Schlafzimmer u. Bad.

Schlafzimmer u. Bad.Was für die Vorfahren das Schlafzimmer bedeutete, davon können wir uns nach den heutigen Wohnungszuständen keinen rechten Begriff machen. Das Schlafzimmer galt so ziemlich als der Hauptraum des Hauses. Es sah aus wie ein Thronsaal. Das mächtige Bett, zu dem seitlich Stufen emporführten und das baldachinartig überwölbt war, stand, mit dem Kopfende an der Wand, mitten im Raum. Im Zeitalter der Gothik und der Renaissance gab die Kunst ihren Segen dazu, wundervolle Schnitzereien finden sich selbst an den Betten bürgerlicher Häuser vor. Im siebzehnten Jahrhundert vollzieht sich ein guter Teil des gesellschaftlichen Lebens im Schlafzimmer. Es ist Toilettenzimmer, Wohnraum, Empfangsraum, Speisezimmer, sogar Küche, wenigstens für die leichteren Speisen. Die Französin hatte ihr Paradebett, sie empfieng den großen Besuch im Bette liegend oder sich ankleidend. Der Barockstil hat darum auch keine anderen Möbel ausgebildet, als das Himmelbett, den Schreibtisch, der nach unten zu Wäscheschrank ist, und oben alsGlasschrank Thee- und Kaffeeservice enthält, das Sopha und die gepolsterten Stühle und das alles in Formen, die für unser heutiges wahres Sein unverwendbar geworden sind. Sie gehören der Historie an. Zur Zeit des Empire, um 1800, glich das Schlafzimmer einem Tempel. Die Antike hatte es allen angetan. Man wollte frei sein von der Überlieferung und geriet unversehens in die ärgste Sklaverei. Das Schlafzimmer sollte nicht wie ein Schlafzimmer aussehen. Menschliche Notwendigkeiten galten als durchaus unästhetisch. Es war die Zeit der Götterpose. Das Bett fand häufig in einem Alkoven Platz, dessen Front ein griechischesTempelfries trug oder es war reich und kunstvoll drapiert. Sinnreiche Symbole deuteten an, daß hier Aphroditens geweihte Stätte sei. Das Nachtkästchen erhielt die Form eines Opferstockes. Der Waschtisch war als Altar der Reinigung gleichfalls als Opferstätte charakterisiert. Der praktisch bürgerliche Sinn der Biedermeierzeit vertrug diesen ästhetischen Ballast nicht. Er reduzierte die Formen auf das konstruktiv Notwendige, schuf sie nach seinen leiblichen Bedürfnissen um. Könige sind damals Bürger geworden, sie entflohen der Ungemütlichkeit der Schlösser und dem Druck der Repräsentation, um sich in der »Eremitage« wieder menschlich zu fühlen. Heute möchte der kleine Bürger wie ein König leben. Der Möbelspekulant ist der große Hexenmeister, der alle Illusionen geben kann. Alle Stilarten liefert er, dieGothik, die Renaissance, Barock, Rokoko, Empire. Nicht um das Sein handelt es sich, sondern um den Schein. Die Möbel sind darnach. Die Nutzräume treten zurück. Das Schlafzimmer ist die letzte, erbärmlichste Kammer. Mein Gott, die kleine Wohnung erlaubt es nicht anders! Und überhaupt! In’s Schlafzimmer kommt niemand hinein!Schreibkasten von Johanna Hollmann.Arbeitszimmer (Bureau) einer Dame mit modernem Gobelin von Arch. Karl Witzmann.Arbeitszimmer und Bibliothek von Arch. Hans Stubner.Ein englischer Architekt, Frank Brangwyn, A. R. A., sagt sehr zutreffend, daß die meisten Schlafzimmer vom Standpunkte einer zweckentsprechenden Ausstattungskunst betrachtet,vernachlässigt sind, weil sie nicht den kritischen Blicken unserer Freunde und Bekannten ausgesetzt sind. Sie werden selten von jemandem Andern gesehen, als von ihren Eigentümern. Wenn die Schlafzimmer in dem Maße zugänglich wären, wie die Gesellschaftsräume, so würden sieunter den Einfluß jenes seltsamen Wetteifers gekommen sein, der seit den frühestenZeiten zur Ausschmückung jedes Gebrauchsgegenstandes geführt hat, der der öffentlichen Beachtung ausgesetzt war und Neid oder Bewunderung erregen konnte. Es würde sehr wenig Kunst geben, wenn die Menschen unempfindlich wären für den Ansporn des Lobes oder der Nadelstiche des Spottes und Neides. Die volkstümlichsten Kunstformen, wie etwa die griechischen Statuen, und die Bilder italienischer Kirchen aus dem fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert sind immer hervorgegangen aus den besten Traditionen und folglich den größten Meistern. Weltfremde Einsamkeit führt die Kunst hinweg von dem Hauptstrom des befruchtenden Lebens, und landet sie in irgend einem ungesunden Sumpfwasser, wo sie schwach und hinfällig wird, im kleinlichen Ehrgeiz eingebildeter Größe befangen. Erinnern wir uns daher, daß die Kunst nichts so notwendig braucht, als öffentliche Anerkennung und öffentliche Nachfrage.Arbeitszimmer und Bibliothek von Arch. Hans Stubner.Arbeitszimmer von Arch. A. Hollmann.Bei dieser Sachlage ist es wichtig, daß die allgemeine Aufmerksamkeit auf den schlechten Zustand der sehr schlechten Schlafzimmer gelenkt wird, welcher heute in 99 von 100 Fällen vorkommt. In den meisten Schlafzimmern findet man weit weniger Kunst, als in der roh zubehauenen Holzhütte eines Südsee-Insulaners. Es ist seltsam, daß wir nach Jahrhunderten des Fortschritts in anderen Dingen ein so geschmackloses und achtloses Volk geblieben sind in Bezug auf die Dinge, die unserem persönlichsten Gebrauch dienen.Was soll ein Schlafzimmer sein? Ein paar praktische Betrachtungen werden die Besonderheiten klarlegen.1. Man kann annehmen, daß der Raum, der einem zur Verfügung steht, klein ist, wie in den meisten Schlafzimmern. Man wird daher mit den Dimensionen das Möglichste tun, um den Eindruck von Geräumigkeitund Luftigkeit hervorzubringen. Der Raum soll nicht nur angenehm sein für den Schlafenden, sondern auch für das Erwachen.Herrenzimmer (Arbeitszimmer) von Arch. Petru Balan.2. Ein Schlafzimmer ist nicht nur ein Raum um darin zu schlafen, sondern auch ein Raum, in welchem eine kranke Person für Wochen, ja Monate liegen kann, und deshalb soll sich nichts Übertriebenes in der Ausstattung vorfinden, nichts das sich dem Auge mit ermüdenderund langweiliger Beharrlichkeit aufdrängt. Aus demselben Grunde ist es gut, das Bett so zu stellen, daß die kranke Person auf das Winterfeuer im Kamin blicken kann und angeregt und erfreut wird von seinem lustigen und hellen Flackern. Man mag vielleicht lächeln über diese Kleinigkeiten, aber sie sind sehr wichtig.Bureau von Arch. M. Herrgesell.3. Die bisherigen Betrachtungen haben rasch über die Grundzüge des Entwurfes belehrt. Die Notwendigkeit, die man fühlt, dasZimmer weiter, geräumiger und luftiger erscheinen zu lassen als es wirklich ist, führt mit der Logik des gesunden Menschenverstandes zu verschiedenen praktischen Lösungen. Man entscheidet sich zum Beispiel, keine gemusterte Tapete zu nehmen. Wenn eine Wand über und über gemustert ist, so lockt sie von allen Standpunkten die Aufmerksamkeit auf sich, sie scheint sich dem Auge dadurch näher zu bringen und dem Raum einiges von seiner Länge und Breite zu rauben. Man entscheidet sich auch dafür, daß die Einrichtung nicht mehr Raum einnehmen darf, als unbedingt erforderlich ist; daher muß die handwerkliche Leistung die höchsten konstruktiven Vorzüge aufweisen, damit man den höchsten Grad von Annehmlichkeit und Zweckmäßigkeit mit dem geringsten Aufwand von Holz erreicht. Nachdem das Zimmer ein Schlafzimmer ist, hat man ganz recht, das Bett als das wichtigste Möbelstück zu betrachten, und es aus Holz herzustellen, teils weil gut gearbeitetes Holz so schön und ruhig harmonisch wirkt, teils weil Messingbetten nicht immer mit den Farben übereinstimmen, welche man im Auge hat, und endlich, weil sich Metall zu frostig anfühlt. DasBett wird nicht so niedrig sein, daß sich die Magd versucht fühlen könnte, die Reinigung des Fußbodens darunter zu vernachlässigen, noch wird es so hoch sein, daß der Raum zwischen Matratze und Fußboden als Speicher für Schachteln und für Staubansammlung geeignet erscheint. Wenn man zum Schluß das Schlafzimmer als Krankenzimmer auffassen will, ist der Grundsatz der Wohnlichkeit unerläßlich, ebenso eine ruhige Heiterkeit in der Farbengebung.Bureau der österr. Bedburger Linkrusta Werke Alfred Hoffmann, von Architekt Max Benirschke.4. Man wird vielleicht Bilder in diesem Schlafzimmer anbringen wollen. Man hänge keine goldenen Rahmen auf den Grund der Tapete, sondern treffe eine solche Anordnung, daß die Malerei einen tektonischen Teil der Wand selbst bildet. In andern Worten, manwähle einen Fries oder ähnliche andere dekorative Malereien, die man seinem Urteile nach für gut findet. Das Werk muß einigermaßen mehr sein als interessant; es muß beitragen zur frischen und ursprünglichen Farbengebung, die man als passend für ein Schlafzimmer findet, und man führt sie daher so durch, daß die Malerei nicht aus der Mauer hervorspringt, sondern flächig wirkt, und im ganzen eine ebenso wirkungsvolle als bescheidene Rolle spielt.Briefkassette von Architekt Otto Prutscher.5. Welches Holz soll man verwenden? Es ist klar, daß die dekorative Verwendung von Materialien zwingt, streng und einfach zu sein; aber der Strenge des Stils kann durch eine glückliche Wahl des Holzes entgegen gewirkt werden. Nußholz würde zu schwer im Ton sein und Eiche zu steif und unbiegsam in Substanz und Masse. Was man braucht, ist ein leichteres Holz, freundlicher von Aussehen, und so scheint es nach mancher Überlegung und manchen Versuchen empfehlenswert, Zuflucht zu Kirschholz zu nehmen. Es hat eine schöne Textur, der Ton ist hell, warm, freundlich und es hat auch eine Art von häuslicher Eleganz. Von ebenso glücklicher Wirkung sind weißlackierte Möbel. Zu ihrem Lobe kann nicht genug gesagt werden. Und wenn nun das Werk vollendet ist und die Morgensonne in das Zimmer tritt, so wird man das Zimmer heimlich und traut finden, als einen freundlichen Raum, sich darin anzukleiden und dem Tag einen guten Anfang zu geben.Glücklicherweise gewinnt diese gesunde Auffassung wieder Raum. Man fühlt sich wieder, die Persönlichkeit wächst. Man hat persönliche Bedürfnisse. Das Schlafzimmer braucht kein Thronsaal zu sein, auch kein Tempel. Aber luftig soll es sein. Wir sind alle Fanatiker derHygiene geworden. Mit Luft, Licht, Sauberkeit und Einfachheit bestreiten wir unsere Interieurstimmungen. Und siehe da, es wirkt ganz famos. Was dem Körper zugute kommt, gibt auch der Seele Nahrung. Wenn wir auch zum guten Glück auf das Ornament verzichtet haben, so gibt es für den künstlerischen Geschmack doch noch sehr viel zu tun. Vielleicht mehr als früher. Denn das Einfache, das ist doch das Allerkomplizierteste. Die Anordnung der Massen, die Gliederung des Raumes, die Behandlung der Farbe, die zwecklich formale Erfüllung der Bedürfnisse, das sind Dinge, in denen sich das Persönliche klar ausspricht. Ist Harmonie in der Persönlichkeit, dann wird sie auch im Raum sein. Und, das ist das Allerwichtigste, der Einzelne, der angefangen hat nachzudenken, muß mit seinem Tischler, mit seinem Architekten arbeiten, wenn er das Seine haben will.Herrenzimmer aus Wiener Kunst im Hause.Auf Licht und Luft also kommt es an. Man wird sich daher helle Farben wünschen, die Wände ganz licht, die Betten und Schränke in hellgelbem Kirschholz, oder weiß lackiert, oder in unverhüllter Naturfarbe, wobei man die Flächen durch Einsetzen anders färbiger Holzstücke beleben kann. Sonst hat man gerne eine Ottomane dem Bette am Fußende vorgelegt, ja mit diesem auch in einem konstruktiv verbunden. Hat man einen besonderen Toilettenraum, dann brauchen Wäsche- und Kleiderschränke nicht im Schlafraume stehen. Die Einrichtung der modernen Schränke dieser Art ist für den Inhalt genau ausgemessen. Der Hängeraum muß so hoch sein, um die Röcke gut aufnehmen zu können. Oberhalb derselben im Inneren befindet sich häufig auch ein Brett für die Hüte. Die Hosen und Westen werden in die breiten Laden gelegt. Eine Lade für das Schuhwerk befindet sich zu unterst. Kleinere separate Laden und Fächer sind da für Spitzen, Bänder, Kravatten, Handschuhe, Krägen, Manschetten etc. Für die Schmutzwäsche gibt es einen truhenähnlichen Behälter, der im Vorzimmer steht und häufig als Sitzgelegenheit ausgenützt ist, mit einem Deckel oben zur Aufnahme der Schmutzwäsche und der von unten aufklappbaren Vorderseite zur Herausnahme derselben; alles versperrbar, natürlich.Bett von Prof. Kolo Moser.Das Nachtkästchen gibt ebenfalls Möglichkeiten zu neuen sinngemäßen Lösungen. Man kann einen kleinen, glasschrankartigen Aufsatz damit verbinden, der die Hausapotheke aufzunehmen hat. Leichte, helleVorhänge, seitlich aufzuziehen, schützen das Gemach gegen Blicke von außen her, sperren aber nicht das Licht aus. Vor dem Fenster steht die Toilette: ein vertikaler Spiegel mit zwei im Winkel stehenden Flügeln, ein Gesimse davor, und links und rechts vom Sitz kleine Laden für die gesammte Kosmetik. Das alles ist sehr zierlich, sehr einfach, sehr elegant.SchlafzimmerSchlafzimmer von Arch. Max Benirschke.Das Bad ist in unmittelbarer Nähe des Schlafzimmers zu halten. Jede bessere Stadtwohnung hat ihr Badezimmer. Ein regelrechtes Bad, mit seinen weißen glänzenden Kacheln, der vertieften Wanne, denblankgeputzten Hähnen in der Marmorverschalung, den glänzenden Apparaten, den technisch vorzüglich eingerichteten Waschtischen sieht immer einladend aus. Im Schlafzimmer kann man sodann den Waschtisch entbehren. Gerade was die Badeeinrichtung angeht, so haben wir eine unbescholtene Vergangenheit. In den glanzvollen Zeiten des Hausrats von der Gothik bis zum Rokoko ist keine Rede von Badeeinrichtungen. Die »Kunst« befasste sich nicht damit, es blieb eine rein technische Angelegenheit der neueren Zeit, darum haben wir es heute in vollkommen von Stilarchitekturen unbeirrten, praktischen Formen vorgefunden. Nur römische Vorbilder existieren und die sind sicherlich auch mustergiltig. Früher war man weniger heikel in dieser Hinsicht. Heute ist das Bad tägliches Bedürfnis für einen Menschen, der reine Wäsche trägt.Bett von Arch. Hans Stubner.Man sieht, ein vollkommener Wandel in der bürgerlichen Wohnung ist im Zuge. Die Nutzräume treten wieder in den Vordergrund. Gesund zu schlafen ist eine Vorbedingung des persönlichen Wohlseins. Man wird wieder den geeignetesten Raum als Schlafzimmer einrichten, und die anderen Räume in zweiter Linie und nach Maßgabe ihrer Wichtigkeit bedenken. Bei diesen anderen Räumen aber ist Einschränkung am Platze. Man muß keinen Salon haben; man kann das Wohnzimmer als solchen benützen oder man kann das Wohnzimmer mit dem Speisezimmer verquicken, den Salon mit dem Arbeitszimmer, was gewiß das allerrichtigste ist, oder es kann auch, wenn es nicht anders geht, ein Raum für drei dienen, Wohnzimmer, Salon und Speisezimmer in einem sein. Das Schlafgemach muß hingegen ungeteilt bleiben, den Fremden verschlossen, der Ort der Ruhe und der Träume. Der wahre Kulturgrad zeigt sich in seiner Beschaffenheit.Schlafzimmer von Arch. Max Benirschke.Schlafzimmer von Arch. Hans Stubner.

Was für die Vorfahren das Schlafzimmer bedeutete, davon können wir uns nach den heutigen Wohnungszuständen keinen rechten Begriff machen. Das Schlafzimmer galt so ziemlich als der Hauptraum des Hauses. Es sah aus wie ein Thronsaal. Das mächtige Bett, zu dem seitlich Stufen emporführten und das baldachinartig überwölbt war, stand, mit dem Kopfende an der Wand, mitten im Raum. Im Zeitalter der Gothik und der Renaissance gab die Kunst ihren Segen dazu, wundervolle Schnitzereien finden sich selbst an den Betten bürgerlicher Häuser vor. Im siebzehnten Jahrhundert vollzieht sich ein guter Teil des gesellschaftlichen Lebens im Schlafzimmer. Es ist Toilettenzimmer, Wohnraum, Empfangsraum, Speisezimmer, sogar Küche, wenigstens für die leichteren Speisen. Die Französin hatte ihr Paradebett, sie empfieng den großen Besuch im Bette liegend oder sich ankleidend. Der Barockstil hat darum auch keine anderen Möbel ausgebildet, als das Himmelbett, den Schreibtisch, der nach unten zu Wäscheschrank ist, und oben alsGlasschrank Thee- und Kaffeeservice enthält, das Sopha und die gepolsterten Stühle und das alles in Formen, die für unser heutiges wahres Sein unverwendbar geworden sind. Sie gehören der Historie an. Zur Zeit des Empire, um 1800, glich das Schlafzimmer einem Tempel. Die Antike hatte es allen angetan. Man wollte frei sein von der Überlieferung und geriet unversehens in die ärgste Sklaverei. Das Schlafzimmer sollte nicht wie ein Schlafzimmer aussehen. Menschliche Notwendigkeiten galten als durchaus unästhetisch. Es war die Zeit der Götterpose. Das Bett fand häufig in einem Alkoven Platz, dessen Front ein griechischesTempelfries trug oder es war reich und kunstvoll drapiert. Sinnreiche Symbole deuteten an, daß hier Aphroditens geweihte Stätte sei. Das Nachtkästchen erhielt die Form eines Opferstockes. Der Waschtisch war als Altar der Reinigung gleichfalls als Opferstätte charakterisiert. Der praktisch bürgerliche Sinn der Biedermeierzeit vertrug diesen ästhetischen Ballast nicht. Er reduzierte die Formen auf das konstruktiv Notwendige, schuf sie nach seinen leiblichen Bedürfnissen um. Könige sind damals Bürger geworden, sie entflohen der Ungemütlichkeit der Schlösser und dem Druck der Repräsentation, um sich in der »Eremitage« wieder menschlich zu fühlen. Heute möchte der kleine Bürger wie ein König leben. Der Möbelspekulant ist der große Hexenmeister, der alle Illusionen geben kann. Alle Stilarten liefert er, dieGothik, die Renaissance, Barock, Rokoko, Empire. Nicht um das Sein handelt es sich, sondern um den Schein. Die Möbel sind darnach. Die Nutzräume treten zurück. Das Schlafzimmer ist die letzte, erbärmlichste Kammer. Mein Gott, die kleine Wohnung erlaubt es nicht anders! Und überhaupt! In’s Schlafzimmer kommt niemand hinein!

Schreibkasten von Johanna Hollmann.

Schreibkasten von Johanna Hollmann.

Arbeitszimmer (Bureau) einer Dame mit modernem Gobelin von Arch. Karl Witzmann.

Arbeitszimmer (Bureau) einer Dame mit modernem Gobelin von Arch. Karl Witzmann.

Arbeitszimmer und Bibliothek von Arch. Hans Stubner.

Arbeitszimmer und Bibliothek von Arch. Hans Stubner.

Ein englischer Architekt, Frank Brangwyn, A. R. A., sagt sehr zutreffend, daß die meisten Schlafzimmer vom Standpunkte einer zweckentsprechenden Ausstattungskunst betrachtet,vernachlässigt sind, weil sie nicht den kritischen Blicken unserer Freunde und Bekannten ausgesetzt sind. Sie werden selten von jemandem Andern gesehen, als von ihren Eigentümern. Wenn die Schlafzimmer in dem Maße zugänglich wären, wie die Gesellschaftsräume, so würden sieunter den Einfluß jenes seltsamen Wetteifers gekommen sein, der seit den frühestenZeiten zur Ausschmückung jedes Gebrauchsgegenstandes geführt hat, der der öffentlichen Beachtung ausgesetzt war und Neid oder Bewunderung erregen konnte. Es würde sehr wenig Kunst geben, wenn die Menschen unempfindlich wären für den Ansporn des Lobes oder der Nadelstiche des Spottes und Neides. Die volkstümlichsten Kunstformen, wie etwa die griechischen Statuen, und die Bilder italienischer Kirchen aus dem fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert sind immer hervorgegangen aus den besten Traditionen und folglich den größten Meistern. Weltfremde Einsamkeit führt die Kunst hinweg von dem Hauptstrom des befruchtenden Lebens, und landet sie in irgend einem ungesunden Sumpfwasser, wo sie schwach und hinfällig wird, im kleinlichen Ehrgeiz eingebildeter Größe befangen. Erinnern wir uns daher, daß die Kunst nichts so notwendig braucht, als öffentliche Anerkennung und öffentliche Nachfrage.

Arbeitszimmer und Bibliothek von Arch. Hans Stubner.

Arbeitszimmer und Bibliothek von Arch. Hans Stubner.

Arbeitszimmer von Arch. A. Hollmann.

Arbeitszimmer von Arch. A. Hollmann.

Bei dieser Sachlage ist es wichtig, daß die allgemeine Aufmerksamkeit auf den schlechten Zustand der sehr schlechten Schlafzimmer gelenkt wird, welcher heute in 99 von 100 Fällen vorkommt. In den meisten Schlafzimmern findet man weit weniger Kunst, als in der roh zubehauenen Holzhütte eines Südsee-Insulaners. Es ist seltsam, daß wir nach Jahrhunderten des Fortschritts in anderen Dingen ein so geschmackloses und achtloses Volk geblieben sind in Bezug auf die Dinge, die unserem persönlichsten Gebrauch dienen.

Was soll ein Schlafzimmer sein? Ein paar praktische Betrachtungen werden die Besonderheiten klarlegen.

1. Man kann annehmen, daß der Raum, der einem zur Verfügung steht, klein ist, wie in den meisten Schlafzimmern. Man wird daher mit den Dimensionen das Möglichste tun, um den Eindruck von Geräumigkeitund Luftigkeit hervorzubringen. Der Raum soll nicht nur angenehm sein für den Schlafenden, sondern auch für das Erwachen.

Herrenzimmer (Arbeitszimmer) von Arch. Petru Balan.

Herrenzimmer (Arbeitszimmer) von Arch. Petru Balan.

2. Ein Schlafzimmer ist nicht nur ein Raum um darin zu schlafen, sondern auch ein Raum, in welchem eine kranke Person für Wochen, ja Monate liegen kann, und deshalb soll sich nichts Übertriebenes in der Ausstattung vorfinden, nichts das sich dem Auge mit ermüdenderund langweiliger Beharrlichkeit aufdrängt. Aus demselben Grunde ist es gut, das Bett so zu stellen, daß die kranke Person auf das Winterfeuer im Kamin blicken kann und angeregt und erfreut wird von seinem lustigen und hellen Flackern. Man mag vielleicht lächeln über diese Kleinigkeiten, aber sie sind sehr wichtig.

Bureau von Arch. M. Herrgesell.

Bureau von Arch. M. Herrgesell.

3. Die bisherigen Betrachtungen haben rasch über die Grundzüge des Entwurfes belehrt. Die Notwendigkeit, die man fühlt, dasZimmer weiter, geräumiger und luftiger erscheinen zu lassen als es wirklich ist, führt mit der Logik des gesunden Menschenverstandes zu verschiedenen praktischen Lösungen. Man entscheidet sich zum Beispiel, keine gemusterte Tapete zu nehmen. Wenn eine Wand über und über gemustert ist, so lockt sie von allen Standpunkten die Aufmerksamkeit auf sich, sie scheint sich dem Auge dadurch näher zu bringen und dem Raum einiges von seiner Länge und Breite zu rauben. Man entscheidet sich auch dafür, daß die Einrichtung nicht mehr Raum einnehmen darf, als unbedingt erforderlich ist; daher muß die handwerkliche Leistung die höchsten konstruktiven Vorzüge aufweisen, damit man den höchsten Grad von Annehmlichkeit und Zweckmäßigkeit mit dem geringsten Aufwand von Holz erreicht. Nachdem das Zimmer ein Schlafzimmer ist, hat man ganz recht, das Bett als das wichtigste Möbelstück zu betrachten, und es aus Holz herzustellen, teils weil gut gearbeitetes Holz so schön und ruhig harmonisch wirkt, teils weil Messingbetten nicht immer mit den Farben übereinstimmen, welche man im Auge hat, und endlich, weil sich Metall zu frostig anfühlt. DasBett wird nicht so niedrig sein, daß sich die Magd versucht fühlen könnte, die Reinigung des Fußbodens darunter zu vernachlässigen, noch wird es so hoch sein, daß der Raum zwischen Matratze und Fußboden als Speicher für Schachteln und für Staubansammlung geeignet erscheint. Wenn man zum Schluß das Schlafzimmer als Krankenzimmer auffassen will, ist der Grundsatz der Wohnlichkeit unerläßlich, ebenso eine ruhige Heiterkeit in der Farbengebung.

Bureau der österr. Bedburger Linkrusta Werke Alfred Hoffmann, von Architekt Max Benirschke.

Bureau der österr. Bedburger Linkrusta Werke Alfred Hoffmann, von Architekt Max Benirschke.

4. Man wird vielleicht Bilder in diesem Schlafzimmer anbringen wollen. Man hänge keine goldenen Rahmen auf den Grund der Tapete, sondern treffe eine solche Anordnung, daß die Malerei einen tektonischen Teil der Wand selbst bildet. In andern Worten, manwähle einen Fries oder ähnliche andere dekorative Malereien, die man seinem Urteile nach für gut findet. Das Werk muß einigermaßen mehr sein als interessant; es muß beitragen zur frischen und ursprünglichen Farbengebung, die man als passend für ein Schlafzimmer findet, und man führt sie daher so durch, daß die Malerei nicht aus der Mauer hervorspringt, sondern flächig wirkt, und im ganzen eine ebenso wirkungsvolle als bescheidene Rolle spielt.

Briefkassette von Architekt Otto Prutscher.

Briefkassette von Architekt Otto Prutscher.

5. Welches Holz soll man verwenden? Es ist klar, daß die dekorative Verwendung von Materialien zwingt, streng und einfach zu sein; aber der Strenge des Stils kann durch eine glückliche Wahl des Holzes entgegen gewirkt werden. Nußholz würde zu schwer im Ton sein und Eiche zu steif und unbiegsam in Substanz und Masse. Was man braucht, ist ein leichteres Holz, freundlicher von Aussehen, und so scheint es nach mancher Überlegung und manchen Versuchen empfehlenswert, Zuflucht zu Kirschholz zu nehmen. Es hat eine schöne Textur, der Ton ist hell, warm, freundlich und es hat auch eine Art von häuslicher Eleganz. Von ebenso glücklicher Wirkung sind weißlackierte Möbel. Zu ihrem Lobe kann nicht genug gesagt werden. Und wenn nun das Werk vollendet ist und die Morgensonne in das Zimmer tritt, so wird man das Zimmer heimlich und traut finden, als einen freundlichen Raum, sich darin anzukleiden und dem Tag einen guten Anfang zu geben.

Glücklicherweise gewinnt diese gesunde Auffassung wieder Raum. Man fühlt sich wieder, die Persönlichkeit wächst. Man hat persönliche Bedürfnisse. Das Schlafzimmer braucht kein Thronsaal zu sein, auch kein Tempel. Aber luftig soll es sein. Wir sind alle Fanatiker derHygiene geworden. Mit Luft, Licht, Sauberkeit und Einfachheit bestreiten wir unsere Interieurstimmungen. Und siehe da, es wirkt ganz famos. Was dem Körper zugute kommt, gibt auch der Seele Nahrung. Wenn wir auch zum guten Glück auf das Ornament verzichtet haben, so gibt es für den künstlerischen Geschmack doch noch sehr viel zu tun. Vielleicht mehr als früher. Denn das Einfache, das ist doch das Allerkomplizierteste. Die Anordnung der Massen, die Gliederung des Raumes, die Behandlung der Farbe, die zwecklich formale Erfüllung der Bedürfnisse, das sind Dinge, in denen sich das Persönliche klar ausspricht. Ist Harmonie in der Persönlichkeit, dann wird sie auch im Raum sein. Und, das ist das Allerwichtigste, der Einzelne, der angefangen hat nachzudenken, muß mit seinem Tischler, mit seinem Architekten arbeiten, wenn er das Seine haben will.

Herrenzimmer aus Wiener Kunst im Hause.

Herrenzimmer aus Wiener Kunst im Hause.

Auf Licht und Luft also kommt es an. Man wird sich daher helle Farben wünschen, die Wände ganz licht, die Betten und Schränke in hellgelbem Kirschholz, oder weiß lackiert, oder in unverhüllter Naturfarbe, wobei man die Flächen durch Einsetzen anders färbiger Holzstücke beleben kann. Sonst hat man gerne eine Ottomane dem Bette am Fußende vorgelegt, ja mit diesem auch in einem konstruktiv verbunden. Hat man einen besonderen Toilettenraum, dann brauchen Wäsche- und Kleiderschränke nicht im Schlafraume stehen. Die Einrichtung der modernen Schränke dieser Art ist für den Inhalt genau ausgemessen. Der Hängeraum muß so hoch sein, um die Röcke gut aufnehmen zu können. Oberhalb derselben im Inneren befindet sich häufig auch ein Brett für die Hüte. Die Hosen und Westen werden in die breiten Laden gelegt. Eine Lade für das Schuhwerk befindet sich zu unterst. Kleinere separate Laden und Fächer sind da für Spitzen, Bänder, Kravatten, Handschuhe, Krägen, Manschetten etc. Für die Schmutzwäsche gibt es einen truhenähnlichen Behälter, der im Vorzimmer steht und häufig als Sitzgelegenheit ausgenützt ist, mit einem Deckel oben zur Aufnahme der Schmutzwäsche und der von unten aufklappbaren Vorderseite zur Herausnahme derselben; alles versperrbar, natürlich.

Bett von Prof. Kolo Moser.

Bett von Prof. Kolo Moser.

Das Nachtkästchen gibt ebenfalls Möglichkeiten zu neuen sinngemäßen Lösungen. Man kann einen kleinen, glasschrankartigen Aufsatz damit verbinden, der die Hausapotheke aufzunehmen hat. Leichte, helleVorhänge, seitlich aufzuziehen, schützen das Gemach gegen Blicke von außen her, sperren aber nicht das Licht aus. Vor dem Fenster steht die Toilette: ein vertikaler Spiegel mit zwei im Winkel stehenden Flügeln, ein Gesimse davor, und links und rechts vom Sitz kleine Laden für die gesammte Kosmetik. Das alles ist sehr zierlich, sehr einfach, sehr elegant.

SchlafzimmerSchlafzimmer von Arch. Max Benirschke.

Schlafzimmer von Arch. Max Benirschke.

Das Bad ist in unmittelbarer Nähe des Schlafzimmers zu halten. Jede bessere Stadtwohnung hat ihr Badezimmer. Ein regelrechtes Bad, mit seinen weißen glänzenden Kacheln, der vertieften Wanne, denblankgeputzten Hähnen in der Marmorverschalung, den glänzenden Apparaten, den technisch vorzüglich eingerichteten Waschtischen sieht immer einladend aus. Im Schlafzimmer kann man sodann den Waschtisch entbehren. Gerade was die Badeeinrichtung angeht, so haben wir eine unbescholtene Vergangenheit. In den glanzvollen Zeiten des Hausrats von der Gothik bis zum Rokoko ist keine Rede von Badeeinrichtungen. Die »Kunst« befasste sich nicht damit, es blieb eine rein technische Angelegenheit der neueren Zeit, darum haben wir es heute in vollkommen von Stilarchitekturen unbeirrten, praktischen Formen vorgefunden. Nur römische Vorbilder existieren und die sind sicherlich auch mustergiltig. Früher war man weniger heikel in dieser Hinsicht. Heute ist das Bad tägliches Bedürfnis für einen Menschen, der reine Wäsche trägt.

Bett von Arch. Hans Stubner.

Bett von Arch. Hans Stubner.

Man sieht, ein vollkommener Wandel in der bürgerlichen Wohnung ist im Zuge. Die Nutzräume treten wieder in den Vordergrund. Gesund zu schlafen ist eine Vorbedingung des persönlichen Wohlseins. Man wird wieder den geeignetesten Raum als Schlafzimmer einrichten, und die anderen Räume in zweiter Linie und nach Maßgabe ihrer Wichtigkeit bedenken. Bei diesen anderen Räumen aber ist Einschränkung am Platze. Man muß keinen Salon haben; man kann das Wohnzimmer als solchen benützen oder man kann das Wohnzimmer mit dem Speisezimmer verquicken, den Salon mit dem Arbeitszimmer, was gewiß das allerrichtigste ist, oder es kann auch, wenn es nicht anders geht, ein Raum für drei dienen, Wohnzimmer, Salon und Speisezimmer in einem sein. Das Schlafgemach muß hingegen ungeteilt bleiben, den Fremden verschlossen, der Ort der Ruhe und der Träume. Der wahre Kulturgrad zeigt sich in seiner Beschaffenheit.

Schlafzimmer von Arch. Max Benirschke.

Schlafzimmer von Arch. Max Benirschke.

Schlafzimmer von Arch. Hans Stubner.

Schlafzimmer von Arch. Hans Stubner.


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