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Die Gnade der Beharrlichkeit ist bekanntlich ans Gebet geknüpft. Darum versucht der Feind des Menschengeschlechtes es bis zum Aeußersten, selbst bei den Auserlesenen, daß sie vom Gebete ablassen oder es lau und lässig verrichten.
In der dritten Nacht nach Christi Himmelfahrt 1282 trat der Versucher in das Zimmer der im Gebete begriffenen Jungfrau und sprach zu ihr mit furchterregender Stimme: „Wie lange willst du, Starrsinnige, den Weg der ewigen Verdammnis gehen? Denn du, und zwar du allein, trittst mit Füßen die weisen Verordnungen der Väter und der Ordensstifter. Zur Zeit der Ruhe wachest du, betest in unnützer Weise und zur Zeit des Essens übest du Enthaltsamkeit und Fasten. Und so handelst du in allen Stücken verkehrt und erfüllst nicht Gottes Willen, sondern deinen verdammlichen Eigenwillen. Und darum wirst du vom Allerhöchsten in unsere Hand gegeben.“
Als er so gesprochen, bedrohte er sie mit grausamer Folter, wofern sie sich nicht zur Ruhe begebe und das Beten sein lasse. Christina aber sprach unerschrocken: „Mühe dich nicht vergeblich ab, böser Dämon, mich durch Lügengerede und Drohungen vom Lobe meines Herrn Jesu Christi abzubringen. Jemehr du mich davon abzukehren suchst, desto mehr bestärkst du mich darin und solltest du mir selbst meine Zunge rauben, so würde doch mein Herz und meine Seele fortfahren, den Herrn zu preisen.“ Darauf machte sich der Versucher beschämt von dannen.
Am Freitage nach St. Martin 1280 ging Christina morgens mit großer Sehnsucht zur Kirche, um die h. Kommunion zu empfangen. Da kam hinter ihr die Dienstmagd ihres in Cöln wohnenden Bruders Heinrich, die Christina hieß, auf dem Kirchweg hergelaufen, faßte sie am Kleide an und sprach:„Teuerste Jungfrau, warum habt Ihr nicht auf mich gehört. Schon eine Weile laufe ich Euch nach und oft schon habe ich Euch zugerufen. Kommt doch schnell wieder um; denn ich habe Euch einen wichtigen Auftrag von Euerem Bruder mitzuteilen.“ Christina erwiderte: „Teuere Namensschwester, verzeihet mir, wenn ich Euch beleidigt haben sollte. Denn der Herr weiß es, daß ich Euch gar nicht rufen gehört habe. Wisset aber, daß ich durchaus nicht mit Euch zurückgehen werde.“ Da begann das vermeintliche Dienstmädchen zu seufzen und sprach mit tränenerstickter Stimme: „Teuerste Jungfrau, nun muß ich es Euch gerade heraussagen, weshalb ich gekommen bin. Euer Bruder Heinrich ist tödlich verwundet und er schickt mich zu Euch. Und so bin ich die ganze Nacht hindurch gelaufen, um Euch desto eher die Nachricht bringen zu können. Ihr wisset ja, daß dieser Euer Bruder ohne Furcht und Erkenntnis Gottes, zum großen Nachteile seines Seelenheiles, immer in der Welt gelebt hat. Kommet also Teuerste, und stehet Euerem Bruder bei, der dem Tode nahe ist; denn Ihr könnt durch Euere frommen und heilsamen Ermahnungen in seinem Herzen das Feuer der Buße wecken, das Licht der Erkenntnis Gottes entzünden und so seine Seele der Pforte der Hölle entreißen und dem himmlischen Vaterlande zuführen.“ Aus diesen wohlgesetzten Worten, die darauf berechnet waren, in Christinas Herzen Regungen der Selbstgefälligkeit hervorzurufen und sie vom Empfange der h. Kommunion abzuhalten, schöpfte sie Argwohn und gab zur Antwort: „Gott, der Schöpfer und Erhalter aller Menschen, wolle nach seiner Güte meinen Bruder stärken und erhalten. Ich kann aber jetzt nicht umkehren; denn ich habe mir vorgenommen, die h. Kommunion zu empfangen.“ So sprach sie und ging eiligen Schrittes auf die Kirche zu. Im gleichen Augenblicke aber fiel ein schwarzer Hund sie an, zerrte sie an den Kleidern und hinderte sie am Weitergehen. Christina aber rief den Namen Jesu Christi an und befahl dem Versucher, zu offenbaren, wer er sei. Dieser gestand nun, daß er es gewesen, der in Gestalt der Magd ihr nachgelaufen, sie über die Verwundung ihres Bruders belogen, um ihr Gemüt zu verwirren und sie von der h. Kommunion abzuhalten.
Mit innigster Liebe hing Christina an ihrem jüngsten Bruder Sigwin, weil er ein gelehriges Herz zeigte, sich auf dem Wege der Vollkommenheit unterweisen zu lassen. DerTeufel, der jede Neigung des Herzens erspäht, um sie zu Versuchungen auszunutzen, wußte auch aus dieser besondern Zuneigung Christinas zu ihrem Bruder ihr einen Fallstrick zu drehen. Als Sigwin nach Schweden abgereist war, und noch keine Nachricht über seine Aufnahme in den Predigerorden eingetroffen war, nahm der Versucher zu drei verschiedenen Malen Sigwins Gestalt an und trat Christina auf dem Kirchweg hinter dem Dorfe entgegen. Das erste Mal wurde sie über seine vermeintliche Rückkehr sehr betroffen, faßte sich aber und umarmte ihn sehr freundlich, ohne zu vermuten, daß es der Versucher sei. Dieser aber konnte seine Freude über die Ueberlistung Christinas nicht verbergen und verschwand unter Hohngelächter. Als er aber zum dritten Male in Gestalt Sigwins sie auf dem Kirchwege zu beunruhigen versuchte, erkannte sie, vom Herrn belehrt, allsogleich seine Arglist und sprach zu ihm: „Weshalb verwandelst du Bösewicht dich in fremde Gestalten? Und warum beunruhigst du mich unter der Gestalt meines Bruders?“ Er antwortete: „Wenn ich dich auch nicht vollends habe hintergehen können, so wollte ich doch wenigstens dein Gebet unterbrechen, weil ich wußte, daß dein Herz Hinneigung hat zu deinem Bruder.“ Als Christina dies hörte, kniete sie nieder und bekannte sich schuldig vor dem Herrn, in dem Punkte nämlich, daß ihre Andacht so lau gewesen, daß der Dämon in Gestalt ihres Bruders sie darin habe stören können.
Ein anderes Mal kam ihr, als sie zur Kirche ging, jemand nach in Gestalt eines Briefboten und fragte sie, ob sie die Jungfrau sei, die Christina von Stommeln genannt werde. Betroffen sprach sie, warum er so genau nach ihrem Namen frage. Er entgegnete, Bruder Petrus aus Gotland habe ihn gesandt, um ihr einen Brief zu überbringen und Näheres über ihren Bruder Sigwin mitzuteilen. Da freute sich Christina und ersuchte ihn, es nur gleich zu erzählen. Da fuhr jener fort: „Erschrecket nicht, Sigwin ist gestorben.“ Da erhob Christina die Augen gegen Himmel und sprach: „Wenn der gute Knabe, mein geliebter Bruder, der Welt abgestorben ist, so bete und wünsche ich, daß er ewig leben möge im Herrn Jesus Christus.“ Und als sie das gesagt, begann sie bitterlich zu weinen. Sobald sie begonnen zu weinen, hatte sich die Gestalt des Briefboten als Trugbild des Versuchers erwiesen. Christina wies alsbald den Betrüger von sich. Dieser aber erhobein lautes Hohngelächter und rief: „Nun habe ich dich doch wenigstens zum Weinen gebracht,“ und dann verschwand er.
Am Dreikönigentage des Jahres 1283, als Christina frühe vor der Messe um das Dorf zur Kirche ging, nahte sich ihr der Versucher abermals und sprach: „Wolltest du doch mir folgen und dein leeres Geplapper — er meinte das Stundengebet — aufgeben, so würde ich dich mit Reichtum und Ehren überhäufen und dich die Kunst lehren, wie du im Augenblicke an jedem beliebigen Orte der Welt sein könntest. Dann könntest du auch sofort jenes Kloster besuchen, in dem dein Bruder sich befindet, den du so sehr liebest und sehen, wie er sich befindet und daraus großen Trost gewinnen.“ Christina fertigte ihn ab mit den Worten: „Weiche von hinnen mit deiner Wissenschaft und deinem Trost; Jesus Christus beut mir wahre Wissenschaft und sichern Trost.“
Alle Verführungskünste bietet der Feind des menschlichen Heiles auf, um die Seelen, die auf dem Wege der Vollkommenheit mutig voranschreiten, zu verwirren und vom rechten Wege abzubringen. Schmeicheleien und Lobhudeleien wechseln ab mit Drohungen und Mißhandlungen. So wurde auch Christina nicht immer mit Schreckbildern geplagt. Als Christina in einer Nacht nach Pfingsten im Jahre 1281 wegen der drückenden Hitze in ihrem Hofe auf und ab ging und betete, zeigte sich eine Lichterscheinung in Gestalt eines Jünglings über ihr in den Lüften, die mit ihren Strahlen Haus und Hof erhellte. Christina erkannte diese Erscheinung als Täuschung, beschwor deren arglistigen Urheber im Namen Jesu Christi zu verschwinden oder sich in Finsternis zu verwandeln, und alsbald trat Dunkelheit ein. Im Januar 1282 kamen Engelsgestalten zu ihr, als sie nachts in ihrem Kämmerlein im Gebete wachte. Brennende Kerzen trugen sie in ihren Händen und mit den süßesten Worten erhoben sie Christinas Verdienste, und sagten, sie seien von Christus beauftragt, ihr an dieser Stätte, wo sie soviel für ihn gelitten, in dieser Nacht zu dienen und ihr aufzuwarten, und ihr durch die Helle des Lichtes Tröstung zu bereiten. Christina aber erkannte auf den ersten Blick das Blendwerk des Teufels, verdemütigte sich in ihrem Herzen vor dem Herrn und sprach dann: „Geister der Finsternis, durch Jesus Christus, der da ist der Abglanz der Herrlichkeit des Vaters, beschwöre ich euch, abzulegen den Glanz des Lichtes, der euch nicht zukommt undzurückzukehren ins Reich der Finsternis.“ Und alsbald war der gleisnerische Spuk verschwunden und an seine Stelle trat wieder der grausame Verfolger.
Ein anderes Mal wurde sie auf dem Sandberge in Stommeln in die Lüfte erhoben, mit Lichtglanz umhüllt und von Gestalten, die Engeln ähnlich sahen, mit jubelnden Zurufen begrüßt und eingeladen, zu ihnen zu kommen. Aber auch diese List verfing nicht. Christina verachtete das Gaukelspiel, ließ sich nicht zur Selbstgefälligkeit verleiten und erwiderte, sie wolle lieber aus Liebe zu Christus leiden als trügerische Tröstungen annehmen. Doch auch wirkliche Tröstungen wundersamer Art bereitete ihr mitunter der Herr des Himmels und Gebieter der Natur. Als die Unholden der Finsternis sie in einer Nacht des Adventes 1285, der vorletzten vor Weihenacht, am zugefrorenen Sumpfe im Gohrbroich gar jämmerlich zugerichtet hatten, kamen sieben Wölfe herbei; die ihre natürliche Wildheit ablegten, gleich sanften Lämmern an Christina herantraten, mit ihrem warmen Hauche ihre erfrorenen Glieder erwärmten und dann vor ihr die Köpfe senkten, als wollten sie zum Abschiebe Christinas Segen erbitten. Da dankte Christina im Herzen ihrem Schöpfer, wurde innerlich getröstet und gebot dann im Namen Jesu Christi, dem selbst die wildesten unvernünftigen Geschöpfe gehorchen, den Teufeln, zu bekennen, weshalb sie ihr so unmenschliche Qualen zugefügt hätten. Sie bekannten, daß sie auf Befehl Gottes sie für die Sünden anderer gepeinigt hätten, verschwanden alsdann, und Christus selbst trat herzu, um Christina in ihr Kämmerlein zurückzuführen. Christinas Seele vertieft sich an Demut, steigt an Gottwohlgefälligkeit. Nicht mehr sind es Engel, die Christina nach überstandener Folter erquicken und trösten, der Herr der Engel selbst, Christus, der Seelenbräutigam, würdigt sich, sie heimzusuchen und gleich ihm wird sie durch Leib und Kreuz Siegerin und Gebieterin über die stolzen Mächte des Reiches der Finsternis. Was David im 90. Psalme singt, das traf auch, wie Petrus von Dazien[52]in einem seiner Briefe an Christina bemerkt, bei dieser zu. Sie spricht zum Herrn: „Meine Zuflucht bist du und mein Hort, mein Gott, ich vertraue auf dich. Und der Herr rettet dich vor des Jägers Schlinge und vom bösen Worte. Mit einem Schilde umgibt dich seine Wahrheit, nichthast du zu fürchten vor den Schrecknissen der Nacht, vor dem schwirrenden Pfeile, der bei Tage fliegt, vor dem Unholde, der im Finstern schleicht ... Seinen Engel hat er geboten, dich zu schützen auf allen deinen Wegen; auf den Händen werden sie dich tragen, daß du nicht deinen Fuß an einen Stein stoßest. Ueber Vipern und Basilisken wirst du einherschreiten und niedertreten Löwen und Drachen ... Rufst du zu mir, so spricht er, so werde ich dich erhören; bei dir bin ich in der Bedrängnis, ich befreie dich und ich verherrliche dich. Mit der Länge der Tage will ich dich ersättigen und dich schauen lassen mein Heil.“
Petrus von Dazien, der, selbst vom Geiste Gottes erfüllt, Christina so wirksam zu trösten verstand, er sollte schon bald aus der irdischen Wanderschaft abberufen werden, um das ewige Heil dort oben zu schauen. Zu Anfang des Jahres 1287 war er aus Gotland nach Bordeaux, jedenfalls zur See, als Gefährte seines Provinzials, zum Generalkapitel gereist. Den Rückweg machte er dann auf demselben Wege bis Antwerpen, reiste dann aber zu Lande bis Löwen, von wo er am 1. Juli an Christina schrieb, daß die Reise langwierig und mühselig sei, und er viele Beschwerden und körperliche Schmerzen erduldet habe, doch die unverdrossene Liebe überwinde alles, und wenn er auch mit dem linken Fuße stark hinke, so hoffe er doch im Herrn, in einer Woche zu Stommeln zu sein. Er erinnert dann noch Christina daran, daß sie ihm Reliquien der Heiligen und Magister Johannes ihm zwei Sexterne über die Wunderwerke Gottes versprochen habe. Ob Petrus wirklich im Jahre 1287 nach Stommeln gekommen ist, wissen wir nicht. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich. Er starb auf Gotland in der Fastenzeit 1288 und Bruder Folkwin meldete am 9. September 1288 die Trauerbotschaft nach Stommeln. Durch Reisen und Geschäfte, so schreibt er, sei er gehindert, öfter zu schreiben. „Jetzt aber zeige ich Euch mit Schmerz und unter Tränen an, daß unser ehrwürdiger Vater, der Bruder Petrus, weiland Prior und Lesemeister unseres Klosters, in der Fastenzeit im Herrn entschlafen ist. Seine Seele empfehle ich inständigst Euern heiligen Gebeten und bitte Euch zugleich, daß Ihr seine Seele den Gebeten der Schwestern, die bei Euch sind, sowie auch dem Gebete der Schwestern in Cöln, die er kannte, angelegentlichst empfehlen wollet.“ Der früher von Christina mehrmals geäußerte Wunsch, dem Bruder Petrus im Tode bald nachzufolgen,ging nicht in Erfüllung. Der Herr ließ sie noch nahezu fünfundzwanzig Jahre hier auf Erden. Jedoch bildet das Jahr 1288 einen Wendepunkt im Leben Christinas. In ihm wurde sie ihres geistigen Vaters und Trösters beraubt; in ihm sollten aber auch die Beunruhigungen und Quälereien seitens der Mächte der Finsternis ein Ende nehmen. In ihm löst sich ja auch die aus der Machtgier der Fürsten und Völker des Niederrheins erwachsene Unsumme von Haß und Eifersucht in der folgenschweren Schlacht von Worringen aus, in der die Heeresmächte sämtlicher Fürsten der niederrheinischen Lande miteinander kämpften. Veranlassung zum Kriege war die Thronfolge im Herzogtum Limburg. Im Jahre 1282 war der Herzog von Limburg ohne männliche Nachkommenschaft gestorben. Graf Reinold von Geldern und Graf Adolf von Berg stritten um die Erbschaft. Letzterer übertrug seine Ansprüche an den Herzog Johann von Brabant, und nun entstand Spannung, Streit und Zwietracht zwischen den Genannten nicht bloß, sondern auch zwischen allen benachbarten Fürsten. Auf Seite des Grafen von Geldern standen der Erzbischof von Cöln, Sigfrid von Westerburg, Graf Heinrich von Luxemburg, Adolf von Nassau, der spätere deutsche König, Dietrich von Cleve, Johann von Limburg an der Lahn, Walram von Falkenburg, Dietrich von Moers und andere Herren. Johann von Brabant hatte zu Verbündeten den Herzog Walram von Jülich, Graf Eberhard von der Mark, Adolf von Berg und andere. Die Erbitterung des Grafen von Jülich gegen den Erzbischof und Kurfürsten von Cöln sowie die Spannung zwischen der Stadt Cöln und dem Erzbischofe spielten mächtig in den Streit hinein. Sechs Jahre lang wurde gegenseitig gerüstet. Der Erzbischof selbst zog mit 14000 Mann auf das Schlachtfeld. Am 5. Juni 1288 kam es bei Worringen zur Schlacht. In der Abteikirche zu Brauweiler hatte Sigfrid vorher einen feierlichen Gottesdienst gehalten und seine Mannschaften durch eine feuerige Ansprache aufgefordert, die von den Gegnern im Erzstifte verübten Greuel zu rächen. Sigfrid und Reinold standen auf den beiden Flügeln, Heinrich von Luxemburg im Zentrum. Ihnen gegenüber standen Adolf von Berg und Arnold von Looz, im Zentrum dagegen Herzog Johann von Brabant. Durch einen geschickten Meisterzug lockte Erzbischof Sigfrid den Feind auf von Wassergräben durchschnittenes Gelände und wäre so beinahegleich nach Beginn der Schlacht Sieger geworden. Allein durch das Ungeschick seiner ungestüm herandrängenden Bundesgenossen wurde Verwirrung angerichtet; die Lage des Erzbischofs und des Grafen von Geldern verschlechterte sich. Mit großer Tapferkeit wurde beiderseits gekämpft, lange wogte der blutige Kampf unentschieden hin und her, zuletzt neigte sich der Sieg auf die Seite der Brabanter. Elfhundert Leichen deckten die Wahlstatt und von den Verwundeten starben siebenhundert bald nachher. Unter den Gefallenen waren Graf Heinrich von Luxemburg und sein Bruder Walram, desgleichen Heinrich von Westerburg, des Erzbischofs Bruder. Sigfrid selbst wurde gefangen genommen, desgleichen Adolf von Nassau. Auch Reinold von Geldern wurde auf der Flucht eingeholt und mußte sich ergeben. Erzbischof Sigfrid verbrachte die erste Nacht seiner Gefangenschaft in der Kirche zu Monheim und blieb dann ein Jahr lang auf Schloß Burg an der Wupper in strenger Haft des Grafen Adolf von Berg.
Die sechs Jahre anwährenden Kriegsunruhen machten auf Christina, deren Heimat Stommeln, an der Grenze zwischen den Jülicher Landen und dem Cölner Erzstifte, nur zwei Stunden vom Schlachtfelde Worringen entfernt gelegen war, einen tiefen und betrübenden Eindruck. Der Gedanke an die vielen Greuel und Frevel, die der Krieg herbeiführte, und besonders die Befürchtung, es möchte mancher im Kriege umkommen, ohne mit Gott versöhnt zu sein, und in die Hölle fahren, hatte sie bewogen, Gott den Herrn zu bitten, er möge sie leiden lassen, um die einen vor dem Tode zu bewahren und denen, die fallen würden, die Gnade einer seligen Sterbestunde zu erlangen. Der Herr nahm ihr Anerbieten an und schickte ihr anderthalb Jahre hindurch vor der Schlacht ganz besondere Leiden. Den Teufeln wurde gestattet, sie am ganzen Körper mit spitzigen Eisen und Scherben zu zerkratzen und zu schinden, so daß er nur eine Wunde war, und diese Wunden wurden dann noch, um den Schmerz zu erhöhen, mit Salz eingerieben. Bluttriefend, einem Schlachtopfer gleich, dem h. Bartholomäus, den sie von Jugend auf besonders verehrte und der für Christus geschunden wurde, ähnlich, lag Christina auf ihrem Schmerzenslager inmitten des um sie her herrschenden Kriegeslärms und Kampfgetümmels. Trotz der grausamen Folter, die sie an allen Gliedern ihres Leibes quälte, und trotz des großen Blutverlustesnahm sie nur wenig Nahrung zu sich. Während dieser ganzen Zeit von anderthalb Jahren aß sie nichts anderes als etwas Ingwer. Das war ihre ganze Speise.
Durch ihre Leiden und Gebete erlangte sie von Gott die Gnade, daß Graf Adolf von Berg in jener Schlacht dem Tode entging und auch nicht gefangen genommen wurde und die beiden Grafen von Luxemburg nebst sehr vielen andern, die dort umkamen, durch die Barmherzigkeit Gottes vor der Höllenstrafe bewahrt blieben.
Christinas Leiden hatten den Höhepunkt erreicht. Nach der Wut des Kampfes trat endlich Friede ein im Lande. Nach der Zeit der Versuchungen und Prüfungen kamen nun auch Jahre friedevollen Trostes für die heldenmütige Dulderin Christi. Die von einem Ungenannten verfaßte Lebensbeschreibung Christinas schließt mit den Worten: „Nach der Schlacht bei Worringen hörte jegliche Verfolgung seitens des Teufels gänzlich auf. Zu dieser Zeit hat Christi Braut durch die Gnade ihres Bräutigams den Luzifer samt allen Teufeln, die in und außer der Hölle sind, durch standhaften Kampf und heldenmütigen Sieg überwunden, so daß sie über alle Feinde: Fleisch, Welt und Teufel, glorreich triumphiert.“
Christina war, um mich der Redeweise der h. Teresia zu bedienen, eingetreten in die siebente Wohnung der Seelenburg, in der es fast nie Geistestrockenheit noch innere Beunruhigung mehr gibt. Hier sprudelt dem verwundeten Hirsche labendes Quellwasser in Fülle. Hier findet die Taube, nach dem Verlaufen der Flut, den Oelzweig zum Zeichen, daß sie festen Boden gewonnen inmitten der Strömungen dieser Welt. Die Seele ergötzt sich im Zelte Gottes in fast ungetrübter Ruhe und ist frei von jeglicher Furcht, der böse Feind könne sie umgarnen. Sie ist nämlich vergewissert, daß Gott selbst es ist, der hier wirkt. Und wenn auch in diesem Seelenfrieden mitunter aus irgend einem äußeren Anlasse eine Beunruhigung eintritt, so ist sie von ganz kurzer Dauer und vermag nicht, die Seele in ihrer Entschlossenheit, in keinem Stücke vom Wege der Gottwohlgefälligkeit abzuweichen, wankend zu machen.
Der Born, an dem die Seele sich labt, ist die Seitenwunde Christi, aus der geflossen jenes Geheimnis der Liebe, das da ist unsere Stärkung auf der Wanderschaft zum himmlischen Vaterlande. Häufig und mit innigster Sehnsucht nahteChristina dem Tische des Herrn. Wie würde sie aufgejubelt haben, wäre es ihr vergönnt gewesen, täglich das Sakrament des Leibes und Blutes Jesu Christi zu genießen. Damals war es nicht Sitte, außerhalb der Hochgezeiten des Jahres zum Tische des Herrn zu gehen und Christina war zu bescheiden, um durch öftere Kommunion Aufsehen zu erregen. Jedoch benutzte sie jeden sich darbietenden festlichen Anlaß, um sich im Sakramente mit Christus zu vereinen, so daß sie durchschnittlich monatlich zum Tische des Herrn hinzutrat. So läßt sich aus den zufälligen Angaben des Petrus von Dazien feststellen, daß sie z. B. im Jahre 1279 zu Allerheiligen die Kommunion empfing, dann am Katharinentage, dann wieder zu Weihnachten, Mariä Lichtmeß, zweimal in der h. Fastenzeit, am Gründonnerstage, zu Ostern, am dritten Sonntage nach Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten. Später, zumal nachdem Magister Johannes Priester geworden und ihr die h. Kommunion reichen konnte, ging sie häufiger, nämlich durchgehends alle vierzehn Tage, zu den hh. Sakramenten. Mit welch heiligem Ernste, mit welch auferbaulicher Sammlung sie sich auf den Empfang des allerheiligsten Sakramentes vorbereitete, sahen wir im Verlaufe der Lebensbeschreibung des öftern. Den ganzen vorhergehenden Tag zog sie sich gänzlich von der Welt zurück und die Nacht durchwachte sie im Gebete, einzig und ausschließlich damit beschäftigt, sich vorzubereiten auf den Empfang ihres himmlischen Bräutigams, und in seliger Vereinigung mit ihm verbrachte sie den Kommuniontag gewöhnlich im Zustande der Verzückung an ihrem liebgewonnenen Plätzchen hinter dem Hochaltar der Pfarrkirche. Wenn es für Christina nicht tunlich war, Christum den Herrn so oft, als sie es gerne gewünscht hätte, im Sakramente zu empfangen, so vereinigte sie sich desto öfter im Geiste, nämlich der Sehnsucht nach, mit ihm. Eine wundersame Art dieser geistigen Kommunion ist aus der Fastenzeit des Jahres 1281 zu berichten. In der zweiten Fastenwoche jenes Jahres war Christina drei Nächte nacheinander in der widerwärtigsten Weise von den bösen Geistern gequält worden. In den beiden ersten dieser Nächte sandte der Herr einen Engel, um Christina zu trösten und zu heilen. In der dritten Nacht aber kam der Hohepriester und oberste Hirt Jesus Christus selbst zu ihr, nicht sichtbar, sondern nur dem Herzen Christinas innerlich wahrnehmbar, und trug einen Kelch von lauterm Gold,die h. Hostie darauf, in seiner Hand, machte das Kreuzzeichen über Christina, und siehe, alle Verwundung und Belästigung war verschwunden, und dann reichte er ihr die h. Hostie, indem er sprach: „Nimm hin, meine Braut und Freundin; das ist mein Leib.“ Dann reichte er ihr auch den Kelch und sprach: „Das ist mein Blut, das für dich vergossen wurde; durch dieses wirst du mit Sicherheit über alle Feinde siegen. Fürchte dich also nicht, sondern streite tapfer; denn ich werde dein sicherer Sieg und dein ewiger Lohn sein.“ Nach diesen Worten verschwand die wundersame innere Kundgebung, ließ aber in Christinas Seele Stärkung und Tröstung zurück.
Mit der Andacht und dem frommen Empfange des allerheiligsten Sakramentes verband Christina auch eine Andachtsübung, die erst in unsern Tagen Gemeingut der Christenheit geworden ist, nämlich die Andacht zum heiligsten Herzen Jesu, aus dem der Welt das Heil geflossen.
In ihren Briefen erwähnt sie des öftern das Herz unseres Erlösers und dem Bruder Petrus beteuert sie, daß sie ihn im Herzen Jesu liebe (S.128), sie wünscht ihm Tröstung im Herzen Jesu (S.123) und bittet ihn im geliebtesten Herzen Jesu, sich ihres Bruders Sigwin anzunehmen (S.129).
In der Nacht vor Christabend des Jahres 1280 betete sie, als die Geister der Bosheit sie unmenschlich marterten und sie mit dem Tode bedrohten, folgendermaßen:
„O Herr Jesus Christus, Du Leben der Menschen und Heil aller, die auf Dich vertrauen, ich bitte Dich durch Dein glorreiches Leiden und Sterben unddurch Dein süßestes Herz, das aus Liebe gebrochen ist: sollte es Dein Wille sein, daß ich von diesen bösen Geistern getötet werde, so nimm mein angstvolles Herz in Gnaden auf und verbirg es in Deinem süßesten Herzen.“
„O Herr Jesus Christus, Du Leben der Menschen und Heil aller, die auf Dich vertrauen, ich bitte Dich durch Dein glorreiches Leiden und Sterben unddurch Dein süßestes Herz, das aus Liebe gebrochen ist: sollte es Dein Wille sein, daß ich von diesen bösen Geistern getötet werde, so nimm mein angstvolles Herz in Gnaden auf und verbirg es in Deinem süßesten Herzen.“
In der Nacht des Donnerstags vor Petri Stuhlfeier 1281 rief sie inmitten der Folter also:
„O mein Herr Jesus, meine einzige Hoffnung von Jugend auf, der Du in meinen Leiden allezeit mein treuer Helfer und liebevollster Tröster gewesen bist, keine Wut der Verfolger, keine Heftigkeit der Peinen soll mich jemals, so lange ich lebe, von Dir trennen. Wenn ich jetzt sterben muß, so nimm mich nach Deiner Liebe in Gnaden auf undverbirg mich in Dein süßestes Herz.“
„O mein Herr Jesus, meine einzige Hoffnung von Jugend auf, der Du in meinen Leiden allezeit mein treuer Helfer und liebevollster Tröster gewesen bist, keine Wut der Verfolger, keine Heftigkeit der Peinen soll mich jemals, so lange ich lebe, von Dir trennen. Wenn ich jetzt sterben muß, so nimm mich nach Deiner Liebe in Gnaden auf undverbirg mich in Dein süßestes Herz.“
In der Fastenzeit des Jahres 1282, als sie, wohl im Geiste, hinausgeschleppt auf den Galgenberg bei Stommeln, mit dem Tode bedroht wurde, sprach sie wehmutsvoll:
„O Herr Jesus Christus, Du süßeste Liebe, in Deine Hände befehle ich meine Seele. Nimm sie in Frieden auf undbewahre sie in Deinem süßesten Herzen auf ewig. Meinen Leib aber lasse, wenn es Dein gütigster Wille ist, von den Dämonen zerrissen werden und eines Todes sterben, wie es Dir wohlgefällig ist.“
„O Herr Jesus Christus, Du süßeste Liebe, in Deine Hände befehle ich meine Seele. Nimm sie in Frieden auf undbewahre sie in Deinem süßesten Herzen auf ewig. Meinen Leib aber lasse, wenn es Dein gütigster Wille ist, von den Dämonen zerrissen werden und eines Todes sterben, wie es Dir wohlgefällig ist.“
In der Nacht vor Weihnachtsabend 1283, als sie mit Durchbohrung des Herzens bedroht wurde, erhob sie die Augen gen Himmel und flehte also:
„Herr Jesus Christus, geliebtester Bräutigam, Du weißt es, daß ich allezeit gewünscht habe, mein Herz möchte brechen aus Liebe zu Dir; wenn Du Dich nun jetzt würdigest, diesen meinen Wunsch zu erfüllen, so sage ich Dir von ganzem Herzen Dank undempfehle meine Seele in Dein süßestes Herz.“
„Herr Jesus Christus, geliebtester Bräutigam, Du weißt es, daß ich allezeit gewünscht habe, mein Herz möchte brechen aus Liebe zu Dir; wenn Du Dich nun jetzt würdigest, diesen meinen Wunsch zu erfüllen, so sage ich Dir von ganzem Herzen Dank undempfehle meine Seele in Dein süßestes Herz.“
Die sicheren Kennzeichen der Vereinigung mit Gott sind nach der h. Teresia das Verlangen, Gott zu preisen, für ihn zu leiden, Buße zu üben, verbunden mit dem inbrünstigen Verlangen, daß alle Menschen Gott erkennen und lieben möchten, woraus dann bittere Pein entsteht bei der Wahrnehmung, daß er beleidigt wird. Mit diesem Verlangen ist nach der h. Teresia naturgemäß verbunden das Verlangen nach Einsamkeit.
Alle diese Kennzeichen treten im Leben Christinas klar zutage. Die Liebe zur Einsamkeit war es jedenfalls, die sie in ihrem stillen Heimatdorfe zurückhielt und sie bestimmte, den wiederholten und dringenden Einladungen, nach Schweden zu kommen, nicht Folge zu geben. Die Liebe zur Einsamkeit war es, die sie bewog, nach dem Weggang ihres Bruders Sigwin ein kleines Heim, dort gelegen, wo das alte Holzkreuz, rückwärts der dem großen Kreuzhof gegenüberliegenden jetzigen Christinakapelle, in Stommeln steht, zu beziehen, von wo sie hinter dem Dorfe her über den jetzigen Berlich unbeachtet und ungestört zur Kirche gehen konnte. Dort konnte sie in der Verborgenheit ihren frommen Uebungen und Bußwerken obliegen, dort konnte sie die außergewöhnlichen Gnadenerweise, mit denen die Huld des Herrn sie zu beglücken pflegte, verborgen halten. Wie sehr sie darauf bedacht war, diese besonderen Gnadenerweisungen, namentlich die hh. Wundmale, zu verbergen, erhellt aus dem Umstande, daß die Lederhandschuhe, mit denen sie am Ostertage, wenn sie zur Kommunion ging, die Hände verhüllte, damit die noch nicht ganz vernarbten Wundmale neugierigen Blicken entzogen würden, erhalten geblieben sind. Sie wurden als verehrungswürdige Gewandstücke nach Christinas Tode sorgfältigaufbewahrt, schon um die Mitte des 14. Jahrhunderts mit gestickten Seidenhüllen, auf deren einer Christina vor dem Heilande, auf der anderen Christina vor dem Bilde der Gottesmutter dargestellt ist, umgeben. Mit ihrem Gebetstäfelchen und dem gewirkten Täschchen, in dem sie ihr Psalmenbuch aufzubewahren pflegte, sind sie noch heute als teuere Andenken in ihrem Grabmale bei den heiligen Gebeinen hinterlegt (Abb.5). Sie müssen ihr also auch wohl bis zum Lebensende gedient haben. Es liegt somit der Schluß nahe, daß auch die Wundmale wie früher in der Leidenszeit, so auch später in der Friedenszeit sich alljährlich am Karfreitage an Christina erneuert haben. Nachdem Petrus von Dazien, ihr vom Herrn selbst bestellter Seelenführer, in die ewige Heimat hinübergegangen war, hat Christina allem Anscheine nach niemandem mehr, abgesehen von der Beichte, über ihre inneren Erlebnisse und Zustände Mitteilungen gemacht. In ihrer Einsiedelei lebte sie in inniger Gottvereinigung, äußerster Genügsamkeit, am Spinnrocken sitzend und stets dem Gebete obliegend, bis sie im Alter von siebenzig Jahren abberufen wurde zur beseligenden Vereinigung mit ihrem himmlischen Bräutigam im Hochzeitssaale des ewigen Lebens. In der Nachschrift des ersten Buches der Jülicher Handschrift, die nach dem Urteil der Sachverständigen aus der Zeit von 1342-1400 herrührt, heißt es wie folgt: „Die von Gott und den Menschen geliebte Braut Christi Christina legte im zehnten Jahre ihres Alters das Gelübde der Keuschheit ihrem Bräutigam Jesus Christus ab, dem sie unter mannigfachen und andauernden Versuchungen ... Nachstellungen und Martern der bösen Geister durch ein frommes Leben und unbesiegte Standhaftigkeit diente bis zum Jahre 1312 den 6. November, welcher der Tag des h. Leonhard war und auf den Montag fiel, an dem sie zur Zeit der Morgendämmerung beim ersten Hahnenschrei aus diesem irdischen Lichte in glücklichem Tausche hinüberschied ins ewige Licht.“
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Die Heiligen leben nach ihrem Hinscheiden aus dieser Welt nicht bloß weiter bei Gott in ewiger Seligkeit, sondern sie herrschen auch mit ihm, wie die Schrift bezeugt. Der Herr liebt es, durch Vermittlung derer, die seine getreuen Diener und auserlesenen Freunde auf dieser Erde waren, den Erdenpilgern mannigfache Erweise seiner Huld und Erbarmung an Leib und Seele zukommen zu lassen. Für solche, die zeitlebens, vom Geiste Gottes getrieben, ihr Glück darin fanden, andere glücklich zu machen; die von Gottes Liebe entzündet, sich erschöpften in Werken christlicher Nächstenliebe, muß es ja auch im seligen Leben dort oben Möglichkeit und Gelegenheit geben, Erbarmen und Liebe zu üben, da ja die Himmelsherrlichkeit die Natur nicht zerstört, sondern nur erhebt und veredelt und das mit Hülfe der Gnade hienieden Begonnene zur Vollendung bringt. Auf die Anrufung der Heiligen erfolgen denn auch erfahrungsgemäß ganz auffallende Gebetserhörungen und der Herr verherrlicht die Grabstätte seiner Auserwählten nicht selten mit Wunderwerken. Auch Christinas Grab sollte glorreich werden. Sie wurde bestattet auf dem Kirchhofe zu Stommeln an der Nordseite des noch jetzt stehenden Turmes der alten Pfarrkirche, die anmutig auf der Höhe gelegen, Dorf und Umgegend beherrscht. Laut der bereits vorhin erwähnten, aus dem 14. Jahrhundert stammenden Nachschrift des ersten Buches der Jülicher Handschrift geschahen nach dem Tode Christinas viele auffällige Heilungen an ihrem Grabe. Auch Werner von Titz schreibt in seinen um 1586 verfaßten Annalen von Neuß zum Jahre 1330, um jene Zeit habe angefangen berühmt zu werden die selige Christina, eine heilige Jungfrau, die aus Stommeln gebürtig sei. Umständlich aufgezeichnet von diesen Heilungen ist jedoch nur die des Grafen Dietrich IX. von Cleve, die Veranlassungzur Errichtung eines Kollegiatkapitels in Stommeln werden sollte.
Graf Dietrich litt derartig an der Gicht, daß er weder gehen noch stehen, noch Speise zum Munde führen konnte. An seiner Schloßkapelle zu Monterberg bei Calcar versah damals Kaplansdienste ein Johannes von Stommeln, der wahrscheinlich dieselbe Persönlichkeit ist mit dem ehemaligen Magister Johannes von Stommeln und nachmaligem Kaplane Christinas. Durch diesen wohl erhielt Graf Dietrich Kunde von den Heilungen, die sich am Grabe Christinas zu Stommeln zutrugen, und auch er beschloß, sich dorthin fahren zu lassen. Am 2. August 1339 kam er nach Stommeln und ließ sich in einer Sänfte hinauf zum Kirchhofe tragen. Das Grab wurde geöffnet und die Gebeine herausgenommen, um in die Kirche übertragen zu werden. Dietrich verrichtete am Grabe Christinas ein Gebet, man gab ihm eines der Gebeine (ein Fingergelenk) in die Hand, und alsbald knisterte es in seinen Gliedern, wie wenn man dürres Reis zerbricht. Urplötzlich fühlte er sich geheilt, sprang auf, stieg zu Pferde und ritt von dannen, voller freudiger Dankbarkeit gegen Gott, der auf die Anrufung seiner Dienerin Christina ihm den Gebrauch seiner Glieder wiedergegeben hatte.
Die Heilung des Grafen Dietrich war die Veranlassung zur Stiftung zweier Kollegiatkapitel, nämlich desjenigen von Cleve und desjenigen von Stommeln.
Graf Dietrich verlegte nämlich das von ihm am 15. Februar 1334 zu Monterberg errichtete Stift mit Genehmigung seines Vetters, des Cölner Erzbischofs Walram von Jülich, im Jahre 1341 nach Cleve. Am 18. März des genannten Jahres legte er selbst den Grundstein zum neuen Chore der ehemaligen Stiftskirche und nunmehrigen Pfarrkirche zu Cleve. Eines der Chöre wird im Jahre 1425 bezeichnet als geweiht der seligsten Jungfrau und der seligen Christina.[53]
Die Stiftungsurkunde des Kollegiatkapitels von Stommeln ist nicht mehr vorfindlich. Aus der vom Cölner Erzbischof Walram von Jülich unter dem 4. Mai 1342 ausgestellten Uebertragungsurkunde, die im Staatsarchiv zu Düsseldorf beruht, geht jedoch hervor, daß das Stift oder Kollegiatkapitelvollständig in Stommeln bestand, jedoch keine hinlänglichen Einkünfte hatte. Es bestand aus einem Dechanten und zwölf Stiftsherren. Der erste Dechant des Stiftes hieß Gotfrid, und als Stommeler Stiftsherren werden aufgeführt: 1. Petrus von Unkelbach, 2. Herpern von Kentzwilre, 3. Johannes Knode, 4. Johannes von Stommeln, 5. Jakob von St. Andreas, 6. Johannes von Caster, 7. Wilhelm von Zülpich, 8. Ludwig von Randerode, 9. Philipp von St. Andreas, 10. Reinard von Nideggen, 11. Johannes von Arscoit, 12. Konrad von St. Cäcilien.
Als Grund zur Verlegung nach Nideggen, der Residenz des Markgrafen von Jülich, wird angegeben, daß Stommeln ein nicht sonderlich passender Ort für ein Stiftskapitel sei, auch sei die dortige Bewidmung eine dürftige. Anderweitig aber wissen wir auch, daß das Bestreben des Markgrafen Wilhelm von Jülich schon lange dahin ging, seiner Residenz durch ein Stift größere Bedeutung und höheren Glanz zu verleihen. Bereits im Jahre 1329 hatte er von Papst Johann XXII. die Ermächtigung erbeten und auch erhalten, in Nideggen eine solche Stiftskirche zu errichten. Um jedoch mit weniger Unkosten zum Ziele zu kommen, hatte er zunächst versucht, die Pfarrkirche in Nideggen, die im Besitze der Johanniter war, diesen streitig zu machen und zur Stiftskirche zu erheben. Dieser Plan scheiterte jedoch am Widerstande der Johanniter. So sah sich denn Markgraf Wilhelm in die Notwendigkeit versetzt, für das in Nideggen zu errichtende Stift eine neue Kirche zu bauen. Er baute sie vor dem Brandenberger Tore, und wie die Pfarrkirche dem h. Johannes dem Täufer geweiht war, so sollte die Stiftskirche den Namen des Liebesjüngers des Herrn, des h. Apostels und Evangelisten Johannes, tragen. Im Frühjahr 1342 scheint der Bau, der ein ansehnliches, aus rotem Sandstein ausgeführtes, dreischiffiges Gebäude gotischen Stiles von 130 Fuß Länge und 60 Fuß Breite war, fertig geworden zu sein. Denn am 15. April 1342 ersuchte Markgraf Wilhelm seinen Bruder, den Erzbischof Walram, um die Vornahme der Weihe der neuen Stiftskirche und um die Verlegung des Stommeler Stiftes nach Nideggen. Da der Markgraf für die Erbauung der Kirche erhebliche Aufwendungen hatte machen müssen, so kam ihm die Geneigtheit der erst seit Kurzem in Stommeln angesiedelten und noch nicht vollständig eingerichtetenStiftsherren, ihr stilles Dorf mit der Residenz Nideggen zu vertauschen, sehr gelegen. Für die vollständige Bewidmung der Stiftspfründen brauchte er nun nicht mehr aufzukommen. Es genügte, die für das Stommeler Stift von seinem Vetter, dem Grafen Dietrich IX. von Cleve, gestiftete Bewidmung zu ergänzen, was er auch tat.
Unter dem 4. Mai 1342 wurde dann das Stift von Stommeln nach Nideggen von Erzbischof Walram unter Zustimmung des Domkapitels verlegt, und das Cäcilienstift in Cöln trat wieder in dasselbe Verhältnis zur Pfarrkirche von Stommeln wie ehedem.
Weil jedoch das Stommeler Stiftskapitel mit Christina innig zusammenhing und bei ihren Gebeinen errichtet worden war, so mußten naturgemäß bei der Verlegung des Stiftskapitels nach Nideggen auch Christinas Gebeine dorthin übertragen werden. In der Tat wurden dieselben noch vier Tage vor Ausfertigung der Verlegungsurkunde von Stommeln in die neuerbaute Stiftskirche nach Nideggen gebracht. Die Uebertragung geschah nämlich am 1. Mai 1342, dem Feste der hh. Apostel Philippus und Jakobus, „bei prachtvollem Wetter“. Da die Bewohner Stommelns, die bis heute die Grabstätte Christinas neben dem Glockenturme in hohen Ehren halten, die Uebertragung ihrer Gebeine nach Nideggen nur ungern sehen konnten und Unruhe und Widerstand zu befürchten war, deshalb wohl hat man die förmliche Verlegung des Stiftskapitels nicht abgewartet, sondern vorher, in unvermuteter Weise, die Uebertragung der Gebeine vorgenommen.
Sie wurden in der neuen Stiftskirche anfänglich in einem Tiefgrabe beigesetzt, weil Christinas Heiligsprechung, wie Johann Gilemanns in seinem Novale Sanctorum berichtet, beim Papste wohl beantragt worden, aber noch nicht erfolgt war. Jedenfalls war es Erzbischof Walram von Jülich, der wohl in Verbindung mit seinem Bruder, dem Markgrafen Wilhelm von Jülich, die Heiligsprechung Christinas beantragt hat. Walram starb jedoch im Jahre 1349 und infolge der Ungunst der Zeitverhältnisse kam die Sache ins Stocken. Die Verehrung Christinas jedoch kam deshalb nicht in Verfall, sondern hob sich mit Wissen und unter stillschweigender Billigung der kirchlichen Behörde immer mehr, zumal auch in Nideggen ihr Grab durch wunderbare Heilungen verherrlicht wurde.
In dem vom Jülicher Markgrafen an den Erzbischof Walram gestellten Antrag auf Weihe der Stiftskirche in Nideggen, den der Erzbischof in allen Punkten bestätigte, heißt es, die neue Stiftskirche solle zwar dem h. Apostel und Evangelisten Johannes geweiht werden, allein es sei deshalb doch nicht beabsichtigt, daß die Patrone der Kirche von Stommeln — diese war dem h. Bischof Martinus geweiht — und sonstige Heilige, die dort entweder kraft der Satzung oder nach Brauch verehrt worden seien, künftighin in Nideggen nicht mehr in der früheren Weise sollten verehrt werden. Diese nach Lage der Sache — da das Heiligsprechungsverfahren Christinas noch in der Schwebe war — vorsichtig gefaßte Stelle, kann sich nur auf die selige Christina beziehen.
Wie sehr ihr Grab in der Stiftskirche zu Nideggen verehrt wurde, geht daraus hervor, daß diese nicht nach ihrem Patron, dem h. Apostel und Evangelisten Johannes benannt wurde, sondern gemeinhinSankt-Christinen-Kircheheißt. So nennt sie z. B. Herzog Gerhard von Jülich in der am Karfreitag des Jahres 1445 erlassenen Satzung des St.-Hubertus-Ordens, den er zum Andenken an den von ihm am Hubertustage des Jahres 1444 bei Linnich über Arnold von Egmont errungenen Sieg auf dem Schlachtfelde selbst gestiftet hatte. Dieser Orden, der jetzt der vornehmste Orden des bayerischen Königshauses ist, und dem auch damals nur die edelsten Herren und ersten Fürsten Deutschlands angehörten, hatte seinen Sitz in der Christinenkirche zu Nideggen. In § 3 der Ordenssatzung heißt es, daß ein Ordensritter, wenn er aus irgend einem Grunde in Gegnerschaft zum Herzoge von Jülich treten müsse, gehalten sei, vorher die „Ordenskette“ nach Nideggen zur Kircheder seligen Christina, die der Hauptsitz des Ordens sei, zurückzusenden. Und in § 15 wird bestimmt, daß, wenn ein Ordensritter gestorben sei, die Erben und Verwandten die Ordensabzeichen allsogleich nach Nideggen zur Kircheder heiligen Christinazurückschicken sollen.[54]
In ihrem am 6. Februar 1496 vor dem Cölner Offizial durch Notar Hermann Birrick von Orsoy beglaubigten Testamente bestimmte die Gräfin zu Virneburg, geb. Maria von Croy, sie wolle nach ihrem Tode begraben werden „zo Nydecken in der understhen Kirchen zusent Christynnenby unseren jonckeren van Blanckenheym seliger“. Dann stiftet sie noch verschiedene Wochenmessen, die „in derselver kirchen Nydecken zo „sent Christinen“ sollten gelesen werden“.[55]
In der Stiftskirche zu Nideggen wurde gegen das Jahr 1500 für die Gebeine der seligen Christina ein recht geschmackvolles, aus Schmiedeeisen gearbeitetes, erhabenes Grabmal errichtet, dessen Abbild aus dem Werk der Bollandisten wir (Abbildung11) beifügen.
Der auf der Höhe des Denkmals thronende hölzerne Reliquienschrein zeigte an den beiden Schmalseiten das in flacher Schnitzerei aus Eichenholz gearbeitete Bild Christinas mit dem Drachen unter den Füßen und dem Buche in der Hand. Am Giebel der rechten Langseite befand sich das Bild des h. Apostels und Evangelisten Johannes, ihm gegenüber an der linken Langseite das Bild des h. Bischofs Martinus. Bei einem Gewölbeeinsturz wurde im Jahr 1783 das zierliche Denkmal zerstört. Eines der beiden Bilder Christinas ist jedoch erhalten geblieben und ist gegenwärtig an der Seitenwand der Christinakapelle der Jülicher Pfarrkirche angebracht (Abbildung12).
Der im Renaissancestil gehaltene, aus schwarzem Marmor gearbeitete Sarkophag, für den der gotische Eisenaufbau nur die Umrahmung und Bekrönung bildete, ist jünger als dieser, hat jedoch schon in Nideggen Christinas Gebeine umschlossen, wie er es annoch zu Jülich tut. Denn der Marmor, aus dem er angefertigt ist, stammt aus der Umgegend von Nideggen. In der Jülicher Fehde, auch Geldrischer Erbfolgekrieg genannt, wurde Schloß und Stadt Nideggen von den Truppen Kaiser Karls V. im Jahre 1542 fast gänzlich zerstört. Auch die Stiftskirche wurde stark beschädigt. Die herzogliche Residenz wurde nach Jülich verlegt und in dessen Nähe das Waldschloß Hambach prächtig wiederaufgebaut. Nideggen verfiel und die Stiftskirche begann zu veröden. Nach dem Willen des Herzogs solltedas Stift dem Hofe nach Jülich folgen, und deshalb beantragte Herzog Wilhelm beim päpstlichen Nuntius Sebastian Pighino dessen Verlegung in die Pfarrkirche zu Jülich. Dem Ersuchen wurde durch Urkunde vom 15. November 1550 entsprochen. Die Stadt Nideggen aber sträubte sich gegen die Verlegung des Stiftes. Auch lag in Jülich, in Folge des großen Brandes vom Jahre 1547, noch alles im Argen, und so blieb das Stift noch achtzehn Jahre lang in Nideggen. Erst am 1. Oktober 1569 siedelte es hinüber nach Jülich in die dortige der allerseligsten Jungfrau geweihte Pfarrkirche und führte von nun an den Titel „Liebfrauenstift“. Christinas Gebeine konnten aber von den Stiftsherren nicht nach Jülich mitgenommen werden. Der Widerstand der Bewohner Nideggens war zu groß. Sie blieben vielmehr, wie der Notar Christian Hammechers von Nideggen in einer vom 6. März 1578 datierten Nachschrift zum ersten Buch der Jülicher Handschrift mit Dank gegen Gott bezeugt, noch eine Reihe von Jahren in der Kirche zu Nideggen. In dieser mußte auch noch an allen Sonn- und Feiertagen von seiten des nunmehrigen Jülicher Stiftes eine h. Messe gehalten werden. Jedoch verfiel die Kirche immer mehr. Durch List wußten die Jülicher Stiftsherren schließlich Christinas Gebeine von Nideggen nach Jülich zu schaffen.
Es war am 22. Juni 1586, als an einem Nachmittage nach der Vesper ein Mann, der auf alle an ihn gestellten Fragen keine Antwort gab, mit einem Wagen vor der Pfarrkirche zu Jülich anlangte, dort den Schrein mit den Gebeinen der seligen Christina absetzte und dann spurlos verschwand. Der Mann wird von den Jülicher Stiftsherren gedungen gewesen sein. Zur Nachtzeit wird er den Reliquienschrein in Nideggen aufgeladen haben und konnte so um die Zeit, als die Stiftsherren aus der Vesper nach Hause gingen, in Jülich ankommen. Natürlich mußte er spurlos verschwinden, um Weiterungen vonseiten Nideggens zu verhüten.
Von der Anwesenheit der Gebeine Christinas in Nideggen geben noch heute zwei Ortsbenennungen Kunde, dasChristinentälchenam obern Abhange des Jungholzes und das ebendaselbst befindliche „Christinenpützchen“. Hier sollen nach Aschenbroich Christinas Gebeine in Kriegszeiten versteckt gewesen sein, um sie vor Verunglimpfungen seitens der Krieger zu schützen.
Die Stiftskirche in Nideggen wurde im dreißigjährigen Kriege vollends zur Ruine. Später bauten dort die Minoriten ein kleines Kirchlein mit Kloster, das bis zur Franzosenzeit bestand. Im Hofraum des Privatgebäudes, das an die Stelle des Klosters getreten ist, sind die Grundmauern des Langhauses der ehemaligen Stiftskirche noch zu erkennen. Auch sind im Garten die Untermauern des Chores in der Höhe von 2-3 Meter noch vorhanden.
Die Marianische Kongregation für Jungfrauen zu Nideggen erwählte die selige Christina letzthin zu ihrer besonderen Schutzpatronin, und eine Reliquie aus den Gebeinen der Seligen wurde von Jülich bei Gelegenheit der Seligsprechungsfeier nach Nideggen übertragen.
Das Stiftskapitel in Jülich bestand bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts, wo es gleich den übrigen Stiften von der französischen Fremdherrschaft aufgelöst und die Stiftskirche wieder einfache Pfarrkirche wurde.
Der 22. Juni wurde alljährlich in der Stiftskirche zu Jülich als Tag der Uebertragung der Gebeine der seligen Christina mit erhöhter Festfeier begangen. Das Hauptfest der seligen Christina wird jedoch von jeher und heute noch am 6. November, ihrem Sterbetage, unter großem Zulaufe des Volkes gefeiert, das zu ihr in leiblichen und geistigen Anliegen, besonders bei Lähmungen, Gichtleiden und in Fieberkrankheiten, seine Zuflucht nimmt und erfahrungsmäßig gnädige Erhörung findet. Ihr Grab war mit Weihegeschenken aller Art umhangen. Eine ununterbrochene Reihe von Gebetserhörungen und Heilungen, die auf Christinas Anrufung an ihrem Grabe erwirkt wurden, findet sich aufgezeichnet. Das Stiftskapitel traf sogar die Anordnung, daß ein apostolischer Notar die fast täglich zum Grabe Christinas kommenden hülfesuchenden Pilger beobachten und die Heilungen protokollieren solle. Wilhelm Hermann Gabriels hat denn auch in den Jahren 1704-1706 eine ganze Reihe solcher Heilungen in ordnungsmäßigem Verhör vor Zeugen festgestellt und aufgezeichnet. Auch sonstige, selbst von weltlichen Behörden aufgenommene Protokolle über solche Heilungen sind in erheblicher Anzahl vorhanden.
Auch bei den Kartäusern, die bei Jülich am Vogelsang ein Kloster hatten, und auch im Kloster zu Cöln blühte Christinas Verehrung. Zeugnis dafür legt ab ein auf Seide nochvor dem Jahre 1639 in der Cölner Kartause gedrucktes Bild der Seligen, dessen photographische Nachbildung im verkleinerten Maßstabe wir (Abbildung4) wiedergeben.
Doch nicht bloß in Jülich bei den Gebeinen Christinas, sondern auch an ihrer ursprünglichen Grabstätte, auf dem Kirchhofe zu Stommeln neben dem Glockenturm, geschahen viele Aufsehen erregende Heilungen. In den letzten Tagen des Januar und den ersten Tagen des Februar des Jahres 1897 nahm Pfarrer Christian Klausmann zu Stommeln vierzig Protokolle von Heilungen auf, die auf Anrufung der seligen Christina und Besuch ihrer ehemaligen Grabstätte sich in den vorhergehenden Jahren in Stommeln zugetragen hatten.
Im Jahre 1896 wurde die ehemalige Grabstätte Christinas zu Stommeln, die bis dahin Jahrhunderte hindurch durch einen gewölbten, tumbaähnlichen Ziegelsteinbau kenntlich gemacht war, mit einem schönen, aus Heilbronner Sandstein in frühgotischem Stile gefertigten Denkmal geziert, das die gefeierte Selige in Lebensgröße darstellt (Abbildung8).
Ganz in der Nähe jener Stätte, wo sie in den letzten Jahren ihres Lebens gewohnt hat und gestorben ist, gegenüber dem großen Kreuzhof wurde durch Familie Christian Lemper im Jahre 1854 eine Kapelle zu Ehren der seligen Christina erbaut.
Weil jedoch Christina förmlich weder selig noch heilig gesprochen worden war, wurde die Zulässigkeit ihrer Verehrung vielfach in Zweifel gezogen.
Unter Erzbischof Johannes, Kardinal von Geißel, bereits wurde in Jülich eine Untersuchung über die Verehrung der seligen Christina angestellt, die damit endigte, daß durch Verfügung des erzbischöflichen Generalvikariates vom 30. Dezember 1854 das fernere Fortbestehen der seit unvordenklichen Zeiten in der Pfarrkirche zu Jülich eingeführten gottesdienstlichen Feier am 6. November jeden Jahres in der bis dahin üblichen Weise und Ordnung bis zu anderweitiger Verfügung genehmigt wurde.
Die Pfarrkirche zu Jülich wurde, abgesehen vom Turme, in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts durch einen Neubau auf der alten Stelle ersetzt, und durch die Fürsorge des für Christinas Verehrung eifrig besorgten Oberpfarrers und Dechanten Andreas Esser wurde an der Epistelseite des Neubaueseine eigene Christinakapelle errichtet, in deren Mitte das alte Grabmal mit den hh. Gebeinen Aufstellung fand (Abbildung13).
In der Karwoche des Jahres 1874 war Erzbischof Paulus Melchers, weil er sich den sogenannten Kulturkampfgesetzen nicht fügen wollte, ins Gefängnis am Klingelpütz abgeführt worden, woselbst er sechs Monate hindurch eingekerkert war. Mit ihm teilte die Haft der Pfarrverwalter von Stommeln Johann Wilhelm Havermann. Das Studium und die Betrachtung der Leiden und Prüfungen der Dulderin Christina brachte beiden schwergeprüften Männern Trost und Kraft.
Aus dem Gefängnisse entlassen, genehmigte Erzbischof Paulus Melchers unter dem 31. Oktober 1874 die Gottesdienstordnung für die Festfeier der seligen Christina in der Pfarrkirche zu Stommeln, der er auch eine Reliquie der Seligen, nämlich einen Armknochen, aus dem Reliquienschreine in Jülich überwies.
Kein Wunder, daß der Kirchenfürst, als er nach zehnjährigem Exil im Jahre 1885 mit dem Kardinalshut geschmückt, in der Hauptstadt der Christenheit seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte, die Sache der seligen Christina in die Hand nahm.
Am Feste des Namens Jesu 1889 stellte er schriftlichen Antrag beim Papste auf Bestätigung ihrer unvordenklichen Verehrung und die Ritenkongregation beauftragte den damaligen Cölner Erzbischof Philippus Krementz, das ordentliche Prozeßverfahren in dieser Sache einzuleiten. Weihbischof Hermann Josef Schmitz führte im Namen des Erzbischofs den kanonischen Prozeß, und unvergeßlich ist der Jubel und die Begeisterung, mit der er am 16. Februar 1897 in Jülich empfangen wurde, als er dort mit Postulator, Promotor und Notar zur Inaugenscheinnahme des Grabes der Seligen und zur Vornahme von Zeugenverhören erschien. Freilich erhob sich auch, wie das nicht anders zu erwarten war, Widerspruch, und lebhafte Fehde wurde in den politischen Blättern über die Zweckmäßigkeit der Einleitung des Prozeßverfahrens geführt. Das mußte natürlich den Gerichtshof bewegen, das Verfahren mit größter Sorgfalt und Gründlichkeit zu führen. Das Ergebnis war ein günstiges. Am 9. September 1897 fällte der Kardinal Erzbischof Philippus Krementz in feierlicher Gerichtssitzung, die in der erzbischöflichen Hauskapelle zu Cöln stattfand,nach Anrufung des Namens Christi, Gott allein vor Augen habend, das Endurteil dahin, es sei als feststehend zu erachten, daß die ehrwürdige Dienerin Gottes Christina schon vor dem Jahre 1534 kirchlich verehrt worden sei, und daß diese Verehrung sich ununterbrochen bis auf den heutigen Tag erhalten habe.
Papst Urban VIII. hat nämlich aufs strengste verboten, jemanden als Heiligen zu verehren, der nicht vom Papste heilig gesprochen sei. Dieses Verbot findet jedoch nicht auf diejenigen Diener Gottes Anwendung, die bereits hundert Jahre vor der Verfügung Urbans VIII., nämlich vor dem Jahre 1534, in der Kirche öffentlich als Heilige oder Selige verehrt worden sind. Bezüglich der seligen Christina wurde nun der vollgültige Beweis erbracht, daß ihre Verehrung bereits vor dem Jahre 1534 zu Recht bestand.
Nach langwieriger und sorgfältiger Prüfung hat die Ritenkongregation in ihrer Sitzung vom 11. August 1908 auf Anstehen des Kardinals Hieronymus Gotti das Urteil des Cölner Erzbischofs bestätigt, und am darauffolgenden Tage hat Papst Pius X. die Verehrung der seligen Christina gutgeheißen.
Nach kirchlichem Rechte gebührt ihr nunmehr der Grad der Verehrung, der den förmlich selig gesprochenen Dienern Gottes zusteht.
In der neuen Pfarrkirche zu Stommeln wurde der Seitenaltar auf der Evangelienseite nach ihr benannt und mit ihrem Bilde geschmückt (Abbildung9), und am Fuße des Kirchhügels wurde ein stattliches Krankenhaus (Abbildung10) erbaut, das am Christinafeste des Jahres 1908 feierlich eingeweiht wurde. Zellitinnen aus der Kupfergasse in Cöln, deren Orden sich aus dem Beginentum entwickelt hat, mithin Mitschwestern der seligen Christina, versehen in ihm den Krankendienst.
Auf Antrag des hochseligen Kardinals und Erzbischofs von Cöln Antonius Fischer wurde durch Dekret der Ritenkongregation vom 18. März 1909 der Name der seligen Christina in das liturgische Kalendarium der Cölner Kirche unter dem 6. November eingetragen, die Feier ihres Festes für den Bereich des Erzbistums Cöln bewilligt und eigene Meßgebete und Lesungen für die Begehung des Festes genehmigt.
Die Meßgebete lauten in der Uebersetzung wie folgt: