AlsVorrede.

AlsVorrede.

Dialogim Censurdepartement des Polizeiministeriums im Lande derDissolving views1860.

Erster Sekretär.Gut, daß Sie kommen! Ich bin kein Engländer, und da ist unter den beanständeten Büchern eines mit einem englischen Titel. Ich habe, da ich gestern sowol hier als zu Hause zu fragen vergaß, im Flügel’schen Dikzionnär nachgesehen.Dissolve, auflösen, zertheilen. Undview, Ansicht. Das schien mir gleich auf zersetzende, destruktive Ansichten hinauszulaufen.

Zweiter.Ganz richtig; aber hier dürfte etwas Anderes gemeint sein. Wenn Sie weiter unten sehen wollen, — (schlägt das Dikzionnär auf) da steht:

Dissolving views, — analitische Prospekte; mittelst zweier magischer Laternen dargestellte Bilder, deren eines durch Zuziehen der einen und Aufziehen des entsprechenden Schiebers der andern Laterne allmälig einem zweiten, dritten Bilde weicht.

Dissolving views, — analitische Prospekte; mittelst zweier magischer Laternen dargestellte Bilder, deren eines durch Zuziehen der einen und Aufziehen des entsprechenden Schiebers der andern Laterne allmälig einem zweiten, dritten Bilde weicht.

Wir haben ja solche hier im Theater gesehen.

Erster.Das muß man eben wissen. Man kann nicht von uns prätendiren, daß wir auf alle erotischen Metafern der Romanschreiber eingehen. Haben Sie das Buch durchgesehen?

Zweiter.Sehr flüchtig.

Erster.Auch ich. Da ich heute Etwas darüber sagen muß und sehr überhäuft bin, so habe ich es, wie gewöhnlich, meiner Frau zu lesen gegeben, die auf alle beanständeten Artikel erpicht ist.

Zweiter.Das pflege ich auch meinerseits häufig zu thun. Und was sagt Ihre Frau Gemalin?

Erster.Sie sagt: der Roman sei Nebensache, bloße Emballage, um die Ansichten über gewisse Zustände und Personen einzuschmuggeln.

Zweiter.Sonderbar. Meine behauptet, der Verfasser habe dieses Element nur hineingemengt, um den Roman, der aber eigentlich keiner sei, zu illustriren.

Erster.Am Ende kann uns das gleichgültig sein. Uns ginge die Frage näher an, ob er viel gelesen würde? Und meine Frau leugnet das, und sagt, der Autor verderbe es mit allen Parteien.

Zweiter.Das ist doch ganz eigen! Meine ist vom Gegentheil überzeugt und findet, daß er es gerade mit der stärksten halte, überall der sogenannten Intelligenzhuldige. —

Erster.Sie werden doch hoffentlich diese Partei nicht die stärkste bei uns nennen wollen?

Zweiter.Ich erzähle Ihnen nur, was meine Frau sagt. Was geschieht also mit dem Buche?

Erster.Meine erste Impression war, daß es bei uns durchaus nicht aufliegen dürfe. Das Verbot läßt sich durch die Tendenz ganz allein hinreichend motiviren.

Zweiter.Wir brauchen ja Gott sei Dank überhaupt Nichts zu motiviren, was wir thun.

Erster.Ich meine auch nur dem Chef gegenüber. Aber die Sache hat eben zwei Seiten.

Zweiter.So fand ich auch. — Es ist eine fatale Geschichte. Lassen wir’s durch, so wissen wir, was sich Jeder beim Lesen denkt und am Ende glaubt man noch, wir haben’s nicht verstanden.

Erster.Und lassen wir’s nicht durch, so geben wir uns eigentlich eine ungeheure Ohrfeige.

Zweiter.Wie so?

Erster.Weil wir, wenn wir auch auf der Tendenz herumreiten, geradezu eingestehen, daß wir es auf uns beziehen, obgleich weder das Land noch der — — Eine noch der Andere genannt ist.

Zweiter.Ja wen meinen Sie denn?

Erster.Und wen meinen dennSie, daß ich gemeint habe?

(Die beiden Sekretäre sehen einander lachend an.)

(Die beiden Sekretäre sehen einander lachend an.)


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