Der Wassertropfen
«Kinder,» sagte der Doktor Ulebuhle, «heut will ich euch die Lebensgeschichte eines winzigen kleinen Tropfens erzählen, den ihr alle kennt und der euch schon überall in der Welt angenehm und unangenehm begegnet ist, und dieser kleine Wicht ist derWassertropfen!»
«Ulebuhle, das wird aber nur eine kurze Geschichte werden, denn so ein Wassertropfen ist eins, zwei, drei hin und beim Teufel, und dann ist die Geschichte aus!»
«Schnedderengteng, ihr Naseweise und Galgenvögel!» schnob der Alte los und putzte sich mit seinem großen, buntgeblümten Taschentuch die Hornbrille. «Erst einmal abwarten! Und wem’s nicht paßt, der drückt sich. So ein Wassertropfen hat mehr erlebt als ihr, und ist vor allen Dingen nützlicher und alten Leuten weniger ärgerlich.»
Da saßen wir Kinder denn schnell nieder, schluckten unseren Tee und hackten mit dem Sägewerk unserer Zähne gewaltige Stücke aus dem Kuchen der alten Christine, denn der war allemal gut und voller Rosinen.
«Seht,» hub der alte Ulebuhle an, «da saß ein kleines Mädchen im Garten auf der Rasenbank unter dem Holunderbusch, und eine Träne rann ihm über die Wange. Des Mädchens Mutter war zu Grabe getragen worden, und das ist der traurigste Augenblick im Leben eines Menschen, denn Leute gibt es viele auf der Welt, aber nureineMutter. – Die Träne funkelte wie ein Diamant auf der Wange des Mädchens, denn die liebe warme Julisonne spiegelte sich in ihr. Das war die Geburtsstunde unseres Wassertröpfchens, denn eineTräneist ja nichts anderes als ein Wassertropfen edelster Art; der Schmerz ist seine Mutter.
Aber unser Wassertröpfchen selbst war gar nicht traurig. Dem kleinen Wicht gefiel es ganz gut auf der Welt. Er saß da schön weich und warm und liebäugelte mit der Frau Sonne, die hoch oben im Blauen stand, als unentgeltliche Zentralheizung im großen Weltgebäude. Da hinauf zu der hellen Lampe möchte ich auch einmal, dachte das Tröpfchen, und es war, als ob es die Sehnsucht nach der Sonne verzehrte, denn es wurde immer kleiner und kleiner, und schließlich ward es ganz unsichtbar für ein menschliches Auge.
Nun denkt ihr sicher, die Geschichte ist aus, denn der Tropfen ist fort, wie wir es gleich anfangs gesagt haben, und der alte Ulebuhle ist zu Ende mit seinem Latein. Aber da irrt ihr sehr, ihr Grünspechte, denn jetzt fängt meine Geschichte eigentlich erst richtig an. Glaubt nur ja nicht, daß der Wassertropfen nun nicht mehr vorhanden war, weil man ihn nicht mehrsehenkonnte. Es geht überhaupt nichts verloren in der Welt, denn das wäre eine schöne Türkenwirtschaft.Alles bleibt bestehen, nur die Form ändert sich.
Unser Tröpfchen hatte sich in der Sonnenwärme in lauter winzige Wasserbläschen aufgelöst, die so ähnlich beschaffen waren wie eine Seifenblase, nur unendlich winziger. Da schwebten sie nun hin in der lauen Luft, und der Wind trieb sie langsam vor sich her. So kamen sie schließlich über eine große Heide, wo dünne Kiefern im heißen Sande standen. Der Sand war so warm, daß er die Luft erhitzte, und wie die heiße Luft im Zimmer emporsteigt, zur Decke, so auch hier. Der Luftstrom strebte aufwärts, immer höher und höher, und nahm die Bläschen unsres Wassertropfens mit sich, hoch hinauf in den blauen Äther. Ein Flieger sauste schnurrend vorüber und hätte beinahe die Teilchen des Tropfens auseinander gewirbelt, und dann wäre es um ihn geschehen gewesen, aber es ging noch einmal gut ab.
Da oben war es empfindlich kalt, und wie die Wärme die Teilchen des Tropfens auseinandergezogen hatte, soverdichtetesie die Kälte wieder, und mit vielen tausend Millionen anderen zusammen bildeten die Wasserteilchen eineWolke.Weit da drunten lag die Erde, mit winzigen Dörfchen, und das kleine Mädchen, das hinaufsah zu der weißen Wolke, die da in der Höhe wie ein Schiff hinsegelte, dachte gewiß nicht daran, daß in ihr der Wassertropfen schwebte, der als Träne aus ihrem Auge geflossen war. Seht, so geht es oft im Leben, daß wir an einem guten alten Bekannten vorbeigehen und ihn nicht erkennen, weil er alt und grau geworden ist und einen anderen Rock an hat als damals, als wir mit ihm gut Freund waren!
Der Wassertropfen segelte in der Wolke weit über Länder und Meere und dachte ein über das andere Mal: Wie groß ist doch die Welt und wo überall wohnen doch Menschen! – Als der Abend kam, da war die Wolke drunten im Süden, über dem Mittelländischen Meere, und in der Ferne blinkten die Lichter der italienischen Küste. Aus dem Meere aber stieg immer mehr Feuchtigkeit empor zu den Wolken, so daß die Luft das viele Wasser nicht mehr tragen konnte, denn es war nach Sonnenuntergang sehr kühl geworden, und die Wasserteilchen hatten sich immer mehr zusammengeballt, bis es wieder Tropfen wurden. Da beschloß denn die Luft, die ganze Gesellschaft einfach abzuschütteln. Der Wind brauste daher, und mit Millionen anderen fiel unser Wassertropfen aus der Wolke nieder, schneller und schneller.Er war zum Regentropfen geworden!
Drunten rollten die grünlichen Wellen des Meeres. Ein großer Dampfer mit roten, grünen und weißen Lichtern rauschte in voller Fahrt daher und warf mächtige, weißschäumende Strudel mit seiner Schiffsschraube auf. Die Steuerleute standen auf ihrem Posten und spähten scharf hinaus in das Dunkel. Ganz in der Ferne sah man ein helles Licht, das abwechselnd aufblitzte und wieder verschwand; das war der Leuchtturm der Hafeneinfahrt von Neapel. „Wir müßten schon lange im Hafen sein,“ sagten die Steuerleute, „und nun fängt es auch noch an zu regnen!“ Und dann schimpften sie über Wind und Wetter, denn es ist kein Vergnügen für einen Seemann, in Sturm und Regen auf dem Posten zu sein.
Klatsch! Da lag unser Regentropfen plötzlich im Meer und hatte seine Reise von der Wolke zur Erde vollendet. Das ist doch endlich wieder etwas Reelles, dachte er. So als Luftikus in den Wolken zu schweben ist eine gefährliche Sache, denn man kann nie wissen, wo man hinfällt, wenn’s abwärts geht. Aber so im Ozean zu schwimmen, wo man eigentlich hingehört von Rechts wegen, das ist eine sichere Sache. Aber o weh, es kam ganz anders! Er war noch nicht eine Minute im Meer, da brauste mit voller Fahrt der Dampfer daher, und man hörte das taktfeste Stampfen seiner Maschinen. Und so eine große Schiffsdampfmaschine ist ein gefräßiges Ungeheuer, das gierig Kohlen und Wasser verzehrt, um den Dampf zu erzeugen, der die Schiffsschrauben in Bewegung erhält, die den Dampfer vorwärts treiben. Da war eine Saugpumpe seitwärts am Schiff, und die saugte grade in dem Augenblick, als unser Wassertropfen an ihr vorbeiglitt, mit breitem Maul neues Wasser in den Schiffskessel, um das verbrauchte zu ersetzen.
Das Tröpfchen fühlte sich plötzlich ergriffen, in einem rasenden Strudel fortgerissen und langte wenige Sekunden späterim Schiffskesselan. Herr Gott, war das eine schreckliche Geschichte! In diesem eisernen Ungetüm war eine Siedehitze, denn gewaltige Feuergluten durchströmten die Kesselröhren, um das Wasser in Dampf zu verwandeln. Dem Tröpfchen wurde weh und übel; es wurde von der Hitze gezwickt und gezwackt und auseinandergezerrt, und schließlich war es wieder in seine Teile aufgelöst, warWasserdampfgeworden, der unter ungeheurem Druck wallend und zischend in ein enges Rohr hineingepreßt wurde. Es geht ans Leben, dachte das Tröpfchen, das eigentlich keines mehr war, jetzt ist es aus mit mir, das kann kein Teufel überstehen, und ich bin ein verlorener Mann! Auf einmal tat sich eine winzige Öffnung vor ihm auf, die führte in den Zylinder der Dampfmaschine. Mit ungeheurer Gewalt schoß der Dampf da hinein und drückte, voll Wut über die schlechte Behandlung, die ihm im Kessel widerfahren, gegen den dickschädligen Kolben, der ihm den Weg versperrte. Dieser wich verblüfft zurück, schob die Kolbenstange vor sich her, und diegab den Stoß wieder weiter an die riesige Kurbel, die die Schiffsschraube drehte und das Schiff vorwärts trieb.
Weiter aber wollte man auch gar nichts von den Wassertropfen, die das vollbracht! Der Dampf entwich durch eine Öffnung, da war es wieder kühl, und die Bläschen schlossen sich wieder eng aneinander und bildeten Tropfen. So kam denn auch unser kleiner Wicht wieder aus der Hölle heraus und rann durch einen Wasserhahn ins Meer.
Seht, Kinder,» sagte der alte Ulebuhle, «so ist das nun in der Welt! Wenn einer arbeiten soll, dann geht das nicht ohne Plackereien ab, und man hat seinen Ärger dabei, aber wenn’s vorüber ist, dann sieht man doch, daß man was Nützliches getan hat, und das ist auch was wert, und der Mann im Arbeitskittel ist allemal mehr wert als der Nichtstuer, und wenn sein Rock noch so verbrämt ist!
Es ist doch nicht zu sagen, was man alles erlebt, dachte das Tröpfchen. Hätte ich wohl je geglaubt, als ich im Sonnenschein auf der Wange des kleinen Mädchens schwebte, daß ich noch einmal helfen würde, einen Dampfer nach Neapel zu treiben?! Es geht schnurrig zu in der Welt.
So schwamm denn das Tröpflein mit denWellendahin und erholte sich von den ausgestandenen Schrecken, denn es war ganz vergnüglich, so an den sonnigen Küsten des Südens, mit ihren Orangen- und Olivenhainen, dahinzutrollen und den Italienern und Spaniern beim Singen ihrer Nationallieder zu lauschen. Um die Mittagszeit brannte die Sonne aber derart auf die See nieder, daß viel Wasserverdunsteteund als feiner bläulicher Schleier träge über Meer und Küste lag. Die Leute, die draußen auf den Feldern und in den Gärten arbeiteten, bekamen rote Köpfe; fortwährend wischten sie den Schweiß von der Stirne und sagten ein über das andere Mal: „Puh, wie ist es schwül!“
Auch unser Wicht schwebte wieder mit in dem warmen Dunst, und es war recht langweilig, denn auch der Wind schlief, und so blieb die ganze Gesellschaft immer an derselben Stelle, in öder Eintönigkeit. Erst gegen Abend erwachte der Wind,und langsam trieb er den Wasserdampf vom Meere hinweg, hinüber zur afrikanischen Küste. Hier war der weiße Sand von der Sonnenglut erhitzt wie eine Ofenplatte, und die Hitze trieb den blauen Dunst empor wie einen Luftballon, bis er hoch im Blauen schwebte. Hier aber war es eisig kalt, und aus den Wasserteilchen schuf der Frost winzige spitze Eisnadelchen, bis eine ganzeWolke von Eisnadelnentstanden war. Das geschah in sehr großer Höhe, wohl zehntausend Meter über der Erde, und nur die allerhöchsten Wolken schweben so fern vom Erdboden, wo kein Flieger und kein Luftschiff mehr hinaufsteigt. Es waren aber auch ganz besondere Wolken. Die Leute, die sie von der Erde aus sahen, sagten erfreut: „Ei seht, was für seltsame Wolkenfederchen da oben hinziehen. Es sieht aus, als habe der alte Petrus seine Bettdecke ausgeschüttelt!“
Der scharfe Wind trieb die Eisnadelwolken nach Norden, bis sie über hohen, schneebedeckten Bergen standen, und das waren dieAlpen. Tief drunten waren wunderschöne grüne Wiesen, auf denen bei den Almhütten Kühe weideten, und noch tiefer niedliche Dörfchen. Droben aber glitzerten die Gipfel von Eis und Schnee, und es war ganz einsam und still.
Langsam senkte sich die Wolke infolge ihrer eigenen Schwere immer tiefer, und die winzigen Eisnadeln drängten sich aneinander und wurden zu wundervollen Sternchen, so schön, wie sie der größte Künstler nicht zierlicher hätte herstellen können, und dann fielen sie langsam, langsam zur Erde nieder:Es schneite!
So war aus unserem Wassertropfen ein kunstvolles Wunderwerkchen geworden, einSchneesternchen, und das hatte der Künstler Frost geschaffen, ohne alle Werkzeuge, und zu Millionen in einer einzigen Minute! Das Sternchen wirbelte nieder, andere gesellten sich unterwegs zu ihm, legten sich daneben, darauf und darunter, und so entstand eine Schneeflocke, und mitten darinnen hauste unser winziger Wicht.
Die Schneeflocke fiel hoch oben in den Bergen zu Boden, und da lag sie mit Milliarden zusammen, und Milliarden neue kamen hinzu und legten sich darüber. Da lag nun die ganzefeuchte Gesellschaft, und es war eine höchst langweilige Geschichte, denn es war da oben öde und kalt, und man war gefangen. Das Wassertröpfchen seufzte sehr und dachte darüber nach, wie schön es doch war, da oben im Blauen umherzusegeln, und wie warm die Sonne da drunten an den Gestaden des Mittelmeeres gewärmt hatte, wo lustige Menschen in bunten Gewändern lustige Lieder sangen, und wie wechselreich doch überhaupt das Leben war.
Aber nichts ist ewig, und alles nimmt einmal ein Ende! Eines Tages, als das zu Eis erstarrte Wichtlein da oben in den Bergen monatelang gelegen hatte, kam der Frühling ins Land gezogen, und vor ihm her zog mit brausenden Liedern sein Herold, der Tauwind. Der kam auch in die Berge und machte die Schneemassen weich und schmiegsam. Sie kamen langsam ins Rutschen und wurden nur noch durch eine schräge Gesteinsplatte notdürftig festgehalten, aber das Tröpfchen sah ein, daß sie da wohl nicht lange würden hängen bleiben, und daß die geringste Kleinigkeit hinreichen würde, sie allesamt hinabzuschleudern in die Tiefe. Das war eine gefährliche Sache, aber unser Wicht konnte nichts daran tun, sie zu ändern, denn er war einfach in der Masse gefangen.
Unten im Tal lag ein Dörfchen mit niedlichen Tiroler Häuschen und freundlichen biederen Leuten darin. Zuweilen, wenn der Frühlingswind so recht übermütig durch die Gassen pfiff, nahmen die Bauern die Pfeife aus dem Munde, guckten bedächtig herauf zu den Berghängen droben, und sagten: „No, jetzt muß ma fein Obacht gebn. Dös is die Zeit, wo die Lähn[1]zu Tal kimmen!“
Eines Tages, als wieder neuer Schnee gefallen war und die Luft besonders still und warm erschien, zog der Schmölzler-Seppl seine langen Stiefel an und stieg hinauf zur kleinen Sennhütte auf den Bergwiesen. Und wie er so dahinstapfte und bald oben war, da sauste es plötzlich hoch droben gar sonderbar, und eh der Seppl noch recht zur Besinnung kam, da brauste eine ungeheure weiße Masse auf ihn zu:eine Lähnoder Lawine!Wäre der Schmölzler-Seppl grade mitten davor gewesen, so war’s um ihn geschehen, so aber war er etwas seitwärts. Die riesigen Schneemassen warfen den guten Seppl um, drehten ihn siebenmal umeinand, so daß seine Arme und Beine wie Windmühlenflügel umherwirbelten, und dann war er plötzlich mitten in der zu Tal sausenden Schneekugel eingebacken wie eine Speckgriebe in einem Kartoffelknödel. Da rollte er denn schneller, als er hinaufgekommen war, mitten in der weichen Masse wieder hinab ins Dorf. Sie prallte gegen einen Heuschober und zerfiel, und die erschreckten Leut, die angsterfüllt aus ihren Häuschen herausgestürzt waren, sahen, wie sich der gute Schmölzler aus dem weichen Grab, das ihn nur wenige Minuten beherbergt hatte, herausarbeitete und humpelnd und fluchend in der Lawinenkugel seine Pfeife suchte.
Die Hauptmasse der Lawine aber hatte Gott sei Dank das Dorf seitwärts liegen lassen. Fauchend und krachend, riesige Bäume wie Zündhölzer abknickend, kam sie angestürmt, und ein heftiger Sturmwind ging ihr voraus. Sie verwüstete einen großen Teil des Waldes, schlug eine große Scheune wie eine Zigarrenkiste zusammen, und dann kamen ihre Massen endlich an einer Berglehne, wo ein Bach floß, zum Halten. Da waren denn die guten Tiroler Leut von Herzen froh, denn vor ein paar Jahren erst hatte eine solche Lawine den ganzen Ort begraben und Menschen und Vieh, Häuser und Scheunen vernichtet.
Aber wie war die Masse dort oben ins Rollen gekommen? O, sehr einfach! Ein Raubvogel hatte sich nur einen Augenblick ganz hoch oben niedergelassen, und als er wieder abstrich, da rollten unter seinen Krallen lose Eisstückchen bergab, um die sich der weiche Schnee herumrollte zu einem Ball, der immer größer und größer wurde, und als der Ball dann die mächtige überhängende Schneeschicht erreichte, in der unser Wassertropfen gefangen lag, da riß er sie mit sich, und nun wuchs und wuchs die Masse ins Ungeheure und stürzte als Lawine donnernd zu Tal.
Unser Wicht hatte natürlich von all dem nichts gesehen, und es dauerte lange, ehe er aus seinem Gefängnis befreit wurde. Erst als die Sonne Tag um Tag immer länger und wärmer schien, taute die Schneemasse hinweg, und endlich kam auch des Wichtes Befreiungsstunde! Da war wieder der blaue Himmel über ihm, und die liebe Sonne streichelte den erfrorenen Gesellen mit ihren Strahlenfingern. Da taute sein Herz auf, er wurde wieder der Wassertropfen und rann in den unter ihm murmelnden Bach, der frisch und klar dahinfloß.
Das war fürwahr ein lustigeres Leben, als so still und gebunden im Eise zu stecken! Das Bächlein hüpfte von Stein zu Stein, durchfloß das Dorf, kam durch saftige Wiesen und dann in einen lieblichen Talgrund. Da war es ganz reizend, und eine Wassermühle klapperte zwischen grünenden Buchen. Der alte Müller hatte eine weiße Mütze auf und nagelte hinter dem Hause an einer Schiebkarre, vorn aber, am Mühlenwehr, stand sein Gesell und seine Tochter, und die beiden hatten sich so viel schöne Dinge zu sagen, daß sie Gott und die Welt und die Mühle drüber vergaßen. Das Wassertröpfchen floß durch die dicke Holzrinne, die zum Mühlrad führte, stürzte rauschend in dessen breite, mit Moos bewachsene Speichen, so daß es sich knarrend drehte und drinnen die Mahlsteine die Weizenkörner knirschend zu Mehl zerrieben, und lief dann unten wieder hurtig im Bach davon. Es konnte grade noch sehen, wie der Müllerbursch die schmucke Dirn fest an seine rotsamtene Weste drückte, und wollte gern zuschauen, wie die Geschichte weiter gehen würde, aber da bekam ihn ein Strudel beim Schopf zu fassen und wirbelte ihn hinweg. – So geht es immer in der Welt! Wenn es anfängt interessant zu werden, müssen wir von dannen, und die Geschichten haben dann keinen Schluß!
Der Tropfen rann noch manchen guten Kilometer im Bach dahin, dann aber wurde der dünner und dünner, denn er lief über brüchiges Gestein hinweg, und das Wasser sickerte durch tausend Ritzen hinab in den Erdboden. Da war es stockdunkle Nacht und wenig interessant. Die Tropfen wanden sich mühsam durch tausend feine Kanäle und Löcher und sanken tieferund tiefer in die Felsenmassen. Allerlei Gestein durchrieselten sie, kamen an Eisenlagern und Silberadern vorüber und lösten allerlei Salze auf, die da im Schoß der Berge ruhten. Schließlich aber traten all die versickerten Tröpfchen als Quelle wieder ans Tageslicht. Kühl und klar war das Wasser, und es schmeckte ein wenig nach den Salzen, die es gelöst, weshalb die Ärzte meinten, es sei gut für die Leute, die sich ein zu rundes Bäuchlein angemästet hätten.
Da, wo die Quelle aus dem Gebirge austrat, war eine schöne Stadt, und der Magistrat dieser Stadt hatte deshalb die Quelle auffangen lassen und leitete das Wasser durch viele tausend Röhren in alle Häuser. So kam denn auch unser Tropfen, kaum daß er das Tageslicht wieder gesehen hatte, abermals ins Dunkle und durchsauste all die Eisenröhren, bis er schließlich in einem großen Hause vor einem blanken Messinghahn stehen blieb, der hier wie ein Portier auf Posten stand und niemand durchließ. Dieses große Haus war aber eine Universität, und da war es wie in einer Schule. Es waren viele Zimmer darinnen, mit Bänken, und davor stand ein Pult, und bei dem Pult war eine große schwarze Tafel, auf der die Lehrer lauter gelehrte Dinge aufschrieben. Diese Lehrer aber hießen Professoren und mußten ohne Rohrstock lehren, denn ihre Schüler waren junge Herren, von denen manche schon einen stattlichen Schnurrbart hatten. Sie trugen bunte Mützen und hießen Studenten, und darauf waren sie sehr stolz.
In einer dieser Lehrstuben ging es ganz besonders gelehrt zu. Da stand ein berühmter Professor an seinem Pult. Er war so gelehrt, daß die Gedanken, die aus seinem Kopfe gekommen waren, im Laufe der Jahre sämtliche Haare mitgenommen hatten, aber das war für den Professor ein Glück, denn wenn er weniger kahlköpfig gewesen wäre, hätten ihn die Leute für weit weniger gelehrt gehalten. Und dieser Professor hielt eine Rede und sagte:
„Meine Herren! Alle Menschen brauchen vom ersten bis zum letzten Tage ihres Lebens Wasser, aber die wenigsten wissen, woraus das Wasser eigentlich besteht. Vor hundertfünfzigJahren wußte es überhaupt noch kein Mensch, aber damals haben es ein paar englische Gelehrte herausbekommen.Das Wasser besteht aus zwei unsichtbaren luftigen Körpern, oder wie die Gelehrten sagen, aus zwei Gasen, nämlich aus Wasserstoff und aus Sauerstoff.Beide allein sind so unsichtbar wie die Luft, die wir einatmen, aber wenn man sie miteinander vereinigt, dann entsteht Wasser. Damit Sie mir das auch glauben, will ich hier vor Ihren Augen das Wasser in seine beiden Luftarten auflösen, und nachher will ich aus den beiden Luftarten wieder Wasser machen.“
Der Professor winkte seinem Gehilfen, und der ging an den Hahn der Wasserleitung und ließ das Wasser in ein seltsam geformtes Gefäß hineinlaufen. So kam denn auch unser Wassertröpfchen mit hinein in die gelehrte Versammlung. Es war sehr stolz darauf, denn es ist immer eine Ehre, der Wissenschaft zu dienen, aber bald wurde ihm schlimm und weh zumute, so ähnlich wie damals, als es im Dampfkessel des Schiffes gewaltsam in seine Bestandteile zerrissen wurde. Der Professor steckte nämlich zwei Drähte in das Gefäß und schickte durch diese einen elektrischen Strom, und da wurde die Sache sehr unangenehm.Der elektrische Strom zersetzte das Wasser, so daß an den beiden Drähten unablässig Gasblasen aufstiegen, am einen Draht Wasserstoff und am anderenSauerstoff. So wurde unser Tröpfchen ein Opfer der Wissenschaft. Es wurde gewissermaßen auf elektrischem Wege hingerichtet, wie die Mörder in Amerika. Es hätte gern geweint, da es aber nur auseinerTräne bestand, so wäre es Selbstmord gewesen. So sehr sich der Wicht auch zu verkriechen suchte, wie die Buben im Wartezimmer des Zahnarztes, endlich war auch die Reihe an ihm, und er verwandelte sich in zwei Gase, die emporstiegen in dem Glasgefäß. Schließlich aber war alles zu Ende. Es war keine Spur Wasser mehr in dem Glase zu sehen, es hatte sich in Wasserstoff und Sauerstoff verwandelt, die unsichtbar da oben schwebten.
Aber was ein richtiger Gelehrter ist, der macht nichts halb, und so ging denn auch unser Professor daran, aus den beidenGasen wieder Wasser herzustellen. Er ließ die beiden Gase zusammenströmen im Glasgefäß, und dann sandte er mit Hilfe einer Elektrisiermaschine starke elektrische Funken hindurch. Da verbanden sich die Gase wieder zu Wassertropfen und rannen zu Boden.
Die Zuschauer fanden das sehr nett, und sie gaben ihren lebhaften Beifall kund, indem sie gewaltig mit den Füßen trampelten. Der gelehrte Professor aber machte eine kleine Verbeugung und schritt erhobenen Hauptes von dannen.
Das Tröpflein lag nachdenklich im Glase. Es war gestorben und wieder auferstanden, und sein innerstes Wesen war ihm hier enthüllt worden, denn woraus es eigentlich bestand, darüber hatte es bisher noch niemals nachgedacht. Aber lange Zeit zum Überlegen hatte es nicht, denn die Stunde war aus, und alle verließen den Saal. Da kam denn auch der Diener und goß das Wasser in das Leitungsbecken, und da rollte es wieder durch viele Röhren und kam endlich außerhalb der Stadt wieder zum Vorschein, floß in einem breiten Graben dahin, der durch Wiesen ging, und endlich endete ein Teil des Wassers in einemDorfpfuhl, mitten zwischen Gärten und Feldern und Scheunen.
Hier riecht es wenig vornehm, dachte das Tröpflein, und ein furchtbares Lumpengesindel treibt sich herum. Da schwamm eine leere Medizinflasche einher, ein paar Weinkorke, die sehr aufgeblasen taten, dann trieb ein zerrissener Kinderschuh vorüber, Seiten aus einem Lesebuch, und Strohhalme und dürre Blätter. Ratten liefen am Rande hin, und ein paar Enten schnatterten umher. Am schlimmsten aber waren die vielen winzigen Tierchen, die da im Wasser umherwirbelten und so klein waren, daß Hunderte in einem einzigen Tropfen herumschwimmen konnten. Zwei Buben kamen daher, die waren auf einer Landpartie, und da es heiß war, füllten sie hier ihre Flaschen, und tranken von dem Wasser. Wenn sie gewußt hätten, was alles für Gesindel darin umherwirbelte, hätten sie es wohl gelassen, wie es ihnen ihr Lehrer schon oft geraten. Aber Buben sind allemal Taugenichtse und wissen alles besser!
Das war kein schönes Leben hier für unseren Wicht. „Da sieht man,“ sagte er zu sich selbst, „wie man herunterkommen kann, ohne eigene Schuld! Vor wenig Stunden noch in einer gelehrten Gesellschaft auf der Universität, und nun unter diesem Lumpengesindel, das aus allen schmutzigen Gossen zusammengelaufen ist. Pfui Deubel!“
Aber auch das nahm ein Ende, denn der Reinliche und Anständige kommt doch schließlich immer wieder auf die Beine, wenn er auch mal Unglück haben kann. Da kam eines schönen Morgens der Weinbauer Jochen daher, mit seiner großen Wassertonne, die der Braune mit Hüh und Hott langsam ins Dorf zog. Am Teich machten sie halt, und ein Eimer von dem trüben Wasser nach dem anderen wanderte in die Tonne, bis sie voll war. Und dann trabte Bauer Jochen mit seinem Braunen wieder mit Hüh und Hott von dannen, hinaus zu den Weinpflanzungen. Da goß der Jochen das Wasser zwischen die Weinstöcke, und es sickerte in den Boden zwischen all dem Wurzelwerk, das von der Hitze ganz ausgedörrt war.
Da drang unser Tropfen durch die feinen Poren der Weinstockwurzeln langsam hoch empor in den Stamm, in die feinen Stiele, und endlich in die noch winzigen grünen Weinbeeren, durch die das helle Sonnenlicht hindurchschien. Da drinnen aber war es ganz merkwürdig. Wie in einer chemischen Fabrik. Das Sonnenlicht und die Sonnenwärme zersetzten das Wasser und die Stoffe, die es aus dem Erdboden mit heraufgebracht hatte, und ganz feine Ströme von Säften zogen hin und her und lösten endlich auch unseren Tropfen mit auf,so daß er Weinsaft wurde.
Und dann kam der Herbst! Da wurden die Blätter bunt, und überall wehten Fahnen, und geputzte Burschen und Mädel zogen in die Weinberge, und die Musikanten spielten einen lustigen Ländler nach dem anderen, denn es war Weinernte, und in ungeheuren Massen wanderten die vollen, süßen, reifen Trauben hinab von den sonnigen Höhen zu den Pressen, wo ihnen der Saft entzogen wurde, um in die Weinbottiche zu wandern, und endlich in die Fässer und später dann in die Flaschen.
So hatte auch unser Tropfen sich unter den Zauberkräften der Sonne in Wein verwandelt, und dann lag er lange Jahre in einer staubigen Flasche tief unten im Keller, wo die Spinnen ihre kunstvollen Netze zogen und die Mäuse wisperten. Dann aber hatte auch das ein Ende, denn der alte Doktor Ulebuhle schrieb an seinen Freund, den Weinhändler drunten am Rhein, er möchte ihm noch so ein Dutzend Flaschen senden von dem guten alten Rheinwein, und da wurde denn auch die Flasche mit herausgenommen, in der unser Tröpfchen so lange gefangen saß. Hier ist sie, ihr Racker, nun seht sie euch an!»
Damit langte der Doktor Ulebuhle hinter sich auf den Tisch und stellte eine verstaubte Weinflasche vor uns hin.
«So,» sagte er, zog schnalzend den Pfropfen aus dem grünen Flaschenhals und goß sein Gläschen voll, «nun habe ich mir die Zunge wund und den Gaumen trocken geredet, über den Wassertropfen und seine Abenteuer, und nun soll er selbst mich wieder laben und meinen Durst stillen, denn hier funkelt er golden im Glase. Wer’s aber nicht glaubt, der läßt es bleiben und trollt von dannen!»