XII

„Um so besser. Wenn ich dann bitten darf, mich nächstens mit solchen Neuerungen zu verschonen ...“

„Sie scheinen sich in Ihrem Amt nicht mehr wohlzufühlen, Herr Direktor. Ich werde ein Wort für Sie beim Minister einlegen. Ich empfehle mich!“

Was ist geschehen? fragte sich Wenk. Er war enttäuscht und zornig, als er zu seinem Auto hinauseilte. Was ist los?

*

Die Gräfin fuhr um sieben Uhr dieses Tages zum Geheimrat Wendel. Sie kam in dieselbe Gesellschaft wie das letztemal. Sie sah so wenig von dieser Gesellschaft, wie sie das letztemal gesehen hatte. Um sie und ihren Tischnachbar, den Dr. Mabuse, stiegen die Gespräche wie ein Netz von Tönen, wie eine Laube von Lauten, abschattend alles von draußen. Ihr Nachbar war schweigsamer an diesem Abend. Aber was er sprach, sagte er mit einem eindringlichen Zielen auf einen unerkennbaren Punkt.

Die Gräfin stritt die ganze Zeit mit sich, ob sie ihm nicht das Erlebnis im Gefängnis erzählen sollte ... daß sie mit dieser Frauenseele zusammen gewesen, die so stark war wie die Erlebnisse und Gestalten seiner Worte, und noch stärker, da sie in der Entsagung und Frau war und alles nur in der Abwehr erlebte und erkämpfte. Sie spann sich so ein in diese Vorstellungen, und das Ereignis ihrer Begegnung mit der Verbrecherin nahm in der Entfernung so plötzliche Verhältnisse an, daß die Kraft des Mannes daneben zu verblassen begann. Die Erfüllung der zweiten Begegnung mit ihm gab nichts von dem, was die Sehnsucht leidenschaftlich erwartet hatte. Der Mann sank hin vor ihr.

Sie bemerkte, daß, wie er sie am ersten Abend mit den starken Worten seines Mundes, er sie heute mit dem gewaltsamen und verlangenden, aber kalten Strahl seiner Augen an sich zog. Diese Augen waren von einem steinernen Grau. Da bekam sie ein wenig Angst, und aus der Angst heraus sehnte sie sich nach der Anteilnahme eines Menschen, die sie erwärmen und ihr Inneres mild beschatten könnte.

Sie blickte zu ihrem Mann hinüber. Der Graf saß neben der Somnambulen. Er sprach auf sie ein. Es war, als ob seine Worte nur um die ziervollen Bewegungen seiner Finger spielten. Der Ring beherrschte die Hände. Da erhob sich aus dem Herzen der bewegten Frau ein ganz fernes Gefühl, das wie die Lösung eines Fiebers ihr Herz warm überrieselte ... ein Gefühl edlen, frauenhaften Mitleids. Er ist ein Kind! sagte sie sich. Wenn er mich nicht hätte, wäre er schutzlos. Wäre er ein Reifen, der die Straßen hinabrollt, von den Steinen und Unebenheiten des Weges gestoßen und geführt.

In dies Empfinden drang dann wieder die Glut ihres Erlebnisses mit der Tänzerin Carozza, hob sie vom Alltag, verwühlte sie, machte sie von einer heißen, sprühenden Inbrunst und dann wieder eiskühl und fern. Orgiastisch lief sie hinterher. Es schien ihr dann, sie sei auf der Jagd nach ihrem Mann, und wenn sie zugreifen wollte, patschte sie mit den dünnen, weißen Fingern in die Teiche der großen wolkengrauen Augen ihres Nachbarn.

Mabuse wurde immer schweigsamer. Er aß nichts. Er legte sich auch keinen Zwang an, seine Schweigsamkeit zu bemänteln. Er gab sich ihr im Gegenteil mit einer drohenden Eindringlichkeit hin, als habe sich die ganze Gesellschaft um ihn herumgesetzt, um diese Schweigsamkeit wie die gottgegebene Tyrannei eines afrikanischen Königs zu erdulden und anzubeten. Die Menschen aßen nur, um sich zu dieser Anbetung zu stärken.

Nur der Graf Told tänzelte wie auf Steckelbeinen mit zierlicher Komik an der Somnambulen herum, die schwarzhaarig, mit dicken, bleichen Backen, fett und fest neben ihm saß und ihre Blicke um ihn in die Gesellschaft entließ. Da haßte die Gräfin den Mann,der neben ihr saß und schlecht gelaunt war, während ihr Gatte so gefährlich auf der Scheide des Lächerlichen hüpfte. Nein, es war nicht Haß. Es war der innere Grimm zwischen Abwehr und dem Willen zur Hingabe an ein selbststarkes und selbstsicheres Hirn und Blut.

Die Tafel wurde aufgehoben. Eine Weile stand man plaudernd rundum.

Mabuse hatte sich von seiner Tischnachbarin gelöst und die Gesellschaft des Grafen Told aufgesucht. Er brachte ihn in ein Gespräch über die Psychologie des Glücksspiels.

„Ich bin eine Spielernatur eigentlich,“ sagte der Graf, „ich bleibe eiskühl, wenn ich verliere; ich entflamme und werde in der Phantasie fruchtbar, wenn ich gewinne.“

Mabuse sagte: „Das Glücksspiel ist die älteste Form, die stärkste und allgemeinste Form, in der der Mensch, dem nicht die Gabe einer Künstlerschaft gegeben ist, sich Künstler zu fühlen vermag.“

„Interessant,“ antwortete der Graf, „führen Sie das, bitte, weiter aus.“

„Weil im Glücksspiel ein jeder Mensch die Erzwingung einer Annäherung wenigstens an einen Schöpferakt durchsetzen kann. Die Erschaffung durch das Prinzip, dem sich alles Leben verdankt, speist ihre Macht aus dem Kräfteparallelogramm von Willen und Zufall. Unter Zufall ist das Unerwägbare, Unmeßbare, Fremde und zum Erkennen aus sich selbst heraus Unmögliche zu verstehen. Dies ist auch die seelische Mechanik der Geschöpfe, denen die Natur einen Teil der Urkraft verliehen hat: der Künstler! Zwischen den Polen Willen und Zufall läuft ihre Tätigkeit in einer Art von Trancezustand. Goethe hat das von sich selber gesagt, wenn er dichtete. Die Synthese des glückenden Spiels ist dieselbe: der Zufall gibt dem Spieler das Material; es kann winzig und nichtig und es kann alles beherrschend sein. Den Willen setzt er dann hinein, aus diesem Zufall ein Werk eigener Schöpfung zu machen.“

„Sie sind auch Dichter, Herr Doktor?“

„Nein, ich bin psychopathologischer Arzt!“

„Das sind ja gerade unsere modernsten Dichter. Denn sie geben der Kunde des Unbewußten, oder des Unterbewußten vielmehr, die sichtbare Form. Das Unterbewußte aber, das steht doch heute fest, trägt unser Seelenleben. Wir spielen nachher Bakkarat, nicht wahr?“

„Gut!“

Die Somnambule sollte ihre Tätigkeit beginnen. Ein Arzt führte sie vor und setzte sie in den hypnotischen Zustand, in dem sie ihre Wunder der Erinnerung vollbringen sollte. Sie hatte am ersten Abend, das erzählte der Graf mit ehrfürchtig flüsternder Stimme Mabuse, Erlebnisse erzählt, die sich in ihrem Innern während ihrer ersten Gehversuche abgespielt hatten.

Der Graf fühlte eine Wärme, die unnatürlich seinen Hinterkopf bestrahlte, während er das sagte. Er drehte sich um. Aber es war nichts hinter ihm als die Tapetenwand, an der Gemälde hingen, die älterer Schule waren und ihn gleichgültig ließen.

Die Somnambule gehorchte dem Willen des Suggestors nicht. Sie entglitt wohl dem Wachsein; aber jeder Zuschauer konnte erkennen, wie allmählich der Ausdruck ihrer Augen wie aus der Ferne wieder hervorkam, bis er ganz vorn stand und plötzlich wieder wach aufstrahlte, wach und unwillig. „Einer quält mich,“ sagte sie.

„Niemand quält Sie,“ sagte die Stimme des Arztes eintönig und skandierend. „Man will Sie in die frühen Länder Ihrer Jugend geleiten ... eins ... zwei ... drei ... schlafen Sie ... ein ... eins ... zwei ... Sie schlafen! ...“

Er rieb langsam, kaum berührend mit der Hand über ihre Stirn, immer wieder ... zählend ... „Drei ... eins ... zwei ... Wie alt sind Sie jetzt?“

„Ich bin jetzt zehn Monate alt und drei Tage.“

„Was hat morgens die Mutter gemacht, wenn sie Sie aus der Wiege hob?“

„Hat mich losgewickelt und geschmerzt und ... und ...“

Sie seufzte, erwachte rasch: „Es ist jemand da, der soll fort. Wer quält mich?“

„Es geht heute nicht. Es sind kreuzende Störungen vorhanden, die ich nicht erkennen und infolgedessen auch nicht abstellen kann,“ sagte der Arzt.

Der Geheimrat trat auf Mabuse zu. „Herr Doktor, wollen Sie nicht einmal versuchen? Nach den Proben, die ich damals von Ihnen sah, verspreche ich mir von Ihrem Eintreten eine Behebung der Störungen.“

Mabuse wollte wohl versuchen, sagte er. Aber Erfolg vermöge er nicht zu versprechen. Er sei lahm im Kopf von einer Erkältung. Er trat aber sofort einen kleinen Schritt auf das Medium zu. Man sah, daß dieses auf die unscheinbare Bewegung hin wie ein Eisenteilchen vor einem Magneten sich anders richtete. Mabuse sagte kein Wort zu ihr. Er überstrich einen Teil ihres Körpers mit den Augen. Das Mädchen wurde wie mit einem Schlag blasser, als es war. Ohne daß das Medium auch nur eine Bewegung machte, ward deutlich zu erkennen, daß in ihr ein Kampf gegen fremdes Unsichtbares aufging ... daß ein Widerstand rasch erlahmte, daß ihre Augen fielen ... fielen ...

Dann sagte Mabuse mit hastigen, vergewaltigenden Worten: „Sie liegen in Tüchern. Sie haben die Arme fest an den Leib gebunden. Sie sind sechs Monate alt. Es ist Abend. Sie schreien. Weshalb schreien Sie?“

Und aus dem schweren Körper dieses bei offenen Augen schlafenden Mädchens drang eine piepsende, winzige Stimme: „Im Bauch drückt es!“

„Das ist schlechte Luft. Man gab Ihnen zuviel zu trinken. Wer gab Ihnen das?“

„Der Leib einer Frau,“ sagte das Stimmchen.

„Lieben Sie den Leib?“

Da ward das Mädchen aschfahl, und durch die piepsende Stimme drang ein schriller, qualvoller und böser Ton: „Nein!“

„Was wollten Sie tun?“

„Ihn mit dem Gaumen zerbeißen!“

„Weshalb?“

Doch ein Zittern brach über die Lippen des Mediums, teiltesich dem Körper mit, und Mabuse sagte: „Jede Minute länger ist Lebensgefahr. Ich muß die Sitzung beschließen!“

Er legte das Mädchen auf ein Sofa. Mit beruhigenden Bewegungen erlöste er es, wusch ihm das Gesicht mit Wein, und als es zu sich gekommen war, wurde es zu Bett geführt.

Die Unterhaltung stürzte nun über Mabuse. Man fragte, riet, was es sagen gewollt hatte.

„Das ist ein Märchen gewesen,“ sagte Told, „ein Märchen vor dem Tor des Lebens! Sie sind ein Genie, Herr Doktor. Was wollte es aber sagen, das es so zittern gemacht hat?“

Eine Dame schob sich heran und fragte. Aber Mabuses Augen suchten die Gräfin. Sie trat heran. Auch sie fragte.

Da sagte Mabuse: „Sie wollte sagen: Weil ich ihr Blut so gehaßt habe!“

Die Gräfin erschrak. Die andern schwiegen, peinlich betroffen. Die Gräfin lehnte sich auf und sagte hart: „Ein Kind kann nicht hassen!“

„Woher wissen Sie das?“ fragte Mabuse brutal.

„Das weiß ich ... von mir selber!“ antwortete sie.

„So freuen Sie sich über sich. Denn dann sind Sie nicht nur ein Genie an Erinnerungskraft, sondern auch ein Engel an Gemüt!“ entgegnete Mabuse höhnisch.

Gespräche lösten die Gesellschaft auseinander. Nur der Graf Told war schweigsam geworden. Immer dieser unnatürliche Hitzstrahl gegen seinen Hinterkopf! Er schaute hinter sich. Er faßte mit der Hand den Schädel ab. Nichts! Er ging zu einem Spiegel! Nichts! Er setzte sich hin, und ihm war, als solle er einschlafen. Aber er sah alle Menschen und hörte alles. Er wollte etwas sagen, doch fühlte er, wie die Worte von seinem Mund weggepflückt wurden gleich fallreifen Früchten.

Als eine Weile so vergangen war, erhob er sich, trat auf den Kreis zu, in dem Dr. Mabuse stand, und sagte: „Wir wollten Bakkarat spielen!“

„Wie Sie wollen! Wenn wir noch Spielliebhaber finden!“ antwortete Mabuse.

Da wurde Told lebhaft. „Großartig, mit Ihnen Bakkarat spielen! Geheimrat, was? Machen Sie auch mit?“

„Ich habe gesellschaftliche Pflichten gegen die Damen. Aber Sie werden Partner genug finden,“ antwortete der Geheimrat.

Bald saßen sechs Herren um den Spieltisch. Er stand in einem Raum, der an den Wintergarten stieß. Die Lampe mit einem tiefen Schirm neigte sich über den Tisch und ließ das Zimmer in einer schummerigen Dunkelheit. Im Wintergarten, in den man durch ein Fenster sah, leuchteten dunkel die gespenstischen Arme der fremden Palmen gegen das von Sternenschein angegeisterte Glas der Wände. Sie sahen aus wie Leitern, die, aus ihren starren, hölzernen Formen erlöst, dunkel und wie ekstatische Schatten sich gegen Himmel erstreckten.

Man schlug die Karten, wer zuerst die Bank halten sollte. Gäste umlagerten den Spieltisch. Die Gräfin Told stand im Dunkeln abseits und schaute herüber. Mabuse sah ihr Fleisch leuchten auf dem dunkelroten, weit ausgeschnittenen Kleid, das sie trug. Er war finster und kalt. Kaum sprach er ein Wort. Alles, was in ihm aufsteigen wollte, unterdrückte er, und nur um den Grafen Told häuften sich seine Gedanken und türmte sich sein Willen hoch. Wenn jemand ihn anredete, antwortete er kurz und abweisend. Er spielte scheinbar mit großer Aufmerksamkeit. Aber er spielte in Sprüngen.

Bald begann es, daß die Herren, die mit geringen Sätzen angefangen hatten, ihm dies Beispiel nachmachten. Dadurch ging die Werteinschätzung des Einsatzes verloren. Neben drei Mark standen fünfzig Mark, standen zweihundert Mark. Die drei Mark schämten sich, wurden rasch zwanzig und rascher hundert und zweihundert ... Es ging nicht lang und niemand wagte, weniger als hundert Mark zu setzen.

Als man begann, fand man Zeit, die Zwischenräume zwischen dem Kartenablegen und dem Aufheben der neuen Karten mit Gesprächen zu füllen. Diese Unterhaltung versickerte, verschwand. Die Zuschauer wurden stumm. Unter den Spielern entbrannte der Kampf, kreiste das Fieber. Es ging auf die Zuschauer über.

Die Gräfin sah, welche Summen ihr Mann setzte.

Er hat nie gespielt! Was ist los mit ihm? fragte sie sich.

Der Graf gewann. Er ließ Einsatz und Gewinn stehen. Es war ihm, als sei er ein Pferd, über dessen Flanken der Reiter bedrohend und anfeuernd hing und hetzte. Er warf Geld hin.

Der Graf sollte als Letzter in der Runde die Bank bekommen. Es war ihm, als stände der Augenblick, in dem er selber die Karten verteilen und das vierfache Risiko an Gewinn oder Verlust haben sollte, wie eine Empore vor ihm, deren reiche Geheimnisse zu erklettern ein wunderbares Glück sei.

Es wurde heiß. Aus den Phantasien zuckte die Hitze durch den Raum.

Die Gräfin beugte sich in dem halben Licht vor, gebannt von dem unbegreiflichen Tun ihres Mannes. Auf einmal berührte der volle Lichtschein den Ansatz ihrer Brust, der sich klar und schön aus dem Kleidrand hob. „Norden und Süden!“ sagte Mabuse, der diesen Zwillingspfirsich sah; bös und voll dunkler Wut sagte er es. „Norden und Süden, warte! ...“

Dann wich sein Blick zurück und legte sich dem Grafen Told auf die Hände.

Der übernahm in diesem Augenblick die Bank.

Er teilte die Karten aus. Er war auf einmal verwirrt, als sei etwas geschehen. Er war froh, wie er das Paket verteilt hatte. Er gewann sämtliche Einsätze. Es war sonderbar, daß sich auch das zweitemal dasselbe Gefühl der Unsicherheit wiederholte. Er gewann wieder.

Das geschah nun öfter hintereinander. Die Spieler wie die Zuschauer erregten sich an der Glücksserie des Grafen.

„Ihr Gatte!“ wandte sich jemand an die Gräfin, „schauen Sie, er gewinnt jedesmal.“

Alle warfen einen Blick, den die Karten rasch wieder zurücknahmen, auf die Gräfin.

Der Graf teilte die Karten wieder aus. Er deckte sein Blatt auf; er hatte zwei Figuren und schickte sich eben an, eine Karte zu kaufen.

„Halt!“ rief plötzlich eine Stimme, wie von einem Unteroffizier. Eine Hand fuhr rot und roh auf den Tisch, auf die schöne, schmale weiße Hand des Grafen, an der der farbige Stein funkelte, riß sie empor, und alle sahen, daß der Graf im Begriff gewesen, die Karte, die unten lag, statt der obersten zu seinen Karten zu nehmen.

Es war eine Neun.

„Aha, eine Neun! Jetzt verstehe ich Ihr Glück, Sie Kujon!“ schrie die schnarrende Stimme. „Sie sind ein Falschspieler!“

Alles sprang auf. Man rief durcheinander. Der Graf Told saß klein und zusammengebrochen an seinem Platz. Er saß da wie ein eingeschlagener Hut und schaute hilflos auf.

Der mit der schnarrenden Stimme drang auf den Grafen ein. „Das Geld her! Sie!“ rief er drohend. „Alles Geld!“

Zuschauer und Spieler waren durcheinander gemengt. Ein Schrei fiel im Dunkeln. Durch die gewaltsamen Bewegungen des starken Mannes, der den Grafen entlarvt hatte, war ein Herr hingefallen, hatte einen andern mitgerissen. Der wollte sich am Tischtuch anhalten. Das Tuch wurde von der Platte gezogen. Geld und Karten streuten sich auf dem Boden unter den Füßen der Menschen durcheinander. Die Menschen drüber her! Da erlosch die elektrische Birne.

Aber der Dr. Mabuse, der auf den Schrei aus dem Dunkeln gewartet hatte, war auf die hinfallende Gräfin gestürzt, hatte sie hoch in seine Arme gerissen, und einen Sprung später war er zwischen den Palmen und trug die Ohnmächtige hinaus in den Park unter die Sterne und die Bäume und weit nach hinten durch Gebüsch zu der kleinen Mauer, an der eine Straße vorbeiführte. Er hob sie über die Mauer hinüber. Jemand half von drüben. Und einen Augenblick später toste das Automobil wie ein Räuber davon.

„Nord- und Südkugel!“ sagte Mabuse ingrimmig und laut in die Fahrt hinein. „Jetzt seid ihr mein!“

Die Xenienstraße war leer. Mit einem Ruck schlug sich vor Mabuses Haus das Auto fest in die Bremsen. Er trug die Frau, die immer noch ohnmächtig war, in seine Wohnung hinein.

Aus dem schimpfenden Durcheinander, aus dem Chaos von verächtlichen Blicken und Selbstunsicherheit löste sich Graf Told wie von einem Traum und schlich ins Vestibül. Er dachte an seine Frau. Aber er hatte nicht den Mut, sich nach ihr umzuschauen, noch nach ihr zu fragen. Vor dem Haustor stand sein Auto. Der Chauffeur fuhr mit der Hand an den Schlag. Aber Told winkte ab: „Warten Sie auf die Frau Gräfin!“

Er ging in die Stadt und mietete das erste Auto, das kam, um nach Hause zu fahren. Weiß ich denn, was geschah? fragte er sich ununterbrochen. Es ist über mich hergefallen ... Es hat meine Hand auf den Tisch geschlagen ... Weiß ich denn, was geschah? ... Wenn es nur ein schlimmer Traum wäre!

Aber es war kein Traum. Er kam vor seiner Villa an. Er mußte aussteigen. Er ging den Garten entlang und hinein. Der Diener nahm seinen Mantel. Der Graf begab sich in das Zimmer, in dem er mit seiner Frau, wenn sie zusammen irgendwo gewesen waren, noch etwas vor dem Zubettgehen zu verweilen pflegte und aus den Erlebnissen des Abends einer dem andern das nachmalte, was ihm etwas gegeben hatte. Er hing mit einer verliebten Pedanterie stark an diesem Zusammensein.

Heute war er allein da. Wo ist meine Frau? fragte er sich, unbewußt und erstaunt. So stark floß um ihn die Stimmung der vielen zarten Erinnerungen des Raumes. Er fühlte sich enttäuscht, daß sie ihm in dieser grausamen Stunde nicht an der Seite war. Es war das erste schwere Erlebnis seines Daseins.

Aber zugleich dünkte es ihn selbstverständlich, daß sie sich von ihm getrennt hatte. Er kam sich vor, als habe das unnennbare Ereignis am Spieltisch in der Wendelschen Villa ihn in Schmutz gewalkt. Es roch schlecht aus ihm. Nein, Dusysollfort von ihm sein! Es kam eine Prüfungszeit. Sie soll fort sein, bis er sich gereinigt habe.

Aber wovon sollte er sich reinigen?

Und auf einmal überfiel ihn, lastend und kalt, was er getanhatte, wie eine einbrechende Eisdecke. Er hatte es getan! Ja, er hatte es getan! Er hatte Karten unten hingemischt und hatte Karten unten herausgezogen. Er hatte damit Geld gewonnen. Aber er hatte ja kein Geld gewinnen wollen! Was war geschehen? Kann keiner mir helfen? Ich habe etwas getan, was ich nicht tun wollte. Ich habe mich aus der Gesellschaft ausgestoßen! Ich werde bis ans Ende meines Lebens ein Falschspieler sein. Kann niemand mir helfen?

Ich weiß, daß ich es getan habe. Aber ich weiß nicht, wie ich es getan habe! Und nicht weshalb und nicht wozu. Ich werde verrückt. Ich verliere mein Vertrauen in mich. Ich kann keinen Augenblick in meinem Leben für das, was ich tue, sicher sein. Entsetzlich! Grauenhaft! Es graust mir vor mir selber. Wie kam ich dahin? Das da ist ein Bild von Kokoschka! Das ist eine Plastik von Archipenko! Das werde ich immer wissen. Aber was da allein aus diesem Kopf, aus diesem meinem Kopf herausschleicht, das kann ich nun nie mehr in meinem Leben sicher wissen. Ich behalte meine Augen, mein Gehör, mein Gefühl ... Aber mein Hirn verfault. Irrenanstalt! Mein Körper geht im Licht des Tages. Und mein Gehirn ist in Zwischendunkelheit eingehüllt. Kann denn keiner mir helfen?

Er kämpfte mit den Tränen. Aber er wagte nicht einmal, zu weinen. Er wußte nicht: Täuscht mich nicht vielleicht mein Bewußtsein über das, was ich tue? Und wenn ich weine, geschieht es dann vielleicht nicht in Wirklichkeit, daß ich ein Bild zerschneide, das ich bisher geliebt und angebetet habe, oder meinen Diener einen Mörder nenne oder der Kammerzofe Dusys Unzüchtigkeiten sage? ...

Und dann war es ihm, als bräche er zusammen über den einen Namen: Dusy! Kannst du mir nicht helfen, Dusy, du? Wirst du nicht kommen? Glaubst du mir nicht? Hilfst du mir nicht!

Er klingelte und lief dem Diener entgegen. „Die Frau Gräfin?“ rief er.

„Die Frau Gräfin ist noch nicht zurück!“

„Nicht telephoniert? Hat sie nicht ...“

„Nein, Herr Graf. Aber Herr Doktor von Wenk hat vor einer Stunde angerufen. Die Frau Gräfin läßt er um die Ehre bitten, ihn morgen vormittag zu empfangen. Seine Rufnummer ist am Fernsprecher aufgeschrieben.“

„Gehen Sie!“ sagte der Graf.

Ich gehe zu Dr. Wenk ... ja, ich gehe zu Dr. Wenk ... Und dann rief er laut ins Zimmer hinein, gepeitscht von tausend Unsichtbarkeiten, gestäupt von zehntausend Ängsten:

„Sonst muß ich mich aufhängen! Ich muß es einem Menschen sagen, einem Menschen! ...“

Er stürzte zum Fernsprecher. Er rief die aufgeschriebene Nummer an. „Hier Staatsanwalt Wenk!“ rief eine fremde, ferne Stimme, so daß Told zu erzittern begann.

Aber er raffte alle Energie und Selbstverleugnung zusammen und antwortete: „Kann ich jetzt gleich mit Ihnen sprechen?“

Ihm war in furchtbarer Not, als schmölzen vor dem Fieber seines Verlangens die übermittelnden Drähte und es könne keine Antwort durch sie kommen. Er atmete auf, als er dann hörte: „Mit Vergnügen! Ich erwarte Sie!“

„Fritz!“ schrie er hinaus. „Richten Sie mir das kleine Auto!“

Und er fuhr zurück nach München.

Wenk glaubte, er käme im Namen der Gräfin und es sei im Gefängnis etwas geschehen, was seine Beziehungen zu ihr durchschnitte.

„Herr Graf ... ich vermute, es war ein gefährliches Experiment! Die Frau Gräfin ...“

„Nein, nein,“ rief Told dagegen, „ich, ich ... Meinetwegen komme ich. Mir ist etwas geschehen!“

Er erzählte. Er erzählte auch, wie er den Abend über diese unnatürliche Bestrahlung seines Hinterkopfes empfunden hätte. Das sei wohl ein Vorbote des kommenden Unglücks gewesen.

„Seien Sie mir nicht böse, Herr Doktor Wenk. Ich bin ein Fremder. Ich überfalle Sie. Aber ich hätte mich aufhängen müssen, wenn ich es nicht gleich in der Nacht einem Menschengesagt hätte. Darf ich fortfahren? Und diese starren Strahlen, wie eine glühende Eisenstange am Hinterkopf, flossen dann so weich und so wohlig lau in meinem Innern aus. Es war, als sei es auf einmal ein warmes Bad. Ich hatte die Empfindung, ich sei vor irgend etwas, was vor mir gelegen, gerettet, und in diesem Augenblick, der mir so wohl tat — da geschah es! In der ersten halben Stunde habe ich es geleugnet vor mir selber. Als ich nach Hause ging. Aber es ist geschehen. Es ist wahr! Es ist nicht rückgängig zu machen, nicht vor Menschen, nicht vor mir selber.“

Wenk war sofort sein Erlebnis mit dem alten Professor gegenwärtig. Um Gottes willen, schrak er auf, sollte der auch hier ...? Die Gräfin und die Carozza! Er fragte Told:

„Haben Sie einen Verdacht?“

Der Graf verstand die Frage nicht. „Einen Verdacht? Wie meinen ... daß ich früher schon so gewesen bin? Krank? Nein, niemals!“

„Nein, einen Verdacht gegen eine bestimmte Person, die zugegen war?“

„Der Gedanke ist mir nicht gekommen. Ich verstehe nicht, wie ein anderer ... Nein ... Gegen niemanden!“

„Ist niemand in der Gesellschaft gewesen, der nicht hinzupassen schien ... der Ihnen verdächtig vorkam? Der sich anders benahm als die andern Geladenen?“

„Es war ein kleiner Kreis persönlicher Bekannter des Geheimrats. Nein, niemand!“

Wenk ließ den Verdacht fallen. Wie hätte er auch selbst die Anwesenheit des gesuchten Verbrechers mit dem Falschspiel des Grafen zusammenbringen können! Es lag so scheinbar ein seelisches Entgleiten der Macht über den Willen vor. Ein Vorgang, der sich im Unterbewußtsein einer ans Krankhafte streifenden, subtilen Persönlichkeit abspielte, den das Hirn nur über seine Wirkung auf die Mitspielenden registriert hatte. Der Graf mußte zu einem Psychiater gehen. Es war auffallend, daß er zu ihm, dem Kriminalisten, kam. Aber er wollte nicht fragen.

Told versank in Schweigen. Der Staatsanwalt überließ ihnsich selber. Dann erhob sich der Graf unvermittelt und sagte: „Es kommt mir zum Bewußtsein, daß ich, ohne jedes Recht an Sie zu haben, Ihre Nachtruhe gestört habe. Ich bitte Sie aufs herzlichste, mir das nicht übelzunehmen. Im Unglück ist es, als fiele die Seele in eine Schlucht. Und da greift das Bewußtsein nach dem ersten Halt. Sie hatten angeläutet. Es war eine Verbindung zwischen Ihnen und ... meinem Haus. Und da ...“

Er schlug um: „Aber sagen Sie, spreche ich jetzt wirklich aus, was ich sagen will, oder verrichte ich irgend etwas Unsinniges? Sehen Sie, das ist das Furchtbare des Erlebnisses. Mir steht nun als Lebensbegleiter der Psychiater bevor.“

„Nein, Herr Graf, Sie sprechen durchaus klar und sagen gewiß, was Sie sagen wollen. Ich bitte Sie, über mich zu verfügen. Irgendwo rührt mein Beruf an die Sphäre des Psychiaters; er ist vielleicht tiefer noch und jedenfalls an das Unheimlichere und Geisterhaftere des Menschen gebunden. Ich bedaure, daß der Anlaß Ihres Besuchs ein so unglücklicher ist, sonst hätte ich mich freuen können.“

Indem Wenk das sagte und damit ausdrücken wollte, daß das Abseitige, geistig oder seelisch Ungewöhnliche, Verfeinerte ihm nahe ging, bekam er den Einfall, den Grafen in den Kreis seiner Absichten einzuweihen. Told war ein Mann von Welt. Er gehörte der Sphäre an, von der aus Wenk wieder das Leben des Volkes mit edleren Eigenschaften durchsetzen zu können glaubte. Er hatte in den praktischen Erfordernissen der letzten Monate sich um diese ideelle Seite seiner Aufgabe wenig kümmern können. Die Nacht war angebrochen, hatte in einer unerwarteten Wendung einen Menschen zu ihm gestellt. Diesem Menschen war damit gedient, nicht allein gelassen zu werden. Das alles sagte Wenk dem Grafen.

„Man spricht von unserer Klasse als von einem ‚besseren‘ Stand. Diese Bezeichnung, jedenfalls aus einer Wahrheit entstanden, müßte wieder lebendig gemacht werden. Unsere Klasse, frei von dem Kampf um die Sorgen sozialer Verbesserungen, ist mehr als vorher auf die Pflege geistiger Entwickelung und geistigen Besitzes angewiesen. Sie sollte die edeln Eigenschaften insich wieder pflegen und sie nach außen wenden. Geistespolitik sollen wir treiben. Seelenpolitik!“

Der Graf Told hatte sein Leben vornehm geführt, vornehm in den Formen und vornehm in der Gesinnung. Aber er hatte sich Liebhabereien hingegeben aus Mangel an ernsthaften, seine Persönlichkeit bindenden Verpflichtungen. Er hatte sogenannte expressionistische Kunstwerke gesammelt; das waren Kunstwerke, deren Wert noch kein Maßstab gegeben war. Er hatte die jungen Dichter gepflegt, die anders waren, weil sie aus sich heraus nichts waren als Durchschnitt. Sie wurden von Leuten ins Licht gesetzt, die Geschäfte auf Entdeckungen machten. Der Kampf um das Wachsen, um das Neuwerden in der Kunst war nicht weniger zu einer Schieber-Angelegenheit gemacht worden als irgendwelche Waren ... Nicht die schlechtesten reichen Leute wurden hineingelegt, sondern die, die für ihren Reichtum einen Kanal suchten, der das Geld zu Schönem und Geistigem umgemünzt ihnen zurückbrachte. Aber sie wurden ein Opfer der Zeit. Die ganze Zeit löste hysterisch wie eine schreiende Frau ihr ganzes Bewußtsein in der einen Vorstellung auf. Das Geld verkam; um so unbegrenzter wurde seine Macht über die Menschen. Wie kranke Frauengier den Schoß verkommen ließ und ihn immer unstillbarer machte. Alles war krank.

Da lag die Berührung der Liebhabereien des Grafen und seinesgleichen mit der Zeit. Die Zeit benützte, was edel an ihnen war. Die Propagierer der neuen Bilder waren Börsenjobber. Sie warfen die Spekulation um Geld zusammen mit geistigen Bestrebungen. Die „Blauen Pferde“ hat man einmal für zweihundert Mark haben können. X. kaufte sie für achthundert. Heute sind sie für zweihunderttausend nicht mehr käuflich. Das waren die Anekdoten, die sie vermünzten.

Wenk und der Graf sprachen stundenlang so. Der Graf widerstand. Er hatte etwas von der Dialektik der Künstler gelernt, deren Bilder er kaufte.

„Man wird das Wort prägen,“ sagte ihm einmal Wenk, „er spricht so gut wie ein Expressionist! Und übrigens beginnt dieseKunstgattung sich mit einer andern geistigen Gesellschaft unserer Zeit zu verschwägern, die auf ähnlichen Voraussetzungen steht: mit den sogenannten Theosophen. Sie werden es erleben, daß der Expressionisteo ipsoauch Theosoph sein wird oder Anthroposoph. Nicht weil sich diese Gebilde innerlich nahestünden, sondern man wirft die Geschäfte zusammen. Sie werden heute stets finden, daß diejenigen, die am meisten über den Materialismus unserer Zeit wehjammern, ihm in ihrem Privatleben durchaus ergeben sind. Im übrigen braucht es bei den einen wie bei den andern ja durchaus nicht immer um Geld zu gehen. Herrschsucht über Geist und Seele ist auch ein Element dieser Zeit, die die Herrschsucht der einen gegen die der andern tauschte. Man fischt halt jetzt überall im Trüben der Verhältnisse ... Und uns Menschlichen bleibt immer nur der Krieg. Gegen die neben uns, gegen die mit uns und gegen uns selber. Unserer Klasse gehört jetzt der Krieg gegen uns selber!“

Einmal sagte Wenk dann dem Grafen, er möge doch bei ihm übernachten, da es so spät geworden sei.

Told antwortete unwillkürlich: „Ja, aber meine Frau ...“

Aber dann schaute er Wenk an. Er schwieg. Sein Gesicht war durchzuckt vom Widerschein der Qual. Erst nach einer Weile vermochte er zu sprechen: „Sie hatten es mich vergessen machen, Herr Doktor Wenk! Ich werde für diese Nacht, die ich Ihnen raubte und die Sie mir so menschenvoll schenkten, so lang ich lebe, in Ihrer Schuld sein. Ich weiß nicht, wie ich sie überdauert hätte — allein! Jetzt ist sie hinter mir wie ein Geschenk. Ich nehme Ihr Gastbett an.“

„Wäre es Ihnen,“ fragte am nächsten Morgen Wenk den Grafen, „unangenehm, wenn ich mit dem Geheimrat Wendel Ihr Erlebnis bespreche?“

„Nein,“ antwortete Told. „Ich bitte Sie, es zu tun!“

Der Graf zögerte, weiterzusprechen. Wenk sah es und wartete. Er sagte dann, den andern erratend: „Ich stehe Ihnen ganz zur Verfügung. Wenn Sie noch einen Wunsch hätten ...“

Da antwortete Told rasch und errötend: „Ja ... auch mit meiner Frau zu sprechen, vor der ich mich so ... schäme!“

„Sie brauchen sich nicht zu schämen!“

„Meine Frau hat einen so starken Lebenswillen. Unser Leben war ihr, glaube ich, immer ein wenig zu schwach, zu blaß ... Es fragt sich, ob ihr zugemutet werden kann, es weiter mit einem Mann zu führen, der nun doch nur ein Kranker ist!“

„Ich werde mit ihr sprechen!“

*

Der Geheimrat empfing Wenk sofort. So liebenswürdig er konnte und mit der gütigen Ironie, mit der er alle Erscheinungen des Lebens abkantete, erklärte er Wenk, seine Auffassung sei, der Graf habe spielen wollen, abenteuern wollen. Er habe das wohl seiner Gattin abgeschaut. Die Kraft der Persönlichkeit seiner Frau habe er erreichen wollen, indem er von dem Weg des Anstands ab auf diesen abenteuerlichen Einfall fiel, falsch zu mischen und Geld zu gewinnen. Es sei nicht wegen des Geldes gewesen, gewiß nicht! Er habe eben nur ein Abenteuer der Phantasie erleben wollen, so wie er es an seiner Frau sah. Diese aber vermochte durch ihre persönlichen Kräfte sich stets aus der Schlinge zu ziehen. Dem schwachen Grafen aber sei schon der erste Versuch ins Unglück ausgeschlagen. Seine Phantasie sei wohl erfüllt gewesen mit den Räubergeschichten von Falschspielern, die jetzt in Kurs sind. Die ganze Sache falle schließlich auf seinen Spielnachbar, den seine Geldgier trieb, aus dem Erlebnis der Phantasie eines schwächlichen Mannes einen gesellschaftlichen Skandal zu machen.

„Darf ich erfahren, wer dieser Nachbar war, Herr Geheimrat?“

„Ja, jetzt,“ lachte Wendel, „wo ich so unfreundlich über ihn sprach, kann ich ihn nicht verraten. Er ist übrigens ein harmloser Familienvater, ein Professor an der Anatomie.“

„Es ist nämlich alles viel ernster, als Herr Geheimrat wissen können. Der Graf hat die Nacht bei mir zugebracht, wohin er vor sich selber geflohen war. Er hat mir den Fall bis in die geringsten Einzelheiten erzählt, und ich habe gar keinen Grund, an die geringsten entstellenden Tendenzen bei ihm zu glauben.Er war durch und durch zermürbt und zerstört von dem Ereignis. Es scheint sich um ein geistiges Versagen zu handeln, um ein plötzliches Ausschalten der Gehirnkontrolle. Könnte nicht unter Ihren Gästen ein Mensch gewesen sein, der vielleicht einen besonderen Eindruck auf den Grafen machte?“

„Nein, es war weder ein expressionistischer Dichter, noch ein solcher Maler bei mir,“ lächelte der Rat.

„Bitte, verübeln Sie mir meine Fragen nicht als zudringlich, Herr Geheimrat. Sie glauben nicht, daß ein solcher Mensch anwesend war?“

„Nein, das glaube ich nicht. Alle Gäste sind mir seit langem persönlich bekannt. Sie wissen ja, um welchen Anlaß es sich handelte. Diese Somnambule, nicht wahr! Es waren Fachleute, Professoren, einige Künstler von Namen und persönliche Freunde. Dann ein Doktor Mabuse, den ich noch nicht sehr lange kenne, dessen außergewöhnliche praktische Fähigkeiten ich aber sehr schätze. Er ist psychopathologischer Arzt. Was mich drauf bringt, daß man den Grafen Told vielleicht ihm zuschicken soll, wenn die Sache so liegt, wie Sie eben erzählten. Der Graf ist der Sohn meines Jugendfreundes. Ich nehme sehr Anteil an ihm. Raten Sie ihm in meinem Namen, er solle zu Doktor Mabuse gehen. Ich gebe ihm einen Brief an ihn. Allerdings kenne ich nur seine Fernsprechnummer.“

Wenk ging.

Vom Geheimrat fuhr er nach Tutzing in die Toldsche Villa. Er hoffte dort die Gräfin zu treffen. Aber der Diener sagte ihm, weder die Gräfin noch der Herr hätten die Nacht in der Villa zugebracht.

Darauf begab sich Wenk in seine eigene Wohnung zurück, in der Told blaß, verhärmt und mit zerrissenen Gesichtszügen auf ihn wartete. „Ich habe es gewußt,“ sagte er, als Wenk ihm mitteilte, die Gräfin sei nicht nach Hause gekommen. „Aber man hofft immer auf das Unwahrscheinliche. Und der Geheimrat?“

„Ich habe ihm wiederholt, was Sie mir erzählt haben. Er hatte das Erlebnis anders, aber als nicht sehr böse eingeschätzt.Er rät Ihnen, sich von einem Psychopathologen behandeln zu lassen, den er kennt. Er gab mir einen Brief mit an ihn, sehen Sie!“

„Doktor Mabuse ... der war gestern ja auch in der Gesellschaft!“ sagte der Graf, als er die Aufschrift las.

„Soll ich zu ihm gehen?“ bot Wenk an.

„Nein, Herr Doktor, einmal muß Ihre Liebenswürdigkeit aufhören. Ich muß mich ja auch entschließen, meinen Fall als etwas nun wirklich in meinem Leben Vorhandenes in meine täglichen Verrichtungen aufzunehmen. Ich werde, da seine Fernsprechnummer gerade dasteht, den Doktor Mabuse anrufen. Wenn Sie erlauben, gleich von hier aus.“

„Herr Doktor Mabuse,“ sagte ihm Told im Fernsprecher, „Sie waren gestern zugegen, wie mir der Unfall beim Geheimrat Wendel zustieß ...“

„Ja!“

„Ich bedarf Ihrer ärztlichen Hilfe. Geheimrat Wendel gab mir einen Brief an Sie. Darf ich ihn Ihnen bringen!“

Die andere Stimme antwortete schroff: „Nein. Ich behandle nur im Haus des Patienten selber. Wie ist Ihre Adresse? Erwarten Sie mich morgen vormittag elf Uhr. Wiederholen Sie: umwieviel Uhr?“

„Um elf Uhr!“ wiederholte Told erschrocken bis ins Herz hinein.

Dann verließ er den Staatsanwalt.

An etwas Schwarzem, von roten Ringen und Blitzen Durchfurchtem erwachte die Gräfin Told. Es war dunkel und fremd um sie. Ein ganz zartes Licht leuchtete abgedämpft irgendwo hoch, wie auf einem Berg, in das Zimmer, in dem sie lag. Sie lag auf einem Ruhebett, angekleidet. Sie hatte das Zimmer nie gesehen. Auch erkannte sie kaum etwas in dem Raum. Sie lag da und versuchte, das, was sie erlebt hatte, in sich wieder hervorzurufen. Es widerstand. Nur hart, wie mit einem Schlag, standein Augenblick da, in dem die grauen Augen jenes Dr. Mabuse, der ihr von Tigern erzählt hatte, sich über sie senkten, grauenerregender als Krallen einer Bestie, die Blut roch ... geisterhaft ... ein Griff aus Luft, aber der Atem gerann ihr. Ihr ward, als ob ihr das Herz zurückfloh und wie ein Pferd, dem die Hufe nicht mehr am Stein hielten, hinterrücks verloren in eine Schlucht stürzte.

Eine Tür öffnete sich. Sie wußte nicht genau, wo. Sie fühlte es mehr, als daß sie es genau gehört hätte. Sie wartete auf etwas. Auch ihre Vorstellungen stauten sich zurück und warteten.

Nach einer Weile sprach aus der zarten Düsternis heraus eine Stimme: „Sie sind wach. Wünschen Sie, daß ich Licht mache?“

Es war eine Stimme, von der im ersten Klang der Gräfin dünkte, sie sei eine Glocke, das Fest der Seele einzuläuten. Aber im Nu zerging diese Empfindung. Ein Gefühl des Nichtglaubens durchzog sie. Wie kam diese Stimme in die Dunkelheit? Diese einzige von allen Stimmen, die sie nicht erwartet hatte. Sie erschrak so ins Unerkennbare der Seele tief hinein, daß ihr war, als fröre ihre Haut über den ganzen Körper zu Eisblumen zusammen.

Ein Laut knirschte aus ihrer Kehle. Sie hörte ihn nicht. Sie streckte nur abwehrend die Hände aus. Da wurde es hell im Zimmer.

Dr. Mabuse schloß die Tür und kam an das Lager heran. Er sagte: „Die Lage ist so: ich habe Sie gewünscht! Ich habe Sie mir genommen!“

Die Gräfin gewann an den menschlichen Lauten die Beherrschung wieder. Sie erhob sich vom Ruhebett, aber sie fühlte sich von der Ohnmacht wie ausgesogen. Was wollte dieser Mann? Ja, sie wußte doch genau, was er wollte. Er war ein Tiger.

Trotzdem fragte sie: „Was wollen Sie?“

„Ich sagte es Ihnen eben!“ antwortete die große Stimme kurz.

„Und nun?“

„Bleiben Sie bei mir!“

„Ich will nicht!“ schrie die Gräfin. „Ich will meinem Mann helfen. Ich will nicht!“

Da erst ward ihr wieder klar, was sich ereignet hatte. Ihr Mann hatte falsch gespielt!

Du mein Gott, mein lieber Gott, wie war das möglich gewesen! Sie wußte doch so genau, daß er das nie tun würde. Welche Widersprüche! Welche Qualen! Welche Verzweiflung! Welche Hölle! Und sie war bei der Helferin der Mörder Hulls gewesen und war ihr erlegen. Alles drehte sich durcheinander, und Blut erschien neben dem schwarzen, ohnmächtigen Unglück, das ihr Mann angerichtet hatte.

Sie hörte die Männerstimme, groß, voll Grauen, voll Gefahren: „Sie wollen nicht? Frage ich danach?“

Er hatte den Tiger nicht gefragt und den Auerochsen nicht. Sollte er eine schwache Frau fragen! Das ist wahr! Sollte er sie fragen? Sie war seine Beute.

Dieser Vorstellung gab sie sich mit einer wollüstigen Angst hin. Sie gehörte dem stärksten Mann, den ihre Augen jemals gesehen. Was konnte sie sich wehren? Er hatte sie einfach genommen. Gab es Männer, deren Willen genügte, ohne Berührung eine Frau zu nehmen?

„Wie bin ich hergekommen?“ fragte sie.

„Wir haben zuvor Wichtigeres zu besprechen. Wie wollen Sie sich einrichten?“ fragte die Stimme groß und kalt neben ihr und mit einem erbebenmachenden Ernst.

„Ich will nicht!“ schrie die Gräfin. Ihr war, als seien Marterwerkzeuge in ihr Hirn eingegraben.

„Das ist nicht die Frage!“ antwortete die Stimme, wie ein Stein ... er fällt ... er liegt! liegt Jahrtausende ... „Es handelt sich darum: bleiben Sie freiwillig bei mir oder als meine Gefangene?“

Die Frau, erwachend am Gefühl des Zwanges, mit dem sie bedroht wurde, vermochte ihre Sinne zu sammeln. Sie schaute, horchte, lauerte. Leise begann sie zu rechnen: List oder Widerstand?

Sie antwortete nach einer Weile: „Sie können mich in München nicht als Ihre Gefangene halten!“

Mabuse mit einem drohenden Ton: „Woher wissen Sie, daß Sie in München sind?“

„Haben Sie mich verschleppt?“ rief die Gräfin.

„Ich bin kein Gorilla!“

„Wer sind Sie? Wie heißen Sie?“

„Wie Sie mich nennen werden!“

„Dann werde ich Sie Gorilla nennen!“ wollte sie böse sagen. Aber es begann, daß ihre Zunge in einer süßen Schwere diesem häßlichen Namen widerstand. Sie sprach ihn nicht aus. Irgend etwas war in sie eingetreten, was ihre Lage so mild machte. Was Lockungen und Versprechen aus der Weite herholte und in ihrem kleinen Herzen zusammentrug wie emsige, nächtliche Heinzelmännchen.

Etwas in ihrem Gewissen lehnte sich dagegen auf, daß es ihr gut gehen sollte, wo ihrem Mann doch ein Unglück zugestoßen war und ihr selbst, wer weiß was, widerfuhr.

Sie fragte trotzig: „Nun also, was wollen Sie von mir?“

Aber der Mann schaute sie nur hart und ruhig an, und ihr war, ihre Frage schwömme klein und verächtlich auf einem großen Meer davon. Das Meer aber war die Brust dieses Mannes. Es gab innen und außen keine kraftvollere Brust. Diese Brust war ein Idol ihrer heimlichsten, ihrer eingeschlossensten Wünsche gewesen. Sich hineinbetten ... hineinbetten ... wie in das Dschungel ...

Da sagte der Mann, nachdem er sie so eine Weile angeschaut hatte, mit einer gewaltsam erfüllten Ruhe: „Das Geschlecht der Menschen ist zu verächtlich geringherzig, als daß seine Männer und Frauen der einen Kraft fähig wären, die die Schöpfung sonst in den Unterschied der Geschlechter gelegt hat: einmal sehen, wissen, und eins gehört dem andern so ganz wie der Tag dem Licht!“

„Das will sagen,“ fragte die Gräfin zaghaft, „Sie lieben mich? Deshalb ... bin ich hier!“

„Ich begehre Sie. Das ist mehr als Liebe — für mich! Sie sind hier, weil es meinem Begehren keinen Widerstand gibt. Sie können eine Königin werden. In dieser Brust und in Eitopomar in Südbrasilien. Eine Königin über Urwälder, wilde Tiere,zahme und wilde Menschen, Täler, Felsen und Fernen. Wer kann in dieser verächtlichen Gegend Ihnen mehr geben?“

„Niemand!“ sagte die Gräfin, traumhaft vom Geheimnis umfangen, das so rasch das doppelte Spiel in ihr begonnen hatte.

„Sie haben sich also entschlossen, freiwillig zu bleiben?“ fragte Mabuse.

Die Gräfin fiel wieder zu ihrer Lage zurück. Sie wich von dem Mann, und wie Schutz suchend stellte sie sich hinter die Ottomane. Sie preßte die Lippen aufeinander. Aber in ihrem Schweigen wühlte in zerrender Qual das Doppelte, daß sie fort wollte und dennoch irgendwoher das Verlangen trug, zu bleiben und zu gehorchen.

Er sagte: „Wenn es das gäbe: Ein Mann und eine Frau sehen sich zum erstenmal, und in dem ersten Blick, den sie tauschen, sagen sie sich: Jetzt gibt es nichts mehr in mir von dem, was ich war. Jetzt ist alles wie ein tönernes Gestell zerschlagen, und nur du ... du bestehst. Undenkbar ist auch nur ein Blutschlag, der nicht durch alles, was ich bin, dir gehört. Es ist, als ob die Jahrzehntausende des Bestehens der Geschlechter in diese zwei Wesen auf einmal alle ihre Kraft geschleudert hätten, mit der die Menschen in so dreckiger Sparsamkeit und mit so kupplerischen Bremsen umgehen. Welch ein Geäse ist der Mensch! Aber das andere wäre Ebenbild Gottes und Schöpfung!“

Der Gräfin war, als spanne sie eine plötzliche Gewalt zwischen zwei Pole. Sie wußte, sie war selber die zwei Pole zugleich, und doch war der eine anders als der andre. Muß ich von einem zum andern laufen? fragte sie sich ... Sie wurde sehr müde ... Oder kann ich so ausgespannt bleiben ... so wohlig ... so von der Sonne einer Wesensart beschienen, die ich an mir liebe?

Es war der Hang, dem Außergewöhnlichen nachzugehen, um zu fühlen, wo sie am meisten Mensch sei und sie selber, gelöst von allem, was um sie hing und nichts mit ihr zu tun hatte. Und über die Gräfin fiel wieder das Gefühl eines Paradieses, die Windgesänge elysäischer Gefilde, die reine, ungeteilte Gefühle aushauchten. Fiel über sie, als ob sie fähig wäre, die süßen Gruppenfern von ihrem Blick aufgescharter Horizonte von ihrer Sehnsucht zu erlösen und in ihrem Blut als eigenen Besitz einzubergen. Was geschieht mit mir? fragte sie, sich leise zurückkämpfend und schnell wieder dem tönenden Paradies entgegensinkend, das vor ihren ermatteten Augen in ihr Herz zu schweben begann.

Das graue Auge des fremden, drohenden Mannes strahlte wie eine Jahreszeit auf sie. Es stand vor ihr, hoch wie Wolken. Die Jahreszeit vergewaltigte die Erde. Aber die Erde gab sich in aller Liebe hin. War das das Geheimnis auch ihrer Natur? fragte sich die Gräfin. Die Jahreszeit ging wie ein Unwesen mit Kräften von jenseits des Horizonts durch die Wälder, über die Flüsse, Städte, Gebirge ... mit Augen, nicht rechts, nicht links schauend vor geisterhafter Macht, und war auf einmal mitten in allen Dingen. Wenn der Mann so wie die Jahreszeit über mich geht ... ist das ... das Paradies? Erfüllung? Wahr gewordene Sehnsucht? Erlöster Wahn? Ist das meine zweite Natur? Der ich nicht zu folgen gewagt habe?

Sie wollte widerstehen. Aber eine süße Kraftlosigkeit öffnete alle Poren an ihr. Sie ward dunkel und voll gebender Schmerzhaftigkeit, wie ein Acker im März. Eine Dohle krähte. Aber es sang eine Amsel hinterher über sie. Und die krächzende Dohle und die singende Amsel entrissen eine Made, eine lebende Made ihrem Bett in der Baumrinde. Und auch die Baumrinde war im Erwachen, und es sang durch ihre Zellen. Und die Amsel stieg hoch auf in die Luft und sang in Triolen, die von Erdgeist trieften ...

Die Frau ward die Amsel. Und ward zugleich die Made. Sie gab sich und wurde vertilgt. Und wußte es nicht vor Dunkelheit und Trubel im Blut. Sie ward zu allerinnerst aufgerührt und war ganz unten gewesen, schäumte oben und war nicht greifbar, wie eine Seifenblase ... Über ihr stieg der Ruf des Mannes wie das Rauschen des Sommers, der das Steigen der Säfte im gereiften Ährenfeld bricht.

Der Besuch Mabuses beim Grafen Told fand statt. „Ihr Krankheitsbild ist durchaus nicht ein außergewöhnliches,“ sagte Mabuse. „Es heilt aus, wenn Sie die Sicherheit über sich wieder erlangen. Es wird unheilbar und verschlimmert sich, wenn Ihnen das nicht gelingt. Es ist ein Vorbote einerdementia praecox. Ich werde Sie, wie alle Patienten, aus taktischen Gründen in Ihrem Hause behandeln. Ich stelle eine Bedingung, daß Sie, so lange Sie in Behandlung sind, das Haus nicht verlassen und niemanden sehen, der Sie an Ihr früheres Leben erinnert.“

Told war betäubt von der Gewaltsamkeit, mit der dieser Arzt gegen ihn auftrat. Zart und scheu, wie er war, erdrückt von dem Erlebnis, wagte er kein Wort gegen ihn. Er fürchtete ihn von der ersten Minute an.

Als Mabuse die Villa verließ, in der er eine Menge Dinge gesehen, die von dem Kult zeugten, den der Graf mit seiner Frau trieb, sagte er sich: Er muß fort, wenn sein Name nur einmal wieder über ihre Lippen kommt.

Mabuse war in einer wilden und tierhaften Weise erregt. Die Berührung mit diesem Mann, dem die Frau solange schon zueigen gewesen war, pflügte seine Adern auf, reizte ihn, als sei er ein Stier und empfinge Wurfspeere in den Nacken. Er bückte sich unversehens wie zum Angriff vor und bohrte sich in seine Vorstellungen hinein, berstend vor Haß und Rachsucht. Es war ihm, als sei eine Beule in ihm geplatzt und entließe einen Strom von Bösem. Er warf sich vollends hinein.

Als er heim kam, ging er gleich zu dem Zimmer, in dem die Gräfin eingeschlossen war. Der Raum war wie ein Versteck ins Haus hineingeborgen. Licht kam nur aus einem runden Fenster, zu dem sich die Decke in reichen Formen emporwölbte.

Die Frau erhob sich, als er kam. Sie war weiß wie das Leinentuch ihres Bettes. Sie ging ihm entgegen und sagte: „Es ist in der Nacht etwas mit mir geschehen, das außerhalb meines Bewußtseins liegt. Was haben Sie mit mir gemacht?“

„Was Sie mit sich machen ließen!“

Da erzitterte die Frau so stark, daß sie niederglitt, und am Boden liegend, hob sie ihren Blick, verletzt, wie von einem angeschossenen Tier zu ihm und rief entsetzt: „Teufel! Teufel!“

„Dieser Name gefällt mir,“ sagte Mabuse. „Er schmeichelt mir. Er ist, ohne daß Sie es ahnen, eine Liebkosung. Das nächstemal werden Sie mich Luzifer nennen. Denn ich werde Ihnen das Licht bringen!“

Die Gräfin, zusammengebrochen am Boden liegend, verfiel einem leidenschaftlichen Schluchzen. Eine haltlose, verzerrende Angst brach in ihr auf. Sie rief, bebend, im Weinkrampf: „Wo ist mein Mann?“

Aber da sah sie, daß Mabuse eine so nichtige, kleine und wegschiebende Bewegung machte, daß der Frau geschah, als ränne ihre schmerzhafte, peinigende Frage wie ein Taukügelchen aus der Hand und spurlos verschwindend in den Staub, und es sei überflüssig, nach ihr auch nur einmal hinabzuschauen. Und so über ihr zerfetztes Herz gebeugt, fragte sie sich: Ist dieser Mann denn so gewaltig, daß vor ihm und seinem Willen alles zergeht, was ich war, und was andere Menschen vorher mir waren?

Wieder mußte sie sich dem zwiefachen Strom ergeben, der sie zu tragen begann. Heimlichstes, selber nie Gesehenes trieb aus der Flut in ihr Hirn. Gemartert ließ sie ihre Vorstellungen gewähren. Mußte es nicht wahr sein, was so aus ihrem Blut entstand? Sie konnte sich von dem Neuen nicht mehr trennen. Sie konnte sich dagegen wehren; sie konnte dagegen antoben. Aber sie konnte es nicht mehr von sich ablösen.

Der Mann stand schweigsam über ihr. Die Stummheit bedrohte sie. Sie dachte, mit einem eigenen Laut könne sie dies Drohende zerschlagen wie eine Seifenblase. Aber sie fand nicht die Kraft zu einem anderen Wort und wiederholte, gefesselt an ihren Zustand, die Frage: „Wo ist mein Mann?“

Da ging Mabuse wortlos und schroff hinaus.

Als er von ihr so fortgegangen war und in dem Raum nichts anderes mehr zurückgelassen hatte als seinen herrischen Unwillen,vermißte sie etwas. Es wäre ihr lieber gewesen, er stünde noch da. Ihre Vereinsamung wuchs um sie und schlug alle Grenzen ein. Eine Raumlosigkeit tat sich um sie auf, wie ein Abgrund, der mit saugenden Spektren sie hinablockte. Aber sie konnte nicht stürzen. Sie hing an einer dünnen Wurzel. Sie wußte: Diese Wurzel ist das Wenige, was mir aus meinem bisherigen Leben geblieben ist.

Sie wünschte, auch diese Wurzel möchte abreißen. Lieber hätte sie den ganzen Tod gehabt als das Schweben über dem Nichts.

*

Mabuse ging in seinem Zimmer hin und her. Er war ein gefangenes Tier, gefangen zwischen seiner Rachwut und Herrschsucht und dem Widerstand dessen, was draußen gegen sein Ziel lag. Es war etwas so Kleines wie die Erinnerungen, mit denen eine Frau an die Stunden gebunden war, die sie geheim oder vor Menschen mit ihrem Mann verbracht hatte. Aber weil es so wenig war, wuchs die Vernichtungsraserei so begehrend in ihm an, um es ganz zu zermalmen.

Spoerri kam. Er war als Soldat gekleidet. „Weshalb?“ fragte Mabuse unwirsch, vergaß aber gleich seine Frage und wollte etwas über Georg hören.

„Er ist in Schachen in der Villa. Er geht nicht aus. Er ist vorsichtig!“

„Was macht er?“

„Nachts hilft er das Kokainlager unter dem Gartenhaus nach der Schweiz hinüberbringen. Ich wüßte einen neuen Artikel, den sie drüben abnähmen. Äther!“

„Weshalb Äther?“ fragte Mabuse.

„Man beginnt es zu konsumieren.“

„Wer — man? Wo?“

„Bei uns, in der Schweiz!“

„Bei euch? Zu wievielen seid ihr?“

„Man kann es unter die Leute bringen!“

„Das erinnert mich an die Mädchen, die Sie nach der Schweiz exportierten, um den Salvarsanschmuggel zu beleben. Ich will nichts von Geschäften wissen. Verstehen Sie — nichts!“

„Ich sage nichts mehr darüber!“

„Spoerri, vielleicht nie mehr!“

Da drang ein Jodler aus dem rauhen Hals Spoerris. „Herr Doktor! Eitopomar?“

„Wir saufen, Spoerri, wir saufen! Ich weiß nicht! Wir saufen! Hirtenknabe mit 86000 Mark Jahreseinkommen ...“

„O, was habe ich davon? Ich stecke es ja immer wieder in die Unternehmen vom Herrn Doktor!“

„Weil es sich dort um 10 Prozent höher verzinst als bei einer Versicherungsgesellschaft. Soll ich dich auf die Sohle nehmen, Hirtenknabe? Trink’!“

Spoerri fiel als der erste vom Sessel. Er lag auf dem Boden, rund um sich Schmutz, und schaute unglücklich den Herrn an. Er lag da wie ein Hund, der am Sterben war und sich bewußt wurde, das Leben des Herrn nun nicht mehr bewachen zu können.

Mabuse, pendelnd, mit einer Hand schon an die Tischkante gekrallt, um nicht mit dem Stuhl zu Boden zu drehen, stotterte: „Spoerri, glaubst du, es gibt einen Menschen, dessen Wille so stark ist, daß er einen Mann töten kann, ohne ihn zu berühren?“

Aber Spoerri verstand nicht. Mit seinen glotzenden Augen schaute er dumm und treu, bekümmert und krank zum Herrn hinauf.

„Ich kann das! Und ich tue es! ... Schlafe!“ sagte er plötzlich; und sich erhebend, trat er den andern mit dem Fuß nieder.

Mabuse ging einige Schritte. Er mußte sich stützen. Da raffte er sich auf. Sein Willen durchstieg ihn wie eine bronzene Schraube. Und steif und starr, ohne zu schwanken, vom Trunk entzündet und über sich selbst hinausgehoben, ging er in das Zimmer, in dem sich die Gräfin aufhielt, und blieb bei ihr, ohne ein Wort zu sagen. Von dieser Stunde der Schmach an war die Frau willig seiner Knechtschaft. Sie vergaß ihre Vergangenheit, vergaß sich selber und war ihm untertan.

*

In der Nacht fuhr Mabuse nach dem Bodensee.

Beinahe, da er in der Nähe der Villa die Lichter löschte, verunglückte er am Wagen der Straßenwalze, die keine dreißig Schritte von seinem Garteneingang entfernt stand. Unmittelbar vor ihr griffen die Bremsen fest. Da fuhr er nicht gleich ins Haus, sondern einen Kilometer weiter, ließ das Auto am Straßenrand stehen und ging am Ufer entlang zum Haus.

„Weshalb sagen Sie mir nichts von der Straßenwalze?“ herrschte er Georg an. „Eine Streichholzschachtel, die draußen auf dem Wege liegt, kann unser Verderben sein. Holen Sie das Auto! Laufen Sie! Es steht auf Wasserburg zu an der Landstraße. Bringen Sie es zu Steuer und kommen Sie gleich zurück.“

*

Am nächsten Morgen rief der Fernsprecher Wenk aus dem Schlaf. „Hier Straßenwalze!“ hörte er. Er erwachte sofort.

„Ich höre, bitte!“

„Gestern nacht um zwei Uhr kam ein Auto, blieb unmittelbar vor unserem Wagen halten und fuhr dann weiter. Da es ohne Licht fuhr, folgte auf meinen Befehl Schmied mit dem Rad. Er fand es eine Viertelstunde weiter an der Landstraße verlassen. Er kam sofort zur Meldung zurück. Ich schlich mich in den Garten der Villa. Aber der Hund schlug an. Da ging ich außen herum ans Ufer. Ich sah einen Mann vom See her in den Garten und ins Haus gehen. Als Schmied und ich dann zum Auto zurückgehen wollten, war es nicht mehr da. Heute morgen nichts Auffallendes!“

„Danke! Erwarten Sie mich heute!“

*

Eine Stunde, bevor dieses Gespräch durch die Drähte lief, es war noch Nacht, hatte Mabuse die Villa verlassen. Er hatte Frauenkleider angelegt und war fortgerudert. Er fuhr auf Nonnenhorn zu. Ein Motorboot kam, ein Fischer, der vom Schmuggel aus der Schweiz nach Hause fuhr. Mabuse hielt ihn an. Der Fischer sagte, er habe keine Zeit. Er müsse mit seinen Fischen heim. Dasprang Mabuse mit einem Satz aus seinem Boot hinüber auf ihn, warf ihn unter die Bank, knebelte ihn und schob ihn in das Ruderboot. Er fesselte ihn unter die Bank an, kletterte in das Motorboot zurück und steuerte es in den See. Er zog die Weiberkleider aus. Darunter hatte er einen Anzug, in dem man ihn für einen Fischer gehalten hätte. In weitem Bogen fuhr er zum Ufer zurück, begab sich zu dem Bauern, in dessen Scheune das Auto verborgen war. Georg lag darin und schlief.

Während einer längeren Aussprache mit Georg zog sich Mabuse um und fuhr dann ins Württembergische. Georg ging nach Schachen zurück.

Mabuse wollte nach Stuttgart. Seine Gesellschaft hatte ihn von dort aus am gestrigen Morgen antelephoniert: ein Kranker wolle ihn konsultieren. Das hieß: es war jemand eingefangen worden, der sich zum Ausplündern eignete.

Als Mabuse abends am Spieltisch saß, kam ihm plötzlich wieder das Bild vor Augen, wie er unvermittelt vor der Dampfwalze seine Bremsen zog. Die Walze stand mit großen Umrissen in der Finsternis. Es war, als wollte sie über ihn niederfallen, wobei sie ganz unmeßbare Verhältnisse annahm und langsam sich zu den Gesichtszügen des Staatsanwalts Wenk änderte. Wie ein vorsintflutliches Tier stand sie nun, in dies Gesicht gekleidet, in seiner Erinnerung. Eine flatterige Unruhe störte Mabuse. Er verließ vorzeitig den Spieltisch mit Verlust und fuhr noch in der Nacht nach München zurück.

Unterwegs sagte er sich, als käme eine plötzliche Erkenntnis über ihn: Es ist lächerlich. Es ist nur eine Verdrängung, der ich erlegen bin. Ich will den Wunsch nach dieser Frau durch die Angst vor dem Staatsanwalt verdrängen!

Da lag Wenk noch stärker als bisher in seinem Weg. Weshalb war er noch da? Hatte Mabuse nicht deutlich genug befohlen? So wollte er den Befehl wiederholen!

In seiner Wohnung in München legte er sich gleich ins Bett. Er schlug die Lust nieder, zur Gräfin zu gehen, und schlief rasch ein.

*

Als die Straßenarbeiter in Schachen nach der Mittagspause zur Arbeit zurückkehrten, hatte sich ein Mann unter sie gemischt, aus einer Wirtschaft heraus, der ihren Aufseher zu sprechen wünschte. Ob er wohl Arbeit fände? fragte er.

„Meine kannst du gleich haben, wenn du sie gut bezahlst,“ scherzte einer.

Aber der Mann sagte, er wolle die Arbeit ja nur, um selber dafür bezahlt zu werden.

„Das ist etwas anderes,“ lachte der Arbeiter. „Da ist der Aufseher.“

Der Mann ging zu ihm. Er sprach leise mit ihm und zog ihn wie unabsichtlich von den andern fort.

Er könne vielleicht Arbeit bekommen, sagte der Aufseher, als der ein Polizeikommissar tätig war. Er wolle seine Papiere sehen.

Die gab der Mann her, indem er sagte: „Herr Kommissar, zeigen Sie sich nicht erstaunt. Tuen Sie, als läsen Sie die Papiere durch, und stellen Sie mich als Gehilfen des Heizers auf die Walze. Der Heizer ist doch Sergeant Schmied?“

„Jawohl, Herr ... Ja, also gut! Kommen Sie,“ antwortete der Kommissar. „Sie können die Arbeit haben, da ... kommen Sie. Schmied, bitte!“ rief er. Er erklärte Schmied leise, daß der Herr Staatsanwalt als Gehilfe den Tag auf der Walze verbringe.

„Was haben Sie noch beobachtet?“ fragte Wenk, als er mit Schmied auf der Maschine fuhr.

„Der Herr Kommissar hat Sie deswegen nochmals angeläutet. Aber Sie waren schon fort. Es ist sonderbar. Wir sahen doch den Mann nachts in die Villa gehen; wir dachten, es sei der gewesen, der das Auto an der Straße stehen gelassen habe. Aber das scheint nicht zu stimmen. Als wir dann zum Auto zurückkamen, war das Auto fort. Heute früh nun fuhr eine Frau in der Nähe des Ufers hinter der Villa in einer Gondel. Ob sie von der Villa kam, konnten wir nicht feststellen. Eine Stunde später aber kam auf einmal der beobachtete Poldringer die Landstraße her und ging ins Haus hinein. Den hatten wir aber gar nicht aus der Villa fortgehen sehen. Das ist das Sonderbare.“

„Sie haben keinen Verdacht, die Villa könnte einen unbekannten Ausgang haben?“

„Nein, unsere Beobachtungen Poldringers haben bisher stets ganz genau gestimmt. Er kam immer denselben Weg zurück, den er fortgegangen war. Er geht überhaupt kaum aus. Nicht jeden dritten Tag!“

„Gibt es kein Mittel, in die Villa hineinzukommen?“

„Ohne Auffallen zu erregen, nicht. Ich sehe das an der Art, wie Bettler dort abgefertigt werden. Sie haben drinnen einen Wolfshund, der scharf dressiert ist ... Man käme auch nicht heimlich hinein.“

„Ist der Poldringer jetzt drin?“

„Ja, ich sah ihn vorhin an einem Fenster!“

„Hatte das Auto ein Nummernschild?“

„Ja, Kreis Konstanz. Hier ist die Nummer!“

„Das ist wohl gefälscht. Es kam von Lindau, sagten Sie?“

„Jawohl. Ich habe die Nummer nach Friedrichshafen, Ravensburg, Lindau, Wangen und Konstanz hintelephoniert. Von Konstanz aus wurde mir dann mitgeteilt, die betreffende Nummer gehöre einem Auto der dortigen Sanitätskolonne. Das Auto habe Konstanz noch nie verlassen.“

„Kann man es sich nicht so erklären, daß das Auto in der Villa angemeldet war, aber nicht vor der Villa hielt, weil man das so im Gebrauch hat, oder weil etwas dem Insassen verdächtig war, zum Beispiel die Straßenwalze ... daß Poldringer benachrichtigt war, das Auto an der Straße erwartete und es zu irgendeinem Versteck weiterführte? In der Zeit kam der Mann, der es hergebracht, in die Villa. Entweder ist er nun mit Poldringer noch drin, oder er war das Weib in der Gondel. Er fuhr dorthin, wo das Auto eingestellt war. Dieses Versteck müßten wir ausfindig machen!“

„Wir hören nachts öfter den Lärm eines Motorboots nicht weit vom Ufer. Aber das können wir ja nicht überwachen.“

„Ich schlafe diese Nacht bei Ihnen im Wagen. Wir stellen den Wagen einen halben Kilometer weiter vom Haus weg. Kann man sich in der Nähe der Villa gut eindecken?“

„Ja!“

„Wir gehen dann zusammen. Abgemacht? So lerne ich noch Straßen glattwalzen,“ lachte dann Wenk. „Bisher tat ich das nur mit Verbrechern.“

„Jawohl, Herr Staatsanwalt!“ erheiterte sich Schmied und zog den Hebel, der die Maschine anhielt. „Werfen Sie Kohlen ein, Herr Staatsanwalt!“ Und Wenk schaufelte der Maschine das feurige Maul voll Kohlen.

„Bis dahin haben der Herr Staatsanwalt auch nie einer Straßenwalze eingeheizt, sondern nur Verbrechern!“ verweilte der Heizer bei dem von Wenk begonnenen Witz.

„Noch nicht genug, Herr Schmied, wie Sie an der Villa sehen. Aber ich hoffe, mit Ihrer Hilfe ...“

„Wir kriegen sie, Herr Staatsanwalt!“ antwortete Schmied eifrig.

„Nur nicht so feurig! Ich glaube, wir haben es mit der im Augenblick wohl gefährlichsten Bande Europas zu tun. Sie wissen, festgestellt sind schon jetzt: Falschspielerei, Mord und Terror! Und zwar bandenweise!“

„Jawohl!“ sagte Schmied.

Als sie abends zusammen den Wagen verließen, flüsterte Schmied: „Herr Staatsanwalt erlauben, daß ich auf etwas aufmerksam mache. Ich tue jeden Abend hier so, als erginge ich mich ein wenig nach der Arbeit. Rauche eine Pfeife dazu. Da ist seitlich, sehn Sie, wo wir jetzt hinkommen, eine kleine Tür. So oft man da vorbeigeht, bellt der Hund. Da hab’ ich mir gedacht, da ist was los! Man sieht sie aber nicht von der Straße. Sehn Sie ... jetzt bin ich gerade dran ... so! und da knüpf’ ich rasch so im Vorbeigehen ... hören Sie den Hund! ... immer einen Zwirnfaden über. Wenn die Tür geöffnet wird, reißt es den Faden ab, ohne daß der Durchgehende es merkt. Ich habe dann noch die Kontrolle über diese Tür in der Hand, selbst wenn ich sie nicht sehe. Ich weiß dann, ob er nicht in der Dunkelheit hier hinausging. Morgens ist mein erster Weg zur Tür, um den Faden wieder wegzureißen.“

„Hängt er jetzt schon?“

„Ich habe ihn gerade angeknüpft!“

„Das haben Sie geschickt gemacht. Ich hab’s nicht einmal gemerkt!“ lobte Wenk.

„Gehen wir zurück. Eigentlich ist es ein Nebenweg der anderen Villa!“

„Kennen Sie deren Bewohner?“

„Seit dreißig Jahren schon bewohnt sie ein altes Fräulein. Es bestehen gewiß keine Beziehungen zwischen den beiden Villen.“

Sie gingen auf die Straße zurück.

„Wenn Sie schlafen wollen, so stehe ich nicht im Weg, Herr Schmied. Ich weiß ja jetzt einigermaßen!“

„Gut wäre es schon. Die letzte Nacht, Herr Staatsanwalt! und vor vier muß ich wieder draußen sein.“

„Ich weiß. Also gute Nacht ...“

Wenk durchging die ganze dunkle Frühlingsnacht. Es geschah nichts. Er bemerkte nichts. Am nächsten Morgen begab er sich in das Hotel in Lindau, dessen Adresse er in München hinterlassen hatte. Er sei von München angerufen worden, sagte ihm der Leiter. Sein Diener lasse melden, der Graf Told wünsche ihn dringend so bald als möglich zu sprechen. Der Herr Graf habe es in die Münchener Wohnung telephoniert. Er sei sehr aufgeregt gewesen und habe den Diener gebeten, es gleich dem Herrn Staatsanwalt nachzudrahten.

Wenk fuhr nach München zurück. Er klingelte gleich den Grafen an. Eine fremde Stimme antwortete, der Herr Graf sei verreist.

„Hat er nichts hinterlassen?“

„Nein!“

„Wohin ist er gereist?“

„Ohne Adresse. Schluß!“

Das kam Wenk sonderbar vor.


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