Wambugwe3000Wassandaui4000Warangi (mit Uassi)4000Wafiomi3000Mangati3000Iraku5000Wanyaturu400026000
Für die sesshaften Bewohner der abflusslosen Gebiete (mit Ausnahme der Wagogo) wäre also eine Zahl von 26000, allerhöchstens (mit den Wanyairamba) 30000 anzusetzen! Eine Nebenstrasse in Berlin, eine einzige Kaserne enthält also mehr Menschen, als ganze Stämme, die, wie die Wambugwe, eigene Sprache und Sitten besitzen. Und doch könnte das abflusslose Gebiet leicht die hundert und tausendfache Zahl von Menschen ernähren!
Die Gebiete östlich vom Nyansa sind im Allgemeinen schwach besiedelt. Am Ufer des Sees wechseln unbewohnte mit stark bewohnten Strichen; noch sporadischer, noch insularer ist die Besiedelung im Inland, in den Waschaschi-Gebieten. 4 Menschen auf den Quadrat-Kilometer dürfte hier etwa das richtige Verhältniss sein.
Das am dichtesten bewohnte Gebiet, welches ich auf dieser Reise kennen gelernt, ist Usukuma, besonders die Landschaften Ntussu, Usmau und Mwansa, doch schieben sich auch hier Steppenstreifen zwischen die bewohnten Gebiete und mehr als 7 Menschen auf den Quadrat-Kilometer dürften nicht anzusetzen sein. In Süd-Unyamwesi liegen ansehnliche Ortschaften in grossen unbewohnten Strichen sporadisch verstreut, während sich in Usukuma kleine Ortschaften dicht an einander drängen. Dennoch macht Süd-Unyamwesi einen schwach bewohnten Eindruck und mehr als 6 Menschen auf den Quadrat-Kilometer sind hier wohl nicht anzunehmen. Relativ schwach bewohnt sind Usinja, Ussui und Uha. 4 Bewohner auf den Quadrat-Kilometer dürfte hier die allerhöchste Ziffer sein. Ziemlich schwer wird es mir bezüglich Urundi und Ruanda, selbst annäherungsweise Zahlen zu sagen; denn die Volksmassen, welche mich fortwährend umgaben, konnten leicht den Eindruck einer dichten Bewohnerschaft hervorrufen, welche den Thatsachen nicht entspricht. Da es jedoch dort fast gar keine unbewohnten Gebiete giebt und die kleinen Siedelungen mit geringer Hüttenzahl recht dicht verstreut sind, so glaube ich, dass 7 Menschen auf den Quadrat-Kilometer nicht zu hoch gegriffen ist.
Wenn man das ganze Gebiet überblickt, so kann kein anderes Urtheil gefällt werden, als dass dasselbe nurdünnbevölkert ist. Sporadisch und mehr oder weniger dicht gesäet sind besiedelte Stricheauf weite, unbewohnte Gebiete vertheilt, nur in wenigen Gegenden trifft man grössere bebaute Landschaften.
Was die nomadischen Hirten und Jäger anbelangt, so haben dieselben wirthschaftlich natürlich keine Zukunft. Denn mit dem Fortschritt der Kultur ist nomadische Lebensweise unvereinbar, diese Völker müssen auf irgend eine Art verschwinden, sei es, dass sie unter den Ackerbauern aufgehen, sei es, dass der stärker werdende Kampf ums Dasein sie gänzlich verdrängt.
Die sesshaften Stämme ernähren sich sämmtlich von Ackerbau, der mit der Hacke betrieben und von Viehzucht gänzlich unabhängig ist, die nebenbei auch gepflegt wird. Im abflusslosen Gebiet und in Unyamwesi spielt Sorghum die erste Rolle, bei den Waschaschi Eleusine und Penicillaria, in Usinja Maniok, in Ussui Sorghum, in Urundi vorherrschend Bananen und Hülsenfrüchte. Selbstverständlich wird nur soviel angebaut, als zum Leben nothwendig ist, da irgend welcher Export an Nahrungsmitteln nicht stattfindet. Fast bei allen Stämmen wird der Ackerbau mit grosser Sorgfalt betrieben, die Felder sind meist gut gehalten. Die besten Ackerbauer sind die Wanyamwesi, die mit grosser Vorliebe und ungemein rasch fremde Kulturpflanzen, wie Reis und Baumwolle, annehmen und bauen.
Dennoch schliesst diese Art der Kultur häufige Hungersnoth nicht aus. Bei einer Missernte sind die Vorräthe, so bedeutend sie auch oft sind, nicht genügend, um bis zur nächsten Ernte vorzuhalten und die Isolirung der einzelnen Landschaften, der Mangel jeglicher Verkehrsmittel lassen selbst eine rein lokale Missernte zur Katastrophe werden, der Hunderte erliegen. Diese periodisch auftretende Hungersnoth, verbunden mit Stammesfehden, welche jene Gebiete fast unaufhörlich zerfleischen und Pockenepidemien, die oft furchtbare Verheerungen anrichten, decimiren die Bevölkerung oder lassen doch eine Vermehrung derselben nicht zu. Es liegt auf der Hand, dass die Verbesserung der Verkehrsmittel, die Erhöhung der Sicherheit des Lebens und Eigenthums, die Kultur mit einem Worte, geeignet ist den materiellen Zustand dieser Stämme und damit auch die Bevölkerungszahl zu heben.
Wenn wir dieKulturpflanzender Eingeborenen auf ihre Entwickelungsfähigkeit für den Export betrachten, so sind die Hirsearten (Sorghum, Eleusine, Penicillaria) wohl nicht oder doch erst in zweiter Linie zum Export aus so fernen Gebieten geeignet. Dasselbe gilt von den Knollengewächsen, Maniok, süssen Kartoffeln und von Bananen, die sämmtlich an erster Stelle als Nahrungspflanzen stehen. Aussichtsvoll sind jedoch manche jener Produkte, die heute nur nebenher gebaut werden.
Weizenwird in Unyanyembe und Irangi durch Araber und Wanyamwesi gebaut. Obwohl diese Gegenden keineswegs besonders fruchtbar sind, liefert er doch bei fleissiger Berieselung gutes Erträgniss. Noch besser würde er in Hochgebieten gedeihen. Da durch die Erfahrung bewiesen ist, dass Weizen selbst in trockenen Gebieten Ostafrika's gedeiht, so scheint mir eine Förderung seiner Kultur vor Allem wünschenswerth.
Reiswird in Usukuma, Unyanyembe und Urambo von Eingeborenen gebaut und wurde ursprünglich von Arabern importirt. Da die betreffende Varietät auch im Trockenen gedeiht, so steht einem Anwachsen dieser Kultur kein Hinderniss entgegen.
Baumwollepflanzt man in Usukuma zur Herstellung des ungemein festen, einheimischen Baumwollzeuges. In Gegenden, wo das europäische Zeug eingeführt wird, schwindet diese Kultur, die hauptsächlich für die Tieflandsgebiete bestimmt erscheint.
Oelfrüchte, Sesam und Arachis pflanzt man in vielen Gegenden, letztere besonders massenhaft in Schaschi und es liesse sich bei geeigneten Transportmitteln schon jetzt ein namhafter Export erzielen.Palm-Oelproduziren die Tanganyika-Ufer in grossen Mengen und versorgen selbst Tabora mit solchem.
Kaffeewird, soweit mir bekannt, in Deutsch Ost-Afrika nirgends, wohl aber in Uganda gebaut und liefert dort eine grossbohnige, dem Liberia-Kaffee ähnliche Sorte von mittelmässiger Qualität. Dieselbe könnte eben so gut in deutschem Gebiete gepflanzt werden.
Tabakwird fast überall in reichlichen Mengen, allerdings minderer Qualität gebaut und könnte heute schon einen Exportartikel liefern.
Produkte der Viehzuchtspielen im Karawanenverkehr eine gewisse Rolle. Zeburinder, Ziegen und Schafe werden als Schlachtvieh an die Küste getrieben und dort meist mit sehr grossem Gewinn verkauft. Esel der guten Massai- und der schlechteren Wanyamwesi-Varietät gelangen auch oft an die Küste, wo sie sehr schwankende Preise von 5-40 Rps. erzielen. Die Seuche, welche in den letzten Jahren in Ost-Afrika wüthete, hat einen grossen Theil der Rinder hinweggerafft und nur langsam erholen sich die Viehzüchter von derselben. Rationelle Zucht, eventuell Veredelung durch fremde Rassen, kann viel zur Hebung der Viehzucht beitragen, auch muss auf die Ausbildung der Rinder zu Zugthieren Bedacht genommen werden, da die höhere Entwickelung des Ackerbaues solche unbedingt erfordern wird.
Die Esel sind heute schon ein nicht zu unterschätzendes Transportmittel und sowohl als Lastthiere, wie zum Karrenzug verwendbar. Veredelungen mit den im Innern vorzüglich gedeihenden Maskat-Eseln würden jedenfalls gute Resultate erzielen. —
Fast sämmtliche oben genannte Kulturpflanzen sindnichtafrikanischer Abkunft, sondern erst seit relativ kurzer Zeit eingeführt. Grade dieser Umstand beweist, dass man von den Afrikanern erwarten und hoffen kann sie zur weiteren Ausdehnung dieser Kulturen wie zur Annahme neuer Nutzpflanzen bereit zu finden.
Manche Stämme, vor Allem die Wanyamwesi, haben sich Bedürfnisse, hauptsächlich an Baumwollzeug, angeeignet, zu deren Befriedigung sie sich grosser Mühe unterziehen. Als Träger wandern sie nach der Küste, leisten dort oft Dienste als Arbeiter und kehren dann mit deneuropäischen Industrieerzeugnissen ins Innere zurück.
Mit dem Schwinden des Elfenbeins, mit der Eröffnung der Kongo- und Nyassaroute wird der grosse Karawanenverkehr und damit auch diese Einnahmequelle aufhören. Zwar werden die Leute an der Küste stets Arbeit finden, aber es scheint doch sicher, dass sie auch bereit sein werden, durch Anbau werthvoller Kulturpflanzen ihre Bedürfnisse zu decken, falls durch Verkehrsmittel die Märkte zu solchen geschaffen werden. Auch jene Stämme, welche gegenwärtig abseits der Handelsstrassen ein primitives Dasein führen, unter welchen sich jedoch hochbegabte und kräftige Völker, wie die Wambugwe und vor Allem die Warundi, befinden, werden sich Bedürfnisse aneignen und mit der Aussenwelt in Beziehung treten, sobald moderne Verkehrsmittel bis ins Innere führen.
DerImportnach diesen Gegenden besteht vor Allem in bedeutenden Mengen Baumwollzeug. Dieses wird wohl stets die erste Rolle spielen und gewinnt täglich an Verbreitung. Im südlichen Unyamwesi und Ost-Ussui hat es Fell- und Rindenkleidung fast vollkommen ersetzt, in Usukuma nimmt es ungeheuer zu. Nur im abflusslosen Gebiet ist fast ausschliesslich Lederkleidung üblich, während Urundi nur Rindenzeug kennt. Wie rasch jedoch Baumwollzeug solche nationalen Bekleidungsmittel verdrängen kann, zeigt das Beispiel in Umbugwe. Im März 1892, bis zu welchem Zeitpunkt das Land gänzlich unzugänglich war, sah ich dort ausschliesslich Lederkleidung. Als durch die Kämpfe der Expedition das Land erschlossen wurde, verbreitete sich Baumwollzeug mit unglaublicher Schnelligkeit und im Januar 1893 fand ich die meisten Eingeborenen damit bekleidet, während im März 1892 kaum ein Fetzen im ganzen Lande aufzutreiben war. Was die Qualität dieser Stoffe anbelangt, so verlieren dieschlechtenimmer mehr an Beliebtheit. Die Erfolge des Irländers Stokes gegenüber seinen indischen und arabischen Konkurrenten liegen hauptsächlich darin, dass erguteundbilligeStoffe verkauft, welche die Eingeborenen den schlechten vorziehen, auch wenn diese noch billiger sind.
Neben Baumwollstoffen könnte noch die Waffen- und Munitionseinfuhr genannt werden, die stets in bedeutenden Mengen stattfand. Dieselbe steht jedoch in so innigem Zusammenhange mit dem Sklavenhandel und könnte eine so bedrohliche Macht im Rücken des Küstengebietes schaffen, dass ihre strenge Unterdrückung bekanntlich zu den wichtigsten, durch internationale Verträge verbürgten Aufgaben der deutschen Kolonialverwaltung gehört. Es kommen also nur mehr Nebenartikel, wie Glasperlen, Metalldraht, Produkte der Eisenindustrie u. s. w. in Betracht.
Dass diese Länder eine kolossale Konsumtionsfähigkeit besitzen ist zweifellos. Um jedoch die Völker zu Konsumenten zu machen, bedarf es vor allem der Hebung der eingeborenen Produktion durch Herstellung geordneter Zustände und durch Schaffen von Verkehrsmitteln, welche den kostspieligen, für minderwerthige Produkte ungeeigneten Trägertransport vortheilhaft ersetzen.
Was die unbewohnten Gebiete anbelangt, so scheint mir deren allmähliche Besiedelung in hohem Grade wünschenswerth. Dieselbe muss durch eingeborene Einwanderung begonnen werden, welcher dann vielleicht eine fremde Einwanderung folgen kann.
Bei dereingeborenen Einwanderungdenke ich vor Allem an die Wanyamwesi, die heute schon mit Vorliebe Kolonien in anderen Gegenden gründen. Ihre Arbeitskraft, Zähigkeit und Intelligenz macht sie zu Kulturträgern ersten Ranges, wie man in Unyanganyi und Ussandaui sehen kann, wo Wanyamwesi-Ansiedler die wilden Eingeborenen vollkommen gebändigt und das Land dem Handel erschlossen haben. Die Förderung und systematische Anlegung solcher Kolonien gerade im abflusslosen Gebiet scheint mir von hervorragender Wichtigkeit. Jede solche Niederlassung vertritt, wenn sie unter gehöriger Aufsicht steht, eine Station mit einem Europäer; ohne Schutztruppe, ohne Weissen kann man hier dasselbe Ziel, die Sicherung der Strassen, die allmähliche Heranbildung der Eingeborenen, erreichen. Menschenmaterial findet man in Unyamwesi genug, denn der Unternehmungsgeist dieses merkwürdigen Volkes treibt Angehörige desselben immer wieder in die Ferne. Solche Kolonien unter primitiven Völkern, wie Wafiomi, Wanyairamba, Wanyaturu u. s. w. wären ein äusserst nützliches Ferment. Wo sie heute bestehen, sieht man deutlich, wie die Eingeborenen mehr und mehr ihre ursprünglichen Sitten verlassen und sich dem Wanyamwesi-Typus nähern, eine Umwandlung, welche der Ethnograph vielleicht beweint, der Kolonialpolitiker aber nur mit Freuden begrüssen kann.
Dass ähnliche Niederlassungen unter europäischer Aegide möglich sind, zeigt meine Begründung einer Wanyamwesi-Kolonie in Umbugwe unter Mwanangwa Swetu. Dieselbe erblühte unglaublich rasch und war für meine Nachfolger Kompagnieführer Langheld und Herrn Wolf ein Stützpunkt von hohem Werth, erfüllt also genau denselben Zweck als eine Station mit einem Europäer, nur dass die Kosten monatlich nicht mehr als 5 Rps. betragen! Solche Ansiedler, die ihre Existenz an ein Land knüpfen haben eben ein direktes Interesse mit den Eingeborenen einen modus vivendi zu finden und verstehen es rasch zu Einfluss zu gelangen. Anderseits ist ihnen das Wohlwollen und die Unterstützung der Europäer von so hohem Werth, dass sie sich sorgfältig hüten es mit diesen zu verderben. Natürlich muss ihre Autorität den Eingeborenen gegenüber eine gewisse Stütze erhalten; diese liesse sich jedoch von einer europäischen Station aus leicht gewähren, die gleichzeitig die Ueberwachung dieser Wanyamwesi-Kolonien zu leiten hätte.
Wenn schon im besiedelten Theil des abflusslosen Gebietes solche Wanyamwesi-Niederlassungen den höchsten Werth hätten, so wäre dies noch mehr im Massai-Land, hauptsächlich in Mutyek und bis Serengeti hin der Fall. Dass es möglich wäre Leute zu finden, die sich in den genannten Gegenden sowie in den Massai-Steppen, am Donyo Kissale u. s. w. niederlassen und dadurch diese Gebiete zugänglichmachen, scheint mir völlig zweifellos. Von den Massai ist, wie ich ausdrücklich betone, weder bezüglich solcher Ansiedelungen noch überhaupt das Geringste zu fürchten. Ihre Hauptmacht ist gebrochen, auch sind sie, wie sich in der englischen Interessensphäre täglich zeigt keineswegs so schroff ablehnend wie stets angenommen wurde.
Eine wenn auch noch so sporadische Besiedelung durch eingeborene Ackerbauer muss vorangehen, bevor an die Einleitung einer fremdeneuropäischen Einwanderunggedacht werden kann. Wenn es überhaupt Gebiete im tropischen Afrika giebt, die für solche Ansiedelung geeignet sind, so sind es die deutschen Massai-Gebiete von Iraku bis Mau, wo Höhenklima sich mit Wasserreichthum paart. Allerdings wäre es verfehlt, direkt einen diesbezüglichen Versuch einzuleiten. Zu einem solchen eignen sich die küstennahen Hochweide-Gebiete Usambára's und Pare's, vielleicht auch des Kilimanjaro am meisten. Da die für Europäer geeigneten Striche dieser Landschaften immerhin nur kleine sind, so muss jedoch schon von vornherein an die Möglichkeit einer Besiedelung der Massai-Gebiete gedacht werden, die vor Allem durch Anlage von Wanyamwesi-Kolonien eingeleitet werden könnte.
Denn nur in den Hochgebieten, die eben in geschlossenen Massen im Massailand vorhanden sind, kann an die Möglichkeit europäischer Ansiedelungen gedacht werden. DieTiefländerunter 1200 m Seehöhe sind nirgends malariafrei und gestatten daher Europäern eine dauernde Niederlassung nicht. Ob für diese weiten, spärlich bewohnten Striche vielleicht eine andere fremde, etwa chinesische oder indische Einwanderung in Betracht käme, mag dahingestellt bleiben: Raum genug für eine solche wäre jedenfalls vorhanden.
Wie immer man jedoch die wirthschaftliche Zukunft des Innern Ostafrika's betrachtet, stets stösst man auf die Schwierigkeit derTransportmittel, deren heutige Form jede Entwickelung hemmt. Durch Trägerkarawanen lässt sich eben nur Elfenbein, vielleicht auch Vieh und Esel mit grosser Schwierigkeit nach der Küste schaffen. Alle anderen Produkte, vor allem jene des Ackerbaus, die doch die eigentliche Zukunft des Landes bilden, sind auf diesem Wege nicht zu befördern, da sie die Kosten solchen Transportes nicht lohnen.
Wenn es sich nun darum handelt Linien zu finden, welche durch Anlage einerStrasseoderEisenbahndie Kolonie erschliessen sollen, so müssen dabei in erster Linie wirthschaftliche, in zweiter Terrain-Gründe maassgebend sein. Es muss ferner bedacht werden die »zweite Küste« Ostafrika's, die der grossen Seen möglichst auszunutzen.
Eine Linie, welche, sei es nun von Tanga oder von Bagamoyo oder Dar-es-Salaam aus nach Tabora führt, müsste nach dem obengenannten Gesichtspunkte als gänzlich verfehlt betrachtet werden. Denn bei diesem Projekt herrscht offenbar die irrige Voraussetzung, dass Tabora, das lange Zeit das Emporium des Elfenbein- und Sklavenhandelswaraber schon heute nicht mehristauch in Zukunft eine Rolle spielen werde. Dies ist jedoch, wie oben ausgeführt,vollkommen ausgeschlossen. Ebenso wie Msenne, welches 1858 der Centralpunkt des Inlandhandels war, völlig verschwunden ist, so wird in einem Jahrzehnt auch von Tabora nicht viel übrig bleiben.
Eine Bahn von Tanga nach Tabora hätte allerdings keine wesentlichen Terrainschwierigkeiten zu überwinden. Sie würde bei Korogwe den Ruvu überschreiten und bei Mgera fruchtbares Gebiet verlassen. Durch den ödesten Theil der Massai-Steppe würde sie nach Irangi führen und die fruchtbaren Hochgebiete weitab im Norden liegen lassen. Etwa bei Unyanganyi müsste sie das Plateau ersteigen, welches in Turu besonders unfruchtbar ist, hierauf die Wembere-Steppe durchqueren und käme erst in unmittelbarer Nähe Taboras in halbwegs fruchtbares Gebiet.
Nicht viel besser ist die Linie Bagamoyo—Tabora, die überdies Anfangs ziemlich grosse Terrainschwierigkeiten bietet. Sie verlässt in Usagara fruchtbares Gebiet und führt durch wasserarme, dürre Strecken von Ugogo nach Tabora. — Die ganze Linie, vom Küstengebiet, also von Mgera einerseits und Usagara andererseits wäre wirthschaftlich völlig unproduktiv und müsste erst durch Seitenlinien ergänzt werden. Dasselbe wäre auch in Tabora der Fall, man müsste einerseits zum Victoria-See, andererseits zum Tanganyika Linien errichten, wenn das ganze Unternehmen überhaupt einen Zweck haben soll. Wenn es sich also, wie auch von den Vertretern der Tabora-Linie allgemein anerkannt wird, vor Allem um die Erreichung der Seen handelt, so ist kein Grund einzusehen, warum dieser Zweck nicht in gerader Richtung angestrebt werden soll.
Eine Bahn, die von Tanga zum Speke-Golf führt, würde sich der Luftlinie am meisten nähern. Im Anschluss an die Korogwe-Bahn würde sie, dem Thal des Ruvu oder Mkomasi folgend, an den Fuss des Kilimanjaro gelangen. Der weitere Weg wäre nach Ober-Aruscha, um das Südende des Simangori-Berges zum Nordende des Manyara-See, dann auf die Höhe des Plateaus, durch Mutyek und am Nordende des Eyassi vorbei nach Serengeti und Ntussu zum Nyansa, der etwa bei Nassa erreicht würde.
Die Terrainschwierigkeiten dieser Linie wären nicht bedeutende, jedenfalls ohne Vergleich geringer, als die der englischen Mombas—Victoria-See-Bahn.
Bis zum Kilimanjaro durchschneidet die Bahn Ebenen und hat keinerlei nennenswerthe Hindernisse zu überwinden. Aus rein wirthschaftlichen Gründen wäre die etwas schwierigere Mkomasi-Route jener durch das Ruvu-Thal vorzuziehen. — Zwischen dem Kilimanjaro und Ober-Aruscha dehnen sich ebenfalls Ebenen aus, in welchen die Ueberbrückung einiger Gewässer nothwendig wären. — Zwischen Ober-Aruscha und dem Manyara-See führt die Linie fast völlig eben. Die Bäche, welche in den See münden, würden wieder einige unbedeutende Brücken erfordern, hierauf wäre die grösste Schwierigkeit, die Ersteigung des Plateaus zu überwinden. Der Abfall ist aber am Nordende des Manyara nur ca. 100 m hoch, also weit niedriger und sanfter als an irgend eineranderen Stelle. Am Plateau von Mutyek, etwa bis zur Höhe des Eyassi, dürften noch einige nicht namhafte Schwierigkeiten zu bewältigen sein. Dann tritt die Linie wieder in Ebenen und durchschneidet diese ununterbrochen bis zum Victoria-See. Bei einer Länge von ca. 800 km hätte die deutsche Victoria-See-Bahn also ungleich geringere Terrainhindernisse zu überwinden als die 1060 km lange englische.
Wirthschaftlich könnten durch eine solche Bahn die folgenden Ziele erreicht werden: die fruchtbaren Gebiete des nördlichen Usambáras und Pares würden direkt an die Küste angeschlossen. Der Kilimanjaro, der nach Aussage aller Beobachter zu den besten Gebieten Ostafrika's gehört und auch militärisch von hoher Wichtigkeit ist, wäre zugänglich gemacht. Im weiteren Verlauf berührt die Linie den Meru, der kaum weniger günstig beschaffen ist als der Kilimanjaro, durchschneidet die Massai-Steppe in ihrem weniger unfruchtbaren, schmalen Nordabschnitt und erreicht den Manyara, in dessen nächster Nähe sich die bewohnten Ackerbaudistrikte Umbugwe und Iraku befinden. Sie durchzieht hierauf das Mutyek-Plateau, welches, heute unbewohnt, doch zu den fruchtbarsten Gebieten gehört und besonders in Bezug auf europäische Einwanderung in Betracht kommt. Am Nordende des Eyassi-See berührt die Linie die reichen Kochsalzlager dieser Distrikte, führt hierauf durch Serengeti, das hauptsächlich als Weideland in Betracht käme und betritt Usukuma, eines der dichtest bewohnten und bebauten Gebiete des Innern, das bezüglich Ackerbau sehr entwicklungsfähig ist.
Im Anschluss an die Bahn müsste natürlich ein Dampfer auf dem Victoria-See laufen. Selbst für Dampfer bis zu 6 m Tiefgang ist der See bequem fahrbar, doch müsste Feuerungsmaterial, sei es von Kohlen oder Petroleum, mit der Bahn heraufgeschafft werden. Dieser Dampfer, sowie einige Segelschiffe müssten den Verkehr auf dem See herstellen und vor Allem dessen Küsten mitSalzversorgen.
Von Seiten feindlicher Völkerschaften wäre auf dieser Linie so gut wie nichts zu befürchten. Einzig die Bewohner von Ober-Aruscha sind entschiedene Gegner, doch steht deren endgiltige Niederwerfung in hoffentlich naher Aussicht.
Im weiteren Verlauf der Route, besonders im Massai-Land, sind Hindernisse von Seiten der Eingeborenen ganz und gar nicht zu fürchten. Die Engländer, deren projektirte Bahn doch ebenfalls das Massai-Land durchquert, veranschlagen für dieselbe eine Schutztruppe von 400 Swahíli-Askari, hauptsächlich zur Bewachung der Telegraphendrähte. Nach meiner Ansicht wäre diese Zahl für die deutsche Linie noch zu hoch gegriffen. — Jedenfalls müsste jedoch einem Bahnunternehmen die wenigstens theilweise Besiedelung der Massai-Länder durch Wanyamwesi-Kolonien vorangehen, da die Verpflegung der Arbeiter während des Baues sonst schwierig würde. Die Anlage solcher könnte in 1-2 Jahren in genügender Zahl erfolgt sein und mit den Trassirungsarbeiten für die Bahn Hand in Hand gehen.
Schematisches Profil der Victoria See-BahnBaumann, Massai, pag. 255.Schematisches Profil der Victoria See-Bahn.1:4,000,000.
Baumann, Massai, pag. 255.
Schematisches Profil der Victoria See-Bahn.1:4,000,000.
Die Engländer nehmen für ihre Bahn die Benutzung indischer Kulis als Arbeiter in Aussicht, da die englische Interessensphäre keinerlei Völker beherbergt, die gegenwärtig schon zu intensiver Thätigkeit geneigt wären. — Darin ist man deutscherseits in glücklicherer Lage; die Wanyamwesi stehen hier zur Verfügung. Tausende von Arbeitern sind jederzeit in Usukuma und in den südlichen Strichen Unyamwesi's zu haben. Nur für Arbeiten, welche besonderes Geschick erfordern, wären Leute von der Küste oder von auswärts nöthig.
Die Verpflegung von Trassirungs-Kolonnen, sowie die der Arbeiter während des Baues hätte keinerlei unüberwindliche Schwierigkeiten. Bis Ober-Aruscha liefern die umliegenden Landschaften genügende Nahrung. Ein Proviantdepot am Nordende des Manyara, wo auch eine Wanyamwesi-Niederlassung zu gründen wäre, liesse sich leicht von Umbugwe aus versorgen. Zwischen Manyara-See und Ntussu ist allerdings gegenwärtig kein Proviant zu erhalten und es müsste die Verbindung durch Begründung von Wanyamwesi-Niederlassungen vermittelt werden. Uebrigens ist die genannte Strecke kaum so lang wie die von Kikuyu nach Kavirondo der englischen Bahntrasse, die ebenfalls absolut keine Nahrungsquellen bietet. Transporte auf dieser Route könnten von Anfang an vorzugsweise mit Eseln ausgeführt werden, die sich, wie ich aus Erfahrung weiss, sehr gut dazu eignen.
Ausser der genannten Linie könnte für eine Victoriasee-Bahn noch die Route Tanga—Korogwe—Mgera—Irangi—Umbugwe—Meatu—Speke-Golf in Betracht kommen. Dieselbe ist zweifellos kürzer und bequemer als die alte Ugogo-Route und daher einervorläufigenEntwickelung als Karawanenstrasse wohl werth. Doch bietet sie ungleich mehr Terrainschwierigkeiten und durchschneidet vielfach wirthschaftlich aussichtslose Gebiete, sodass eine Bahn hier keine Vortheile hätte. Da Umbugwe und die Nachbarländer viele Esel besitzen und in Mgera einerseits, in Usukuma andererseits, leicht Träger zu bekommen sind, so hat diese Route für gegenwärtige Verhältnisse, sowie als Zufuhrlinie bei Bahnarbeiten grossen Werth und könnte durch rohe Klärung event. auch für Eselkarren befahrbar gemacht werden. — Durch Wanyamwesi-Kolonien nahe den Routen Mgera-Irangi und Mbulu-Meatu liessen sich die grossen nahrungslosen Strecken dieser Linie verkürzen. Hier sowohl wie im Massai-Lande mag es schwierig erscheinen, Niederlassungen in unbewohnten Gebieten zu errichten. Wie ich jedoch die Verhältnisse kennen gelernt, ist mir nicht zweifelhaft, dass man das nöthige Menschenmaterial dazu findet und dass in wenigen Jahrennahezu ohne Kosten, die weiten unbewohnten Gebiete wenigstens sporadisch besiedelt sein könnten.
Was das Bahnunternehmen anbelangt, so erscheint es auf den ersten Blick gewagt, dasselbe auf eine Linie zu lenken, die heute fast völlig unproduktiv ist. Aber es kann nicht genug betont werden, dass jedes Projekt, welches auf denheutigenHandelsverkehr basirt ist, von gänzlich verfehlter Anschauung ausgeht. Denn Elfenbein wird niemals eine Bahn bezahlt machen, das können nur Produkte des Ackerbaues.
Dass eine Bahn ein Kulturfaktor ersten Ranges und geeignet ist, einen ungeahnten Aufschwung zu veranlassen, ist durch zahllose Beispiele in europäischen und überseeischen Ländern bewiesen. Nicht nur der gesammte Handel wird sich sofort an der Bahnlinie und ihren Ausgangspunkten koncentriren, sondern auch jeder unerlaubte Verkehr, vor Allem der Sklavenhandel wird aufhören oder bei der kolossalen Abnahme jedes Karawanen-Verkehrs leichter zu verhindern sein.
Die Engländer, die doch in kolonialen Dingen gewiss keine Phantasten, keine »Schwärmer« sind, gehen mit Ernst an den Bau der Victoriasee-Bahn. Der einzige wenn auch nur scheinbar stichhaltige Einwand gegen eine deutsche Bahn wäre der, dasszweiBahnen zum Victoria-See des Guten etwas viel seien. Die Vortheile der Route Kilimanjaro—Speke-Golf gegenüber jener Kikuyu—Kavirondo sind jedoch in die Augen springend. Vor Allem ist es dienächsteLinie — käme doch eine Bahn Mombas—Kilimanjaro—Speke-Golf der Luftlinie nahezu gleich —, ferner sind die Terrainschwierigkeiten ungleich geringer und Arbeitskräfte weit leichter zu beschaffen. Die Kosten einer solchen Bahn wären also weit geringer und der erreichte Hauptzweck, die Verbindung des Victoria-Sees und Uganda's mit der Küste wäre derselbe. Es scheint also nicht abzusehen, warum eineVereinigung der beiden Bahnprojekte, des deutschen und englischen, nicht denkbar wäre.
Wenn man die Victoriasee-Bahn auf die Möglichkeit einer weiteren Verlängerung betrachtet, so findet man, dass die Mlagarassi-Zuflüsse in nächster Nähe des Victoria-Sees entspringen, also zweifellos eine Bahnlinie zum Tanganyika, etwa von Bukome nach Ujiji, ohne besondere Schwierigkeiten ermöglichen würden. Doch gehört eine solche zweifellos der späteren Zukunft an, vorläufig ist der Tanganyika unbedingt abhängig von derNyassa-Route. Kein wie immer geartetes Bahnprojekt kann mit dieser konkurriren. Sich zur Nyassa-Route einen Zugang zu sichern, die weiten, vielversprechenden Gebiete im Süden des Schutzgebietes, die heute noch eine terra incognita sind, zu erforschen und der Kultur aufzuschliessen, scheint mir eine der dringlichsten Aufgaben deutscher Kolonialpolitik. Hier ist noch Pionierarbeit zu thun, während dieselbe im Norden des Schutzgebietes vollendet und die Spezialforschung, die allmähliche wirthschaftliche Erschliessung einsetzen kann.
Auf die Wichtigkeit geographischer Forschung kann nie genug hingewiesen werden, obwohl dieselbe selbst in kolonialen Kreisen gar oft als »gelehrter Kram« im Gegensatz zu den »praktischen« Arbeiten aufgefasst wird. Wie kurzsichtig diese Ansicht ist, zeigt am besten das Beispiel von Usambára. Es ist neuerdings öfter die Frage aufgeworfen worden, warum sämmtliche wirthschaftliche Unternehmungen sich auf Usambára koncentriren, wo doch andere Gebiete ebenso grosse, ja grössere Vortheile bieten sollen. Die Antwort darauf ist einfach die: weil man Usambára kennt und weil es Niemanden einfällt sein Kapital in Ländern auf's Spiel zu setzen, von welchen man nichts weiss. Aber nicht nur diegeographisch-naturwissenschaftliche, sondern auch die ethnographische Forschung hat eine eminent praktische Bedeutung, auf die auch Stuhlmann in seinem ausgezeichneten Werk hinweist. Denn sie allein ist im Stande uns mit dem Denken und Fühlen der dunkelfarbigen Völker vertraut zu machen, welche die deutschen Schutzgebiete bewohnen. So lange Offiziere und Beamte vom hohen Ross ihres Europäerthums verächtlich und interesselos auf den Neger herabblicken, solange sie »Afrika ohne die Afrikaner« regieren wollen, so lange wird die Zeit der verhängnissvollen Irrthümer kein Ende nehmen.
Was die Frage anbelangt, ob die ferneren Arbeiten sich auf die Küste beschränken, oder auch das ferne Innere mit umfassen sollen, so ist es allerdings richtig, dass die fruchtbaren Küstengebiete das naheliegendste und aussichtsreichste Feld für koloniale Thätigkeit in Ostafrika sind. Doch vor der Thatkraft und seltenen Kühnheit, mit welcher Engländer und besonders Belgier heute daran gehen, das Herz Afrika's der Kultur zu eröffnen, kann deutscher Unternehmungsgeist nicht zurückstehen. Auf meinen langjährigen Reisen im tropischen Afrika bin ich zu der Ueberzeugung gelangt, dass die Erschliessung des dunklen Welttheils zwar noch schwere Opfer erfordern, dass aber derLohndieser Mühen sicher nicht ausbleiben wird.
Kapt. Lugard, ein genauer Kenner indischer und afrikanischer Verhältnisse, spricht die Ueberzeugung aus, dass Ostafrika nicht besser und nicht schlechter sei als Britisch-Indien. Hier wie dort giebt es fruchtbare und wüste Strecken, gesunde Hochländer und fieberreiche Niederungen. Was jedoch Indien unbedingt voraus hat, ist die kolossale Bevölkerung; was uns in Ostafrika fehlt, sindMenschen. Ungeheure Striche, und zwar nicht nur Steppen, sondern auch wasserreiche, üppige Hochländer sind so gut wie unbewohnt; überall ist die Bevölkerung äusserst dünn gesäet.Hebung der Einwohnerzahlbleibt daher die wichtigste Aufgabe in Deutsch-Ostafrika, möge sie immer durch Versuche angebahnt werden, die zu einer fremden Einwanderung führen, oder möge sie die Faktoren zu beheben suchen, welche eine Vermehrung der Eingeborenen verhindern. Nicht nur aus Humanität, nicht nur aus sentimentaler Sorge um unsere »schwarzen Brüder« sind wir verpflichtet, deren Lage zu verbessern, sondern aus dem rein praktischen Interesse, das eine Kolonialmacht an der Entwickelung ihrer Schutzgebiete haben muss. Die Vermehrung der Inlandstationen, die strenge Aufrechterhaltung des Verbotes der Waffeneinfuhr werden dem Fluch der Sklavenjagden und Stammesfehden ein Ende machen und die vorschreitende Kultur wird das Elend der Hungersnoth und der Seuchen mildern, das schwer auf den Afrikanern lastet.
Den ungeheueren Anstrengungen der europäischen Nationen, die in der Geschichte nicht ihres Gleichen haben, ist es gelungen, das tropische Afrika zu erschliessen. Zwar ist die Periode der Erforschung keineswegs abgeschlossen, viele Gebiete hat noch keines Europäers Fuss betreten, und dass auch die Zeit der Entdeckungen noch nichtvollendet, hat die Massai-Expedition bewiesen. — Aber die Arbeit des Pioniers kommt heute nicht nur der Wissenschaft zu Gute, sondern der Missionar, der Kaufmann, der Pflanzer, sie folgen unaufhaltsam seinen Spuren.
Auch mir war es vergönnt, bei der Erschliessung eines Theiles von Ostafrika mitzuarbeiten.Usambára, welches ich in den Jahren 1888 und 1890 als förmliche terra incognita durchstreift, es steht heute im Brennpunkt der deutschen kolonialen Interessen. Durch die Urwälder von Handeï schallt die Axt des Pflanzers, auf den Höhen der Bergdörfer hat der Missionar sein Kreuz aufgerichtet und am Fuss der Berge ertönt der Pfiff der Lokomotive, der bestimmt ist, das Land aus tausendjährigem Schlummer zu erwecken.
Mögen auch jene fernen Gebiete, in welchen die Massai-Expedition zuerst die deutsche Flagge entfaltet, mögen auch die Hochplateaus des Massailandes und die Quellländer des heiligen Nil, mögen auch sie dereinst der Kultur erschlossen sein!
Ohne Titel
ANHANG.
Die Kartenaufnahmen von Dr. O. Baumann werden unter dem Titel »Die kartographischen Ergebnisse der Massai-Expedition des Deutschen Antisklaverei-Komite« als Ergänzungsheft No. 110 zu Petermanns Mittheilungen veröffentlicht.
Die Kartenaufnahmen von Dr. O. Baumann werden unter dem Titel »Die kartographischen Ergebnisse der Massai-Expedition des Deutschen Antisklaverei-Komite« als Ergänzungsheft No. 110 zu Petermanns Mittheilungen veröffentlicht.
VonDr. Hans Lenk.
Das von Herrn Dr. Oscar Baumann im Verlauf seiner letzten, in den Jahren 1892 und 1893 ausgeführten Reise in Deutsch-Ostafrika gesammelte und dem Mineralogischen Museum der Universität Leipzig zur Untersuchung und Bestimmung übergebene petrographische Material umfasst hauptsächlich Gesteinsproben aus dem südlich vom Victoria-Nyansa sich ausbreitenden, archäischen Hochlande von Unyamwesi und den sich zwischen jenem und dem Tanganyika-See ausdehnenden Gebirgen von Ussui und Urundi, die gleichfalls wesentlich aus altkrystallinischen Gesteinen bestehen. Ihnen schliesst sich eine Anzahl von Belegstücken jüngerer vulkanischer Gesteine an, welche zum Theil aus der, am Ostrande der afrikanischen Hochlandmasse hinziehenden und unter dem Namen des Ostafrikanischen Grabens bekannten Vulkanspalte selbst, zum Theil von ihren östlichen und westlichen Randgebirgen herrühren.
Nach der makroskopischen und mikroskopischen Sichtung lassen sich die vorliegenden Gesteine in folgende Gruppen vereinigen:
Porphyr, Diabas, Gabbro u. s. w.
Trachyt, Basalt.
Dem Wunsche des Herrn Auftraggebers entsprechend folgt in den nachstehenden Zeilen eine kurze Schilderung der überwiesenen Gesteinssuite, zu welcher die Vorbemerkung gestattet sein möge, dass weder die zur Verfügung stehende Zeit, noch die durchschnittliche Beschaffenheit des Materials eingehendere petrographische Untersuchungen ermöglichte. Dem Charakter dieser Mittheilungen gemäss ist auch von Citaten aus der wissenschaftlichen Literatur — den Publikationen vonMügge,Thomson,Bonney,TenneundRosiwal, welche sich zum Theil auf das nämliche, zum Theil auf benachbarte Gebiete beziehen — abgesehen worden.
In der Gruppe
sind im Folgenden alle körnigen, Quarz, Feldspath und ein farbiges Bisilicat enthaltenden Gesteine aufgeführt, welche eine richtungslose Struktur besitzen. Bei der Kleinheit vieler der zu Gebote stehenden Gesteinsstücke ist es jedoch nicht ausgeschlossen, dass auch ein granitisch struirter Gneiss hier seine Stelle gefunden hat, während auch andererseits der ein oder andere schiefrig ausgebildete Granit unter die Gneisse gerathen ist.
Die vorliegenden granitischen Gesteine zerfallen inBiotitgranite,zweiglimmerige Granite,Mikroklin-GraniteundHornblendegranite.
Der Typus derBiotitgraniteliegt vor in einem ziemlich feinkörnigen Gestein von
»Nyambijerwa,Ikiju, 11. April 1892«,
»Nyambijerwa,Ikiju, 11. April 1892«,
»Nyambijerwa,Ikiju, 11. April 1892«,
»Nyambijerwa,Ikiju, 11. April 1892«,
welches ein gleichmässiges, krystallinisches Gemenge von Feldspath, Quarz und Biotitblättchen darstellt, deren Dimensionen gewöhnlich nur 1 mm Durchmesser erreichen. Im Dünnschliff zeigt sich, dass die Constituenten, wie das schon aus dem makroskopischen Aussehen des Gesteins sich schliessen lässt, im Ganzen noch sehr frisch und wenig von Zersetzungsvorgängen berührt sind. Die Feldspathe, ungefähr je zur Hälfte dem Orthoklas und der Plagioklasreihe angehörig, sind meist gut automorph gegenüber dem Quarz. Die Orthoklase zeigen nur spärlich und dann in ihren innersten Theilen den Beginn einer durch Zersetzung erzeugten Trübung; in ganz einzelnen Fällen lassen sich übrigens schon federartige Lamellen von Kaliglimmer erkennen, die aus einem Haufwerk von matten, nicht polarisirenden Kaolinsubstanzen herauswachsen. Etwas weiter ist gewöhnlich die Trübung der Plagioklase vorgeschritten, die sich ohnehin durch ihre Zwillingsstreifung bereits im Handstück von den orthotomen Feldspathen unterscheiden lassen und die nach den ausgeführtenBestimmungen der Auslöschungsschiefe (+ 2 bis 4° auf P) und dem Grade ihrer Aetzungsfähigkeit mehr zu den sauren Gliedern der Albit-Oligoklas-Familie zu gehören scheinen. Gänzlich xenomorph treten zwischen den Feldspathen und Quarzen hin und wieder kleine Partien von schön gegittertem Mikroklin auf. Da dieser gegen die benachbarten Feldspathe meist scharf abgegrenzt erscheint und augenfällig die Rolle einer Ausfüllungsmasse spielt, möchte man ihn, wenn nicht als ein rein chemisches Secundärproduct, doch eher als eines der letzten Glieder im Verfestigungsprozesse, wie ein durch dynamische Wirkungen erzeugtes Product aus anderen Feldspathen betrachten. Ohnehin sind Erscheinungen, welche darauf schliessen lassen, dass das Gestein den Pressungen des Gebirgsdrucks in bemerkenswerthem Grade ausgesetzt gewesen wäre, nicht zu beobachten. Die schwarzen Biotitblättchen werden im Dünnschliff bronzeschimmernd mit bräunlichgelber Farbe durchsichtig; nicht selten sind sie mit Magnetitkryställchen verwachsen und hin und wieder zeigt sich auf den Spaltflächen die Neubildung von grünlicher Chloritsubstanz. Vom Magneteisen abgesehen sind Accessorien selten; nur kleine Apatitsäulchen finden sich spärlich als Einschlüsse im Quarz und Feldspath.
Grobkörnige Biotitgraniteliegen vor von
1. »der Hügelkette vor demKiruwassile Berg, 30. März 1892«,2. »Ngurunga vor Ikiju, 7h41 a. m. vom 8. April 1892.«
1. »der Hügelkette vor demKiruwassile Berg, 30. März 1892«,2. »Ngurunga vor Ikiju, 7h41 a. m. vom 8. April 1892.«
1. »der Hügelkette vor demKiruwassile Berg, 30. März 1892«,2. »Ngurunga vor Ikiju, 7h41 a. m. vom 8. April 1892.«
1. »der Hügelkette vor demKiruwassile Berg, 30. März 1892«,
2. »Ngurunga vor Ikiju, 7h41 a. m. vom 8. April 1892.«
Milchweisse Feldspathe von etwas mattem Aussehen und wasserhelle, starkglänzende Quarze, zuweilen von undeutlich dihexaedrischer Form bilden die Hauptmasse des ersteren Gesteins; in derselben ziemlich gleichmässig vertheilt erscheinen dunkle Magnesiaglimmer, die sich bei näherer Betrachtung in blättrig-filzige Aggregate verwandelt erweisen; wie der Dünnschliff lehrt, bestehen diese zum Theil aus gelbgrünem Epidot und grünem chloritartigen Glimmer, in dem sagenitartig verwachsene Rutilnädelchen liegen, während die schwer durchsichtigen, körnigen Randpartien vorzugsweise aus Titanit gebildet zu sein scheinen. Die Quarze bergen zahlreiche Flüssigkeitseinschlüsse, winzige (Turmalin?) Nädelchen und opake Erzpartikelchen, welche bald wolkig vergesellschaftet sind, bald auch zu Reihen geordnet, die Quarzindividuen durchschwärmen; daneben finden sich dickere, quergegliederte Prismen von Apatit und modellmässig scharf ausgebildeten Zirkonkryställchen, letztere oft mit deutlich zonarem Bau. Die Feldspathe sind vorwiegend Plagioklase; demnach würde das Gestein eigentlich als Granitit zu bezeichnen sein; sie erscheinen unter dem Mikroskop stark zersetzt und in Haufwerke von Körnchen, Blättchen und kleinen Säulchen umgewandelt; wo die letzteren grössere Dimensionen erreichen, deutet die intensiv blaue Polarisationsfarbe und die gerade Auslöschung auf Zoisit, während die farblose Grundsubstanz, die jene Aggregate einschliesst und, stellenweise ärmer an denselben, zwischen ihnen hindurchschimmert, optisch und chemisch sich als Skapolith erweist. Hingegen sind die seltenen, mit Albitlamellen perthitisch durchwachsenen Orthoklaserelativ wenig verändert und enthalten, wie die Quarze, vorzugsweise primäre Einlagerungen.
Das Gestein von Ngurunga gehört zu den biotitärmeren Graniten und zeichnet sich von den besprochenen beiden Vorkommen auch durch die intensiv fleischrothe Färbung seiner Feldspathe aus. Die Quarze sind noch reicher an Flüssigkeitseinschlüssen mit lebhaft beweglichen Libellen; bei der Umwandlung der Feldspathe tritt jedoch die Neuproduktion von Zoisit hinter der einfachen Skapolithisirung zurück, mit der, abgesehen von der nicht unbeträchtlichen Ausscheidung von Quarz, die Ausbreitung von Eisenoxydhydratlamellen auf den Spaltrissen und Grenzflächen der einzelnen Individuen Hand in Hand gegangen zu sein scheint.
In dem mittelkörnigen Biotitgranit vom