Konkurrenz.
Der Fehdehandschuh, welchen Arnold’s Vater der Konkordatpartei hingeworfen, war kein Glacéhandschuh, sondern einer von dickem Elennsleder mit Eisenschienen und Platten, dessen Klirren durch die teppichverhangenen Kabinetsthüren der geistlichen und weltlichen Minister, in die Boudoirs der frommen Damen, ja bis in den Vatikan drang, da dem Korbacher Metallfabrikanten die Ehre widerfuhr, zum Gegenstand einer, am Tage nach der Wahl abgegangenen, telegrafischen Chiffredepesche des Nunzius zu werden. — Doch nicht die oberen Lüfte wurden von dem unerhörten Ereignisse aufgewirbelt, auch die unteren geriethen in Bewegung, natürlich in entgegengesetzterRichtung. —
So dicht der Schleier war, welchen die verschwiegene Treue der für Valentin stimmenden Geistlichen bis zum Momente der Wahl über den Vorgang gezogen, so wurde er doch unmittelbar darnachgelüftet, und es hätte nicht des Schreibens Helenens bedurft, welche Arnold in glühenden Farben das Geschehene erzählte, um ihn von den Einzelnheiten zu unterrichten.
Er vernahm sie mit wahrem Entzücken und eilte zu Günther, natürlich zu spät, um demselben eine Neuigkeit zu bringen, da ihm dieser nebst einigen Arnold unbekannten Details erzählte, daß der Hofarzt Doktor Siebenberg nach St. Martin telegrafirt worden sei, um den Prior, welcher nach Eröffnung der Stimmzettel aus dem Kapitelsaale getragen werden mußte, der Menschheit zuerhalten. —
Günther goß einige kalte Ströme in Arnold’s Freudenfeuer. „Ihr Herren von Korbach“, sagte er, „seid umgekehrte Don Quixotes. Dieser hielt die Windmühlen für Riesen, und Ihr schlagt mit Euern Messingstangen auf Riesen los und haltet sie für Windmühlen. Fürs Erste müßten sie mit ihrem kanonischen Recht, welches nach Umständen bald von Gußeisen und bald von Kautschuk ist, schlecht umzuspringen wissen, wenn sie nicht den ganzen neuen Prälaten, sammt allen seinen Stimmen aus der andern Welt, über den Haufen würfen. Fürs Zweite könnt Ihr nun warten, bis Ihr von einer landesfürstlichen Behörde eine jener großen Bestellungen bekommt, welche Euch eigentlich zu Millionären gemacht haben. Endlich — und das ist das Wichtigste von Allem, und ich hätte dich jedenfalls noch heute aufgesucht um es dir mitzutheilen — ist Etwas vorgefallen, was nun wenigstens auf einen Theil der gegen Euch spielenden Maschine helles Licht wirft. — Ich war gestern mit dem Notar Reichl zusammen, und brachte das Gespräch auf das Korbachthal. Du kennst das Altenberger Metallwerk, welches — merke wohl, umfünfStunden näher an der Südbahn liegt als Ihr. Dieses Altenberg mit seiner halbverfallenen Fabrik ist verkauft worden, Reichl hat den bereits unterzeichneten Kontrakt gemacht, und der Käufer ist — Kollmann.“
Nach einigen Augenblicken, die er Arnold gönnte, um sich von einer Ueberraschung, die ziemlich nahe an Bestürzung grenzte, zu erholen, fuhr Günther fort: „Der bisherige Besitzer von Altenberg, Richtmeyer, bis über die Ohren verschuldet, hat Euch keine Konkurrenz gemacht; nun laß aber einen dort sitzen, der die Sache angreift, der bauen und Maschinen aufstellen kann, und zugleich in den obern Regionen gut genug angeschrieben ist, um die Staatsbestellungen wegzuschnappen, so könnt Ihr in zwei Jahren auf Euren englischen Walzen Tannenzapfen auswalken und im Drahtzug Prälaten strecken —Ihr habt bisher das Terrain behauptet nicht weil Ihr besser und wohlfeiler arbeitet, sondern zufolge des büreaukratischen Schlendrians, weil es nun einmal seit zwanzig Jahren herkömmlich, in Korbach zu bestellen. Einmal aus dem Sattel gehoben, kommt Ihr zufolge desselben Schlendrians nicht wieder hinein, — und die höchst rühmliche, in den Augen jedes honetten Mannes bewunderungswürdige Handlung deines Vaters ist für den Besitzer von Altenberg, wenn er anders dem technischen Theile gewachsen, gleichbedeutend mit einer feierlichen Uebertragung der Regierungskundschaft von Euch auf ihn!“
Arnold war hinlänglich besonnener praktischer Geschäftsmann, um das volle Gewicht der Wahrheit in Günther’s Worten zu würdigen. Er übersah mit einem Blick die Bedeutung der Lage.
— — Er gedachte jenes Abends, wo er vom Professor Harkeboom nach Berührung der kalten Marmorhand in so heißer Kampflust weggegangen und die grüne Kriegsfahne des Profeten gegen unsichtbare Gegner entfaltet. Vergebens hatte er geharrt und gehofft, daß sich irgend ein feindlicher Helmbusch durch den Nebel zeige, hatte zehn Pläne gefaßt und verworfen — alle liefen mehr auf ein Zerhauen, als Lösen des Knotens hinaus; seine Natur trieb zu offenem Handeln auf geradem Wege.Bald wollte er nach dem Freinhof, Julie geradezu fragen, wo das Ende der Kette, die sie umschlinge, — bald Sembrick aufsuchen, dessen kaltes Ablehnen ihn umsomehr verletzte, je länger die eigene Spannung währte. Er sah jedoch den gelinden Wahnsinn ein, das Geheimniß aus dem Christuskopf mit Schwert und Feuerschlund heraustreiben zu wollen. Als dann die beiden Briefe vom Prior und Blauhorn kamen, war er Anfangs uneins, ob das Schwungrad dieser Maschine von einer Engelshand oder einer Teufelsklaue in Bewegung gesetzt werde.
Eine Einladung in den Reichssenat und das eventuelle Versprechen eines päpstlichen Ordens unter einer Bedingung, die Jedem, der seinen Vater nicht genau kannte, ganz annehmbar erscheinen mochte, waren doch wahrlich an sich keinefeindseligenHandlungen. — Als die Teufelsklaue erkennbar wurde, als gewiß war, daß zwar Alles vom Freinhofe, aber eben so gewiß, daß es nicht von Julie ausgehe, stieg ihm auch der Gedanke auf, gerade vor Kollmann hinzutreten, ihn zu fragen, welche Schurkerei hinter den seinem Vater zugedachten Würden und Ehren stecke — — ihn einfach zu fordern.... Allerdings durchschoß die Kugel, welche Kollmann hinstreckte, auch jedes Band mit Julie, — aber war dies nichtdasalleruneigennützigsteHandeln für sie, — Befreiung ohne Hoffnung eines Lohnes? — da er immer von der Meinung ausging, daß Nichts als eben eine sehr „unglückliche Ehe“ im gewöhnlichen Sinne ihr Los, obgleich Sembrick im Gespräche mit ihm gesagt, es handle sich um „etwas mehr.“— — —
Nunwar dieUngeduld befriedigt!
Er war bei aller Entschlossenheit von der plötzlich demaskirten feindlichen Aufstellung überrascht... Nicht eine romantisch kostümierte Banditenschar, die durch den raschen Angriff eines Husarenpiquets zersprengt oder gefangen wird: eine mit allem Bedarf ausgerüstete Armee, deren Kriegszweck in weitester Ferne derRuinseinesHauses, dieVernichtungseiner materiellenExistenz, stand ihm entgegen.
Mehr als einmal hatte Sprenger zum Ankaufe Altenbergs gerathen. Sein Vater hatte eingeworfen, Richtmeyer könne keine neue Maschine aufstellen, mit den alten nichts Großes unternehmen und wenn er jetzt für die verschuldete Besitzung 60,000 Gulden verlange, werde noch ein Moment kommen, wo er froh sein werde, die Hälfte zu erhalten. — In der letzten Zeit hatte das Werk völlig stillgestanden. Man sprach vom Konkurse. Der alte Korbach hielt nun den Zeitpunkt für passend, ließ sich nach den Disposizionen des Besitzers erkundigen, und hörte, daß Richtmeyer rangirt werde, — die Fabrik als solche aufgeben, das kleine Gut aber bewohnen und bewirthschaften wolle. Damit schien alle Gefahr beseitigt.
Nochwar wenig zu besorgen, wenn nicht die Fehde mit Kirche und Staatdazwischenkam. —
Der alte Korbach hatte Minister- und Sistemwechsel, Revoluzion und Reakzion erlebt, und dem alten festgegründeten Bau seines Kredits war kein Stein ausgebrochen, an seinen Verbindungen mit den bei den großen Lieferungen maßgebenden Behörden nichts gelockert worden. — Er war bei vielen Gelegenheiten entschieden, ja schroff aufgetreten, aber sein Karakter und die Solidität seiner geschäftlichen Gebahrung hatten das alte Monopol der Korbacher Werke trotz kleiner persönlicher Reibungen und trotz der ihm seit Jahren feindlichen Gesinnung der ultramontanen Partei aufrecht erhalten. Als er selbst nach einem Konflikte mit dem Minister, aus Anlaß der erwähnten Eingabe über den Freihandel, im Besitze aller Aufträge blieb, stieg seine Zuversicht noch höher.
Das Alter wird den Mann entweder zu mißtrauisch gegen seine Kraft und sein Glück machen, oder allzu zuversichtlich, je nachdem er auf mehr zur Frucht gereifte, oder auf mehr in der Blüte geknickteHoffnungen von der Warte seiner sechzig Lebensjahreherabsieht. —
Die lange Reihe von erfolggekrönten Bestrebungen ließen ihn keinen Gegner mehr fürchten. Fast hätte er sich mit seinem ältesten, treuesten Freunde überworfen, als dieser mit der höchsten Entschiedenheit gegen die protestantische Einwanderung auftrat. „Das ist der Anfang vom Ende,“ hatte Sprenger gesagt — „ist dein russischer Feldzug. Die Kirche ist wie Rußland, — verbrennt ihr eignes Moskau, wenn sie den Gegner nicht anders bezwingen kann.“
— — Arnold schrieb die wichtige Nachricht sogleich nach Korbach. Die kurze Antwort lautete dahin: „die Altenberger könnten vor einem Jahre ohnedem nicht arbeiten; der bis dahin wahrscheinlich fertige Flügel der Westbahn nach Korbach paralisire den Vortheil, den jenen die Südbahn gewähre. Die Fabrik habe andere Zeiten und Konkurrenten ausgehalten.“
Dieser Auffassung gegenüber war Arnold’s Weg klar vorgezeichnet. Er konnte über seine Aufgabe nicht in Zweifel sein: nach Kräften in jenen Richtungen ausgleichend zu wirken, wo das Naturell und die unbeugsame Haltung seines Vaters Verwicklungen herbeigeführt. — So sprach er zu sich als Sohn. Ein Fremder würde es rücksichtsloser so ausgedrückthaben: der junge Korbach fühlte, daß ergut machensollte, was der Alteverdarb, — den Schaden abwenden, den die übrigens respektable Hartnäckigkeit desselben zu verursachen drohte.
Dieß war leicht begriffen und schwer ausgeführt.
Er kannte außer Günther Niemanden, mit dem er sich berathen wollte. Den sehr gewandten und treuen Geschäftsführer, der den kommerziellen Theil aufs Gründlichste verstand, glaubte er so wenig als irgend einen Andern in die neuentstandene Situazion zu früh einweihen zu sollen: es war dieß einer jener Gegenstände, welche zu einer Macht werden in dem Augenblicke, wo man sie bespricht und anerkennt. Sprach Korbach eine Besorgniß aus, so war sie für den Zweiten Furcht, für den Dritten Eingeständniß, der Konkurrenz nicht gewachsen zu sein.
Mit seinem Freunde hatte er desto häufigere Unterredungen. Sie kamen fast täglich in dessen Wohnung zusammen.
Günther hatte ein mit echten, alten, durch viele Jahre mit Kennerblick gesammelten Stücken eingerichtetes Zimmer. Den Raum an den Wänden, welchen die geschnitzten Kasten und Kästchen frei ließen, deren Oberfläche mit lauter antiken Seltenheiten bedeckt war, nahmen Gemälde ein, und durch alle Zwischenräume in den Ecken, an den Fenstern, schlängelte sich üppiger Efeu empor. —Einigesmahnte an Sembrick’s Salon — aber ins Wohnliche, Traute, Gemüthlicheübersetzt. —
Die Freunde saßen auf einem mit Rohr ausgeflochtenen hochlehnigen Sofa, das sich in rechtem Winkel um den massiven Tisch von natürlicher Holzfarbe bog — — und entwarfen Schritt für Schritt ihre Operazionspläne.
— „Wie stehts mit dem Marine-Kommando?“ begann Günther.
— „Ich habe heute mit Bianchi gesprochen, der das hiesige Haus der Franchini führt, durch welches das Kommando Alles verhandelt. Bianchi stellt viele weitere Aufträge in Aussicht. Die jetzigen betreffen die breiten Messingplatten.“
— „Mit denen können die Altenberger mit ihren dermaligen Maschinen nicht aufwarten. Aber wenn dein Vater sich mit der gesammten Geistlichkeit und Staatsgewalt überwirft, so wird die Letztere, da kaum eine Fabrik außer Eurer darauf eingerichtet ist, mit dem Auftrag nach England gehen.“
— „Das geschieht nicht, so lange Prinz August Ernst das Marine-Kommando führt, der entschieden darauf besteht, die einheimische Industrie nicht zu übergehen. Aber die weiteren Aufträge sind solche, die jedes gewöhnliche Walzwerk ausführen kann, undfür diese fürchte ich. Ich bin entschlossen, nach — (wir nennen nicht die südliche Hafenstadt, wo das Marine-Kommando seinen Sitz hat) zu gehen, und habe dem Vater um Erlaubniß geschrieben.“
— „Ich verschaffe dir Briefe, die dich gleich auf den rechten Boden stellen. Du darfst nicht als Ansuchender kommen, sondern an einem Draht von oben herabgelassen. Vonobenheißt für Franchini von Rothschild. Bis übermorgen hast du das zärtlichste Empfehlungsschreiben, worin dieses Haus jemals eine Anweisung auf seine Liebe ausgestellthat.“ —
— „Vielen Dank. Ich gedenke aber zum Prinzen selbst vorzudringen, kurz zu sagen, daß wir jeden Auftrag als gute Patrioten billiger als jeder Andere vollziehen, daß das Vermögen meines Vaters ihm erlaube, nicht auf Gewinn, sondern auf die Ehre zu sehenu. dgl.“
— „Das wird dir Alles nichts nützen, wenn du nicht den festen Kontrakt schneller in die Hand bekommst, als man von hier aus operirt. Ihr seid jetzt diebête noireder ganzen Coterie — seid plötzlich so berühmt, daß selbst die Prinzessin, die Mersey,Plomberg“ — —
— „Plomberg? wie kommt der dazu?“
— „Der Husarenoberst ist der Vetter des Baron Heidenbrunn, und dieser der Adjutant des PrinzenErnst August. Plomberg hat jedenfalls Einfluß dort. Uebernimm auf ein halbes Jahr die Rolle der alten Mersey und zahle seine Schulden, so hast du ihn mit Haut und Haar!“
— „Nicht, wenn ich ihn um einen Gulden haben könnte. Das ist kein Weg für einen Korbach.“
— „Lieber Arnold, mein Gewissen ist um nichts elastischer als deines! Das ist reine Geschäftssache. Wenn ein solcher Kerllicitandozu haben, so lizitire ich mit, wenn ich weiß, daß er sich sonst der Gegenpartei verkauft. Wenn ich mit einer Handvoll Banknoten vielleicht eine niederträchtige Intrigue vereiteln kann, so ist das ein Weg, welchen Die von Korbach so gut wandeln können, als Der von Günther!“
— „Nenne es Caprice, aber wir überlassen einmal, eben als gute Bürgerliche, den geschlossenen Helm dem Adel und fechten nur mit offenem Visir. Mit Plomberg habe ich Nichts zu thun.“
— „Auch gut. Aber bei Wörlitzer kannst du dich mit offenem Visir vorstellen; die Westbahn, von welcher er Direktor ist, kann für Euch höchst wichtig werden. Mich hat er im kaufmännischen Verein zehnmal geladen, und ich lasse mir jedesmal wieder seine Adresse geben. Nun gehe ich hin, und nach deiner Rückkehr stelle ich dich vor.“
— „Auch dieser ist mir höchst antipathisch.“
— „Vielleicht, weil du dort mit Sembrick zusammentreffen wirst?“
— „Das vergaß ich. Jetzt gehe ich jedenfalls hin. Ichmußihn treffen, damit wir wenigstens ordentlich auseinander kommen. Die Art, wie wir uns verlassen haben, kann wohl nicht füglich ein letztes Wort vorstellen.“
— „Wenn du vielleicht bloß zu Wörlitzer gehen willst, um den Salon des Banquiers als Turnierplatz mit Sembrick zu benutzen, so laß dich gefälligst von Jemand Anderem vorstellen.“
— „Besorge Nichts! Ich weiß nur nicht, was es nützen soll, — der Minister des Innern ist das personifizirte Konkordat, und jedenfalls schon prävenirt.“
— „Was ihn nicht verhindert, seine Fonds durch einen Juden verdoppeln zu lassen, der viel zu klug ist, um sich nicht wärmer für Euer gegenwärtiges Korbach, als für die Altenberger Zukunftsmusik zu interessiren. Wenn du die ganze Geschäftswelt auf deiner Goldwage wägen und dich mit Niemandem einlassen willst, der nicht inunsermSinne korrekt, so nimm lieber heute als morgen die Tafel von Eurer Niederlage ab!“
Arnold war bei aller Korrektheit praktisch genug, um sein Prinzip nicht auf die Spitze zu treiben.
— „Mit den Geistlichen, fuhr Günther fort, ist jetzt nichts zu thun; du kannst deinen Vater nicht desavouiren.“
— „Um so weniger, als ich ihm vollkommen Recht geben muß.“
— „Wann willst du reisen?“
— „Sobald die Antwort von Korbach eintrifft.“
— „Lasse mich’s wissen, ich hole dich dann ab, und begleite dich die zwei Stunden bis Treustadt, wo ich ein Geschäft habe, das an keinen Tag gebunden ist. Und nun noch ein Wort in alter Aufrichtigkeit: Sprichst du von dem, was dir bei der ganzen Sache amtiefstenzu Herzen geht, seit drei Tagen keine Silbe, weil du mich nicht für fähig hältst, dich zu begreifen?“
— „Ich spreche nicht davon, sagte Arnold, indem er die Farbe wechselte und Günthers Händedruck mit krampfhafter Heftigkeit erwiderte, weil ich dir kein Bild aufrollen will, das dir zeigen würde, wie diese ganze geschäftliche Besonnenheit eine eiserne Maske ist, hinter der mir, ich schäme mich nicht, dir’s zu sagen, oft blutige Thränen herabrollen. Es wird eine Zeit kommen, wo ich wieder sprechen kann, jetzt bin ich nicht falsch gegen dich, sondern gegen mich selbst. Ich belüge mich den Tag über, und lasse die Wahrheit für die Nacht.“
— — Und die Nacht war Zeuge, wie unter all’ den grellen Mißtönen, die von allen Seiten auf Arnold eindrangen, das Herz nicht verstummt war, — seine Stimme war keine weichliche Wehklage, aber ein Schmerzensschrei, der, keinem Andern vernehmbar, in ihm doch Allesübertönte! —
— In welcher lichten verklärenden Höhe hatten die ersten Lerchen dieser Liebe gesungen! — Julie, das räthselhafte, reizende Weib, soganz andersals Alle, denen er begegnet, — die mit einem ihrer tiefen innigen Blicke größere Seligkeit schenkte, als Andere mit dem glühendsten Kuß, — und deren Händedruck dochwenigerRechte zu gewähren schien, als ein freundliches Lächeln einer Andern! — Julie, die auf dem Felsengipfel unter den Wetterwolken gebetet, — und dann unter den rothen Mohnblumen hervorgelächelt und durch Scherz und frohe Anmuth entzückt! Wie lagen für ihn Alle so tief in der Fläche der Alltäglichkeit, nebenihr, die ein dunkles Geschick mit allem Zauber des Geheimnißvollen umhüllte, — und die es zu tragen schien vor den Augen der Andern, als drückten nur Rosen auf das weiche dichte Haar, — und nur in einsamer Stunde hinsank, sich windend unter den scharfen Dornen.
Undwaswar nun aus dem Goldnebel am See hervorgegangen!
— Arnold war keiner von denen, die „wild auffahren,“ — knirschen, — im Selbstgespräche an die Stirn schlagen, — — er saß nach vollbrachtem Tagewerke schweigend, in Schmerz versunken, an dem Platze, wo er Günther den Abend im Schweizerhause erzählt.JedesAusdrucks war sein Mund eher fähig, als jenes desHohnes, aber mit bitterem Spotte lächelte er, — — als erderJulie gedachte in Verona, und Romeo’s! des großen Kampfes der alten Häuser um Macht und Ehre! — Wie edel die Waffen! das Schwert, — selbst der Dolch, — selbst das Gift, — —Allesnochgroßundedel!.... Und nun auch hier zwei Häuser: — — — „Kollmann und Kompagnie“, — „Korbach und Sohn“. — — Statt Schwert und Dolch: Messingstangen und Kupferplatten... Nie hat die plumpe Tatze des gemeinsten Materiellen in kaum erschlossene Blüten roherhineingegriffen. —
Wie oft hatte er gelacht über das „Ich und Nicht-Ich“ der Gott und Welt zerdenkenden Schule. Nun gewann esihmeinen Sinn. Nun begriff er die Trennung, den Abgrund zwischen demIchund jenerzweitenselbstständigen, unbezwinglichen Macht in uns, welche Gedanken schafft, von denen das Ich nichts hören, — Bilder aufsteigen läßt, welche der Wille zertrümmern möchte — vergebens! Wie jenerFromme der Legende vom bösen Geiste gezwungen war, Gott zu lästern, und dabei das sündige Wort im Herzen verfluchte, das seine Lippen gegen seinen Willen sprachen, — so rang Arnold gegenGedanken, welcheWolkeaufWolkeumJuliens Bildlegten, — er konnte das seelenvolle Feuerauge nicht mehrklarschauen — sie stand nicht mehr vor ihm, so fleckenlos wie die frisch erblühte Blume, kristallrein wie der Bergquell.
Und doch sagt’ ihm das treuealte„Ich“: Entweder einen reinen Himmel mußt du glauben, oder eine Hölle. Sie kann nur umAlleswissen, oderNichts.
— — In solcher Stimmung, welche dießmal auch der helle schöne Morgen nicht zerstreute, traf ihn Günther, als er ihn, nachdem die Genehmigung des alten Korbach angelangt, zwei Tage später abholte, um ihn bis Treustadt zu begleiten. Ein Blick auf die verstörten Züge des Freundes verrieth ihm dessen Gemüthszustand.
„Ich bringe den Brief an Franchini und noch zwei andere,“ — begann er, „und damit du nicht die Energie verlierst, deren du bedarfst, nimm dich zusammen und hänge nicht Gedanken nach, welche entschieden keinen Grund haben. Du weißt doch, daßichAnfangs keine Kränze für diese vielbesungenen schwarzen Locken geflochten, die leider Gottes deine ganze Existenz umspinnen, ich sage dir aber eben so, daß, wenn diese Frau mitKenntnißderSache ihreHand in dieser Intrigue hat, ich mir die meine abhauen lasse! Du kannst in dem Ganzen höchstens einen Sporn für deine Thätigkeit finden. Hoffentlich wirst du doch kein Bedenken tragen, gegen Kollmann, weil er ihr Gatte, ein geschäftliches Duell zu bestehen, da dir gewiß ein anderes ein Vergnügen wäre? Frisch ans Werk! und nochmals: Zweifel an dieser Frau in dem Sinne, wie ich jetzt bei dir vermuthe, sind geradezu wahnsinnig.“
Der Ton der Ueberzeugung verfehlt seine Wirkung gewiß nicht, wenn das Gesagte mit dem Herzenswunsche des Zuhörers zusammenfällt.
Arnold erwiederte: „Es ist nicht der eine und nicht der andere Gedanke, sondern der gesammte Karakter der Fehde, der mich durch den Kontrast des Gemeinsten mit dem Edelsten peinigt — lieber als dieses elende Gebalge mit einem im Trüben fischenden Fabrikskonkurrenten wäre mir wahrlich gewesen, wenn ich einen Kampf zu bestehen gehabt, um einemwirklichen, schwarzenVerbrecherdie Maske abzureißen!“
— „Aber lieber Freund, man muß immer das Beste hoffen! Wer weiß, ob nicht die Konkurrenzschleicherei zu Kollmanns läßlichen Sünden gehört? Ich habe immer die Idee, daß in der Geschichte dieses Menschen ein Blättchen ist, das er nicht gern vor dem Kriminalgericht herablesen möchte.“
— — Arnold hatte der heitern Stimmung, in welcher sein Freund gekommen, nicht ganz widerstanden. — Sie waren nun zur Abreisefertig. —
Wir finden sie eine Viertelstunde später im Waggon, wo sie kaum Platz genommen, als Günther sagte: „Deine Reise beginnt unter guten Auspicien, der Wind weht vom Freinhof her! Da unten, ganz am Ende des Wagens, sitzt die Zeltner! Die fährt jedenfalls wieder irgendwohin, um die Angelegenheiten ihres Mannes revidiren zu lassen. Aber ein hübsches Weib, — das muß man ihr und dem Grafen Greuth lassen. Dieses röthliche Blond! dieses prachtvolle Weiß!“
Arnold erkannte die Blondine vom Freinhof. Sie reiste ohne Begleitung. Einiges Handgepäck, der blaue Schleier, die Reisetoilette ließen auf ein weiteres Ziel der Fahrtschließen. —
„Willst du wetten,“ sagte Günther nach einigem Nachdenken, „daß die Blonde mit dir reist, bis an den Ort deiner Bestimmung?IhreBestimmung aber ist der Prinz August Ernst. Ich habe den Spektakel im Theater mit angesehen, als er zwei Monatelang hier war. — Sie hatte einen Sperrsitz unter der Hofloge, und die Augen des Prinzen gebrauchten förmlich russische Bäder: von den feurigen Haaren in die Schneeflächen, die sich von Oben ganz prachtvoll ausnehmen mußten, und vom Schnee wieder ins Feuer. Sie führte mit der Spitzenmantille ganze Schicksalsdramen auf, mit glänzender Beleuchtung ihres äußern Schauplatzes. Und das wallte und wogte so fort acht Tage lang, bis endlich der Adjutant des Prinzen, der Baron von Heidenbrunn, am Ausgang wartete, bis die Zeltner in einen Wagen stieg, worauf er sich in den zweiten warf und nachfuhr. Seit diesem Abende habe ich sie nicht mehr im Theater gesehen. Der Krieg scheint lokalisirt. Wahrscheinlich reist sie, da vom Grafen Greuth keine Strafermäßigung Zeltners mehr zu erwarten, dem Prinzen nach, wird aber gegen das südliche Element schwer aufkommen.“
Die Besprochene machte auf jeder Stazion mit ihren Augen die Ronde durch den Waggon, um den Zuwachs der Gesellschaft zu kontrolliren, und begegnete einem jener ruhigen, hellen Blicke Günthers, welche so oft den feurigen oder schmachtenden Pantomimen Anderer ans Ziel vorausgeflogen waren. Sie erwiederte ihn einen Moment, sah dann anscheinend gleichgültig weg, — allein die Begegnung wiederholte sich, da zwei Augenpaare im Raum eines Waggons entwederstillsitzen, oder auf ihrer Promenadezusammentreffenmüssen.
Arnold war nicht aufgelegt, dem Geplänkel eine besondere Theilnahme zu schenken, mußte aber doch lachen, als er Günther plötzlich einen wirklich beredten, ganz ernsthaft zärtlichen Blick absenden und darauf die Augen wie verwirrt senken sah, — worauf er sich gegen Arnold herumwandte und hinter dem abgenommenen Hut das bekannte gemüthliche — Teufelsgesicht schnitt und sagte: „Die Zeltner hat mich vor der Hand bloß bezaubert, wie die Klapperschlange, bis Treustadt hoffe ich umstrickt zu werden.“
— „Hast du alles Ernstes vor, da Etwas anzuknüpfen?“
— „Angeknüpft ist bereits; ich möchte nur wissen, was sie immer im Abgrund des Raumes sucht und findet und wieder versteckt? Ein Flacon! sie leidet; nach der ungewöhnlichen Blässe könnte es sogar wahr sein.“
Frau Klotilde Zeltner hatte in der That mit der ihr gegenübersitzenden, wie es schien fremden alten Frau einige Worte gesprochen, sich dann zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Die Stirnfalte und das Eindrücken der schönen Zähne in die Unterlippe verriethen einen heftigen Schmerz. — Ihre beialler Fülle schlanke und ebenmäßige Gestalt beseitigte die Vermuthung, welche sich Günther bei den ersten Simptomen des Unwohlseins aufdrang. Er sah, daß keine jener Katastrofen drohte, welche manchmal auf Eisenbahnen und Dampfschiffen eine Ungleichheit in der Zahl der ursprünglich eingestiegenen und der aussteigenden Passagiere veranlassen. — Vielleicht wenn die Fahrt sechs Monate gedauert hätte..... Vor der Hand war es eben nur eine vorübergehende „Störung des Organismus.“
Auf der nächsten Stazion rief Günther nach einem Glas Wasser, präsentirte es ihr mit ernster, theilnehmender Miene, und zog sich ohne ein Wort zu sprechen zurück, nachdem sie ihm mit schmachtendem, trüben Lächeln gedankt.
Als der Train wieder in Bewegung war, sagte er: „Lieber Freund, reise glücklich und nimm hier mein Lebewohl! — ich werde zwar neben dir stehen bleiben, — weiß aber nicht wie lange —, jeder Augenblick kann uns trennen, wenn die Pflicht ruft.“
Arnold sah, daß sein Freund heute unter besonders heitern Sternen aufgestanden, und erwiederte das Lebewohl. Er beneidete ihn zwar nicht um die Weise, wie sein glückliches Temperament zur Geltung kam, aber doch um dieses selbst, und sah der Entwicklung der Dinge zu.
Günther winkte den Kondukteur zu sich und sagte: „Diese Dame dort ist sehr unwohl; halten Sie sich etwas in ihrer Nähe auf, und wenn Sie bemerken, daß es sich wieder verschlimmert, so sagen Sie, daß ein Doktor im Waggon ist. Ich will mich nicht selbst anbieten und möchte doch gern helfen... Sie verstehen das schon.“
Der Kondukteur verstand jedenfalls den Gulden, der ihm in die Hand gedrückt wurde. Nach einigen Minuten sah man ihn mit der Frau sprechen und Günther wurde, unmittelbar nach seiner Promovirung zum praktischen Arzte, zu seiner ersten Patientin gerufen.
— „Ich vernehme, daß Sie Arzt sind?“ sagte Klotilde Zeltner.
— „Ich bin, — erwiderte Günther leise — ein solcher, dessen Spezialität eben ausschließlich die Behandlung von Frauenzuständen ist, und werde das größte Vergnügen finden, meine Berufspflicht an Ihnen nach meinem besten Wissen auszuüben.“
— „Darf ich wohl um Ihren Namen bitten?“
— „Ich heiße Günther, — nicht zu verwechseln mit einem hochberühmten Arzte unserer Residenz, mit welchem ich mich jedoch, ohne Ruhmredigkeit, gerade inmeinemFache messen darf. Da uns Niemand als diese freundliche Frau uns gegenüber hören kann,so bitte ich, meinem kurzen Examen mit vollster Unumwundenheit zu folgen.“
Arnold sah aus seiner Ferne Pulsfühlen und ernstes Kopfschütteln, ein schnelles Vorzeigen der Zungenspitze, — sah Günther mit bekümmerter Miene einen Augenblick zwei Finger auf die Stirn der Leidenden legen, um deren Temperatur zu erforschen, konnte aber natürlich nicht hören, daß das Examen mit der kategorischen Erklärung schloß, daß von Weiterfahren über Treustadt hinaus durchaus keine Rede sein könne, sondern daselbst abgestiegen, ein Pulver genommen, geruht, und der Abendtrain abgewartet werden müsse, bei Vermeidung unberechenbarer Folgen.
Frau Zeltner machte viele Einwendungen; sie hatte Gepäckstücke aufgegeben, welche nach der Hafenstadt adressirt waren. Günther erklärte ihr, daß sie dieselben dort im Magazine finden werde, unterwegs aber derselben nicht bedürfe. Er werde in Treustadt für Unterkunft und Medikamente sorgen, sie wieder zum Train begleiten, kurz Alles leisten, was einem Arzte obliegt, dem es nicht nur mit dem wissenschaftlichen, sondern auch mit dem humanistischen Theile seines Berufes Ernst ist.
Als der Train in Treustadt anlangte, schien Klotilde volles Vertrauen zu dem Heilplane Günther’s gefaßt zu haben. Sie verließ, auf seinen Arm gestützt, den Waggon, und Arnold sah sie zusammen eine der bereitstehenden Lohnkutschen besteigen, welche durch die, nach dem nahen Stadtthore führende Allee hinabrollte und in letztermverschwand. —
So bedenklich es scheinen mag, wollen wir ungescheut unserem ärztlichen Freunde folgen, und lassen Arnold jeden beliebigen Vorsprung nach dem Hafen, wohin wir ihm auf dem, Dampf und Elektrizität hinter sich lassenden Zauberteppich, den jeder Autor besitzt, leicht zur rechten Stunde nachfolgen.
Die drei Gaben der Prinzen Ali, Achmed und Hussein scheinen nach deren Ableben in Hunderttausenden von Exemplaren auf die gesammte Autorenwelt übergegangen zu sein. Ein Verfasser bittet seinen Leser, einen Augenblick neben ihm auf dem überall hin versetzenden Teppich Platz zu nehmen und führt ihn, zwischen Ende und Anfang zweier Zeilen, ohne Erschütterung und Paßplackerei von Moskau nach Lissabon. — Er hält ihm das Sehrohr vor’s Auge, und der leichte Bettvorhang wie die eisenbeschlagene Kerkerthür werden zu Solinglas. — Er vermag aber auch mit dem Alles heilenden Apfel jede Wunde zu schließen, die er nicht selbst als tödtlich bezeichnet, jede Krankheit zu heilen, so lange ein Funken Leben glimmt. — Um so leichter,wenn das Uebel so wenig wie das Klotildens ein solches ist, welches die Aerzte einen „schönen Fall“ nennen.
Günther sah noch während der Fahrt ihre Besserung auf’s Bedenklichste fortschreiten, und fürchtete bis zum letzten Augenblick, seine Anstellung gekündigt und sie weiterreisen zu sehen.
Doch fügte sie sich, wie gesagt, seinen Gründen, und wir sehen Beide die Treppe des einzigen eleganten Hotels der Stadt hinaufsteigen und in ein Zimmer treten. Klotilde ertheilte dem sie begleitenden Stubenmädchen den Befehl, das Zimmer nicht zu verlassen, — auch nicht einen Augenblick, — warf sich auf das Ruhebett, beseitigte ein Paar allzu lästige Paragrafe im Preßgesetz ihrer Toilette und bat den Doktor, sein freundliches Versprechen zu erfüllen und das Pulver zuholen. —
Günther empfahl sich somit, besorgte das Geschäft, um dessenwillen er eigentlich nach Treustadt gefahren, ließ sich auf dem Rückwege ein Katarrhpulver geben, und präsentirte es Klotilden, welche ihn mit der lebhaftesten Freundlichkeit und allen Zeichen des wiedergekehrten Wohlbefindens empfing.
Sie wußte das über hundert Dinge hingleitende Gespräch auf die ungezwungenste Weise so zu leiten, daß Günther dem, was er unter dem humanistischen Theil der Praxis verstand, in einer Stunde nicht näher gerückt war als im Waggon.
Dazu das unvermeidliche Mädchen! Er hatte die Zollschranken ihrer Ohren zu umfahren versucht, indem er französisch zu sprechen begann: Klotilde gab, im besten Französisch, den Bescheid, daß die Unterhaltung deutsch weitergeführt werde.
Er mußte für den Augenblick die Segel streichen. Es lag bis zum Abendtrain noch manche Stunde vor ihm. Wenn sich die Situazion bis Mittag nicht klärte, war er entschlossen, sich zu einem Patienten rufen zu lassen und zurückzureisen. Doch hatte er nebst dem Abenteuer etwas Anderes im Auge; — es war nicht unmöglich, dasselbe mit Arnold’s Angelegenheit in Zusammenhang zubringen. —
Nun sprach Klotilde abseits mit dem Mädchen, welches sich zwar entfernte, aber sogleich wiederkam, und bald darauf erschien ein elegantes Gabelfrühstück, und sie lud mit allem Aplomb der anständigsten Frau vom Hause den freundlichen Arzt ein, ihr Gast zu sein. Günther machte einige medizinische Einwendungen, sie erklärte sich jedoch für ganz hergestellt. — Er nahm die Einladung an, überließ sich seiner ganzen natürlichen Laune, und Klotilde ging während des Dejeuners auf manche Wendungen ein, denen sie früher mit jener Sicherheit ausgewichen, welche nur die Vertrautheit mit dem Ziele aller Wendungen verleiht. Kaum war aber das Konfekt verzehrt und der letzte Tropfen des schäumenden Weines geleert, so sprang sie auf, befahl dem Aufwärter, Jemanden mit der Handtasche um die Stunde des Abendtrains nach dem Bahnhof zu schicken, und ersuchte Günther, sie nach dem —Parkzubegleiten. —
Es war nun hohe Zeit, an die Lösung des Komödienknotens zu denken; Günther war, indem er ihn geschürzt, einer jener tollen Impressionen gefolgt, denen er sich in dem Bewußtsein überließ, jederzeit im rechten Moment den Rückzug zu finden. Er konnte jeden Augenblick mit Klotilde in der Residenz zusammentreffen, und seine Usurpazion des Doktorhutes wurde, wenn er die Sache auf sich beruhen ließ, zu einer mit seinem Karakter so wenig als mit seiner Stellung zu vereinbarenden Polissonnerie. Er hatte die Sache so weit getrieben, daß Klotilde empört sein, oder scheinen mußte, wenn sie sich aller Dinge erinnerte, die sie dem Frauenarzte mitgetheilt. Er mußteihralso einen Rückzug lassen, und zweifelte nach den Proben von Verstand, die sie gezeigt, nicht, daß sie ihn benützen werde.
Im Park angelangt, bog er in die nächste beste Kastanienallee ein und begann: „Nachdem ichIhnen so wahrhaft vergnügte Stunden verdanke, erlauben Sie mir nun eine sehr ernste Frage, zu der mich die wahrste Theilnahme drängt. Haben Sie Hoffnung, daß das Schicksal Ihres geliebten, unglücklichen Gatten bald eine andere Wendung nehme?“
Klotilde trat einen Schritt zurück und sah ihn sprachlos an.
„Sie stellen sich erstaunt, daß ich Sie kenne. Allein so geistreich, so liebenswürdig, so unnachahmlich Sie auch vom ersten Moment an Ihr Spiel gespielt haben, so hat mir dochEinunbewachter Moment verrathen, daß Sie mich so gut gekannt, als ich Sie. Sie haben mein Pulver nicht genommen, und von da an wußte ich, daß Sie meine Intrigue, zu der michEtwasbewog, was ich Ihnen nun nicht gestehen darf, durchschaut. — Als eine Persönlichkeit, welche die halbe Residenz kennt, hätte ich auch nicht auf ein Inkognito rechnen sollen. Sie aber haben die Rolle, mich wirklich für das zu halten was ich sagte, mit der vollendetsten Grazie gespielt!“
Die Sortie war nicht viel feiner, oder noch vielwenigerfein als der Knoten. Aber Klotilde erwiderte das Einfachste und Beste:
„Alle Täuschungen zugegeben, so ist ja nochdieFrage, wervon uns Beiden heuteunangenehmer getäuschtwurde, ich oderSie?“ —
Entscheidend für Klotilde waren Günther’s Worte gewesen: „Eine Persönlichkeit, welche die halbe Residenz kennt.“ — Wer war der Mann? Eine Celebrität jedenfalls; genug für sie, um nachsichtig zu sein. Der größte Milderungsgrund lag aber jedenfalls darin, — daß er ihr ausnehmend gut gefallen hatte.
Die Versöhnung war wider Erwarten schnell und vollständig. Er brachte nun, nachdem sie unter vielen Seufzern von ihrem Manne erzählt, das Gespräch auf Kollmann und erfuhr, daß sie diesen bei dem Advokaten, der Zeltner vertheidigte, kennen gelernt, und von ihm nach seiner Besitzung geladen worden. Julie nannte sie das liebenswürdigste Geschöpf unter der Sonne, und ließ durchschimmern, daß sie sie für unglücklich halte.
„Ich habe von Kollmann eine schlechte Meinung, sagte Günther. — Vielleicht wäre das Paar glücklicher, wenn sie Kinder hätten?“
— „Möglich, aber nicht wahrscheinlich. Uebrigens werden sie nie welche haben, wie ich die Verhältnisse im Freinhof kenne.“
— „Im Freinhof? sagte Günther mit einem seiner schändlichsten Gesichter — also lokale Ursachen? Sollen da eigenthümliche geognostische Verhältnisse einwirken?“
— „Können Sie denn nicht einen Augenblick honett und ordentlich sprechen?“
— „Ich will es versuchen, auf die Gefahr hin Ihnen dadurch zu mißfallen. Haben Sie für Ihre Vermuthung des Aussterbens der Dinastie Kollmann kein faßlicheres Gewand?“
— „Wenn Sie nicht den abscheulichen Betrug gespielt hätten, und wirklich das wären, wofür Sie sich ausgaben, so würde ich Ihnenmehrsagen. Es genüge Ihnen, daß ich als Frau meine Vermuthungen habe. Ich glaube, daß keine bestehenden Verhältnisse, sondern ebennichtbestehende Verhältnisse daran Schuld sind, und jetzt halten Sie Ihren gottlosen Mund.“
— „Nur Einen Versuch erlauben Sie mir, Sie zu übertreffen! Sollte Kollmann, den ich vor der Welt für ein schlechtes Subjekt halte, im Geheimen ein so edler Mensch sein,daßer“ —
Klotilde schlug ihn nun wirklich mit ihrer hübschen weißen Hand auf den Mund und rief: „Was zu viel, ist zu viel!“
— „Verzeihung! ich wußte nicht, daß Sie über Kollmann nichts Unangenehmes hören wollen!“
— „So viel Sie wollen;ichhabe mich nicht über ihn zu beklagen, aber ich glaube, er handelt gegen Julie ganz schlecht.“
— „Das glauben Viele; wenn er schlecht ist, ist er aber gewiß eben so klug.“
— „Nach dem, was er schon durchgesetzt, gewiß. Vor drei Jahren hat er als kleiner Fabrikant angefangen, jetzt kauft er eine Besitzung nach der andern, hat ein Paar fremde Orden, und vor einigen Tagen erst wurde er zum Konsul ernannt, ich weiß nicht, von welchem Großherzog.“
— „Er hat jedenfalls hohe Verbindungen. Man sagt, sein Hauptprotektor sei der Prinz Ernst August.“
— „Das ist mir neu, und ich bezweifle es, da ich zufällig viele Details vom Prinzen weiß.“
— „Ich sage nur, was die niederträchtige Welt behauptet. Es heißt, Kollmann habe Schritte gethan, um zu gewissen Zwecken die Gunst des Prinzen zu gewinnen; sie seien nicht ohne Erfolg gewesen, und er erwarte den Haupteffekt von der reizenden Persönlichkeitseiner Frau. Sie kennen wahrscheinlich die Empfänglichkeit des Prinzen für das rein Schöne, und wenn dieser Coup gelingt, hat Kollmann seine Schäfchen im Trocknen.“
Klotilde schwieg. Ein ganzes wildes Heer von Gedanken jagte durch ihren Sinn. „Dieses hübscheProjekt, sagte sie endlich, würde jedenfalls an dem Umstande scheitern, daß diese Frau nie, nicht um die Welt, in irgend etwas willigt, was gegen ihre Begriffe von Ehre ist!“
— „Das liegt vielleicht gar nicht in Kollmanns Absicht. Die Wirkung einer einzigen Entrevue in allen Ehren, die gehobene Stimmung des Prinzen, wenn er ein Paar Minuten mit einer reizenden Frau spricht, werden wohl hinreichen, einem Anliegen den Weg zu ebnen.“
Klotilde war nachdenklich und ernst geworden. Günther sah, daß der Funke fortglimmte und warf gleichgültig hin: „Das sind lauteron dit, Vermuthungen, — aber daß Kollmann nicht versäumen wird diese Mine springen zu lassen, sobald er nur einmal denWegzum Prinzen gefunden, bezweifle ich nicht. Und den kann man ihm nicht versperren!“
— „Und doch wäre dieß eigentlich eine Pflicht gegen die arme Frau, die allein darunter zu leiden haben wird.“
— „Ja wohl, aber wer kann das! Wer vermöchte dem Prinzen die Augen darüber zu öffnen, was dieser Kollmann für ein Subjekt, wenn die Augen einmal geblendet sind? — vielleichtvorher!“
— — Günther lenkte nun das Gespräch aufandere Gegenstände. Er hatte mit Klotilde in einem kleinen Kiosk Platz genommen — die Sonne ging unter, die Stunde des Abendtrains war nahe.
Sie gingen durch die dunkle Allee zurück, — zu dunkel, um sammt unserem Sehrohre entscheiden zu können, ob der Händedruck, mit dem sie später im beleuchteten Bahnhofe Abschied nahmen, daseinzigePfand des Wiedersehensgewesen. —
— — Günther verglich auf der Rückfahrt unwillkürlich seine heutigen Erlebnisse mit dem Besuch beim Professor, wo er mit aller Berechnung zu Werke gegangen und eine völlige Niederlage erlitten. Heute war er, kaum mit einer Ahnung die Angelegenheit Arnolds hineinflechten zu können, auf ein improvisirtes Abenteuer ausgegangen, und hattevielleichtEtwas für ihn gewirkt.
Er versprach sich jedoch nicht viel von Klotildens Dazwischenkunft, da er von einer irrigen Voraussetzung ausging.
Er glaubte sie reise nach der Hafenstadt, um ein verlornes Kronlandwiederzu erobern. Sie reiste aber hin, um sich, nach gehörigem Widerstand, erst erobern zu lassen.
Wie der Zufall Günther immer zu den prägnanten Momenten führte, — zu einer Feuersbrunst, wenn sie ausbrach, — während Andere regelmäßigmit der landesfürstlichen Spritze, das heißt zum Verlöschen eintreffen, — so war er allerdings in dem Augenblicke aus dem Theater getreten, wo der Adjutant des Prinzen dem Wagen Klotildens nachfuhr. — Aber der Prinz hatte sich von der Loge herab in derselben Weise verrechnet, wie Günther im Waggon. Sie war größer in ihrem genre, als die Leichtigkeit dererstenAnnäherung vermuthen ließ. — Beide erriethen sogleich die Serie, irrten sich aber in derNummer. —
Sie hatte, früh verwaist, durch den Vormund in einer Pension untergebracht, diese verlassen, um in ein gräfliches Haus zu treten, als Gesellschafterin der beiden Komtessen, nicht aber des jungen Grafen, was dieser zu glauben schien. Das Ende der alten, immer neuen Geschichte, die dießmal kein Herz entzwei brach, sondern nur ein Paar Schwüre und ehrgeizige Hoffnungen, war, daß Klotilde den jungen Korrepetitor des Grafen, Zeltner, heiratete, welcher von der Familie im Kriegsministerium untergebracht wurde.
Dieß war der auf losem Wellsande aufgeführte Unterbau ihrer moralischen und materiellen Existenz. Letztere ward durch Zeltners Prozeß untergraben, durch die Erbschaft eines „Onkels in Köln“ wieder aufgebaut. — Als aber ihre späteren Beziehungen zumGrafen Greuth bekannt wurden, fand sie sich von der guten Gesellschaft, worin sie früher gelebt, ausgeschlossen, und somit isolirt. Mit der eigentlichendemi-mondeging sie nicht um. Sie ging ihren eignen Weg, — stand und fiel für sich allein.
In Folge des politischen Prozesses Zeltners und der zweimal erfahrnen gräflichen Treulosigkeit hatte sich ein Gewirr von roth-republikanischen Ideen in ihr gebildet: prinzipiell guillotinirte sie Alles vom Baron aufwärts, trennte aber wie ein Staatsmann dasPrinzipvon denPersonen. Ein praktischeres Resultat für sie war die Besonnenheit, mit der sie nun die angeborne Leidenschaftlichkeit zu bändigen verstand, — in Folge welcher Besonnenheit sich das Verhältniß zum Prinzen noch in einem zukunftsreichen ersten Stadium befand.
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Günther konnte sich zwar nicht sagen, daß seine heutige Thätigkeit für den Freund, wenn sie ersprießlich war, mit großerAufopferungverbunden gewesen, fand aber darin keine Ursache unzufrieden zu sein.
Es freut uns, ihn auf seiner Rohrbank sitzen und einmal einen Abendruhenzu sehen. Er hat in den letzten Tagen nicht gelebt wie Einer, bei demerst vor drei Wochen der Tod, zwar nur mit einem ganz leichten, unscheinbaren Hustenanfalle angeklopft, aber dabei, wie schon mehrere Male, eine mit blutiger Frakturschrift geschriebene Visitkarte abgegeben hatte.
Die Fensterläden schließen glücklicherweise fest genug gegen die Steine, welche eine höchst achtbare fromme Schar durch das Efeugewinde auf ihn schleudern möchte, weil ihm die herübergewehten präludirenden Töne der Weltgerichtsposaune nicht wie einMemento moriklingen, sondern wie einMemento vivere! — Und schlügen sie auch durchs Fenster, so prallen sie am breiten festen Schirm eines Gewissens ab, in welches dreiunddreißig Jahre nicht Eine Handlung gegraben, welche der unverfälschte Urtext des Gesetzbuches der Pflicht und Ehre verurtheilt hätte.
Wenn in der Gallerie seiner Erinnerungen viele reizende, vor den Augen der Moralisten nicht Gnade findende Bilder hingen, so war dieß immer besser als die Gallerie der meisten Moralisten selbst, in deren dem Publikum geöffneten Sälen zwar lauter Kreuzigungen und Himmelfahrten hängen, — in einem Kabinet zum Privatgebrauch aber meistensEinStück — — worüber das Pergament der daneben liegenden Bibel erröthet.
Vielleicht war aber,ganzabgesehen von der sündhaft angenehmen Perspektive, welche das Abenteuer mit Klotilde eröffnete, der Weg, auf dem er für Arnold wirken wollte, ein solcher, von dem dieser gesagt hätte „daß ihn kein Korbach geht?“
Wir antworten: nicht vielleicht, sonderngewiß!
Aber die zehn Jahre, um die er länger in die Welt gesehen, haben ihm die Illusion genommen, daß die Zwecke der Schlechten mit lauter turniergemäßen Waffen bekämpft werden können. — Und wenn der alte, große Mephisto ins Proscenium tritt und „zu dem jüngern Parterre das nicht applaudirt,“ sagt: „Bedenkt, der Teufel der ist alt, so werdetalt, ihn zuverstehen!“ — so darf wohl unser guter Taschenteufel, der nur das Beste will, seinem jungen Freunde zurufen: „Werde um zehn Jahre älter, und du wirst verstehen, daß man einen Marder, Iltis, oder Kollmann nicht mit Edelfalken jagt, sondern in Fallen fängt, — wenn man kann.“