Chapter 13

Auch von Christus ist im weitern Verlaufe die Rede.

Er war der erste Sozialist und ist für seine Ansichten gestorben, ist die einstimmige Ansicht.

Aber Jesus hat sich doch ausdrücklich nicht um die privaten Verhältnisse, um das Vermögen der Leute und die Welthändel gekümmert, wagte ich einzuwenden. Er hat zunächst die Menschen nur fromm und gut machen wollen.

Nein, meinte der Monteur, das ist nicht wahr. Das hat Christus nicht bloß gewollt. Das ist erst eine Verdrehung der Geistlichkeit. Aber das mag sein; die Religion ist ja für frühere Zeiten, wo die Menschen noch nicht so weit waren, ganz gut und dienlich, ja nötig gewesen. Aber jetzt ist sie das nicht mehr. Jetzt haben wir Gesetze. Wer nach denen lebt, ist ein achtbarer Mensch, wer nicht, ein Lump.

Man sieht, das klingt ganz wie in sozialdemokratischen Schriften.

Mit jenem Bohrer und diesem Monteur hatte ich später noch ein paar mal ähnliche Gespräche.

Jenen traf ich bald darauf eines Morgens während der Frühstückspause in dem unsrer Fabrik benachbarten Käseladen, den ich im zweiten Kapitel bereits erwähnte. Der ganze Laden unddie Wohnstube der Besitzerin waren gestopft voll von unsern Leuten. Einer, ein Stammgast, verlangte für zehn Pfennige Limburger Käse und eine Flasche Bier. Als er es erhalten hatte, sagte er:

Danke, der liebe Gott wirds bezahlen.

Da könnt ich lange warten, war die Antwort der Verkäuferin. So hats zwar immer geheißen; aber der bezahlt nichts.

Es wird wohl gar keinen lieben Gott geben, warf da der Bohrer ein, der daneben stand.

Glaubs selber, lachte die Frau. Beten ist altmodisch. Es hilft ja auch nichts. Wer nicht arbeitet, hat nichts.

An demselben Tage rief mich einmal der Monteur zu sich.

Was giebts?

Ich will ihnen einmal den Herrgott zeigen: tragen Sie hier die Welle zum Langlochbohrer. Das werden Sie schon spüren.

Sie könnenmirden Herrgott noch lange nicht zeigen, aber ich Ihnen. Wollen Sies?

Nein, lieber nicht.

Und er ging lachend davon.

Dann traf ich ihn auf jenem sonntäglichen Kinderfest unsers sozialdemokratischen Vorortswahlvereins wieder. Wieder kamen wir unter anderm auf religiöse Dinge zu sprechen. Er fragte mich da geradezu:

Warum geben Sie sich nur so mit dem Kram ab? Sie können ihn ja doch nicht beweisen.

Ich versuchte es an der Person Christi. Aber er ließ mich nicht lange dabei:

Genau so reden die Pfaffen auch. Die Religion ist nur für die Wilden. Mein Wahlspruch ist:

Macht euch das Leben gut und schön,Kein Jenseits giebts, kein Wiedersehn.

Macht euch das Leben gut und schön,Kein Jenseits giebts, kein Wiedersehn.

Macht euch das Leben gut und schön,

Kein Jenseits giebts, kein Wiedersehn.

Ein schöner Wahlspruch! Meiner ist es nicht.

Aber meiner. Übrigens sind die Pfaffen selbst an der ganzen Feindschaft des Volkes gegen die Kirche schuld. Denn sie haben Partei für die „großen Herren“ genommen. Nur wenige machen davon eine Ausnahme. Zum Beispiel einer in unsrer Nähe, in Langenberg.

Diese Geringschätzung gegen die „Pfaffen,“ die hier wieder und ganz offen zum Ausdruck kam, war so allgemein wie dieser Name, der überall im Munde der Leute, auch halbwegs wohlgesinnter, war. Ganz natürlich. Wem die Kirche nur noch als ein äußerliches, öffentliches Institut, ein politisches und wirtschaftliches Machtmittel in der Hand des Interessenstaates und der selbst ungläubigen Bourgeoisie erscheint, hat natürlich auch keine Achtung und Ehrerbietung vor ihren amtlichen Trägern und Dienern, die ihm folgerichtig nur als Heuchler gelten müssen, weil sie ihre Überzeugung opfern, um eine bequeme Versorgung und Existenz zu haben. So war es häufig, daß man die „Schwarzkittel“ gar nicht etwa mehr haßte, sondern nur noch verachtete. Man sah sie auch geradezu als Tagediebe und Faulenzer an, weil man keine Schätzung mehr für geistige Arbeiten besaß, die nicht augenblickliche, sichtbare materielle Werke schaffen, und weil man auch keine Einsicht in den Umfang und die Art der Thätigkeit hatte, die einem gewissenhaften und gewandten Pfarrer obliegt. Das alles kam oft zu drastischem, für mich besonders schmerzlichem Ausdruck. So gleich in derselben Stunde, in der ich das letzterzählte Gespräch hatte, bei demselben Kinderfeste im Munde noch eines Anwesenden, der aber nicht unsrer Fabrik zugehörte, und den ich sonst nicht kannte.

Er unterhielt sich mit einem anscheinend zufällig hereingekommenen Lehrer, während ich als unbeteiligter dritter daneben stehend unbemerkt zuhörte. Der Lehrer versuchte ihn sachlich und leidenschaftslos, aber mit viel Geschick und ohne große Worte eines bessern zu belehren. Aber jener ließ sich nicht belehren.

Ach was; über die Kirche sind wir lange hinaus.Was der Pfaffe quasselt, kann ich auch, wenn ich wie er die ganze Woche dazu Zeit hätte. Der lernts doch bloß aus Büchern auswendig.

Sein Gegner sagte ihm, wie falsch das wäre; man müßte doch auch erst auf Gymnasium und Universität etwas Ordentliches gelernt und gearbeitet haben; man müßte manche gewichtige Examina bestehn — aber darauf hatte der aufgeblasene Schreihals, denn das war er, immer nur ein geringschätziges, abweisendes Ach was, sodaß der andre bald darauf verzichtete, sich weiter mit ihm einzulassen.

Dieselbe Meinung hörte ich auch schon, fast bis aufs Wort übereinstimmend, während der ersten Tage meines Herbergsaufenthaltes. Da war ein Barbier, von dem ich noch im folgenden Kapitel etwas zu erzählen haben werde, ein halber Pennbruder, der in Chemnitz von Herberge zu Herberge ging und Zureisende für fünf Pfennige rasierte und für zehn Pfennige ihnen die Haare schnitt. Eben bei der Ausübung seines Handwerks, natürlich mitten im Gastraum der Herberge, redete er mit seinem Opfer, das er gerade unter den Händen hatte, auch einmal vom Pastor:

Auch der hat nichts als eine Profession, von der er lebt; er muß das eben machen, dafür ist es sein Handwerk. Natürlich kann er nicht beweisen, was er da vorquasselt; das ist bloßer....

Dreck und Quatsch, ergänzte der andre.

Ich komme ooch in keene Kärche, lallte dann einer unsrer stets halb angetrunkenen Stammgäste dazu. Ich war emal drinne. Das ist aber lange her. Ich wollte ooch bloß drin schlafen; von Andacht keene Spur. Albernheit — Andacht!

Dann hörte ich einmal fünf junge, in der Mehrzahl verheiratete Männer, die alle aus demselben etwa eine Stunde von Chemnitz gelegenen Dorfe zu uns auf Arbeit kamen, sich bei dem Frühstück ebenfalls über ihren Pastor und ebenfalls wenig schmeichelhaft unterhalten. Einer hatte ganz sachlich von den Einnahmen des Kaisers geredet, und sie hatten ausgerechnet, wie viel er an einem Tage zu verzehren hätte. Dazu fügte nun sein Nachbar hinzu:

’S ist wie bei unserm Pastor, dem Spitzbuben. Der hat 27½ Thaler die Woche und ist trotzdem nicht damit zufrieden. Die Pfarre war früher ein großes Bauerngut. Als er nun herkam und sie sah, that er wunder wie erfreut. Sie hätte ja so viel Stuben, daß er gar nicht wüßte, wo er die Möbel alle hernehmen sollte, hätte er gesagt. Und kaum ist er ein halbes Jahr bei uns, verlangt er auf einmal eine neue Pfarre, weil die alte ihm über dem Kopfe zusammenbrechen könnte.

Ja, ergänzte ein andrer, und dazu predigt der Kerl stets genau nur 25 Minuten; aller fünf Minuten sieht er während der Predigt einmal nach der Uhr.... Dann sagt er immer, daß er keinen Unterschied zwischen reich und arm mache, und macht ihn immer,besonders bei Trauungen und Taufen.... Aber ich habs dem Schwarzkittel neulich einmal gründlich gesteckt, im Gasthof wars, und er hat mir kein Wort geantwortet, sondern ging weg.

Dann erzählte der erste wieder:

Einmal hat er gesagt, mit neun Mark könnte eine Familie in der Woche gut auskommen, und er selber hat 83 Mark! Und kommt doch nicht damit aus! Denn als er ein Kind bekam, verlangte er aus diesem Grunde 200 Mark jährlich mehr! Geht mir nur mit dem ganzen Pastorenkram.

Damit meinte er auch das Christentum, dessen Träger der Pastor ja vor allen sein soll.

Mitten in dies Gespräch hatte der vierte eine andre Episode erzählt, seine Erlebnisse bei den Kirchgängen während seiner Militärzeit, haarsträubende Dinge, die aber nur meine eignen Erfahrungen bestätigten.

Da sei während der Predigt unter der Kirchbank Skat gespielt worden, daß es eine Lust gewesen wäre. Ja einer hätte aus der Schnapsflasche Nordhäuser getrunken, indem er das Taschentuch über sie gehalten und gethan hätte, als schnaubte er sich die Nase.

Man lachte herzlich darüber und schimpfte dann wieder auf den Pastor weiter. Ich konnte nun freilich nicht kontrollieren, mit wieviel Recht. Darauf kommt es aber auch hier nicht an. Die Hauptsache ist, daß man daran sieht, wie unendlich rücksichtsvoll und taktvoll ein Pfarrer sein muß, wie sehr er auf sich zu achten hat, um keinen begründeten oder unbegründeten Anstoß zu geben.

Das beweist auch folgende andre Geschichte eines unsrer Packer. Ich und alle hatten den Mann besonders gern; er war bereits Großvater, hatte aber auch noch unerwachsene Kinder, die er sehr liebte, plagte sich auch mit seiner Frau ehrlich für sie und war immer nüchtern, schlicht und heiter. Er erzählte mir:

Ich komme nie mehr zu einem Geistlichen in die Kirche. Meine Jüngste — sie ist acht Jahre alt — bettelt mich zwar immer darum. Aber ich gehe nicht. Ich glaube ja an einen Gott, der für uns sorgt; ich fluche auch nicht und dulde nicht, daß andre es thun; ich halte auch Frau und Kinder zur Kirche an, aber ich gehe nicht. Ich mag mich von den Kerlen nicht veralbern lassen.

Wieso veralbern lassen?

Ja, ich ging früher vor vielen Jahren auch in die Kirche. Aber da sah ich einmal eines Sonntags früh — er stammte auch aus einem Dorf in der Nähe von Chemnitz — unsern alten Pastor von der Jagd heimkommen, Sonntags früh, eine halbe Stunde vor dem Gottesdienste! Da wars aus bei mir. Ich kehrte auf der Stelle um und war niemals wieder in einer Kirche. Veralbern lasse ich mich noch lange nicht.

Und noch eine derartige muß ich erzählen. Sie ist die traurigste von allen, in Wirklichkeit glücklicherweise eine Seltenheit. Ein etwa dreißigjähriger Schlosser, einer der Lustigmacher unter uns, der sich sonst nichts um politische und soziale Dinge kümmerte, erzählte sie mir:

In unserm Dorfe — ich bin aus dem „Gebärg“ (d. h. aus dem armen Erzgebirge) — trieb es der Pastor mit den Frauen im Dorfe und war obendrein ein Säufer, der sogar das mühsam zusammengebrachte Geld für ein neues Leichentuch der Gemeinde versoff. Er wurde allerdings dann seines Amtes entsetzt, aber seitdem bin ich auf alle die schwarzen Halunken wütend. Ich gebe ja zu, ein höheres Wesen mag existieren, und Religion mag auch immer gelehrt werden. Und wenn einem Pastor nichts nachgesagt werden kann, so lange muß man ja ruhig sein, so lange ist er eben ein angesehner Mann. Im übrigen aber glauben dieKerle doch selbst nicht, was sie reden. Das ist nun einmal so ihr Beruf, wovon sie leben. Da kann man es ihnen auch nicht verdenken, wenn sie einfach reden, was im Buche steht.

Ein andrer, schon ein alter Knabe, nur ein sehr unklarer Kopf, total abhängiger Sozialdemokrat und sehr unbeholfen, schimpfte einmal:

Die Pastoren sind wie die Advokaten; sie fressen alles auf, wo sie es herkriegen können. Aber jetzt sind die Leute nicht mehr so dumm wie früher und geben alles her.

Der Mann dachte wohl ebenfalls an das gute, bequeme, arbeitslose Leben, das nach ihrem Eindruck ein Pfarrer führt, und an die Geschenke, die früher vor allem die Landleute ihm zu machen pflegten, dann aber, wie ich aus Andeutungen merkte, ebenso sehr auch an die Stolgebühren, die dem Pfarrer ehemals auch in Sachsenals ein Hauptteil seines Einkommens direkt zuflossen, die aber hier glücklicherweise fast seit zwei Jahrzehnten abgelöst sind. Trotzdem ist das ganze Urteil dieses Mannes ein Zeichen dafür, wie tief das Bewußtsein von der sozialen Ungehörigkeit dieser Einrichtung noch in den ältern Bestandteilen dieses Volkes lebt. Ja, dies geht heute noch weiter: es empfindet überhaupt die Verschiedenheit der Taxen für kirchliche Gebühren und dementsprechend der kirchlichen Leistungen durch den Pfarrer als eine soziale Ungerechtigkeit. So klagte einmal einer, ein noch jung Verheirateter, dessen politische und religiöse Gesinnung ich sonst nicht näher kennen lernen konnte, direkt, daß die Geistlichen den Reichen, die es bezahlen könnten, viel schönere Taufen, Trauungen, vor allem aber Begräbnisfeierlichkeiten hielten, als den unvermögenden Arbeitern. Der Mann war obendrein verständiger als jener eben Geschilderte. Er machte wenigstens den Pastor nicht dafür verantwortlich. Vielmehr traf ich bei ihm eine überaus günstige Meinung über den Diakonus, der unser Vorstadtdorf pastorierte, an. Er wäre sehr gut und mitleidig und käme fleißig zu ihnen armen Leuten. Dies Urteil über den Diakonus fand ich noch öfter — aber immer galt er als Ausnahme, galt diese gute Meinung nicht dem Pastor, geschweige dem geistlichen Amte, sondern allein seiner Person, ein neues gewichtiges Zeichen dafür, welchen Weg allein der Seelsorger zu gehn hat, um diesen Leuten etwas zu zeigen von dem Adel, der Schönheit und dem Werte unsers Christenglaubens: den der aufrichtigen, herzlichen, opferfreudigen, durch und durch wahren Hingabe einer ganzen offenen, ehrlichen, volkstümlichen Persönlichkeit in einem anspruchslosen, unaufdringlichen Verkehr.

Eine neue Bestätigung dafür ist die gleich freundliche Haltung eines andern stark und zudem selbstbewußt sozialdemokratisch beeinflußten Mannes in den besten Jahren über denselben Diakonus. Er fluchte zwar mitunter wie selten einer, beteuerte aber auch ernsthaft und nachdrücklich, daß er fest glaubte, „daß es etwas Göttliches auf Erden gäbe,“ und hatte eine unsäglich niedrige Meinung vom Katholizismus. Sehr erklärlich, da er ein in Deutschland naturalisierter Deutschböhme war, also den Katholizismus in dessen Heimat kennen gelernt hatte. Er würde darumniemals eine Frau heiraten, die katholisch wäre; denn diese stünden alle unter dem Willen und Machtgebot des Pfaffen. Dagegen war es ebenso bezeichnend, daß ich bei Einheimischen nicht die geringste Spur eines Verständnisses auch nur für den Unterschied zwischen den Konfessionen, geschweige für einen Vorzug der eignen vor der fremden fand.

Noch ein halbwegs freundliches Urteil über die Pfaffen möchte ich an dieser Stelle registrieren, um alle die wenigen freundlichen kleinen Bilder zu sammeln, die doch zwischen den vielen großen düstern und ernsten sich ab und an fanden. Da war ein Bohrer aus einem Nachbardorfe, der wie berichtet als Freiberger Jäger schon den Feldzug von 1870/71 mitgemacht hatte und mir viel und stolz und anregend davon erzählte. Er meinte einmal:

Man soll den Pastoren ihren Glauben lassen. Sie haben einmal darauf studiert; und das kann nicht jeder.

Man versteht auch diese so unendlich bezeichnende Bemerkung. Für den Mann, der ebenfalls vom Dorfe stammte, war die Religion wieder nur ein logisch aufgebautes Gedankengebäude, dessen man sich durch Verstandesarbeit, durch wissenschaftliches Studium bemächtigen müßte, und das für ihn selbst zu hoch, zu schwierig, zu unfaßbar war, — die alte rein katholisch-mittelalterliche Stellung zu den Mysterien der aus der Verbindung mit dem Neuplatonismus erwachsenen dogmatischen Spekulationen. Die Folge war, daß der aufrichtig gute Kerl, ursprünglich deutlich religiös angelegt und gestimmt, nun innerlich verwaist und vereinsamt war, zumal da er obendrein noch sichtlich unter dem Drucke des sozialdemokratischen Terrorismus stand. Denn es war weiter bezeichnend, was er sofort jener obigen Bemerkung hinzufügte:

Aber wir wollen davon nicht weiter reden; denn so etwas darf man in der Fabrik nicht laut sagen!

Ich bin hier an der Stelle, um nun die innere Verfassung auch der Gruppe meiner Arbeitsgenossen noch genauer zu schildern, die eben unter dem dämonischen Einfluß jener sozialdemokratischen Fanatiker noch mitten in der verhängnisvollen Krisis des Übergangs von der alten Bildung und den antiquierten Glaubensformen in die neue, für sie gleich lückenhafte, modern sozialdemokratische Halbbildung und Glaubenslosigkeit mit allenZweifeln und ihrer Haltlosigkeit standen. Das kam, wie gesagt, namentlich bei wirklich mit religiösen Bedürfnissen ausgestatteten Naturen oft zu ergreifendem Ausdruck. Ich erinnere an den Handarbeiter, den ich schon mehrmals erwähnte. Er stand, von Anlage eine ziemlich kritische Natur, seit dem Tode seines zärtlich geliebten Kindes in ewigem innern Ringen, Suchen und Sehnen, aber trotzdem so sehr unter dem Banne der für ihn einfach schlagenden Argumente der glaubenslosen sozialdemokratischen Agitation, daß er nach jedem Ansatz in hoffnungsloses Verzweifeln zurückfiel. Es war nicht damals nur am Schlusse jenes langen Gesprächs vor meinem Rundsägegatter, daß er bei mir Gewißheit, aber ganz feste Gewißheit suchte. So traf ich ihn einmal sonntags auf dem Friedhof unsers Ortes am Grabe seines Kindes zusammen mit seiner Frau, die seine Zweifel und seine Hoffnungslosigkeit teilte. Da mußte ich ihnen abermals von meinem Glauben, meiner Auferstehungsgewißheit reden, auch hier wieder vergebens. Denn einige Tage nachher sagte er mir einmal ganz plötzlich und unvermittelt — es war beim gemeinsamen, mühsamen Einschmirgeln zweier großer Platten —:

Du, mit deinem Glauben ist es doch nichts. Gestern abend war ich wieder auf dem Gottesacker und traf zwei Frauen. Die hatten auch nicht viel Hoffnung wegen des Wiedersehens. Sie meinten auch, wo denn die vielen Millionen Toten hin sollten, wenn sie alle ewiges Leben hätten.

Ich versuchte abermals, diesen im Volke weit verbreiteten Gedanken, der auch so eine Frucht des alten falschen, verstandesmäßigen Glaubens ist, zu widerlegen. Ich machte ihn auf den Glauben an die Allmacht unsers Gottes aufmerksam, und daß wir darüber gar nicht grübeln könnten, und grübeln sollten, weil wir doch auf diesem Wege zu keinem Ziele und niemals zum Glauben kämen; daß wir uns nur an Gottes Liebe zu halten brauchten, deren wir aus Jesu Christi ganzer Person unerschütterlich gewiß würden.

Aber er auch da wieder:

Ja, es muß schön sein, wers glauben, ganz gewiß glauben kann, für Leben und Sterben schön. Aber wers nicht glaubt, ist doch auch nicht gerade ein Sünder. Es ist ja alles gleich, ebenso wie im Grunde auch die Katholiken, die Juden undTürken nichts andres glauben. Und davon ließ er sich nicht abbringen.

Ein andermal, eines Abends in einer ganz kleinen aber gemütlichen Kneipe, erzählte er mir folgende für seine innere Verfassung unendlich bezeichnende Geschichte mit vollstem, bitterstem Ernste:

Weißt du, wie unser Kind gestorben war, kam gleich der Diakonus zu uns und wollte uns trösten. Wir sollten vor allem Gott um Kraft und Trost bitten, meinte er. „Das haben wir auch während der ganzen Krankheit gethan, und es hat doch nichts geholfen; sie ist doch gestorben,“ antwortete meine Frau. Und weißt du, was er darauf sagte? „Sie haben aber doch gebetet: Vaterdein, nichtmeinWille geschehe!“Siehst du, die Leute haben doch immer eine Ausrede!

Dann traf ich ihn, es war gleich in den ersten Tagen meiner Fabrikzeit, und wir machten eben eine schmierig gewordene große Hobelmaschine rein, wieder einmal in eifrigem Gespräch mit vier andern, alle von seiner Natur, wie er im Zweifeln und Kämpfen. Ich hatte erst nicht auf ihr Gerede geachtet und kniete am Boden, um Hobelspäne zusammenzulesen. Da sagte plötzlich ganz laut und ganz energisch der eine:

Nein, nein, ich lasse es mir nicht nehmen, ein höheres Wesen giebt es.

Es war jener einzige in der ganzen Fabrik, der ein überzeugtes Christentum noch offen und ehrlich bekannte, der mir dann, ein moderner Märtyrer, sagte, daß er darum von allen in den ersten Jahren seiner Anwesenheit in der Fabrik viel verspottet worden wäre und viel zu leiden gehabt hätte, den man aber jetzt als unverbesserlich aufgegeben hatte und ruhig, ohne unfreundlich gegen ihn zu sein, seine Wege gehn und seines Glaubens leben ließ.

Als ich ihn jenes Nein, nein sagen hörte, sah ich natürlich überrascht vom Boden auf. Und sofort bemerkten sie mein Erstaunen, und nun erklärte ein dritter:

Die beiden haben oft solchen Diskur (d. i. Gespräch) mit einander. Und ich höre auch ganz gern zu. Ich habe auch ein Kind verloren und mache mir so meine Gedanken. Ist der Glaube wirklich bloß eine Einbildung, wie die meisten andern sagen? Oderist das nicht bloß Profession von den Geistlichen, wenn sie so predigen und reden? Warum thut Gott heute keine Wunder mehr? Warum läßt er so viel Unglück in der Welt zu? Warum geht es so vielen Guten schlecht?...

Ja, und wenn es mir schlecht geht — nun, da haue ich eben alles hin, fügte wieder einer hinzu. Der fünfte aber rief dazwischen hinein:

Wollt ihr noch nicht bald mit dem Zeuge aufhören!

Aber der „Bekenner,“ der den andern so gut und so schlecht, als seinem selbst unklaren und natürlich ganz nach der alten Schablone zugeschnittenen Glauben möglich war, Antwort zu geben versuchte und in diesem Falle die andern auf seiner Seite und sich also einmal als der stärkere, überlegenere wußte, brachte ihn schnell zum Schweigen:

Sei du nur stille. Du bist freilich ein halber Teufel, gerade wie ein Stück Vieh, das sein bißchen Fressen hineinschüttet und schläft und damit zufrieden ist.

Aber so schlimm war es nun wirklich nicht. Auch er war vielmehr ein Typus, für eine andre freilich kleine Gruppe ehemaliger Landarbeiter, die auch jetzt noch in den nahen Dörfern ihren Wohnsitz hatten. Er erklärte mir später, zwar was die Pastoren redeten, wäre meistenteils Quatsch, aber er ginge doch auch in die Kirche, ja sogar ein „hübsch paarmal.“ Bloß die letzte Zeit hätte er lange ausgesetzt, weil er keinen ordentlichen Anzug hätte. Hier zeigt sich ein andrer katholischer Zug des bisherigen kirchlichen Lebens, der sich namentlich auf dem Lande findet: daß man in die Kirche geht, ohne eine innere Anteilnahme dazu für nötig zu finden. Der bloße Gang, diese schuldige Visite bei dem lieben Gott, ist ein gutes Werk und genügt. Das übrige besorgt schon dieser liebe Gott und diese Kirche durch den Pastor, der dazu angestellt und bezahlt ist, heilig und fromm zu sein.

Sonst war natürlich der Kirchenbesuch von Leuten aus der Fabrik minimal. Der echte Sozialdemokrat, das heißt, der es wirklich war oder doch als solcher gelten wollte, ging selbstverständlich niemals in eine Kirche; aber formell aus ihr ausgetreten waren doch auch wieder nur wenige. Jener Monteur, der über Luther so absprechend geurteilt hatte, war wohl der einzige, wenn ichmich recht entsinne. Er machte sich mir gegenüber wenigstens über die Schwächlichkeit und die Kraftlosigkeit der Kirchgemeinden lustig. Die wären so ohne Leben, daß der Pfaffe dem, der öffentlich austräte, noch wegen seiner Überzeugungstreue ein Kompliment machte. Die andern, die drin blieben, hätten überhaupt gar keine Überzeugung mehr und wären die Gleichgiltigkeit selbst. Hatte er da wirklich so unrecht? Zeugt nicht das wieder für das, was uns fehlt, was wir haben müssen: lebendige kraftvolle christliche Gemeinden?

Aber auch von jenen armen Zweiflern, Abhängigen, Halben, die noch haltlos und hilflos, zweifelnd und seufzend, willenlos zwischen den beiden Weltanschauungen hin und her geworfen wurden, bei denen also noch am meisten Sehnsucht nach religiöser Aufklärung und Befriedigung vorhanden war, gingen nur wenige und ganz selten einmal in die Kirche, dagegen um so öfter auf den Kirchhof, an ihre Gräber, um hier zu trauern und zu zagen. Jener vielerwähnte Handarbeiter zum Beispiel hatte, wie er mir sagte, die Kirche seit fünf Jahren nur einmal betreten, während er früher in seiner Heimat Sonntag für Sonntag hineingegangen sei. Aber das war nun alles vergessen, und nun besann man sich des Sonntags gar nicht mehr auf sie. Das ganze heutige sonntägliche soziale Leben der Bewohner einer Fabrikarbeitervorstadt ist eben gar nicht mehr darauf zugeschnitten, auch wenn man, wie in Sachsen schon lange fast durchgängig, wirkliche Ruhe von der Arbeit, sogenannte Sonntagsruhe hatte. Das trat aus eines andern Äußerung besonders deutlich hervor.

Er war ebenfalls vom Lande, oder besser aus dem „Gebärg,“ in eine der Vorstädte und unsre Fabrik hereingekommen. Er war ebenfalls einer der wenigen, die über ihren Pastor nicht direkt schnauzten, wenn er ihn auch nicht gerade als einen besondern Liebling verehrte. Er sagte in aller Ruhe:

Früher, in unserm Dorfe, gingen wir immer in die Kirche. Da war es eine Schande, wer es nicht that. Aber seit ich hierher gezogen bin, komme ich fast nie mehr hinein.Hier ist es nicht Mode, und da spielen wir sonntags vormittags lieber einen tüchtigen Skat.

Würde das — es ist das ein Bild aus einer Gesamterscheinung — möglich sein, wenn das kirchliche Leben auf demLande wirklich rege, die Predigt wirklich modern und kraftvoll wäre? Dann müßte die Sehnsucht nach der Kirche und nach Gottes Wort solche Herzen auch in ihren neuen weniger günstigen Wohnorten unwiderstehlich in die Kirche ziehen. Aber über die Kirche ist man eben längst hinaus, auch die, die noch Bruchstücke von ihren Lehren sich bewahrt haben, weil man in ihr meist nur die gleichartige Schwester der Schule, aber nicht das Heiligtum gefunden hat, aus dem der Mensch, auch der Fabrikarbeiter, immer wieder seinen Frieden, sein Glück, seine Kraft für das harte Leben der Woche holt.

So äußerte sich ein Dreher, ein heitrer, freilich etwas kalter, aber sonst selbständig und verständig urteilender Mann:

Ich gehe fast nie mehr in die Kirche, das haben wir ja alles schon in der Schule genug gehabt.Aber sie muß sein; sonst wäre der Teufel vollends los. Das gefällt mir auch an der Sozialdemokratie nicht, daß sie gegen die Kirche so räsonniert. Auch meinem Schwiegervater nicht. Die meisten Pfaffen sagen es doch den Großen ebensogut wie uns. Er kann es doch nicht ändern, wenn niemand auf ihn hört.

Ein Stückchen Wahrheit liegt auch darin. Ebenso ein andrer, ein echter Sohn des Dorfes:

Ich glaube nur an ein höheres Wesen und eine Fügung. Ich bete auch immer noch, wie ich es als Kind gelernt habe, und könnte abends, ohne das Vaterunser gebetet zu haben, gar nicht einschlafen, wenn ich auch weiß, daß es nichts hilft. Sonst glaube ich nichts mehr, an ein ewiges Leben nun gar nicht; und Christus war ebenso einer wie die „Sozialschen.“Aber zum Pastor gehe ich schon lange nicht mehr in die Kirche. Denn was der mir sagt, weiß ich längst aus der Schule und Konfirmation.

Diese zwei zuletzt erwähnten gehören nun wieder einer besonders gefärbten Gruppe an. Nicht allzu zahlreich, sind sie mit die gesundesten und thatkräftigsten Naturen von allen. Auch sie, die sich fast alle aus ländlichen Kreisen rekrutieren, sind ebensowenig wie alle andern von jener Krisis verschont geblieben, die alle in ihre Strudel reißt. Aber da sie weder die alte noch die neue Bildung, weder der alte noch der neue Glaube zubefriedigen vermochte, sie aber doch etwas derartiges haben mußten, so haben sie sich ihre eigne Bildung, ihr eignes bißchen Philosophie zurecht gemacht, die nun freilich oft wunderlichster Art ist, ein Gemisch von Altem und Neuem, mit viel persönlich bestimmter Kritik und Beweisführung durchsetzt, aber auch noch mit manchen Resten aus der Vergangenheit ausgestattet. Natürlich standen und stehen auch sie unter dem Einfluß der sozialdemokratischen Genossen, vor denen ihre Überzeugungen und Gründe meist nicht Stich genug zu halten pflegen. Darum bekennen sie auch nicht gleich Farbe, verhalten sich durchschnittlich zurückhaltend und stoßen ab und an mit der Sozialdemokratie in ein Horn, um sich nicht deren Spott und Hohn auszusetzen, gegenüber dem auch sie waffen- und wehrlos sind. Darum gehen sie auch gewöhnlich nur vor demjenigen aus sich heraus, zu dem sie als einem gleich oder doch ähnlich gesinnten Vertrauen gefaßt haben. Und auch dann sprechen sie sich am liebsten nur unter vier Augen aus. Aber auch ihnen fehlt jedes Leben und alle Wärme des Glaubens, das Bewußtsein davon, daß das Christentum eine Kraft, ein innerer Frieden, eine wahrhaftige unirdische und überirdische Seligkeit ist. Auch ihnen ist, was sie davon noch gerettet haben, ein Stück bloßer Verstandesbildung, nur ein Stück Wissen und alter Sitte.

Ach, die verfluchten Pfaffen, sagte einmal so einer plötzlich zu mir, als ich ihn fragte, ob sie eine Kirche in ihrer Vorstadt hätten.

Wie so?

Das sind ja alles große Heuchler, größere wie wir alle. Von denen lasse ich mir nichts mehr sagen.

Das erstere können Sie wohl kaum beweisen, und was das letztere betrifft, so haben die Leute doch mehr gelernt als alle in der Fabrik. Das wäre also auch nicht so schlimm. Lernen kann und soll man doch von jedem.

Da sah mich der Mann rasch, überrascht an. Und als er sah, wes Geistes Kind ich war, lenkte er ein. Zwar auf die Pfaffen im allgemeinen blieb er wütend. Nur von einem redete er dann lange freundlich und gut, von dem bekannten Achtundvierziger, Pastor Würkert in Zschopau, der ihn dort konfirmiert hatte.

Jetzt ist es mir freilich viel lieber, sonntags ein gutes Buch zu lesen, als in die Kirche zu gehn. Da habe ich mehr davon.Aber auch wenn ichs wollte, käme ich kaum dazu. Ich habe gar nicht einmal die Zeit. Denn da muß ich meiner Frau das Mittagsessen für unsre vielen Schlafleuten mit machen helfen. Übrigens war ich voriges Jahr zu unsrer silbernen Hochzeit zum heiligen Abendmahl mit meiner Frau.

Das klingt ja ganz anders als vorhin, warf ich dazwischen.

Ja wie die richtigen Sozialisten mache ich es auch nicht, die beim Begräbnis den Sarg in das Grab herunterlassen und dann stracks davon rennen. Ich höre mir die Rede vom Geistlichen ruhig mit an und mache mir eine Lehre daraus. Auch das ist nicht recht, wenn die Sozialisten zum Austritt aus der Kirche drängen. Ich bin getauft, dabei bleibe ich.

Ja, man muß auf seinen Glauben etwas halten, bestätigte ich.

Meinen Glauben habe ich für mich, verbesserte er. Was im ganzen Alten Testament steht, daran glaube ich nicht. Auch nicht an die Geschichte von der Schöpfung der Welt. Und im Neuen glaube ich auch nicht alles. Nur was von Gott und dem Heiland drin steht, mag ja etwa wahr sein.

Auch zwei Katholiken waren unter dieser Kategorie. Der eine war ein Deutschösterreicher, hatte in Böhmen sein Geschäft verloren und war seit anderthalb Jahren in Chemnitz und in unsrer Fabrik, erst als Handarbeiter, nun als Bohrer. Da er keine Geschäftssorgen mehr und auch keine Kinder hatte, auch seine Frau noch mitverdiente, war er immer guter Laune. Auch der Mann hatte unser langes Gespräch am Rundsägegatter meist schweigend mit angehört. Nur einmal hatte er ausdrücklich einer spöttischen Bemerkung des einen meiner damaligen Widerparts zugestimmt. Kurz vor meinem Fortgang aus der Fabrik kam ich nochmals mit ihm allein auf religiöse Dinge zu sprechen. Da redete er nun ganz anders. Da hörte ich, daß er mit seiner Frau nicht zu selten in die Kirche ging. Das letzte Jahr war er viermal drin gewesen — natürlich in einer evangelischen, wie er mir stolz versicherte. Das war in der That schon viel für die dortigen Verhältnisse. Er lobte die evangelische Predigt sehr, namentlich die Trauungen, wo eine so schöne „Lehre“ dabei sei. Er glaube nicht mehr an die Heiligen, die Mutter Maria u. s. w., aber noch an Gott und Christus.

Zweifelhafter an Charakter und religiöser Gesinnung war sein Glaubensgenosse. Er war schon in die Fünfzig und kinderloser Witwer, ging aber wieder auf Freiersfüßen, was ihn jedoch nicht abhielt, sich, wo es ihm geboten ward, mit andern Mädchen aufs intimste abzugeben. Er war lange Zeit Bote des Vereins für innere und äußere Mission eines sächsischen Superintendenten gewesen und ging, wie er sagte, aller drei bis vier Wochen einmal zur Kirche. Aber niemandem sagen! fügte er dazu. Sonst geht es mir schlecht hier.

Ebenso wars noch mit einem jungen, etwa dreißigjährigen Hamburger. Auch er hatte mir früher — freilich beiläufig — wenig Schmeichelhaftes über Kirche und Christentum gesagt. Und auch er redete in der letzten Zeit meiner Fabrikzeit, wo er mich kannte, ganz anders:

Sieh, ich bin draußen ein andrer als in der Fabrik, sagte er einmal ganz unaufgefordert. Ich glaube an Vater, Sohn und heiligen Geist und auch an Wunder; denn ich habe selbst welche erlebt. Wenn ich Sonntags nichts zu thun habe, gehe ich mit meiner Frau in die Kirche. Hier drin in der Fabrik darf man aber davon nichts merken lassen.

Ich weiß nicht, ob das seine innerste Überzeugung war. Er nahm das Leben sehr leicht und oberflächlich, war übrigens ein hübscher Kerl und stand sehr unter dem Regiment seiner gleichaltrigen, ebenso tüchtigen und energischen als eifersüchtigen Frau. Ich traute ihm nicht. Er hatte mir geradezu einmal gesagt, daß er es darauf anlegte, daß die Leute nicht aus ihm klug würden. Das wäre das allerbeste. Einmal beteuerte er, daß er nicht Sozialdemokrat wäre, und dann wieder einmal, daß er aus unserm sozialdemokratischen Wahlverein austreten wollte.

Als ich ihm auf sein obiges Bekenntnis bedeutete, wenn das wirklich seine Überzeugung und sein Christentum wäre, so dürfte er es auch nicht verleugnen, sondern müßte es frei und offen bekennen, sah er mich ganz erstaunt und verständnislos an.

Aber nun genug dieser trüben Bilder, die ich wohl leicht noch durch manche andre vermehren könnte. Doch ich glaube, mein Beweis ist auch durch diese schon schlagend geführt.Und es ist in der That kein Ausweg übrig, wir müssen nach alledemanerkennen, daß der materialistisch-sozialdemokratische Einfluß nirgends so gründlich mit den überkommenen Anschauungen und Empfindungen der Arbeiter aufgeräumt hat, als auf dem religiösen Gebiete.Die alten Gebilde und Denkformen, in die der Glaube des Christentums bisher gefaßt und geprägt war, sind in der Masse der großindustriellen Fabrikarbeiter für immer zerstört. Und mit den Gefäßen ist für viele von ihnen heute auch der Geist zerbrochen, der sie erfüllte, und der allein das Wesentliche, das Wertvolle, die Wahrheit ist. Nun wächst eine Welt ohne Gott da unten herauf, zieht ihre immer größern Kreise, zwingt die noch Ringenden, Zagenden, Schwankenden, die im Grunde nichts wissen wollen von den öden Glaubenslehren der materialistischen Weltanschauung, immer von neuem in ihren eisigen Bann. Von der eignen Kirche ohne Hilfe, ohne Aufklärung, ohne Führung und Stärkung gelassen und von der Atmosphäre sozialistischer Ideen unentrinnbar umgeben, sterben sie alle einen langsamen, oft qualvollen geistigen Tod.

Ein einziges nur ist allen geblieben: die Achtung und Ehrfurcht vor Jesus Christus. Auch der ausgesprochenste Sozialdemokrat und Glaubenshasser hat sie, ja gerade er mehr als mancher sozialdemokratisch Nichtverpfändete. Wohl macht man sich ein ganz andres Bild von diesem Jesus von Nazareth als bisher; es fehlt ihm in ihren Augen der Glorienschein, den die Kirche ihm um die hohe Stirne gewoben hat; man lächelt über seine von den Theologen ihm „zugemutete“ Göttlichkeit; für sie ist er meist nur noch der große soziale Reformator, der mit religiösen Mitteln, aber vergeblich das goldne Weltalter heraufführen wollte, das auch sie erstreben und, glücklicher als jener, schaffen werden. Aber sie alle halten doch sinnend still vor seiner großen Persönlichkeit.


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