Kirchenweihe.

Kirchenweihe.

— Am folgenden Vormittage trafen in der Telegrafenstazion Frauenwang, von welchem Orte bekanntlich der Weg nach dem Korbachthale führt, im Zwischenraume einer Stunde folgende zwei Depeschen ein:

„An HerrnMorawski, Verweser zuAltenberg. — Lassen SieIhreMaschine arbeiten. — Mit allen Ihren Vorkehrungen einverstanden. — Hier geht Alles vortrefflich.K.unterliegt, nicht weiter zu fürchten, wenn Sie gut arbeiten.“ — Unterzeichnet: „Kollmann.“

Die zweite lautete:

„Theurer Vater! Vollständiger Erfolg. Vor einer Stunde alle Kontrakte unterzeichnet.K.ist aus dem Felde geschlagen. Ich komme morgen Abends.“

„Da habe ich einmal — sagte der Stazionsbeamte zu seinem Gehülfen — eine Anekdote gehört,wie in der Menagerie in London der Tiger und der Löwe einander über Nacht gegenseitig aufgefressen, so daß von beiden Nichts übrig blieb als die Köpfe. Etwas Aehnliches scheint hier vor sich zu gehen; lesen Sie einmal!“ — Der Gehülfe las und bemerkte, daß die beiden Schreibenden vielleicht gegen einen dritten gemeinschaftlichen Feind gesiegt hätten. „Gott bewahre, erwiederte der Andere, — ich kenne den Zusammenhang, es sind die zwei Fabrikanten, die einander zu Grunde richten wollen. Nun, wir werden bald sehen, welchesK.das andere untertaucht.“

Er kopirte die Depeschen, machte sie zur Expedizion zurecht und fuhr fort: „Die Stücke sollen durch Expressen befördert werden, es ist dafür dort bezahlt worden. Ueber Altenberg nach Korbach? wir können zwei Expressen aufrechnen, da die eine Depesche bereits vor einer Stunde gekommen und wir sie schon hätten absenden können.“

„Gewiß, wenn wir gewollthätten“ — —

„Nun, schicken wir sie unterEinem. Glücklicherweise ist keine Fabrikgelegenheit da. Lassen Sie den Schneiderpeter holen, — der fährt um die halbe Taxe!“

Nach einer halben Stunde erschien der Genannte, eine gutmüthige, verhungerte Gestalt in Nankingbeinkleidern und himmelblauem Rocke. — Erübernahm die Depeschen, beendigte zu Hause eine Flickarbeit, richtete seinen Einspänner zurecht und fuhr in einem gemüthlichen Mitteltempo zwischen Schritt und Trab von dannen. Da er wiederholt in Bauern- und Wirthshäusern kurze freundschaftliche Besuche abstattete, wurde er fortwährend von einem fleißig ausschreitenden Hausirjuden überholt, welcher, mit seinem sechzig Pfund schweren Magazin auf dem Rücken, gleichzeitig mit ihm in Altenberg eintraf.

Das Pferd wurde in den Stall gestellt, und auf der Hausbank ein Glas Wein in Gesellschaft des Gevatter Wirthes getrunken. — Das regste Leben herrschte im Orte; die Gebäude waren vollendet; eben ausgepackte Maschinenbestandtheile lagen auf dem Platze vor der Fabrik umher.

„An dem Morawski, begann der Wirth, hat Herr Kollmann den Rechten gefunden. Vor drei Tagen hat er wieder hundert Slowaken, die von der Eisenbahnarbeit nach Hause geschickt werden sollten, aufgenommen, für die großen Grabungen am Wassergang und dem Dammbau, und fünfzig Italiener für die Steinarbeiten.“

— „Das nützt Alles nichts; gegen den Korbacher kommt er doch nicht auf.“

— „Das wird sich zeigen; schau die Walzen an, sie sind größer als jene, die sie dort haben. Sie werden bald die Augen aufreißen! Die Lutherischen drüben haben ja schon geglaubt, gegen sie stehe Nichts mehr auf im Lande.“

„Ist der Erzbischof schon bei Euch durchgekommen?“

„Nein, es war ein Anderer, der statt seiner die Einweihung vornehmen soll. Es sind drei Wagen mit Geistlichen vorübergefahren; der Vornehmste hat den Segen gegeben. Da hättest du sehen sollen, wie die Slowaken auf das Gesicht gefallen sind. Das ist ein Volk! aber noch immer besser als die da drüben! sie haben wenigstens eine Religion; aber in Korbach glauben sie an gar Nichts als an einen Herrgott.“

„Ja freilich,“ meinte der Schneiderpeter, „so lange der Mensch gesund ist und vollauf hat, thuts der Herrgott allein, aber wenn Einer krank wird und recht herunterkommt, müssen doch die Mutter Gottes und die Heiligen wieder heraushelfen. Ich habe aber einen Telegrafen an Herrn Morawski im Sack und bin Expresser.“

„Geh in die Kanzlei, — er ist gerade hinübergegangen.“

Morawski las die Depesche mit sichtlicher Aufregung, und rief den Werkführer Fontana zu sich, mit welchem er sich lange und angelegentlich besprach.

Das Resultat der Unterredung wurde bald offenbar. — Obgleich es erst Mittag war, ertönte die Glocke, welche gewöhnlich nur zum Feierabende und zur Mittagsruhe geläutet wurde, und die Arbeiter warfen ihr Geräthe weg und versammelten sich auf dem Rasenplatze vor der Fabrik. Morawski trat heraus und befahl den Italienern, sich abzusondern und Herrn Fontana zu folgen, welcher sich mit ihnen etwa fünfzig Schritte entfernte, in ihre Mitte stellte und, mit einigen Abänderungen, eine gleichlautende Rede mit jener hielt, in welcher sich Morawski gegen die Andern vernehmen ließ.

Ein Blick auf Letzteren machte begreiflich, daß er das Vertrauen Kollmann’s besaß, — Redner und Publikum waren einander werth. Herr Morawski war ein großer breitschulteriger Mann, mit blatternarbigem, verschmitzten Gesicht, Ohrringen in beiden Ohren und stark böhmischem Akzent.

Die Slowaken anlangend, standen dieselben in ihren ungeheuern Stiefeln, ausgefransten Leinwandsäcken, die die Beine bedeckten, und breiten Hutdächern mit einem Ausdrucke da, welcher zu Studien über die Perfektibilität der Thierseele Anlaß geben, aberauch alle sanguinischen Hoffnungen auf dieselbe abschneiden konnte. — Diese Nazion ist offenbar an einem regnerischen Freitag gegen Abend geschaffen worden. Wenn sich, wie bekannt, im Kopf eines Hechtes das sogenannte Leiden Christi, nämlich alle Instrumente vorfinden, welche zur Marter des Herrn, vom Verhör bei Pontius bis auf Golgatha, gedient, so müssen sich im Kopfe eines Slowaken überdieß die Torturwerkzeuge aller der Tausende von heiligen Märtyrern entdecken lassen. Wenn dieses Volk jubelt, klingt’s noch immer wie wenn ein anderes heult: der Slowak mag arbeiten oder trinken, betteln oder stehlen, durch jede Funkzion seines Lebens wird der nazionale Urjammer, der spezifisch-slowakische Weltschmerzdurchtönen. —

Morawski sprach zu ihnen wie folgt:

„Unser gnädiger Fabrikherr, Euer Arbeitgeber, sieht vor Allem auf die Gottesfurcht und Frömmigkeit seiner Arbeiter. Er will gern einen Schaden erleiden, wenn Ihr dafür ein Werk der Andacht verrichten könnt. — Er gibt Euch zwei Tage frei, ohne den Lohn abzuziehen. — Es wird morgen die Kirche in Korbach geweiht; ein hoher Geistlicher, welchen der Erzbischof geschickt hat, wird den Segen geben, welcher so gut ist, als ob er vom Erzbischof selbst käme. Wer ihn erhalten will, der geht mit mir undHerrn Fontana, welcher Eure Kameraden führen wird, hinüber. Da Herr Kollmann will, daß Ihr in Korbach Nichts verzehrt, so werdet Ihr mit Lebensmitteln versehen werden. In Korbach sind viele Arbeiter, die an keinen Papst, keine Mutter Gottes und keine Heiligen glauben. Ihr werdet Euch ruhig und still betragen und jeden Zank mit diesen unglücklichen Menschen vermeiden, die Ihr bedauern müßt; wir werden aufbrechen, sobald Ihr Euern Wein und die Lebensmittel gefaßt habt, auch hat Herr Kollmann befohlen, daß Jeder von Euch einen Rosenkranz bekommen solle. Wer will die Wallfahrt mitmachen?“

Die Antwort war ein einstimmiges Freudengeschrei; man konnte glauben, es werde ein Häuptling zur Erde bestattet. — Wenige Minuten später klang der prachtvolle Akkord des fünfzigstimmigen Evviva! aus den metallnen Kehlen der Italiener herüber, welche die Hüte in die Luft warfen, Kollmann und die Madonna, den Erzbischof und den Branntwein leben ließen, aber mit allem Schreien, Gestikuliren, Hin- und Herrennen nicht verhindern konnten, daß die melancholischen Slowaken ihre Flaschen und Brotsäcke früher gefüllt hatten als sie.

In kurzer Zeit war Alles marschfertig. Der Kaplan hatte dem Ersuchen um eine Kirchenfahnewillfahrt, mit welcher ein Arbeiter an die Spitze des Zuges trat, ihm zur Seite ein Vorbeter. Morawski und Fontana bestiegen einen leichten offenen Wagen, — die Italiener führte ein Maurerpolier und vormaliger Chorist, Namens Pompeo. Sie eilten voraus, um dem Gesange ihrer Kameraden zu entrinnen, stimmten zuerst ein Lied zu Ehren der Madonna di Korbacco an, ließen sich aber von Pompeo leicht aus dem religiösen Gebiete ins melodramatische hinüberziehen und bildeten einen gelehrigen Chor zu seinen Donizettischen, Verdischen und sonstigen Arien.

Als Alle abgezogen, machte der Schneiderpeter Anstalt zur Weiterbeförderung seiner zweiten telegrafischen Depesche.

Das Pferd wurde angeschirrt, die Rechnung bezahlt, und er überholte mit leichter Mühe die Arbeiter und den Hausirjuden und gelangte mit wenigen Unterbrechungen bis Labring, eine halbe Stunde vor Korbach.

Es war spät in der Nacht, als er bei seinem Geschwisterkinde, dem Ortsrichter, anklopfte. — Dieser empfing ihn mit freudigem Ausrufe und den Worten: „Den ganzen Tag habe ich an Euch gedacht, Peter! ob Euch nicht eine Botenfahrt hereinführen würde. Morgen soll ich zur Kirchenweihe und heute klopft die Dirne meinen neuen Rock aus,und der Hund versteht falsch und springt hinauf, und reißt den Aermel in Fetzen. Ich hätte wohl noch einen Rest Tuch, — wollt Ihr dran gehen?“

Der fleißige gefällige Peter ging flink an die Arbeit und stach so hurtig drauf los, daß er nahezu fertig war, als die Wallfahrer nachkamen und am Hause vorüberzogen. — Schließlich traf er fünf Minuten nach den Italienern, eben so viele vor den Slowaken mit seiner Depesche im Korbacher Wirthshause ein, wo eben der Jude, der mit ihm zugleich von Frauenwang ausgegangen, seinen Großhandel in eine Ecke und sich selbst daneben niederfallen ließ. Der Schneiderpeter versorgte sein Pferd, setzte sich, um einen Augenblick auszuruhen, betäubt von Wein und Nachtfahrt, auf die Streu nieder und schlief alsbaldein. —

Erst seit einer Stunde hatten auch die Bewohner des Ortes das Letztere gethan, nach dem bewegten Tage. Die Gemeinde hatte an den Vorbereitungen für Morgen gearbeitet, Alles übertüncht und behangen und gesäubert — aber lässig und verdrossen waren die letzten Arbeiten verrichtet worden, als die Erwartung der Ankunft des Erzbischofs nicht in Erfüllung ging, sondern aus dem ersten Wagen PaterBernhardstieg.

Sein Name war in Korbach gehaßt, während trotz des dort herrschenden, nach der klerikalen Auffassung verderblichen Geistes, die Erscheinung des Erzbischofes nicht verfehlt hätte, großen Eindruck zu machen. Es liegt ein ganz eigner Zauber in der funkelnden Inful und dem Krummstab: das alte Spielzeug, der Nikolaus, tritt plötzlich vor das katholische Kind in lebendiger Größe hin, und während ein Pfarrer, Kaplan oder Dechant dem Bauer begreifliche, vertraute Erscheinungen sind, schwebt der Bischof immer ein gutes Stück über der Erde, zwischen geflügelten Engelsköpfen und Aposteln in Wolken.

Der Kirchenfürst hatte jedoch seinen Entschluß geändert. Bernhard, von seinem Sturze von dem in die Luft gebauten Prälatenstuhl erholt, — hatte in der Residenz eine unglaubliche Thätigkeit entwickelt. Der Erzbischof, bereits durch Korbach’s Ablehnung, ihn zur Einweihung zu laden, gereizt, — so wenig er es auch merken ließ, — war nun selbst der Ansicht, daß die Dinge zur Entscheidung kommen müßten. Er hatte Bernhard, da seine Stellung im Kloster unmöglich geworden war, und man die Wahl des Valentin aus höheren Gründen nicht umstoßen wollte, zum Domherrn ernannt —; und da das Auftreten des alten Korbach besorgen ließ, daß das Festnicht ohne Störung vorübergehn und er zwar eine Krisis herbeizuführen, nicht aber seinePersoneiner Unannehmlichkeit auszusetzen wünschte, so übertrug er Bernhard die Vertretung derselben, und ließ ihm stillschweigend zu Allem, was er vorzukehren fände, freieHand. —

Ohne daß eine Aenderung des ursprünglichen Beschlusses nach Korbach gemeldet worden, traf der nunmehrige Domherr daselbst ein, bezog die im Pfarrhofe bereit gehaltene Wohnung, indem er die ihm durch den Pfarrer gemeldete Einladung, im Herrenhause zu wohnen, ignorirte, und ließ für die Geistlichen seiner Assistenz Zimmer im Gasthofe nehmen. Er erklärte, er habe vor, die religiöse Feier mit Vermeidung alles Kontaktes mit den weltlichen Elementen von Korbach vorzunehmen, was nicht verhinderte, daß er die Gemeindevorstände zu sich beschied, sie nach den getroffenen Vorbereitungen fragte, und mit großer Spannung eine Stunde, und eine zweite, auf ein Lebenszeichen des Gutsherrnharrte. —

Mit Pfarrer Leo sprach er in kurzem trockenen Tone und als derselbe Einiges über den befriedigenden Zustand der Pfarre äußerte, unterbrach er ihn: „Der Erzbischof ist von der wahren Sachlage hier und in St. Martin zu genau informirt, um Ihrer Berichtigung zu bedürfen, — er weiß auch, werbei den Vorgängen im Kloster, die sein Herz betrübten, in vorderster Reihe stand.“

Er ging in die Kirche, — wieder nach Hause — die Reizbarkeit seines Temperaments hatte sich durch keine Aderlässe und niederschlagenden Pulver vermindert. — Um neun Uhr Abends beschloß er eine verstärkte Ausgabe des Manövers mit dem Briefe: er schickte einen Geistlichen nach dem Herrenhause, um seine Ankunft formell anzusagen. „Kriecht er zum Kreuz undkommt, —gut; dann wollen wir weiter sehen.“ Als Vertreter des Erzbischofs hatte er jedenfalls das Recht, den ersten Besuch zuerwarten. —

Der Geistliche kam mit der Meldung, daß ihn der alte Herr in seinem Schlafzimmer empfangen, und gesagt habe, er werde als Kirchenpatron den Domherrn morgen an der Kirchenthüre erwarten und feierlichst begrüßen, und hoffe, derselbe werde mit allen Geistlichen der Assistenz ihm nach der Einweihung die Ehre erweisen, Mittags seine Gäste zu sein.

Man sieht, daß die Diplomatie nicht die stärkste Seite beider Parteien war. Korbach konnte unmöglich glauben, daß der Domherr die gelegentliche Einladung durch den rückkehrenden Boten annehme. Der Domherr aber hatte nicht in der klaren Absicht die Sache zum Bruch zu treiben gehandelt, sondernsich doch alsmöglichgedacht, den Triumf einer Unterwerfung Korbachs in die Residenz mitzubringen, wozu dieß der erste Schritt. Nun war für ihn nur ein Weg, und er war gleichwol ärgerlich über den erhaltenen Affront.

Er suchte Ruhe, schickte die Musik weg, die auf dem leeren Platz zu spielen begann, und überließ sich den Gedanken an den kommenden, wichtigen Tag. Seine Aufregung war nicht viel geringer als vor Eröffnung der Stimmzettel. Er ging auf und nieder, las eine vor der Abreise aus der Residenz erhaltene Depesche Kollmanns, als wollt’ er sich überzeugen, daß er sie die zehn ersten Male richtig gelesen, und griff endlich zum Hut, um dem schwülen Zimmer zuentfliehen. —

Schlummern mag der Eingeborne in Korbach — nimmer der Fremde, der vergebens einer „Nachtstille“ harrt. Sie ist entflohen an die äußersten Grenzen des Thales, vor dem ewigen Toben des Hammers, vor dem ewigen Rauschen des Wassers, — des weißschäumenden Blutes in jenem Körper, dessen Riesenglieder nie alle zugleich ruhen. Laßt es stocken und das Herz, das große Schwungrad, steht still, der Athem der Gebläse verstummt, die Lebensglut der Feuerstätten verlischt, die tausend Gelenke der Räder erstarren. — Die Perser hielten ihr Feuer nicht heiliger, als die Korbacher dieß Wasser. Beim Eintritt ins Thal empfängt es eine Ehrenpforte von Quadern und nun gleitet es weich dahin in blanken hölzernen Betten, hin zu den Werken, und lustig bietet sich ihm zum Tanze die flink umwirbelnde Turbine, — gehorsam, wie der Elefant dem kleinen Kornaken, fügt sich seiner Laune das haushohe Rad. — Dort leiten es gewundene Röhren in weiche Wiesen — dort fällt’s als Strahlenregen in Helenen’s Blumenbeeten — — jeder Tropfen nützt oder erquickt. Und während es zehnfach getheilt in rastloser Eile schäumend und sausend durch all’ die Räume sich drängt, und am Ausgang des Thales wieder vereint, wo jedes der fliegenden Korps dem andern erzählen mag, wie es gekämpft und was es besiegt, — schleicht nur der Ueberfluß träge im steinigen Hauptbett dahin, wie Marodeurs zur Seite der Armee. Das Thal ist von den Wassergeistern erfüllt, man athmet sie bei jedem Schritte, — sie drängen sich in der Nacht zu weißen Schaaren unter den Bäumen zusammen. Und wie die Sonne aufgeht über den Gerechten und Ungerechten, so kühlt auch die Nacht, — diese frische, tannendurchduftete, schaumdurchsprühte Nacht von Korbach — nicht nur die Wangen des Gerechten, sondern auch jene Bernhards.

Er ging über die Brücke, den Gebäuden entlang, und stand vor der Thür des Walzwerkes. Er trat hinein, die Arbeiter grüßten, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen und schoben ein Metallstück nach dem andern zwischen die Walzen, die das gußeiserne Schwungrad bewegte.

Nun stand er vor diesem, — betrachtete es, und konnte den Blick nicht davon abwenden — — wie es im rasenden, sinnverwirrenden Fluge sich drehte, daß die Speichen für das Auge in eine graue Scheibe verrinnen — ein Sklave des Wassers über sich, und mächtiger Zwingherr der Walzen unter sich, und diese wieder die Herren des Metalles — das sie erfassen, so ruhig-spielend und leicht. Das Zucken des Lammes in der Löwentatze ist eher ein Widerstand zu nennen, als dieß ohnmächtige Schwinden in einer einzigen Umarmung.

Der Beschauer vergißt der bewegenden Kraft, — des Zusammenhanges, — des Begriffes:Maschine. Er sieht einLebendigesvor sich — — aber Keinem, der vor einem solchen Getriebe stand, hat jemals die Fantasie vorgespiegelt, daß es von einem Geiste desLichts, einem Cherub bewegt werde: der nächste Gedanke ist nur der Geist der Finsterniß, derDämon, selbst in der einfachen Mühle, und das Prinzip ergreift unwillkürlich den Zuschauer....

Wahrlich auf hohem Gipfel der Nächstenliebe muß derjenige stehen, oder ein selten glückliches Dasein hingelebt — oder ein taubenfrommes Gemüth als Wiegengabe eingebunden bekommen haben, — der im ganzen Laufe seines Lebens nichtEinmalJemandem den frommen Wunsch nachgesendet, daß ihn — — der Teufel holen möge. Und Jeder, aus dessen Brust nicht der Polip des Hasses mit der letzten Wurzel ausgerissen, der lege die Hand aufs Herz, und gestehe,welcherGedanke in ihm aufgezuckt vor der Höllengewalt dieser umherstürmenden, Alles zermalmenden eisernen Ungeheuer? — — Die Fantasie ist schuldiger, als dasHerz. —

Man wünscht ja nicht,daßes geschehe; man denkt nur — —wennesgeschähe! —

— Wer wird dich blutgierig nennen, armer, hungeriger Praktikant der Staatsbuchhaltung, wenn du vor dem Rade stehst und ein dir sonst fremder Geist in dir denkt: eineeinzigeUmdrehung; und die hundert und achtzig Vorrückungen sind vollbracht, deren es bedarf um vierhundert Gulden zu erreichen! Und so Jeder, der den Karren seines Jammerlebens nicht an die Stelle, die er ein „Ziel“ nennt, schieben kann, ehe nicht der Karren seines Vorgängers umgestürzt und in den Graben am Wege gefallen. — Und wenn der fromme Rechtgläubige die ganze übrigeMenschheit, und der Razionalist die gesammte Klerisei im Geiste durch die Walzen zieht —? so sind’s eben Spiele der Fantasie, vom Windhauche der Teufelsmaschine aufgewirbelt.

Der Stellvertreter des Fürst-Erzbischofs stand da — das starre Auge auf dieselbe geheftet, und zeichnete in Gedanken auf den dunkeln Grund hinter den Speichen die Vignette zu dem „Liebet Euch unter einander,daransoll manerkennen, daß Ihr meine Jünger seid“ —erzog vorinkognitozu bleiben. Er gedachte seines geliebten Klosters, — des Mannes, der seinen Platz einnahm — seinem Auge erschienen die Metallplatten als Menschengestalten — — der alte Korbach — Alle, die in der Todtenkapelle zugehört, immer zahlreicher wurde die Gesellschaft — — — die ganze protestantische Gemeinde hat der stumme Wunsch durch die Walzen gezogen — — Aber die Knechte fassen ewig nur Platte auf Platte, und keiner weist grinsend nach einem Besorgten und Aufgehobenen....

Der Herr mag ihm den Willen für das Werk anrechnen! — Seine Vision ward gestört, da der alte Korbach, welcher die Werke jede Nacht zu unbestimmter Stunde besuchte, am entgegengesetzten Eingange des Gebäudes erschien. Bernhard trat schnell ins Freie. Korbach hatte ihn aber erkannt, und mit der Wahrheit und Treue, welche die erste Pflicht des Erzählers ist, muß bekannt werden, daß auch der alte biedere Fabrikherr, als er am Rade vorüberging, von dem ansteckenden „Gedankenspiele“ nicht verschont blieb. — UndseinGedanke dürfte ihm in einer andern Welt zwar nicht als Verdienst angerechnet werden, aber dafür — inErfüllunggehen.

Der Domherr ging noch einige Zeit umher, sich für die Predigt vorbereitend, die er vor dem Hochamte zu halten gedachte. — Er hatte den Grundgedanken dazu im Walzwerkegefunden. —

Korbach aber kehrte ins Wohnhaus zurück, um sich zur Ruhe zu begeben. Als er ans Fenster trat um es zu schließen, drang ein seltsames Getön vom Ende des Thales her an sein Ohr, — es wurde immer lauter, deutlicher und wehmüthiger, und er erkannte den Slowakengesang und wußte nicht, wie er sich die Rücksichtslosigkeit der nächtlichen Wallfahrer erklären sollte. — Das Lied verstummte, und es folgte das sogenannte Fahnenduett aus den Puritanern, von einem zahlreichen Chor im raschesten Tempo ausgeführt. — „Das läßt sich eher hören,“ sagte er, „aber wer zum Henker hat denn den Einfall, das ganze Thal in der Nacht aufzubrüllen?“ — Nun klangen die beiden Chöre ineinander, als gelte es, wer den Andern überschreie. „Ich gehe hinab,“ rief er, „undwenn die Kerls — ich habe gar keinen Begriff was sie nur wollen — nicht das Maul halten, so läute ich die Arbeiter zusammen und lasse sie bis Labring hinüberpeitschen!“

Als er die Thür öffnete, trat ihm Helene entgegen, im weißen Nachtkleide, worüber sie ihr dunkelblaues Tuch geworfen, das Köpfchen von den dichten blonden Flechten umwunden, und sagte lachend: „Vater, wenn nicht Alles trügt, so sind die Erzbischöflichen angerückt und beziehen da unten einLager.“ —

„Wollte Gott,“ rief Korbach, „es wäre Ernst, und wir lebten noch in der Zeit, wo es Erzbischöfliche und Pfalzgräfliche und Städtische und dergleichen mehr gab — in unserm elenden Jahrhundert darf man kaum eigenhändig Einen zum Hause hinauswerfen. Ich will nun sehen, was es ist.“

Der Markt war in Alarm. Als Korbach erfahren, daß es die Altenberger seien, ertheilte er sogleich Befehle; die Arbeiter wurden in den Werkstätten konsignirt, Keiner durfte ins Freie, die Gemeindevorstände mußten die Bauern beruhigen, die Häuser wurden geschlossen und die Lichter verlöscht. Alle Vorsicht war um so nöthiger, als die Stimmung Abends nach der Ankunft des Domherrn eine so gereizte geworden, daß es der kleinsten Anregung bedurft hätte, um eine Katzenmusik unter den Fenstern desselben zusammenzubringen.

Korbach kehrte nach Hause zurück und die Nacht verlief ruhig. Beim Frühstück, das er in Helenens Gesellschaft einnahm, wurde ein „Expresser“ gemeldet, und es erschien — der Schneiderpeter.

Korbach warf ihm einen Thaler hin, und rief, nachdem er weggegangen, — die Depesche Helenen reichend: „Viktoria! gute Nachricht von Arnold! nun soll mir Sprenger mit seinen Bedenklichkeiten kommen! Unser Monarch hält sein Zepter noch an einem Ende in der Hand, und die Pfaffen mögen am andern ziehen und winden wie sie wollen, zuletzt reißt er’s ihnen doch wieder aus den Fingern und klopft sie noch darauf, obendrein! — Hätt’ ich die Depesche Abends bekommen, ich wäre zum Domherrn gegangen, und vielleicht gar höflich mit ihm gewesen — derSiegerkann einenersten Schrittmachen, — einem geschlagenen Feind, heißt es, soll man goldene Brücken bauen! — Nun bleibt’s aber auch bei meinem Beschlusse in Betreff Arnolds.“ — Helene, welche verstand, was er mit den letzten Worten meinte, schien sich über dieselben zu freuen.

Unten wurde es bereits lebhaft. Scharen von Bauern aus allen umliegenden Orten waren zugeströmt, eine bunte Menge in Feiertagskleidern bedeckteden Platz, füllte die Gaststuben, vertheilte sich im Park des Herrenhauses, von welchem nur ein Theil für die Bewohner abgesperrt war. In vielen kleinen, offenen Kaleschen kamen die Verwalter, Hammerbesitzer, Amtsleute und sonstigen Honorazioren, — auf Steirerwägen die blumengeschmückten Burschen und Mädchen.

Das Programm des Tages war: um neun Uhr die Einweihung; dann Predigt; Hochamt; Diner im Herrenhause — Nach dem Nachmittagssegen große Tafel im Park, wo sämmtliches Fabrikpersonale bewirthet werden sollte.

Gegen neun Uhr stellten sich die Korbacher Arbeiter in schöner Ordnung im Halbkreise vor der Kirche auf. Die Altenberger waren gleichfalls hereingezogen; Morawski bat höflich, ihnen einen Platz anzuweisen, und man stellte sie, den andern gegenüber, in einiger Entfernung auf.

Nun erschien Korbach mit seiner Tochter, gefolgt von den Beamten und dem gesammten höheren Personale der Fabrik, in schwarzer Kleidung, und erwartete an der Spitze der Seinigen am Eingange der Kirche den Domherrn. — Dieser schritt im vollen Ornate mit seiner Assistenz vom Pfarrhofe herüber, am Gutsherrn vorbei, dessen Gruß er nicht zu bemerken schien und die Feierlichkeit begann, undging in bekannter Weise vor sich. Die Geistlichen umschritten die Kirche mit den Rauchfässern, gingen dann hinein, besprengten alle Räume mit geweihtem Wasser, und sprachen Gebete und nun folgten die Weltlichen, so viel ihrer Platz fanden, in das nunmehr zum Gottesdienste geweihte Haus.

Der Domherr bestieg die Kanzel. Korbach begab sich mit Helenen in das derselben gegenüber befindliche Oratorium.

Die Predigt begann.

Der Text war: Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen. — Die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.

Bernhard ging kurz über die erste Hälfte desselben hinweg, und wendete die gesammte Kraft seiner Rede auf den letzten Satz. — Auch nichtEinWehen des Taubenfittigs! — — Nichts als die Kralle des Teufels in den Nacken dessen, der da glaubt, es gebe einen andern Weg nach dem Himmel als jenen, der durch brennenden Schwefel beleuchtet ist. — „Was hilft ein neues Gebäude, wenn nicht ein neuer Geist einzieht? — Wer die räudigen Schafe nicht von den reinen trennt und vertilgt, ist Gott verantwortlich für das Verderben der letzteren. Das Feuer, das auf die entarteten Städte fiel, möge über das Thal herabfallen, wenneinmal nicht fünf Gerechte darin zu finden, und dahinmußes kommen, wenn die Pest der Ketzerei Hütte auf Hütte ergreift. — Aber der Herr weiß den Schuldigen zu finden, wenn nicht hier dochdrüben.“ — Und nun kam das Bild der Hölle: Das Schwungrad, die Walzen, die Hämmer, der Hochofen — das mußten ja die Arbeiter begreifen: wie die Seelen und Leiber zerquetscht werden von den Rädern, die der geschmolzene Pechstrom umtreibt. — Hierauf folgte die Anwendung, wie Derjenige, der die irdische Maschine mißbraucht, um die Ketzer zu ernähren, von der höllischen erfaßt und mit ihnen zermalmt wird zur Strafe des Frevels, daß er Stein auf Stein aus den Mauern der Kirche gebrochen, derenpatronus,Schutzherrer sich genannt.“

Er heftete den Blick fest auf Korbach, welcher aufstand, mit seiner Tochter das Oratorium verließ, langsam zwischen den sich öffnenden Reihen die Kirche durchschritt, und sich in ruhiger, würdevoller Haltung über den Platz nach dem Herrenhause begab.

Der Geistliche hielt absichtlich inne, um die Störung desto auffallender zu machen, und wartete noch einige Augenblicke, nachdem der Fabrikherr die Kirche verlassen, welchem einige Korbacher gefolgt waren.

Dann hob er mit schmerzlich bewegter zitternderStimme wieder an, und bat Gott um Gnade für den Sünder, der dem Worte, das ihn zum Heile führen könnte, aus dem Wege geht — fiel aber bald in den früheren Ton, indem er dem Gutsherrn und Allen die zu ihm hielten, die gesammten Blitze und Donner des Anathema nachsandte, so daß es endlich auch den Uebrigen zu arg ward, welche die als Ausbund aller Laster geschilderten Protestanten als die bravsten und ehrlichsten Leute kannten, und die Kirche leerte sich rasch von den ursprünglichen Besuchern und füllte sich in demselben Maße mit Slowaken, für deren Kapazität es ganz gleichgültig war, in welcher Sprache gepredigt wurde. Trotz der gespannten Aufmerksamkeit, welche auf ihren Gesichtern zu lesen war, kürzte der Domherr nun die Predigt ab und verließ die Kanzel um das Hochamt zu halten, welches mit dem Aufwande der besten musikalischen Kräfte des Thales stattfand und ziemlich drei Stunden währte.

Die Kollmann’schen Arbeiter, von Morawski und Fontana in jeder Bewegung geleitet, nahmen nun fast die ganze Kirche ein, und die Korbacher, obgleich sie ihnen selbst den Platz geräumt, sahen es mit Aerger an. Die fremden Besucher bildeten abgesonderte Gruppen, allgemein wurde das Benehmen des Gutsherrn besprochen, von den Meisten gebilligt,von Einigen getadelt; — als der Gottesdienst geendet war, hatte sich Verstörung und Mißstimmung aller Gemüther bemächtigt.

Nun fuhren die Wagen mit den Geistlichen vom Pfarrhofe weg. Vor dem Kirchenthore ließ Bernhard halten, stand auf, segnete die Wallfahrer und sprach zu den nebenstehenden Gemeindevorständen mit weithin vernehmlicher Stimme: „Ich danke Ihnen für Ihre Bemühung zur würdigen Feier der heiligen Handlung. Wenn dieselbe nicht so vor sich ging wie es sein sollte, ist es nicht Ihre Schuld. Noch ist eine Handbreit Erde für den Samen des Guten in Korbach zu finden und ich bitte Sie nicht zu verzagen, — die Kirche wird Sie schützen, ihr Segen wird Ihnen so wenig fehlen, als die Strafe Denen, die sich nunmehr offen gegen sie aufgelehnt haben.“

Die Vorstände hörten schweigend und ernst der Anrede zu, — als aber die Wagen um die Ecke waren, ließ ein Hammerknecht, der zu den glühendsten Anhängern des Gutsherrn gehörte, aus voller Brust ein Vivat Korbach! erschallen, und da es bei einer aufgeregten Volksmenge nur eines zündenden Funkens bedarf, so scholl der Ruf, von Hunderten wiederholt, an die Ohren des Domherrn und seiner Begleitung, als Abschiedsgruß, — als wollte man denstummen Empfang gutmachen der ihm bei der Ankunft zu Theil geworden.

Morawski’s Augen leuchteten auf bei dem Rufe. Wie ein General oft mitten in der Affaire einen neuen Plan faßt, schien er jetzt mit dem seinigen im Reinen. Da trat Fontana zu ihm und sagte leise: „Meine Italiener sind nicht zu halten, sie wollen in die Wirthshäuser.“

— „Das dürfen sie nicht. Haben sie nichts mehr vom Vorrath?“

— „Keinen Schluck und keinen Bissen!“

— „Das ist schlimm. Verzehrt darf Nichts werden.“

— „Auch sind sie ungeheuer aufgeregt: es hat sich unter ihnen verbreitet, der Domherr habe den Korbach exkommunizirt. Ein Theil sagt, dieser habe Recht, die Andern reden vom Fenstereinwerfen.“

— „Da ist keine Minute zu verlieren, — hier sind vierzig Gulden, führen Sie sie augenblicklich fort, nach Labring, lassen Sie sie zechen und dann marsch! nach Hause! Ich kann hier keine Hitzköpfe brauchen. Meine Slowaken sind die rechten, — gehen Sie in Gottes oder des Herrn Kollmann Namen!“ — schloß erlachend. —

Fontana sammelte seine Schaar, welche alsbald zum Orte hinaus und die Straße hinab lärmte, dem Walde zu.

Die Korbacher waren gegen Wallfahrer überhaupt, namentlich gegen die jetzt anwesenden eingenommen. — Aus dem prinzipiellen Standpunkte sind die Akten über die Karawanen, welche die Wüste des Aberglaubens unter dem Namen von Prozessionen durchziehen, längst geschlossen. Der Ort, von welchem die Arbeitskräfte und das Geld exportirt werden, hat die Handelsbilanz offenbar gegen sich; das Mekka, wo sich die silbernen und wächsernen Votivsteuern ansammeln, und jedes Haus ein Wirthshaus, hat siefürsich, — ein Vortheil, welcher aber durch das fisische und moralische Ungeziefer, welches die frommen Scharen zurücklassen, weit überwogen wird. Nun sollte das Letztere allein der Antheil der Korbacher Gemeinde sein! — Sie hatte langmüthig zugesehen, wie die Ankömmlinge ihre Wiese in der Nacht so zu sagen abgeweidet; das Gras war allenthalben zertreten und selbst Feuerstellen waren zu sehen. Der Richter war am Morgen, ohne Korbachs Wissen, zu den Fremdlingen hinausgegangen und hatte Explicazionen verlangt. — Wenn eine Großmacht eine Ohrfeige erhält, wird der Gesandte beauftragtde demander des explications, ob damit eine Beleidigung beabsichtigt sei. — Morawski hatte sich äußerst artig entschuldigt, er habe in der Nacht nicht im Orte Quartier nehmen wollen, und im Namenseines Herrn Schadenersatz angeboten, den jedoch Korbach anzunehmen verbot. — Nun waren die Italiener abgezogen, die Andern lagerten nach dem Gottesdienst an der Straße und verzehrten was sie mitgebracht. — Die Bauernbursche standen nach dem Mittagsessen beisammen und beriethen die Eventualitäten einesZusammenstoßes. —

Im Herrenhause war das Diner der Honorazioren vorübergegangen, ohne daß der Abgang des Domherrn der Fröhlichkeit Eintrag gethan hätte. Die Predigt fand die heftigste Mißbilligung; Korbach sagte, er habe sich zurückgezogen, da er nicht Lust gehabt, sich von einem Fanatiker insultiren zu lassen, der die heilige Stätte mißbrauche, um seinem Aerger über eine erlittene Niederlage Luft zu machen; er sei überzeugt, daß die Regierung solchen Uebergriffen zu begegnen wissen werde. Der Beweis, daß sie die gerechte Sache schütze, liege darin, daß trotz der Konflikte zwischen ihm und der Geistlichkeit seine Beziehungen zu den höchsten Behörden ungetrübt geblieben, wie eben eingetroffene Nachrichten von seinem Sohne bewiesen.

Die Gäste stimmten bei, und eine Reihe von Toasten auf Toleranz, Gleichberechtigung der Kultenu. dgl.beschloß das Mahl.

Nach demselben begaben sich die Gäste in den Garten, wo die Vorbereitungen für die Bewirthungder Arbeiter nach dem Abendsegen getroffen wurden. Ehe Letzterer begann, hatten die Slowaken wieder einen Theil der Kirche und den Platz am Eingange gefüllt. — Sie begingen keine einzige offensive Handlung. Siewaren nur da. Wo ein Anderer gehen und stehen wollte, da ging und stand ein Slowak. Ohne zu Thätlichkeiten zu schreiten, drückte und schob man sie aus dem Wege, aber die Trägheit der Masse, die bei alle dem von einer unsichtbaren Hand geleitet schien, gewann immer die Oberhand, und die Korbacher konnten ihrer neugeweihten Kirche nicht froh werden.

Als der Gottesdienst vorüber war, begaben sie sich über die Brücke nach dem Park, und nahmen an den Tischen Platz. Die Fremden aber schienen ihre Andacht über Nacht fortsetzen zu wollen. Es ist dies übrigens Nazionalsitte; wer jemals Gelegenheit gehabt dieses Volk in seinen überirdischen Beziehungen zu beobachten, wird gefunden haben, daß seine Andacht sich nicht mit dem Maße der übrigen Christenheit mißt. Die Kirche ist an Feiertagen sein Bivouac, — es liegt und steht stundenlang darin, geht ein wenig heraus, ißt und trinkt, — dann wieder hinein, bis in die Nacht. — Nun breiteten sie ihre Kotzenmäntel auf den Boden, lagerten sich und packten wieder mitgenommenen Proviant aus.

Korbach’s Arbeiter waren von ihnen durch die Brücke und die Umfriedigung des Parks getrennt, in welchem sie an den langen Tischen saßen, zwischen denen der Gutsherr ab und zu ging, mit den Leuten freundlich sprechend, und beständig die Fremden im Auge behaltend. — Die Protestanten und Katholiken saßen gemengt, die gespannte Stimmung begann einer fröhlichen zu weichen und man kümmerte sich nicht um die Slowaken. Plötzlich stimmten diese auf ein Zeichen Morawski’s eines ihrer Jammerlieder an. — Ein Murren antwortete. — Korbach gebot den Seinen Ruhe, fand Gehorsam, befahl aber dem Wächter, das Gitterthor nach der Brücke zu schließen.

Nun war das Lied geendet und man sah die Sänger sich erheben und wie zum Abzuge ordnen, woraus keineswegs zu schließen, daß sie gingen. — In diesem Augenblicke wiederholte der Hammerknecht, welcher das „Vivat Korbach“ beim Abschiede des Domherrn provozirt hatte, diesen Ruf, und in der nächsten Minute scholl es vom Kirchenplatze mit dem vollen Kraftaufwande sämmtlicher slowakischer Lungen herüber: „Zivio GospodinKollmann!“[2]

Die Arbeiter fuhren schreiend von den Sitzenempor — Korbach schlug mit voller Kraft mit dem Stocke auf den Tisch und nochmals dämpfte sein donnerndes: Ruhe! den Aufruhr — aber bereits war ein Stein aus dem Park über die Staketen geflogen und hatte einen Slowaken an den Kopf getroffen.

Morawski schien seine Leute mit eiserner Gewalt zu beherrschen, denn das angestimmte Geheul verstummte augenblicklich wieder, und nun rief er vortretend, gegen das Gitter hin: „Die Beleidigung frommer Wallfahrer, welche beten, während Andere trinken, wird ihre Richter finden! Wir ziehen ruhig ab, haben Niemanden beleidigt, aber es wird uns auch Niemand verwehren,unsernBrotherrn leben zu lassen, wie Andere denihrigen, darum nochmals:ZivioKollmann!“

Der Ruf war noch nicht verklungen, so war dem Wächter der Schlüssel entrissen, das Thor geöffnet, und die von Wein und Zorn glühenden Arbeiter stürzten wie ein Wildwasser, das den Damm durchrissen, heraus, über die Brücke auf die zusammengedrängten Fremdlinge. Korbach’s Ruf ward überschrien, er vermochte nur mit äußerster Anstrengung in die vorderen Reihen der Seinigen zu gelangen, allein während er die Nächsten zurückwarf, setzten die Andern, vom Dunkel begünstigt, auf allen Seitenihr Rachewerk fort. Die Slowaken waren stämmige, kraftvolle Leute, vermochten aber der überlegenen Anzahl der eben so kräftigen Hammerleute und Schmiede, denen sich auch die Bauern anschlossen, kaum einige Minuten zu widerstehen, und wurden in einem verworrenen Knäuel mit unglaublicher Schnelligkeit die Straße hinabgetrieben, unter einem Hagel von Fausthieben auf ihre runden Hüte und breiten Rücken, — und buchstäblich aus dem Orte hinausgeworfen.

Korbach hatte nun das ganze Aufsichtspersonale um sich vereinigt und es gelang ihm, der Verfolgung Einhalt zu thun, — jeder der Vorgesetzten wußte rasch und energisch die ihm unmittelbar unterstehenden Arbeiter zu sammeln, die Ordnung ward so schnell hergestellt, als sie gestört worden. Der Fabrikherr verkündigte strenge Untersuchung und Bestrafung derer, die zuerst angegriffen, schickte alle in die verschiedenen Werkstätten zur Nachtarbeit und besichtigte mit Einigen von der Gemeinde das Schlachtfeld, welches mit Hüten und abgerissenen Kleidungsstücken der Vertriebenen bedeckt war. Zwei Slowaken lagen schwer verwundet an der Kirchenmauer und wurden nach dem Herrenhause gebracht, wo sie den Händen des Arztes der Fabrik übergeben wurden.

Während dieß geschah, kam Morawski mit einem Begleiter zurück, näherte sich Korbach undsagte ruhig, er komme, für’s Erste, um die zurückgebliebene Kirchenfahne der Wallfahrer zu holen. Sie wurde beim Laternenlicht gesucht, und fand sich, die Stange zerbrochen und das Tuch zerrissen. — Morawski übergab sie seinem Begleiter, welcher damit fortging und erklärte, sofort seine Aussage über das Vorgefallene vor der Gemeinde-Obrigkeit zu Protokoll geben zu wollen.

Das Ansinnen war nicht zu verweigern. Korbach, der ihn keines Wortes würdigte, ging ins Herrenhaus zurück, Morawski aber nach dem Ortsgerichte, wo er vor dem Richter und Geschwornen seine Aussage niederschrieb und unterzeichnete. Nachdem er sich noch überzeugt, daß die beiden Verwundeten sich in guter Pflege befänden, entfernte er sich und trat mit den Seinigen den Rückmarsch an, mit dem Gefühle der vollsten Befriedigung über seine Leistung.

Kollmann hatte gut gewählt, — Morawski seine Aufgabe in politischer und strategischer Beziehung so gut gelöst, daß ihn jederdiplomate-militairebeneiden kann.

— — Nicht ohne Bedauern sehen wir unserer Erzählung durch das Zusammentreffen der Umstände einige der schönsten Effekte entgehen.

Konnte nicht während des Kampfes Arnold mitseinem neuen Freunde Richard Forster erscheinen? Und da es zu unedel wäre, unsere Helden in Konflikt mit Slowaken zu bringen, konnten nicht wenigstens die Italiener Stand halten, — Richard durch einen Messerstich verwundet, ins Herrenhaus gebracht, und die Liebe zwischen Helene Korbach und ihm auf so natürliche als überraschende Weise vermittelt werden durch Wundfieber und Rekonvaleszenten-Pflege? Oder konnten nicht die Kollmann’schen Freiwilligen das Haus stürmen und eine Rettung aus den Flammen vorbereiten? — Statt aller dieser kostbaren Elemente bietet sich nichts als ein gemeiner Faustkampf der Arbeiter, Hinauswerfen der einen Partei, und leider die zerrissene Fahne, und ein Paar von Steinen zerschlagene Kirchenfenster und Slowakenköpfe!

— — Auf einen Befehl Korbachs, der in jenem Tone gegeben war, der keine Einwendung gestattete, hatte sich Helene beim Beginn der letztgeschilderten Szene in das Haus zurückgezogen.

Sie wurde nun nach dem Arbeitszimmer des ernst und nachdenklich zurückkehrenden Vaters gerufen, und als dieser eben seine Erzählung des Vorgefallenen geendigt hatte, trat Arnold ein, — in eben so ernster Stimmung, grüßte mit stummem Händedruck die Schwester, und sagte zum Vater: „Ich hoffe durch das, was ich bringe, das Unangenehmeauszugleichen, was dir begegnet.“ Dabei legte er die Kontrakte auf den Tisch.

Während der alte Korbach dieselben durchflog, führten Arnold und Helene eines ihrer eigenthümlichen Augengespräche, in welchem sie ihm sagte: Zeige dich dem Vater nicht gedrückt, er ist es ohnedem, sei heiter! — Arnold verstand sie und sagte: „Nun ist mit Gottes und deinem Segen meine erste Mission gelungen, und meine zweite soll sein, wenn man uns einen unserer Wege abschneidet, einen andern zu eröffnen, mir ist vor Nichts bange, selbst wenn wir den Kontraktnichthätten, — wir haben ihn aber, und nun denke nicht an den Arbeiterkrawall, — und noch weniger an den Domherrnkrawall, sondern ruhe und laßmicharbeiten!“

Bei diesen mit Zuversicht gesprochenen Worten sah der Vater Helene an und fragte: „Hast du Arnold denn schon Etwas gesagt — daß er sospricht?“ —

Sie verneinte es und der Vater fuhr fort: „Bleibt in meinem Zimmer so lange Ihr wollt, ich gehe schlafen; mit dir, Arnold bin ich zufrieden, morgen mehr!“

Hierauf verließ er das Arbeitszimmer, und die Geschwister bemerkten mit Betrübniß, daß sein Gang nicht der feste, seine Haltung nicht die kräftige, stolze war wiegewöhnlich. —

„Wie findestdudie Sache?“ begann Helene.

— „Ganz schlecht. Wie ich die Leute kennen gelernt, zerschneiden sie den Vertrag wie Kaiser Ferdinand den Majestätsbrief mit eigener Hand, nachdem was heute vorgefallen ist. Mußte der Vater von der Predigt weggehen?“

— „Er konnte nicht anders, nicht um den Preis unseres ganzen Besitzes. Wäre er geblieben, so hätte ich als Tochter seine Gründe achten müssen, wäre aber allein weggegangen.“

— „Das genügt mir. Wir müssen nun auf Schlimmes gefaßt sein.“

— „Fürchtete ich nicht für die Gesundheit des Vaters, so läge an dem Allem nichts. Vielleicht steht es nicht so schlimm, als du glaubst.“

— „Ich halte einfach den Kontrakt für zerrissen.“

— „Sage mir doch, könnt Ihr denn für Niemanden als Monarchen, Ministerien und Oberkommando’s arbeiten? Können denn die Geistlichen alle Menschen, welche auf dieser Erde Messingplatten brauchen, gegen uns aufhetzen? Die Reinhart in Dörnberg haben, wie ich gehört, keine einzige Staatsbestellung und sind so reich als wir.“

— „Ganz gut gesprochen, mein lieber Kompagnon, aber du weißt, daß der Vater sammt all’ seiner Opposizion gegen die Regierung das alte Prinzip der Firma nicht fahren läßt.“

— „Er wird es nicht; aber höre mich. Er hat heute nach Ankunft deiner Depesche gesagt: Arnold hat seine Sporen verdient! Ein schöneres Debüt für seine selbstständige Leitung könnte er nicht haben, als die Marinelieferung, er soll gleich selbst Dasjenige arbeiten, auf was er abgeschlossen. Ich übergebe ihm, da er nun 24 Jahre alt wird, die ganze Sache; es ist besser, er übernimmt das Geschäft zu einer Zeit, wo er mich noch ein Paar Jahre an der Hand hat. Du weißt nun, warum er mich früher gefragt; er wird gewiß morgen mit dir sprechen.“

— „Wenn ich ihn unter andern Umständen beschworen hätte, mich noch ein Jahr in der Residenz zu lassen, so wäre es jetzt geradezu eine Feigheit. Ich weiß, daß wenn ich freie Hand habe, das Geschäft in eine neue Bahn zu leiten, er in kurzer Zeit Resultate sieht, die ihm ein glückliches Alter bereiten.“

— „Mache was du willst und kannst; es ist ja Alles nur um des Vaters willen. Um dich und mich wird’s mir doch wahrhaftig nicht bange sein? Und wenn man uns so vollständig zu Grunde richten könnte, daß du in ein fremdes Geschäft gehen und ich als Gesellschafterin unterkommen müßte, was lägeunsdaran? Aber für unsern Vater, und um der schönen Schöpfung unserer Mutter willen, zum Heil der Hunderte, die da glücklich und zufrieden undin der freien Ausübung ihres Glaubens, der der unsere, geschützt leben, und deren Aller Loos von unserem abhängt, muß unser altes, schönes Korbach stehen bleiben, und wenn alle Erzbischöfe der Welt mit ihren Krummstäben dagegen Sturm liefen. Getraust du dich es zu halten?“

— „Ja, wenn wir die alten unhaltbaren Verbindungen aufgeben und einen neuen Weg einschlagen.“

— „Den kann der Vater nicht betreten, folglich mußt du annehmen.“

Ruhig und klar besprachen die Geschwister die Lage, die sich durch die Vorfälle des Tages gezeichnet. Endlich fand Helene den Uebergang auf den Gegenstand, der ihr nach der großen Frage des Hauses am Meisten am Herzen lag.

Sie wußte die Folge des Freinhofbesuches, wußte daß Arnold liebe und freute sich dessen. Es fiel ihr nicht ein, den Gedanken bis zu einer Konsequenz zu verfolgen, welche ihr Gefühl verletzt hätte. — Hunderte ihrer Schwestern, weniger unschuldig als sie, sind schnell mit dem Verdammungsurtheile über die Liebe zu einer Frau fertig: entweder für einige Zeit, bis sie nämlich selbst der Gegenstand einer solchen Liebe geworden, oder auf immer, wenn sie es niemals werden. Eine andere Liebe zu einer Frau als jene des Göthe’schen — nicht des wirklichen — Tassokonnte sich Helene nicht denken, und an einer solchen fand sie nichts Verwerfliches. — Aus dem Zusammenklange von hellem Verstande, freiem Sinn und blütenreinem Herzen konnte nichts Anderes hervorgehen, als ein Segenswunsch für das Gefühl, in welchem sie Arnold glücklich sah.

Er sprach heute ganz offen mit ihr, und sie ging in ihren Gedanken einen kühnen Schritt weiter. Sie fragte, indem sie Arnold vielsagend ansah: „Ist JulieProtestantin?“ —

„Ich weiß es nicht einmal,“ war die Antwort.

— „Ich begreife, daß Ihr Euch um andere Dinge als EuerGlaubensbekenntniß zu fragen hattet — aber du weißt wohl, warumichfragte.“

— „Ich verstehe dich vollkommen. Ich vertraue dir Etwas, was mir nicht anvertraut worden, sondern was nur mein Gedanke ist... der Gedanke heißt: Julie ist nichtseineFrau.“ —

Helene trat betroffen zurück — ernst und schmerzlich sahen die dunkelblauen glänzenden Augen in die des Bruders. „Wenn es so ist, sagte sie mit Würde und Entschiedenheit, — was kannst du sagen, Arnold, um zu rechtfertigen, daß dumichzur Vertrauten einer Sache gemacht, von der ich Nichts wissen will, von dem Augenblicke an, wo deine Geliebte keinen Namen führt, mit demmeinMund sie nennen kann?“

— Arnold hielt Blick und Frage und Vorwurf ruhig und lächelnd aus und sagte: „Ich würde mich deiner Betroffenheit freuen, meine liebe, schöne, strenge Schwester, wenn sie sich nicht von selbst verstände.Vergiß aber nicht, daß der Antheil von Ehre unsers Hauses, für den du und ich Rechenschaft zu legen haben, ein ganz gleicher ist, und suche nach keinem andern Namen für Julie, als den sie verdient, nämlich jenen deiner Schwester und einer Tochter unserer Eltern.“

— „Bedenkst du, was du damit sagst, Arnold?“

— „Ich habe bedacht, ehe ich abermals zu dir gesprochen. Ich hätte, nach der Reise, Juliens nicht mehr gegen dich erwähnt, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß sie soist, wie ich sage.“

— „Ich glaube dir, weil ich Nichts mehr glauben will, wenn ich an dir irre werde. Die einzige Frage ist nur, ob du nicht getäuscht wirst, indemduglaubst.“

— „Lerne sie kennen und höre vonihrdie Worte: „Kein heiliges Band bindet mich an Kollmann, — der Himmel ist ja barmherzig und löst die seinen — aber meine Lippen sind würdig geblieben, die deinigen — würdig, die deiner Schwester zu berühren — ich sehne mich nach ihr, der ich vielleicht mehr sagen könnte, als selbst dir!“ — Das höre vonihr, Helene, und dann zweifle!“ — Er reichte der Schwester die Hand und sah sie zärtlich, fast bittend an.

— — „Gott lasse es Licht werden über unserm Thal und Eurem Leben! — ich will ja Alles glauben — Alles hoffen!“ rief Helene und drückte in schweigender inniger Umarmung den Bruder ans Herz.


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