000Drittes Kapitel.______Christina in Stommeln bis zum ersten Besuch des Petrus von Dazien(1259-1267).

2. Kirchhügel zu Stommeln.2. Kirchhügel zu Stommeln.

2. Kirchhügel zu Stommeln.

Als Christina bereits zwei Jahre bei den Beginen zu Cöln war, sie mithin fünfzehn Jahre zählte, kam, als sie nachts in ihrer gewohnten Art sich zum Gebete niedergeworfen hatte, der Versucher in Gestalt des h. Bartholomäus vor sie hinstehen und sprach: „Tochter, du betest viel und hast ein großes Verlangen, in den Himmel zu kommen. Nun wisse, daß du dies erreichen wirst, wenn du dich tötest. Das ist ja bald geschehen, und du kommst dann ohne alles Leid ins Himmelreich.“ Christina, die noch unerfahren war in der Unterscheidung der Geister, glaubte, es sei wirklich der h. Bartholomäus, und war ein halbes Jahr lang von dieser lästigen Versuchung geplagt. Wenn sie allein war, meinte sie, sie müsse sich das Leben nehmen; stand sie an einem Brunnen, so kam ihr der Gedanke, hineinzuspringen; war sie in der Kirche, so fühlte sie sich zu ihrem größten Leidwesen gedrungen, wieder hinauszugehen, um den Tod zu suchen. Doch endlich hatte der Herr Erbarmen mit ihr. Als diese Versuchung ihr schier unerträglich wurde, kam ihr in den Sinn das Wort des Evangeliums, das sie früher gehört, sie würde verloren gehen, wenn sie Selbstmord verübe. Und so schwand diese Versuchung.

Nach einer Weile indes wurde sie von einer andern Versuchung gequält. Es kamen ihr Zweifel an der Gegenwart Christi im allerheiligsten Altarssakramente und an der Erschaffung der Welt durch Gott; auch erschien es ihr fraglich, ob überhaupt Gott um sie wisse oder die Heiligen. Sie hatte kaum Freude mehr daran, Gutes zu tun, zu beten und die Kirche zu besuchen. Achtzehn Wochen lang blieb sie dem Beichtstuhl fern. Doch gab sie der Versuchung nicht nach. Trotz der Unlust wohnte sie dennoch dem Gottesdienste bei und eines Tages betete sie bei der h. Messe also: „Herr, ich habe doch immer gehört, daß dein Leib wahrhaftig hier zugegen ist. Zeige mir doch, wie ich diese Zweifel los werden kann.“ Und alsbald sah sie bei der Wandlung ein Knäblein in den Händen des Priesters, das zu ihr sprach: „Ich bin Jesus.“ Als sie solches sah und vernahm, kam sie vor Staunen außer sich. Und als sie wieder zu sich gekommen, verspürte sie in ihrem Geiste ein gewisses Maß von Licht. Daraufhin ging sie am folgenden Tage zur h. Kommunion und die Versuchung wich so vollständig von ihr, als ob sie dieselbe niemals gehabt hätte. Auch diese Anfechtungen gegen den Glauben währten ein halbes Jahr.

Nunmehr suchte der arglistige Feind des Menschengeschlechtes ihr Speise und Trank und vor allem die h. Kommunion zum Gegenstand des Ekels zu machen. Es kam ihr vor, als ob auf jeglicher Speise, die sie zum Munde führen wollte, häßliche Tiere säßen, Molche, Spinnen und dergleichen. Vor Spinnen hatte sie, nebenbei bemerkt, ganz besonderen Abscheu. Der Beichtvater gab ihr den Rat, den Ekel zu überwinden und nichtsdestoweniger zu essen. Sie folgte, vermochte jedoch vor Ekel die Speise nicht bei sich zu behalten. Selbst wenn sie dem Tische des Herrn nahte, überkam sie das Gefühl des Ekels. Doch auch diese Plage überwand sie, indem sie trotz des Widerwillens dennoch den h. Leib des Herrn empfing. Auch diese dritte Versuchung währte ein halbes Jahr. Dies alles trug sich zu, während Christina zu Cöln bei den Beginen weilte. Dort blieb sie bis zum Alter von siebenzehn Jahren, also bis zum Jahre 1259. In diesem Jahre kehrte sie nach Stommeln zurück.

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In den bisher erschienenen Lebensbeschreibungen der seligen Christina heißt es gewöhnlich, sie sei von den Beginen in Cöln entlassen worden und deshalb nach Stommeln zu ihren Eltern zurückgekehrt. Das scheint jedoch nicht richtig zu sein, denn zunächst steht nichts derartiges in dem Berichte, den der damalige Pfarrer von Stommeln, Johannes, dem Petrus von Dazien auf dessen Bitte über Christinas Jugend zusandte. Auch wäre es dann nicht zu begreifen, daß Christina zeitlebens Begine geblieben ist und niemals das Kleid der Beginen abgelegt hat. Wie die Verhältnisse lagen, dürfte die Sache sich folgendermaßen zugetragen haben. Als Christina bei den Beginen in Cöln eintrat, gab es in Stommeln offenbar noch kein Beginenhaus. Sonst würde Christina nicht nötig gehabt haben, sich so viele Mühe zu geben, um endlich zu den Beginen zu kommen. Während ihres vierjährigen Verweilens zu Cöln ist dann zu Stommeln eine Beginengemeinschaft zustande gekommen. Eine Verwandte Christinas, Hilla vom Berge, so genannt, weil sie auf dem höhergelegenen Teile von Stommeln wohnte, war eine der angesehensten der Stommeler Beginen. Wir wissen, daß Christinas Eltern ihr die Aussteuer versagten. Deshalb werden die Cölner Beginen Christina geraten haben, nach Stommeln zurückzukehren, da sie nunmehr dort, wo mittlerweile die Beginen sich eingerichtet hatten, ebensogut als Begine leben konnte wie in Cöln. Das Beginenhaus zu Stommeln war, wenn auch nicht gleich von Anfang an, eine an die Kirche angebaute Klause. Jedoch nicht alle Beginen wohnten dort, wenigstens nicht andauernd. Die Räumlichkeiten scheinen zu beschränkt gewesen zu sein. Mehrere von ihnen, wie Hilla vom Berge und die blinde Aleidis, hatten eigene Wohnungen.Bei ihrer Rückkehr nach Stommeln nahm auch Christina zunächst im elterlichen Hause Wohnung. Hier wurde sie, namentlich anfangs, nicht allzu freundlich behandelt, weil sie gegen den Willen der Eltern ins Kloster gegangen war. Man gönnte ihr nicht einmal das Brot, das sie aß. Ihr der Abtötung und dem Gebete geweihtes Leben fand auch nicht den Beifall der Beginen. Diese spotteten mehrfach über sie und nannten sie eine Scheinheilige. So hatte sie Niemanden, weder zu Hause noch außerhalb, bei dem sie einigen Trost gefunden hätte. Im öftern Empfange der h. Kommunion hätte sie gerne Kraft und Mut sich geholt zum standhaften Ertragen aller Widerwärtigkeiten. Allein sie wagte es nicht, darum zu bitten, mit wie heißer Sehnsucht sie auch darnach verlangte; denn damals war es nicht üblich, häufig zu den hh. Sakramenten zu gehen. Es war ja im dreizehnten Jahrhundert, daß die vierte Lateransynode (1215) sich veranlaßt sah, die Pflicht der Osterkommunion unter Androhung von kirchlichen Strafen einzuschärfen. Der Heiland jedoch wußte auf andere Weise sich seiner treuen Dienerin mitzuteilen. Ihrem Pfarrer Johannes hat sie nämlich im h. Gehorsam gestanden, sie sei einst krank gewesen (so nannte sie in Demut ihren mystischen Zustand), und da habe sie stets über das bittere Leiden unseres Herrn nachgedacht. Das habe wohl sechs Wochen gedauert. Und es sei ihr vorgekommen, als ob ihr vielgeliebter Heiland vor ihren Augen getötet worden sei. Sie lag dann, so fährt der Pfarrer Johannes fort, in tiefster Beschaulichkeit da, aß sozusagen gar nichts und ihre Glieder blieben, wie Johannes selbst gesehen hat, ganz starr. Aber auch der Versucher stellte sich bei ihr ein. Umstrahlt von Schönheit erschien er ihr, tröstete sie und sprach: „Teuerste, gehab dich wohl; der Herr ist mit dir.“ Er belobte sie dann sehr und sagte schließlich: „Siehe, schon bist du merklich schwächer geworden. Wenn du dich noch zwei Tage lang der Nahrung enthältst, so wirst du alsbald deinen Gott in seiner Herrlichkeit schauen.“ Bei diesen Worten erkannte Christina durch Erleuchtung des h. Geistes den teuflischen Betrug, begehrte sofort zu essen und beschämt wich der Böse von dannen.

Abgesehen von dieser Versuchung lebte Christina drei Jahre lang im Hause ihrer Eltern in seligem Herzensfrieden, auf Gott allein ihren Sinn richtend und nicht beachtend, wasin der Welt vor sich ging. Sie war nun zwanzig Jahre alt und sollte bald in die Schule der Leiden genommen werden, indem es dem Satan gestattet wurde, sie zu quälen, wie er einst den Diener Gottes, den gerechten Job, gequält hatte. Nur das Leben durfte er ihr nicht nehmen, wie er ja auch dem Job das Leben lassen mußte. Sie nahm, wie es scheint, Wohnung im Hause der Beginen. Dort kam der Versucher in Gestalt des h. Apostels Bartholomäus zu ihr und sagte ganz leise: „Teuerste Tochter, deine Werke sind wohlgefällig vor Gott, dem du über die Maßen gefällst. Du hast jetzt eine Zeit lang an Leib und Seele Ruhe genossen. Nun mußt du auch, da du gar sehr verlangst, zum Geliebten deiner Seele zu kommen, an deinem Körper etwas leiden.“ Wohl einen Monat lang wurde sie von solchen Zuflüsterungen geplagt. Endlich kam der Versucher mit einem Bündel Hülsendorn und sprach: „Weil du bisher allzu weichlich gelebt hast, so bringe ich dir dies, damit du damit deinen Leib zur Ehre Gottes kasteiest; denn das gefällt ihm gar sehr.“ Also tat er zur Zeit der Mette sowohl wie zur Zeit der Komplet. Christina aber, vom h. Geiste belehrt, dachte bei sich: „Es ist der Dämon. Kaum vermag ich die übliche Geißelung zu ertragen, um wieviel weniger eine solche?“ Sodann sprach sie zum Versucher: „Uebel ist dein Rat, weil er falsch ist; denn Gott will, daß man in allem weise maßhalte.“ Doch wiewohl sie den Versucher in dieser Weise abfertigte, kam ihr doch später immer wieder der Gedanke, sie hätte doch den Rat befolgen sollen; er könne doch von Gott herrühren. Als der Versucher jedoch sah, daß Christina seinen Einflüsterungen nicht Folge gab, rächte er sich, indem er selbst acht Nächte hindurch Christina mit Hülsenwischen dermaßen geißelte, daß sie am ganzen Leibe wund war. Hilla vom Berge, die zur Zeit der Komplet zu ihr zu kommen pflegte und nicht wußte, was vor sich gegangen war, fand sie wie halb tot und brachte sie zu Bette. Nachdem der Versucher sie noch durch mehrere andere Plagen das Jahr hindurch belästigt hatte, quälte er sie im Advent auf besondere Weise. Am ersten Adventssonntage wurde sie, während sie ihren Rosenkranz[7]betete,mit einem knotigen Stocke derartig von unsichtbarer Hand geschlagen, daß die Umstehenden meinten, man müsse es im ganzen Dorfe hören können. Fünfmal fiel Christina dabei in Ohnmacht. Schließlich betete sie zum Herrn also: „Herr Jesu, ich bitte dich bei deinem bitteren Leiden, befiehl dem Dämon, er solle aufhören mich zu schlagen; denn ich vermag es nicht länger zu ertragen. Oder gib mir die Gnade, daß ich es auszuhalten vermag.“ Eines Tages empfing sie, als sie in den Stall ging, einen solch heftigen Schlag auf die Hand, daß Blut floß. Darob weinte sie, nicht aus Mangel an Gottergebenheit, sondern weil sie glaubte, in solchem Leiden nicht mehr allein in ihrem Kämmerlein leben zu können und in ein anderes Haus ziehen zu müssen. Mehrfach noch erhielt sie von unsichtbarer Hand Schläge, die derartig heftig waren, daß man sie fast bis auf die Straße hörte. Auch wurden ihre Füße zerkratzt, und zwar einmal mit spitzigen Eisenkrallen; und die ganze Pfarre kam zusammen und sah mit eigenen Augen diese Quälereien.

Christina kehrte ins Haus ihrer Eltern zurück und blieb etwa ein Jahr lang von körperlichen Mißhandlungen frei. Jedoch suchte der arglistige Feind ihre Andacht auf mancherlei Weise zu stören. Am Weihnachtsabend kam er in Gestalt eines Stieres und brüllte entsetzlich, packte ihren Kopf zwischen seine Zähne und übergoß ihr Gesicht mit Geifer. Vier Wochen nachher hörte sie jedesmal ein starkes Brüllen, so oft sie der h. Messe beiwohnte, Gottes Lob singen oder predigen hörte, oder wenn sie sich im Gebete befand. Davon wurde sie eine Zeit lang ganz taub. Als sie den Herrn bat, er möge diese Plage, die ihr die Uebungen der Gottseligkeit verleidete, von ihr nehmen, hörte sie eine gar liebliche Stimme einen Psalm zum Lobpreis Gottes anstimmen, wodurch ihr Herz in solche Wonne versetzt wurde, wie sie niemals solche bis dahin beim Gesange empfunden hatte. Das Gehör war wiedergekommen; nunmehr wurde sie eine Zeit lang stumm. Ein mündliches Gebet vermochte sie nicht mehr zu verrichten. Zuweilen versuchte sie kurze Seufzer auszusprechen wie: „Mein Herr und mein Gott!“ oder: „O Gott, erbarme dich meiner!“ oder: „Vielgeliebter.“ Aber auch das vermochte sie nicht. Sie bekam darüber solches Wehe, daß sie vierzehn Tage lang Blut spuckte. Der Versucher aber kam und verhöhnte sie, indem er sprach: „O Törin, wo ist nun dein Gott? Wenn du einen Gott hast, so bete diesen an und rufeihn an. Du siehst doch wohl, daß ich der Schöpfer aller Dinge bin.“ Solche Lästerungen empörten Christina, und es schmerzte sie über die Maßen, daß sie ihn, weil sie stumm war, nicht abfertigen konnte.

Dann quälte sie der Böse durch Ohrenbläsereien. Drei Wochen lang flüsterte er ihr unaufhörlich in die Ohren, was die Menschen Unrechtes getan, gestohlen und dergleichen, und dabei nannte er die Leute mit Namen. Auch drohte er ihr, er werde in der Kirche laut ausrufen, daß sie alles, was abhanden gekommen sei, gestohlen habe. Als auch diese Versuchungen nicht vermochten, Christina zu lieblosen Urteilen oder zur Vernachlässigung des Gottesdienstes zu verleiten, wurde sie vierzehn Tage hindurch durch feuerige Erscheinungen in Schrecken gesetzt. Wollte sie in ihrem Kämmerlein beten, so schien es in Flammen zu stehen; nahm sie ihr Gebetbuch, so schien es zu brennen; ging sie zum Beichtstuhl, so schien der Priester in Flammen zu stehen; wollte sie dem Tische des Herrn nahen, so glaubte sie, durchs Feuer gehen zu müssen. Unterdessen kam wieder die Adventszeit heran und nach den früher gemachten Erfahrungen war Christinas Umgebung in Furcht vor neuen Plagen. So kam es, daß der ehrwürdige Pfarrherr Johannes sie für den Advent 1267 ins Pfarrhaus aufnahm.

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In der Folge wird häufiger noch als bisher von ganz eigenartigen Plagen die Rede sein, von denen Christina heimgesucht wurde. Christina ist nicht die einzige unter den Seligen des Himmels, die solche Plagen zu erdulden hatte. Bezeichnender Weise sind es vorzugsweise die mit mystischen Zuständen Begnadigten, die solchen Quälereien ausgesetzt sind, als deren Urheber gemeinhin die bösen Geister angesehen werden. Kein geringerer als der Völkerapostel Paulus, der in den dritten Himmel entrückt wurde, klagt darüber, daß der Satansengel ihn mit Faustschlägen mißhandelt habe.

Die Ungläubigen, die alles Uebernatürliche leugnen, halten alles Dämonische für Fabel oder Ausgeburt eines krankhaften Gehirns. Mit solchen Leuten kann man aufrichtiges Mitleid haben.

„Den Teufel spürt das Völkchen nie,„Und wenn er sie beim Kragen hätte.“[8]

„Den Teufel spürt das Völkchen nie,„Und wenn er sie beim Kragen hätte.“[8]

Daß es eine Welt unsichtbarer Geister gibt, von denen die einen, die hh. Engel, das Menschengeschlecht lieben, die andern hingegen, die gefallenen Engel, die wir Teufel nennen und deren Fürst Satan ist, voller Haß und Neid gegen die Adamskinder, die statt ihrer der Himmelsherrlichkeit teilhaft werden sollen, diesen zu schaden suchen, ist eine Wahrheit, die fast auf jeder Seite der heiligen Schriften des alten und neuen Bundes zu Tage tritt und die auch, wenn auch mehr oder minder entstellt, im Bewußtsein des gesamten Menschengeschlechtes zu allen Zeiten festgehalten wurde. Ein wissenschaftlicher Beweis für die Behauptung, daß es keine Teufel gibt oder keine geben kann, oder daß diese die Menschen nicht zu versuchen oder ihnen nicht zu schaden vermögen, ist bishervon Niemanden erbracht worden und kann auch nicht erbracht werden. Von ewigen, unabänderlichen Naturgesetzen zu reden, ist leere Phrase. Gesetze sind Vorschriften. Naturgesetze aber schreiben nichts vor. Es sind nur Verallgemeinerungen von einzelnen von uns beobachteten Vorgängen. Will man von Naturgesetzen reden, so muß man auch einen Herrn der Natur annehmen, der mit Macht und Weisheit sie leitet, der aber auch auf andere als die gewohnte Weise durch sie wirken kann und auch solches vollbringen kann, was die Kräfte der Natur übersteigt. Denn der Urheber der Natur ist doch nicht durch die von ihm ins Dasein gerufenen Naturkräfte eingeschränkt. Wenn schon der Mensch gewaltige Aenderungen im Naturlauf hervorrufen kann, indem er die Naturkräfte seinem Willen dienstbar macht, sei es, daß er auf dem Stahlroß oder im Kraftwagen über die Erde dahinsaust, oder im Luftschiff sich in die Höhe emporschwingt und am Himmelsgezelt mit den Wolken einherfährt, wie sollte es den überirdischen Geistern, denen zudem auch die uns noch verborgenen Naturkräfte bekannt sind, sich deren mit Zulassung des Schöpfers nicht bedienen können, um Wirkungen hervorzubringen, die uns wunderbar vorkommen? Eigentliche Wunder kann freilich nur Gott allein wirken, weil nur seine Allmacht die Macht der von ihm geschaffenen Natur übersteigt. Die Engel jedoch und ebenso die Teufel vermögen die vorhandenen natürlichen Kräfte in einer Weise anzuwenden, die ungewohnt ist und uns deshalb wunderbar erscheint. Teuflische Einwirkungen auf die Menschheit sind deshalb möglich. Ob sie nun wirklich vorliegen, muß in jedem Falle, wo ihre Tatsächlichkeit behauptet wird, bewiesen werden. Nirgendwo wäre Leichtgläubigkeit weniger angebracht als hier. Die Kirche läßt uns in der Untersuchung und Prüfung solcher Vorkommnisse, die in den Lebensbeschreibungen der Heiligen berichtet werden, vollste Freiheit und ermahnt uns zu größter Vorsicht. Der allgemeine Einwand jedoch, heutzutage trete der Teufel nicht sichtbar in die Erscheinung, also habe er es auch früher nicht getan, ist nicht stichhaltig. Der Teufel ist eben von jeher arglistig und boshaft und Dummheit gehört nicht zu seinen Eigenschaften. Vor allem sucht er Unglauben und Gottlosigkeit zu verbreiten. Das würde er aber heutzutage am wirksamsten verhindern, wenn er offen hervorträte. Denn wer heute an den Teufel glaubt,der kann nicht mehr ungläubig sein, der muß auch Hölle und Himmel annehmen, und an Gott glauben. Anders aber lagen die Dinge im Mittelalter, wo der Glaube ans Jenseits unbestritten war.

Was nun die teuflischen Quälereien, die von der seligen Christina in der Jülicher Handschrift berichtet werden, anbelangt, so verdient hervorgehoben zu werden, daß diese Handschrift zu Lebzeiten Christinas angefertigt wurde, und die Verfasser die Vorkommnisse miterlebt oder sie aus dem Munde Christinas vernommen haben. Daß sie alle die Wahrheit sagen wollten, wird niemand, der diese Aufzeichnungen und Briefe liest, in Zweifel ziehen. Die Erzählung ist so treuherzig, die Schilderung so unmittelbar, die in die Darstellung verwobenen Angaben über Ort, Zeit und sonstige Umstände der Geschehnisse mit der geschichtlichen Wirklichkeit so genau übereinstimmend, daß ihr der Stempel der Wahrhaftigkeit nicht abgeleugnet werden kann. Die Personen, welche diese Dinge berichten, sind achtbare, unterrichtete Männer. Da sind zunächst die beiden Pfarrer von Stommeln, Johannes und sein Nachfolger Heinrich, die beide über alles, was Christina betraf, aufs genaueste unterrichtet waren, an ihr das lebhafteste Interesse nahmen und in ihrem ganzen Verhalten eine Art heiliger Ehrerbietigkeit gegen Christina an den Tag legten. Pfarrer Johannes war ein Mann nach dem Herzen Gottes, von reinem Wandel und erprobter Tugend, ausgezeichnet durch uneigennützige Freigebigkeit und große Frömmigkeit, wie allgemein bekannt war. Da ist ferner der hochbetagte, in der Seelenleitung wohlerfahrene Bruder Walter aus dem Dominikanerkloster zu Cöln, der uns geschildert wird als sehr frommer Mann, reich an Jahren und Verdiensten, mit weißem Haupthaar und lieblichem Angesichte, hochangesehen nicht bloß bei den Weltgeistlichen, sondern auch bei den Ordensleuten.[9]Dieser war Christinas Beichtvater seit ihrem Eintritt ins Beginenkloster zu Cöln. Da ist vor allem der schwedische Dominikaner Petrus von Dazien, der am eingehendsten sich mit den Zuständen Christinas befaßt und dem vorzugsweise die über sie erhaltenen Aufzeichnungen zu danken sind. Petrus stammteaus der Stadt Wisby auf der Insel Gotland in der Ostsee, war gegen das Jahr 1266 in den Dominikanerorden eingetreten, dessen zehnte Provinz Dänemark, Schweden und Norwegen umfaßte und Dazien genannt wurde. Wegen seiner Zugehörigkeit zu dieser Provinz wird er gemeinhin Petrus von Dazien genannt. Wegen seiner besonderen Befähigung wurde er von seinen Ordensobern zur Vervollkommnung seiner Studien nach Cöln und Paris geschickt. Während seines Cölner Aufenthaltes, der von 1266-1269 währte, kam er zwölfmal nach Stommeln, dann noch einmal bei seiner Hinreise nach Paris und abermals bei der Rückreise, und später noch einmal von Schweden aus, also im ganzen fünfzehnmal. Der ebenso fromme und demütige wie kenntnisreiche und gelehrte Ordensmann betrachtete Christina als das ihm von Gott gegebene Vorbild eines vollkommenen, ganz der Liebe Jesu Christi geweihten Lebens; Christina hingegen, durch göttliche Erleuchtung belehrt, betrachtete den Petrus als ihren geistlichen Führer und Tröster. Christina verschloß, wie alle wahrhaft mystischen Seelen, die Vorgänge ihres Innenlebens vor der Außenwelt. Nur dem Petrus gab sie in Gehorsam hierüber Aufschluß. Petrus war schon einundzwanzig Jahre hindurch im Dominikanerorden, als er im Advent 1267 zum ersten Male nach Stommeln kam. Er war mithin nicht ein unerfahrener, junger Student, wie der Innsbrucker Professor Emil Michael irrtümlicher Weise annimmt, sondern ein allseitig durchgebildeter, urteilsfähiger Ordensmann in der vollen Kraft des Mannesalters. In welchem Ansehen er stand, geht daraus hervor, daß er nach seiner Rückkehr in die Heimat Lesemeister zu Skeninge, dann zu Strengnäs und darauf zu Gotland wurde und schließlich zu Wisby das Amt eines Priors versah. Einen getreuen Helfer in der Aufzeichnung dessen, was sich Merkwürdiges im innern und äußern Leben Christinas ereignete, hatte Petrus in dem Schullehrer zu Stommeln, dem Magister Johannes, einem allseitig verehrten Manne von frommem und reinem Wandel, der später Priester wurde und als Kaplan Christinas bezeichnet wird. Petrus vergleicht ihn in einem seiner Berichte mit dem Apostel Johannes; denn wie der Heiland diesem seine jungfräuliche Mutter, so habe er ihm seine Namensgenossin, das Gefäß der Tugenden und die Uebungsschule aller geistigen Kämpfe zur Hut anvertraut. Dem Petrus sei auch hier der Johannes vorgezogen. „Darum,“so fährt Petrus fort, „strenge deine Sinne an, suche scharf und mit allem Fleiße zu beobachten, was der Herr Wunderbares wirkt. Lasse dir keine Handlung und kein Wort entgehen, was der Bräutigam oder die Braut tut oder spricht. Beobachte das Benehmen, wäge ab die Handlungen, verkoste die Freuden, merke die Gnadenerweisungen, das Geheime bewahre treu in deinem Herzen und erzähle es, wenn die Zeit gekommen, den Gläubigen. Denn es wird die Zeit kommen, wo man dies von dir verlangen wird. Und weil das Gedächtnis sehr vergeßlich ist, so schreibe auf, was der Herr Großes wirkt.“[10]Wie getreulich der Meister Johannes dieser Aufforderung nachgekommen ist, zeigt das dritte Buch der Jülicher Handschrift. Was Johannes von Christina berichtet, hat er ihr größtenteils abgelauscht bei ihrem Erwachen aus der Verzückung. „Diese Geheimnisse,“ so schreibt er an Petrus, „die ich Ew. Liebden mitteile, sind mir nicht von einem Menschen, sondern von Gott kundgemacht worden. Laßt Euch das nicht unglaublich sein. Denn wenn zu den Dienern Gottes im allgemeinen gesagt ist: „Nicht ihr seid es, die da reden, sondern der Geist eures Vaters ist es, der in euch redet,“ so gilt das auch insbesondere von seiner Braut und besonders zu jener Zeit, wo sie eben aus der Entrückung zurückkehrt, in dem Zeitraum, wo sie von äußern Dingen und von sich selbst nichts weiß. Ich schreibe euch dies darum, auf daß ihr wisset, daß Christina, Eure Tochter, zur Zeit, wo sie ihrer mächtig war, mir nichts von dem, was ich aufgeschrieben habe, mitgeteilt hat, außer wenigem über ihr Leiden.“ Sehr richtig ist diese Bemerkung des Magisters Johannes für die Beurteilung der außergewöhnlichen teuflischen Quälereien, die im dritten Buche der Jülicher Handschrift berichtet werden. Sie tragen durchgängig visionären Charakter und somit entfällt alles, was man gegen ihre Glaubwürdigkeit vorgebracht hat.

Da die Dominikaner damals stets zu Fuß reisten und bei ihren Reisen stets mindestens zu zweien sein mußten, so kamen mit Petrus auch andere Dominikaner nach Stommeln und lernten Christina kennen. Außer dem bereits erwähnten Bruder Walter verdienen noch angeführt zu werden die Brüder Gerhard vom Greif, ein sehr gelehrter Mann, Lehrmeister derStudenten und ehemaliger Unterprior im Cölner Kloster,[11]und Johannes von Muffendorf, die beide auch zu Christinas Beichtvätern zählen, ferner die Brüder Aldebrandino aus Rom, Balduin von Flandern, Gotfrid von Werden, Jakob von Andernach, Johannes Hespe aus der Provinz Dazien, Karl, der in Paris studiert hatte und als Ordensmann, reich an Gnaden, ausgezeichnet durch große Herzensreinheit, feine Sitten, Freigebigkeit und vorzügliche Frömmigkeit, gerühmt wird,[12]ferner Bruder Laurentius aus dem Kloster zu Wisby, Bruder Mauritius, später Lesemeister in Reval, Bruder Salomon aus Ungarn, Bruder Folkwin von Gotland, Bruder Wilhelm von Werigehal aus der englischen Provinz und Bruder Wipert von Böhmen aus der Provinz Polen. Wie der Vorgesetzte dieser Brüder, der Cölner Prior Hermann von Havelbrech, über Christina dachte, ersehen wir aus den Worten, mit denen er den Brüdern Aldebrandino und Petrus auf ihr Begehren Erlaubnis erteilte, nach Stommeln zu gehen: „Geliebteste Söhne,“ sprach der Prior, „mit Freuden gestatte ich euch, nach diesem Orte zu gehen, um Gottes Wundertaten zu sehen. Ich habe nämlich so außerordentliche Dinge von dieser Jungfrau gehört, daß ich sehr gerne mit euch gehen möchte, wenn ich dazu in der Lage wäre. Ihr aber, Geliebteste, seid noch jung und seid aus entfernten Gegenden hierhergekommen und möget also hingehen und die wunderbaren und erbaulichen Dinge beobachten. Diese könnt ihr dann dereinst in eueren Ländern noch im hohen Alter zu gegebener Zeit andern zur Erbauung erzählen.“[13]Einige Monate nachher, am Weißen Sonntag 1269, ging indes Prior Hermann selbst mit dem Bruder Arnold von Xanten, Prior von Straßburg, nach Stommeln und besuchte Christina. Dieser Prior Hermann von Havelbrech war aber ein Mann von großer Sanftmut und Güte, geschmückt mit allen Tugenden. Längere Zeit hindurch war er der Begleiter des Ordensgenerals Johannes I. gewesen und hatte mit diesem, wovon er mitunter zu erzählen pflegte, zehn Provinzen des Ordens bereist. Auch war er zweimal Provinzial der deutschen Ordensprovinz gewesen.Doch nicht bloß die Dominikaner kannten Christina. Auch die minderen Brüder vom h. Franz in Cöln interessierten sich für sie. Im Jahre 1281 z. B. kamen am Vorabend von Johannes Geburt zwei Minoriten mit vier Dominikanern nach Stommeln, um Christina in der Verzückung zu sehen. Der Prior der unweit von Stommeln gelegenen Benediktinerabtei Brauweiler, Gotfrid genannt, „ein Mann von allseitig gutem Rufe, großer Bescheidenheit und auferbaulichem Wandel“, von dem Petrus von Dazien sagt, daß er, ohne der Heiligkeit der übrigen nahetreten zu wollen, niemals einen Mann seines Ordens von solcher Vollkommenheit gesehen habe,[14]war Christinas väterlicher Freund, der häufiger in Begleitung des Kellermeisters der Abtei Brauweiler, namens Leonius, eines hochbetagten Mannes von großer Umsicht und Reife des Urteils, sie in Stommeln besuchte. Zur Zeit des Interdiktes, das Erzbischof Engelbert von Falkenburg über Cöln und Umgebung verhängte, weil die Stadt sich mit dem Grafen von Jülich gegen ihn verbündet hatte, ging Christina regelmäßig nach Brauweiler, um in der Abteikirche, die dem Interdikte nicht unterlag, dem Gottesdienste beizuwohnen. Sie beichtete dann regelmäßig bei dem Prior Gotfrid. Auch andere Geistliche aus dem Ordens- und Weltklerus kamen Christinas halber nach Stommeln, z. B. Adolf, Scholar des Cölner Domdechanten, Magister Heinrich vom Stifte der hh. Jungfrauen in Cöln, Herr Engelbert vom St. Cäcilienstifte dortselbst und ein Mönch des Klosters Quinheim[15]bei Neuß. Es wird vielfach behauptet, im Mittelalter sei man wundersüchtig gewesen und deshalb verdienten die Wundermären aus jener Zeit keinen Glauben. Wie alle derartigen allgemeinen Sprüche sich bei näherem Zusehen als oberflächliche Uebertreibungen erweisen, so auch hier. Die Männer, die Christinas mystische Zustände in Stommeln beobachteten, waren keine Schwärmer. Es waren fromme und vernünftige Männer von nüchterner Auffassung und gesundem Urteil. Wie sie dachten, geht anschaulich hervor aus einer Begrüßungsszene zwischen dem vorhin erwähnten Unterprior Gerhard vom Greif und Petrus von Dazien. Als letzterer im Jahre 1279 aus Schweden kommend in Cöln anlangte, hatteer in Stommeln vorgesprochen und der Unterprior sprach zu ihm, als er ihn im Cölner Kloster empfing: „Habt Ihr Christina gesehen?“ denn er kannte die Hochachtung, die Petrus gegen Christina hegte. Petrus antwortete: „Ja, Vater.“ Da lächelte der Unterprior und fuhr fort mit den Worten des h. Hieronymus an Paulinus: „Jene Zeit hatte ein unerhörtes, für alle Jahrhunderte denkwürdiges Wunder, sodaß die Menschen, die in eine so herrliche Stadt kamen, dennoch etwas anderes außerhalb dieser Stadt suchten und diejenigen, die Cöln nicht an sich ziehen konnte zu seiner Bewunderung, sich durch den Ruf eines einzigen Menschenkindes angezogen fühlten.“ Dann fragte er weiter: „Wie geht es mit Christina? Wie gefällt Euch ihr Zustand?“ Petrus antwortete: „In allem gut. Ich bin gar sehr getröstet worden; denn seit meinem Weggang hat sie sehr große Fortschritte in der Heiligkeit gemacht.“ Der Unterprior erwiderte: „Ihr habt recht, Bruder Petrus; ich bin derselben Ansicht und Ihr möget wissen, daß meine Hochachtung gegen sie um kein Haar abgenommen hat. Daß ich sie aber seltener als früher besuche, kommt daher, weil diejenigen, die früher die Brüder aufzunehmen pflegten, meistens gestorben sind.“[16]So spricht und handelt kein wundersüchtiger Schwärmer.

Auch bei dem weiblichen Geschlechte fand Christina Verständnis und Verehrung. Da ist vor allem zu nennen die hochangesehene, hochbetagte Aebtissin des hochadeligen Damenstiftes zur h. Cäcilia in Cöln, Geva, Gräfin von Virneburg, die mit den fein gebildeten Stiftsfräulein, unter denen Irmgardis[17]hervortritt, besonderes Interesse für die fromme Tochter des Stommler Gutsbesitzers Bruso bekundete. „Geva liebte Christina wie eine Mutter ihre Tochter und erwies ihr viel Gutes.“[18]Auch zwei Stiftsdamen aus dem Stifte der hh. Jungfrauen (St. Ursula) in Cöln, Christina und ihre Schwester Gertrud, zählten zu Christinas Bekanntenkreis.[19]Was von größter Bedeutung ist, diejenigen, die täglich um Christina herum waren, ihre Vertrauten, die Beginen von Stommeln, liebten und verehrten ihre Mitschwester Christina und erwiesen ihr, wie Christina bezeugt, viel Gutes. Wenn sie auch anfänglich mitunter, von frommer Eifersucht verleitet, über Christinas strenges Bußleben und ihre mystischen Zustände gespöttelt hatten, so erkannten sie doch, beim längeren Zusammenleben mit ihr, die Gediegenheit ihres Wesens und die Echtheit ihrer Begnadigungen. Da ist zuerst Hilla vom Berge, ihre Blutsverwandte und unzertrennliche Gefährtin in allen ihren Leiden und Freuden. „Ich sah, schreibt Petrus, ihr Angesicht immer gleich, sie mochte im Glück oder Unglück sein. Sie war eine Jungfrau, die alles Lob verdiente, in Kreuz und Leid unverzagt, in Freude und Glück behutsam, überall eine wahre Jungfrau im Wandel, im Verhalten, in der Rede. Ihr Scherz war ernst und ihr Ernst schien scherzend, weil sie in Wort und Benehmen sich immer gleichmäßig benahm. Nächst Christina glaube ich kein Mädchen von solcher Herzensreinheit je gesehen zu haben; denn es kam mir vor, als könnte sie keine Sünde begehen, und Gott weiß es, daß ich an ihr nie eine Geberde, eine Miene oder ein Wörtchen wahrgenommen habe, was auf Leichtsinn hätte schließen lassen können, wiewohl ich sie scharf beobachtet und mich oft und lange mit ihr unterhalten habe.“[20]

An zweiter Stelle kommt die blinde Aleidis, die, wie man glaubte, durch Weinen das Augenlicht verloren hatte und sich doch über diesen Verlust nicht beklagte. Sieben Jahre hindurch war sie bettlägerig gewesen und hatte bei gänzlicher Erschöpfung ihrer Kräfte eine wundersame Geduld bewiesen. Ihre Tugend läßt sich, sagt Petrus, nicht beschreiben. Wer sie kennt, wird gestehen, daß alles Lob hinter der Wirklichkeit zurückbleibt.[21]— Neben der blinden Aleidis gab es in Stommeln noch eine andere sehr geschäftige Begine mit Namen Aleidis und außer der Hilla vom Berge auch noch eine Hilla von Ingendorf. Die Schwester des Pfarrers Heinrich von Stommeln, Benignamit Namen, war ebenfalls nach Kleidung und Wandel eine Begine, wiewohl sie nicht in deren Klause wohnte, sondern ihrem Bruder den Haushalt führte. Zum engeren Kreise der Freundinnen Christinas gehörten auch noch ihre Nichte Hilla und die Nichte der blinden Aleidis, die Begine Engilradis, Tochter des dortigen Vogtes, sowie die hochbetagte Mutter des Pfarrers Johannes und dessen beide Schwestern Gertrud und Hadewig. Diese Gertrud, von der gerühmt wird, daß sie eine gar liebliche Stimme hatte und oft und gerne schöne geistliche Lieber sang, war eine ganz besondere Vertraute Christinas.

3. Beginenfigur (14. Jahrh.)3. Beginenfigur (14. Jahrh.).

3. Beginenfigur (14. Jahrh.).

Was Christina selbst anbelangt, so war sie das Kind gesunder Eltern. Auch ihre vier Geschwister erfreuten sich bester Gesundheit. Sie war, wie der Befund ihrer Gebeine ausweist, von schlankem und kräftigem Körperbau und erreichte ein Alter von siebenzig Jahren. Sie lebte in frischester Landluft, liebte es freilich, vorzugsweise am Spinnrocken zu sitzen und sich mit Nähen und Sticken zu beschäftigen.[22]Andererseits aber beteiligte sie sich auch an der Feldarbeit, half namentlich bei der Ernte[23]und war selbst des Reitens nicht unkundig. So wird von ihr berichtet, daß sie am Ostersonntag des Jahres 1268, weil ihre Füße vom Karfreitag her noch wund waren, an der Seite ihres Vaters zur Kirche ritt, um der Osterpflicht zu genügen, und zwar, um Aufsehen zu vermeiden, in weltlicher Tracht.

Manche sind geneigt, Christinas Zustände als Krankheitserscheinungen zu betrachten. Sie denken an überreizte Nerven, Halluzinationen und Hysterie. Krankheitsbilder unseres nervösen Zeitalters werden ohne weiteres in das dreizehnte Jahrhundert zurückverlegt, wo jedoch Volksgesundheit und Volkskraft in höchster Blüte standen. Christinas Persönlichkeit hatte nun aber gar nichts an sich von der zarten Mattigkeit, der zitternden Empfindsamkeit und dem unaussprechlichen Angekränkeltsein der nervenschwachen Frauenwelt unserer Tage. Christina ist einige Male wohl auf wenige Tage krank gewesen; allein von einer ernstlichen, langandauernden Störung ihrer Gesundheit ist nirgendwo die Rede. Sie erfreute sich im Gegenteil wie alle ihre Familienangehörigen einer kräftigen, widerstandsfähigen Körperverfassung. Wenn sie mitunter das Bett zu hüten gezwungen war, so geschah diesinfolge mystischer Zustände, die sie in ihrer Demut als Schwachheitszustände bezeichnete. Man hat auch versucht, Christinas mystische Zustände mit gewöhnlichen Frauenleiden in Verbindung zu bringen und sie aus diesen zu erklären, weil sie mit dem einundzwanzigsten Lebensjahre anfingen und mit dem sechsundvierzigsten Lebensjahre schlossen. Es liegt hier der nicht selten vorkommende Trugschluß vor, aus dem Nebeneinander zweier Erscheinungen auf deren ursächliche Abhängigkeit voneinander ohne weiteres zu schließen. Unerklärlich bleibt jedoch dann, weshalb denn nicht auch die Verzückungen und die Wundmale auf diese Zeitperiode beschränkt blieben, sondern diese überdauerten. Sind denn geheimnisvolle Leiden und von unsichtbarer Hand ausgeführte körperliche Mißhandlungen, wie Christina sie in der angegebenen Zeit zu erdulden hatte, dem weiblichen Geschlecht in dieser Zeitperiode im allgemeinen eigen? Weshalb sollen denn gerade bei Christina gewöhnliche Frauenleiden den Grund zur Erklärung ungewöhnlicher Zustände des Seelenlebens hergeben? Auch vergißt man, daß das geheimnisvolle letzte Leiden Christinas zur Zeit der Schlacht bei Worringen im Jahre 1288, das gewöhnlich zur pathologischen Erklärung ihrer Zustände herhalten muß, in keiner natürlichen Blutung bestand. Vielmehr bestand diese darin, daß der ganze Körper zerfleischt und geschunden war und dann zur Erhöhung der Qualen mit Salz eingerieben wurde. In Folge dieser Marter war der ganze Leib mit Blut überströmt. Bei der beliebten pathologischen Erklärungsweise bleibt es auch unerklärt, daß Christinas Zustände in der angegebenen Zeit nicht das ganze Jahr hindurch währten, sondern sich nach den liturgischen Zeiten richteten. Sie traten nämlich regelmäßig in der Advents- und Fastenzeit sowie an den Vorabenden der Heiligenfeste ein. Die Bußzeiten des Kirchenjahres waren Christinas Leidenstage, ihre Festzeiten hingegen Christinas übernatürliche Freudenzeiten. Auch blieb sie stets frei von allen Anfechtungen und Quälereien am Kommuniontage und an dem darauffolgenden Tage bis zur Komplet.

Zudem darf nicht vergessen werden, daß ein beträchtlicher Teil der Leiden Christinas mit Krankheitserscheinungen nicht den mindesten Zusammenhang hat. Es sind einfache körperliche Mißhandlungen, die von unsichtbarer Hand ausgeführtwurden, z. B. Ausschlagen von Zähnen, Zerren an den Haaren, Durchbohren der Füße, Brennen mit glühenden Steinen, Stockschläge, Geißelhiebe, Bewerfen mit Unrat und dergleichen.

Einzelne der berichteten Leiden sehen allerdings epileptischen Anfällen ähnlich, z. B. das beim ersten Besuch des Petrus beobachtete wiederholte heftige Anschlagen des Kopfes gegen die Wand oder das mehrere Jahre nachher im Advent eintretende heftige Erschüttertwerden des ganzen Körpers. Allein es wirkten dabei auch Umstände mit, die in ein Krankheitsbild schlecht passen. Des Vorganges beim ersten Besuche des Petrus erinnert sich Christina nach zwölf Jahren noch in allen Einzelheiten; hätte Fallsucht vorgelegen, so wäre dies doch wohl nicht möglich gewesen. Auch fiel Christina bei dem Vorgange nicht zu Boden, wie es doch bei epileptischen Krämpfen gewöhnlich der Fall ist, sondern sie saß aufrecht da, wie alle übrigen, die im Zimmer anwesend waren. Allerdings hätte Petrus, natürlich gesprochen, bei seinem ersten Besuche zurückhaltender sein sollen in seinem Urteile. Es wirkten jedoch damals auf seine Seele Vorgänge übernatürlicher Art ein, von denen später noch die Rede sein wird. Diese lassen freilich sein Verhalten erklärlich erscheinen. Das Erschüttertwerden im Advent war Christina lange vorher angekündigt worden und sie war darauf gefaßt. An der Fallsucht leidende Personen sind zudem in der Regel minderwertige Menschen, was bei der mit den reichsten Gaben an Körper und Geist ausgestatteten Christina mit nichten behauptet werden kann. Will man epileptische Veranlagung als Erklärungsgrund der außergewöhnlichen Zustände Christinas annehmen, so müßte doch das Krankheitsbild ein gleichmäßiges sein. Allein das trifft keineswegs zu. In jedem Advent, in jeder Fastenzeit treten Erscheinungen zutage, die keinerlei Verwandtschaft aufweisen. Oder besteht etwa ein Zusammenhang zwischen Geistestrockenheit und Besudeltwerden, zwischen Geißelung und Brandwunden?

Es soll jedoch nicht in Abrede gestellt werden, daß hin und wieder vorübergehende Krankheitserscheinungen sich in Christinas Zustände hineingemischt haben können. Daß sie einmal, sie wußte nicht wie, in eine mit Schlamm gefüllte Grube hineingeriet, kann in Folge eines Fieberanfalles geschehen sein. Bezeichnender Weise sagt Christina von diesemVorfalle, den sie bei späterem Befragen genau beschreibt, auch gar nicht, daß er dämonischer Einwirkung zuzuschreiben sei.

Bei Christina finden sich aber anderseits Vorkommnisse, die von allen Gottesgelehrten, denen Fachkunde in der Unterscheidung der Geister zusteht, als dämonische Einwirkungen bezeichnet werden. Aus der Mundhöhle Christinas, die Gott von Herzen liebte, und deren größte Freude es war, Gott zu loben, ertönen einmal, worüber sie entsetzt war, Lästerungen und Verhöhnungen der Gottheit. Sie wird einmal auf einige Zeit des Gehörs, ein anderes Mal der Sprache beraubt. Es kommt ihr auf einmal ein unerklärlicher Widerwille gegen Personen, die sie am meisten liebt und verehrt. Es treten Versuchungen auf, die weder von der Umgebung herrühren, noch auf dem Boden ihres Herzens entsprossen sein können, aber demjenigen ähnlich sehen, der Versucher von Anbeginn ist, der bald zur Ueberhebung, bald zur Verzweiflung treibt, bald zum Uebereifer anspornt, dann Apostasie in den Sinn gibt, in wechselnder Folge den Menschen bald zur Unzucht, bald zum Unglauben zu verleiten sucht, ihm jetzt Gedanken der Selbstgefälligkeit, dann Versuchungen zum Selbstmord eingibt, dem aber immer zuwider sind Demut und Gottesliebe.

Christina aber ist gerade ein Musterbild von Demut und Gottesliebe, die sie dem Teufel besonders verhaßt machen mußte. Sie war zudem nicht bloß mit außerordentlichen übernatürlichen Gnadengaben ausgerüstet, sondern auch mit natürlichen Vorzügen aufs vornehmste bereichert und geschmückt.[24]Petrus von Dazien gibt uns von ihr bei seinem zweiten Besuche folgende Schilderung: „Ich hatte Gelegenheit, ihre Sitten und ihr Verhalten genau zu beobachten und zu prüfen und reiflicher Erwägung zu unterziehen, wie ich früher ihre Geduld und Bescheidenheit betrachtet hatte. Obgleich nun Manches in ihren Zuständen vorkam, was der gewöhnliche menschliche Verstand nicht fassen und erklären kann und was nach meiner Meinung den Charakter des Uebernatürlichen und Wunderbaren an sich trägt, so habe ich doch zum mindesten das bemerkt, daß sie eine erstaunliche und für solche, die es nicht aus dem Augenschein feststellen konnten, unglaubliche Enthaltsamkeit übte, eine mit Anständigkeit verbundene Freundlichkeit und eine mit Gottesfurcht gepaarte Heiterkeit besaß und dazu eine vor allen ausgezeichneteDemut und Fröhlichkeit bei Erniedrigung und Zurücksetzung. Sie redete Weniges und nur Erbauliches, und wenn man sie über etwas befragte, antwortete sie mit Bescheidenheit. Sie redete mitunter auch wohl ein munteres, nie aber ein leeres oder müßiges Wort. Sie trug Ordenskleidung, die gleich entfernt war von überflüssigem Zierart wie von gesuchter Demut. In ihrem Wandel war etwas wunderbar Tugendhaftes, das alle, die sie sahen oder mit ihr umgingen, sehr erbaute. In ihrem Wandel und Wesen suchte sie sich nach Möglichkeit den andern Menschen anzubequemen und alles Auffallende zu vermeiden, um zu keinerlei Gerede Veranlassung zu geben.“[25]

Was nun die Beurteilung der teuflischen Quälereien, denen Christina ausgesetzt war, anbelangt, so sind, nach Befund der Tatsachen, drei Arten zu unterscheiden. Zunächst liegen, wie bereits gesagt, körperliche Mißhandlungen vor, die mit den Sinnesorganen wahrnehmbar waren. Diese wurden von vielen Zeugen wahrgenommen. Auch ließen die dadurch hervorgerufenen Verwundungen ihre sichtbaren Spuren zurück und heilten erst allmählich auf natürlichem Wege. Wenn z. B. in der Jülicher Handschrift[26]berichtet wird, der Teufel habe der Christina mit einer Zange zwei Backenzähne auf grausamste Weise ausgerissen, so findet dies seine Bestätigung im Befunde des im Grabmal der Seligen zu Jülich aufbewahrten Schädels. An ihm sind die Grübchen zweier Backenzähne zugewachsen, wie es zu geschehen pflegt, wenn Zähne im jugendlichen Alter entfernt werden. Diese Tatsache ist bisher von niemanden beobachtet worden. Verfasser nahm sie wahr beim Wiederverhüllen des Schädels nach der durch Weihbischof Hermann Josef Schmitz vorgenommenen kanonischen Untersuchung der Gebeine am 17. Februar 1897.

Der größte Teil der an Christina verübten Quälereien ist jedoch visionären Charakters, vollzog sich im Innenleben Christinas und war für andere nicht wahrnehmbar. Darüber belehrt uns Christina selbst. Denn sehr häufig betont sie, man solle nicht glauben, daß die von ihr berichteten Vorgänge sich alle tatsächlich ereignet hätten, sie teile seelische Empfindungen mit, sie habe Zustände inneren Leidens und Kämpfensgehabt, die so auf sie einwirkten, als hätten sich die Dinge wirklich zugetragen.[27]Diese Quälereien erfolgten regelmäßig durch lebhaft in die Erscheinung tretende und auf das Vorstellungsvermögen einwirkende Bilder.

Bei einer Anzahl von Belästigungen geschah die Einwirkung auf das Vorstellungsvermögen nicht durch Bilder, sondern durch Truggestalten, die dem körperlichen Auge wahrnehmbar waren. Um derartige Vorgänge handelt es sich, wenn Christina hier und da beteuert, dieselben seien nicht bloß innerlich gewesen, sondern hätten sich auch äußerlich abgespielt.

Es kommen im Seelenleben Christinas mitunter auch gestaltlose Einwirkungen vor, wie sie den sogenannten Verstandesvisionen eigen sind, die in unmittelbarem Verkehre himmlischer Geister oder Gottes selber mit der menschlichen Seele bestehen.

Auch verdient hervorgehoben zu werden, daß, wiewohl im Leben Christinas zeitweise das Dämonische so stark in den Vordergrund tritt, doch nirgendwo sich etwas findet, was mit dem in späterer Zeit auftretenden Hexenwahn irgendwie verwandt wäre.

Schließlich sei noch auf den bisher von niemanden beobachteten Nebenumstand hingewiesen, daß Christina im Gegensatz zu ihrer Umgebung den bösen Feind niemals als Teufel (diabolus) bezeichnet; sie bedient sich stets des gewählteren Ausdruckes Dämon, was einerseits von der Zartheit ihres Empfindens, andererseits aber auch von der Genauigkeit der Berichterstattung Zeugnis ablegt.


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