieten ihre Kenntnisse jeder Art an, wie z.B. ihre musikalischen Fähigkeiten, ihre Sprachen, ihre Gesundheit und Kraft, ihre Dienstbereit­schaft und alle ihre Tugenden, die angeborenen oder die erworbenen, alles das für ein bißchen Nahrung und Wärme und das schützende Obdach jener vier Wände, nach denen ihr ganzes Streben geht, die ihren höchsten Wunsch ausmachen, ein Heim! Schöne Frauen, begabte, brave Frauen verkaufen sich täglich, um nur ein Heim zu gewinnen. Sogar Hedda Gabler, die degenerierteste von allen modernen Heldinnen, die den Selbstmord der Mutter­schaft vorzog, verkaufte sichin einer lieblosen Ehe nur des Heims halber. Und doch lesen wir fortwährend eine Liste von trivialen phantastischen Gründen, warum die Frauen nicht heiraten.Eine Studentin, die gezwungen war, ihre meiste Zeit in einem ungemüt­lichen Mietkabinett zu verbringen, erzählte mir einst, daß ihr einziger Wunsch sei, einen Raum zu haben, der einen Kasten mit ihren wenigen Kleidern und kleinen Besitztümern beherbergen könne. Sie gab sich ohne ein Heim zufrieden, aber sie sehnte sich sehr nach einem solchen Kasten. „Ich werde Tony bald heiraten müssen,“ sagte sie, „schon wegen der Annehm­lichkeit, einen Platz für meine Kleider zu haben. Ich habe ihn nicht gern und ich möchte noch gerne warten, bis jemand kommt, den ich lieb habe, aber wenn ich ihn je nehme, sehen Sie, dann wird es wegen des Platzes für den Kasten sein.“ Ich muß hinzufügen, daß dieser „jemand“ kam und daß sie jetzt mehrere Kleiderkästen besitzt und drei kräftige Kinderchen, und daß Tony ihr ausweicht, wenn er ihr auf der Straße begegnet.Dieser leiden­schaftliche Wunsch nach dem Heim findet sich noch häufiger in jener Gesell­schafts­klasse, die man gewöhnlich die niedere nennt. Ich habe gelegentlich eine arme Frau beschäftigt, die seit dem Tode ihres Mannes, also seit neunzehn Jahren, als Köchin diente. Während dieser ganzen Zeit hat sie auf „ihr Heimgehalten“, d.h. auf ein einzelnes Zimmer, das ihre Möbel beherbergt. Sie konnte kaum irgendwann das Zimmer benützen, höchstens ein oder zwei armselige Tage lang und mußte viel von ihren knappen Mußestunden hergeben, um es rein zu halten. Durch neunzehn Jahre hat sie lieber drei Schillinge und sechs Pfennig per Woche für das Zimmer gezahlt, ehe sie ihre Möbel verkauft hätte. Die so ausgegebenen einhundert­zweiundsiebzig Pfund hätten reichlich die Möbel überzahlt und die Frau sieht den Unsinn vollkommen ein, aber ihre Erklärung ist: „Ich konnte mich einfach von dem Heim nicht trennen.“Noch ein Beispiel: Als ich einmal an der See wohnte, hatte ich das Unglück, ein Gefäß aus dickem blauen Glas zu zerbrechen, das sein Leben augenscheinlich als Parade­marmeladeglas begonnen hatte, aber später aus einem mir unerfind­lichen Grunde zur stolzen Rolle einer Kaminverzierung avanciert war. Zu meiner Überraschung weinte die würdige Wirtin bitterlich über den Scherben und als ich prunkvolle Gegenstände erwähnte, mit denen ich ihren Schatz ersetzen wollte, erklärte sie mir schnippisch: „Nichts kann diesen Schaden gut machen. Denn dieses blaue Glas war das erste Stück meines Heims.“Kehren wir nun zu unserem Gegenstand zurück. Das traurigste an der Sache ist, daß selbst, wenn jeder Mannüber fünfundzwanzig Jahren heiraten würde, es noch eine enorme Zahl lediger Frauen gäbe. Das ist wirklich sehr ernst und die Ursache vieler Übel. Um dem so viel als möglich zu steuern, sollte jeder Mann, jeder gesunde Mann mit genügendem Einkommen, heiraten. Wenn es bloß „nicht gut für den Mann ist, daß er allein sei“, so ist es sehr schlecht für die Frau. Jede Frau sollte einen männlichen Gefährten haben, einen Mann, mit dem sie leben könnte, wenn es auch nur wäre, um die Billets zu nehmen, das Handgepäck zu tragen und in der Nacht aufzustehen, um zu sehen, was denn da für ein Lärm ist. Da die Gesell­schaft in ihrer jetzigen Struktur das Zusammenleben von Mann und Frau als Gefährten nicht hingehen läßt, so ist es klar, daß jede Frau einen Gatten haben sollte.Bernard Shaw schreibt: „Gebt den Frauen das Stimmrecht, und in fünf Jahren werden wir eine drückende Junggesellen­steuer haben.“ Es sollte eine solche geben, die gewissen Unterschieden von Alter und Einkommen unterworfen wäre. Das ist eine der vielen Angelegenheiten, in denen wir von den Japanern lernen sollten, wo alle Junggesellen über einem gewissen Alter besteuert sind. Auch in Frankreich wird ein diesbezüg­liches Gesetz diskutiert. Zur Zeit, wo ich dies schreibe, sind die Frauen voller Zukunftsträume über ihre baldige Befreiung, und es wird sehr vieldarüber gesprochen, wie sie ihr Wahlrecht anzuwenden gedenken. Ich muß leider sagen, daß, obgleich einige unsinnige Drohungen über die Abschaffung jener Gabe an die Frauen — die Männerklubs — verlauten, bis jetzt, abgesehen voneinerAusnahme, nichts über die ratsame Einführung einer Junggesellen­steuer im Druck erschienen ist. Die eine Ausnahme ist eine sehr interessante, anonym erschienene Novelle, „der Morgenstern“, welche unter anderen wohldurch­dachten Vorschlägen für politische Reformen auch dringend für eine Junggesellen­steuer plädiert. Es ist offenkundig nur gerecht, daß der Mann, der nichts für den Staat durch Gründung einer Familie tut, zugunsten desjenigen besteuert werden sollte, der eine gründet. Wir hören so viel über die sinkende Geburtsziffer und die Pflicht eines jeden verheirateten Paares, Nachwuchs zu haben, und doch wird alles getan, um jene, die einen solchen haben, zu entmutigen. Der Gewerbsmann, der schuftet, um sagen wir, tausend Pfund jährlich zu verdienen und drei bis vier Kinder für den Staat heranzuziehen, wird genau so besteuert wie der Junggeselle, der gar nichts für den Staat tut und sogar die anderen Steuern dadurch vermeiden kann, daß er, wenn es ihm beliebt, im Hotel oder in einer Pension lebt.Aber selbst wenn wir eventuell eine vernünftige Gesetzgebung bekommen sollten, die jenen, welche für dieErhaltung der Geburtsziffer ihr Teil tun, Belohnungen anstatt neue Lasten bieten würden, selbst wenn ein Junggeselle über fünfundzwanzig ein so seltener Gegenstand auf unseren Inseln würde wie eine alte Jungfer in mohammed­anischen Landen, selbst dann würde noch ein enormer Überschuß von ledigen Frauen sein. Warum ist das so? Warum soll Großbritannien als das Paradies der alten Mädchen betrachtet werden?Warum sollten wir mehr alte Jungfern haben als andere Länder? Ist es, weil unsere Kolonien soviel junge Männer verschlingen? Warum können sie denn nicht auch eine gleiche Anzahl von Frauen verschlingen? Man könnte wünschen, daß der Staat und ein „Institut der Ermunterung zur Ehe“ unter staatlichen Begünstigungen diese äußerst wichtige Sache in die Hand nehmen. Eine der Pflichten dieses Instituts wäre es, jährlich eine Anzahl Frauen zur Auswanderung zu bewegen, um so das geeignete Gleichgewicht der Geschlechter in den heimat­lichen Ländern zu erhalten und jedem Mann in den Kolonien die Aussicht zu verschaffen, eine Frau zu bekommen. Ich hörte neulich von einem sehr gewöhn­lichen Mädchen in den Kolonien, die elf Männer hatte, die sie alle heiraten wollten. Elf Männer! Und doch gibt es Scharen von reizenden englischen Mädchen, die alt werden und versauern, ohne je einen einzigen Heiratsantrag bekommen zu haben.Eine andere Pflicht eines „Instituts der Ermunterung zur Ehe“ wäre es, die Tausende von einsamen Männern und Frauen des Mittelstandes in den Großstädten, die den ganzen Tag in der Arbeit sind und keine Gelegenheit haben, einander zu treffen, irgendwie zu vereinigen. Ich habe eben Francis Gribble’s sehr interessante Novelle „Der Wolkenpfeiler“ gelesen, in welcher er die Existenz von sechs Mädchen in „Stonor House“ beschreibt, einer jener düsteren Baracken für heimatlose, den ganzen Tag durch die Arbeit angehängte Frauen. Der rasende Wunsch dieser Mädchen, mit Männern ihrer Klasse zu verkehren, ist betrübend echt, und dieser Wunsch ist nicht so sehr der Ausdruck der natürlichen Bestrebungen des jungen Weibes, mit jungen Männern zusammen zu kommen, sondern er besteht, weil alle diese Männer für die Mädchen Ehemänner sein könnten, und die Heirat die einzige Möglichkeit ist, aus „Stonor House“ und der freudlosen Existenz daselbst herauszukommen.In dem vor einigen Jahren erschienenen „Pfad eines Pioniers“ bricht Dolf Wyllarde ähnlichen Ideen Bahn, aber ihre jungen Frauen sind weniger gesund und weniger aufrichtig bestrebt, mit Männern zu Heiratszwecken zusammen­zukommen. Jedoch geben einem beide Bücher eine gute Vorstellung von dem lieblosenunnatür­lichen Leben der jungen Frauen des Mittelstandes, deren Verwandte, wenn sie welche haben, weit weg sind, und die ihr Leben in großen Städten verdienen müssen, fast immer durch diese ungünstigen sozialen Bedingungen zur Altjungfern­schaft verurteilt. Daß eine große Anzahl wohlerzogener Frauen zu einem solchen Dasein verdammt sein soll, spricht so eindringlich als nur möglich für die Daseins­berechtigung zweier französischer Institutionen, nämlich den beschränkten Familien­nachwuchs und das System der Mitgift. In den letzten Jahren ist die „Beschränkung des Nachwuchses“ auch in England weit verbreitet und bis das System der Mitgift auch zur Regel wird, könnte das „Institut der Ermunterung zur Ehe“ die Sache in die Hand nehmen. Zwei oder drei außerordentlich feinsinnige Philantropen haben diesem Gegenstand schon ihre Aufmerksamkeit gezollt, aber jede Bewegung dieser Natur nimmt zu sehr den Charakter einer Heiratsagentur an, um von jener Klasse beifällig aufgenommen zu werden, für deren Wohlergehen sie bestimmt ist. Und doch müßte das „Institut der Ermunterung zur Ehe“ mit diesem Hindernisse rechnen und ihre wahre Absicht unter einem anderen Namen verbergen. Ich bin sicher, daß, wenn der Zweck so genügend verhüllt würde, daß feine Männer und Frauen ohne Verlust der SelbstachtungVorteil aus ihr ziehen könnten, die Beteiligung an dieser Institution von seiten beider Geschlechter eine enorme wäre. Ein direkt für den sozialen Verkehr geschaffener Klub könnte die Lösung sein, und man könnte leicht Kränzchen, Konzerte, Ausflüge arrangieren, die zu einer Quelle der Freude und Anregung in manchem düsteren Leben würden. Wenn Erfolge zu verzeichnen wären, so sollte man Provinzfilialen gründen. — Man sieht fortwährend in den Zeitungen Beweise für die Tatsache, daß es eine Menge junger Leute des Mittelstandes gibt, die heiraten können und wollen, und denen es nur an weiblicher Bekannt­schaft in ihrer eigenen Gesell­schafts­klasse fehlt, um eine Wahl zu treffen. Unglückliche Mesallianzen sind oft die Folge davon, und es erscheint mir trostlos und verderblich, daß diese für die Ehe geschaffenen Männer nicht mit einigen von jenen tausenden junger Mädchen zusammen­gebracht werden können, deren Leben in unangemessener Plage dahin fließt und die sich in Sehnsucht nach einem Heim und einem Gatten verzehren. Bis das „Institut der Ermunterung zur Ehe“ Tatsache wird, gibt es noch prächtige Arbeit für einen Philantropen von unendlichem Takt und warmfühlendem Herzen. Um wieviel könnte man die Summe mensch­licher Freude erhöhen! Wie reich könnte der geringe Einsatz an Geld und Zeit belohnt werden!IV.Die Tragödie der Unbegehrten

„Das Thema der Ehe wird zu sehr im Dunkel gehalten. Laßt freie Luft ein! Laßt freie Luft ein!“George Meredith.

„Das Gespenst der Ehe harrt, entschlossen und furchtbar, an den Kreuzwegen.“R. L. Stevenson.

Seit Frau Mona Caird die Institution der Ehe in der Westminster Review angriff und der großen Diskussion im Daily Telegraph über die Frage: „Ist die Ehe ein Mißgriff?“ Bahn brach, ist die Ehe die immerwährende, unversiegbare Quelle für Zeitungs­briefecken und verbrauchte Subredakteure gewesen. In der flauen, sauren Gurkenzeit braucht der niedrigste Zeitungsskribent nur eine Spalte über dieses Thema loszulassen und gleichviel, ob es eine ernste Abhandlung über „Die Vollkommenheit der Polygamie“ oder eine banale Diskussion über das Thema: „Sollen die Ehemänner den Tee zu Hause trinken?“ ist, es wird unvermeidlich das gewünschte Resultat erzielen und die unzähligen Spalten der Zeitung wochenlang mit Zuschriften versehen. Die Leute interessieren sich immer für die Ehe, entweder vom objektiven oder subjektiven Standpunktaus, und das mag mich entschuldigen, wenn ich noch ein Buch über dieses abgedroschene, jedoch immer fruchtbare Thema wage.

Das Ehethema scheint jetzt mehr denn je in der Luft zu liegen, überall wird es diskutiert, und sehr wenige Leute haben etwas Gutes darüber zu sagen. Der oberfläch­lichste Beobachter muß gemerkt haben, daß in der Mehrheit eine wachsende Furcht vor dem Ehejoch, besonders unter den Männern besteht, und eine wesentliche Unzufriedenheit und Unruhe unter den verheirateten Leuten, besonders unter den Frauen. Was ist mit dieser Generation geschehen, daß die Ehe in ihren Augen so abschreckend wirkt? Von allen Seiten hört man, wie sie herabgesetzt und ihre Notwendigkeit in Frage gestellt wird. Von der Kanzel bemüht sich die Geistlichkeit, die Heiligkeit der Institution aufrecht zu erhalten, und ermahnt unaufhörlich jede Gemeinde, sie zu achten und heilig zu halten. Aber die Berichte der Ehegerichtshöfe liefern eine bedenkliche Lektüre, und jeder Rechtsanwalt wird aus seinen persön­lichen Erlebnissen erzählen, daß die glücklichen Verbindungen bedeutend in Abnahme begriffen sind, und einige der größten zeitgenössischen Denker stimmen einen Chor der Verdammung gegen die Ehe der Jetztzeit an.

Tolstoi sagt: „Die Beziehungen zwischen den Geschlechten suchen eine neue Form, die alte zerfällt inStücke“. In dem handschrift­lichen Nachlaß Ibsens, jenes tiefen Kenners der mensch­lichen Natur, kommt die folgende bemerkenswerte Stelle vor: „Das Wort ‚freigeborene Menschen‘ ist eine retorische Phrase, sie existieren nicht, denn die Ehe, das Verhältnis zwischen Mann und Weib, hat die Rasse verdorben und allen das Zeichen der Sklaverei aufgedrückt.“ Vor nicht langer Zeit erregte auch der größte Moralist des neuen England, George Meredith, eine ungeheure Sensation durch seinen Vorschlag, daß die Ehe ein zeitweises Abkommen mit einer Minimalfrist von, sagen wir, zehn Jahren sein solle.

Es ist klar, daß die Zeit für eine solche umstürzlerische Änderung noch nicht gekommen ist, aber wenn die Anzeichen und Symptome der letzten zwei Jahrzehnte nicht trügen, können wir mit Sicherheit annehmen, daß die Zeit dafür kommen wird und daß die gegenwärtigen gesetz­lichen Bestimmungen des Ehebandes in irgend einer Weise abgeändert werden müssen.

Vor fünfzehn Jahren gab es eine plötzliche umstürzlerische Strömung gegen diese Bestimmungen und ein erneutes Interesse an der sexuellen Frage zeigte sich in dem Emporwuchern von „Tendenzromanen“, eine Bezeichnung, die später als Vorwurf angewendet wurde. Ich kann mich erinnern, wie ich als Schulmädchen die durch ein solches Buch hervorgerufeneErregung mitmachte und bitter enttäuscht war, als meine erzürnte Gouvernante, die sich für dieses reizvolle Thema offenbar nicht zu interessieren schien, mir das Buch strengstens verbot. Eine Schar von Nachahmern folgten diesen ersten literarischen Verstößen. Einige davon waren total unliterarisch, und alle boten einen unfehlbaren Wegweiser durch das verwirrende Labyrinth der Ehe. Noch ärger war die darauf folgende unvermeidliche Reaktion, als der Realismus in der Dichtung in Acht und Bann erklärt wurde und die krankhafte Romantik das Feld beherrschte. Der Kultus der Familienliteratur war bald wieder in vollster Blüte. Dann folgte eine Lawine von unerträglich albernen und kindischen Zeitschriften, in denen das Wort „Geschlecht“ direkt verrufen und das erstrebte Ideal offenkundig das gerade Gegenteil des wirklichen Lebens war. Sonderbar, wie plötzlich das sexuelle Thema aus den Spalten der Presse verschwand. Die Psychologie war abgetan und die Intriguen waren an der Tagesordnung. Viele damals wohlbekannte und als feine Charakter­schilderer renommierte Autoren verschwanden von den Inhalts­verzeichnissen der Zeitschriften und den Verlegerlisten, während seichte Schriftsteller,die weitschweifige Detektive- und Abenteurer­geschichten erzählen konnten, in die Halme schossen.

Es fehlt nicht an Symptomen, daß das Pendel des öffent­lichen Interesses nun wieder zurückgeschwungen hat, eine Strömung des Realismus in der Dichtung kommt auf und die Forderung der Neugestaltung der Ehebande dürfte demnächst erhoben werden. Jedoch das Pendel wird noch oft hin und herschwingen müssen, bevor es den Beziehungen zwischen den Geschlechtern gelingen wird, jene neue Form zu finden, von der Tolstoi spricht. Es bleibt abzuwarten, was die eben erwähnte Wiederbelebung ausrichten wird. Was erreichte die letzte Agitation? Im Praktischen nichts. Einige wenige Frauen mögen zu ihrem unauslösch­lichen Kummer angeregt worden sein, in den Fußstapfen der Herminia aus Grant Allens Roman zu wandeln. Und eine Menge frühreifer junger Mädchen, die die Literatur jener Tage gelesen haben, verursachen möglicherweise ihren Eltern einige Angst durch ihre revolutionären Ideen über den Wert des heiligen Ehestandes. Aber welche von jenen vorgeschrittenen Dämchen erinnerte sich an die Bergpredigt als das für das weibliche Herz so unwiderstehliche Trio nahte — der Ring, die Ausstattung und das eigene Heim — ganz zu geschweigen von dem zuverlässigen, gewichtigen in Aussicht stehenden Gatten? Jedoch sind in den vierzehn Jahren, die seit dem Erscheinen der „Frau, die es tat“ verflossen, gewiß einige Änderungen vorgegangen.Vor allem ist es offenbar noch schwerer, sich anständig durchzubringen. Die Zeiten sind schlecht und das Geld selten. Die Männer sind jetzt sogar noch mehr abgeneigt, dem trällernden Engel durch die Heirat ein Heim zu bereiten, und es ist ein Typus von Frauen entstanden, der der Ehe scheu gegenüber steht und ihre vielen Gefahren um ihrer problematischen Freuden willen herzlich ungern riskiert. Das Bemerkenswerteste von allem ist die wachsende gegenseitige Unbefriedigtheit der Geschlechter. Die Männer vermeiden die Ehe nicht nur wegen ungünstiger finanzieller Verhältnisse oder weil die Beschränkungen des Ehejochs ihnen irgendwie lästiger sind als früher, sondern weil sie die Frau nicht finden können, die sich ihrem Ideal genügend nähert. Die Frau hat in den letzten zwei Generationen solche Fortschritte gemacht, ihr Gesichtskreis hat sich so erweitert, ihr Geist so entwickelt, daß sie sich sehr weit von dem Ideal des Mannes entfernt hat und der Mann daher zögert, sie zu heiraten. Es liegt etwas Komisches in dieser Situation und ich bin überzeugt, daß die Götter an der olympischen Tafel über diese verfahrene Ehe des zwanzigsten Jahrhunderts lachen würden.

Ein anderer Grund, warum sich die Männer um soviel seltener verlieben als früher, muß zum großen Teil dem Niedergang der Phantasie zugeschriebenwerden, und obgleich die Frauen in der Hauptsache ebenso sehr zu heiraten trachten wie nur je und es allgemein bekannt ist, daß sich die modernen jungen Frauen um den modernen jungen Mann übermäßig bemühen, haben die Beweggründe für dieses Treiben nichts mit den durch die Zeit geheiligten Liebesmotiven zu schaffen. Die Ehe bringt Unabhängigkeit und eine gewisse gesell­schaftliche Stellung: aus diesen Gründen begehren die Frauen sie. Marriot Watson hat dies in knapper Weise ausgedrückt: „Die Frauen wolleneinenMann heiraten, die Männer heiratendasWeib.“ Nichtsdesto­weniger sind die Frauen selbst jetzt mehr geneigt, sich zu verlieben als die Männer, weil sie jene Fähigkeit der Einbildungskraft besser bewahrt haben, welche möglicherweise auch den Grund der Enttäuschung und der Unzufriedenheit der Frauen in der Ehe bildet.

Das Ende von all dem ist, daß die Männer und die Frauen einander entgegengesetzt geworden zu sein scheinen. Wie sehr sie auch das Geschöpf ihrer Phantasie lieben, scheint eine Art verhüllten Mißtrauens zwischen den Geschlechtern im großen und ganzen, aber besonders auf seiten des Mannes vorzuwalten — vielleicht, weil der Mann der Frau nötiger ist, als die Frau dem Mann. Diese Feindseligkeit gegen die Frau kann man besonders in den Spalten der Tagespressebeobachten. Es vergeht kaum eine Woche, daß nicht ein Journalist des edleren Geschlechtes seinen Spott über das untergeordnete Geschlecht, dem seine Mutter angehört, in spaltenlangen, meisterhaften Schmähungen über diese oder jene Eigenschaft ergießt. Jedem Artikel folgt eine leiden­schaftliche Korrespondenz, in welcher „ein überdrüssiger Papa“, „ein hoffnungsloser Ehemann“, „ein eingeschüchterter Bruder“ und der unvermeidliche „Zynikus“ dem Verfasser die lebhafteste Zustimmung zollen, während eine „glückliche Mutter von sieben Töchtern“ und ein „Verehrer des schönen Geschlechts“ in verschiedenen Zuschriften seine sofortige Abschaffung und öffentliche Ungnade verlangen.

Die Liste der Fehler, welche die Männer an den Frauen finden, ist endlos. Der eine behauptet, daß die Frauen bloß häusliche Maschinen sind und ungeeignet, einem intelligenten Mann Gefährtin zu sein, da sie sichnichtüber die ihre Dienstboten und Kinder betreffenden Gespräche erheben können; ein anderer behauptet, daß sie bloße Blaustrümpfe sind, die nach einer unerreichbaren Geistigkeit streben; ein dritter, daß sie nur leichtfertige Puppen ohne Herz und Geist sind, die in der Jagd nach Vergnügungen ganz aufgehen; und ein vierter, daß sie geschlechtslose, derbe, schlecht­gekleidete männliche Ungeheuer sind.

Nach den Behauptungen der Verfasser der Zeitungszuschriften zu urteilen, sind die Frauen zugleich abgeschmackt männlich, jämmerlich weiblich, lächerlich geistig, abstoßend athletisch und aufreizend leichtfertig. Dem Äußern nach sind sie entweder dürre, hagere, plattfüßige Laternenpfähle, oder aufgeputzte, verschnürte, geschminkte Puppen. Ihre Extravaganzen lassen sich nicht wiedergeben. Wenn sie zu jener Klasse der Gesell­schaft gehören, die man gewöhnlich unter Gänsefüßchen anführt, dann rauchen, trinken, spielen und fluchen sie unaufhörlich. Sie vernachlässigen ihre Kinder und ihr Haus, sie haben wenig Prinzipien und noch weniger Vernunft, keine Moral, kein Herz und absolut keinen Sinn für Humor.

„Aber“, wird der aufmerksame Leser vielleicht ausrufen, „das ist ja nichts Neues. Seit der erste Mann aus der ersten Klemme dadurch herauskam, daß er der einzigen verfügbaren Frau die Schuld zuschob, ist die Frau immer das Lieblingsventil für die Mißlaunigkeit des Mannesgewesen.“ Allerdings kann die Zeit nicht die unendliche Mannigfaltigkeit der weiblichen Vergehen aufheben, wie sie sich in den Augen des Mannes spiegeln. Die Tradition hat das Thema geweiht, und die Gewohnheit erhält es. Und wenn die Posaune des jüngsten Gerichtes erschallen wird, wird der letzte lebende Mann darüber murren, daß das Weibin seinem abscheu­lichen Eigennutz ihn allein gelassen hat, und der letzte Tote, der auferstehen soll, wird beim Erwachen darüber fluchen, daß seine Frau ihn nicht früher geweckt hat!

Aber früher bemängelte der Mann die Fehler der Frau mehr in Form einer geistreichen Neckerei, so wie man die Seinen manchmal liebevoll verlacht. Es lag in seinen Schmähartikeln fast immer etwas von guter Laune, die jetzt fehlt. An ihrer Stelle kann man jetzt Bitterkeit und eine direkte Animosität bemerken. Die Männer nehmen den Aufstand der Frauen gegen die von den Männern geschaffenen Bedingungen offenbar ungnädig hin, und sie revanchieren sich dafür dadurch, daß sie sich weit seltener verlieben und sich noch mehr sträuben, in den Hafen der Ehe einzusegeln.

Sie kommen aber doch hinein, wenn auch in anderer Gemütsverfassung. Furchtsam und zitternd legt der verzagte moderne Liebhaber seinen neuen Frack an und schreitet zaudernd auf jenen Kampfplatz zu, wo ihn strahlend und siegreich das entschlossene Wesen erwartet, dessen Wille ihn soweit gebracht hat. Nein, nicht ihr Wille, sondern der geheimnisvolle Wille der Natur, der, stetig und in seinen Absichten unerschütterlich, sich nicht um unseren sexuellen Hader und den Verlauf unserer kleinlichen Liebeleien und Gehäßigkeiten kümmert. Die bombardierte, geschmähte, durchviele tausend Angriffe verwundete und mit den Sünden vonJahrhundertenbefleckte Institution der Ehe blüht weiter, denn, wie Schopenhauer sagt: „Die zukünftige Generation in ihrer ganzen individuellen Bestimmtheit ist es, die sich mittelst jenes Treibens und Mühens ins Dasein drängt.“ Der „Wille zum Leben“ wird immer das letzte Wort haben.

„Wenn ihr die Auslese der Menschheit haben wollt, nehmt einen guten Hagestolz und eine brave Frau.“„Es gibt wahrscheinlich nicht Hitzköpfigeres und Tolleres in dem Leben eines Mannes als die Verheiratung.“

„Wenn ihr die Auslese der Menschheit haben wollt, nehmt einen guten Hagestolz und eine brave Frau.“

„Es gibt wahrscheinlich nicht Hitzköpfigeres und Tolleres in dem Leben eines Mannes als die Verheiratung.“

R. L. Stevenson.

„Was immer man auch gegen die Ehe sagen mag, sie ist jedenfalls ein Experiment.“Oscar Wilde.

„Alle Männer verheiraten sich und keines derMädchen,“ solleine flatterhafte Dame einmal gesagt haben, und man versteht, was sie damit ausdrücken wollte. In einer Zeitungsbriefecke über die Ehe las ich einmal folgende bemerkenswerte Stelle: „Heutzutage ist es ganz anders, als wie ich ein Mädchen war. Damals hatte jeder Bursche seinen Schatz und jedes Mädchen ihren Anbeter. Jetzt scheint es mir, daß die Burschen keinen Schatz brauchen, und die Mädchen keinen Anbeter finden können. Auf einen jungen Mann, der die ernste Absicht hat, ein Mädchen zu heiraten, gehenzwanzig, die mit dem Mädchen bloß spielen, ohne darauf zu achten, daß es kompromittiert wird. Die Zeiten sind ungalant und bedürfen einer Verbesserung.“ Dieser Brief ist unterzeichnet: „Eine Arbeiterfrau“. Es ist klar, daß er von einem Mitglied der Zeitungsgilde geschrieben wurde, welches der Signatur durch Anwendung des gewöhn­lichen Ausdrucks „Anbeter“ eine genügende Wahrschein­lichkeit zu verleihen glaubte. Aber trotz der Niederschrift auf Kommando sind die Behauptungen darin nur zu wahr: Die Zeiten sind wirklich ungalant und werden es immer mehr.

Vor nicht langer Zeit war ich in einer heiteren Gesell­schaft, wo über die Tendenzen des modernen Mannes, nicht zu heiraten, diskutiert wurde. Jemand versetzte alle anwesenden Männer in gute Laune mit der Mahnung, daß ein Mann „dadurch, daß er hartnäckig ledig bleibt, sich in eine fortgesetzte öffentliche Versuchung verwandelt“. Und da fünfzehn Junggesellen anwesend waren, wurde das Gespräch natürlich persönlich.

Einer, den ich Vivian nennen will, bemerkte galanterweise, daß alle reizenden Frauen verheiratet seien, und er so gezwungenermaßen ledig bleiben müsse. Ich erfuhr zufällig, daß er in eine verheiratete Frau gründlichst verliebt ist. Ein anderer, Lucian, ein sehr schöner und beliebter Mann in den Dreißigern, sagte, daß erdie ernste Absicht habe, eines Tages zu heiraten, aber daß er vorher noch einige Jahre der Freiheit genießen wolle. Dorian behauptete ernstlich, daß er auf meine Tochter warten wolle (die jetzt achtzehn Monate alt ist), aber ich weiß im Vertrauen, daß sein Fall ähnlich dem Vivians ist. Hadrians Verheiratung wäre wegen seiner Gesundheit ein Verbrechen. Wir wußten das alle, und so fragte ihn niemand darum. Dieselbe Diskretion wurde in bezug auf Julian beobachtet, von dem es allbekannt ist, daß er ein „unseliges Verhältnis“ geschlossen und praktischerweise nicht das Recht hatte, zu heiraten. Florian hat vor einigen Jahren einen Korb bekommen und ist nun scheu und mißtrauisch gegen das schöne Geschlecht, was wirklich sehr schade ist, da er zu jener Art von Männern gehört, die für das Heim und die Familienfreuden wie geschaffen sind, und er eine Frau sehr glücklich machen würde.

Von Augustin und Fabian kann man wohl behaupten, daß „sie zu viele kennen gelernt haben, um bei einer bleiben zu wollen“ — Und ich fürchte wirklich, daß sie sich für die Ehe verdorben haben, wenn nicht in jenem alten Spruche Wahrheit liegt, „daß ein gebesserter Lebemann den besten Ehemann abgibt.“ Endymion kommt alles in allem nicht in Betracht, da seine blauen Augen und seine breiten Schultern sein einziges Vermögen bilden. Er schlägt genügendKapital aus diesen Beigaben, sie bringen ihm reichlich weibliche Gunst ein, aber sie genügen kaum, um eine Frau zu erhalten.

Claudian möchte wirklich gerne heiraten, aber er leidet unter einer verhängnisvollen Treulosigkeit, und wie er sehr einladend erklärt, kann er ein Mädchen nicht so lange lieben als die Vorbereitungen zur Heirat dauern. Er ist sicher, daß er eines Tages von irgend einer entschlossenen und wahrscheinlich wenig zu ihm passenden Frau geangelt und widerstrebend zum Altar geführt werden wird. Galahad will nicht heiraten, bis er nicht die „Eine, die Wahre, die Einzige“ gefunden haben wird, und ich fürchte, aus ihm wird kein Ehemann mehr, denn der arme Galahad trägt schon Brillen und einen Kahlkopf. Seine Anhäng­lichkeit an ein unerreichbares Ideal verspricht, ihm sein Leben zu verderben.

Als ich an Aurelian die Frage stellte, lächelte er so hämisch, daß er mehr denn je einem erbitterten Geier glich und bemerkte, daß er im Begriff sei, seine Anträge zu überdenken und sich noch nicht klar sei, welche der beste ist. Da die Tatsache, daß er von sieben Frauen abgewiesen wurde, allen bekannt ist, so bewundern wir wirklich alle die Hartnäckigkeit seiner Pose als Herzensbrecher. Man weiß sogar von ihm, daß er sich selbst leiden­schaftliche Briefe in verstellter Handschrift schreibtund geschickt fabrizierte Tränen hie und da auf sie fallen läßt, um diesen Meisterstücken von Verliebtheit, die er als Beweis seiner vielen Eroberungs­geschichten benützt, einen Anschein größerer Wahrschein­lichkeit zu geben. Wenn die Tränen trocken sind, so sehen sie äußerst natürlich aus. Freilich ist es ein Kniff, den jedes Schulmädchen kennt, aber ich habe nie zuvor einen Mann gekannt, der zu ihm Zuflucht genommen hätte, und hoffe auch nie wieder einen kennen zu lernen.

Cyprian und Valerian geben als Grund für ihr fortgesetztes Jungesellentum die Tatsache an, daß es ihnen in dieser Verfassung zu gut gehe, und sie nie das Bedürfnis nach einer Gattin gefühlt hätten. Der letztere fügte hinzu, daß, wenn er gerade das „eine Mädchen“ finden würde, er ja die Sache überdenken könnte, aber wie die Dinge stünden, zöge er die Gewißheit den Chancen vor und wolle kein Risiko eingehen. Unter uns gesagt, sind sie beide sehr selbstbewußt und egoistisch und ich glaube nicht, daß irgend eine Frau viel an ihnen verloren hat.

Der vierzehnte Jungeselle war Bayard, der zu einem sehr trostlosen Liebhabertypus gehört. Fast alle Frauen sind zu ihrem Leidwesen von ihm angelangweilt worden. Er hat die lästige Gewohnheit, überall und jedem weiblichen Wesen gegenüber seiner Sehnsucht nach einer Ehe idealster Sorte Ausdruck zu geben undjungen, im sicheren Hafen der Ehe gelandeten Frauen in weitschweifigster Weise anzuvertrauen, wie sehr er sich darnach sehne, einen Platz in dem Herzen einer guten Frau einzunehmen, und welch großer, reiner, leiden­schaft­licher und ungestümer Liebe er fähig sei. Er hat geradezu etwas Sympathie­erregendes und seine Haltung ist natürlich sehr anziehend für harmlose ältere Mädchen. Er ist immer in höchst bedroh­licher Weise in solche Beziehungen verstrickt, paradiert aber sehr mit seiner Armut und macht sich wieder glücklich frei, wenn die Angelegenheit einen kritischen Punkt erreicht hat, gewöhnlich ohne irgendwelche mißliebige Auseinander­setzungen. Wenn jedoch die Dinge schon zu weit gediehen sind, um das zu ermöglichen, kann er ein Zurücktreten immer ganz leicht dadurch gestalten, daß er sagt: „Ich liebe dich zu sehr, mein Schatz, um dich mit in die Armut hinein zu ziehen.“ Wie viele Mädchen haben nicht, im tiefsten Herzen verwundet, diese abgedroschene Lüge mit anhören müssen, wo sie doch mehr denn je gewillt waren, seinetwegen arm zu werden, zu kargen, zu sparen und zu verzichten. Nicht etwa, daß Bayard und seinesgleichen eine solche Ergebung einflößen! Ich meine, daß die Hauptbestandteile dieser besonderen Ausrede von sehr vielen unverheirateten Männern heutzutage als der Grund ihres Junggesellentums angegeben werden.Im allgemeinen gesprochen gibt es zwei Hauptgründe, warum die Männer nicht heiraten: 1. weil sie noch nicht die Frau gefunden haben, für die sie sich genügend interessieren, 2. — und diese bilden die Majorität —, weil sie zu selbstsüchtig sind. Natürlich drücken die Männer das anders aus; wie Bayard sagen sie, „sie können es nicht erschwingen.“ Sie denken an all die Dinge, die sie aufzugeben hätten, und wie schwer es ist, heutzutage genug für sein Vergnügen zu haben, wie unmöglich es dann sein würde, wenn man noch eine Frau und eine Familie dazu zu erhalten hätte; wie sie das Pokerspiel aufgeben, einen billigeren Schneider finden und an Golfbällen sparen müßten. Sie schaudern bei dieser Aussicht zusammen und entscheiden in der ausdrucksvollen, üblichen Sprechweise des Tages, daß „sie es nicht dick genug haben.“ Die Dinge, welche über allem Preis stehen, werden gegen jene gewogen, die man mit Geld erkaufen kann und — für nötig findet.

Es wäre jedoch die größte Tollheit, wenn man unkluge Heiraten ermutigen wollte, die ohnedies schon eine Quelle von so viel Elend sind, und natürlich beziehen sich meine Ausführungen nicht auf die echte Armut jenes Mannes, der es sich wirklich nicht leisten kann, zu heiraten. Für ihn habe ich wirkliche Sympathie, denn er vermißt die besten Dinge des Lebens,wahrscheinlich ohne eigene Schuld. Dasobengesagtebezieht sich einzig und allein auf den Mann des Mittelstandes, der es sich erlauben könnte, zu heiraten, wenn er sich selber weniger und irgend eine Frau mehr lieben würde. Fünfhundert Pfund im Jahr ist z.B. ein ganz nettes Einkommen für einen Junggesellen, der nicht direkt zur „Gesell­schaft“ gehört. Mit dieser Summe kann ein Mann des Mittelstandes ganz gut auskommen, wenn er keine besonders kostspieligen Laster oder Passionen hat. Freilich aber verlangt es Selbstverleugnung, wenn er damit für Frau und zwei oder drei Kinder sorgen soll. Das bedeutet ein kleines Haus in einer der billigeren Vorstädte anstatt einer Junggesellen­wohnung in der Stadt, Omnibusse anstatt Mietwagen, Galeriesitze anstatt Sperrsitze, einen vierzehntägigen Familien­aufenthalt in Broadstairs anstatt eines einmonat­lichen Aufenthaltes zum Fischen als „garçon“ in Norway. Es bedeutet, daß man keine Soupers mehr im Savoyhotel hat, keine Wochenenden mehr in Paris verbringt und nicht mehr auf einen Sprung nach Monte Carlo hinüber rutscht. Aber es kann durchgeführt werden und glücklich durchgeführt werden, vorausgesetzt, daß ein Mann die Liebe über den Luxus stellt. Fast jeder Mann kann es sich leisten, zu heiraten, — und zwar die richtige Frau.

Freilich, wenn ein Mann noch die „Frau seiner Träume“ zu finden gedenkt, dann ist alles gut. Aber nur die verächtliche Ausrede Bayards hat mich so empört. Wenn die Männer die Wahrheit sagen wollten, wäre das alles nicht so schlecht. Aber dem alten Adam gleich, schieben sie wie gewöhnlich die Schuld den Frauen zu und sagen: „Die Mädchen erwarten heutzutage zu viel. Es ist unmöglich, genug Geld zu verdienen, um sie zu befriedigen“. Das ist eine der vielen Lügen, die die Männer über die Frauen ausstreuen, oder sie befinden sich vielleicht selbst in einer Täuschung und glauben wirklich an die Wahrheit dieser Behauptung. Nun, klären wir sie auf! Die Mädchenerwartennicht zuviel. Sie sind ganz geneigt, arm zu sein, wie ich es vorhin sagte, wenn sie nur den Mann genug lieb haben. Jedenfalls, sobald sie jenes Stadium erreicht haben, wo sie der wirklichen Dinge des Lebens bedürfen, da werden sie Weibtum und verhältnis­mäßige Armut dem Wohlstand und dem leeren Herzen in ihrem elterlichen Heim vorziehen. Mit einem Wort, sie würden lieber „abgearbeitete Frauen als ruhelose alte Jungfern“ sein.

Eine andere Täuschung, welche die Männer über die Frauen ausstreuen, ist die, daß sie zu vergnügungs­süchtig sind, um daheim zu bleiben. Wie oft hört man Behauptungen wie folgende: „Juno Jones wird keinegute Frau sein. Sie spielt den ganzen Tag Golf.“ Oder: „Ich könnte mir’s nicht leisten, Sappho Smith zu heiraten. Sie schwärmt zu sehr für schöne Kleider und fürs Theater.“ Gott helfe dem Mann! Was haben denn die armen Mädchen anderes zu tun? Sappho hat eine Vorliebe für feine Kleider und fürs Theater. Sie füllt ihr leeres Dasein mit diesen Dingen aus, so gut sie kann. Juno hat den langen lieben Tag nichts zu tun, aber sie geht sehr gern ins Freie, und so konzentriert sie ihre prächtige Kraft auf ein Spiel mit Stock und Ball, weil jedweder tätige Anteil an dem großen Spiel des Lebens ihr versagt ist. Heiratet sie, wenn sie euch mag, und ihr werdet sehen, was für einen guten Kameraden ihr an ihr haben werdet, und was für prächtige Kinder sie euch schenken wird. Oder heiratet Sappho, und ihr werdet finden, daß sie nie andere als einfache, in euren Mitteln liegende Vergnügungen haben will, so lange ihr gut zu ihr seid und sie so liebt, wie sie geliebt zu werden wünscht. Sie wird sich ganz gern ihre Kleider selbst machen und ihre größte Freude darin finden, euer Einkommen einzuteilen und euer Heim zu schmücken.

Jeder kann sich daran erinnern, oberflächliche und vergnügungs­süchtige Mädchen gekannt zu haben, die prächtige Frauen geworden sind, deren Kinderstube musterhaft und deren Haushalt über allen Tadelerhaben ist. Gewiß prophezeiten alle ihre Freunde Unheil, als diese Schmetterlinge zum Altar geführt wurden. Ich glaube aufrichtig, daß die Frauen nur dann ausgefallene Vergnügungen brauchen, wenn sie innerlich elend sind. Es sind gewöhnlich die Unglück­lichen, die Elenden, die ruhelosen alten Mädchen, die überall hin laufen und das Geld zum Fenster hinauswerfen. Sie fühlen, daß das Leben sie betrügt, und müssen irgend eine Entschädigung haben.

Aber um zu meinen fünfzehn Junggesellen zurückzukehren: nun bleibt nur mehr Florizel, dessen Haltung gegenüber den Ehefesseln gerade das Gegenteil von der Bayards und Claudians ist. Er ist aufrichtig geneigt, zu heiraten, glühend, warm, bestrebt, das Richtige zu tun, aber es fehlt ihm an moralischem Mut, und er ist schauderhaft egoistisch. Ich möchte ihn so gerne glücklich verheiratet sehen, da er dann ohne Zweifel rasch jene heftige Selbstliebe verlieren würde, aber ich frage mich, ob es irgend eine anziehende Frau gibt, die selbstlos genug wäre, um ihn in dem gegenwärtigen Zustand der Selbst­vergötterung zum Gefährten zu erwählen. Er ist immer für irgend eine Frau entflammt, schwebt stets knapp über irgend einer großen Leiden­schaft und sehnt sich darnach, kopfüber in das Liebesmeer zu stürzen und den Anker der Ehe auszuwerfen, der ihn dort festhalten soll, wo er nicht mehr abschwenken kann.Unglücklich­erweise kann er sich nicht genug selbst vergessen, um den verhängnis­vollen Sprung zu wagen. Bei allen seinen Fehlern hat Florizel etwas Liebenswertes. Ich wäre froh, wenn er zur Vernunft gebracht würde — obgleich es eine tapfere und geduldige Frau sein müßte, die diese Aufgabe zu unternehmen hätte.

Als alle fünfzehn Junggesellen aufgehört hatten, über sich selbst zu sprechen und sich mit der anderen Gesell­schaft zum Bridgespiel niedergesetzt hatten, kam eine alte Dame, die — wie ich — es vorzog, Zuschauer zu bleiben, zu mir und setzte sich neben mich. „Wie sie herumreden“, sagte sie. „Ich aber kann Ihnen sagen, warum sie nicht heiraten. In fünf Worten: Weil sie sich nicht verlieben. Und warum verlieben sie sich nicht? Weil die Mädchen sich zu viel um sie bemühen. Weil die Mädchen ihnen überall über den Weg laufen. Ich habe sieben Söhne, und alle sind unverheiratet. Ich weiß es.“

Notiz. — Es ist interessant, daß Westermarck in seiner „Geschichte der mensch­lichen Ehe“ eine Anzahl von Autoritäten erwähnt, um zu beweisen, daß bei vielen alten Nationen die Ehe eine allen zufallende religiöse Pflicht war. Bei den Mohammedanern ist sie noch heute eine Pflicht. Bei den Hebräern hörte man nichts vom Cölibat und sie haben ein Sprichwort:„Wer kein Weib hat, ist kein Mann“. In Ägypten ist es unrein und sogar anrüchig für einen Mann, sich der Ehe zu enthalten, wenn kein richtiges Hindernis vorliegt. Die Chinesen betrachten es als ein beklagenswertes Unglück für einen Jüngling, wenn er unverheiratet stirbt und bei den Hindus von heute wird ein Mann, der allein bleibt, als ein beinahe unnützes Glied der mensch­lichen Gesell­schaft betrachtet —, der außer dem Bereich des Natürlichen steht.

„Es ist Sache der Frau, sich sobald als möglich zu verheiraten, und die des Mannes, so lange er kann, unverheiratet zu bleiben.“G.Bernard Shaw.

„Die Ehe bringt der Frau solche Vorteile, eröffnet ihr so viele Lebens­möglich­keiten und stellt ihr so viel größere Freiheit und nützliche Betätigung in Aussicht, daß, einerlei, ob sie glücklich oder unglücklich verheiratet ist, sie durch sie nur gewinnen kann.“R. L.Stevenson.

„Warum die Frauen nicht heiraten? Aber sie heiraten ja — wenn sie nur können“, wird der intelligente Leser unwillkürlich ausrufen. Nicht, bei der erst besten Gelegenheit! wohlgemerkt! Keinintelligenter Leserwird diesen Irrtum begehen, obzwar es ein ziemlich allgemeiner Irrtum bei den Nichtver­stehenden ist. Die meisten ledigen Frauen über dreißig müssen das eine oder andere Mal zusammengezuckt sein bei der genial sein wollenden Bemerkung irgendeines älteren Mannes: „Schau, schau, noch nicht verheiratet. Nun, da möcht ich wohl wissen, was die jungen Männer dazu sagen.“ Ich schreibe absichtlich „irgend eines Mannes“, denn keine Frau, wenn sie auch noch so katzenartig veranlagt ist und noch so gern einen Pfeil in die Brust der Rivalin abschießt, würde eine Beleidigung von so besonders verletzender Art über die Lippen bringen, die seltsamerweise von dem Mann, der einen groben Schnitzer begeht, immer als das schmeichel­hafteste Kompliment gedacht ist. Die Tatsache, daß das unglückliche, auf diese Weise attaquierte ältere Mädchen ein Dutzend Anträge gehabt haben mag und es doch aus Gründen ihrer inneren Natur vorzieht, ledig zu bleiben, scheint vollkommen über das Verständnis dieser Leute zu gehen.

Aber der Hauptgrund, warum die Frauen nicht heiraten, ist offenkundig der, weil die Männer sich nicht um sie bewerben. Die meisten Frauen werden Ja sagen, wenn ein genügend netter Mann ihnen ein genügend angemessenes Leben bietet. Wenn die Anträge, die sie bekommen, unter ein gewisses Niveau fallen, dann ziehen sie es vor, ledig zu bleiben, und hoffen dabei im Stillen, daß der richtige Mann noch kommen wird, bevor es zu spät ist. Man muß auch hervorheben, daß, je kultivierter die Frauen werden, sie desto weniger geneigt sind, nur um der Verheiratungwillen zu heiraten, wie ihre Großmütter es taten.

Dann gibt es einige Frauen, eine ganz kleine Schar, die, wenn sie nicht ihr Ideal in seiner Vollkommenheit verwirk­lichen können, sich nicht mit dem Minderen begnügen. Durch eine Ironie des Schicksals kommt es vor, daß diese Frauen oft die Edelsten ihres Geschlechts sind. Es bleibt jedoch noch eine andere kleine Schar ledig, aus aufrichtiger Abneigung gegen die Ehe und ihre Pflichten. Es ist vielleicht nicht zu scharf gesagt, daß eine Frau, die absolut keine innere Berufung für Weibtum und Mutter­schaft hat, eine degenerierte sein muß, und so sehr des weiblichen Instinkts ermangelt, daß sie den Vorwurf verdient, „geschlechtslos“ genannt zu werden. Dieser Typus nimmt augenscheinlich zu.

Dann bleiben jene (ich möchte nicht gern eine Vermutung über ihre Zahl aufstellen), die lieber irgend einen Mann heiraten, wie wenig begehrenswert und für siepassend erauch sein mag, als „ungeliebt zu verblühen“. Es ist eine tief betrübende Tatsache, daß ein Mann noch so häßlich, noch so närrisch, noch so brutal, noch so eingebildet und niederträchtig sein kann — und doch eine Frau findet. Jeder Mann kann irgend eine Frau finden, die ihn heiratet. Bei dieser Gelegenheit muß man an jene berühmte Köchin denken, die, alsman ihr anläßlich der Treulosigkeit ihres Liebhabers sein Mitleid ausdrückte, erwiderte: „Das macht nichts, ich kann Gott sei Dank noch jeden Mann lieben.“

Man kann nicht umhin, mit einer gewissen Belustigung die ernsten Artikel über diesen Gegenstand in den Frauen­zeitschriften zu lesen. Da wird uns überzeugendst versichert, daß die Frauen heutzutage nicht heiraten, weil sie ihre Freiheit zu hoch schätzen, weil jene, die Geld haben, es vorziehen, unabhängig zu bleiben und ihr Leben zu genießen, und jene, die keines haben, lieber tapfer ihr Leben durchkämpfen als die Sklavin eines Mannes, eine bloße Magd, die ganz im Haushalt aufgeht, zu werden usw. usw. ganze Seiten voll. All das mag ja von einem ganz kleinen Teil der Frauen wahr sein, aber es bleibt doch eine unbestreitbare Tatsache, daß der Hauptgrund für das Sitzenbleiben der Frauen die Gleich­gültigkeit der Männer ist. Ich habe jede Sympathie für die Frauen, welche die schweren Verantwortungen der Ehe aufzuschieben wünschen, bis sie das gehabt haben, was man beim anderen Geschlecht das Sich-Austoben nennt, d.h. bis sie eine Periode der Freiheit genossen haben, in der sie studieren, reisen, ihre Jugend tüchtig genießen, mit verschiedenen Männern verkehren, dem Leben in die Augen schauen und etwas von dessen Sinn lernen können. Aber es kommt eine Zeit in dem Leben beinahejeder Frau — ausgenommen der obbesagten Degenerierten —, in der sie fühlt, daß es Zeit ist, die Kindereien beiseite zu schieben und in der sich in ihr Herz eine Sehnsucht nach den wirklichen Dingen des Lebens einnistet, den Dingen, auf die es ankommt, den Dingen, die dauern — die Liebe in der Ehe, und kleine Kinder, und jenes unschätzbare Gut, ein eigenes Heim.

Es ist heutzutage Mode, das Heim zudiskreditieren. Und Bernard Shaw hat es scherzend „das Gefängnis des Mädchens und das Arbeitshaus der Frau“ genannt. Aber was für ein wunderbares Heiligtum ist es tatsächlich! Und wieviel es für die Frauen bedeutet, können nur jene erzählen, die es entbehrt haben.

In unserer Jugend ist das Heim der Ort der Futterkrippe, der Ort, wo es Bindfaden, Briefmarken und Monatsschriften in Hülle und Fülle gibt, — ein Ort, wo gewöhnlich Liebe ist, aber nichtsdesto­weniger hauptsächlich der Ort, den wir als uns gebührend betrachten und für den dankbar zu sein uns nie im Traum einfällt. Später ist das Heim oft mit beschwer­lichen Pflichten verknüpft, für manche wird es sogar der Ort, von dem man gerne fort möchte; aber wenn wir es verloren haben, wie sehnen wir uns danach zurück! Wie ehrfürchtig denken wir an jedes Zimmer und alles, was sich dort ereignete! Wie sehnen wir uns in Gedanken nach dem alten Garten und träumen vondem geliebten Grün! Es kommt nicht in Betracht, wie armselig das Heim gewesen sein mag, ein jedes Stückchen davon ist einem heilig und teuer, vom Garderobezimmer an, wo man an trüben Tagen Räuber und Soldaten gespielt hat, bis zum Werkzeug­schuppen, wo man bei schönem Wetter alles mögliche im Sonnenlicht spielte. Bis zum heutigen Tage rührt es mich fast zu Tränen, wenn mir eine schlecht gekochte Kartoffel unterkommt. Nicht weil sie so schlecht ist, sondern weil sie mich an die Kartoffeln erinnert, die drei kleine Kinder in der Asche des Feldfeuers in einem alten Garten mit ausgelassener Lustigkeit zu kochen und mit stiller Ehrfurcht zu essen pflegten — vor langer, langer Zeit. Noch heute weckt der Duft eines solchen Feuers in mir das Gefühl, ich sei, wie einstmals, wieder sieben Jahre alt.

Aber ob eine Frau ein Heim bei ihren Eltern hat oder nicht, eine jede normale Frau sehnt sich nach ihrem eigenen Heim, und ein Mädchen, das sogar die Blumen auf der Mittagstafel der Mutter ungerne herrichtet, wird in der Ehe ganz unappetitliche Hausarbeit gerne tun, in jenem Heim, das sie ihr eigen nennt.

Diese leiden­schaftliche Liebe zum Heim ist eines der charakter­istischesten Merkmale der Frau. Ich meine nicht die Vorliebe „daheim“ zu sein, da die Neigungen der modernen Frauen gewöhnlich anderswoliegen, aber die Liebe zu dem Ort selbst, und der Wunsch, ihn zu besitzen. Eine große Anzahl Frauen heiraten einzig und allein um dieses heißbegehrten Besitzes willen. Und was jene anbetrifft, die es nicht tun, so erzählen die Spalten der „Christ­lichen Welt“ und anderer Zeitungen klägliche Geschichten über ihre Sehnsucht darnach. Frauen von „Herkunft“ (eine schwulstige und unsinnige Partikel) sind fast zu allem bereit, nur um einen bescheidenen Winkel, einen ganz untergeordneten Platz in der fremdesten Familie zu finden. Sie wollen Haushälterinnen, Dienerinnen, Gesell­schaft­erinnen, Sekretärinnen, Helferinnen für „kleinen Gehalt und ein Heim“ sein, und manchmal auch ganz ohne Gehalt. Sie wollen packen, nähen, ausbessern,unterrichten, überwachen; sie bieten ihre Kenntnisse jeder Art an, wie z.B. ihre musikalischen Fähigkeiten, ihre Sprachen, ihre Gesundheit und Kraft, ihre Dienstbereit­schaft und alle ihre Tugenden, die angeborenen oder die erworbenen, alles das für ein bißchen Nahrung und Wärme und das schützende Obdach jener vier Wände, nach denen ihr ganzes Streben geht, die ihren höchsten Wunsch ausmachen, ein Heim! Schöne Frauen, begabte, brave Frauen verkaufen sich täglich, um nur ein Heim zu gewinnen. Sogar Hedda Gabler, die degenerierteste von allen modernen Heldinnen, die den Selbstmord der Mutter­schaft vorzog, verkaufte sichin einer lieblosen Ehe nur des Heims halber. Und doch lesen wir fortwährend eine Liste von trivialen phantastischen Gründen, warum die Frauen nicht heiraten.

Eine Studentin, die gezwungen war, ihre meiste Zeit in einem ungemüt­lichen Mietkabinett zu verbringen, erzählte mir einst, daß ihr einziger Wunsch sei, einen Raum zu haben, der einen Kasten mit ihren wenigen Kleidern und kleinen Besitztümern beherbergen könne. Sie gab sich ohne ein Heim zufrieden, aber sie sehnte sich sehr nach einem solchen Kasten. „Ich werde Tony bald heiraten müssen,“ sagte sie, „schon wegen der Annehm­lichkeit, einen Platz für meine Kleider zu haben. Ich habe ihn nicht gern und ich möchte noch gerne warten, bis jemand kommt, den ich lieb habe, aber wenn ich ihn je nehme, sehen Sie, dann wird es wegen des Platzes für den Kasten sein.“ Ich muß hinzufügen, daß dieser „jemand“ kam und daß sie jetzt mehrere Kleiderkästen besitzt und drei kräftige Kinderchen, und daß Tony ihr ausweicht, wenn er ihr auf der Straße begegnet.

Dieser leiden­schaftliche Wunsch nach dem Heim findet sich noch häufiger in jener Gesell­schafts­klasse, die man gewöhnlich die niedere nennt. Ich habe gelegentlich eine arme Frau beschäftigt, die seit dem Tode ihres Mannes, also seit neunzehn Jahren, als Köchin diente. Während dieser ganzen Zeit hat sie auf „ihr Heimgehalten“, d.h. auf ein einzelnes Zimmer, das ihre Möbel beherbergt. Sie konnte kaum irgendwann das Zimmer benützen, höchstens ein oder zwei armselige Tage lang und mußte viel von ihren knappen Mußestunden hergeben, um es rein zu halten. Durch neunzehn Jahre hat sie lieber drei Schillinge und sechs Pfennig per Woche für das Zimmer gezahlt, ehe sie ihre Möbel verkauft hätte. Die so ausgegebenen einhundert­zweiundsiebzig Pfund hätten reichlich die Möbel überzahlt und die Frau sieht den Unsinn vollkommen ein, aber ihre Erklärung ist: „Ich konnte mich einfach von dem Heim nicht trennen.“

Noch ein Beispiel: Als ich einmal an der See wohnte, hatte ich das Unglück, ein Gefäß aus dickem blauen Glas zu zerbrechen, das sein Leben augenscheinlich als Parade­marmeladeglas begonnen hatte, aber später aus einem mir unerfind­lichen Grunde zur stolzen Rolle einer Kaminverzierung avanciert war. Zu meiner Überraschung weinte die würdige Wirtin bitterlich über den Scherben und als ich prunkvolle Gegenstände erwähnte, mit denen ich ihren Schatz ersetzen wollte, erklärte sie mir schnippisch: „Nichts kann diesen Schaden gut machen. Denn dieses blaue Glas war das erste Stück meines Heims.“

Kehren wir nun zu unserem Gegenstand zurück. Das traurigste an der Sache ist, daß selbst, wenn jeder Mannüber fünfundzwanzig Jahren heiraten würde, es noch eine enorme Zahl lediger Frauen gäbe. Das ist wirklich sehr ernst und die Ursache vieler Übel. Um dem so viel als möglich zu steuern, sollte jeder Mann, jeder gesunde Mann mit genügendem Einkommen, heiraten. Wenn es bloß „nicht gut für den Mann ist, daß er allein sei“, so ist es sehr schlecht für die Frau. Jede Frau sollte einen männlichen Gefährten haben, einen Mann, mit dem sie leben könnte, wenn es auch nur wäre, um die Billets zu nehmen, das Handgepäck zu tragen und in der Nacht aufzustehen, um zu sehen, was denn da für ein Lärm ist. Da die Gesell­schaft in ihrer jetzigen Struktur das Zusammenleben von Mann und Frau als Gefährten nicht hingehen läßt, so ist es klar, daß jede Frau einen Gatten haben sollte.

Bernard Shaw schreibt: „Gebt den Frauen das Stimmrecht, und in fünf Jahren werden wir eine drückende Junggesellen­steuer haben.“ Es sollte eine solche geben, die gewissen Unterschieden von Alter und Einkommen unterworfen wäre. Das ist eine der vielen Angelegenheiten, in denen wir von den Japanern lernen sollten, wo alle Junggesellen über einem gewissen Alter besteuert sind. Auch in Frankreich wird ein diesbezüg­liches Gesetz diskutiert. Zur Zeit, wo ich dies schreibe, sind die Frauen voller Zukunftsträume über ihre baldige Befreiung, und es wird sehr vieldarüber gesprochen, wie sie ihr Wahlrecht anzuwenden gedenken. Ich muß leider sagen, daß, obgleich einige unsinnige Drohungen über die Abschaffung jener Gabe an die Frauen — die Männerklubs — verlauten, bis jetzt, abgesehen voneinerAusnahme, nichts über die ratsame Einführung einer Junggesellen­steuer im Druck erschienen ist. Die eine Ausnahme ist eine sehr interessante, anonym erschienene Novelle, „der Morgenstern“, welche unter anderen wohldurch­dachten Vorschlägen für politische Reformen auch dringend für eine Junggesellen­steuer plädiert. Es ist offenkundig nur gerecht, daß der Mann, der nichts für den Staat durch Gründung einer Familie tut, zugunsten desjenigen besteuert werden sollte, der eine gründet. Wir hören so viel über die sinkende Geburtsziffer und die Pflicht eines jeden verheirateten Paares, Nachwuchs zu haben, und doch wird alles getan, um jene, die einen solchen haben, zu entmutigen. Der Gewerbsmann, der schuftet, um sagen wir, tausend Pfund jährlich zu verdienen und drei bis vier Kinder für den Staat heranzuziehen, wird genau so besteuert wie der Junggeselle, der gar nichts für den Staat tut und sogar die anderen Steuern dadurch vermeiden kann, daß er, wenn es ihm beliebt, im Hotel oder in einer Pension lebt.

Aber selbst wenn wir eventuell eine vernünftige Gesetzgebung bekommen sollten, die jenen, welche für dieErhaltung der Geburtsziffer ihr Teil tun, Belohnungen anstatt neue Lasten bieten würden, selbst wenn ein Junggeselle über fünfundzwanzig ein so seltener Gegenstand auf unseren Inseln würde wie eine alte Jungfer in mohammed­anischen Landen, selbst dann würde noch ein enormer Überschuß von ledigen Frauen sein. Warum ist das so? Warum soll Großbritannien als das Paradies der alten Mädchen betrachtet werden?

Warum sollten wir mehr alte Jungfern haben als andere Länder? Ist es, weil unsere Kolonien soviel junge Männer verschlingen? Warum können sie denn nicht auch eine gleiche Anzahl von Frauen verschlingen? Man könnte wünschen, daß der Staat und ein „Institut der Ermunterung zur Ehe“ unter staatlichen Begünstigungen diese äußerst wichtige Sache in die Hand nehmen. Eine der Pflichten dieses Instituts wäre es, jährlich eine Anzahl Frauen zur Auswanderung zu bewegen, um so das geeignete Gleichgewicht der Geschlechter in den heimat­lichen Ländern zu erhalten und jedem Mann in den Kolonien die Aussicht zu verschaffen, eine Frau zu bekommen. Ich hörte neulich von einem sehr gewöhn­lichen Mädchen in den Kolonien, die elf Männer hatte, die sie alle heiraten wollten. Elf Männer! Und doch gibt es Scharen von reizenden englischen Mädchen, die alt werden und versauern, ohne je einen einzigen Heiratsantrag bekommen zu haben.

Eine andere Pflicht eines „Instituts der Ermunterung zur Ehe“ wäre es, die Tausende von einsamen Männern und Frauen des Mittelstandes in den Großstädten, die den ganzen Tag in der Arbeit sind und keine Gelegenheit haben, einander zu treffen, irgendwie zu vereinigen. Ich habe eben Francis Gribble’s sehr interessante Novelle „Der Wolkenpfeiler“ gelesen, in welcher er die Existenz von sechs Mädchen in „Stonor House“ beschreibt, einer jener düsteren Baracken für heimatlose, den ganzen Tag durch die Arbeit angehängte Frauen. Der rasende Wunsch dieser Mädchen, mit Männern ihrer Klasse zu verkehren, ist betrübend echt, und dieser Wunsch ist nicht so sehr der Ausdruck der natürlichen Bestrebungen des jungen Weibes, mit jungen Männern zusammen zu kommen, sondern er besteht, weil alle diese Männer für die Mädchen Ehemänner sein könnten, und die Heirat die einzige Möglichkeit ist, aus „Stonor House“ und der freudlosen Existenz daselbst herauszukommen.

In dem vor einigen Jahren erschienenen „Pfad eines Pioniers“ bricht Dolf Wyllarde ähnlichen Ideen Bahn, aber ihre jungen Frauen sind weniger gesund und weniger aufrichtig bestrebt, mit Männern zu Heiratszwecken zusammen­zukommen. Jedoch geben einem beide Bücher eine gute Vorstellung von dem lieblosenunnatür­lichen Leben der jungen Frauen des Mittelstandes, deren Verwandte, wenn sie welche haben, weit weg sind, und die ihr Leben in großen Städten verdienen müssen, fast immer durch diese ungünstigen sozialen Bedingungen zur Altjungfern­schaft verurteilt. Daß eine große Anzahl wohlerzogener Frauen zu einem solchen Dasein verdammt sein soll, spricht so eindringlich als nur möglich für die Daseins­berechtigung zweier französischer Institutionen, nämlich den beschränkten Familien­nachwuchs und das System der Mitgift. In den letzten Jahren ist die „Beschränkung des Nachwuchses“ auch in England weit verbreitet und bis das System der Mitgift auch zur Regel wird, könnte das „Institut der Ermunterung zur Ehe“ die Sache in die Hand nehmen. Zwei oder drei außerordentlich feinsinnige Philantropen haben diesem Gegenstand schon ihre Aufmerksamkeit gezollt, aber jede Bewegung dieser Natur nimmt zu sehr den Charakter einer Heiratsagentur an, um von jener Klasse beifällig aufgenommen zu werden, für deren Wohlergehen sie bestimmt ist. Und doch müßte das „Institut der Ermunterung zur Ehe“ mit diesem Hindernisse rechnen und ihre wahre Absicht unter einem anderen Namen verbergen. Ich bin sicher, daß, wenn der Zweck so genügend verhüllt würde, daß feine Männer und Frauen ohne Verlust der SelbstachtungVorteil aus ihr ziehen könnten, die Beteiligung an dieser Institution von seiten beider Geschlechter eine enorme wäre. Ein direkt für den sozialen Verkehr geschaffener Klub könnte die Lösung sein, und man könnte leicht Kränzchen, Konzerte, Ausflüge arrangieren, die zu einer Quelle der Freude und Anregung in manchem düsteren Leben würden. Wenn Erfolge zu verzeichnen wären, so sollte man Provinzfilialen gründen. — Man sieht fortwährend in den Zeitungen Beweise für die Tatsache, daß es eine Menge junger Leute des Mittelstandes gibt, die heiraten können und wollen, und denen es nur an weiblicher Bekannt­schaft in ihrer eigenen Gesell­schafts­klasse fehlt, um eine Wahl zu treffen. Unglückliche Mesallianzen sind oft die Folge davon, und es erscheint mir trostlos und verderblich, daß diese für die Ehe geschaffenen Männer nicht mit einigen von jenen tausenden junger Mädchen zusammen­gebracht werden können, deren Leben in unangemessener Plage dahin fließt und die sich in Sehnsucht nach einem Heim und einem Gatten verzehren. Bis das „Institut der Ermunterung zur Ehe“ Tatsache wird, gibt es noch prächtige Arbeit für einen Philantropen von unendlichem Takt und warmfühlendem Herzen. Um wieviel könnte man die Summe mensch­licher Freude erhöhen! Wie reich könnte der geringe Einsatz an Geld und Zeit belohnt werden!


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