Das Spielzeug.

Das Spielzeug.Eine mittelalterliche Sage erzählt von einem zauberkräftigen Beryll, der in seinem Spiegel alle vergangenen und künftigen Dinge zeigte, alle Schönheit der Erde, ferne Länder und Meere. Doch bedurfte er eines reinen gläubigen Gemüts, das von dem Weltgift des Zweifels noch nicht angenagt war, um das holde Wunder zu sehen, sonst blieb der wundersame Stein trüb und dunkel. Noch geschehen Wunder. Kinder erleben sie täglich aufs Neue. Nicht einmal ein Beryll oder sonst einkostbarer Edelstein ist nötig, es genügt ein ganz wertloser Stein, den sie mit der jungen Kraft ihrer ungebrochenen Phantasie begaben, das Mirakel zu bewirken. Mit staunendem Ergötzen sehen sie in dem schillernden DingSonnenaufgang und -untergang, eine große farbenreiche Welt von Wundern, mit einem Wort, ihre eigene Welt. Mit Verwunderung sieht man sie oft an kostbarem, mühsam ersonnenem Spielzeug achtlos vorübergehen und an irgend ein unscheinbares Ding ihre Liebe hängen. Ein unbedachtes Wort, Spott oder Vorwurf und die holde Wundergläubigkeit ist dahin, das zauberhafte Juwel wird blind und taub und erscheint nur mehr als das, was es ist, als wertloser Stein oder Glasscherben. Und ein Stück Unschuld geht damit zugrunde. Man begnügt sich in der Regel, zu sagen, daß Kinder leicht zufrieden zu stellen seien. Das ist ein sehr oberflächliches Urteil. Ich bin viel eher geneigt zu glauben, daß es kein schwerer zu befriedigendes Publikum gibt, als gerade die Kleinen. Der Witz der Großen, die für sie denken und bilden, wird an ihnen gewöhnlich zu schanden. Die schönsten Spielsachen finden zumeist dann erst Wert in ihren Augen, wenn sie sie zertrümmert haben, um sie in ihrem Sinne wieder aufzubauen. Sowohl diese als viele andere Erscheinungen sind Beweise, daß das Kind in dem Spielzeug dasRohmaterialsucht, mit dem seine Phantasie freischaffend verfährt. Der Wert des Spielzeuges liegt nicht in dem, was es ist, sondern in dem, was es werden kann, was das Kind mit ihm machen soll. Bedeutung und Beseelung, gleichsam den künstlerischen Ausbau, empfängt es aus dem kindlichen Schaffenstrieb. Diesen anzuregen, zu heben und zu kräftigen, ihm die rechten Mittel bereit zu stellen, ist der Zweck des Spielzeuges.Kinderspielzeug v. Maler Ferdinand Andri.Toilette v. Arch. Georg Winkler.Toilette von Arch. Georg Winkler.Auch die Kinderstube ist ein Spiegelbild ihrer Zeit. Eine Welt für sich, die aber ihren Inhalt aus dem großen Leben empfängt und jeden Kulturwandel mitmacht. Der Naturalismus der letzten Jahrzehnte hat auch in dieser kleinen Welt ein Echo gefunden und in der Spielzeug-Manufaktur jenen konsequenten Wirklichkeitssinn erzeugt, der wohl den Verstand nährt, aber das Herz leer läßt. Puppen werden erzeugt von panoptikumartiger Wirklichkeitstreue, den Babies zum Verwechseln ähnlich, »stilgerechte« Steinbaukästen, Spielschiffe und Eisenbahnen mit kompliziertem Betrieb, die ein getreues Modell dieser Verkehrseinrichtungen darstellen. Wir leben ja im Zeitalter der Technik, so mag der künftige Ingenieur schon in der Kinderstube sein Talent an solchen Modellennähren. Das ist die Meinung so mancher Eltern, die bei der Geburt des Kindes schon seinen Beruf vorbestimmen und den Fachmann bilden wollen, ehe sie den Menschen gebildet haben. Von den Großen wird das Spielzeug gewählt, anstatt von den Kleinen. Aber was das sentimentale Kindlichkeitsgefühl der Großen gutheißt, billigt nicht immer der naive Sinn der Kleinen. Diese armen Kinder der Reichen! In eine Kinderstubenwelt werden sie gestellt, die fertig ist und ausgebaut und die nichts übrig läßt zu vollenden. Und nun heißt es: spiele! Spielen um des Spielens willen? Für das Kind ist das Spiel notwendige Arbeit, daran es seine Kräfte übt und entwickelt. In dieser fertigen Welt beginnt die Arbeit mit dem Zertrümmern. Zertrümmern, um neu aufzubauen. Um wie viel reicher sind oft die Kinder der Armen! Ein Stück Holz wird zur Puppe, von der kleinen Mutter sorgfältig in armselige Lappen gehüllt und aufs zärtlichste betreut. Mit der Sorge wächst die Liebe. Man sage der Kleinen nicht, das ist keine Puppe, das ist nur ein Stück Holz! Wo gewöhnliche Augen nur ein Stück Holz sehen, da hat die kindliche Phantasie bereits ein Wunder bewirkt. An dem selbsterschaffenen beseelten Gegenstand übt das jungeHerz seine Fähigkeiten. Und dieser Gegenstand hat alle Bedeutung, die es hineinlegt. Er ist das rechte Spielzeug geworden.Bad von Arch. Leopold Bauer.Die Jungen auf dem Dorfe kennen den Steinbaukasten und seine zwei bis drei Gestaltungsmöglichkeiten nicht. Sie kennen nur den Lehmhügel am Bach und den Sandhaufen, die der Baulust keine Grenze setzen. Hier hat es der Formsinn leicht. Brücken entstehen, Wälle, Befestigung, Minen, Werke der augenblicklichen Eingebung, die im nächsten Augenblicke wieder anderen weichen. Immer ist es kurzweilig und zweckvoll. Der willige Baustoff fügt sich jeder Regung des Schaffenstriebes. Und die ungestörte Phantasie bevölkert alle diese Bauten, die Gruben und Löcher, mit spukhaften Geheimnissen. Es ist die Zeit, da das Märchen zur Wirklichkeit wird, die Wirklichkeit zum Märchen. Das Spielzeug verhält sich zu den Dingen des Alltags wie das Märchen zur Wirklichkeit. In beiden ist die reale Welt vorgebildet, aber zugleich auf die einfachsten, sinnfälligsten Elemente reduziert. Die gemeine Logik reicht gar nicht aus, um diese Elemente zu würdigen. Man müßte denndie Welt mit den Augen des Kindes ansehen, naiv, voraussetzungslos sagen wir künstlerisch. In diesem Betrachte ist auch das Spielzeug künstlerisches Neuland. Es erfordert einfach organisierte Seelen, wie es der Toymaker Caleb Plummer und seine blinde Tochter in Dickens »Heimchen am Herde« sind. Solche Seelen wissen, daß eine Reihe von Sardinenbüchsen, mit einem Bindfaden zusammengehalten, dem Volk der Kleinen eine bessere Illusion von einem Eisenbahnzug gibt, als das technisch vollkommenste Modell. In unseren Straßen gehen arme Slovaken herum mit billigem Spielzeug, das sie selbst aus Holz schneiden, nach ihrer eigenen unverbildeten, kindlichen Anschauung. Der blasierte Großstädter kann diesen Dingen keinen Reiz abgewinnen, er sagt, »es ist nichts d’ran«. Es ist allerdings nichts d’ran, als eine entzückende Naivität, eine überraschende Kindlichkeit, die uns Großen abgeht. Die Kleinen haben wohl ein anderes Urteil darüber, und wie mich dünkt, ein weit richtigeres. Nehmen wir ihnen doch nicht schon von der Kinderstube an jene Kindlichkeit, die ihr gutes Recht ist, ihre Kraft und Schönheit. Sie zu hüten und für das Leben zu bewahren, ist ein wichtiger Teil der Erziehung. Und im Dienste dieser Erziehung steht das Spielzeug. Ferdinand Andri hat den immerhin interessanten Versuch gemacht, Spielzeugtypen grotesker Art zu schaffen, die an den primitiven Charakter der besprochenen alten volkstümlichen Spielsachen anknüpfen.Bad von Arch. Max Benirschke.Badezimmer von Arch. Karl Bräuer.Waschgeschirr von Frl. Jutta Sicka. Porzellanmanufaktur Joseph Böck, Wien.

Eine mittelalterliche Sage erzählt von einem zauberkräftigen Beryll, der in seinem Spiegel alle vergangenen und künftigen Dinge zeigte, alle Schönheit der Erde, ferne Länder und Meere. Doch bedurfte er eines reinen gläubigen Gemüts, das von dem Weltgift des Zweifels noch nicht angenagt war, um das holde Wunder zu sehen, sonst blieb der wundersame Stein trüb und dunkel. Noch geschehen Wunder. Kinder erleben sie täglich aufs Neue. Nicht einmal ein Beryll oder sonst einkostbarer Edelstein ist nötig, es genügt ein ganz wertloser Stein, den sie mit der jungen Kraft ihrer ungebrochenen Phantasie begaben, das Mirakel zu bewirken. Mit staunendem Ergötzen sehen sie in dem schillernden DingSonnenaufgang und -untergang, eine große farbenreiche Welt von Wundern, mit einem Wort, ihre eigene Welt. Mit Verwunderung sieht man sie oft an kostbarem, mühsam ersonnenem Spielzeug achtlos vorübergehen und an irgend ein unscheinbares Ding ihre Liebe hängen. Ein unbedachtes Wort, Spott oder Vorwurf und die holde Wundergläubigkeit ist dahin, das zauberhafte Juwel wird blind und taub und erscheint nur mehr als das, was es ist, als wertloser Stein oder Glasscherben. Und ein Stück Unschuld geht damit zugrunde. Man begnügt sich in der Regel, zu sagen, daß Kinder leicht zufrieden zu stellen seien. Das ist ein sehr oberflächliches Urteil. Ich bin viel eher geneigt zu glauben, daß es kein schwerer zu befriedigendes Publikum gibt, als gerade die Kleinen. Der Witz der Großen, die für sie denken und bilden, wird an ihnen gewöhnlich zu schanden. Die schönsten Spielsachen finden zumeist dann erst Wert in ihren Augen, wenn sie sie zertrümmert haben, um sie in ihrem Sinne wieder aufzubauen. Sowohl diese als viele andere Erscheinungen sind Beweise, daß das Kind in dem Spielzeug dasRohmaterialsucht, mit dem seine Phantasie freischaffend verfährt. Der Wert des Spielzeuges liegt nicht in dem, was es ist, sondern in dem, was es werden kann, was das Kind mit ihm machen soll. Bedeutung und Beseelung, gleichsam den künstlerischen Ausbau, empfängt es aus dem kindlichen Schaffenstrieb. Diesen anzuregen, zu heben und zu kräftigen, ihm die rechten Mittel bereit zu stellen, ist der Zweck des Spielzeuges.

Kinderspielzeug v. Maler Ferdinand Andri.

Kinderspielzeug v. Maler Ferdinand Andri.

Toilette v. Arch. Georg Winkler.

Toilette v. Arch. Georg Winkler.

Toilette von Arch. Georg Winkler.

Toilette von Arch. Georg Winkler.

Auch die Kinderstube ist ein Spiegelbild ihrer Zeit. Eine Welt für sich, die aber ihren Inhalt aus dem großen Leben empfängt und jeden Kulturwandel mitmacht. Der Naturalismus der letzten Jahrzehnte hat auch in dieser kleinen Welt ein Echo gefunden und in der Spielzeug-Manufaktur jenen konsequenten Wirklichkeitssinn erzeugt, der wohl den Verstand nährt, aber das Herz leer läßt. Puppen werden erzeugt von panoptikumartiger Wirklichkeitstreue, den Babies zum Verwechseln ähnlich, »stilgerechte« Steinbaukästen, Spielschiffe und Eisenbahnen mit kompliziertem Betrieb, die ein getreues Modell dieser Verkehrseinrichtungen darstellen. Wir leben ja im Zeitalter der Technik, so mag der künftige Ingenieur schon in der Kinderstube sein Talent an solchen Modellennähren. Das ist die Meinung so mancher Eltern, die bei der Geburt des Kindes schon seinen Beruf vorbestimmen und den Fachmann bilden wollen, ehe sie den Menschen gebildet haben. Von den Großen wird das Spielzeug gewählt, anstatt von den Kleinen. Aber was das sentimentale Kindlichkeitsgefühl der Großen gutheißt, billigt nicht immer der naive Sinn der Kleinen. Diese armen Kinder der Reichen! In eine Kinderstubenwelt werden sie gestellt, die fertig ist und ausgebaut und die nichts übrig läßt zu vollenden. Und nun heißt es: spiele! Spielen um des Spielens willen? Für das Kind ist das Spiel notwendige Arbeit, daran es seine Kräfte übt und entwickelt. In dieser fertigen Welt beginnt die Arbeit mit dem Zertrümmern. Zertrümmern, um neu aufzubauen. Um wie viel reicher sind oft die Kinder der Armen! Ein Stück Holz wird zur Puppe, von der kleinen Mutter sorgfältig in armselige Lappen gehüllt und aufs zärtlichste betreut. Mit der Sorge wächst die Liebe. Man sage der Kleinen nicht, das ist keine Puppe, das ist nur ein Stück Holz! Wo gewöhnliche Augen nur ein Stück Holz sehen, da hat die kindliche Phantasie bereits ein Wunder bewirkt. An dem selbsterschaffenen beseelten Gegenstand übt das jungeHerz seine Fähigkeiten. Und dieser Gegenstand hat alle Bedeutung, die es hineinlegt. Er ist das rechte Spielzeug geworden.

Bad von Arch. Leopold Bauer.

Bad von Arch. Leopold Bauer.

Die Jungen auf dem Dorfe kennen den Steinbaukasten und seine zwei bis drei Gestaltungsmöglichkeiten nicht. Sie kennen nur den Lehmhügel am Bach und den Sandhaufen, die der Baulust keine Grenze setzen. Hier hat es der Formsinn leicht. Brücken entstehen, Wälle, Befestigung, Minen, Werke der augenblicklichen Eingebung, die im nächsten Augenblicke wieder anderen weichen. Immer ist es kurzweilig und zweckvoll. Der willige Baustoff fügt sich jeder Regung des Schaffenstriebes. Und die ungestörte Phantasie bevölkert alle diese Bauten, die Gruben und Löcher, mit spukhaften Geheimnissen. Es ist die Zeit, da das Märchen zur Wirklichkeit wird, die Wirklichkeit zum Märchen. Das Spielzeug verhält sich zu den Dingen des Alltags wie das Märchen zur Wirklichkeit. In beiden ist die reale Welt vorgebildet, aber zugleich auf die einfachsten, sinnfälligsten Elemente reduziert. Die gemeine Logik reicht gar nicht aus, um diese Elemente zu würdigen. Man müßte denndie Welt mit den Augen des Kindes ansehen, naiv, voraussetzungslos sagen wir künstlerisch. In diesem Betrachte ist auch das Spielzeug künstlerisches Neuland. Es erfordert einfach organisierte Seelen, wie es der Toymaker Caleb Plummer und seine blinde Tochter in Dickens »Heimchen am Herde« sind. Solche Seelen wissen, daß eine Reihe von Sardinenbüchsen, mit einem Bindfaden zusammengehalten, dem Volk der Kleinen eine bessere Illusion von einem Eisenbahnzug gibt, als das technisch vollkommenste Modell. In unseren Straßen gehen arme Slovaken herum mit billigem Spielzeug, das sie selbst aus Holz schneiden, nach ihrer eigenen unverbildeten, kindlichen Anschauung. Der blasierte Großstädter kann diesen Dingen keinen Reiz abgewinnen, er sagt, »es ist nichts d’ran«. Es ist allerdings nichts d’ran, als eine entzückende Naivität, eine überraschende Kindlichkeit, die uns Großen abgeht. Die Kleinen haben wohl ein anderes Urteil darüber, und wie mich dünkt, ein weit richtigeres. Nehmen wir ihnen doch nicht schon von der Kinderstube an jene Kindlichkeit, die ihr gutes Recht ist, ihre Kraft und Schönheit. Sie zu hüten und für das Leben zu bewahren, ist ein wichtiger Teil der Erziehung. Und im Dienste dieser Erziehung steht das Spielzeug. Ferdinand Andri hat den immerhin interessanten Versuch gemacht, Spielzeugtypen grotesker Art zu schaffen, die an den primitiven Charakter der besprochenen alten volkstümlichen Spielsachen anknüpfen.

Bad von Arch. Max Benirschke.

Bad von Arch. Max Benirschke.

Badezimmer von Arch. Karl Bräuer.

Badezimmer von Arch. Karl Bräuer.

Waschgeschirr von Frl. Jutta Sicka. Porzellanmanufaktur Joseph Böck, Wien.

Waschgeschirr von Frl. Jutta Sicka. Porzellanmanufaktur Joseph Böck, Wien.


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