Goldnebel.

Goldnebel.

Das Gewitter über dem Gebirgssee war vorüber. Fliehend zog das Wolkenheer nach fernen Thälern, versprengte Reste in den Klüften zurücklassend und das Banner der siegenden Abendsonne flammte auf den Felsengipfeln.

Manche Riesentanne lag auf der Höhe, wo die volle Gewalt der entfesselten Geister des Gebirgs gewüthet, niedergerissen von den Wirbeln des Wettersturms. Am Mittag war als erstes Schlachtsignal ein langer dumpfer Donner über das Thal hingerollt und fast bis zum Untergange der Sonne standen auf den Bergen die dunkeln Schaaren der luftigen Streiter, deren Schatten den See in Nacht hüllten.

So oft aber auch auf Erden der Kampf des Lichtes gegen die starre Finsterniß ein vergeblicher sein mag, am Himmel ist der Sieg der glänzenden Königin über die nächtigen Rebellen gewiß. Und als erst die kleinste Lücke in die schwarzen Massen gerissen, die erste Flammensalve der Sonne durch die Wolkenphalangen gebrochen war: da drang es herein, das uralte, ewig neue, freundliche Wunder, das Abendroth, unaufhaltsam die Felsenwände überströmend. Und nun brach sich’s feurig brandend auf der Höhe an einem durchsichtigen Damme von Tannen, welche wie flammende Christbäume in den Himmel hinausragten — floß wie Lava, nur verklärend statt zerstörend, über das Geröll und die steilen Wiesenhänge herab — drang waldeinwärts wie zur Verfolgung der geflüchteten Nebel in ihre letzten Schlupfwinkel und legte tausend Flämmchen an die dunkeln Baumstämme, als wäre der Hochwald erleuchtet von einem Fackelzuge der Berggeister zur Feier jenes Dichters, der da nicht geboren ward, sondern vom Anfangewar. — — Und nun senkt es sich in die Fluten des See’s, der noch hohe Wellen rollt und zerstiebt auf ihren überschlagenden Gipfeln in Millionen Goldfunken. — Längst ist oben reiner Gottesfriede, während es in der Tiefe noch rauscht und brandet.

Ein Schiffchen durchschneidet den vergoldeten Schaum. Die beiden Männer, die es trägt, haben beim ersten Nachlassen des Gewitters die Fahrt gewagt, und ihre glühenden Wangen bezeugen den Kraftaufwand, welchen der Kampf gegen Sturm undWellen erforderte. Während der Aeltere, ein Bewohner der Gegend, mit der Ruhe der Gewohnheit den Krieg so wie den Frieden der Elemente betrachtet, hat das treue, tiefe Auge des Jüngern Beides lebendig zurückgespiegelt.

Diese junge, kräftige Seele, die sich in diesem Augenblicke der siegreichen Macht des Körpers freut, empfängt alle Eindrücke rein und ganz, und gibt sie eben so wieder. Sie sieht noch nicht „ob jeder Freude schweben den Geier schon, der sie bedroht.“ Oder vielmehr der junge Mann hält ein sicheres Auge, eine feste Hand, eine gute Waffe für hinreichend, um den Räuber aus den Lüften herabzustürzen.

Seine Erscheinung bietet Nichts von Allem, was die Uebersättigung interessant nennt. Keine Künstlerlocken wallen um die Stirn, um beim Aufzucken eines unverstandenen Schmerzes, am Klavier oder an der Staffelei, geschüttelt zu werden: sein blondes Haar ist kurz und schlicht. — Keine Weltgedanken haben Furchen durch die glatte freie Stirn gezogen, keine Geschichte von gefallenen Engeln und geknickten Blumen ist auf seinen Wangen zu lesen, und jedes Weib, welches sich auf das Fach des „Dämonischen“ versteht, wird ein einziger Blick in die geistig jungen und doch ernsten, schönen, offenen Züge überzeugen, daß ihr in der lockenden Aufgabe, diesesGeschöpf Gottes zu verderben, noch keine zuvorgekommen.

Er hat während der Fahrt seine graue Lodenjacke zu dem im sogenannten Kränzchen des Schiffes liegenden grünen Hut geworfen und die Hemdermel hinaufgestreift; der Sprühregen, den der Wind von den Wellen hinwegpeitscht, näßt seine Brust und die glänzenden, steinernen Muskeln des Armes. Er freut sich, die volle Kraft ins Ruder pressend, der Kühlung, während der alte Schiffer seinen warmen Kittel zugeknöpft hat und über den heißen Uebermuth des jungen Reisenden lächelt, der ihm kein Fremder, da er in dessen väterlichem Hause vor Jahren gedient.

Das Bett des See’s, dessen ganze Länge der Nachen bei ruhigem glatten Wasser in einer Stunde durchmessen würde, krümmt sich in seiner Hälfte fast unter einem rechten Winkel. — Das Ufer des schmäleren Theiles — des sogenannten untern See’s — in welchem sich unsere Schiffer befinden, bilden nördlich die jäh abfallenden Wände des Wettersteines, — südlich steile Waldhöhen.

Dieses letztere Ufer bietet dem vom Sturme Ueberfallenen die rauhe, aber freundlich rettende Hand, während an der Felsenbrust des andern der sichere Untergang seiner harrt.

An einer einzigen Stelle hat ein Bach, welcher durch eine Einklüftung der Felsenwand in trockenen Monaten als Silberfaden herabrieselt, nach Regengüssen und im Frühling aber donnernd in den See stürzt, so viel Sand und Geröll herabgewälzt, daß sich ein etwa funfzig Schritte im Umfange messendes Stück sanft abgedachten Ufers gebildet hat.

Der Glückliche, welchen der Sturm gerade an diese Stelle treibt, hat den großen Lebenstreffer aus der schäumenden Urne voll Todesloosen gezogen und mag, von unersteiglichen Felsen umschlossen, hier harren bis der Sturm sich legt und eines der vielen den See durcheilenden Schiffchen ihn aufnimmt.

Ein rothes Kreuz, mit verdorrten Kränzen und Votivbildchen geschmückt, bezeichnet diese Stelle; unsere Schiffer richteten fast zugleich den Blick dahin.

Sie gewahrten zwei Gestalten, von Schiffbrüchigen oder vor dem Sturm dahin Geflüchteten, deren Bewegungen zeigten, daß sie bereits den Nachen entdeckt. Die Entfernung ließ an der weiblichen ein Gewölk schwarzer Locken, ein graues Kleid, ein weißes Tuch, einen weißen Arm, der dasselbe schwang, unterscheiden. Eine männliche neben ihr wirbelte mit heftigen Gestikulazionen ein an einen Stock gebundenes gelbes Sacktuch über dem Kopfe herum.

Nachdem der junge Mann im Schiffchen dieZeichen erwiedert, stand die Dame am Ufer ruhig, den Arm um das rothe Kreuz schlingend, während der Herr seine Telegrafie noch einige Zeit fortsetzte.

„Da sind wir gerade zurecht gekommen, Herr Arnold,“ begann der Schiffer, nach alter Gewohnheit den Vornamen des jungen Mannes gebrauchend, den er einst auf seinen Armen getragen — — „das ist die gnädige Frau, vom Freinhof. Das ist in dieser Woche das zweite Malheur. Vorigen Montag war sie mit zwei Herren auf dem Wetterstein. Es haben ihr Alle gesagt, daß der Nebel einfällt. Aber fort haben sie müssen und wie sie über den Erzbach hinaus waren, war der Nebel da. — Sie hat aber einmal hinauf wollen und über Ja und Nein waren sie in den Leckerstauden[1]und der eine von den Herren, ein Professor aus der Stadt, kegelt sich den Fuß aus. Zum Glück ist der Nebel nicht liegen geblieben und da hat der große Herr Knorr, der dort auf dem Fichtenkegel wohnt, den Professor ganz allein das Stück Weges über den Kräuterkamm auf die Tannenbachalm getragen, nachher zu uns herunter, dann haben wir ihn über den See auf den Freinhof geführt. Der Professor wird sich den Wetterstein merken und der Herr dort beimrothen Kreuz schaut mir auch darnach aus, als ob er vom See auf eine Weile genug hätte.“

Für Arnold, welcher die Gegend seit zwei Jahren nicht betreten hatte, war der Name „Freinhof“ ein fremder Klang. Der Alte gab die geforderte Aufklärung:

„Wenn wir die Herrenleute abgeholt haben, und um die Ecke kommen, in den obern See, werden wir den Hof gleich sehen. Die Gebäude sind im vorigen Sommer aus der Erde geschossen. Das Holz war da, denn der große Fabrikant aus der Stadt, Herr von Kollmann schreibt er sich, hat den ganzen Wald herum gekauft. Aber für die Ziegelfuhren haben sie eine Straße über die Föhrleiten gemacht. Bis zum ersten Schnee haben sie’s unter Dach gebracht, die gnädige Frau, der Herr Knorr heißt sie immer nur die schöne Frau Julie, ist alle Wochen zweimal herausgekommen und da hat die Arbeit fliegen müssen. Heuer im Frühjahr waren auch die Maler und Tapezierer in vier Wochen fertig und jetzt stehen die Gebäude da, daß einem das Herz lacht.“

Arnold hatte aufmerksam zugehört, strengte aber sein Auge vergeblich an, die Gruppe am Felsenufer, von welchem man doch nur etwa zehn Minuten entfernt war, deutlicher zu unterscheiden, da sie ihm plötzlich durch ein Phänomen verhüllt wurde, welchessicherlich Jedermann einmal zu beobachten Gelegenheit hatte.

Es fällt zuweilen, durch einen Riß in den Wolken, ein scharf begrenzter Lichtstrom, eine strahlende Feuergarbe herein, welche alles hinter ihr Liegende in einen blendenden Schleier hüllt. Ein solcher Streifen von Glanznebel legte sich zwischen das Schiffchen und das Ufer und erst als das leuchtende Hinderniß halb durchdrungen war, konnte Arnold die Gestalt der Frau wieder unterscheiden, welche, wie von Rosen übergossen, in Goldzindel gekleidet, wie das verkörperte Abendroth dastand.

Aber der glühendste Kuß der untergehenden Sonne war auch ihr letzter gewesen; ein Augenblick, und der Glanznebel verschwand, die Wölkchen an den Waldhängen, welche wie entzündete Baumwollflocken flammend aufstiegen, erloschen zu grauer Asche; über den Höhen schwebte noch eine warme Glorie, aber im Thalgrund über dem See lagen die blauen kalten Töne desAbends. —

Auch die feenhafte Goldhülle der schönen Frau, deren Züge Arnold nun deutlich unterschied, war wieder zum einfachen grauen Kleide geworden. Sie stand vorgebeugt am Rande des Gerölls und hatte die Arme über der Brust gekreuzt; ihre Blässe und das Zittern, welches die hohe schlanke Gestalt durchlief, verriethen den ungleichen Kampf zwischen der kleinen heißen Lebensflamme und dem kalten Hauche des Sees und des triefenden Felsens.

Arnold gewahrte dennoch ein freundliches Blinken der schwarzen Augen. Die leichte Geisterbrücke zwischen diesem räthselvollen Augenpaar und dem lichten offenen des jungen Schiffers war aufgebaut und ein froher Gruß der Seelen flog auf ihr vom Nachen ans Felsenufer und zurück.

Im nächsten Augenblicke fuhr das leichte Fahrzeug knarrend auf den Sand und Arnold stand mit einem Sprunge am Ufer.

Julie reichte ihm mit reizendem Lächeln die Hand und sagte: „In solcher Lage gibt es keine Fremden! Lassen Sie mich erst danken, wenn Ihr Werk vollendet ist. Wir waren noch zur rechten Zeit hier gelandet, und ich habe, als der Sturm nachließ, unsern Fährmann nach dem Hofe hinübergeschickt, um unsere große Barke zu holen. Ich will sie aber nicht erwarten, sondern bitte Sie, mich nur gleich von diesem treulosen Zufluchtsorte wegzuführen, der das Leben mit eisigen Händen langsam aus den Gliedern zieht,... der See verschlingt es wenigstens in einer Minute.“ — „Vor Allem,“ sagte Arnold, „nehmen Sie das Einzige, was ich Ihnen zum Schutze bieten kann, meine Lodenjacke“ — er langte sie aus dem Schiffchen und sie hüllte sich lachend darein mit zwei raschen Bewegungen voll Weichheit und Grazie — „und nun meinen weichen grünen Hut“ — sie drückte denselben auf die dichten Locken — „und nun einige Tropfen Rum aus meiner Feldflasche“ — sie führte sie an die Lippen, deren hohes Nelkenroth die Kälte nicht zu bleichen vermochte.

Die zwei Tropfen mußten hingereicht haben, das unter Schnee wallende Blut zu beflügeln: die Wangen färbten sich sanft und der Perlenschimmer des Auges verwandelte sich in Brillantglanz.

Sie beugte sich einen Augenblick über eine glatte ruhige Stelle des Wassers zwischen den Steinblöcken und betrachtete ihr herauflächelndes Spiegelbild mit dem grünen runden Hut und der grauen, grünverbrämten Jacke.

Arnold hatte noch kein schöneres Weib gesehen.

„Das steht mir doch zehnmal hübscher als alle die albernen Coeffüren, zu denen meine Haare die Französinnen der Residenz begeistert haben!“ rief Julie zurücktretend aus und wendete sich nun mit den Worten: „Aber jetzt schnell ins Schiff, lieber Hofrath!“ an den kleinen Mann, der früher das gelbe Tuch geschwenkt hatte und auf dem Sande herumtrippelnd, prüfend und kopfschüttelnd das Fahrzeug und die Wellen betrachtete.

Arnold hatte beim Landen seinen Gruß kaum erwiedert. Er war empört beim Anblick des in einen dichten warmen Plaid gewickelten Mannes, während die Frau in leichtem Kleide mit offenen Ermeln der kalten Seeluft preisgegeben war. Er sagte: „Für den Fall, daß der Herr Hofrath länger hier zu verweilen gedächte, könnte mein Fährmann seinen langen Rock zu den Schutzmitteln fügen, womit ich ihn bereits ausgestattetsehe.“ —

„Ich verstehe Sie ganz wohl, junger Mann, — erwiederte der Angegriffene — und Sie haben anscheinend Recht. Diese Dame wird aber selbst meine Rechtfertigung übernehmen. Vor der Hand erkläre ich nur, daß ich diesem Nachen um keinen Preis die Last einer vierten Person aufbürden werde, sondern das Schiff vom Freinhof abwarte, und bemerke, daß Sie am besten thäten, meinem Beispiele zufolgen.“ —

„Und wenn derGreat Easternselbst um jene Ecke gedampft käme, — rief Arnold, etwas heftig, gegen Julie gewendet, — so könnte er Sie nicht sicherer hinüberbringen, als mein dem Herrn Hofrathe so unheimliches Fahrzeug! Meinem heutigen Glück können Sie sich ruhig anvertrauen!“ — Er setzte im Geiste dazu: „Lassen Sie doch diesen Hasenfuß bleiben, wo er will.“

Julie war von Arnolds Hand gestützt ins Schiffchen gestiegen und rief dem Zurückbleibenden zu: „So leben Sie glücklich und zufrieden! auf baldiges Wiedersehen beim Thee!“ — und als der Schiffer schon abgestoßen hatte, wendete sie sich nochmals um, mit freundlich bittender Stimme rufend: „Guter, lieber Blauhorn! Werden Sie mir denn vergeben, daß ich durch meinen sträflichen Leichtsinn Ihr Leben in Gefahr gebracht habe? Nochmals auf Wiedersehen ohne Groll!“

Arnold, der keinen Blick von ihren Zügen verwendete, sah in den schwarzen Augen, wie sie zu dem kleinen, bleichen Hofrath hinüberlachten, ganz den gleichen Glanz, der darin geschimmert, als sie ihm, Arnold, bei der ersten Begrüßung und dem Sprunge ans Ufer die Hand geboten. — Hatten diese Augen nur einen Glanz, diese Mienen, wenn man so sagen darf, dieselbe weiche schmeichelnde Melodie für alle Menschen und Lagen?

„Sie haben — begann Julie — dem guten Hofrathe Unrecht gethan. Der Mann ist in seiner dreifachen Eigenschaft als Gatte einer schönen bösen Frau, als eingebildeter Kranker und als Mitglied der Kommission, welche unsere Finanzen in Ordnung bringen soll, ein beklagenswerthes Geschöpf, und wenn ich ihm meinen Plaid nicht aufgezwungen hätte, so lief ich die dreifache Gefahr, ihn in eine wirkliche Krankheit zu stürzen, der bösen Frau in der Untergrabung seines Lebens behülflich zu sein und den Staat auf unbestimmte Zeit seiner unschätzbaren Leistungen zu berauben. Ich stellte ihm also das Ultimatum, entweder den Plaid umzulegen oder denselben von meiner Hand ins Wasser fliegen zu sehen.“ — „Das entschuldigt allerdings den guten Hofrath — entgegnete Arnold — aber nicht minder ungerecht als meine Anklage ist sicherlich der Vorwurf, den Sie sichselbstmachten, als Sie von sträflichem Leichtsinn gegen sein Leben sprachen... konnten Sie den Sturmvorhersehen?“ —

„Der Vorwurf war nur gerecht. Ich bestand auf der Fahrt bei stark umwölktem Himmel und allen Anzeichen des herannahenden Gewitters. Und wenn mir — sagte sie mit ernstem Tone — die Folgen gleichgültig waren, so hatte ich wahrlich kein Recht, dasselbe von meinem Gaste vorauszusetzen.“

Es lag Etwas in Juliens ganzem Wesen, was den Eindruck verhinderte, den diese Worte unter andern Umständen, oder besser, aus anderem Munde, auf Arnold gemacht hätten — nämlich einen unangenehmen. Es war ihm unmöglich, ihr jene affektirte Gleichgültigkeit gegen das Leben zuzumuthen, in welcher sich manche in den glücklichsten Verhältnissen, wofür er die ihrigen hielt, lebende Frauen gefallen,und welche bei Gelegenheiten, wo es gilt, sich vorzüglich interessant zu machen, als förmliche Sterbesehnsucht auftritt.

Juliens Worte hatten aber das unverkennbare Gepräge des treuen Ausdruckes ihres Innern, und vielleicht war es die plötzlich auftauchende Besorgniß, sie falsch aufgefaßt zu sehen, was sie bestimmte, in heiterm, fast scherzendem Tone fortzufahren: „Ich nöthigte den unglücklichen Hofrath in den Nachen des Mannes, den alle Forellen des Sees unter dem Namen Fischerhans als böses Prinzip verabscheuen. Ich will nach dem Waldufer, es wird dunkel, der Hofrath beschwört mich ihm sein Leben zu schenken und Hans beantragt augenblickliche Umkehr. Ich lachte sie aus und bestehe darauf, wenigstens quer über die Bucht nach dem Hofe zurückzufahren. — Wenn wir’s nicht durchsetzen, sagt Hans, so treibt es uns in den untern See hinaus, und wenn der Wind gegen den Wetterstein umspringt, — — so haben wir, erwiedere ich, das rothe Kreuz, — wo wir landen. All das Gerede war aber schon vergeblich, mit dem ersten Donnerschlag fiel der Sturm ein, entführte meinen Strohhut, der Regen strömte herab, und nach einer Viertelstunde, in welcher jeder Augenblick der letzte schien, stießen wir so gerade und pünktlich auf den Sand am rothen Kreuz, daß ich Hans vollkommen Recht gebe, wenn er behauptet, mein Schutzengel allein habe das Schiff gelenkt. — Als der Sturm nachließ, befahl ich ihm nach dem Freinhof zu fahren, wo man nichts von unserer Fahrt wußte, und das Herrenschiff herzuholen. In der Zwischenzeit kam das schöne Abendroth, kam Ihr Nachen, dem ich mich nun anvertraut habe, obwol er um nichts besser als der fortgeschickte, — und ich freue mich, daß meine Erlösung nicht auf dem geraden, langweiligen, legalen Wege, sondern geradesogekommen,wiesie eben gekommen.“

Es schien Arnold bei Juliens letzten Worten, als ob die Augen doch nicht nureinenGlanz hätten. Es verstrichen ein Paar Minuten und er vermochte nicht das Gespräch am Ende des so freundlich dargebotenen Goldfadens anzuknüpfen. Nur eines Haares Breite lag zwischen der glücklichsten Antwort und dem schmählichsten Gemeinplatz.

„So viel ist gewiß, sagte er, daß Glück und Verdienst wieder einmal in grellem Mißverhältnisse stehen. Mir wird die Freude zu Theil, Sie in meinem Nachen zu führen, — aber erst nachdem die Vorsehung Sie aus der wirklichen Gefahr gerettet. Der schöne Traum einerRettungdurch mein Kommen läßt sich nun einmal nicht festhalten. Er ist verschwunden wie die Goldstickerei, welche der Glanznebel für mein Auge auf Ihr graues Kleid geworfen.“

„Das ist hübsch gesagt, erwiederte sie, — derselbe Goldnebel hat auch über Sie, als ich Sie durch ihn herankommen sah, so etwas wie einen Heiligenschein geworfen. — Wir haben nun unsere beiderseitigen Verklärungen abgestreift, so wie die Situazion alles Schauerliche. — Eine halberfrorne Frau, welche auf ihr Schiff wartete, hat vorgezogen, in dem Nachen eines jungen Mannes, der ihr seine warme Jacke anbot, nach Hause zu fahren. — Das ist Alles, was hinter dem Goldgewölke liegt.“

Ein Schatten von tiefem Ernst, der über ihr Gesicht flog, wich eben so schnell, als sie fortfuhr: „Wenigstens sehe ich, daß Sie ein echter Deutscher sind: Sie reflektiren, Sie lassen keine Freude bei sich einziehen, wenn sie sich nicht mit einem vom Verdienst gefertigten Passe legitimirt, und suchen die Stelle, wo der Regenbogen auf der Erde steht, zu ergründen, um sich zu überzeugen, ob er auch auf festem Boden ruhe!“

Der Vorwurf war ungerecht. Arnold reflektirte nicht, aber Juliens Worte gaben ihm erst den Stoff dazu.

Eine Antwort war nicht mehr möglich, denn in dem Augenblicke, wo nun das Schiff um den Felsenvorsprung bog, welcher die Bucht, an welcher der Freinhof liegt, bisher verdeckte, schmetterte durch das stille Halbdunkel ein Ruf — oder Ton — oder Aufschrei — wie ihn nur der begreift, welcher jemals einen Urbewohner der Berge aus voller Kraft der Lunge „jodeln“ gehört —... ein Jodler, der das Echo am Ende des Sees aus dem ersten Schlummer aufzuschreien zwang, — das ferne Waldufer nahm die Herausforderung an und nun scholl es zehnfach zurück von Berg und Fels und verklang endlich in sanfteren Tonwellen, welche von dem raschen Ruderschlage übertönt wurden, womit die stattliche, fest und zierlich gebaute Barke vom Freinhof herankam. In einer Minute hatte sie den Nachen Arnoldserreicht. —

Der Urheber des gewaltigen Jubelgrußes war aber kein Eingeborner der Gegend, sondern der vom Schiffer erwähnte „große Herr Knorr,“ welcher auf der äußersten Spitze des Vordertheils, gerade über den goldnen Buchstaben des Namens Julia stand, und mit einem braunen Sammtrock bekleidet und einem grauen, weichen, vielgeprüften Filzhute bedeckt, in ungeheurer Länge emporragte, wie der Rauchfang eines Dampfschiffes. Auf dem mittleren Sitze saß ein Mann in eleganter Sommerkleidung, das heißt, er war vom Hals bis zu den Kamaschen mit dem gleichen englischen Stoff von unbestimmter Farbeüberzogen und trug einen Panama-Hut mit Sammtband. „Kannst du denn, — rief er dem andern zu — dein höllisches Gejohle nicht lassen, wo du gar nicht weißt, ob es zur Situazion paßt!“ — Der Lange im Sammtrock lachte laut aus seinem struppigen Vollbart und sagte: „Zu meiner Situazion jedenfalls, und für die deine hindere ich dich nicht, jedes Geflöte und Gesäusel anzustimmen, welches dir passend scheint.“

Julie war beim ersten der vom Panama-Hut mißbilligten Töne rasch im Schiffchen aufgestanden mit dem Ausrufe: „Da sind sie, die Retter nach der Gefahr! — der gute närrische Knorr, vielleicht der einzige Mensch, der es ganz ehrlich mit mir meint — und der ewig fein sein wollende Reiland“... (es schien Arnold, als ob vor dem Namen Reiland noch das Wort „unausstehlich“ halblaut eingeschlüpft wäre).

„Willkommen, willkommen!“ scholl es von den aneinanderliegenden Schiffen. „Wir waren so fest überzeugt — rief Knorr’s gewaltige Baßstimme — daß Sie der See verschlungen, schöne Frau Julie, daß Herr Reiland bereits Trauer um seinen Hut gelegt, und ich einen meiner Revolvers mitgenommen habe, um mich beim rothen Kreuz nach Erhebung des Thatbestandes zu erschießen“ — er knallte dabei einen der Läufe gegen die Felsenwand los — „undnun eine Jubelfanfare für die glückliche Rettung“ — — er setzte ein chromatisches Posthorn an den Mund, und ein Geschmetter, welches den vorigen Jodler zu Schanden machte, fiel mit dem Wiederhall der Pistole zusammen.

„Aber um Gotteswillen, lieber, lieber Knorr — bat Julie mit aufgehobenen Händen — jetzt ein Ende mit Ihrem gräßlichen Unsinn! Geschwind fort, zum rothen Kreuz, dort finden Sie den verzweifelnden Blauhorn, den Sie auf der Heimfahrt mit Schießen und Blasen sein Elend vergessen machen sollen.. Guten Abend, lieber Reiland! Adieu! In einer Stunde im Schweizerhaus!“

Der Genannte verbeugte sich mit einem Blick, in welchen er ehrerbietige Zärtlichkeit, feines Bedauern über Knorr’s Auffassung der Situazion und noch vielerlei Anderes zu legen gedachte. Knorr aber rief den vier Ruderern ein Vorwärts! zu, und die Fahrzeuge flogen in entgegengesetzter Richtung auseinander.

Arnold hatte Welt genug, um manche auf seinen Lippen schwebende Frage zu unterdrücken. — Knorr’s vertrauliches „schöne Frau Julie“ hatte ihn eben so unangenehm berührt, als Reilands süßes albernes Augenspiel. — — Und wieder in Juliens Zügen das gleiche frohe Aufleuchten beimGruße. — —

Mit einem ihm unerklärlichen Uebergange hattesich nach der Begegnung mit der Barke ihr ganzes Wesen verändert. Es war, als ob, wie auf den Berggipfeln, auch in ihr der letzte Funke der Abendglut verlöscht wäre.

Sie sagte: „Legen Sie Ihr Ruder weg und lassen Sie dem Fährmann allein die Mühe. Setzen Sie sich zu mir, — wir kommen doch noch vor den Andern nach Hause.“

Es läßt sich denken, daß Arnold schnell und freudig gehorchte.

„Da haben Sie, fuhr sie fort, ein Bild meines Lebens: — ein Ort, der die Heimat des Friedens scheint, und aus dem doch alle Ruhe verbannt ist. — Wenn ein Augenblick einer ruhigen frohen Träumerei kommt, so fährt ein greller Mißlaut dazwischen, wie jetzt der tolle Lärm dieses guten Menschen, und doch verletzt dieser mich hundertmal weniger als manches Lied mit oder ohne Worten, dessen Ton rein und dessen Sinn falsch ist — und das ich doch anhören muß.“

Sie erschien Arnold mit jedem Augenblicke schöner, als sie, den Lockenkopf senkend, mit schmerzlichem Lächeln vor sich hinsah.

Er erwiederte: „Und doch ist nun auch dieser grelle Mißlaut verklungen, und so muß es jeder andere, wenn Sie ihn nicht in Ihrer Seele nachklingenlassen. Ich vermag nicht über frohe und schmerzliche Bewegungen in Ihrem innern und äußern Leben zu urtheilen, aber daßSiedie Gabe besitzen müssen, jede Dissonanz in den Akkord zu lösen, wenn Sie nur ruhig wollen, davon bin ich fest überzeugt.“

„Ruhig wollen?“ wiederholte sie — „Ich kann mir nur ein heftiges, heißes Wollen denken.... wer Ihr Mittel besitzt, der bedarf seiner schon nicht mehr!“

Sie schwieg einen Augenblick, wendete sich gegen ihn und sprach mit leiser Stimme, aber jedes Wort betonend und langsam: „Könnten denn Sie Jemanden — — so recht innig — vom Grund des Herzens — bis in den Tod — — unversöhnlich hassen?“

Mag man es einen Wahnsinn nennen, daß Arnolds Blut heiß aufwallte und zum Herzen drang, als die Worte, so langsam einander folgend, jedes die Erwartung des folgenden spannend, über die wunderbar reizenden Lippen traten.

Konnte er sich denn auch nur träumen lassen, daß statt „hassen“ ein anderes Wort schließen würde? — Undwennes kam — — hätt’ er sich dessen freuen können? — War er der Mann, der ein Glück in einem flüchtigen Abentheuer fand, wenn die Frage von der schlimmsten, rasch auf ihr Ziel hinsteuerndenKoketterie eingegeben war? — und welche Erklärung hätte es gegeben für einesolcheFrage an einen jungen Mann, den die schöne Frau eine Stunde lang nichtkannte, sondernsah? welche Erklärung, die nicht dem Paradiesvogel ihrer Anmuth die schönsten Schwungfedern, dem Schmucke ihres Geistes die glänzendsten Juwelen ausgebrochen hätte?

Doch dasandereWort kam ebennicht, und einen Augenblick später freute er sich dessen.

Seine Wangen waren aber mit einer im Abenddunkel freilich nicht sichtbaren Glut übergossen, als er bei der Dissonanz, womit die Frage schloß, erst klar fühlte, welchen Klang er erwartet... welche Gedankensünde er gegensiebegangen.

Sie war ihm zu verzeihen. — „Ich möchte — sagte er, vor AllemSiefragen, wie kann ein so harter, wie ein dreischneidiger Dolch geschliffener Gedanke aus weichen Frauenlippen kommen?“

„Vielleicht, entgegnete Julie, — ist eben nur eine Frau in ihrer Schwäche eines solchen fähig; ich habe die kräftigsten Charaktere stets am versöhnlichsten gefunden, vielleicht mit Ausnahme einesEinzigen.“

„DerZweite, rief Arnold, bin nichtich! Ein dreifaches Nein! Ein Haß, wie Sie ihn malen, ist ein Ungeheuer unter den menschlichen Gefühlen, istvielleicht die einzige, durch nichts zu tilgende Schuld gegen die Menschennatur! Ob ich zu den kräftigen Charakteren in Ihrem Sinne gehöre, vermag ich nicht zu entscheiden; die Ziele und Hindernisse, an denen ich meine Kräfte zu messen habe, liegen noch vor mir. Daß ich mir aber kein Verbrechen denken kann, das nicht endlich gesühnt werden, — und so auch keinen Haß, der nicht endlich erlöschen könnte, das ist wahr — so wahr, daß ich Sie — Vergebung meiner Offenheit! — innig beklagen würde, wenn Sie das, was Sie aussprachen, in seiner furchtbaren Bedeutung, in seiner ganzen tödtlichen Kälte zu fassen, zu begreifen vermöchten!“

War es doch das Nachzittern des nicht gesprochnen „andern“ Wortes, das ihn so heiß gegen den kalten Haß reden ließ?

„Es wird eine Zeit kommen, entgegnete Julie ruhig, wo Sie meine Frage, die Sie befremden muß, begreifen, — wo Sie auch den Grund derselben nicht hören, sondern so zu sagen mit erleben. Ich glaube, Sie werden unserem Hause, werden mir nicht fremd bleiben. — Daß Sie den Freinhof heute nicht verlassen, sondern die Gastfreundschaft annehmen, welche Ihnen dessen Besitzerin anbietet, versteht sich von selbst. Erst jetzt, da ich Sie den Bekannten, die Sie treffen,vorzustellen wünsche, bitte ich Sie mir zu sagen, welchen Namen ich nennen darf.“

„Ich heiße Arnold Korbach und theile letzteren Namen mit der Besitzung meines Vaters, dem Korbachthale, sechs Stunden von hier, wo unsere Metallfabrik liegt. — Ich habe mehr als ein Jahr auf der Reise in Begleitung eines Freundes meines Vaters zugebracht und wollte, nachdem ich nach der Rückkehr einige Tage bei den Meinigen verlebt, mit dem heutigen Nachttrain nach der Residenz, wo ich noch ein Jahr künstlerische und technische Studien betreiben werde, um dann die Leitung unserer Werke zu übernehmen.“

— „Ihr Name war für mich kein fremder Klang. Ich hörte Ihres Vaters bei vielen Gelegenheiten auf eine solche Weise erwähnen, daß ich mich nun doppelt freue, den Sohn eines von allen Rechtlichen so hochgeachteten Mannes kennen zu lernen. Der schwere Schlag, welcher im vorigen Jahre Ihr Haus durch den Tod Ihrer würdigen Mutter getroffen, deren segensreiches Wirken in weiten Kreisen bekannt war, hat innige Theilnahme auch bei denen erregt, welche sie nicht persönlich kannten.“

— „Die Kreise, von denen diese mir wohlthuenden Worte gelten, sind zwar höchst achtungswürdige, aber wohl kaumweite. Man kannte meineMutter als die Gründerin der protestantischen Kolonie in Korbach, kennt meinen Vater als den Beschützer derselben, — als freisinnig, — verzeiht ihm in gewissen Regionen nicht, daß er, selbst Katholik, meine Schwester und mich im Glauben der Mutter erziehen ließ, und — ich werde mich nicht täuschen, wenn ich annehme, daß bei dem hier zu Lande herrschenden Geiste die Zahl Derer, welchen ein Unglück unseres Hauses Freude bereitet, größer ist als jene der freundlich Theilnehmenden.“

— „Ich hörte auch indiesemSinne sprechen, und Sie können auf Ihre Feinde nur stolz sein. Glücklich, der in unabhängiger Lage sich des Beifalls der Guten freuen kann, ohne den Haß der Schlechten zu scheuen.Sieathmen Freiheit! Ein Wort, das mir wie eine ferne Kindheitserinnerung klingt. — Der Schlag der Hämmer in Ihren schönen Werken, deren blühenden Zustand Alle preisen, mag all’ dieß feindliche Gerede übertönen. Es freut mich, Sie gerade dieser Bestimmung entgegengehen zu sehen. Das Bild der Metallfabrik stimmt für mich zu Ihrem Wesen. Ich konnte mir Sie nicht am Schreibtische als Beamten, eben so wenig als künftigen Advokaten, Literaten, kurz als ein Mitglied der schreibenden Welt denken. — Nun sind wir im Augenblick zur Stelle — — in einiger Zeit wird Knorr auf Ihr Zimmerkommen, Sie ins Schweizerhaus zu begleiten.. vergessen Sie einstweilen meine seltsame Frage — urtheilen Sie überhaupt heute nicht über mich, Sie würden es vielleicht widerrufen müssen.“

Arnold drückte die dargebotene Hand. Sie waren gelandet; Hausleute und Diener des Freinhofes drängten sich unter Aeußerungen der Freude um Julie, welche freundlich dankte, Arnolds Jacke abstreifte, die sie ihm lachend über die Schulter hing und, von einem Mädchen gefolgt, nach der Mitte der Gebäude zuschritt. — Ein junger Diener in Jagdlivree hatte Arnolds Reisetasche demselben vorgetragen und führte ihn nach links, einige Stufen hinan, über einen hölzernen Gang, dessen geschnitzte zierliche Säulen, von Schlinggewächsen umsponnen, das vorspringende Dach trugen, in ein im bekannten Stile aller eleganten Chalets gehaltenes Zimmer, wo ihn aller Comfort empfing, welchen Reichthum und Geschmack vereinigt dem Gaste zu bieten vermögen. — Der Erzähler dieser Geschichte weiß, was er selbst und Tausende seiner Mitgeschöpfe unter Lokalitäten-Beschreibungen gelitten. Dieses mitleidslose Herumzerren durch Haupt- und Nebengebäude, das Inventarium sämmtlicher Einrichtungsgegenstände, meistens nur zu dem Zwecke, die Begabung des Autors als Dekorateur und seine Fachstudien im Tischler- und Tapazierer-Handwerkzur Schau zu stellen — — dieses Alles bildet ein dem Gesetze nicht erreichbares Vergehen gegen die Sicherheit des arglos vertrauenden Lesers, welches als Mißbrauch der schriftstellerischen Amtsgewalt zu bezeichnen wäre.

Dieser Ansicht gemäß sei hier der reizende Freinhof mit der rücksichtsvollsten Kürze gezeichnet.

Auf der vom Seeufer sanft aufsteigenden Anhöhe, an den Waldhang gelehnt, steht das Schweizerhaus, Juliens Wohnung, — ein Stockwerk hoch, von uralten Tannen überragt.

Der feste steinerne Unterbau enthält zwei Dienerwohnungen, eine Küche und Kammern; der obere Theil, aus röthlich braunem Holze, zwei große Zimmer nach dem See hin, welche als Gesellschafts- und Musiksalon dienen, und vier kleine Piecen nach der Waldseite: Juliens Schlafgemach, ihr Boudoir, ein Bibliothekzimmer, ein Maler-Atelier.

Offene Gänge mit schlanken hölzernen Säulen und leichtem Dache verbinden das Schweizerhaus mit den beiden ebenerdigen Flügeln. An den hohen Bogenfenstern dieser aus rothen Ziegeln aufgeführten, mit grauem Schiefer gedeckten Gebäude läuft, in der Höhe von sechs Stufen, eine Gallerie hin, über welche wir, und zwar im linken Flügel, der die Fremdenzimmer enthält, bereits Arnold begleitet haben. —Den rechten Flügel bewohnt der Herr des Hauses bei seinen in den ungleichsten Zwischenräumen stattfindenden Besuchen des Freinhofes.

Etwa hundert Schritte von diesem Flügel, durch Baumgruppen von den Wohngebäuden getrennt, durch eine schattige Zufahrt mit denselben verbunden, liegen die Wirthschaftsgebäude.

— — — Julie war vor ihrem Mädchen die Treppe hinaufgeflogen in ihr Boudoir, hatte sich auf die Ottomane geworfen, und lag einige Minuten regungslos, ein Marmorbild, mit geschlossenen Augen da. Das Mädchen stand schweigend und betrachtete sie mit sanftem mitleidigen Blick; sie sah dieses Bild wohl nicht zum erstenmale. Julie schien nach einiger Zeit aus einem Mittelzustande zwischen Schlaf und Ohnmacht zu erwachen, und sagte leise und freundlich: „Nimm die Lampe weg, Martha, und komm in einer halben Stunde“ — und als sie im dunkeln Gemach allein war, drückte sie das Gesicht in die Kissen und zog, von Fieberschauer geschüttelt, einen Shawl fest um sich. Ob der zitternde Athem, der fliegende Puls, — ein Schmerzenslaut, der sich aus ihrer Brust rang, von einem Leiden des schönen Körpers, ob von einer tieferen, nur in einsamer Minute die Fesseln brechenden Seelenqual herrührten? — Vielleicht würde, hätte er sie belauschen können, derjenige die rechteAntwort getroffen haben, der sie doch nur eine Stunde lang kannte, — Arnold, wenn anders der Wunsch zu errathen die Fähigkeit des Errathens schärft.

Seele und Sinne hatten in der kurzen Stunde einen tiefen Eindruck empfangen. Er war aber gewohnt, keinen Eindruck in träumerischem Halbdunkel zu lassen: er war vor Allem wahr gegen sich selbst. Mit bestimmten Fragen beleuchtete er jedes nebelhafte Gebild in seinem Innern, bis es Gestalt und klaren Umriß gewann, und dann ward es warm im Herzen gehegt oder kalt abgestoßen.

Er fragte sich: Kannst du dich einer Empfindung entsinnen wie die, welche diese Frau in dir erregt? — Nein. — Kannst du dieses Gewoge von Eindrücken, welche dich während dieser Spanne Zeit bald erfreuten bald verletzten, Liebe nennen? — Nein. — Wie nennst du es also? — Er fand aber keine Antwort.

— Nachdem er sich in seinem Zimmer eingerichtet und den Inhalt seiner Reisetasche, — Zeichenmappe, Tagebuch, — geordnet auf dem Tische lagen, trat er ans Fenster und sah nach dem stillen See hinaus. Die Bilder des Abends begannen den dunkeln Raum vor seinen Augen zu füllen: er duldete dießmal die Träumerei und stellte sich keine Fragen mehr.

Alle glänzenden und bleichen Bilder verschwanden aber plötzlich, wie Geister beim Hahnenrufe, bei den Tönen, welche die Ankunft Knorrs und seiner Gefährten verkündeten.

Er sah sie landen und sich nach dem Fremdenflügel wenden, — trat vom Fenster zurück und in der folgenden Minute wurde die Thür aufgerissen und Knorr schritt herein.

Seine Erscheinung war darnach angethan, um Arnold vollends aus seiner Gedankenflut auf den festen Boden der Wirklichkeit zu heben. Knorr aber mußte den festen Boden mit wirklichem Wasser vertauscht haben, denn dasselbe triefte noch von seinen am Leibe hängenden Kleidern, rieselte von den Haaren, perlte im Bart, und die damit gesättigte Hutkrempe hing schlaff über die Stirne. Er warf das formlose Filzgebilde in einen Winkel und sich selbst in ein Fauteuil, mit den Worten: „Ich schlage vor, uns einander nicht vorzustellen, überhaupt unsere Bekanntschaft gar nicht anzufangen, sondern bloß fortzusetzen.MeinenNamen hat Ihnen Frau Julie bereits gesagt und jedenfalls ein Beiwort angefügt, welches näher oder ferner mit dem Begriffe von „verrückt“ verwandt ist. Ich dagegen sah Sie zum erstenmal, als Sie aufs Aufopferndste bemüht waren, eine schöne Frau im Dunkeln über einen See zu fahren.“

„Welche aber, unterbrach ihn Arnold, Ihren Namen nicht bloß in Begleitung des obigen Beiwortes, sondern auch mit einem Zusatze nannte, welcher beweist, wie hoch Sie in ihrer Meinung stehen.“

„So hoffe ich,“ sagte Knorr, „und was nochmals das Beiwort betrifft, so ist im Freinhof und im übrigen Europa die Grenze zwischen verrückt und gescheidt noch nicht ausgemitteltworden.“ —

„Jedenfalls, rief Arnold, müssen Sie vor Entscheidung dieser Grenzfrage trockene Kleider anziehen und das sogleich, sonst müssen Sie krank werden.“

„Auch das wünscht’ ich der Neuheit wegen einmal zu versuchen, sagte Knorr, und unserm Doktor zu Lieb, der bei dem Gesundheitszustand dieser Gegend sein Dasein bloß durch Wilddiebstahl fristet. Mit mir hat es aber keine Gefahr: ich werde trocknen, indem ich Ihnen erzähle, warum ich naß bin. Die hölzerne Julia, weniger leicht gebaut und eben so unberechenbar wie ihre lebendige Namensschwester, war nicht dicht ans Ufer zu bringen. Wollte man alle Gewalt anwenden, so verrannte sich der tiefe Kiel in den Sand, oder die Julia keilte sich zwischen die Steine und nahm Schaden, und der Hofrath, Reiland, die Schiffsleute und ich konnten als sieben linke Schächer über Nacht am rothen Kreuz hängen. Da Herr von Blauhorn zu weinen anfing, that icheinen Satz ins Wasser, nahm ihn auf die Schulter und schritt, wie der große Christof mit dem Weltheiland, auf die Julia zu. Da geräth mein linker Stiefel auf einen lockern Stein, die ganze Gruppe stürzt in sich zusammen und ich liege, meiner vollständigen Länge nach, auf dem Rücken im hochaufspritzenden Gewässer und habe die Selbstverleugnung, in dieser Verfassung meine Bürde mit den Armen über meiner Brust in die Luft zu halten, bis die Schiffsleute dieselbe übernehmen. Das Wasser, welches da von mir wie von einem Regenschirm abtropft, war Zeuge dieserThat.“ —

Arnold fühlte sich von der ehrlichen Seele, die aus den großen, derben Zügen des Erzählers leuchtete, angezogen, und sagte: „Sie haben scherzend erzählt, und im Ernst sehr schön gehandelt.“

„Ich denke wohl“ — erwiderte Knorr, seinen Filz ausdrückend und schritt von dannen, da Arnold entschieden auf dem Kleiderwechsel bestand und seine Begleitung in das Schweizerhaus ablehnte.

Es verging eine halbe Stunde, bis sich die Fenster desselben erhellten. Er sah nach und nach mehrere Gäste des Freinhofes von seinem Flügel aus hinübergehen. Der Diener hatte erzählt, daß ein Theil der Gesellschaft, auf einem anderweitigen Ausfluge gleichfalls vom Gewitter überrascht, fast gleichzeitig mit Arnold angelangt war. — Er folgte nach einiger Zeit, und als er über die von außen auf die Gallerie des Schweizerhauses führende Treppe an das erste offene Fenster des Salons gelangte, wurde er, aus dem Dunkel kommend, von dem Glanz geblendet, der ihm entgegenstrahlte.

Die sechs Kristallkugeln der Hänglampe im Verein mit der großen Lampe des Theetisches gossen fast überreiches Licht über den behaglichen Raum. Die Geister Aladins schienen einen kleinen Salon der Residenz mit seinem ganzen weichen, glänzenden, warmen, duftenden Inhalte aufgehoben, über die Berge hingetragen und in die braunrothen Wände des Schweizerhauses niedergesenkt zu haben.

Er überblickte die Gesellschaft. Auf dem Ecksofa am Theetische war Reiland um eine blonde junge Frau beflissen, welche ihm zerstreut zuhörte und die lebhaften Augen klug und beobachtend von einem Mitgliede der Gesellschaft zum andern fliegen und nur manchmal auf ihrer Häckelarbeit ruhen ließ. Ihre Gestalt und Haltung machte den Eindruck der Selbstständigkeit und Entschiedenheit, welcher durch weiche, schöne Züge gemildert wurde. Das Fauteuil neben ihr besetzte ein Herr, in dessen Zügen nebst der entschieden günstigsten Meinung von sich selbst, auch die Kurse von Kredit und Nordbahn zu lesenwaren. Er demonstrirte irgend Etwas mit großer Lebhaftigkeit einem vor ihm stehenden Husaren-Obersten und einem dürren, scharf und falsch blickenden Geistlichen. An einem Seitentischchen im Journal lesend, saß Knorr in einem, dem riesenhaften schwarzen Holofernes-Kopfe zur besondern Folie dienenden weißen Drill-Anzuge —, das Höchste, was er an „Staat“ entwickelte, wenn es galt zu repräsentiren, wie bei den seltenen Besuchen, womit er, und zwar erst in neuerer Zeit, den Kollmann’schen Salon beehrte. Ihm gegenüber der Hofrath, blaß und in sich zusammengeschrumpft, mit Bleistift in seine Tablettes schreibend. Zwei schöne Mädchen von etwa sechszehn und achtzehn Jahren schwätzten mit einigen jungen Leuten, deren Schablonengesichter durch die Gebirgstracht, die sie zum Freinhofbesuch angelegt, noch unbedeutender als gewöhnlich erschienen.

Einen Augenblick fühlte sich Arnold von der ganzen fremden Welt, die ihm durch die leichten Vorhänge entgegenglänzte, so abgestoßen, daß ihn der Gedanke anwandelte, auf seine Zimmer zu gehen, einen Brief mit Dank und Lebewohl an Julie zu schreiben, und dann — die Reisetasche gepackt — in die Nacht hinaus — über die Föhrleiten zum Bahnhofe... Der Abend sollte dann ein für sich bestehendes Bild, das mit seinem früheren und späteren Leben nicht zusammenhing, sollte nur die letzte und schönste seiner Reiseerinnerungen bleiben.

Doch fühlte er schnell das Unpassende eines solchen Benehmens. Hätte er sich mit gewohnter Gewissenhaftigkeit befragt, so hätte die Antwort gelautet: du bleibst nicht weil das Gehen unpassend ist, sondern weil du sie nochmals sehen willst.

Er trat ein; die Gesellschaft ohne sie schien ihm ein Wachsfigurenkabinet. — Nach leichter Erwiederung seines leichten allgemeinen Grußes kümmerte sich Niemand um ihn, außer Knorr, welcher aufstand, ihn in ein Fenster zog und sagte: „Studiren Sie sich die Gesichter und sagen Sie mir aufrichtig, welches Ihnen das unausstehlichste wäre.“ Arnold lächelte und entschied für den Geistlichen. „Ins Schwarze getroffen! — sagte Knorr. — Uebrigens wird noch der Herr des Hauses in der Nachterwartet.“ —

Jetzt flog die Thür des Boudoirs auf, und im hellblauen Kleide, rothe Mohnblumen im Haar, trat Julie herein, mit leichtem elastischen Schritte, ein strahlendes Lächeln um die frischen Lippen, Rosenflammen auf den Wangen, Liebreiz und frohes Leben in jedem Zuge des Gesichtes, jeder Wellenlinie der Gestalt, und das Siriusfeuer ihrer Augen durchflog elektrisch den Kreis, der sich um sie zusammendrängte.

In den ersten drei Minuten waren auf jedender Anwesenden von der Springflut ihrer Begrüßungsworte einige Tropfen gefallen: Jeder mochte das Gefühl des Bevorzugtseins haben. Eine Umarmung der blonden Frau, ein Handreichen an den Obersten, den Banquier und Knorr, eine für den feineren Beobachter fast ironische Verbeugung vor dem Geistlichen, zwei Küsse auf die beiden Mädchenstirnen — — das folgte einander in leichtem Fluge, wie wenn der Wind die Blüten vom Baume weht. — Und nun klangen die Stimmen in jenen Chor zusammen, welchen manchmal eine Gesellschaft in dem Moment anstimmt, wo ein Alle gleichmäßig berührender Gegenstand wie das heutige Gewitter und die Wechselfälle der Seefahrt sich darbietet, den nun Alle wie einen Ballon aus den Raquettes des Gespräches umherfliegen lassen und dem Nachbar zuwerfen, bis Jeder seinheureux mot, seine Frase los geworden.

Julie durchbrach den Kreis, ging auf Arnold zu und führte ihn an der Hand zum Sofa mit den Worten: „Wir haben heute zusammen die Launen eines treulosen Elementes getragen, nun bleiben Sie mein Nachbar und ruhen Sie hier im Genusse, den jedes überstandene Leidengewährt.“ —

Arnold, der um die Welt gern wieder auf dem treulosen Elemente gewesen wäre, entgegnete: „So erquicklich auch die jetzige Lage, so wüßte ich dochnicht, daß sie vor jener, die Sie als überstandenes Leiden betrachten, für mich einen andern Vorzug hätte, als den, Sie selbst in schöner, behaglicher Sicherheit zu sehen.“

„Nun müssen Sie noch dazusetzen — sagte Julie, daß für den Mann der Kampf mit den Fluten beglückender ist als der Frieden am Samovar, und beidem ist genügt, sowohl der Galanterie, die Sie im Westen gelernt, als dem Stückchen Nordlandsrecke und Junker Frithiof, das Sie aus der Heimat mitgenommen und, in seiner besten Bedeutung, wieder zurückgebrachthaben.“ —

„Wie kann man einen so traurigen Namen haben? wer heißt doch Friedhof!“ rief der Banquier Hr. v. Wörlitzer aus; und da gewisse Fragezeichen auf der Stirn des Obersten und des Hofraths verriethen, daß auch sie sich nicht in der Lage befanden, das Mißverständniß zu lösen, so nahm Reiland das Wort und sagte: „Herr von Plomberg, der Mann des Schwertes, ist durch seine Thaten auf dem Schlachtfelde der Verpflichtung enthoben, die erdichteten der altenGermanenzu lesen, und sowohl der Herr Hofrath, als Herr von Wörlitzer, der Mann des allbeherrschenden Goldes, dürften bei ihren reellen Geschäften kaum Muße finden, sich mit den Nebelbildern altdeutscher Poesie zu befassen.“

„Gehorsamer Diener, rief der Oberst, meinen Sie vielleicht die Thaten im letzten Feldzug, wo mein Regiment immer da stand, wo es kein Mensch brauchte? In den Stunden unsers müßigen Zuschauens, wo wir uns nicht rühren durften, wenn unsere Leute unter unsern Augen zusammengehauen wurden, hätte ich den ganzen Junker Friedhof oder wie er heißt zehnmal auswendig lernen können!“ — Das Gesicht, welches Knorr bei Reilands vermittelnder Anrede aufgezogen hatte, läßt sich nicht beschreiben. „Da haben wir das tägliche Brot, die Politik,“ brummte er vor sich hin.

Und so kam es auch. In wenigen Minuten hatte sich das Gespräch der Tagesfragen bemächtigt und trug den Charakter jener allgemeinen Verstimmung und Gereiztheit an sich, welcher seit dem letzten Friedensschlusse auch die konservativsten Elemente ergriffen hatte. Der Oberst, der Geistliche, der Banquier, der Hofrath konnten als Vertreter der Stände gelten, welche die Grundpfeiler des Bestehenden vorstellen, aber Alle waren darüber einig, daß die öffentlichen Zustände beklagenswerther geworden als je, mit dem Unterschiede, daß der Soldat und der Geistliche das Heilmittel in einem entschiedenenRückwärtserblickten, — der Banquier in einem entschiedenenVorwärts, während der Hofrath zwischen den Kontrasten durchlavirte.

Besonders lebhaften Antheil nahm die blonde junge Frau, welche, als dieses Thema auftauchte, in kurzen scharfen Sätzen die Meinungen zusammenfaßte, und den beurtheilten Personen und Verhältnissen jene schonungslosen Bezeichnungen gab, welche die Standeskonvenienz den Männern verbot. Das Gespräch durchlief seine natürlichen Stadien der Gährung und endigte, wie all’ die Tausende seinesgleichen, mit dem Refrain: „So kann es nicht bleiben.“

Bald nach Beginn desselben hatte Julie sich erhoben, Arnold gewinkt ihr zu folgen und ging mit ihm in den Musiksalon, wo sie sich in eine Causeuse in der Fensterecke setzte.

„Wir sehen unsnunerst eigentlichwieder, — begann sie, denn bei der Gesellschaft draußen waren Sie mir so ferne als in Ihrem Zimmer im Fremdenflügel. Waren Sie denn nicht überrascht, fuhr sie lächelnd mit Selbstironie fort, mich als Rose wiederzufinden, nachdem Sie mich als Lilie verlassen hatten?“

„Ich gestehe, daß entweder die natürlichen Umwandlungen Ihres Wesens wunderbar rasch vor sich gehen, oder daß Sie eine, ich möchte sagen, übermenschliche Kraft besitzen, um so zu scheinen — —denn was kann eine Frau, welche angegriffen, leidend, nach einer bestandenen Lebensgefahr zurückkehrt, bewegen, eine Stunde später eine solche Fülle von geselliger Liebenswürdigkeit zu entwickeln, während ihr vielleicht die Einsamkeit ein Labsal wäre, — und einen Frohsinn — verzeihen Sie mir den Ausdruck, — zurSchauzu tragen, der Sie, wenn ich nach dem Eindruck der kurzen Seefahrt über Ihr Wesen urtheilen dürfte, ein Opfer kostet, — — das Diejenigen, denen es gebracht wird, kaum zu erkennen scheinen?“

Julie sah ihn überrascht, — sinnend, — erfreut an und sagte:

„Genug, ichbesitzediese Kraft; was mich bewegt, sie anzuwenden, wird Ihnen so wenig ein Räthsel bleiben, als meine befremdende Frage auf der Heimfahrt.“

„Ein Räthsel ist mir der ganze heutige Abend, von dem Augenblicke an, wo ich Sie am Felsenufer begrüßte, bis zum jetzigen. Der Freinhof selbst war ja wie ein Märchen vor mir aufgetaucht an einer Stelle, von welcher mir, als ich sie vor Jahren betrat, nur das Bild der tiefsten Einsamkeit und Abgeschiedenheit geblieben. Ihre Worte aber, aus der Luft des freundlichen Scherzes in geheimen Tiefen tauchend, klingen mir, wenn auch alsungelösteRäthsel, in der Seele nach, und werden mich begleiten, wohin mich das Leben auch führe. Eine Unwahrheit wäre es aber, wenn ich sagte, daß der Eindruck, den ich mitnehme, ein froher, glücklicher ist. Sie sind beidesnicht.“

„Arnold!“ erwiederte sie, und ihre duftigen Locken berührten fast seine Wange — „ich spreche zu Ihnen, wie keine Frau vor mir zu Ihnen gesprochen, vielleicht keine sprechen wird. Ich vertraue Ihnen, weil die Wahrheit selbst ihre Gestalt der Lüge geborgt haben müßte, wenn aus Ihren Augen ein falsches Gemüth blicken könnte. Ich sage Ihnen, ichweiß, daß Sie den Freinhof, daß Sie mich nicht vergessen werden, — weiß, daß wenn ich einen Beweis dieses Gedenkens, selbst ein Opfer von Ihnen forderte, Sie mir Alles verheißen, Alles erfüllen würden.“

Arnold war, wie ein im Blumenduft Schlummernder, betäubt: das war wieder der tiefe in der Seele nachzitternde Ton der Stimme — waren wieder die langsam, in spannenden Zwischenräumen einander folgenden Worte.

Sie neigte sich im Sprechen zu ihm, und der reiche Flor der wundervollen Formen lag warm mit mattem Glanze vor seinen verwirrtenAugen. — —

Er fand keine Worte als die Bitte, jenen Beweis, jenes Opfer zu nennen!

Sie erwiederte: „Die Zeit, wo Sie Ihr Wort erfüllen, wird kommen! — — Wenn ich Sie errathe, so kann Ihnen in der Gesellschaft, zu der wir nun zurückkehren, nicht heimisch zu Muthe sein; wenn Sie sie verlassen, nehmen Sie von Niemandem Abschied; es wird, wie es hier gehalten wird, Keinem auffallen. Den Brief, den ich Ihnen hier gebe, sind Sie so freundlich, in der Stadt an seine Adresse zu geben. Und nun, da Sie vor Tagesanbruch über die Höhe wollen — sagen wir uns hier Lebewohl, — auf Wiedersehen!“

Ihre Hand hatte während des ganzen Gespräches in seiner geruht; sie zog sie bei den letzten Worten zurück, stand schnell auf, und im nächsten Augenblicke schlugen die Wellen der Gesellschaft über die Blumenauen zusammen, welche für Arnold mit Zauberschnelle erblüht waren in der tropischen Wärme des Gespräches im matt erleuchteten Musiksalon — — in welchem wohl noch keine Melodie einen Hörer mächtiger ergriffen haben mochte.— — —

Sie tönte fort durch die stille Nacht, als er in seinem Gemache am Fenster stand und auf den dunkeln See hinaussah.

Hell flammten die Lichter im Schweizerhause. Es war ihm peinlich, sich diese Gesellschaft als Rahmen des Bildes zu denken, das ihn erfüllte.

Er dachte sich’s am rothen Kreuze, mit einem Kranze vonAlpenrosen. —

Ein rollender Wagen und Stimmen verkündeten die Ankunft des Besitzers des Freinhofes.— — —

Erst lange nachdem jedes Licht verlöscht und jeder Laut verstummt war, legte sich das Gewölk des Traumes um Seele und Sinne, die Bilder des Abends mit weichem Schmelz verklärend, — wie der Goldnebel am See die Gestalt der —Geliebten? —


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