Blumen am Fenster.

Blumen am Fenster.Die Hausgärten sind aus unserer Stadt ziemlich verschwunden. Der Utilitarismus der Bauunternehmer hat nicht bedacht, daß die Naturfreude mit zu den täglichen Lebensbedürfnissen der Stadtmenschen zählt. In dem Maße aber, als Garten und Feld zurückwichen und die Natur den ungastlichen Mauern entfloh, erwuchs in der Trostlosigkeit dieser Steinwüste eine seltsame, bleiche Stubenpflanze, die Natursehnsucht, die recht eigentlich ein Großstadtprodukt ist. Und zugleich ein wichtiger Faktor der Kultur. Wie tief diese Sehnsucht wurzelt, kann man an Sonn- und Feiertagen sehen, wenn die Menge »aus der Straßen quetschender Enge« ins Freie drängt, wenn sie an Waldungen und Feldrainen Blumen errafft, um sie in die traurigen Stuben zu stellen, wo sie sterbend noch einen Abglanz von Sonnenfreude und Sommerlust verbreiten. Wenn es irgend ein Vollkommenes gibt, so ist es gewiß das schöne, stille Sein der Pflanze und die Reinheit ihres Lebens. Und was die Menschen für das Feinste ansehen, ist ihre Schönheit und ihr Duft. Sie wirkt mit der Kraft eines Symbols. Ein einziger Zweig ins Zimmer gebracht, und ein ganzer Frühling ist zu Gast!Kassette von Arch. Max Benirschke.Rauchtisch von Architekt Max Benirschke.Blumenständer von Arch. Prof. Joseph Hoffmann.Die unklare Natursehnsucht des Städters gibt einen klaren Fingerzeig. Etwas sehr wertvolles liegt darin, vielleicht ein neuer Zivilisationsfaktor, den man nur zu organisieren braucht. Anfänge sind vorhanden, um in die naturverlassene Stadt wieder die Gärten einzuführen. Jedermann in der Stadt kann seinen Garten vor dem Fenster haben. Einen winzigen allerdings, aber ein Gärtchen immerhin. Einen Meter lang, ein Drittel breit, nicht größer als es das Fenstergesimse erlaubt, und die grün oder weiß gestrichene Einfassung, die dort aufzustellen ist. Für wenig Geld liefert der Markt die schönsten Blumen, und zwar je stärker die Nachfrage,desto billiger. Die Sache hat auch eine volkswirtschaftliche Bedeutung. Ein wichtiger Zweig der Landwirtschaft käme ins Aufblühen, die Blumenzucht. Man bedenke, was die Blumenkultur in Holland und in Frankreich wirtschaftlich bedeutet. Keine Stadt hat größeren Blumenbedarf als Paris und nirgends sind die Blumen billiger. Die Blumenmärkte von Paris sind eine Sehenswürdigkeit. Bei uns ist kaum noch der Sinn dafür aufgegangen, welche reiche Quelle von Freuden ein solches Blumenbrett ist, ein gut bestandenes und schön gepflegtes, natürlich. Wenn aus dem Gesimse eine Blumenwildnis hervorblüht, die duftet und leuchtet in den prangendsten Farben, ist die Stube mit einemmal verwandelt. Die freundlichen Hausgötter der Traulichkeit und Wohnlichkeit sind plötzlich eingekehrt und walten mit Zaubermacht, mag auch der Hausrat noch so ärmlich sein. Es ist nicht nur eine liebliche Augenweide, o, noch viel mehr! Öffnet man am Morgen das Fenster, dann wälzt der Lufthauch ganze Wolken von Wolgerüchen herein, die das Gemach erfüllen. Und welche Labsal ist es, abends hinter diesem Hausgarten zu sitzen! Eine Fülle von Segen strömt vom Fenster her in die Stube und in das Herz der Inwohner und hilft wol irgend ein Gutes im Leben zu fördern. Diese Blumenwildnis vor dem Fenster ist zwar kein vollkommener Garten, nicht einmal eine Laube, wie man sie einst hatte, aber sie ist etwas, was unter Umständen noch viel mehr sein kann, weil sich ein persönliches damit verbindet. Denn die Liebe, die auf dem Grunde eines jeden guten Werkes ist, muss sich auch hier betätigen. Wer hier nicht säet, wird auch nicht ernten. Die Blumen am Fenster gedeihen nicht ohne aufmerksame Pflege. Das verursacht zwar eine kleine Mühe morgens und abends, aber was tut’s? Kann man denn etwas lieben,um was man sich gar nicht zu bemühen braucht? Zumindest ist hier die Mühe eine Freude, die man nicht dem Dienstmädchen überlassen soll. Der bloße Pflichtbegriff ist giftiger Mehltau für die Blumenpracht am Fenster. So etwas merkt man gleich. Nein, die Blumenpflege gehört der Dame des Hauses zu. Dann wird das Blumenbörtel zum Symbol, wo jede Pflanze von der Sorgfalt und Liebe der gewiss liebenswerten Gärtnerin erzählt. Oft kommt man an einem Hause vorbei, wo an einem der Fenster Hortensien stehen und Nelken und Rosen, Pelargonien und brennende Liebe und je nach der Jahreszeit manche andere schöne Pflanze. Die schönen weißen Hände, die sichtbar werden, um mit so viel Liebe den Blumenstand am Fenster zu pflegen, zur eigenen Herzenslust und zur stillen dankbaren Freude des Vorübergehenden, geben ein sehr edles Beispiel. Eine neue Schönheit zieht in unsere Straßen ein. Da und dort bricht aus den Gesimsen eine solche blühende und duftendeBlumenwildnis hervor. Und nun denke man sich diesen Blumenreichtum über alle Fenster, an allen Häuserreihen, bis ins höchste Stockwerk verbreitet: er müsste die Stadt in einen reizenden Garten verwandeln. Es müsste ein Segen sein fürs Auge und fürs Herz und auch für die Gesundheit. Die lebt ja bekanntlich vom Schönen, ebenso wie das Gute.Mädchenzimmer von Arch. Franz Exler.Mädchenzimmer von Arch. Franz Exler.Blumenkübel. Prag-Rudniker Korbfabrikation.Salonkasten und die dazugehörigen EinlegearbeitenArch. Max Benirschke.Salonkasten und die dazugehörigen TreibarbeitArch. Max Benirschke.Aber nicht nur nach außen hin würde der Wandel eintreten, sondern auch nach innen. Eine Revolution hat die Blume in den Wohnungen hervorgebracht. Der Fall ist typisch: Ist in irgend einem Hause die Blumenfreude intensiv geworden, dann spürt man die Woltat der Blumenherrschaft in allen Räumen. Die schweren Stoffgardinen, welche die vordem so beliebte Rembrandt’sche clair-obscur-Stimmung erzeugen sollten, werden entfernt. Luft und Licht strömen nun in vollenFluten herein. Nun zeigt es sich auf einmal, welch’ ein lichtscheues Gesindel von Nippes und lächerlichem Aufputz die Wohnung verunstaltete, vom Makart-Bouquet angefangen bis zu den japanischen Schirmen und Photographieständern, wie viel unkontrollierbare Staubwinkel allen Wänden und Möbeln entlang vorhanden sind. Die Umwälzungen, die von der stillen selbstgenügsamen Blume ausgehen, füllen ein lustiges Kapitel. Wir wollen uns einmal flüchtig daran erinnern, daß unsere Großeltern eine solche feine Kultur besaßen, zu der wir jetzt erst wieder den Anfang machen. Treten wir in die Tür unserer Großväter, dann finden wir ein helles Gemach mit weißen Gardinen, einfarbigen oder weißen Wänden, hellgelbe Kirschholzmöbeln, und als Herrscherin und Hüterin dieser einladenden, traulichen Stimmung die Blumen, unsere heimatlichen Bauernblumen in weißen Töpfen, lieblich anzuschauen. In der Blumenliebe liegt etwas sehr Edles. Der Anfang von Kunst liegt in ihr. Was die Blumenpflege für die Kultur bedeutet, mag man in der ausgezeichneten Schrift »Makartbouquet und Blumenstrauß« von Alfred Lichtwark nachlesen. Von den Blumen der Heimat muß man ausgehen, sie passen zu unserem Dasein. Wir finden sie in den beliebten Blumenstücken der früheren Zeit, in den Vorgärten der alten Landhäuser und in den Bauerngärten. Nur die Modesucht hat sie verachtet. Darum sollen sie zu Ehren gebracht werden.

Die Hausgärten sind aus unserer Stadt ziemlich verschwunden. Der Utilitarismus der Bauunternehmer hat nicht bedacht, daß die Naturfreude mit zu den täglichen Lebensbedürfnissen der Stadtmenschen zählt. In dem Maße aber, als Garten und Feld zurückwichen und die Natur den ungastlichen Mauern entfloh, erwuchs in der Trostlosigkeit dieser Steinwüste eine seltsame, bleiche Stubenpflanze, die Natursehnsucht, die recht eigentlich ein Großstadtprodukt ist. Und zugleich ein wichtiger Faktor der Kultur. Wie tief diese Sehnsucht wurzelt, kann man an Sonn- und Feiertagen sehen, wenn die Menge »aus der Straßen quetschender Enge« ins Freie drängt, wenn sie an Waldungen und Feldrainen Blumen errafft, um sie in die traurigen Stuben zu stellen, wo sie sterbend noch einen Abglanz von Sonnenfreude und Sommerlust verbreiten. Wenn es irgend ein Vollkommenes gibt, so ist es gewiß das schöne, stille Sein der Pflanze und die Reinheit ihres Lebens. Und was die Menschen für das Feinste ansehen, ist ihre Schönheit und ihr Duft. Sie wirkt mit der Kraft eines Symbols. Ein einziger Zweig ins Zimmer gebracht, und ein ganzer Frühling ist zu Gast!

Kassette von Arch. Max Benirschke.

Kassette von Arch. Max Benirschke.

Rauchtisch von Architekt Max Benirschke.

Rauchtisch von Architekt Max Benirschke.

Blumenständer von Arch. Prof. Joseph Hoffmann.

Blumenständer von Arch. Prof. Joseph Hoffmann.

Die unklare Natursehnsucht des Städters gibt einen klaren Fingerzeig. Etwas sehr wertvolles liegt darin, vielleicht ein neuer Zivilisationsfaktor, den man nur zu organisieren braucht. Anfänge sind vorhanden, um in die naturverlassene Stadt wieder die Gärten einzuführen. Jedermann in der Stadt kann seinen Garten vor dem Fenster haben. Einen winzigen allerdings, aber ein Gärtchen immerhin. Einen Meter lang, ein Drittel breit, nicht größer als es das Fenstergesimse erlaubt, und die grün oder weiß gestrichene Einfassung, die dort aufzustellen ist. Für wenig Geld liefert der Markt die schönsten Blumen, und zwar je stärker die Nachfrage,desto billiger. Die Sache hat auch eine volkswirtschaftliche Bedeutung. Ein wichtiger Zweig der Landwirtschaft käme ins Aufblühen, die Blumenzucht. Man bedenke, was die Blumenkultur in Holland und in Frankreich wirtschaftlich bedeutet. Keine Stadt hat größeren Blumenbedarf als Paris und nirgends sind die Blumen billiger. Die Blumenmärkte von Paris sind eine Sehenswürdigkeit. Bei uns ist kaum noch der Sinn dafür aufgegangen, welche reiche Quelle von Freuden ein solches Blumenbrett ist, ein gut bestandenes und schön gepflegtes, natürlich. Wenn aus dem Gesimse eine Blumenwildnis hervorblüht, die duftet und leuchtet in den prangendsten Farben, ist die Stube mit einemmal verwandelt. Die freundlichen Hausgötter der Traulichkeit und Wohnlichkeit sind plötzlich eingekehrt und walten mit Zaubermacht, mag auch der Hausrat noch so ärmlich sein. Es ist nicht nur eine liebliche Augenweide, o, noch viel mehr! Öffnet man am Morgen das Fenster, dann wälzt der Lufthauch ganze Wolken von Wolgerüchen herein, die das Gemach erfüllen. Und welche Labsal ist es, abends hinter diesem Hausgarten zu sitzen! Eine Fülle von Segen strömt vom Fenster her in die Stube und in das Herz der Inwohner und hilft wol irgend ein Gutes im Leben zu fördern. Diese Blumenwildnis vor dem Fenster ist zwar kein vollkommener Garten, nicht einmal eine Laube, wie man sie einst hatte, aber sie ist etwas, was unter Umständen noch viel mehr sein kann, weil sich ein persönliches damit verbindet. Denn die Liebe, die auf dem Grunde eines jeden guten Werkes ist, muss sich auch hier betätigen. Wer hier nicht säet, wird auch nicht ernten. Die Blumen am Fenster gedeihen nicht ohne aufmerksame Pflege. Das verursacht zwar eine kleine Mühe morgens und abends, aber was tut’s? Kann man denn etwas lieben,um was man sich gar nicht zu bemühen braucht? Zumindest ist hier die Mühe eine Freude, die man nicht dem Dienstmädchen überlassen soll. Der bloße Pflichtbegriff ist giftiger Mehltau für die Blumenpracht am Fenster. So etwas merkt man gleich. Nein, die Blumenpflege gehört der Dame des Hauses zu. Dann wird das Blumenbörtel zum Symbol, wo jede Pflanze von der Sorgfalt und Liebe der gewiss liebenswerten Gärtnerin erzählt. Oft kommt man an einem Hause vorbei, wo an einem der Fenster Hortensien stehen und Nelken und Rosen, Pelargonien und brennende Liebe und je nach der Jahreszeit manche andere schöne Pflanze. Die schönen weißen Hände, die sichtbar werden, um mit so viel Liebe den Blumenstand am Fenster zu pflegen, zur eigenen Herzenslust und zur stillen dankbaren Freude des Vorübergehenden, geben ein sehr edles Beispiel. Eine neue Schönheit zieht in unsere Straßen ein. Da und dort bricht aus den Gesimsen eine solche blühende und duftendeBlumenwildnis hervor. Und nun denke man sich diesen Blumenreichtum über alle Fenster, an allen Häuserreihen, bis ins höchste Stockwerk verbreitet: er müsste die Stadt in einen reizenden Garten verwandeln. Es müsste ein Segen sein fürs Auge und fürs Herz und auch für die Gesundheit. Die lebt ja bekanntlich vom Schönen, ebenso wie das Gute.

Mädchenzimmer von Arch. Franz Exler.

Mädchenzimmer von Arch. Franz Exler.

Mädchenzimmer von Arch. Franz Exler.

Mädchenzimmer von Arch. Franz Exler.

Blumenkübel. Prag-Rudniker Korbfabrikation.

Blumenkübel. Prag-Rudniker Korbfabrikation.

Salonkasten und die dazugehörigen EinlegearbeitenArch. Max Benirschke.

Arch. Max Benirschke.

Salonkasten und die dazugehörigen TreibarbeitArch. Max Benirschke.

Arch. Max Benirschke.

Aber nicht nur nach außen hin würde der Wandel eintreten, sondern auch nach innen. Eine Revolution hat die Blume in den Wohnungen hervorgebracht. Der Fall ist typisch: Ist in irgend einem Hause die Blumenfreude intensiv geworden, dann spürt man die Woltat der Blumenherrschaft in allen Räumen. Die schweren Stoffgardinen, welche die vordem so beliebte Rembrandt’sche clair-obscur-Stimmung erzeugen sollten, werden entfernt. Luft und Licht strömen nun in vollenFluten herein. Nun zeigt es sich auf einmal, welch’ ein lichtscheues Gesindel von Nippes und lächerlichem Aufputz die Wohnung verunstaltete, vom Makart-Bouquet angefangen bis zu den japanischen Schirmen und Photographieständern, wie viel unkontrollierbare Staubwinkel allen Wänden und Möbeln entlang vorhanden sind. Die Umwälzungen, die von der stillen selbstgenügsamen Blume ausgehen, füllen ein lustiges Kapitel. Wir wollen uns einmal flüchtig daran erinnern, daß unsere Großeltern eine solche feine Kultur besaßen, zu der wir jetzt erst wieder den Anfang machen. Treten wir in die Tür unserer Großväter, dann finden wir ein helles Gemach mit weißen Gardinen, einfarbigen oder weißen Wänden, hellgelbe Kirschholzmöbeln, und als Herrscherin und Hüterin dieser einladenden, traulichen Stimmung die Blumen, unsere heimatlichen Bauernblumen in weißen Töpfen, lieblich anzuschauen. In der Blumenliebe liegt etwas sehr Edles. Der Anfang von Kunst liegt in ihr. Was die Blumenpflege für die Kultur bedeutet, mag man in der ausgezeichneten Schrift »Makartbouquet und Blumenstrauß« von Alfred Lichtwark nachlesen. Von den Blumen der Heimat muß man ausgehen, sie passen zu unserem Dasein. Wir finden sie in den beliebten Blumenstücken der früheren Zeit, in den Vorgärten der alten Landhäuser und in den Bauerngärten. Nur die Modesucht hat sie verachtet. Darum sollen sie zu Ehren gebracht werden.


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