Im Hafen.

Im Hafen.

Welches ist aber das Land unsererBegebenheit? —

Es gibt Fragen, welche der Einzelne, an den sie gerichtet sind, nicht zu beantworten vermag, — so wie an Völker Jahrhunderte hindurch Fragen gerichtet wurden, die sie nicht zu lösen vermochten.

Das treue, felsenfeste Herz des Sängers, der die Frage hinausgesungen: „Was ist des Deutschen Vaterland?“ hat aufgehört zu schlagen, ehe sie gelöst. — Wird sie gelöst? — Vierzig Millionen sangen und singen noch: „Dassoll es sein!“ — Und immer nochsolles!Wenkann der kräftige Jubelchor froher stimmen, die Sänger oder die Zuhörer rings im europäischen Konzertsaal, — die Russen, Britten, Franzosen? — denen niemalseingefallenzu fragen,wasihr Vaterland sein solle.

Écoutez! Encore ces Allemands à la recherche de leur patrie!— lacht es über den Rhein herüber. —Ueber den Kanal tönt nicht einmal eine Persiflage, nur ernst und groß, wie das alte Meer, der HymnusRule Britannia! — — Der Russe hat es am Leichtesten. Er darf nicht fragen und wird nicht gefragt, aber erweißes, — und ein Anderer hat längst für ihn gesagt: das ganze Rußlandmußes sein! Und so istsauch. —

Und dennoch wird auch unser Sollen zum Haben, wenn es nur erst zum rechten Wollen geworden. Jahr für Jahr wälzen die singenden Millionen den Sisifusstein ihrer Einheit den Berg hinan, und immer geräth er auf eine Stelle, wo er abgleitet, — meist ein Stück glattes Parkett eines Konferenzsaales, — und rollt wieder in die Tiefe. — Vielleicht sind wir dem Gipfel näher als wir selbst glauben!

— — Der Strom des großen Gedankens hat unser leichtes Fahrzeug fortgerissen. Wir begannen mit der Frage nach dem Lande dieser Erzählung. Bekannte Thurmspitzen und Berggipfel ragen aus der Fata-Morgana-Landschaft, worin sie spielt, empor; der Klang der Namen lenkt unwillkürlich den Finger nach einer bestimmten Stelle der Landkarte, — und dann wird Alles wieder fremd, — wie man wohl manchmal hört: „Ich träumte, — es war in unserm Garten, — und dann war es doch wieder nicht unserer.“

„Ein Monarch, hat man zu uns gesagt, wie er des Landes derdissolving views, — ein Graf Breuneck und Andere, die dort, wo der Finger hingewiesen, nicht existiren, und alle übrigen daselbstnichtaufzufindenden Menschen und Orte vermögen doch nicht das klar gezeichneteWirklichezu verdecken! All dieß ist eine an den Arm gebundene Larve bei unverhülltem Gesicht.“ — Aber so verlangte es einst das Gesetz der Maskenbälle, eben in unserer Residenz: wer nicht maskirt war, mußte wenigstens das Zeichen tragen, eine kleine Wachslarve am Arm. Wir nehmen sie, um wo möglich keine Szene mit dem Ballkommissär zuhaben. —

So bleiben wir denn auch bei der Bezeichnung „Hafenstadt“ für den Ort, welchem Arnold zufliegt, und zwar nicht allein, denn in Frauenwang ist ein Passagier von Korbach kommend zu ihm gestoßen, den er mit freudigem Aufschrei begrüßt. Es ist Sprenger, welcher vom alten Freunde gebeten worden, seinen Sohn zu begleiten, der des Aelteren, Erfahrneren bei seiner Sendung bedürfen könnte.

Reich genug war der Stoff ihrer Mittheilungen. Sprenger gab ein Gemälde von den Korbacher Zuständen, welches von einer Sicherheit, — ja Siegestrunkenheit Zeugniß gab, die er nicht theilen konnte.

Pater Valentin war nach St. Martin gegangen, um die Leitung des Klosters zu übernehmen, der Prior, sobald es sein Zustand erlaubte, von dort nach der Residenz gereist und der junge Geistliche Leo hatte den Pfarrhof in Korbachbezogen. —

Abschieds- und Begrüßungsfeste für die beiden Letzteren, eine große Demonstrazion der katholischen Arbeiter, welche sich mit Fahne, Musik und Blumenkränzen vor Korbach’s Hause aufgestellt und ihm für seine allgemein bekannt gewordene Thätigkeit, für die Erhebung ihres geliebten Pfarrers durch eine Deputazion dankten, — ein riesenhaftes Bouquet in Begleitung eines goldgeränderten Gedichtes, das die Mädchen Helenen überreichten, — Tags darauf ein Ständchen der Protestanten, welche nicht zurückbleiben wollten, da sie in dem Vorgange nur einen Sieg des Toleranzprinzipes sahen. Dieß Alles machte unstreitig einen ganz erfreulichen optischen und akustischen Effekt... — Der alte Korbach, sonst ein Feind alles lärmenden Gepränges, war dießmal der Demonstrazion auf halbem Wege entgegengekommen, und hatte einige kurze, kräftige Reden gehalten, des Sinnes daß, so lange er Herr in Korbach, dafür gesorgt sein werde, daßRechtundGesetzdes Staates und der Kirche gelten, nicht aber derenVerdrehungen.

Als aber Sprenger an der Altenberger Fabrik vorübergekommen war, hatte er über hundert Arbeiter mit Herstellung des Gebäudes beschäftigt gesehen, welches noch vor acht Tagen mit geschlossenen Thüren und Fenstern dagestanden war und keineswegs einen Konkurrenzbesorgnisse erregenden Anblick gewährthatte. —

Arnold theilte ihm nun Alles mit, was er in den letzten Tagen in Erfahrung gebracht, und Sprenger war sowol von seiner Auffassung als klaren Auseinandersetzung der Sachlage, sowie der beabsichtigten Schritte befriedigt. Er fand seinen Zögling reif zur großen Aufgabe, die ihn einst als Chef eines so bedeutenden, und nun so ernstlich bedrohten Etablissements erwartete, und übergab ihm mit Beruhigung die vom Vater ausgestellte Vollmacht zu Abschlüssen, Unterzeichnungenu. dgl.

Hatte die erste Stunde der Reise durch Günther’s Abenteuer ein ungewöhnlicheres Interesse, so war dieß in der letzten durch ein anderes Zusammentreffen derFall. —

Es war bereits ganz dunkel, und in weiter Ferne sah man das Feuer des Leuchtthurmes. Niemand außer unsern Freunden befand sich im Coupé, dessen Sitze durch hohe Lehnen getrennt sind, so daß man, ohne aufzustehen, nicht hinübersehen kann.

Auf der letzten Stazion vor dem Hafen öffnete sich unter Säbelgeklirr die Thür des Coupé, und zwei Offiziere traten ein, in deren einem Arnold sogleich den Obersten von Plomberg erkannte, welcher einen Tag früher die Hauptstadt verlassen, sich an einer Zwischenstazion aufgehalten hatte, und hier mit seinem Vetter, dem Adjutanten des Prinzen, zusammentraf.

Sie wählten das Coupé, das sie ganz leer glaubten, und nahmen in der Abtheilung neben Arnold Platz. Dieser sowol als Sprenger sprach so geläufig englisch als deutsch, und als Plomberg ein Paar Worte der eben in dieser Sprache geführten Conversazion hörte — deren sie sich nach der Ankunft der neuen Passagiere bedienten, sagte er leise zu Baron Heidenbrunn: „Niemand, als ein Paar obligate Engländer.“

Waren Arnold bis Treustadt die Köpfe der Mitreisenden willkommen, die ihn für Klotilde unsichtbar machten, so war es ihm die Lehne noch weit mehr, da ihm der Oberst geradezu antipathischwar. —

Das Anfangs halblaute Gespräch der Offiziere wurde nach und nach so laut, daß es auch Entferntere als Arnold hätten vernehmen müssen. Es ging daraus hervor, daß der Monarch sich in zweiTagen nach dem Hafen zu begeben beabsichtige, um den Prinzen und die Einwohnerschaft bei einem Feste zu überraschen, welches, ohne sonstige besondere Bedeutung, zu Loyalitätskundgebungen von der einen und Huldstrahlen von der andern Seite benützt werden sollte.

Der Prinz hatte an einem mit vielem Geschmack gewählten Punkte der, die ganze Hafenbucht beherrschenden, Anhöhe eine Villa gebaut, welche seine Residenz bleiben sollte, so lange er das Marinekommando führte, und die festliche Eröffnung derselben an seinem Geburtstage bot den Anlaß zu den erwähnten Manifestazionen. Was die Ueberraschung durch den Monarchen betrifft, so gehörte sie in die Kategorie der bis ins Kleinste verabredeten, welche dem überraschten Theile die gehörige Zeit zu allen Vorbereitungen lassen, und man sprach darüber seit einigen Tagen in beiden Städten.

Oberst Plomberg entsprach im Dialog dem Bilde, welches Arnold von ihm nach einigen Aeußerungen im Freinhof behalten. Er gehörte, insofern ihn sein alter Adel als Kavalier passiren ließ, zu jener Gattung, welche bei Entwicklung ihres Standesbegriffes etimologisch zu Werke geht, und alle ihre Rechte und Pflichten von dem Stammworte herleitet —:cavallo, —cheval, —Roß. —

— Sie verkehren mit der Crême der Gesellschaft, aber der feine Salonduft vermag nicht den geistigen Stallgeruch zu beseitigen. Auch fühlen sie sich nurunter sicheigentlich behaglich. Man darf nur Einmal den Akzent hören, mit welchem die Worte: „Ein süperbes Mädel!“ aus einer beisammenstehenden Schaar dieser — wie Sprenger sie derb und richtig nannte, „Roßkavaliere“ herausklingen, um über den Standpunkt der ganzen Race im Reinen zu sein. Es sind übrigens glückliche Leute, meistens hübsch, gesund, reich und dumm, und wenn man ihnen aus dem Wege geht, thun sie nicht leicht Jemandem etwas zu Leide. — Der bürgerliche Gentleman hat vor dem adeligen den Vortheil, daß er dieser Gattung von Geschöpfen leicht ausweichen kann, während der letztere häufig gezwungen ist, sich mit ihnen abzugeben.

Das Verhältniß Heidenbrunn’s zu Plomberg war weder ein freundschaftliches, noch feindliches, sondern kühle Bekanntschaft, mit dem erschwerenden Umstande der Verwandtschaft. Der einzige Unterschied der beiden Herren bestand in der Façon, — die Kameraden, in allen Ständen die einzig kompetenten Richter, würden schwerlich gesagt haben, der Adjutant sei ein geschliffener und Plomberg ein ungeschliffener Edelstein. Von Edelstein war keinRede, aber das böhmische Glas war bei einem polirt, beim andern mit Pferdestaub überzogen,

— „Wie lange wird denn der ganze Spektakel bei Euch dauern? sagte Plomberg — und was für Species von Ennui bekommen wir zuverdauen?“ —

— „Es dauert einen Tag und zwei Abende. Morgen Ball, oder vielmehr Rout, nach dem Prinzip der vollständigsten Fusion: Wir Alle, — Munizipalität, Beamten —Kaufmannschaft“ —

— „Wenigstens hübsche Weiber. Was weiter?“

— „Dabei Illuminazion und Feuerwerk. Uebermorgen Frühstück für die fremden Offiziere, und Abends kleiner Cercle mit Tableaux.“

— „Herr Gott im Himmel! — das ist ja zum Erschießen! Hätte ich nur Greuth’s Kommission nicht, so kehrte ich jetzt noch um. Er hätte auch einen Andern gefunden zu dieser Bagatelle.“

— „Das ist es wohl nicht; schon des Prinzips wegen.“

— „Prinzip? eine Misere, die sie zu einer Staatsakzion aufgeblasen haben. Was geht’s uns Soldaten an? Ich verstehe meinen eigenen Auftrag nicht, ich weiß nur daß du beim Prinzen bewirken sollst, daß eine Bestellung auf eine halbe Million ich weiß nicht was, sistirt werde.“

— „Ich weiß ganz gut um was es sich handeltwas mir nicht klar, sind nur zwei Dinge: wie nämlich diese reine Geschäftssache ganzobensolchen Lärm machen konnte, und warum, wenn man sie schon aufgreift, nicht einfach und offiziell aufgetragen wird, dieser oder jener Firma aus Gründen, die man sagt oder nicht sagt, die Bestellungen zu entziehen?“

— „Der Lärm kommt von einem Pfaffen, den ich lange kenne, und der Prälat werden wollte, und da ist ihm ein Fabrikant, der ein ganz gescheidter Kerl sein muß, durchs Zeug gefahren, mit einem originellen Coup, und er ist durchgefallen. Darauf wird er vor Galle krank und kommt nun in die Stadt und hetzt die Leuchtendorf’s auf den Allergnädigsten, und meine Alte und deren Frau Schwester auf die Prinzessin Marie, macht einen Höllenlärm, daß in einem Jahr die ganze Provinz lutherisch wird. — Der Erzbischof gibt auch seinen Senf dazu, und gestern Abends läßt mich Greuth rufen und sagt: Sie würden ohnedem mit uns gehen, — fahren Sie voraus und sagen Sie Ihrem Vetter, und so weiter. — Es heißt sie wollen Exempel statuiren, im Keim ersticken und weiß der Teufel was, und ein Offizier muß in der Pfaffen- und Fabrikantengeschichte eine Art Kurierreise machen. Man glaubt ein Narr zu sein.“

— „Ganz richtig. Es ist übrigens nicht leicht,da der Prinz, dem sie in andern Dingen oben die Hände binden, sich nicht influenziren läßt, wo er auf seinem eignen Terrain steht.“

— „Meinethalben. Ich habe Greuth gesagt, daß ich ein schlechter Diplomat bin. Er hat mir geantwortet, das wisse er ohnedem, er könne zu der Sache keinen guten brauchen.“

— „Ich werde, da die Sache bloß ein vertraulicher Wink, mich ganz nach der persönlichen Disposizion des Prinzen richten.“

— „Wie du willst. Schlägt’s fehl, so habe ich das Meinige gethan. Greuth soll einen Andern mit solchen Klatschmissionen beehren. —A proposKlatsch, zwischen ihm und der Zeltner ist Alles aus. Weiß dein Prinz, daß die Geschichte bestanden?“

„Kein Wort; das würde dieser Frau, die ein gutesmoyen d’actionwerden kann, einen Theil ihrer Anziehungskraft rauben.“

„Wie steht denn die Sache eigentlich?“

„Auf dem alten Fleck. Der Prinz ist, seit wir von der Residenz weg sind, oft ungnädiger Laune, und seine Gedichte haben einen blassen, melancholischen Teint. Wenn nicht bald eine neue Flamme auftaucht, so gehe ich mit Urlaub nach der Residenz und hole sie, vorausgesetzt daß sie geht. Sie geht aber keinen Schritt weiter, als sie will; vonabandon, unbewachtem Momentu. dgl.ist bei diesem Weib keine Rede.“

Baron Heidenbrunn ahnte nicht, daß die Besprochene, nur in einer Entfernung von zwölf Stunden, in derselben Richtung fahre, und eben so wenig, daß das Gespräch nicht von zwei Engländern vernommen wurde.

Sprenger erinnerte sich nicht, seit Arnold’s Kindheit je einen so schweren Stand gehabt zu haben. — Bei der Erwähnung seines Vaters war er bereits aufgesprungen und Sprenger hielt ihn geradezu mit Gewalt zurück, und sagte: „Arnold! habe ich dich denn je einen andern Weg geführt, als den der Ehre? Ich selbst lade dir die Pistolen bei der ersten Ehrensache die du auszufechten hast, aber das istkeine. — Wenn er deinen Vater einen gescheidten Kerl nennt, so ist das nachmeinemVerstande keine Beleidigung, und im Uebrigen erfüllen sie ihre Aufträge, für die du die ganze Coterie zur Rede stellen müßtest.“

„Es handelt sich um etwas ganz Anderes! entgegnete Arnold — Meinst du, ich könnte den Beiden, wenn sie beim Aussteigen an mir vorübergehen, ins Gesicht sehen als Fremder, und morgen oder übermorgen als Korbach? daß sie dächten, aha, das istder! im Waggon hat er sich geduckt! —Diesen Leuten gegenüber muß man eher zu viel thun, als zu wenig! Ich werde ruhig sprechen und es wird sich erst zeigen, ob sie renommiren wollen.“

Damit zog er seine Hand aus jener Sprenger’s und trat, mit einem raschen Schritt um die Scheidewand der Sitze, vor die Offiziere, welche durch das lautere Gespräch und die Laute der Muttersprache überrascht, einander ansahen und im Momente eine Revüe ihrereigenenUnterhaltung hielten, die allerdings einen sehr konfidenziellen Karakter gehabt.

Die Gedanken: Verdammte Civilisten! — Aufpasser, — Zusammenhauen (die Hauslogik des Roßkavaliers) fuhren durch Plomberg’s Kopf, während Heidenbrunn, obwol ungefähr auf derselben Höhe, mehr über die eigene Unbesonnenheit als über die Indiskrezion ärgerlich war, die nach seiner Auffassung darin lag, daß zwei Passagiere sich nicht die Ohren mit Baumwolle verstopften, um ein im Waggon laut geführtes Gespräch nicht zu hören.

Arnold’s Gesicht hatte in dem Augenblick, wo er vor sie hintrat, durchaus keinen herausfordernden Ausdruck, sondern nur jenen ruhiger Offenheit. „Herr Oberst, begann er, Sie haben in der Unterredung, deren unfreiwilliger Zeuge ich war“ — „Halt, fiel Plomberg ein, unfreiwillig, das leugne ich; von dem Augenblick, wo Sie hörten, daß das Gesprächnicht für fremde Ohren berechnet war, stand es bei Ihnen, durch einige laute deutsche Worte zu zeigen, daß Sie uns verstanden.“

Immer ruhig, aber sehr bestimmt, versetzte Arnold: „Abgesehen davon, daß auch ein Ausländer Ihre Sprache verstehen konnte, mußte ich voraussetzen, daß zwei Herren in Ihrer Stellung an einem öffentlichen Orte, vor Fremden, nurdannsich in so vernehmlicher Weise unterhalten, wenn siekeinenWerth darauf legen, ungehört zu sein. Nichtmir, sondernIhnenstand die Beurtheilung zu, ob Ihre Worte für fremde Ohren geeignet seien!“

„Darüber wollen wir nicht streiten, — sagte Plomberg mit hinaufgezogenen Augenbrauen, — aber ich möchte fragen, was Ihnen eigentlich zu Diensten steht?“

„Ich wünsche, als Sohn des erwähnten Fabrikanten, die Ansicht, welche in einem hohen Kreise über die Handlungsweise meines Vaters vorherrscht, bei Ihnen, meine Herren, dahin zu berichtigen, daß derselbe mit dem, was Sie einen originellen Coup genannt, eine Handlung vollbracht, auf welche jeder Ehrenmannstolzsein muß; daß jenem Vorgang nicht ein einziges Motiv zum Grunde liegt, welches Zweifel an seiner Loyalität, oder Schritte rechtfertigen könnte, die ihm nachtheilig sind.“

„Wir begreifen, sagte Heidenbrunn, daß Sie die Sache Ihres Herrn Vaters führen, aber Sie werden auch begreifen daß, da es sich um höhere Aufträge handelt, wir weder zu richten, noch uns gegen Sie zu rechtfertigen haben. Es wird sich eben darum handeln, Ihrer Ansicht dort Geltung zu verschaffen, wo darüber entschieden wird.“

„Dieß wird sehr schwer geschehen können, da ich mit der Absicht reise, meine Angelegenheit dem Prinzen vorzutragen. Ihr Auftrag heißt Sie dem entgegentreten. Dawider steht mir keine Einwendung zu. Meine Pflicht war nur, fürs Erste zusprechen, damit ich den Verdacht beseitige, als wollte ichirgend einer Konsequenz meines Zuhörens ausweichen, fürs Zweite die Ueberzeugung auszudrücken, daß Sie, meine Herren, wenn es mit Ihrer Pflicht vereinbar ist, einen solchen Auftrag sicherlich nicht übernähmen, wenn Sie den Karakter dessen kennen würden, gegen den er gerichtet ist.“

Arnold grüßte mit einer leichten Neigung des Kopfes und nahm seinen Platz wieder ein. Sprenger schüttelte ihm beifällig die Hand. — Die beiden Offiziere sahen einander an, und sagten fast zu gleicher Zeit: „Mir scheint, wir haben eine ungeheurebêtisegemacht.“ — Der Schein wurde ihnen, jelänger sie nachdachten, desto mehr zur Gewißheit. Sie setzten sich ans andere Ende des Coupé.

„Was liegt daran! — sagte Plomberg. — Vielleicht könntest du die ganze Audienz verhindern?“

„Gott bewahre, der Prinz hält auf seine Popularität, so wenig wir auch noch davon gehabt haben. Der junge Mensch wird auch wahrlich nicht von Greuth oder der Zeltner reden. Im schlimmsten Falle aber kommt zuletzt Alles auf Greuth; der Prinz wirda camerafulminiren, da er ihm öffentlich nichts anhaben kann. Dieser Korbach gefällt mir übrigens nicht übel, er scheint „Schneide“ zu haben.“

„Das müßte man erst sehen! Glaub’s aber gern, daß es ihm eine Ehre und ein Vergnügen gewesen wäre, sich mit uns herumzuhauen. Seitdem das Wort Gentleman in der Mode, ist keine Barriere mehr. Früher hat sich Unsereiner manchmal herabgelassen, sich mit einem sogenannten Honorazioren zu raufen, jetzt ists schon bald verfluchte Schuldigkeit geworden, einem Federfuchser oder Kaufmann Rede zu stehen! — Ein Denkzettel hätte ihm aber nicht schaden können!“

— „Im Gegentheilenützen! Das wäre das beste Mittel gewesen ihn zuheben! Darum habe ich auch den Passus von „Konsequenzen“, denen er nichtausweichenwill, nicht aufgegriffen!“

— „Was wirst du jetzt thun?“

— „Ich werde meine Sache so machen, daß ich mit meinem Prinzen und du mit Greuth auf gutem Fuße bleiben; wie diese Beiden dann mit einander stehen, kann uns indifferent sein.“

— — Es war zehn Uhr Abends, als man im Hafen anlangte.

Vor dem Hotel, in welchem Arnold und Sprenger ihre Wohnung nahmen, ragten die Masten der Schiffe in den dunkeln Himmel, welche in dichter Reihe am Quai lagen. Der bekannte tausendstimmige südliche Lärm füllte die laue Luft. — Unsere Reisenden waren aber nicht in der Stimmung, sich mit pittoresken und kulturbildlichen Studien zu befassen, sondern sperrten die Reize des nächtlichen Seestückes und das ganze Geschrei derbella Italiamittelst der Fensterläden hinaus, so gut es ging, und suchten die Ruhe.

*           **

Dafür begrüßte Arnold die aufgehende Sonne auf demHafendamme. —

Sie schüttete ihr Gold ins Meer, heute wie immer, unbekümmert um die schlafende Stadt; — so wenig diese sich um die Sonne kümmert. — Was ist daraus zu prägen? Der Sonnenaufgang gibt keinen Kurszettel für die schlummernden Handelsherren. Was wäre da zu notiren? „Fernsicht flau — rothes Gewölk über dem Kastell wenig begehrt — starke Schwankungen der kleinen Fischerboote — die große Fregatte fest, aber bei den Italienern nicht beliebt — Wellengold und Nebelsilber ausgeboten — — von der unerschöpflichen Hand, welche täglich ihre Valuten auf den Markt wirft — aber kein Käufer.“

Doch Einer war ja aufgetreten! — Und wie klein ist der Preis, den die ewige Natur fordert! Nichts als ein offenes Auge und Herz, — und ohne zu wägen und zu zählen füllt sie Beide mit ihren Schätzen, — so voll, daß sie den Tropfen aus dem Auge drängen und den Seufzer des Schmerzes oder der Seligkeit aus der Brust.

DenPreis hatte Arnold zu bieten. Noch gab es Hochalpen in seinem Innern, zu denen kein Schienenweg der Industrie hinanreichte, Wildwasser, die kein Schwungrad trieben. Nur schärfer hatte sich in den letzten Tagen das Chaos in ihm gesondert, die Wasser der Höhe von denen der Tiefe. Er konnte sich Stunden lang ganz seiner materiellen Aufgabe hingeben, die mit der Schwierigkeit einen Reiz gewann. Aber unter dem häufigen gewaltsamen Zurückdrängen hatte sich sein Herzensleben nur kräftiger entwickelt, wie Keime unter Schnee.

So oft er, das Arbeitsgeräthe des geschäftigen Tages zur Seite werfend, die Pforten seines innern Heiligthums aufriß, vor das geliebte Bild, das im zauberischen Dunkel seiner harrte, hintrat und ihm ins freundlich sinnende Auge sah, ward das Wiedersehen inniger, die Andacht heißer, die Trennung schmerzlicher. — Diese Morgenstunde am Meeresstrande war dem Gebete vor seiner „Bildsäule von rosenrothem Diamant“ geweiht. — Fest und rein wie das blaue Gewölbe über ihm, war sein Glaube geworden, — jedes Wölkchen des Zweifels entflohen. — Sein Auge durchflog die Unermeßlichkeit um ihn und wendete sich von der fernen Linie, die im Süden Meer und Himmel trennt, müde und geblendet nach den Bergen über der glutbegossenen Stadt, — der Gedanke schwingt sich über sie weg, und sinkt nieder am rothen Kreuz.

Wiedersehen! undwelchesWiedersehen? — Meer und Himmel hatten keine Antwort. Er fand sie in sich. — War doch in ihm die Liebe zum hohen markigen Baume emporgewachsen — — undsiekönnte ihm, die halbverschlossene Knospe in der Handentgegentreten? —

— Und doch —welcheswar das Pfand, das er vom Freinhofe mitgenommen, der Keim, aus welchem er den Baum großgezogen?

Sein Gedanke nach jener ersten seligen Stunde war: sievertrautdir! — kein Anderer. Daraus war entsprossen:wenndieses Weib dich lieben könnte! — Und wie er es Tag für Tag dachte, klang dasWennimmer leiser. Nun hatte er sich hineingelebt in den Gedanken, und vergessen, daß es jene einzige Stunde war, aus welcher er,erallein das Feenschloß einer Gegenliebe aufgebaut, — daßsieihm nicht ein Sandkorn mehr dazu gereicht, seit der Trennung nach dem ersten Begegnen.

Am heiligsten und schönsten ist vielleicht ein solcher Glaube, der ohne irgend ein Wärmen und Pflegen von Außen, aus sich erwachsen, wie die Perle in der Perlenschale des Herzens. Aber bitterer auch die Enttäuschung, wenn in den Schmerz die höhnende Frage hineinklingt:Washieß dich dennglauben?

— — Als Arnold nach Hause zurückkehrte, mochte Etwas von dem Morgengebet in seinen Augen glänzen. Mit Sprenger hatte er von seiner Liebe nicht gesprochen, und dieser, der das Innere seines Zöglings wie sein eignes kannte, schwieg gleichfalls. Er sah ihn besonnen und thätig, sah weder sieche Sentimentalität noch leidenschaftliche Fieberhitze, und dieser Grund, nichts dagegen zu thun, geselltesich zu dem Hauptgrunde, der darin bestand, daßüberhauptnichts dagegen zu thun war.

Sie besprachen die gestrige Fahrt, die heute zu machenden Gänge, und nahmen ihr Frühstück auf dem Balkon des Hotels. — Längst war der Hafen erwacht, — dann die Stadt und immer zahlreicher mischten sich unter die braunen Gestalten und malerischen Trachten des Volkes blasse Comtoirgesichter und Gehröcke, nach den Magazinen und Schreibstuben laufend.

Unter dem Thor stand erwartend die offizielle Räuberschaar von Kellnern und Lohnbedienten, außerhalb die nicht offizielle von Trägern, Führern, Kommissionären, der Opfer harrend, die der Posttrain aus der Residenz in ihre Hände liefern sollte. Das Hotel hat einen energischen Diplomaten im Bahnhofe, der mit sicherm Blicke auf dem Gesichte eines Jeden liest, ob er bereits eine Wahl getroffen, und Jeden, der einen Augenblick suchend und fragend vor sich hinsieht, mit Beschlag belegt.

Der erste Miethwagen mit Ankommenden bricht durch das Gewimmel am Platze. Es folgt ein zweiter und dritter. — Aus einem der letzten steigt Klotilde, etwas blaß von der Nachtreise, aber hübscher als je.

Sie verhandelt mit dem Aufwärter, in geläufigem Italienisch, mit großer Sicherheit alle Punkte des Einquartirungsvertrages und tritt, vom gepäcktragenden Burschen gefolgt, insThor. —

Nach einigen Minuten klingt ein Fenster über den Häuptern unserer Freunde, — sie überblickt ein Paar Minuten die Aussicht und schließt es wieder. Die Vorhänge rollen herab: die Dame bedarf der Ruhe, der Sammlung ihrer Mittel zu großenZwecken. —

Arnold wäre ihr jetzt nicht ausgewichen, da sie ihm wie ein freundlich humoristischer Gruß von Günther erschien, und weil überhaupt ein in der Heimat fremdes Gesicht in der Fremde zum bekannten wird. Ist’s vollends ein Gesicht wie das Klotildens, so liegt, wenn auch von einer Anziehungskraft für Arnold keine Rede sein konnte, wenigstens nichts Abstoßendes im Gegenstande.

Er begab sich nun mit Sprenger zu Franchini, welcher sie in seinem Kabinet empfing. Der Kopf des Banquiers hätte jedes Bild eines Gesandtenkongresses geziert. Die freien, intelligenten Züge waren wohlwollend und gewinnend, — seine schneeweißen Haare und lebhaften schwarzen Augen dienten einander als Folie, — Ausdrucksweise, Bewegungen und Toilette vollendeten den Eindruck desbanquier-diplomate.

Nachdem Arnold, so zu sagen als Missionschef, in klarer Form und zu sichtlicher Befriedigung des Zuhörers die Hauptzüge des fraglichen Geschäfts entwickelt, und Sprenger die Umrisse hie und da mit Details ausgefüllt hatte, faßte Franchini, schnell und mit freundlichem Tone sprechend, das Gesagte zusammen: „Der Zweck Ihrer Reise, meine Herren, ist die Sicherung der Bestellungen für die Marine. Sie deuten auf Konkurrenz hin. Es war vor kurzer Zeit ein Agent eines Herrn Kollmann hier, der auch meinen geringen Einfluß in Anspruch nahm. Ich habe abgelehnt, da kein Grund vorliegt die Verbindung mit Ihrer Firma zu lockern. Sie wünschen den Abschluß mitzunehmen und eine Audienz beim Prinzen soll Sie gerade ans Ziel führen. Es bedurfte keiner Empfehlungsbriefe, um mich aufs Wärmste für Sie zu interessiren. Ich hoffe Ihnen einen Dienst zu erweisen, indem ich Ihr Ansuchen um die Audienz vermittle, da ein mir offener indirekter Weg unter dem Gedräng der Festlichkeiten vielleicht der Anmeldung in gewöhnlicher Form vorzuziehen ist.“

Franchini schloß mit einer Einladung, heute und die ganze Zeit ihres Aufenthaltes, seine Mittaggäste zu sein; — die beste Gelegenheit, sie mit mehreren Notabilitäten, namentlich dem Direktor der Marine-Kanzlei bekannt zumachen. —

Arnold konnte keinen bessern Erfolg des ersten Besuches wünschen. Einige andere füllten den Vormittag. Sie fanden auf ihren Gängen die Stadt in lebhaftester Bewegung; wo immer drei Menschen beisammen standen, hörte man die Worte Villa, Ball, Beleuchtung, und die Namen des Monarchen und des Prinzen. Wir folgen dem allgemeinen Impulse und wenden uns zuerst zu Letzterem.

Der Prinz war einige zwanzig Jahre alt, und seine körperlichen und geistigen Eigenschaften mochten für jeden Posten besser taugen als für den, welchen er bekleidete. — Schwer konnte man sich diese zarte, schlanke Gestalt in der Admiralsuniform an Bord des Linienschiffes denken, als Beherrscher der schwimmenden Donnervulkane. Wenn man den blonden Schein über der feinen Lippe, durch welchen der Wunsch einen Schnurbart zu tragen ausgedrückt war, wegnahm und die weichen Haare zu Ringellocken auszog, konnte er ganz gut eine junge Lady vorstellen. — Sein Geistiges stand insofern im Einklange damit, als er eine lirische Natur war, welche im Mittelalter weniger das Ritterschwert geführt, als mit der Laute des Minnesängers Frauendank und Bandschleifen erkämpft hätte.

Er hatte, wie alle Prinzen des Hauses, eine militärische Erziehung bekommen, behielt aber auch in der modernen Uniform die mittelalterlich romantische Richtung. — Seinem Sinne war das gesammte reguläre Militär nicht simpathisch. Kreuzfahrerkostüme, oder in wirren Haufen hinjagende Tscherkessen und Perser, spanische Guerilla’s, Palikaren, — kurz alle pittoresken Gestalten waren Labsal für seinen Sinn, und er wendete auf dem Paradeplatz gern den Blick von der steifen Linie der defilirenden Grenadiere nach der Suite, nach dem fliegendenGemengder glänzenden Uniformen aller Waffengattungen.

Er dichtete, und nicht einmal ganz schlecht. Eines der weniger gelungenen Gedichte war aber seine Führung des Statthalterpostens einer Provinz, welche zu den widerspänstigsten des Reiches gehörte, und welche er durch eine Art voncour d’amourim Stile des Königs René, Maskenzüge, orientalisch kostümirte Trabanten und Tableaux zu beruhigen gedachte. Er ließ es dabei auch an Unterstützung der Künste und wohlthätigen Spenden nicht fehlen, machte aber, dem ernsten, festgewurzelten Hasse gegenüber, mit seinem heitern, durchsichtigen Streben nach Popularität vollständig Fiasko, mehr als es vielleicht mit einer puritanisch-strengen Haltung der Fall gewesen wäre.

Als sich sein der Centralgewalt längst nicht zusagendes Sistem praktisch nicht bewährte, verlangte und erhielt er das Marinekommando, wobei ihm jedoch wieder die Bilder von Tempesta, das Wimpelgeflatter und alle Seeabenteuer von Jason bis auf Marryat lebhafter vorschwebten, als die trockene Aufgabe, eine in der Entwicklung begriffene Marine zu organisiren. — In angebornem Pflichtgefühl suchte er seiner Aufgabe gerecht zu werden, arbeitete mit den Fachmännern, so lange er eben aushielt, erwarb sich die Liebe der Untergebenen und der Stadt, welche ihn von seiner glänzendsten Seite, der repräsentirenden, kennen lernte, und entschädigte sich für die Mühen seines Berufes durch Feste und Galanterie.

In letzterer Beziehung war er von dem Regime der Minnesänger, welche von einem Stück blauen Band und Sacktuchwehen vom Erker herab eine Anzahl Jahre lebten, bald abgewichen, und hielt diese Richtung nur in seinen Gedichten fest, während im wirklichen Leben Bänder und Taschentücher nur insofern Gegenstände seines Wunsches waren, als ihr Besitz zugleich jenen der Eigenthümerin bedeutete. Im Gedichte verherrlichte er die Silfide, den weibgewordenen Mondstrahl: in der Wirklichkeit zog er die niederländische Schule der deutschen vor, undschätzte eine Dürer’sche Madonna dann am höchsten, wenn er auf dem darunter stehenden Sofa einer Rubens’schen Frau zur Seite saß. — Dabei war er jedoch ziemlich beständig, und man konnte seineliaisonswährend dreier Jahre an den Fingern Einer Hand aufzählen. Seine poetische Natur schmückte die Erwählte mit Reizen, die ihr vielleicht nicht eigen waren, und es ließ sich nachweisen, daß der Bruch der bisherigen Verhältnisse immer durch eine Thatsache herbeigeführt worden, welche Seine Hoheit überzeugen mußte, daß man ihr ritterliches Vertrauen mißbraucht habe.

Das Admiralitätsgebäude, dicht am Hafen, entsprach in keiner Beziehung seinem Geschmacke. — Es gewährte keinen Ueberblick, keinBild! — Der Wellenspiegel mit den Objekten seiner Thätigkeit sollte unter ihm liegen — dieMarineinMorgen-undAbendbeleuchtung— des Mondes nicht zu erwähnen — — und er selbst auf der Höhe, sinnend an eine Säule gelehnt — mit dem Nelson-Perspektiv hinunterschauend! — Auch lag die Admiralität mitten unter andern Häusern. Nicht einmal Hinterpforten. Jede „Rubens’sche Frau“ mußte vermummt zwei Schildwachen passiren.

Nun thronte die Villa auf der Höhe des Berges, der dem Dampfer der Levante über die Nebeldecke der See den ersten Gruß zusendet! Aus reichem Grün glänzt die Gloriette mit ihren Marmorstatuen, und die Flügel liegen halbmondförmig in den Armen derWaldhöhe. — —

Die Fantasie des Prinzen war einige Monate hindurch in voller Gährung über die Ausschmückung der Villa. — Es waren so ziemlich alle Stile vertreten, griechischer, gothischer, Renaissance... er hatte eine eigene Erfindung im Kombiniren von Erfundenem. So wenig das Auge des Kenners ein Labsal fand, so sehr bestach das Bauwerk die große Masse, durch den Reichthum des Stoffes und gewisse Effektstücke, die nicht ohne Reiz waren, wiez. B.der achteckige Saal, der das Centrum bildete. Die Mauerflächen waren mit weißem Marmor überkleidet, Baumstämme, täuschend aus dunklem Bronce gearbeitet, stiegen in jeder Ecke empor, unten glatt, oben in Aesten, Verzweigungen, und endlich in ein grünes Laubdach sich ausbreitend, welches den ganzen Raum überwölbte, und über welchem durch die Kuppel von blaßrosenfarbenem Glase das Licht einfiel, ohne daß man eine Flamme sah. Ein alter Gedanke, den aber der Prinz auf seinen Reisen doch nirgends ausgeführtgesehen. —

Wenn in dem anstoßenden Sale die Glasgemälde der Fenster bunte Farbenflecken auf den spitzengothischen Zierrath der Wände und Gewölbe warfen, und in einem dritten das Kristallbassin mit Blumenfontaine, und die Teppiche und niedern Ottomanen einem Märchen der Scheherasade zu lauschen schienen, so mochte das Gesetz des Schönen durch den Mangel an Einheit noch so sehr verletzt werden, die Sinne wurden doch eigenthümlich gereizt, wenn der Lichtstrom und Blumenduft sich durch den ganzen Raum ergoß, und man das Ganze nur als fantastische Traum-Mosaik, als märchenhafte Zimmerreise in einem Zauberpalaste betrachtete.

Fast stellte die Villa ein Bild des Staates dar, dem der Prinz angehörte. Ein Bild seiner schönsten Zeit! Das bunte Gemenge seiner Nazionen, von Einem Gebäude umfangen, von Einer Hymne durchklungen, Eine Fahne hoch wehend über dem Farbengeflatter der zahllosen kleineren — wie hier die Kuppel Alles überragt, durch ihr Ueberragen allein dem Ganzen einen Halt und Mittelpunkt gibt. — Denkt die umfangende Mauer weg, — und der altgläubige gothische Saal steht feindlich dem Grazientempel, — der blühende Orient den klaren, scharfen Formen des Westens entgegen, — — und dennoch vermag kein’s als Ganzes für sich zu bestehen.

Doch die Villa ist kaum erbaut! — Wer denkthieran Zerfallen?

Denkt doch auchdortkaum Einer daran, wo der Gedanke so nahe läge! — Eben fliegt der Faëton ihres Besitzers den Berg hinan, auf der herrlichen Kunststraße, die sich wie ein weißes Band in dreimaliger Windung hinaufschlingt. Er leitet persönlich die letzten Anstalten der beleuchtenden und dekorirendenSchaaren. —

— — Der Ball war an dem Tage, wie überall, so auch beim Diner bei Franchini Hauptgegenstand des Gespräches, welches schon während der ersten Gänge sehr heiter und ungezwungen geführt wurde. Mr. Brown, der Chef der Gaskompagnie, schilderte einen Abend, den er mit dem Prinzen auf dem Gebälke über der Glaskuppel zugebracht, unter beständigen Versuchen mit dem Beleuchtungsapparate, der sich endlich zu voller Zufriedenheitbewährte. —

Der Direktor der Akademie, Volpi, vertraute der, nur aus vierundzwanzig Personen bestehenden Gesellschaft unter dem Siegel der Verschwiegenheit an, daß die Wahl des Comité’s für Bestimmung der drei schönsten Frauen zur Schlußgruppe der morgigen Tableaux auf Contessa Sanvitelli, Generalin Heuneberg und die Gattin des Banquiers Strada gefallen sei. Die Gemahlin des Gouverneurs, welche bei denricevimentides Prinzen die Honneurs machte, war von den Damen der Stadt gebeten worden, zu wählen, und hatte, — den ganzen Frieden ihrer Zukunft auf dem Spiele sehend, — drei Professoren derAcademia delle belle artiersucht, die Rolle des Paris zu übernehmen. — An zwanzig Damen fanden sich, auf Erlaß des Comités, am hellen Mittag, in ganz gleichen einfachen weißen Kleidern bei der Gouverneurin zusammen. Jede hatte die ihr vortheilhafteste Frisur gewählt; allein die genannte Dame theilte ihnen lächelnd einen weiteren Beschluß des Wahlcomités mit, in Folge dessen ein Friseur nebst Gehülfen erschien, welche alle Kunstbauten beseitigten, und die Haare sämmtlicher Kandidatinnen glatt scheitelten und aufgelöst über die Schultern fallen ließen. Sie hatten hierauf in einem Salon mit dunkelgrünen Tapeten einen Kreis zu bilden, in welchem die drei Professoren sich eine halbe Stunde sehr angenehm herumbewegten. Ihre Wahl fand zwar nicht den Beifall der Nichtgewählten, aber den einstimmigen derTischgesellschaft. —

Korbach wurde vom Herrn des Hauses mit Auszeichnung behandelt, und die Gäste schenkten seinen ruhigen aber bestimmt geäußerten Ansichten Aufmerksamkeit. Als der Bürgermeister der großen Vortheile gedachte, welche der Prinz der Hafenstadt zugewendet, welche ihm außerdem für den entwickelten Luxus dankbar sei, nahm er das Wort und schilderte die Stimmung der Residenz als eine, seiner humanen, wohlwollenden Tendenz höchst günstige, namentlich in den industriellen Kreisen, wo man seinen Bestrebungen zum Schutze der inländischen Produkzion volle Anerkennung zolle. — Es waren einigefree-tradersanwesend, für welche der Chef eines englischen Kommissionsgeschäftes das Wort führte, während Arnold die Schutzzölle vertheidigte. Die gegen Ende des Diners begonnene Debatte wurde in schönster Form mit Beobachtung aller Rücksichten auf interessante Weise geführt, daß die Gesellschaft in zwei ungleiche Lager getheilt — da die Majorität auf Arnold’s Seite — mit Spannung und Vergnügen zuhörte. — Der junge Korbach, der zum ersten Male als Repräsentant seines Hauses und Verfechter der demselben verwandten Interessen, in einer fremden, fast durchweg aus älteren Leuten bestehenden Gesellschaft auftrat, ward durch den Beifall, den seine ersten Reden gefunden, ermuthigt und entwickelte die Forderungen der Praxis, einer glänzenden Theorie gegenüber, mit so schlagenden Gründen und zugleich in so liebenswürdiger, natürlicher Form, daß er den entschiedensten Sieg errang.

Er schloß mit den an den Engländer gerichteten Worten: „Es ist eine, wir wollen es gestehen, erzwungene Huldigung, die wir durch Vertheidigungunseres Schutzsistems Ihrer großen Nazion darbringen! Wir gestehen damit nur ein, nicht auf der Höhe zu sein, aus der wir Ihnen als Gegner den Handschuh hinwerfen können. So lange aber das Terrain der vaterländischen Industrie nicht hoch genug, um nicht von den Wogen Ihrer bisher an Werth und Billigkeit unerreichten Produkte überschwemmt zu werden, können Sie nun und nimmer verlangen, daß wir selbst den Damm einreißen! Der überschwemmte Markt würde in kürzester ZeitaufhöreneinguterMarkt für Sie zu sein, und wenn uns — was eben nicht der Fall — alle Minen Südamerika’s zu Gebote ständen, so würden wir nur dort anlangen, wo Jeder anlangen muß, der — — verzeihe mir die Gesellschaft das ganz unoratorische und unparlamentarische Gleichniß — seine Schranken zu einem Kampfe zwischen der Hauskatze der vaterländischen Industrie und dem gewaltigen brittischen Leopardöffnet!“ —

Die Gegner reichten sich lachend die Hände. Franchini ward in seinem Entschlusse, Alles was von ihm abhinge, für den jungen Mann zu thun, bestärkt. Er hielt ihn nebst Sprenger und dem Direktor der Marinekanzlei zurück, als die Gäste sich entfernten. Das Geschäft wurde nach allen Richtungen besprochen, und Sprenger übernahm die Ausarbeitung einer Vorlage, welche er mit Zuhülfenahme der Nacht bis zum nächsten Morgen zu vollenden gedachte, für welchen Franchini bereits die Audienz erwirkt hatte. Er übergab den beiden Gästen zugleich Einladungskarten zum Balle in der Villa, wovon jedoch nur Arnold Gebrauch machen konnte, da Sprenger keine Zeit erübrigen zu können erklärte. — Das Erscheinen des Ersteren schien allen passend, ja nöthig.

Während er hier auf dem „Wege, den ein Korbach geht“, für sich arbeitete, war ein kleiner Notenwechsel zwischen dem Hotel, wo Klotilde wohnte, und der Villa gepflogen worden.

Sie hatte, vom Schlummer gestärkt, — ihre Ankunft und den Entschluß, zwei Tage zu verweilen, in einigen Zeilen kurz und bündig dem Baron Heidenbrunn angezeigt, welcher zum Prinzen stürzte, um diesen mit einem Ereignisse zu überraschen, das ihn etwas wärmer bewegte als der Glückwunsch der eben anrückenden Gemeinde-Deputazion.

Der Adjutant flog mit einem Billet ins Hotel, mit einer Antwort zurück, und Nachmittags fand eine Schlußkonferenz zwischen ihm und Klotilden Statt, in welcher folgende Friedensartikel festgesetzt wurden:


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