Chapter 8

Die Berechnung der Löhne erfolgt nach Arbeitsstunden oder nach imVorausdurch schriftliche Verträge (Akkordzettel oder Eintragung in das Akkordbuch) vereinbarten Akkordsätzen.EineLöhnungsperiodeerstreckt sich, so lange sich nicht eine andre Anordnung notwendig macht, vom Sonnabend der einen Woche bis zum Freitag einschließlich der übernächstfolgenden Woche.Die Lohnauszahlung erfolgt an dem der betreffenden Lohnperiode folgenden Freitage abends 6 Uhr 20 Minuten. Von den Löhnen werden die Beiträge zur Krankenkasse, event. Strafgelder und zu leistender Schadenersatz, sowie Kautionszahlungen in Abzug gebracht.

Die Berechnung der Löhne erfolgt nach Arbeitsstunden oder nach imVorausdurch schriftliche Verträge (Akkordzettel oder Eintragung in das Akkordbuch) vereinbarten Akkordsätzen.

EineLöhnungsperiodeerstreckt sich, so lange sich nicht eine andre Anordnung notwendig macht, vom Sonnabend der einen Woche bis zum Freitag einschließlich der übernächstfolgenden Woche.

Die Lohnauszahlung erfolgt an dem der betreffenden Lohnperiode folgenden Freitage abends 6 Uhr 20 Minuten. Von den Löhnen werden die Beiträge zur Krankenkasse, event. Strafgelder und zu leistender Schadenersatz, sowie Kautionszahlungen in Abzug gebracht.

Aus dem letzten dieser drei Abschnitte geht hervor, daß von jedem Arbeiter immer der Lohn seiner ersten Arbeitswoche, die er nach Eintritt in den Fabrikverband zurücklegte, von der Direktion innebehalten wurde. So zwar, daß, wenn einer an dem einem Lohntage folgenden Sonnabend in Arbeit trat, er nach den ersten vierzehn Tagen nur den Verdienst einer Woche ausgezahlt erhielt und erst dann regelmäßigseinen vierzehntägigen Lohn empfing. Das hatte seinen Grund nicht in irgend welcher schlechten, hinterlistigen Absicht der Fabrikleitung, etwa um dadurch die Möglichkeiten von Streiks zu verhindern; ich sagte schon, daß es bei uns keine Kündigungsfrist gab und damit auch niemals die Gefahr eines Kontraktbruches eintrat. Vielmehr wollte die Direktion wohl den Leuten, wenn sie die Fabrik aus irgend einem Grunde verließen, etwas Geld in die Hand geben, sodaß sie mit geringerer Sorge und ohne Not für die nächste Woche sich unterdes neue Arbeit zu suchen in der Lage waren. Das wurde von allen nüchtern denkenden Arbeitsgenossen, mit denen ich mich darüber unterhielt, auch dankbar anerkannt, wenngleich sie in der ersten Zeit den durch jenes gezwungene Sparsystem hervorgerufenen Ausfall an Verdienst schmerzlich und oft mit Opfern entbehrten. Aber in diesem Falle wurde immer auch vom Meister durch Auszahlung eines Vorschusses ausgeholfen, dessen Betrag langsam und allmählich an den spätern Lohnterminen wieder abgezogen wurde. Ich habe das öfter zu beobachten Gelegenheit gehabt und bin selbst in den ersten Tagen meiner Anwesenheit in der Fabrik von den vielen Arbeitsgenossen, die es gut mit mir Neuling meinten und mich in der üblichen bedrängten Lage wähnen mußten, aufgefordert worden, mir ohne Gêne auch solch einen Vorschuß beim Meister zu holen. Für andre Fälle freilich existierte in der Arbeitsordnung über Vorschußzahlungen folgender mit Recht ziemlich strenger Passus:

Die Zahlung von Vorschüssen findet nur ganz ausnahmsweise und nach freiem Ermessen der Direktion statt.

Die Zahlung von Vorschüssen findet nur ganz ausnahmsweise und nach freiem Ermessen der Direktion statt.

Und für länger andauernde Akkordarbeiten galt dieser Abschnitt:

Die Auszahlung von Akkordlöhnen erfolgt nur, wenn die Vollendung und ordnungsgemäße Ausführung der betreffenden Arbeit vom vorgesetzten Meister im Akkordbuche bez. auf dem Akkordzettel, welcher dazu abzugeben ist, bestätigt worden ist.Auf rechtzeitiges, d. h. vor Schluß der Lohnperiode gestelltes Verlangen werden entsprechende Akkordvorschüsse gewährt.Akkordarbeiten, die nicht innerhalb zwei Monaten, vom Tage des Akkordabschlusses an gerechnet, zur Vollendung und Verrechnung kommen, werden nicht bezahlt, wenn nicht vor Ablauf dieser Zeit die Verlängerung des Akkordvertrages von der Direktion ausdrücklich gebilligt worden ist.

Die Auszahlung von Akkordlöhnen erfolgt nur, wenn die Vollendung und ordnungsgemäße Ausführung der betreffenden Arbeit vom vorgesetzten Meister im Akkordbuche bez. auf dem Akkordzettel, welcher dazu abzugeben ist, bestätigt worden ist.

Auf rechtzeitiges, d. h. vor Schluß der Lohnperiode gestelltes Verlangen werden entsprechende Akkordvorschüsse gewährt.

Akkordarbeiten, die nicht innerhalb zwei Monaten, vom Tage des Akkordabschlusses an gerechnet, zur Vollendung und Verrechnung kommen, werden nicht bezahlt, wenn nicht vor Ablauf dieser Zeit die Verlängerung des Akkordvertrages von der Direktion ausdrücklich gebilligt worden ist.

Allgemeine Sitte war es, daß alljährlich zum Chemnitzer Jahrmarkt, einem Montage, an dem übrigens auch nicht gearbeitet wurde, laut Anschlagesjedem auf Verlangen nach Schluß der Arbeit ein Vorschuß in der Höhe bis zu zehn Mark gewährt wurde; früher wohl eine sehr vernünftige Maßregel, die aber jetzt überflüssig geworden ist, seit die Jahrmärkte sich überlebt haben, und man die Waren in den Läden der Stadt, die man noch dazu besser kennt, ebenso billig und gut oder gar noch billiger und besser zu kaufen imstande ist. Sehr viele der Arbeitsgenossen wußten das auch sehr wohl und sprachen es geradezu aus; dennoch holte sich die große Mehrzahl von ihnen seine zehn Mark, um den dadurch entstandenen Ausfall am nächsten Lohntag, desto schmerzlicher zu vermissen. Ich muß sagen, daß dieser kleine Zug mir kein sehr günstiges Licht auf die wirtschaftliche Fähigkeit der Leute warf.

Die allvierzehntäglich wiederkehrende Stunde der Lohnauszahlung war für alle ein sehnlichst erwarteter, festlicher Termin. An dem Nachmittag, der ihr vorausging, wurde nicht allzu eifrig gearbeitet, und wenn es sechs Uhr schlug, war im Nu unser ganzer Bau leer, und die Schar drüben im andern Gebäude, wo in zwei der Fabriksäle die wichtige Handlung vor sich ging, schnell und einfach genug. Ein Meister rief in alphabetischer Reihenfolge die Namen der Leute. Auf deren „Hier“ übergab ein andrer ihm eine Blechkapsel, in der die Lohnrechnung und das Geld in runder Summe lag. Ein Blick, und man hatte die Richtigkeit der Rechnung geprüft, ein Griff, und die leere Büchse wanderte in einen am Wege stehenden Korb. Wir bekamen nie die Bruchteile einer Mark ausgezahlt. Hatte einer z. B. 29 Mark 97 Pfennige verdient, so erhielt er immer nur die 29 Mark ausgehändigt. Die 97 Pfennige wurden ihm gut geschrieben und in das nächste Lohnkonto mit verrechnet. Damit waren die Leute auch wohl zufrieden.

Für mich war die ganze Szene immer besonders reizvoll. Sie bot dem Auge ein packendes Bild. Im Halbkreis stehen die rußigen Gestalten um die zwei Meister, im Arbeitskleide, den Hut auf dem Kopfe, den Blechkrug in der Hand, dicht gedrängt. Alte und junge durcheinander, die einen sich neckend, andre gleichgiltig wartend, andre mit finsterm, gespanntem Auge den ausrufenden Meister fixierend, bis ihr Name erklingt, und sie ihr „Hier“ antworten können, ihr Arm sich vorstrecken und das Sauerverdiente empfangen darf. Dazu im Hintergrunde der Szene die großen Maschinen, die wie imSchlafe stumm, unbeweglich daliegen nach dem rastlosen Getriebe des Tages, an sie gelehnt da und dort ein Mann, der prüfend, und bald lächelnd bald enttäuscht den Inhalt seiner Büchse mustert. Und über allem das Abendrot der untergehenden Sonne, deren letzte flimmernde Strahlen durch die blinden Scheiben der hohen Fabrikfenster brechen.

Strafen, und zwar fast ausschließlich Geldstrafen, waren in unsrer Fabrikordnung reichlich und doch — ich kann das wohl sagen — meist in gerechter und praktischer Beurteilung der Verhältnisse ausgesetzt. Die höchste betrug 2 Mark, die niedrigste 20 Pfennige. Jene trat ein, wenn einer beim Rauchen oder Schnapstrinken innerhalb der Fabrik oder bei mißbräuchlicher Benutzung der elektrischen Signalglocken ertappt wurde, letztere lag auf unpünktlichem Beginn der Arbeit. Die hohe Strafe auf das Schnapstrinken und den Mißbrauch der elektrischen Glocken, die in beiden Fällen eventuell auch auf sofortige Entlassung erhöht werden konnte, war durchaus gerechtfertigt, und ihre Höhe war die Ursache, daß sie nur selten in Anwendung zu kommen brauchte. Es wurde in der That fast kein Schnaps innerhalb der Fabrik und während der Arbeit getrunken. Ausnahmen machten nur einige wenige notorische Säufer und ein paar ältere treue Leute, die sich des Morgens ihr sogenanntes „Püllchen,“ eine kleine Flasche, die kaum 3 bis 4 Schnapsgläschen faßte, gefüllt mitbrachten und dies im Laufe des sechsstündigen Vormittags schluckweise als Erquickung und Delikatesse zu sich nahmen, also eine durchaus harmlose und ungefährliche Überschreitung des Verbotes. Die Strafe, die am häufigsten in Anwendung kam, war die wegen Zuspätkommens. Mit Schlag 6 Uhr früh, und Schlag 1 Uhr mittags schloß der Portier, der den Ein- und Ausgang der Leute zu kontrollieren hatte, das Thor, oft so, daß er den Heranjagenden das Gitter vor der Nase zuschlug. So kam es, daß mitunter zehn und zwanzig auf einmal ausgesperrt wurden. Denn bei den Entfernungen, die die Leute zur Fabrik zurückzulegen hatten, war die Verspätung um 1 bis 2 Minuten leicht möglich. Verspätungen von mehr als 10 Minuten wurden, eine allzuhohe Strafe, mit 50 Pfennigen geahndet. Das war mehr als das Verdienst einer Stunde, für manche, wie für mich, sogar das von 2 und 2½ Stunden. In solchem Falle, derübrigens nicht sehr häufig vorkam, zog man es vor, lieber zwei ganze Stunden später zu erscheinen und sich dann persönlich beim Werkmeister zu entschuldigen, worauf jene Strafe wegfiel und nur der Satz für die fehlenden Stunden am Lohne abgezogen wurde. Eine gleich hohe Strafe von 50 Pfennigen lag auf Bummelei bei der Arbeit oder auf unnötigem Verlassen des Arbeitsplatzes, eine an sich ebenfalls notwendige Bestimmung, die auch nur in den seltensten Fällen in Anwendung kam, obwohl sie wohl häufig übertreten wurde. Die Meister waren klug genug, nicht hinzusehen. Ich habe nur einen Fall mit erlebt, an dem ich selbst mit beteiligt war, wo sie in Kraft trat. Hier ertappte uns der Direktor selbst bei einem höchst anregenden Gespräch, das sich zwischen uns Arbeitern entsponnen hatte. Wir mußten alle mit 50 Pfennigen bluten. Ich muß sagen, daß ich dies Verfahren des Direktors nicht für ganz korrekt hielt. Denn es wurden Leute davon betroffen, die länger als ein Dutzend Jahre in der Fabrik und noch nie bestraft worden waren. Hier hätte die gute Führung in der Vergangenheit einige Rücksicht und Nachsicht gefordert, anstatt der unterschiedslosen militärisch gesetzlichen Strenge, die seitens des Direktors in Anwendung kam. Dann gab es Strafbestimmungen für Fahrlässigkeit bei der Arbeit, für unpünktliche Führung des Akkordtagebuches, für zweckwidrige Benutzung der Maschinen und Werkzeuge, böswillige Beschädigung derselben, Beschmutzung wertvoller Zeichnungen. Aber ich habe nirgends bemerkt, daß alle diese Bestimmungen jemals in Anwendung gekommen wären.

Nur ein Umstand erregte die meines Erachtens auch gerechte Erbitterung der Leute: das war die Art, wie die aufgesammelten Strafgelder verwendet wurden. In der Fabrikordnung war darüber bestimmt, „daß sich die Direktion, soweit die Gelder von der Fabrik nicht als Schadenersatz beansprucht werden, das alleinige Dispositionsrecht darüber vorbehält.“ Kein Arbeiter wußte, wo das Geld hinkam. Man behauptete, daß die Gratifikationen, die an dem vorhergegangenen Weihnachten an ein paar Dutzend Leute für während der Festzeit geleistete Nebenarbeit gezahlt worden waren und große Freude unter diesen hervorgerufen hatten, aus jenen Geldern gewährt worden wäre: die Fabrikleitung hätte sich also ohne die geringsten eignen Opfer, auf Kosten der währenddes Jahres in Strafe genommenen Arbeiter bei einer Anzahl von Leuten populär und beliebt gemacht. Das war die allgemeine Ansicht, die unter der Hand kolportiert wurde und die sehr viel böses Blut machte. Man sollte in der That solche Dinge ernstlich vermeiden. Sie sind eine Saat ewigen Mißtrauens, Kleinigkeiten, die doch keine bleiben. Das beste ist immer, solche Strafgelder, abzüglich der von der Fabrik als Schadenersatz mit Recht beanspruchten, zu Gunsten aller Arbeiter und vor deren Augen, womöglich unter ihrer Mitwirkung zu verwenden.

Die Betrachtungen, die ich über den Arbeitswechsel während meines Aufenthalts in der Fabrik gemacht habe, sind nur relativ zu verstehen und richtig nur unter dem Gesichtspunkte der damaligen allgemeinen wirtschaftlichen Lage zu würdigen. Sie stand, wie schon einmal gesagt, unter dem Eindruck hauptsächlich zweier allgemeiner Faktoren: der hinter uns liegenden Feier des 1. Mai und der in Aussicht stehenden MacKinley-Bill. Diese erhob sich wie ein drohendes Gespenst vor der Chemnitzer Industrie und drückte schon damals die Produktionsstimmung; jene war zwar in Chemnitz vollständig gescheitert, sodaß nach Zeitungsberichten im ganzen großen Orte überhaupt nur vier Mann gestreikt haben sollten, aber sie war doch die Ursache zur Bildung einer mächtigen Vereinigung der dortigen Eisenindustrie geworden, die nach jenem Rückschlag selbstverständlich jede Kampfregung niederhielt. Bei dieser Lage der Dinge war eine nennenswerte Neueinstellung von Arbeitskräften nicht möglich, wohl aber die Beseitigung unliebsamer Personen. Gleichwohl stand die Sache für die Maschinenfabrikarbeiter noch bedeutend besser als z. B. für die Weber. Bei uns fanden wenigstens keine umfangreichen Entlassungen statt, während dort immer mehr Menschen brotlos wurden. Als ich zuletzt im Vogtlande wanderte, traf ich einen Spinner aus Chemnitz, einen guten stillen Menschen, Familienvater, den ebenfalls das furchtbare Los der Arbeitslosigkeit getroffen hatte, und der in einem Tage die ungeheure Strecke von Chemnitz über Zwickau bis Crimmitschau nach Arbeit abgesucht hatte und nun am andern Tage müde und verzweifelnd den Weg zurück machte. Er zeigte mir seinen Entlassungsschein, auf dem die Bemerkung stand: Hat am 1. Mai ordnungsmäßig gearbeitet. Er erzählte leidenschaftslos, daß in Chemnitzbereits 1100 Familienväter brotlos seien — damals jedenfalls eine viel zu hoch gegriffene Zahl, aber bezeichnend für die Stimmung und die Gerüchte, die zu der Zeit schon unter der dortigen Arbeiterbevölkerung umgingen.

Unter all diesen Umständen war der Wechsel des Personals in unsrer Fabrik während meines Dortseins nur gering. Ich zähle aus der Erinnerung und den gemachten Notizen etwa sechzehn Wechsel verschiedenster Art zusammen, die in dem Bau, dem ich zugeteilt war, vorkamen, doch mag die Zahl nicht genau sein. Im einzelnen war es so, daß etwa neun Stellen sogleich nach ihrem Freiwerden wieder besetzt wurden, in zwei andern Fällen Plätze besetzt wurden, die aus irgend einem mir nicht bekannt gewordenen Grunde (wohl aus Mangel an Arbeit) eine Zeitlang frei gewesen waren, drei Plätze erhielten während meiner Zeit mehrere Inhaber, die sich binnen wenigen Tagen ablösten, zwei Stellen endlich waren, als ich ging, eben vakant geworden. Die leeren Plätze, die während meiner ganzen Zeit leer standen, ziehe ich nicht mit in diese Betrachtung. Krank oder verunglückt oder wegen häuslicher Verhältnisse für längere Zeit von der Arbeit abgehalten waren in dieser Zeit vier Mann. Ihre Plätze blieben unbesetzt; ihre nötige Arbeit besorgten andre Arbeitsgenossen. Sowie sie sich zurück meldeten, traten sie in die frühere Stelle ein. Unter den Wechselnden war ein Handarbeiter, zwei Dreher und der Rest Schlosser; die größere Hälfte von ihnen war verheiratet.

Interessanter als diese trocknen Angaben ist es, den Ursachen nachzuforschen, die zum Austritt der Leute führten. Einige junge unverheiratete Schlosser gingen weg, nur um sich einmal zu verändern — derselbe Grund, der auch einige meiner Bekannten aus der Herberge zu langer und hinterher schmerzlich empfundener Arbeitslosigkeit verurteilt hatte. Wieder zwei andre gingen weg, weil sie beßre Stellen anderswo in Aussicht hatten, in die sie sofort einrücken konnten. Bei dem einen dieser beiden war ein wenig erfreulicher Vorgang in unsrer Fabrik der unmittelbare Anlaß, daß er sich eine andre Stelle suchte. Ich habe ihm freilich nicht persönlich beigewohnt und schildere ihn darum nur nach der Erzählung meiner Arbeitsgenossen. Ich weiß nicht, ob diese den Thatsachen entsprach; jedenfalls beweist sie, wie lebhaft alle in diesem Fall für ihren ArbeitsgenossenPartei nahmen, der ein zielbewußter Sozialdemokrat war, und wie tiefe Verstimmung die Geschichte unter ihnen allen hervorrief. Der Mann, um den es sich handelt, war ein Dreher, der 22 Jahre lang in unsrer Fabrik an derselben Maschine gestanden hatte. An einem Lohntage — er arbeitete in Akkord — war ihm ein in der That auffallend niedriger Lohn ausgezahlt worden. Er beschwerte sich, wohl in schroffer Weise, bei seinem Meister, einem äußerlich feinen Mann, über den ich sonst nicht habe klagen hören. Es kommt zu einem heftigen Wortwechsel, der sich auf dem Kontor auch mit dem Direktor fortsetzt, worauf der Mann kündigt. Als er — immer nach der Erzählung seines jugendlichen etwa 20jährigen Neffen, der, ein bescheidenes Kerlchen, in meiner Handarbeiterkolonne stand — um seinen Entlassungsschein bittet, wird ihm ein mitroterTinte geschriebener übergeben. Darauf neuer Skandal, der erst dann mit dem Abgang des Mannes endet, als man den Gendarmen zu holen im Begriff ist. Den Schein hat der Mann auf dem Kontortische liegen lassen und hat, wohl als tüchtiger Arbeiter bekannt, ohne ihn gleich andern Tages in einer andern Fabrik lohnende Arbeit gefunden. Von Bedeutung ist vor allem der Eindruck, den dieser Vorgang auf die Zurückbleibenden machte. Viel und laut geredet wurde zwar nicht darüber, desto mehr im stillen von Mann zu Mann; die überzeugten Sozialdemokraten blickten in diesen Tagen besonders finster vor sich hin, andre zuckten nur die Achsel, für einige war es ein willkommener Anlaß, ihre Klatschsucht zu befriedigen, allen aber eine neue Warnung, vorsichtig zu sein.

Ein andrer Schlosser trat aus und eine Woche darauf wieder in die Fabrik ein. Er hatte sich mit seinem Monteur gezankt, jähzornig sein Werkzeug hingeworfen und war davon gegangen. Da er, obgleich Süddeutscher und unverheiratet, ich weiß nicht aus was für Gründen in Chemnitz bleiben wollte, kam er, als er nirgendwo anders Arbeit fand, nach einigen Tagen zurück und bat den Meister wehmütig um abermalige Aufnahme. Der ließ ihn erst ein paar Tage zappeln, stellte ihn dann aber wirklich bei einem andern Monteur wieder ein. Aber der Mann hatte von diesem Moment an bei vielen unsrer Arbeitsgenossen alle Achtung und Beliebtheit verloren. Man rechnete es ihm geradezu zur Schande, daß er so zu Kreuze gekrochen war, und manche ignoriertenihn von diesem Augenblick an völlig. Der Monteur, unter dem er nun, und zwar mit Aufwendung allen Fleißes, arbeitete, war verständig genug, ihn diese „Charakterlosigkeit“ nicht auch seinerseits entgelten zu lassen und ihn, was unendlich leicht gewesen wäre, zu chikanieren. Aber ich weiß auch, wie sehr er sich dieser Unparteilichkeit als eines Besondern bewußt war.

Für drei andre wieder war ihre gewohnheitsmäßige Lüderlichkeit die von den meisten verurteilte Ursache, daß sie schon nach den ersten acht Tagen einfach wieder wegblieben. Unter ihnen war einer, ein Regimentskamerad von mir, dessen Frau damals eben zum fünftenmale niedergekommen war, und der darum gleich am ersten Tage vom Meister Vorschuß erbat und wohl auch erhielt, uns andre, freilich ohne Erfolg, anzupumpen versuchte und dann auf einmal fort war, um, wie man sich nachher erzählte, kurze Zeit darauf mit drei andern fidel bei einer sonntäglichen Droschkenfahrt gesehen zu werden. Er und die zwei andern erregten den Abscheu und die Entrüstung aller meiner nähern Freunde, die alle ihr Verfahren laut oder schweigend verurteilten, ein Umstand, den ich zu beachten bitte. Jene drei gehörten zu der auch da unten nicht geachteten Sorte von Arbeitern, die nirgends lange aushält und das beste und jedenfalls sichere Material für die unterste Hefe unsers arbeitenden Volkes, das Proletariat im schlimmen Sinne abgiebt.

Es ist hier der Ort, im Anschluß an das Gesagte einige allgemeinere Angaben über die Länge der Zeit zu machen, die die Hundertzwanzig, unter denen ich stand und ging, unsrer Fabrik angehörten, das Dienstalter, das sie bei uns hatten. Doch gebe ich auch hier ausdrücklich zu bedenken, daß sie auf Beobachtungen aus einer Zeit beruhen, deren Arbeitsbedingungen ich oben bereits angeführt habe. Trotzdem kann man wohl sagen, daß unsre Arbeiterschaft im großen und im ganzen äußerst stabil war. Wir hatten unter uns einen zahlreichen Stamm natürlich meist ältrer Leute, die oft schon jahrzehntelang dem Fabrikverbande angehörten, allerdings leider wohl nicht wegen der Aussicht auf wachsenden Verdienst, sondern wegen des alten guten Zuges der Seßhaftigkeit und Anhänglichkeit an die heimatliche Gegend, der noch auffallend tief, scheinbar gegen die übliche Meinung, wenigstens der ältern Generation meiner Genossenim Herzen sitzt. Das ihnen entgegengesetzte, das fluktuierende Element unter uns bildeten selbstverständlich die jungen unverheirateten Gesellen, die, je nach Lust, Laune, Lerngelegenheit oder Lerneifer, manchmal aus recht zufälligen Ursachen längere oder kürzere Zeit in derselben Fabrik und an demselben Orte aushielten, und die, wie ich schon in dem einleitenden Kapitel bemerkte, vielfach ein gut Stück Welt gesehen hatten. Zwischen diesen beiden Gruppen stand deutlich eine dritte, wie mir schien an Zahl ebenfalls nicht geringe: diejenigen, die, fast durchgängig verheiratet, immer etwa sechs bis zehn Jahre in einer Fabrik, stets aber am selben Orte bleiben. Sie sind also ebenso seßhaft wie jener alte Stamm, dessen Rekruten sie meistenteils bilden, und wechseln die Fabrik in der angegebenen Zeit entweder, weil sie sich anderswo materiell dauernd zu verbessern hoffen, häufig aber auch nur, um eine heißersehnte Abwechslung in das langweilige Einerlei des bisherigen nur zu sehr gewohnten und ausgekannten Fabrikbetriebes zu bringen. Weiter bilden selbstverständlich die Fabriklehrlinge eine Gruppe für sich, und schließlich die kleine Zahl jener Lüderlichen, die ich zuletzt schilderte.

Der Arbeitswechsel vollzog sich ebenso schnell als verständig. Wir kannten, wie schon mehrmals bemerkt, keine Kündigungsfrist. Der Abschnitt 2 der Arbeitsordnung besagte hierüber folgendes:

Die Auflösung des Arbeitsverhältnisses kann von beiden Seiten jederzeit und ohne Kündigung erfolgen, sofern nicht hierüber besondre schriftliche Vereinbarungen getroffen sind. Doch ist auf Verlangen jeder Arbeiter verpflichtet, event. angefangene Akkordarbeiten vor seinem Abgange zu vollenden.Der beabsichtigte Abgang ist dem vorgesetzten Werkführer anzuzeigen. Vor dem Abgange hat jeder seinen Platz aufzuräumen, beziehentl. seine Maschine zu putzen und die ihm übergebenen Werkzeuge an den Werkführer abzugeben, beziehentl. deren Richtigkeit von letzterem sich bescheinigen zu lassen.

Die Auflösung des Arbeitsverhältnisses kann von beiden Seiten jederzeit und ohne Kündigung erfolgen, sofern nicht hierüber besondre schriftliche Vereinbarungen getroffen sind. Doch ist auf Verlangen jeder Arbeiter verpflichtet, event. angefangene Akkordarbeiten vor seinem Abgange zu vollenden.

Der beabsichtigte Abgang ist dem vorgesetzten Werkführer anzuzeigen. Vor dem Abgange hat jeder seinen Platz aufzuräumen, beziehentl. seine Maschine zu putzen und die ihm übergebenen Werkzeuge an den Werkführer abzugeben, beziehentl. deren Richtigkeit von letzterem sich bescheinigen zu lassen.

Damit war mit einem Schlage die ganze Frage des Kontraktbruches bei uns aus der Welt geschafft. Und beide Teile befanden sich wohl dabei. Die Fabrikleitung, die dadurch in der Disposition ihrer Arbeitskräfte völlig freie Hand behielt, wovon sie aber im allgemeinen nur besonnenen und humanen Gebrauch machte, und die Arbeiter, die dadurch immer die Möglichkeit hatten, sofort in eine ihnen gebotene bessere Stelle überzugehn, und denen jener zu Anfang einbehaltene und bei ihrem Abgang auszuhändigendeLohn der ersten Woche die nun allerdings größere Gefahr augenblicklicher Erwerbslosigkeit wenigstens einigermaßen wieder ausglich. Es ist in dieser Zeit unendlich viel über die Frage des Kontraktbruchs und seiner Bestrafung gestritten worden. Hier ist ein Weg, der sie höchst einfach und auch ohne materielle Verluste für die Etablissements löst, wie die Erfahrung in unsrer und, wie ich höre, auch in andern Fabriken beweist, wo dieselbe Sitte herrscht. Aber selbst wenn solche Verluste eintreten sollten, dürfte dies nicht das ausschlaggebende Bedenken sein, wo viel höhere Güter auf dem Spiele stehn. Auch im Wirtschaftsleben der Völker müssen sittliche Rücksichten wieder materiellen Interessen vorausgehn, und gerade wir, die unparteiischen Gebildeten, die mit dem Maßstabe ernster ethischer Grundsätze und ohne materielle Voreingenommenheit an der Lösung der sozialen Frage mitarbeiten wollen, müssen darauf dringen, daß dieser Grundsatz wieder immer mehr Wahrheit wird. Es muß uns gleichgiltig sein, ob einige Tausende von Mark mehr oder weniger von den Großindustriellen verdient werden, wenn damit ein Zustand beseitigt wird, der zwar formell Recht, thatsächlich aber durch die wirtschaftliche Zwangslage eine Ungerechtigkeit ist, und der dem Rechtsbewußtsein in unserm Volke einen schweren Stoß zu versetzen im Begriffe ist. Und sollten die deutschen Industriellen wirklich weniger imstande sein, diesen ernsten sittlichen Bedenken Rechnung zu tragen, als die deutsche Arbeiterschaft, die durch den von der sozialdemokratischen Partei vorgeschlagenen Zusatzparagraphen zum Arbeiterschutzgesetz ihrerseits sich bereit erklärt hat, um den Preis der Beseitigung aller Kündigungsfrist die dadurch geschaffene größere Erwerbsunsicherheit auf sich zu nehmen? Ich meinerseits spreche meine volle Sympathie mit diesem Schritte der Sozialdemokraten offen aus.

Wenn ich endlich noch einige Worte über die Erfahrungen sagen darf, die ich bei der Arbeitssuche gemacht habe, so sind das kurz folgende. Tüchtigen Facharbeitern, wie Schlossern und Drehern, war es zu jener Zeit immer noch leichter möglich, Arbeit in Fabriken und kleinern Werkstätten zu erhalten, als Handarbeitern, Webern und Maschinenarbeitern. Auf der Arbeitssuche wurden wir meist schon von den Portiers der Fabriken kurz zurückgewiesen. In den wenigen Fällen, wo wir bei dem Leiter direktanfragen konnten, wurden wir freundlich und höflich behandelt, einmal auch mit guten Ratschlägen versehen, die freilich in diesem Falle nichts nützten. Auch die Arbeitsnachweise, zu denen wir unsre Zuflucht nahmen, befriedigten unser Bedürfnis nicht. Es waren die in den Herbergen und in den Zeitungen. Jene bestanden darin, daß der Herbergsvater der Zentralherberge auf einem großen schwarzen Brett, das an der Wand hing, die gesuchten Berufsarten, die Anzahl der verlangten Arbeiter, die Art der in Aussicht stehenden Beschäftigung, manchmal auch die Höhe des Lohnes anschrieb, wonach sich jedermann orientierte. Daß dabei, wie es namentlich in Innungsherbergen vorkommen soll, von ihm einzelne Leute bevorzugt worden seien, denen er vorher im geheimen Mitteilung von der bessern Arbeitsgelegenheit gemacht hätte, habe ich nicht bemerkt, kann aber das Gegenteil auch nicht fest verbürgen. Unter den Beschwerden dieser erfolglosen Arbeitssuche litten selbstverständlich vor allem wir zugereisten, in Chemnitz fremden. Wer hier bekannt war oder auch einige Routine besaß, dem glückte es selbstverständlich eher. Es kommt nicht zu selten vor, daß sich einer, anstatt sich abweisen zu lassen, hinter den Portier steckt, ihm etwas zuschiebt und dafür von ihm Nachricht erhält, wann in seiner Fabrik ein Platz frei wird. Auch von guten Bekannten und ehemaligen Arbeitsgenossen, die zur Zeit da arbeiteten, erhält man solche Mitteilungen und Winke, wo und wie anzuklopfen ist, etwa bei einem Meister der Fabrik, bei dem jene dann selbst auch ein gutes Wort einlegen. Doch ist natürlich bei dem allem viel glücklicher Zufall im Spiel; und wer fremd am Orte ist, kann sich nicht sonderlich darauf verlassen. Jedenfalls kann ich nach meinen eignen Erfahrungen es aussagen, wie unsäglich deprimierend es ist, erfolglos von Fabrik zu Fabrik, von Werkstatt zu Werkstatt wandern zu müssen, immer von neuem seine Kraft anbietend, mit bittenden Worten, und immer wieder erfolglos. Unfreiwillige Arbeitslosigkeit ist, auch wenn der Hunger noch nicht mit seiner eisernen Faust an die Thür pocht, das furchtbarste Los, das einen gesunden, strebsamen, für seine Familie sorgenden Manne treffen kann, um so bitterer, je ernster, tiefer, charaktervoller er ist, und eine größere Gefahr zur physischen und moralischen Verwahrlosung, als nur je die sozialdemokratische Agitation es sein kann.

Zwei Seiten unsrer Arbeitsordnung enthielten schließlich gute, klare Vorschriften zur Verhütung von Unglücksfällen. Sie wurden meist von den Leuten verständig befolgt. Während meiner Zugehörigkeit zur Fabrik ereignete sich nur ein größeres Unglück, das den Betroffenen auf etwa vierzehn Tage arbeitsunfähig machte: eine eiserne Schiene von etwa zwanzig Pfund war ihm auf den Fuß gestürzt, hatte mit der einen spitzen Kante seinen Stiefel durchbohrt, ein tiefes Loch in das Fleisch und dieses vom Knochen los geschlagen. Dagegen waren kleinere Unfälle um so häufiger: Quetschungen der Finger und Zehen, schmerzhafte Verletzungen der Fingernägel, Verwundungen der Hände durch scharfe Ecken und Kanten, und der Augen durch abspringende Eisensplitter. Gerade das letztere kam besonders oft vor, lief aber in den meisten Fällen gut ab. Man half sich da gern gegenseitig und schnell und geschickt.

Die Hauptgefahr bei aller Arbeit war immer die des Fallenlassens der großen, oft zentnerschweren eisernen Stücke. Ein Fehlgriff, ein unzeitgemäßes Nachlassen konnte Beine und Füße kosten. Darum wurde hier zumeist instinktiv vorsichtig, bedächtig und behutsam gearbeitet. Als Grundsatz galt: Was man einmal in der Hand hat, muß man so lange darin behalten, bis ein sicheres Niederlegen möglich ist, koste es an Kraft, was es wolle. Übrigens war ein für allemal der Befehl gegeben, daß zu jeder Arbeit immer soviel Leute antreten mußten, daß die betreffende Arbeit ohne Schaden für die Leute und den Arbeitsgegenstand verrichtet werden konnte. Damit war jede Überanstrengung verhindert, was von den Arbeitern dankend anerkannt wurde. Ebenso wurde durch die drei Krahne in unserm Bau namentlich die Transportarbeit ungemein erleichtert. Ferner gab es, wie erwähnt, überall elektrische Leitungen, durch die bei Unglücksfällen den Maschinenwärtern im Nu das Signal zum Anhalten der Dampfmaschine gegeben werden konnte. Dann existierten strenge Verbote gegen das unbefugte Betreten des Probiersaales, das Auflegen von Treibriemen während des Ganges der Maschinen, u. s. w. Weiter war geboten, enganliegende Kleider zu tragen, die nicht von den in Gang befindlichen Rädern ergriffen werden konnten. Eigentliche Schutzvorrichtungen an Maschinen aber waren über Erwarten wenig vorhanden, jedoch immer wo nötig zur Stelle. Für vorkommende Verunglückungen gab es eine Ecke in unserm Baumit Matratze, Verbandtisch und Stuhl, Verbandzeug, Waschtoilette u. s. w. Ein Arbeiter, früher Lazarettgehilfe, war stets zur ersten Hilfeleistung bereit, legte in schweren Fällen einen Notverband an und übernahm den Transport des Verletzten. In der Art Verunglückte zu transportieren war wohl erst kurz vor meinem Eintritt in die Fabrik eine große, von den Leuten aufs dankbarste, aber doch nur als die Erfüllung einer notwendigen Pflicht begrüßte Änderung eingetreten: anstatt wie früher auf harten in der Fabrik benutzten Handwagen wurde der Verunglückte jetzt in der Equipage der Direktoren nach Hause oder ins Krankenhaus geschafft. Durchaus mangelhaft jedoch waren die Wascheinrichtungen, die nur eine oberflächliche, mühsame Reinigung des Gesichts und der Hände ermöglichten. In solchen rußigen Maschinenfabriken ist aber die Errichtung von Bädern, die für alle zur Benutzung freistehen, einfach Pflicht, namentlich wenn man die traurigen Wohnungsverhältnisse, das enge Zusammenleben so vieler Menschen und beider Geschlechter nebeneinander und dazu die Notwendigkeit einer täglichen gründlichen Reinigung des ganzen schmutzigen Körpers in Betracht zieht. Aber diese fehlten gänzlich bei uns, wie es überhaupt außer dem bereits geschilderten Speisesaal nichts weiter von derartigen Wohlfahrtseinrichtungen gab; man müßte denn jenen von der Direktion gebilligten Handel eines einhändigen Expedienten mit guten, billigen Arbeitskleidern auf Abzahlung noch darunter rechnen.

Und dabei war die Arbeit in unsrer Fabrik für alle körperlich schwer und strapaziös. Ich sage das nicht nach den Erfahrungen, die ich an mir machte; ich weiß, daß ich eine Ausnahme war und daß mir wenigstens in der ersten Zeit alles doppelt schwer fiel. Ich berichte allein nach den Aussagen der Leute und nach dem Eindruck, den sie auf mich machten. Sie waren aber, mit Ausnahme der Jugend, alle des Abends am Schlusse der Arbeit mehr oder weniger müde und abgespannt: ihr Gang war nicht mehr so leicht, schnell und elastisch wie des Morgens und Mittags, ihre Stimmung nicht mehr so heiter und lebhaft, ihre Arbeitsleistung in der letzten Stunde deutlich geringer als in den ersten. Es ist gar nicht zu leugnen, daß eine Fabrikarbeit von dem Charakter der unsern, selbst bei einem so glücklichen Tempo, bei einem so hochstehenden und verhältnismäßig geistig anregenden Produktionsprozeß und bei der Freiheitund Selbständigkeit, wie sie gerade bei uns noch herrschten, die tägliche Kraft eines Mannes durchaus erschöpft. Es ist in der That keine Kleinigkeit, elf Stunden des Tages mit 120 Mann in einem von öligem, schmierigem Dunste, von Kohlen- und Eisenstaube geschwängerten heißen Raume auszuhalten. Nicht eigentlich die meist schweren Handgriffe und Arbeitsleistungen, sondern dieses Zusammenleben, Zusammenatmen, Zusammenschwitzen vieler Menschen, diese dadurch entstehende ermüdende Druckluft, das nie verstummende nervenabstumpfende gewaltige quietschende, dröhnende, ratschende Geräusch, und das unausgesetzte elfstündige Stehen in ewigem Einerlei, oft an ein und derselben Stelle — dies alles zusammen macht unsre Fabrikarbeit zu einer alle Kräfte anspannenden, aufreibenden Thätigkeit, die wenn auch nicht über, so doch gleichwertig neben jede anstrengende geistige Arbeit gestellt werden darf. Denn sie muß geleistet werden mit Anspannung der besten Kraft eines Mannes — und dies, nicht aber der Erfolg, der größere oder kleinere Nutzen aus ihr, ist der richtige sittliche Maßstab für ihre Beurteilung. Dabei muß ich aber doch konstatieren, daß unter unsrer Arbeiterschaft eine verhältnismäßig ganz beträchtliche Anzahl von Grauköpfen vorhanden waren. So gab es unter den Schlossern einige, die schon als Reservisten mit in Frankreich gewesen waren; unter den vier Packern waren, wenn ich mich nicht irre, drei um die sechzig herum alt; zu meiner Kolonne gehörte ein mittlerer Vierziger und ein hoher Fünfziger; unter den Tischlern war ein freundlicher Alter mit schneeweißem Haar; an der Langlochbohrmaschine stand ein mir besonders liebgewordener Mann, der längst Großvater war und sehr frisch, treu und rüstig seine Pflicht that; ein gleichaltriger Bruder von ihm, ein Schlosser, hatte nicht allzu weit von ihm seinen Platz. Je mehr ich aufzähle, desto mehr tauchen solche Grauköpfe in meiner Erinnerung wieder auf: sogar zwei Siebziger, wenn ich recht berichtet worden bin, waren noch in leichtem Dienste, der freilich leider entsprechend niedrig gelohnt wurde. Die Mehrzahl der Arbeitsgenossen stellte aber natürlich das mittlere Alter, starke, stramme Gestalten in den zwanziger und dreißiger Jahren. Lange nicht so zahlreich waren Siebzehn- bis Zwanzigjährige, und an Lehrlingen hatten wir eine noch geringere Zahl.

Ein abschließendes Urteil über den Charakter dieser eben mitgeteiltenArbeitsordnungunsrer Fabrik findet man aus den Sätzen, die am Anfange des Büchelchens über die Aufnahme und an seinen Schlusse über eventuelle Änderungen der Fabrikordnung Bestimmungen enthalten. An der ersten Stelle heißt es wörtlich: „Das Recht, Arbeiter anzunehmen, steht nur der Direktion oder deren Beauftragten zu.Durch Annahme der Arbeit unterwirft sich jeder Arbeiter den Bestimmungen der Fabrikordnung, von welcher er bei seinem Antritt ein Exemplar ausgehändigt erhält und worüber durch eigenhändige Eintragung des Namens in ein im Kontor ausliegendes Buch zu quittieren ist.“ Und an der letztern Stelle heißt es, ebenfalls wörtlich: „Änderungen sowie Zusätze zu derselbenwerden von der Direktiondurch Anschlag bekannt gemacht und treten jedesmal sofort in Kraft.“

Hier prägt sich auch dem Harmlosen klipp und klar der ganze Charakter dieser wie wohl fast aller bestehenden Fabrikordnungen aus. Sie ist deutlich das Produkt der Fabrikleitung, zugeschnitten nach den allein maßgebenden Gesichtspunkten ihrer einseitigen Interessen. Sie ist eine Hausordnung, die der Eigentümer allein nach seinem Willen erläßt, und der sich jeder zu fügen hat, so lange er als Glied dem Hause angehört. Es giebt für die Arbeiter gegen solche Arbeitsordnung keinen andern wirksamen Protest, als den des Austritts aus dem Verbande, dem sie Gesetz ist. Ihr Dasein und ihre Giltigkeit bezeichnet in allen Fällen von Bedeutung die vollkommene, schweigende Abhängigkeit aller Arbeiter; sie ist der Ausdruck eines absolutistischen Systems, das gerade Gegenteil von wirtschaftlicher Freiheit, die doch das heute herrschende Gesetz im Wirtschaftsleben der Völker sein soll; sie ist eine neue und folgenschwere Ursache der Unselbständigkeit und Unreife des Charakters der heutigen Fabrikarbeiter.

Freilich, und das ist das zweite, was ich abschließend zu sagen habe, wurde die Schärfe dieser ganz einseitigen Arbeitsordnung in unsrer Fabrik stark gemindert, ja häufig geradezu unwirksam gemacht durch die kluge taktvolle Art, wie sie bei uns zur Anwendung kam. Bei dem Direktor traten diese geschriebnen Satzungen überhaupt durchaus hinter seiner energischen Persönlichkeit zurück, indessen thatkräftiger, militärischer, aber verständiger, besonnener und vor allem gerechter und unparteiischer Art sie eine neue lebendige Gestalt annahm, und dem man, wie ich das weiter unten noch ausführen werde, ohne Widerstand gehorchte. Die übrigen Vorgesetzten aber, vor allem die Meister, handhabten die Ordnung durchschnittlich so klug, mild und nachsichtig, daß die Arbeiter die in ihr enthaltenen rücksichtslosen Sätze leicht hinnahmen, und daß ihre Schärfe ihnen nur in den seltensten Fällen schmerzlich zum Bewußtsein kam.

Eingehend möchte ich am Schlusse dieses Kapitels noch von demVerhalten der Leute bei der Arbeit, ihrem Verkehr unter einander und mit ihren Vorgesetztenerzählen. Die gesamte Arbeiterschaft unsrer Fabrik schied sich auch in dieser Beziehung in zwei große Gruppen, in die des Werkzeug- und des Stickmaschinenbaues; die vollständige Trennung des Arbeitsprozesses beider Abteilungen hatte für die darin beschäftigten im allgemeinen auch eine solche des Verkehrs zur Folge, und zwar so sehr, daß häufig sogar eine vollständige gegenseitige Unbekanntschaft unter den Leuten bestand. Dann ging man meist achtlos, grußlos, ohne ein Wort zu wechseln, beim Eintritt wie beim Austritt aus der Fabrik an einander vorüber und kannte nicht Namen noch Gesinnung des andern. Zwischen denen, die schon jahrelang in der Fabrik waren, bahnte sich natürlich trotz dieser Betriebsscheidung allmählich eine Annäherung an; doch beschränkte auch sie sich meist nur auf einen ganz oberflächlichen, flüchtigen und seltenen Verkehr während der Arbeitspausen. Die Handarbeiter, die selbstverständlich am meisten in der Fabrik hin und her geschickt wurden, waren eigentlich das einzige und hauptsächliche verbindende Element zwischen den beiden großen Arbeitergruppen, denen man als dritte isolierte die kleinere Tischlerkolonne an die Seite stellen kann.

Innerhalb jeder dieser drei Gruppen aber war der Verkehr bei der Arbeit selbstverständlich sehr rege. Dazu zwang schon der obengeschilderte Charakter des gemeinsamen Arbeitsprozesses. Es waren darum nur seltene Ausnahmen, daß ältere Leute, die oft schon 20 Jahre in der Abteilung arbeiteten, einmal einen jungen Schlosser nicht kannten und auch nie ein Wort mit ihm wechselten. Solche Fälle erklärten sich dann aus der abnehmenden geselligen Elastizität der ältern Leute, und aus dem fortwährendenWechsel gerade dieser jugendlichen Elemente. Sonst aber führte, wie gesagt, die Gemeinsamkeit des Arbeitsprozesses die Leute schnell, häufig und nahe aneinander und zwang sie zu dauerndem gegenseitigen Verkehr.

Dieser war nun selbstverständlich besonders rege zwischen Gleichaltrigen, Arbeitsnachbarn und den Leuten derselben Kolonne, derselben Montage, desselben Meisters. Hier wurde er von selbst häufig ein intimer; und jede Gelegenheit zu einem längern oder kürzern Zwiegespräch wurde dann fleißig benutzt. Und je nachdem unterhielt man sich bald über gleichgiltige, bald lustige, bald ernste Dinge, oder neckte und balgte man sich herum. Vor allem wurde der Neueingetretene ausführlich kritisiert; dann erzählte man sich andre kleinere Neuigkeiten aus der Fabrik, z. B. daß dem Kantinenwirt und dem Portier gekündigt worden wäre, und dann auch, daß der Kutscher seine Stellung aufgäbe, und warum das alles geschähe; oft wurde auch ein Ereignis aus dem gemeinsamen Wohnorte des langen und breiten erörtert oder über das letzte Sonntagsvergnügen geredet, und was man für den nächsten Feiertag plante; vor allem plauderte man gern auch von seinen Kindern und erzählte und hörte ausführlichere Schilderungen an von Selbsterlebtem aus vergangner Zeit. Aber ebenso oft unterhielt man sich auch, und mitunter während man die Feile hin und her schob oder während die Maschine rasselte, während man maß und verglich, mit hinzugetretenen zweiten und dritten über ernste Dinge, religiöse, wirtschaftliche, politische und über Bildungsfragen, natürlich in der Art und mit den Fähigkeiten und Kenntnissen, die den Leuten eben zu Gebote standen. Gerade hierüber sollen die nächsten Kapitel berichten; an dieser Stelle genügt die eben gemachte Angabe.

Vor allem aber scherzte, neckte und balgte man sich herzlich gern, wo immer es anging. Überall suchte man unter guten Bekannten, die solche Neckereien verstanden, einander etwas auszuwischen: so warf man den achtlos vorübergehenden aus einem Versteck mit Thon, zog ihm heimlich die Schleife seiner Schürze auf oder in der Pause das Brett unter dem Sitze weg, stellte sich plötzlich einander in den Weg oder „meinte es miteinander gut.“ Dies Gutmeinen pflegte gern am Ende der Woche von ältern Leuten zu geschehen, die einen starken Bartwuchs hatten und sich, wie es im Volkeheute noch viel verbreitete Sitte ist, nur einmal in der Woche, des Sonnabends Abend oder des Sonntags Morgen, rasierten. So einer mit genügend langen harten Stacheln im Gesicht nahm dann plötzlich ein um Kinn, Backen und Lippen noch zarteres Kerlchen beim Kopfe und rieb blitzschnell seine Wange an der jenes mehrmals hin und her, wodurch gerade kein angenehmes Gefühl hervorgerufen werden sollte. Wenn der so Liebkoste zur Besinnung kam, war der Übelthäter längst davon. Noch ungemütlicher war ein andrer Spaß, den man an mir glücklicherweise nur einmal probierte, das sogenannte „Bartwichsen.“ Da lehnt einer vielleicht achtlos an einem Pfosten, eben zufällig ohne bestimmten Arbeitsauftrag. Zwei andre sehen den Arglosen stehen; ein gegenseitiger Blick des Einverständnisses, und der eine tritt von hinten an ihn heran, umschlingt ihn mit den Armen, sodaß jener sich nicht mehr rühren kann; unterdes umfaßt der andre mit seinen zwei schwarzen, schmutzigen Händen von vorn das Gesicht des Überfallenen und streicht nun in aller Gemütsruhe mit den festangepreßten Daumen den Schnurrbart des Wehrlosen auseinander, was, wie ich versichern kann, sehr schmerzhaft ist. Bei mir wiederholte man aber die Sache niemals wieder, weil mir beim erstenmale durch eine abwehrende Bewegung meines Kopfes die Brille von der Nase fiel, glücklicherweise ohne zu zerbrechen; das wollten die Leute doch nicht nochmals riskieren und unterließen es darum. Unter intimern Bekannten blieb keiner davon verschont, und jeder wurde ohne Unterschied des Alters heimgesucht. So etwas geschah natürlich immer nur, wenn man sich unbeaufsichtigt glaubte. Scherze andrer Art und viele Witze waren selbstverständlich ebenso häufig und oft von urwüchsigster Komik, sodaß man von Herzen darüber lachen mußte, nicht selten aber auch derb und roh. Ich habe auch darüber an andrer Stelle noch eingehender zu reden.

Spitznamen wurden viele ausgeteilt; selbst der Direktor hatte einen, freilich einen völlig harmlosen, seinen Vornamen. Sonst pflegte man mit Vornamen mit Vorliebe nur die in der Fabrik besonders beliebten Kameraden zu rufen, ferner die Komiker und Spaßmacher, die, wohin sie traten, immer Ursache oder Gegenstand heiterster Laune wurden.

Heiterkeit, Frohsinn, ausgelassene Lustigkeit waren überhaupt derGrundzug des Geistes, der wenigstens in unserm Baue während der Arbeit herrschte und auch in den letzten Abendstunden des langen Werktages, wo die Abspannung und Müdigkeit sich geltend zu machen begann, nicht ganz verloren ging. Davon war wohl der günstige Charakter des Arbeitsprozesses nicht weniger als die joviale, heitere Anlage des Volkes selbst die erfreuliche Ursache. Diese lustige, frische, scherzende Art war der gute Geist, der auch die schweren Arbeitsmühen immer wieder leicht und erträglich machen half. Verwunderlich war, daß man trotzdem wenig bei der Arbeit sang. Nur einzelne pflegten gern ein Liedchen vor sich hinzuträllern, und nur eine Schlossergruppe, die fast ausschließlich aus jungen verliebten Burschen bestand, stimmte ab und zu ein gemeinsames Volks- oder Soldatenlied an. Jedenfalls war der unaufhörliche große Lärm das Hindernis.

Das gegenseitige Duzen war nicht durchgängig Sitte, doch immer in den engern Arbeitsgruppen, unter Gleichaltrigen und auch meist unter Nachbarn. Dagegen hielt mancher Schlosser, namentlich der von ferne und aus besserer Familie herkam, streng darauf, das Du außerhalb seiner Gruppe nur sehr mit Auswahl anzuwenden, und schüttelte den Kopf über seine Handwerksgenossen, die es an jeden beliebigen Handarbeiter verschwendeten. Manchmal duzten sich auch alte, langerprobte Arbeiter, Schlosser oder Maschinenarbeiter mit einem Meister, auch Meister mit Vorarbeitern, häufiger Vorarbeiter mit Arbeitern jeder Art und selbst Handarbeitern, selten aber mit Leuten ihrer Kolonne; wenn dies aber doch geschah, dann immer nur mit ältern, langansässigen. Die Vorarbeiter stehen unter sich fast immer auf Du und Du, nicht aber häufig auch die Meister unter einander. Bei denen kommt doch schon ihre höhere soziale Stellung in Betracht, während bei den andern der angeborene Gemeinschaftssinn, die militärische Sitte der Kameradschaft und die leicht erregbare gegenseitige Teilnahme an einander jene Neigung in lebendige Übung bringt.

Bemerkenswert war das besondre Verhältnis zwischen uns fünf Handarbeitern. Unter uns war es am leichtesten möglich, auf Kosten der andern zu faulenzen. Es gab eine Reihe von Winkeln und Plätzen in der Fabrik, die einem auf eine halbe Stunde ein friedliches, auch vom Meister nicht bemerktes Ausruhen möglichmachten. Oder ein guter Freund unter den Schlossern und Maschinenarbeitern betraute einen nur scheinbar mit einem Auftrag. Um dies zu verhüten, wurde ganz von selbst eine gegenseitige geheime Kontrolle geübt. Es gab unter uns besonders zwei, die sich gern einmal von der Arbeit drückten; auf sie hatten die andern ein besonders wachsames und scharfes Auge. Zwar sah man ihnen vieles nach; wenn sie es aber dann und wann einmal gar zu arg trieben, stellte man sie offen, ernstlich und nicht zart darüber zur Rede; das gab dann immer einen tüchtigen Streit und hatte zwischen den beiden Wortführern ein mehrtägiges oder mehrwöchentliches Schmollen zur Folge. Aber die Ermahnung fruchtete doch meist, und allmählich kam auch zwischen den beiden wieder ein leidliches Verhältnis zu stande. Die andern drei verband ein intimeres kameradschaftliches Verhältnis, sodaß jeder von ihnen nach Kräften zugriff und nicht gern den andern im Stiche ließ. Gegen mich, den Neuling, waren alle fünf unsrer Kolonne besonders freundlich und entgegenkommend. Als ich in die Fabrik eintrat, zeigte es sich gleich am ersten Tage, daß ich unfähig war, ebenso stramm und stark zuzugreifen, wie die in solcher Arbeit erprobten Kolonnengenossen. Sofort nahm man Rücksicht auf mich; und anstatt den neuen, noch schüchternen Kameraden auszubeuten und ihn an ihrer Statt arbeiten zu lassen, stellte man ihn immer an den leichtesten Platz, ja schob ihn gar ganz beiseite, um selbst schneller und besser die Arbeit zu thun. Und denselben kameradschaftlichen Sinn, dieselbe freundliche Nachsicht übten die meisten Schlosser und Maschinenarbeiter gegen mich. Später, als ich kräftiger, geschickter, ausdauernder geworden war, hörte das freilich und mit Recht auf, und ich wurde ebenso viel, doch nicht mehr als die andern strapaziert.

Das Verhältnis der Schlosser, Schmiede, Maschinenarbeiter zu uns Handarbeitern war ebenfalls mehrfach interessant. Außerdienstlich gab es zwar für die Mehrzahl von ihnen keine Rangunterschiede zwischen uns, wohl aber während der Arbeit. Man wußte, daß wir eben zur Dienstleistung für die andern da waren, und machte von dieser Thatsache, jedoch mit Unterschied, ohne Scheu Gebrauch. Ältere Leute nahmen nur ungern, wenn es gar nicht anders ging, zu unsrer Unterstützung Zuflucht, jüngere dagegen benutzten uns häufig; selbst Lehrlinge machten Versuche dazu. Die Handarbeiterwieder gehorchten, sowie man sie nur anständig behandelte. Unteroffiziersmäßig anschnauzen ließ sich keiner. Wer es versuchte, wurde stillschweigend, ohne jede Verabredung, geboykottet; d. h. die Handarbeiter ignorierten ihn, kamen nicht in die Nähe seines Platzes, thaten als hörten sie ihn nicht, wenn er einen von ihnen anrief, und wenn dieser direkt an sie herantrat und eine Dienstleistung verlangte, hatte man immer angeblich etwas zu thun. In solchen Fällen mußte sich der Verlassene dann an den Meister wenden und diesen um Zuteilung einer Hilfskraft bitten. Beschwerte er sich aber dabei über einen von ihnen oder verdächtigte er ihn gar, und es kam heraus, so ging es ihm noch schlechter, und er wurde als „Fuchsschwanz“ erst recht beiseite liegen gelassen, hatte oft auch bei unserm Meister gar kein Glück. Darum war es immer auch für die Auftraggeber erwünscht, sich mit den Handarbeitern gut zu stellen, und wenn nötig, sie freundlich zu bitten. Die am meisten übliche Form der Aufforderung zur Hilfeleistung war die: He! Pst! Hast du Zeit?

Ja.

Da wollen wir mal das und das zusammen machen; es dauert gar nicht lange. Oder man sagte: Wir möchten einmal diese Welle hier fortschaffen; aber sie ist schwer; du mußt dir noch ein paar andre suchen und mitbringen.

Und fast immer halfen die Auftraggeber selbst mit.

Die Monteure nahmen ihren Leuten gegenüber etwa die Stellung von Untermeistern ein. Ihr Verhältnis zu ihnen war halb das von Vorgesetzten, halb das von Genossen. In Dingen, die die Arbeit betrafen, wurden sie von jenen durchaus respektiert, im übrigen war der Verkehr zwischen ihnen ein mehr kordialer. Besonders wenn gleichaltrige oder an Jahren ältere Leute unter ihnen arbeiteten, was nicht selten vorkam; denn wir hatten ein paar noch ziemlich junge Monteure als Gruppenführer unter uns. Wie diese zu der Stellung gekommen waren, erfuhr ich nicht; sie alle waren früher Durchschnittsarbeiter gewesen. Ältere Leute ließen diese dann meist sehr selbständig und „ihren eignen Stiefel“ arbeiten; ihnen gegenüber begnügte man sich mit den allernötigsten Anordnungen. Übrigens sei an dieser Stelle bemerkt, daß einige der ältesten Schlosser überhaupt den Gruppenverbändendauernd entnommen waren und direkt dem Werkmeister unterstanden.

Ältere Monteure prägten ihren Gruppen einigermaßen ihren technischen Charakter auf; Gruppen mit gewandten und tüchtigen Monteuren waren deutlich intelligenter und leistungsfähiger als andre, deren Vorarbeiter sich häufig bei ihren erfahreneren Kollegen Rats erholten. Auch in sittlicher Beziehung war der Vorarbeiter auf seine Gruppe hie und da von Einfluß. Doch war dieser Einfluß ein ebenso zufälliger als verschiedener; bei einigen ein besserer, bei der Mehrzahl aber ein wenig guter. Das war nur zu erklärlich, wenn man bedenkt, daß die Leute früher ja selbst Arbeiter gewesen und nie auf die Pflicht, ein gutes Vorbild zu geben, aufmerksam gemacht worden sind. Ich hörte darum selten, daß einer von ihnen einem seiner Leute ein unzüchtiges Wort, einen Fluch, eine unedle Gesinnung verwies. Es war schon viel, wenn ein Monteur sich persönlich davon frei und dazu still verhielt; viel häufiger teilte man die Ansichten der Leute, fluchte und zotete selbst mit. Von besondrer Bedeutung ist der einzelne Monteur für die Lehrlinge, die den Montagen zugeteilt zu werden pflegen. Je nach der Tüchtigkeit des Monteurs und der Gruppe, der er angehört, wird der Junge etwas lernen. Doch habe ich nicht bemerkt, daß sich der vorgesetzte Monteur, ebensowenig der Schlosser- und Werkmeister, in irgend welcher Beziehung viel um seinen Lehrburschen gekümmert hätte. In einem einzigen Falle behandelte der wohl tüchtigste Monteur, ein polternder aber sehr gutmütiger Mann, der namentlich des Sonntags gern einmal einen über den Durst trank, ohne gerade ein Gewohnheitstrinker zu sein, den ihm unterstellten Lehrling mit väterlichem Wohlwollen und Wohlgefallen. Das war aber ein besonders hübscher und kluger Junge, dessen Vater ein Lehrer am Orte und mehrfacher Hausbesitzer war und darum wohl auch persönliche Beziehungen zu dem betreffenden Monteur unterhielt, die diesem gerade nicht zum materiellen Schaden gereichten. Eine Entscheidung darüber, ob der Lehrling in der Fabrik oder bei einem Kleinmeister besser aufgehoben ist, wage ich nach meinen geringen Erfahrungen hierin nicht zu geben; doch glaube ich sagen zu können, daß eine solche Fabrik von vornherein eher geeignet erscheint, bessere Lehrlinge zu erziehen, als der in beschränkten Verhältnissen meist um seine Existenzringende und häufig mit Flickarbeit beschäftigte Kleinmeister. Die sittlichen Gefahren können bei diesem aber eben so groß sein als dort.

Außerhalb der Fabrikräume galt der Monteur dem Schlosser, dem Maschinenarbeiter, dem Handarbeiter als durchaus gleichgeordnet; da fielen die Unterschiede, die der Betrieb zwischen sie notwendig aufstellte; da waren sie und fühlten sie sich alle im gemeinsamen Umgange als Arbeiter, und kein andrer Umstand entschied für ihren persönlichen Verkehr, als die gegenseitige Neigung, die Gesinnungsgleichheit und die nachbarliche Wohnung.

Wieder anders als die Monteure standen in der Fabrik die Meister. Bei ihnen trat, obgleich auch sie häufig aus ganz einfachen Arbeiterkreisen, aber wohl nur selten aus derselben Fabrik herausgewachsen waren, die gesellschaftliche Überordnung während und noch mehr außerhalb der Arbeit klar und offen zu Tage. Schon durch ihre Kleidung unterschieden sie sich in der Fabrik von allen übrigen; sie trugen keinen eigentlichen Arbeitsanzug, sondern auch während der Arbeit den üblichen modischen Rock, Schlips und weiße Wäsche. Sie bildeten das Bindeglied zwischen der Arbeiterschaft und den höhern Beamten des Etablissements bis zu den Direktoren hinauf; sie sind, ich weiß in der That keinen bessern Vergleich, die Feldwebel in der Fabrik. Sie sind die technischen Leiter des Betriebes im Detail, dem Direktor hierin wie bezüglich der Persönlichkeiten der einzelnen Arbeiter maßgebend und verantwortlich; sie kontrollierten die Arbeiter alle und hatten — was von besonderer Bedeutung ist — Einfluß auf die Höhe des Stunden- wie namentlich des Akkordlohnes des einzelnen Mannes. Sie gaben das Tempo für den Gang der Arbeit mit an und hatten es in der Hand, daß auch bei flauerm Geschäftsgange Leute nicht entlassen, sondern mit durchgeschleppt wurden. Traten wirklich Betriebseinschränkungen ein, so bestimmten ebenfalls sie mit, wer von den Leuten zu gehen habe; endlich waren sie imstande, manches mißratene Stück unbemerkt zu beseitigen, manches Verpfuschte zu vertuschen. Das alles machte sie für die Arbeiter ebenso wie für die Direktoren zu den wichtigsten Persönlichkeiten in der Fabrik, und es bestimmte auch sichtlich ihr Verhältnis und ihren Verkehr zu den Leuten und umgekehrt.

Dies Verhältnis ist eben durchaus das des Vorgesetzten zum Untergebenen. Je nach der Persönlichkeit des Mannes ist esangenehm oder unangenehm. Wir hatten in unsrer nächsten Nähe vier Meister. Der eine wurde von allen meinen Arbeitsgenossen einstimmig als grob, gemein und als Zwischenträger, dabei als unfähig, freundlich ins Gesicht, hinterlistig im Rücken geschildert, vor dem man den Neuling warnte. Auch ihm parierte man ohne Widerrede. Aber alle zeigten ihm gegenüber eine gewisse stolze Reserve, wiesen jede scheinbare Annäherung von seiner Seite zurück und hatten auf seine Anordnungen oft nur ein heimliches überlegenes Lächeln. Zwei andre Meister thaten schlicht und recht ihre Pflicht, ließen sich nicht allzusehr mit den Leuten ein, wurden hie und da grob gegen sie, wofür man meist mit gleicher Münze bezahlte. Sonst war in ihrem Verkehr nichts Sonderliches zu beobachten; eigentliche Zuneigung besaßen sie wenig. Wohl aber der vierte. Er erfreute sich, alles in allem genommen, bei den meisten großer Beliebtheit. Er war ein in seinem Fache erfahrener kluger Mann, wohlhabend, gewandt, und hatte eine große Gabe, die Leute recht zu behandeln. Er schnauzte sie mitunter tüchtig an, aber machte auch einmal mit jedem einen guten Witz und nahm überall seine Leute gegen andre Meister, wohl auch gegen die Direktoren in Schutz; wenn er früh morgens kam, wünschte er jedem einen guten Morgen, sah auch hie und da nicht hin, wo einmal gebummelt wurde, wenn er wußte, daß es nicht gerade eilig ging, und war gegen Petitionen um Lohnaufbesserung nicht taub und unzugänglich. Er war so klug, ältere, lange anwesende Leute anders, feiner, kordialer, freundschaftlicher zu behandeln als die jungen. Er hatte, wie das psychologisch erklärlich und bei Leuten dieser Bildungsstufe selbstverständlich ist, freilich auch seine Schützlinge und Sündenböcke, die aber zum Glück häufig wechselten. Alle gehorchten seinen immer im rechten Ton und in rechter Weise gegebenen Weisungen willig und sofort, wenn auch der einzelne Mann, je nach seiner Gesinnung, seinem Alter, seinem Charakter im stillen manches an ihm auszusetzen haben mochte und sich anders als der Nachbar gegen ihn benahm: bald freundlicher, bald zurückhaltender, bald selbstbewußter, bald serviler und mit dem sichtlichen Streben, bei ihm gut angeschrieben zu sein. So z. B. ein älterer Genosse meiner Kolonne, der, über die Fünfzig hoch hinaus, in rührender Weise alle seine schon abnehmenden Kräfte anspannte, so oft der Meister in die Nähe unsrer Arbeit kam, um ihm zu zeigen, daß er nochganz seinen Mann zu stellen vermöchte. Wieder andre zeigten ihm gegenüber eine gewisse Vertraulichkeit, Sicherheit, und einige wenige Verbissene heimliche Feindseligkeit. Die jüngern und fluktuierenden Elemente gehorchten ihm ohne Widerrede und gaben sich Mühe, ihn nicht zu erzürnen. Einen irgendwie nennenswerten günstigern moralischen Einfluß aber übten auch diese Meister nicht aus. Im Gegenteil, in ihrer ganzen Bildung, ihrem Denken, Streben, Handeln ihnen innerlich durchaus verwandt, bestärkten sie häufig nur, sowie sie zu solchen Äußerungen einmal die Gelegenheit und das Wort fanden, durch ihre sozial autoritative Stellung die sittlich sehr geringwertige Haltung und Gesinnung ihrer Untergebenen.

Ein intimeres Verhältnis bestand zwischen den Meistern und den meisten Vorarbeitern, mit denen sie gern einmal plauderten, selbstverständlich auch geschäftlich am meisten zu verkehren hatten, da sie mit ihnen die im Bau begriffenen Maschinen eingehend besprechen mußten. Wie die Meister unter sich standen, bekam ich nicht genau heraus. Eine äußerliche Kollegialität war jedenfalls vorhanden, aber ebenso auch eine gewisse Rivalität, in einem Falle wohl auch Neid, und in einem andern spöttische Geringschätzung. Das ganze Verhältnis kann man etwa mit dem bekannten der Subalternbeamten vergleichen. Einmal kam es in der Fabrik zwischen zwei Meistern zu einem lauten Skandal, bei dem sich die beiden Beteiligten zum Gaudium der Arbeiter wacker herumzankten.

Es erübrigt nun noch, einen Blick auf das Verhältnis der Arbeiterschaft zu dem kaufmännischen Kontorpersonal und zu den Zeichnern und Ingenieuren zu werfen. Man sah unter den Arbeitsgenossen jene sämtlich als zu einer andern Gesellschaftsklasse gehörig und ihnen innerlich und äußerlich fernstehend an. Das wurde befördert durch die Thatsache, daß jenes Personal nur wenig mit den Leuten in Berührung und nur selten in die eigentlichen Fabrikräume kam. Wenn es aber geschah, so war mindestens in der Hälfte der Fälle die Klage der Leute über das gleichgiltige oder hochfahrende Gebaren dieser Herren aus Kontor und Zeichenstube nach allen meinen Beobachtungen berechtigt. Es gab besonders einen Zeichner oder Ingenieur, ich weiß das nicht mehr genau, der ab und zu mit dem Anreißer wegen der Zeichnungen zu verhandeln hatte: auch nicht den kürzestenGruß zu uns brachte dieser Herr über die Lippen, selbst dem Anreißer gegenüber nicht, den sonst jeder zu grüßen pflegte. Das wurde von den in solchen Dingen feinfühligen schlichten Leuten gar bitter empfunden. Um so dankbarer und freudiger wurde dagegen von den Arbeitsgenossen die Freundlichkeit einiger andrer Herren und namentlich eines jungen schlanken Kaufmanns bemerkt, dessen höflicher Gruß und schlichte Art ihm uns alle zu Freunden machte. Einige Kontorschreiber standen selbstverständlich den Arbeitern näher.

Ein doppeltes Charakteristikum springt nun bei der übersichtlichen Beurteilung dieses eben geschilderten Verkehrs der Leute unter sich und vor allem mit ihren subalternen Vorgesetzten leicht in die Augen: einmal das wunderliche halb gleich halb untergeordnete Verhältnis der verschiedenen Arbeiterkategorien zu ihren Chargen, wenn ich so sagen darf, und zu einander; und zweitens die bedauerliche Abwesenheit aller nur einigermaßen erzieherisch wirkenden sittlichen Kräfte.

Jenes halb kordiale halb subordinierte Verhältnis ist darum so wunderlich und auffallend, weil es in schroffem Gegensatz steht zu dem sonstigen Charakter der Organisation und Disziplin unsrer großen industriellen Betriebe, die, wie wir das auch an unsrer Arbeitsordnung sehen, sonst vielmehr auf dem aristokratischen Prinzip der absoluten Unterordnung der Arbeiterschaft unter ihre Vorgesetzten und ihrer Abhängigkeit von diesen in Arbeits- und Lohnbedingungen beruht. Aber dieser scheinbare Widerspruch erklärt sich sehr wohl aus demselben Prinzip des Laissez aller, das unser Wirtschaftsleben überhaupt bestimmt. Während man aber diesen Satz von der freien Bewegung aller Menschen und Kräfte in diesem Falle in die absolute Freiheit der Verfügung der Leiter der Fabriken über die Arbeiter und Arbeitsbedingungen umgedeutet und demgemäß ausgenutzt hat, hat man im andern die Ordnung des Verhältnisses der Leute unter sich diesen einfach selbst überlassen. Und die auf eignes Zurechtkommen angewiesenen Arbeiter übertrugen da wohl anfangs das frühere, bewährte Verhältnis zwischen Meister und dem einzelnen Gesellen im ehemaligen Kleingewerbe auf die großen neuen Arbeitsverbände der großindustriellen Betriebe. Hier aber, wo der ehemalige Meister selbst nicht mehr selbständiger Herr ist, nahm die Sache sofort einen demokratischen Charakter an, der es bewirkte,daß der Arbeiter sich ohne geschriebene Satzungen und Paragraphen soweit den Anordnungen der nunmehr selbst subalternen Vorgesetzten beugt, als sie der Betrieb verlangt und seine persönliche Würde achtungsvoll anerkannt wird. Es leuchtet ein, von wie großer Bedeutung diese demokratisch-sozialistischen Verkehrsgewohnheiten bei der Arbeit für das wirtschaftliche Denken der Leute sein müssen.

Über den zweiten Punkt, den Mangel sittlicher Faktoren und einer bewußten Verwertung und Verwendung derselben durch die niedern und höhern Vorgesetzten, braucht nicht allzuviel mehr gesagt zu werden. Die stumme Thatsache redet schmerzlich laut genug für sich selbst. Sie beweist an ihrem Teile das, was dies ganze Kapitel über die Arbeit in der Fabrik bloßlegt, und was als Schlußwort an seinem Ende folgen mag, daß sich alle unsre großartigen Fabrikbetriebe ganz einseitig nur als Institute zur Schaffung ausschließlich materieller Werte repräsentieren. Was von sittlichen Kräften in ihnen wirkt, ist die Folge rein zufälliger günstiger Verhältnisse und nicht eine bewußte Absicht dazu. Ihnen allen fehlt noch der sittliche Adel, der ihnen zukommen würde, sobald man sie zugleich auch als Stätten einrichtete und ausnutzte, die als die modernsten und großartigsten Bildungen menschlicher Lebens- und Arbeitsgemeinschaft zugleich auch bestimmt wären, allen in ihnen beschäftigten, hoch und niedrig, durch ihre Arbeitsbeteiligung und Arbeitsleistung gleich günstige Gelegenheit zu einer freudigen Bethätigung ihrer geistigen Fähigkeiten und einer harmonischen Ausgestaltung auch ihrer sittlichen Persönlichkeit zu bieten. Nur erst, wenn diese Auffassung von dem Beruf eines Fabrikorganismus zur allgemeinen Anerkennung und Herrschaft willig oder widerwillig gebracht worden sein wird, hat das moderne Institut der Fabrik seine sittliche Daseinsberechtigung erlangt und wird das gepriesene Mittel werden, die Menschheit einen gewaltigen Schritt vorwärts zu bringen, ihrer unabsehbaren Bestimmung entgegen. Und ich wage zu meinen, daß die Verwirklichung dieses Zieles sich sehr wohl vereinigen läßt mit der in der That durchaus gleichbedeutsamen Rücksicht auf die wirtschaftliche Leistungs- und materielle Ertragsfähigkeit solcher großen Etablissements, sofern die betreffenden Fabrikleiter nur erst einigermaßen von dem Bewußtsein der gewaltigen erzieherischen Aufgaben durchdrungen sind, zu deren Bewältigung sie von Berufs wegen, um des Vaterlandes und des Volkes, um der Sittlichkeit und der Religion willen verpflichtet sind. Dazu aber sind sie — mit oder wider ihren Willen — durch den Druck einer neuen, bessern, idealern, sittlichen, christlichen öffentlichen Meinung einfach zu erziehen.


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