Junggesellenheim u. Herrenzimmer.

Junggesellenheim u. Herrenzimmer.Das Studium alter Kulturen hat uns gelehrt, daß je erhabener die Kunst, desto größer die Einfachheit war. Wenn wir wollen, daß die Kunst ihren Ausgangspunkt in dem Hause nehme, dann müssen wir aus unseren Häusern alle überflüssigen und störenden Gegenstände fortnehmen, den sogenannten Luxus, den Komfort, der in Wirklichkeit gar kein Komfort ist, weil er nur unnötige Plage macht und für nichts gut und nützlich ist. Der wirklichen Gebrauchsgegenstände sind verhältnismäßig wenige. Wenden wir uns einmal an die kleinste Wohnung, die von einer alleinstehenden Person bewohnt wird, an das sogenannte Junggesellenheim, so finden wir in der Regel ein einziges Zimmer, in dem geschlafen und gearbeitet wird, wobei eine Arbeit vorausgesetzt ist, die nicht viel Unordnung verursacht. Wir finden darin einen Bücherschrank, der eine Menge Bücher enthält, ein Bett, das mit weißen weichen Leinenvorhängen, die mit Aufnäharbeit versehen, abnehmbar und waschbar sind, verschlossen ist, und bei Tag, wenn die Vorhänge, die in metallenen Ringen laufen, zurückgezogen sind, als Divan benützt werden kann. Das Nachtkästchen, wie ein einfaches Schränkchen gebaut, dient bei Tag als Bücherablage, als Ständer für Vasen und Rauchzeug. Dann ein Tisch, der sicher steht, um daran zu schreiben oder zu arbeiten. Mehrere Stühle, die sich leichtvon einem Ort an den anderen bringen lassen, ein Kleiderschrank mit Schubkästen für Wäsche und derlei, und solche Bilder und Stiche, als es die Mittel erlauben, ja keine Lückenbüßer, sondern wirkliche Kunstwerke, was heute unschwer für wenig Geld zu haben ist; auch eine oder zwei Vasen gehören hieher, um Blumen hineinzutun, namentlich wenn man in einer Stadt lebt. Ein Ofen gehört natürlich ins Zimmer, aber man zieht einen kleinen Gaskamin vor, der, artig von einem Holzgehäuse umgeben, an seinem Bord allerlei, Gegenstände der Kleinkunst aufzunehmen geeignet ist.Schrank von Arch. Max Benirschke.Weiter ist nichts nötig, besonders wenn der Fußboden gut ist. Wenn dies nicht der Fall ist, so würde ein kleiner Teppich, der in zwei Minuten zur Reinigung aus dem Zimmer geschafft werden kann, gute Dienste leisten; doch müßte dafür gesorgt sein, daß er schön ist, sonst würde er schrecklich stören.Schrank von Arch. Max Benirschke.Das ist rein alles, was wir in unserem Junggesellenheim brauchen, wenn wir nicht musikalisch sind und ein Klavier haben müssen (in Bezug auf deren Schönheit wir übel daran sind), und wir können nursehr wenig zu diesen notwendigen Dingen hinzufügen, wenn wir nicht sowohl beim Arbeiten wie beim Nachdenken und Ausruhen gestört sein wollen. Wenn diese Dinge für die geringsten Kosten, für die sie gut und dauerhaft ausgeführt werden können, hergestellt würden, würden sie nicht viel Auslagen verursachen, und sie sind so wenig, daß die, welche die Mittel haben, sie überhaupt anzuschaffen, sich auch bemühen könnten, sie gut ausgeführt und schön anzuschaffen, und alle die, denen die Kunst am Herzen liegt, sollten sich sehr bemühen, dies zu tun, und dafür sorgen, daß keine Scheinkunst sie umgibt, nichts, dessen Herstellung oder Verkauf einen Menschen herabgewürdigt hat. »Und ich bin fest überzeugt, daß, wenn alle, denen die Kunst am Herzen liegt, sich dieser Mühe unterzögen, dies einen großen Eindruck auf das Publikum machen würde.« Mit diesen Worten entwirft der englische Kunstgewerbler und Dichter William Morris, der als Apostel der neuen und eigentlich uralten Glaubenssätze allerortens eine sich täglich mehrende Gemeinde hat, einen solchen einfachen Raum und sagt: »Diese Einfachheit können Sie andererseits so kostbar herstellen wie Sie wollen oder können; Sie können Ihre Wände mit gewirkten Tapeten behängen, statt sie zu weißen oder mit Papiertapeten zu bekleben; oder Sie können sie mit Mosaikarbeiten verdecken, oder auch durch einen großen Maler Freskomalerei darauf anbringen lassen — all dies ist nicht Luxus, wenn es um der Schönheit willen und nicht zum Zwecke der Schaustellung geschieht.« Das kann man der Liebhaberei des Bestellers überlassen. Im allgemeinenwird die größte Einfachheit auch hier das Zweckdienlichste sein. Es gibt allerdings Leute, die sich ein prächtiges Studio einrichten und darin allen erdenklichen Luxus anhäufen, um sich Stimmung zur Arbeit zu machen. Sicher ist, daß in solchen Studios kaum jemals ernstlich studiert wird. Wer ernst arbeitet, weiß, das man im Arbeitszimmer nicht Zerstreuung braucht, sondern Sammlung. Hier soll aber die größte Einfachheit walten. Man kann auf das Beispiel Goethes hinweisen, das sich in diesem Zusammenhang einstellt. Den meisten Besuchern Weimars einst und jetzt dürfte die Schlichtheit seines Arbeitszimmers unliebsam aufgefallen sein, und man hört oft Äußerungen der Verwunderung darüber, daß einem so großen Geiste die Dürftigkeit des Raumes genügen mochte. Herr Dr. W. Bode spricht in seinem Buche: »Goethes Lebenskunst« darüber aus: »Wir sind nicht wenig erstaunt, wenn wir das Häuschen betreten, das sieben Jahre hindurch dem Busenfreunde des Landesherrn, dem weithin berühmten Dichter des »Werther« und »Götz«, das einzige Heim war. So bescheiden hätten wir es uns doch nicht vorgestellt. Unten ist gar kein bewohnbares Zimmer, höchstens kann man einen Raum, an dessen Wände Pläne von Rom hängen, im Sommer wegen seiner Kühle schätzen; oben sind drei Stuben und ein Kabinettchen, alle klein und niedrig, mit bescheidenen Fensterchen und schlichten Möbeln; zuerst ein Empfangszimmer mit harten steifen Stühlen, danndas Arbeitszimmer mit kleinem Schreibtisch, daranschließend ein Bücherzimmer und zuletzt das Schlafzimmer, in dem noch die Bettstelle steht, die zusammengeklappt und so als Koffer auf die Reise mitgenommen wurde...Rauchtisch von Architekt Franz Messner.Salontischchen von Architekt Max Benirschke.So ist das Gartenhaus eingerichtet. Aber auch vom Stadthause hat man keinen anderen Eindruck. Nichts deutet auf einen vornehmen reichen Besitzer. Die Studierstube, in der er seine unsterblichen Werke schuf, würde heute nur Wenigen genügen, die sich zum Mittelstande rechnen; für »standesgemäß« würde sie niemand halten. Alles darin ist zur Arbeit bestimmt, zum Lesen, Schreiben oder Experimentieren; kein Sopha, kein bequemer Stuhl, keine Gardinen, sondern nur einfachste dunkle Rouleaux. Auch an den Büchern ist keine Pracht, seine gesammelten Werke sind auf das schlichteste eingebunden, er nahm ja auch seine berühmtesten Dramen oder Gedichte jahrzehntelang nicht wieder in die Hand. Nur ein Möbel hatte Goethe in dieser Stube, das wir nicht kennen — ein kleines Korbgestell, das sein Taschentuch aufnahm. Und auf dem Tische lag ein Lederkissen, auf das er die Arme legte, wenn er dem gegenübersitzenden Schreiber diktierte....« Zu Eckermann äußerte Goethe einmal: »Prächtige Gebäude und Zimmer sind für Fürsten und Reiche. Wenn man darin lebt, fühlt man sich beruhigt, man ist zufrieden und will weiter nichts. Meiner Natur ist es ganz zuwider. Ich bin in einer prächtigen Wohnung, wie ich sie in Karlsbad gehabt, sogleich untätig und faul. GeringeWohnung dagegen, wie dieses schlechte Zimmer, worin wir sind, ein wenig unordentlich ordentlich, ein wenig zigeunerhaft, ist für mich das Rechte; es läßt meiner Natur volle Freiheit, tätig zu sein und aus mir selber zu schaffen.« Und ein andermal sagte der Achzigjährige: »Sie sehen in meinem Zimmer kein Sopha, ich sitze immer in meinem alten hölzernen Stuhl und habe erst seit einigen Wochen eine Art von Lehne für den Kopf anbringen lassen. Eine Umgebung von bequemen anspruchsvollen Möbeln hebt mein Denken auf und versetzt mich in einen passiven Zustand.« Einen Schmuck besaß die einfache Studierstube aber doch, den höchsten und herrlichsten zugleich, der alle Dürftigkeit überglänzte: Goethes Geist, der in diesem Raume schuf.Entwürfe für ein Damenzimmer und ein Herrenzimmervon Arch. Max Benirschke.Salonschrank von Architekt Max Benirschke.Damensalon von Arch. Franz Exler.Ein Zusammenhang zwischen Junggesellenwohnung und Herrenzimmer ist durch den Umstand gegeben, daß auch das letztere Wohn- und Arbeitsraum oder auch Salon des Hausherrn ist, wie der Name »Herrenzimmer« überdies schon sagt. Es kommt im Hauswesen dort vor, wo die Hausfrau entweder ihren »Damensalon« oder ihr »Boudoir« hat, oder wo man aus Ökonomie auf den »Salon« überhaupt verzichtet und das eine zu erübrigende Gesellschaftszimmer vorzugsweise auf die Bedürfnisse des Hausherrn hin zurechtmacht. Massive, dunkel gebeizteoder polierte Möbel mit einfachen blanken Beschlägen finden sich darin, ein großer Bücherschrank, ein entsprechender Arbeits- oder Schreibtisch, große gepolsterte Sitzmöbel mit grauem oder braunem Lederüberzug, alles ernst und einfach und von der gewissen Vornehmheit, die in der Gediegenheit überhaupt liegt. Ist der Hausherr Waffensammler, so findet sich ein Waffenschrank vor, überhaupt Möbel, die seinen besonderen Liebhabereien oder Berufszwecken dienen. In einfachen Rahmen hängen Bilder oder Stiche, manche kühne Modernität, »le Nu au Salon«, warum nicht? Ein Tropfen Pikanterie vermengt sich mit dem Duft schwerer Zigarren. So findet man es häufig. Aber das dominierende, ehrfurchteinflößende Möbel ist der große Schreibtisch. An ihn werden heute die persönlichsten Anforderungen gestellt, nicht weniger als an den guten Sessel. Hier hat eine gute Tradition mitgearbeitet. Aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts sind große, sorgfältig erdachte Schreibtische überliefert, große Diplomatenschreibtische mit verschließbarem Pultdeckel, einfach geistreich kombiniert, dem amerikanischen roll desk nicht unähnlich, ferner eine Unzahl verschiedenartigerDamensekretäre mit zahlreichen Fächern und durchaus verschließbar, als ein glänzendes Zeichen einer geistig ungeheuer regsamen Zeit. Man schrieb fleißig Tagebücher, unterhielt mit allen Zeitgenossen regen, brieflichen Verkehr. Auch der Schreibtisch von damals bildet gewissermaßen ein menschliches Dokument. Was so ein verwittertes Möbel nicht für Geheimnisse verbirgt, und was so einem Kasten für anmutige Rätsel abzulesen sind, diesen Läden, die einst vollgestopft waren mit Gedichten, Liebesbriefen, Prozessen und Romanzen, schweren Locken und anderen Liebeszeichen, gleich einem Riesensarg, der mehr Tote enthielt als mancher Gräberhain. Sentimentalitäten, nicht wahr? Aber ein Persönlichkeitszug ging durch die Dinge des Hausrats, das wollte festgestellt sein. Und einen Persönlichkeitszug will man den Dingen heute wieder geben. Der Schreibtisch sollte seinem Besitzer angemessen sein wie ein Kleid. Konstruktiv besitzt der amerikanische verschließbare Schreibtisch viele Vorteile, für das Privatzimmer ist er aber allzu bureaumäßig. Im Halbkreis geht die Tischplatte um den Sitzenden, auch die äußersten Enden in den Bereich seiner Hände rückend. Van de Velde’s Schreibtisch, der diese Form aufwies, war eine Sensation.Sitzgelegenheit mit seitlichen Schränken von Architekt Max Benirschke.Billardzimmer von Arch. Max Benirschke.Rauchzimmer.MÖBEL:Esche blau gebeizt und poliertmit Holzeinlagen. Schubladen inAhorn. Facettiertes Glas.BESCHLÄGE:Matt Silber oder Eisen oxidiert.SITZE:Graues LederWAND:Rauher PutzMax BenirschkeSpielzimmerSpielzimmer von Arch. Max Benirschke.Allein er war kein Vorbild. Van de Velde’scher Stil hat nur für einen einzigen Menschen in der Welt Berechtigung, für van de Velde selbst. Er drückt ein allzu Persönliches aus, das, wenn es Mode wird, aufs nachdrücklichste bekämpft zu werden verdient. Für die Allgemeinheithat van de Velde keine brauchbaren Typen geschaffen. Mit dem Schreibtisch geht es uns wie mit dem Sessel. Wer einen passenden Schreibtisch sucht, findet ihn nicht. Er muß mit seinem Architekten oder Tischler beraten, um zu finden, was für seine Person das Beste ist. Es ist der einzige Weg, der zum Rechten führt. Der Konsument müßte in allen Dingen, die seine persönlichen Bedürfnisse angehen, Mitarbeiter des Künstlers sein, was aber wohl voraussetzt, daß er ein wohlunterrichteter, einsichtsvoller Mensch sei. Sieht er sich dann nach einem passenden Schreibzeug um, dann hat er wieder seine liebe Not. Die Dinge dieser Art, die sich im Handel vorfinden, sind fast nie sachlich gelöst. Im besten Falle müssen Bureau-Utensilien herhalten. Ebenso ergeht es einem mit den Rauchrequisiten. Hier ist fast alles erst zu tun. Ein weites Feld steht für den Künstler der Kleinplastik offen, wenn erst der Publikumsgeschmack zur strengen Sachlichkeit erzogen sein wird. Einstweilen sind es nur einige moderne Architekten, die sich ihrer erziehlichen und kulturellen Aufgabe vollends bewußt sind.Zimmerecke von Arch. Franz Exler.Salonschrank von Architekt Max Benirschke.

Das Studium alter Kulturen hat uns gelehrt, daß je erhabener die Kunst, desto größer die Einfachheit war. Wenn wir wollen, daß die Kunst ihren Ausgangspunkt in dem Hause nehme, dann müssen wir aus unseren Häusern alle überflüssigen und störenden Gegenstände fortnehmen, den sogenannten Luxus, den Komfort, der in Wirklichkeit gar kein Komfort ist, weil er nur unnötige Plage macht und für nichts gut und nützlich ist. Der wirklichen Gebrauchsgegenstände sind verhältnismäßig wenige. Wenden wir uns einmal an die kleinste Wohnung, die von einer alleinstehenden Person bewohnt wird, an das sogenannte Junggesellenheim, so finden wir in der Regel ein einziges Zimmer, in dem geschlafen und gearbeitet wird, wobei eine Arbeit vorausgesetzt ist, die nicht viel Unordnung verursacht. Wir finden darin einen Bücherschrank, der eine Menge Bücher enthält, ein Bett, das mit weißen weichen Leinenvorhängen, die mit Aufnäharbeit versehen, abnehmbar und waschbar sind, verschlossen ist, und bei Tag, wenn die Vorhänge, die in metallenen Ringen laufen, zurückgezogen sind, als Divan benützt werden kann. Das Nachtkästchen, wie ein einfaches Schränkchen gebaut, dient bei Tag als Bücherablage, als Ständer für Vasen und Rauchzeug. Dann ein Tisch, der sicher steht, um daran zu schreiben oder zu arbeiten. Mehrere Stühle, die sich leichtvon einem Ort an den anderen bringen lassen, ein Kleiderschrank mit Schubkästen für Wäsche und derlei, und solche Bilder und Stiche, als es die Mittel erlauben, ja keine Lückenbüßer, sondern wirkliche Kunstwerke, was heute unschwer für wenig Geld zu haben ist; auch eine oder zwei Vasen gehören hieher, um Blumen hineinzutun, namentlich wenn man in einer Stadt lebt. Ein Ofen gehört natürlich ins Zimmer, aber man zieht einen kleinen Gaskamin vor, der, artig von einem Holzgehäuse umgeben, an seinem Bord allerlei, Gegenstände der Kleinkunst aufzunehmen geeignet ist.

Schrank von Arch. Max Benirschke.

Schrank von Arch. Max Benirschke.

Weiter ist nichts nötig, besonders wenn der Fußboden gut ist. Wenn dies nicht der Fall ist, so würde ein kleiner Teppich, der in zwei Minuten zur Reinigung aus dem Zimmer geschafft werden kann, gute Dienste leisten; doch müßte dafür gesorgt sein, daß er schön ist, sonst würde er schrecklich stören.

Schrank von Arch. Max Benirschke.

Schrank von Arch. Max Benirschke.

Das ist rein alles, was wir in unserem Junggesellenheim brauchen, wenn wir nicht musikalisch sind und ein Klavier haben müssen (in Bezug auf deren Schönheit wir übel daran sind), und wir können nursehr wenig zu diesen notwendigen Dingen hinzufügen, wenn wir nicht sowohl beim Arbeiten wie beim Nachdenken und Ausruhen gestört sein wollen. Wenn diese Dinge für die geringsten Kosten, für die sie gut und dauerhaft ausgeführt werden können, hergestellt würden, würden sie nicht viel Auslagen verursachen, und sie sind so wenig, daß die, welche die Mittel haben, sie überhaupt anzuschaffen, sich auch bemühen könnten, sie gut ausgeführt und schön anzuschaffen, und alle die, denen die Kunst am Herzen liegt, sollten sich sehr bemühen, dies zu tun, und dafür sorgen, daß keine Scheinkunst sie umgibt, nichts, dessen Herstellung oder Verkauf einen Menschen herabgewürdigt hat. »Und ich bin fest überzeugt, daß, wenn alle, denen die Kunst am Herzen liegt, sich dieser Mühe unterzögen, dies einen großen Eindruck auf das Publikum machen würde.« Mit diesen Worten entwirft der englische Kunstgewerbler und Dichter William Morris, der als Apostel der neuen und eigentlich uralten Glaubenssätze allerortens eine sich täglich mehrende Gemeinde hat, einen solchen einfachen Raum und sagt: »Diese Einfachheit können Sie andererseits so kostbar herstellen wie Sie wollen oder können; Sie können Ihre Wände mit gewirkten Tapeten behängen, statt sie zu weißen oder mit Papiertapeten zu bekleben; oder Sie können sie mit Mosaikarbeiten verdecken, oder auch durch einen großen Maler Freskomalerei darauf anbringen lassen — all dies ist nicht Luxus, wenn es um der Schönheit willen und nicht zum Zwecke der Schaustellung geschieht.« Das kann man der Liebhaberei des Bestellers überlassen. Im allgemeinenwird die größte Einfachheit auch hier das Zweckdienlichste sein. Es gibt allerdings Leute, die sich ein prächtiges Studio einrichten und darin allen erdenklichen Luxus anhäufen, um sich Stimmung zur Arbeit zu machen. Sicher ist, daß in solchen Studios kaum jemals ernstlich studiert wird. Wer ernst arbeitet, weiß, das man im Arbeitszimmer nicht Zerstreuung braucht, sondern Sammlung. Hier soll aber die größte Einfachheit walten. Man kann auf das Beispiel Goethes hinweisen, das sich in diesem Zusammenhang einstellt. Den meisten Besuchern Weimars einst und jetzt dürfte die Schlichtheit seines Arbeitszimmers unliebsam aufgefallen sein, und man hört oft Äußerungen der Verwunderung darüber, daß einem so großen Geiste die Dürftigkeit des Raumes genügen mochte. Herr Dr. W. Bode spricht in seinem Buche: »Goethes Lebenskunst« darüber aus: »Wir sind nicht wenig erstaunt, wenn wir das Häuschen betreten, das sieben Jahre hindurch dem Busenfreunde des Landesherrn, dem weithin berühmten Dichter des »Werther« und »Götz«, das einzige Heim war. So bescheiden hätten wir es uns doch nicht vorgestellt. Unten ist gar kein bewohnbares Zimmer, höchstens kann man einen Raum, an dessen Wände Pläne von Rom hängen, im Sommer wegen seiner Kühle schätzen; oben sind drei Stuben und ein Kabinettchen, alle klein und niedrig, mit bescheidenen Fensterchen und schlichten Möbeln; zuerst ein Empfangszimmer mit harten steifen Stühlen, danndas Arbeitszimmer mit kleinem Schreibtisch, daranschließend ein Bücherzimmer und zuletzt das Schlafzimmer, in dem noch die Bettstelle steht, die zusammengeklappt und so als Koffer auf die Reise mitgenommen wurde...

Rauchtisch von Architekt Franz Messner.

Rauchtisch von Architekt Franz Messner.

Salontischchen von Architekt Max Benirschke.

Salontischchen von Architekt Max Benirschke.

So ist das Gartenhaus eingerichtet. Aber auch vom Stadthause hat man keinen anderen Eindruck. Nichts deutet auf einen vornehmen reichen Besitzer. Die Studierstube, in der er seine unsterblichen Werke schuf, würde heute nur Wenigen genügen, die sich zum Mittelstande rechnen; für »standesgemäß« würde sie niemand halten. Alles darin ist zur Arbeit bestimmt, zum Lesen, Schreiben oder Experimentieren; kein Sopha, kein bequemer Stuhl, keine Gardinen, sondern nur einfachste dunkle Rouleaux. Auch an den Büchern ist keine Pracht, seine gesammelten Werke sind auf das schlichteste eingebunden, er nahm ja auch seine berühmtesten Dramen oder Gedichte jahrzehntelang nicht wieder in die Hand. Nur ein Möbel hatte Goethe in dieser Stube, das wir nicht kennen — ein kleines Korbgestell, das sein Taschentuch aufnahm. Und auf dem Tische lag ein Lederkissen, auf das er die Arme legte, wenn er dem gegenübersitzenden Schreiber diktierte....« Zu Eckermann äußerte Goethe einmal: »Prächtige Gebäude und Zimmer sind für Fürsten und Reiche. Wenn man darin lebt, fühlt man sich beruhigt, man ist zufrieden und will weiter nichts. Meiner Natur ist es ganz zuwider. Ich bin in einer prächtigen Wohnung, wie ich sie in Karlsbad gehabt, sogleich untätig und faul. GeringeWohnung dagegen, wie dieses schlechte Zimmer, worin wir sind, ein wenig unordentlich ordentlich, ein wenig zigeunerhaft, ist für mich das Rechte; es läßt meiner Natur volle Freiheit, tätig zu sein und aus mir selber zu schaffen.« Und ein andermal sagte der Achzigjährige: »Sie sehen in meinem Zimmer kein Sopha, ich sitze immer in meinem alten hölzernen Stuhl und habe erst seit einigen Wochen eine Art von Lehne für den Kopf anbringen lassen. Eine Umgebung von bequemen anspruchsvollen Möbeln hebt mein Denken auf und versetzt mich in einen passiven Zustand.« Einen Schmuck besaß die einfache Studierstube aber doch, den höchsten und herrlichsten zugleich, der alle Dürftigkeit überglänzte: Goethes Geist, der in diesem Raume schuf.

Entwürfe für ein Damenzimmer und ein Herrenzimmervon Arch. Max Benirschke.

Entwürfe für ein Damenzimmer und ein Herrenzimmervon Arch. Max Benirschke.

Salonschrank von Architekt Max Benirschke.

Salonschrank von Architekt Max Benirschke.

Damensalon von Arch. Franz Exler.

Damensalon von Arch. Franz Exler.

Ein Zusammenhang zwischen Junggesellenwohnung und Herrenzimmer ist durch den Umstand gegeben, daß auch das letztere Wohn- und Arbeitsraum oder auch Salon des Hausherrn ist, wie der Name »Herrenzimmer« überdies schon sagt. Es kommt im Hauswesen dort vor, wo die Hausfrau entweder ihren »Damensalon« oder ihr »Boudoir« hat, oder wo man aus Ökonomie auf den »Salon« überhaupt verzichtet und das eine zu erübrigende Gesellschaftszimmer vorzugsweise auf die Bedürfnisse des Hausherrn hin zurechtmacht. Massive, dunkel gebeizteoder polierte Möbel mit einfachen blanken Beschlägen finden sich darin, ein großer Bücherschrank, ein entsprechender Arbeits- oder Schreibtisch, große gepolsterte Sitzmöbel mit grauem oder braunem Lederüberzug, alles ernst und einfach und von der gewissen Vornehmheit, die in der Gediegenheit überhaupt liegt. Ist der Hausherr Waffensammler, so findet sich ein Waffenschrank vor, überhaupt Möbel, die seinen besonderen Liebhabereien oder Berufszwecken dienen. In einfachen Rahmen hängen Bilder oder Stiche, manche kühne Modernität, »le Nu au Salon«, warum nicht? Ein Tropfen Pikanterie vermengt sich mit dem Duft schwerer Zigarren. So findet man es häufig. Aber das dominierende, ehrfurchteinflößende Möbel ist der große Schreibtisch. An ihn werden heute die persönlichsten Anforderungen gestellt, nicht weniger als an den guten Sessel. Hier hat eine gute Tradition mitgearbeitet. Aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts sind große, sorgfältig erdachte Schreibtische überliefert, große Diplomatenschreibtische mit verschließbarem Pultdeckel, einfach geistreich kombiniert, dem amerikanischen roll desk nicht unähnlich, ferner eine Unzahl verschiedenartigerDamensekretäre mit zahlreichen Fächern und durchaus verschließbar, als ein glänzendes Zeichen einer geistig ungeheuer regsamen Zeit. Man schrieb fleißig Tagebücher, unterhielt mit allen Zeitgenossen regen, brieflichen Verkehr. Auch der Schreibtisch von damals bildet gewissermaßen ein menschliches Dokument. Was so ein verwittertes Möbel nicht für Geheimnisse verbirgt, und was so einem Kasten für anmutige Rätsel abzulesen sind, diesen Läden, die einst vollgestopft waren mit Gedichten, Liebesbriefen, Prozessen und Romanzen, schweren Locken und anderen Liebeszeichen, gleich einem Riesensarg, der mehr Tote enthielt als mancher Gräberhain. Sentimentalitäten, nicht wahr? Aber ein Persönlichkeitszug ging durch die Dinge des Hausrats, das wollte festgestellt sein. Und einen Persönlichkeitszug will man den Dingen heute wieder geben. Der Schreibtisch sollte seinem Besitzer angemessen sein wie ein Kleid. Konstruktiv besitzt der amerikanische verschließbare Schreibtisch viele Vorteile, für das Privatzimmer ist er aber allzu bureaumäßig. Im Halbkreis geht die Tischplatte um den Sitzenden, auch die äußersten Enden in den Bereich seiner Hände rückend. Van de Velde’s Schreibtisch, der diese Form aufwies, war eine Sensation.

Sitzgelegenheit mit seitlichen Schränken von Architekt Max Benirschke.

Sitzgelegenheit mit seitlichen Schränken von Architekt Max Benirschke.

Billardzimmer von Arch. Max Benirschke.

Billardzimmer von Arch. Max Benirschke.

Rauchzimmer.MÖBEL:Esche blau gebeizt und poliertmit Holzeinlagen. Schubladen inAhorn. Facettiertes Glas.BESCHLÄGE:Matt Silber oder Eisen oxidiert.SITZE:Graues LederWAND:Rauher PutzMax Benirschke

Rauchzimmer.MÖBEL:Esche blau gebeizt und poliertmit Holzeinlagen. Schubladen inAhorn. Facettiertes Glas.BESCHLÄGE:Matt Silber oder Eisen oxidiert.SITZE:Graues LederWAND:Rauher PutzMax Benirschke

MÖBEL:Esche blau gebeizt und poliertmit Holzeinlagen. Schubladen inAhorn. Facettiertes Glas.BESCHLÄGE:Matt Silber oder Eisen oxidiert.SITZE:Graues LederWAND:Rauher Putz

SpielzimmerSpielzimmer von Arch. Max Benirschke.

Spielzimmer von Arch. Max Benirschke.

Allein er war kein Vorbild. Van de Velde’scher Stil hat nur für einen einzigen Menschen in der Welt Berechtigung, für van de Velde selbst. Er drückt ein allzu Persönliches aus, das, wenn es Mode wird, aufs nachdrücklichste bekämpft zu werden verdient. Für die Allgemeinheithat van de Velde keine brauchbaren Typen geschaffen. Mit dem Schreibtisch geht es uns wie mit dem Sessel. Wer einen passenden Schreibtisch sucht, findet ihn nicht. Er muß mit seinem Architekten oder Tischler beraten, um zu finden, was für seine Person das Beste ist. Es ist der einzige Weg, der zum Rechten führt. Der Konsument müßte in allen Dingen, die seine persönlichen Bedürfnisse angehen, Mitarbeiter des Künstlers sein, was aber wohl voraussetzt, daß er ein wohlunterrichteter, einsichtsvoller Mensch sei. Sieht er sich dann nach einem passenden Schreibzeug um, dann hat er wieder seine liebe Not. Die Dinge dieser Art, die sich im Handel vorfinden, sind fast nie sachlich gelöst. Im besten Falle müssen Bureau-Utensilien herhalten. Ebenso ergeht es einem mit den Rauchrequisiten. Hier ist fast alles erst zu tun. Ein weites Feld steht für den Künstler der Kleinplastik offen, wenn erst der Publikumsgeschmack zur strengen Sachlichkeit erzogen sein wird. Einstweilen sind es nur einige moderne Architekten, die sich ihrer erziehlichen und kulturellen Aufgabe vollends bewußt sind.

Zimmerecke von Arch. Franz Exler.

Zimmerecke von Arch. Franz Exler.

Salonschrank von Architekt Max Benirschke.

Salonschrank von Architekt Max Benirschke.


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