Alte Speerformen der WataturuAlte Speerformen der Wataturu.
Alte Speerformen der Wataturu.
Will ein junger Mann heirathen, so bringt er dem Vater seiner Erwählten einen Honigtopf. Wird dieser angenommen, so kann die Hochzeit stattfinden, bei der keine besondere Zeremonie üblich ist. Früher bekam die Braut von ihrem Vater meist zwei Stiere und eine Milchkuh in die Ehe mit, dasselbe der Bräutigam von seinen Eltern. Jetzt erhalten sie meist Ziegen, auch pflegt man ihnen ein Tembe zu bauen. Vielweiberei ist üblich. DieWeiberverrichten nur häusliche Arbeiten, ausserdem errichteten sie früher die Lagerhütten und tragen jetzt beim Tembebau den Lehm auf. Die Sorge für Nahrungsbeschaffung, also gegenwärtig auch der Ackerbau, obliegt ausschliesslich den Männern. Im Gegensatz zu den meisten Bantu, wodie Hauptlast auf den Schultern der Weiber liegt, kann man diese in den Taturu-Dörfern meist bequem auf den Kehrichthaufen umherlungern sehen, während die Männer das Feld bestellen. Daher sind auch die Wataturu als Gatten bei den umwohnenden Stämmen sehr beliebt und Mischheirathen, besonders mit Wafiomi, kommen sehr häufig vor.
InKrankheitenpflegt der Zauberdoktor Brechmittel, Schröpfen (besonders am Scheitel) anzuwenden und den Kranken zu brennen.Todtewerden in den Busch geworfen und nicht mehr beachtet, nur berühmte Zauberdoktoren werden begraben. In früherer Zeit wurde das Lager, in welchem Jemand starb, als unglückbringend verlassen.
Ein Geisterkultus ist nicht bekannt, wie bei den Massai herrscht der Glaube an einen Gott, mit welchem derZaubererden Verkehr vermittelt. Dessen durch Vieh zu bezahlender Rath wird öfters eingeholt, auch giebt er sich mit Regenmachen ab. Die Würde des Zauberers ist erblich, die Häuptlinge, voran Sagiro, der von allen Wataturu als Oberhaupt anerkannt wird, sind nichts anderes als Oberpriester ohne direkten, politischen Einfluss. Die Gerichtsbarkeit wird von den Aeltesten ausgeübt. Bei Diebstahl bekommt der Bestohlene ein Rind, den übrigen Besitz des Diebes ziehen die Aeltesten ein. Mord wird stets durch Blutgeld gesühnt.
Kriegeder Wataturu unter einander kommen vor; bei diesen sehen die Aeltesten ruhig zu und legen sich ins Mittel, sobald einige Leute gefallen sind. Aeusserst blutig waren jedoch die Kämpfe gegen die Massai, gegen welche sie grimmigen Hass hegen. Wer einen Massai getödtet, trägt Messingschmuck und zwei Messing-Halbmonde an der Stirn.
Sklavereiist unbekannt, sie selbst jedoch litten mehrfach unter Sklavenjagden und Wataturu-Sklaven kommen vereinzelt in Unyamwesi und selbst an der Küste vor.
Eine Zukunft ist den Wataturu nicht zuzusprechen. Der Stamm hat zu wenig Widerstandskraft, um den grossen Sprung vom Viehnomaden zum Ackerbauer erfolgreich zu überstehen. Besonders die zahlreichen Heirathen mit anderen Stämmen werden das rasche Verschwinden der Wataturu herbeiführen. Für diese jedoch, vor allem für die Wambugwe, war und ist die Vermischung mit hamitischem Blut ein nützliches Ferment, welches sie über das Niveau anderer Bantustämme erhebt.
Wenn die Wataturu gewissermaassen den Uebergang vom Viehzüchter zum Ackerbauer darstellen, so gelangen wir mit denWafiomizu den reinen Ackerbauern. Unter Wafiomi werden hier jene zusammengehörigen Stämme verstanden, welche die Landschaften Ufiomi, Iraku, Uassi und Burunge bewohnen. Dieselben bilden sprachlich und ethnographisch ein Ganzes, obwohl sie durch die Verschiedenheit des Wohnortes manche Unterschiede aufweisen. So sind die Leute von Uassi und Burunge durch die umwohnenden Bantu, die Warangi, beeinflusst, während die Bewohnervon Ufiomi und Iraku sich sehr ursprünglich erhalten haben.
Die Wafiomi sind jedenfalls alte, vielleicht mit den Wassandaui die ältesten Bewohner der abflusslosen Gebiete. Bei den meisten anderen Stämmen, bei den Massai, Wataturu, selbst bei den sesshaften Wambugwe haben sich dunkle Ueberlieferungen früherer Einwanderung erhalten. Bei den Wafiomi findet sich nichts ähnliches; sie behaupten, die Gebiete, die sie heute innehaben, seit jeher bewohnt zu haben. Einige meiner Leute, die früher nie in diesen Gegenden gewesen, konnten sich mit den Wafiomi nothdürftig verständigen, indem sie die Sprache redeten die in Lumbwa, Sotik und bis Nandi und Kamassia von den dortigen, wenig bekannten Eingeborenen gesprochen wird. Man könnte danach die Wafiomi als eine Aboriginer-Bevölkerung der Plateauländer westlich vom ostafrikanischen Graben betrachten.
DieSpracheder Wafiomi wird von keinem der umliegenden Stämme verstanden und gehört weder der Bantu noch der nilotischen Gruppe an. Sie ist nicht unschön und nähert sich in der Klangfarbe dem magyarischen. Die wenigen Proben, welche ich erlangen konnte, lassen sie als rein hamitisches Idiom erscheinen. Wahrscheinlich ist es einer der ältesten Zweige der interessanten hamitischen Gruppe und wäre näheres Studium wohl werth.
Die Wafiomi sind hager, mittelgross, von nicht unschönenKörperformenund feinen Extremitäten. Ihre Gesichtszüge sind vielfach scharf geschnitten, weniger typisch negerhaft als echt hamitisch. Einen besseren Begriff als jede Beschreibung werden die beigegebenen Abbildungen nach Photographien geben. (Tafel 18, 20, 21, Abb. pag. 117, 120 und Schlussvignette des Kapitels.) Bei den Schmutzmassen, welche den Körper der Wafiomi bedecken, ist deren Hautfarbe nicht leicht zu bestimmen, doch sind die Bewohner des Tieflandes meist dunkler als die der Gebirge, besonders die Leute im südlichen Iraku sind auffallend lichtfarbig. Hamitenhaare, ja fast glatter Haarwuchs kommt häufig vor. Sie scheinen eine sehr gesunde Rasse, Greise sind besonders in Iraku häufig. Sie pflegen die Haare lang wachsen zu lassen und dieselben in viele kleine Strähnen zu drehen. Da sie diese Frisur jedoch nur selten erneuern, so wallen ihnen meist Haarmassen um den Kopf, deren wüstes Aussehen durch einige am Scheitel angebrachte ruppige Federn noch erhöht wird. Beide Geschlechter sind beschnitten. Die beiden vorderen unteren Schneidezähne pflegen die Weiber auszubrechen, die Männer die oberen nach Massai-Art vorzubiegen.
In den Ohren tragen sie runde Holz- oder weisse Knochenscheiben, manchmal auch Messingspiralen, öfter braune dürre Blätter, um den Hals Glasperlen. Die Weiber tragen Eisen- und Lederringe an dem Unterarm.
DieBekleidungbesteht bei Männern aus einem Ueberwurf aus Leder, welches oft siebartig von feinen Löchern durchbohrt wird wodurch es förmlich »Lederspitzen« gleicht. Freilich gewinnt die Solidität nicht durch dieses Verfahren und gar manchem Mfiomi hängen seine Lederspitzen in Fetzen um den Leib. Die älteren Leutepflegen längere Mäntel zu tragen, die Weiber einen Lendenschurz, in kälteren Gegenden wohl auch einen Ueberwurf. Der Gesammteindruck der Wafiomi ist kein übermässig vortheilhafter, aber ein im hohen Grade origineller. Ein Mfiomi, der aus seiner Erdhöhle hervortretend, von Schmutz starrend, mit zerfetzter Bekleidung, wilden Haarmassen und scharfen, misstrauisch verzerrten Gesichtszügen den Fremden anstarrt, stellt den Idealtypus eines »Wilden« dar, wie man ihn nur selten findet.
Dem Aeusseren entspricht so ziemlich auch derCharakter. Mit Ausnahme der Irakuleute, von den Swahíli meist Wambulu genannt, die stets den Ruf der Gutmüthigkeit hatten, gelten alle Wafiomi als boshaft. Die Burunge-Leute haben die Araber von Irangi nach harten Kämpfen unterworfen. In Uassi wurde ich bei meinem Durchmarsch räuberisch angefallen, doch war eine Verständigung zu erzielen. Besonders gefürchtet waren stets die Bewohner von Ufiomi, dem Soïebus der Massai, die auch schon mehrmals Küstenkarawanen niedergemetzelt hatten, ja sogar einen Einfall der gefürchteten Ober-Aruschaner mit Glück abschlugen. Am Westufer des Maitsimba-Sees haben die Wataturu-Häuptlinge Sagiro's, vor allen Gwandu, einige Ordnung geschaffen. Auch am Ostufer fand ich übrigens scheue, doch freundliche Aufnahme, anscheinend hatten die Niederlagen der Wambugwe einerseits und der Wauassi andererseits ihre Wirkung nicht verfehlt.
Trotz ihres kriegerischen Sinnes konnten die Wafiomi doch niemals den Massai Widerstand leisten und verloren ihren Viehstand an dieselben.
Von besonderem Interesse sind dieWohnungender Wafiomi, welche geeignet sind Licht auf die Entstehung des Tembebaues zu werfen. Es muss nämlich befremden, dass die sämmtlichen sesshaften Völker des abflusslosen Gebietes, mögen sie nun Bantu, Wafiomi oder Wassandaui sein, inTembenwohnen, während man sonst in Mittelafrika nur Rund- oder viereckigeHüttenfindet. Man hat angenommen, dass die Temben aus dem Typus des Massai-Lagers entstanden seien, indem man zu ständigeren Siedelungen statt des unregelmässig runden einen viereckigen Grundriss wählte.
Doch ist dieser Uebergang, welcher bei den Wakuavi in Usegua[17]am reinsten vertreten ist, vor Allem nur bei angesiedelten Viehnomaden denkbar, während die oben genannten Stämme stets Ackerbauer waren, ferner kann das Massai-Lager nur zur Entstehung des Hof-Tembe, niemals jedoch des völlig eingedeckten Tembe führen, von welchem jedes eine Familie beherbergt. Dieses muss eine andere Entstehungsgeschichte haben, zu welcher wir im südlichen Iraku die Erläuterung finden.
Dort sind nämlich heute noch drei Wohnungstypen im Gebrauch: Rundhütte mit cylindrischer Lehmwand und Blätterdach, geschlossenes Tembe und Erdstall. Bei flüchtiger Betrachtung könnte man annehmen, dass der Erdstall, dieses Urbild einer primitiven Siedelung, hier die ursprüngliche Form darstelle, und dass aus dieser sich Tembeund Rundhütte entwickelt haben. Thatsächlich ist der Gang jedoch ein umgekehrter. Ursprünglich bewohnte man die Rundhütte, bis feindliche Einfälle, besonders der Massai, das Blätterdach als zu feuergefährlich erscheinen liessen. Man gab der Hütte ein Lehmdach. Thatsächlich habe ich im südlichen Ikoma, wo der Umwandlungsprozess eben im Gange ist, Rundhütten mit flachem Lehmdach gesehen. Es ist jedoch begreiflich, dass diese Form sich nicht lange halten kann, die Auswahl ungleich langer Stangen für das Dach ist zu unbequem, als dass nicht bald der Gedanke auftauchen sollte, dem Unterbau statt einer cylindrischen eine viereckige Form zu geben — und der Tembe ist fertig. Doch auch dieser erscheint zu exponirt, man baut ihn immer niedriger, man tieft den Boden, wenn seine Beschaffenheit dazu günstig, immer mehr ein um gebückt stehen zu können; man macht schliesslich die Decke dem Erdboden gleich — und der Erdstall ist gegeben.
Wenn wir die verschiedenen Wohnungsformen der Wafiomi betrachten, so finden wir in Uassi und Burunge völlig den Warangi gleichende Temben mit Knüppelzäunen für das Vieh.
In Ufiomi sind die Temben (Abb. pag. 116) an der meist nach Westen gerichteten vorderen Seite ca. 1,50 m, an der Hinterseite aber nur 0,50 m hoch. Auch die Vorderseite ist in der Mitte höher als an den Seiten, so dass das rothe Lehmdach nach drei Seiten hin geneigt ist. An der Vorderseite befindet sich ein Vordach und durch eine breite Thür gelangt man in das Innere, in welchem der Boden meist so vertieft ist, dass man im Vordertheil des Raumes stehen kann. Dort befinden sich hohe, lehmverstrichene Vorrathskörbe, die auf Holzgestellen stehen. Im dunklen, hinteren Theil der Temben ist der Heerd, neben welchem der Eingang zu den merkwürdigenZufluchtshöhlensich befindet. Dieselben werden in den lehmigen Boden gegraben. In dem völlig dunkeln Temberaumamündet ein vertikaler etwa 2 m tiefer Schacht, aus dessen Unterseite ein Gang leicht bergab führt in dem man auf Händen und Füssen kriechen muss. Nach etwa 20-30 m gelangt man in einen cylindrischen Raumb, der nach Tembeart gestützt ist. Dieser bildet die Sohle eines zweiten Brunnens, der im offenen Felde mündet und dessen Oeffnung mit einer Schicht Stroh und Erde bedeckt und nur für Kundige zu finden ist. Manchmal sind zwei Temben unterirdisch verbunden, manchmal führen aus dem cylindrischen Raum Gänge noch weiter, so dass ganz Ufiomi förmlich unterminirt ist. Diese Höhlen werden erst seit der Zeit der Massaieinfälle gegraben und waren früher unbekannt. Sie dienen im Kriegsfall als Zuflucht hauptsächlich für Weiber und Kleinvieh. Die zweite Oeffnung dient theils als Luftloch, theils um im Nothfall einen Ausweg zu eröffnen.
Schematischer Durchschnitt der Wafiomi-ErdhöhlenSchematischer Durchschnitt der Wafiomi-Erdhöhlen.
Schematischer Durchschnitt der Wafiomi-Erdhöhlen.
In Iraku finden sich, wie oben erwähnt, drei Arten von Wohnstätten. DieRundhüttentreten nur im Süden vereinzelt auf, wo das Land feindlichen Einfällen weniger ausgesetzt, überhaupt amursprünglichsten ist. Sie besitzen lehmausgefüllte cylindrische Wände und Grasdach, einen niedrigen Unterraum und dunkeln Dachraum, in dem sich Stützen für das Dach, doch kein Mittelpfahl befindet. Der ganze Bau ist sehr nachlässig ausgeführt. Weit besser sind die Temben gebaut, die meist flaches Dach und ausgetieften Boden haben und deren Rückwand der Berghang bildet. Nicht selten findet man vollständige Keller, in den Lehmhang eingeschnittene Höhlungen, die innen mit Stangen gestützt werden und in die man durch ein Loch im Hang gelangt.
TAFEL XIXUnterirdische Wohnstätten in IrakuUnterirdische Wohnstätten in Iraku.
TAFEL XIX
Unterirdische Wohnstätten in Iraku.
Noch charakteristischer ist die Form, welche ich als »versunkenes Tembe« bezeichnen möchte. In den festen, rothen Lateritboden wird ein mindestens 3 m tiefes und 10 und mehr Meter im Quadrat haltendes, meist viereckiges, manchmal auch dreieckiges oder unregelmässiges Loch gegraben. Zum Eingang führt ein gebogener, schmaler Weg, der zwischen Lehmwänden eingeschnitten und nach aussen geneigt, zugleich den Regenmassen Abfluss gewährt. Das Loch wird mit einem gewöhnlichen Tembedach überdeckt, dessen rothe Fläche die einzige Spur einer menschlichen Wohnung ist. Das Innere ist recht geräumig, Menschen und Vieh hausen meist in einem Raum zusammen. Manchmal führt im Innern ein Gang als weitere Zuflucht in die Tiefe. —
DieJagdwird von den Wafiomi mit Speeren und Fallen, seltener mit vergifteten Pfeilen betrieben. In den Urwäldern von Ober-Iraku und Meri pflegen die Eingeborenen 5-6 m tiefe cylindrische Gruben auszuheben, die meist zu drei angelegt und zum Fangen von Elephanten bestimmt sind. Dem Honig der Waldbienen stellen sie eifrig nach, Fischfang im recht fischreichen Maitsimba-See betreiben sie jedoch gar nicht.
DieViehzuchthat durch die Massai-Einfälle sehr gelitten und beschränkt sich gegenwärtig, wo auch noch die Seuche tüchtig aufgeräumt, fast nur auf Kleinvieh. Nur in Iraku trifft man noch ziemlich viele Rinder.
Alle Wafiomi betreiben mit grossem EiferAckerbau, besonders in Iraku ist das Land mit Feldern bedeckt. In Uassi und Ufiomi baut man nur Sorghum, in Iraku daneben auch Mais, Eleusine, Penicillaria und vortreffliche Kürbisarten. Merkwürdig ist hier, wie bei allen Völkern des abflusslosen Gebietes, das Fehlen der Banane in Gegenden, die zum Anbau dieser Kulturpflanze wie geschaffen erscheinen. Der Grund liegt wohl hauptsächlich darin, dass die besiedelten Theile des abflusslosen Gebietes rings von Steppen oder doch unbewohnten Gebieten umschlossen sind. Durch diese konnten nur die leicht transportabeln Samenpflanzen, wie Sorghum, Mais, Eleusine, Penicillaria, Kürbisse gelangen, während Bananen, Maniok, süsse Kartoffeln und andere weit verbreitete, aber immerhin schwer zu befördernde Pflanzen nicht dahin kamen. Unerklärlich allerdings erscheint, warum die Hülsenfrüchte, deren Samen doch so leicht verbreitbar sind, gänzlich fehlen. —
Die oben genannten Kulturpflanzen liefern dieHauptnahrungder Wafiomi. Ausserdem essen sie auch das Fleisch aller Thiere mit Ausnahme von Fischen und Flusspferden, die als unrein gelten. DasRauchen, Schnupfen und Kauen von Tabak ist bei beiden Geschlechtern üblich. Kochsalz wird aus Mangati bezogen. —
An originellenGeräthenbesitzen die Wafiomi nur wenige. Eisensachen und Kalebassen werden meist aus Irangi bezogen, Körbe aus Gras selbst geflochten. Die Töpfe sind ziemlich schlecht, am Halse manchmal mit Zebrafell benäht. Zur Aufnahme der Milch dienen hölzerne Gefässe, die sich ähnlich auch in Ukerewe und am Ostufer des Victoria-See finden.
AlsWaffendienen Wurfspeere mit eingelassener Spitze und lederne Rundschilde, sowie zur Jagd Bogen und vergiftete Pfeile.
Topf der WafiomiTopf der Wafiomi.
Topf der Wafiomi.
Milchgefäss der WafiomiMilchgefäss der Wafiomi.
Milchgefäss der Wafiomi.
Der Verkehr mit der Aussenwelt beschränkt sich auf den mit den Wataturu und Wambugwe. Ueber Uassi gelangen die Industrieartikel aus Irangi nach Ufiomi und Iraku. Früher zogen Leute aus Irangi direkt nach Iraku, um Granaten, die dort häufig vorkommen und in Irangi als Ohrschmuck getragen werden, zu kaufen. Wasukuma und andere Wanyamwesi kommen behufs Vieh- und Elfenbeinhandel manchmal ins Land.
DieSittender Wafiomi sind eigenartig, wenn auch vielfach durch Bantugebräuche beeinflusst. Die Beschneidung und das Ausbrechen bezw. Vorbiegen der Zähne wird bei beiden Geschlechtern erst beim Reifwerden vorgenommen. Bei Mädchen findet dann ein besonderes Fest statt, bei welchem mit der nebenstehend abgebildeten Klapper gerasselt wird. Dann bleibt das Mädchen ein Jahr im Tembe in einem von den Männern gesonderten Raum. Sie darf keine Nahrung berühren und wird von anderen Weibern gefüttert und getränkt, auch darf sie ihr Haar nicht scheeren. Zur Nachtzeit jedoch verlässt sie das Tembe und tanzt mit jungen Männern.[18]
Klapper, WafiomiKlapper, Wafiomi.
Klapper, Wafiomi.
Will ein junger Mann heirathen, so schickt er dem Vater der Auserwählten Pombe, dessen Annahme als Einwilligung gilt. Das Brautgeld besteht gewöhnlich aus drei Ziegen und einem Spaten; ist der Bräutigam jedoch arm, so braucht er nur Pombe und Honig zubringen. Vielweiberei ist allgemein üblich. Die Geschlechter nehmen ihre Mahlzeiten getrennt ein. Die Arbeiten sind so ziemlich gleich auf Mann und Weib vertheilt, welch' letztere sich auch am Ackerbau betheiligen. Eine unbeliebte Frau wird dem Vater zurückgeschickt. Heirathet sie wieder, so gehört das erste Kind dem Manne der ersten Ehe, das zweite dem der zweiten, das dritte wieder dem der ersten Ehe u. s. w. bis zum achten Kind, worauf alle Kinder dem Manne aus zweiter Ehe gehören, ein höchst merkwürdiger und seltsamer Gebrauch. Die Wafiomi heirathen meist im Stamme, selten Wambugwe-Weiber, doch werden Wafiomi-Weiber oft von Wambugwe und Wataturu zur Ehe genommen.
Will jemand ein Haus bauen, so ist ihm die ganze Nachbarschaft dabei behilflich, die Männer errichten das Holzwerk und tragen die Graslagen auf, die Weiber schütten den Lehm auf's Dach.
Eine grosse Rolle spielt derZauberdoktor, der »Regen macht« und bei Krankheiten Amulettzauber, seltener Pflanzenmedizin anwendet. Schneidet sich jemand zufällig, so gilt dies als sehr böses Zeichen und es wird sofort ein Schaf erwürgt und der Betreffende mit dem Mageninhalt bespritzt, was überhaupt als Friedenszauber gilt.
Man glaubt an natürlichen Tod und Tod durch Zauberei, doch hat letzterer nichts im Gefolge. Ein Verstorbener wird in Ufiomi kauernd mit Fell und Ledersandalen vor dem Tembe beerdigt. In Iraku, wo ich, um Schädel zu sammeln, mehrmals Gräber öffnete, waren dieselben ebenfalls stets vor den Temben und bestanden aus 2 m tiefen Schächten, von deren Sohle ein Seitenschacht ausging, in welchem der Todte auf einem Brett stets mit Lederzeug und Sandalen bestattet war.
Den Geistern der Verstorbenen bringt man Todtenopfer von Pombe; auch werden ihnen zu Ehren Tänze aufgeführt, bei welchen eine kleine gestielte Trommel gerührt wird, die ganz jener der Wapare gleicht. Ein Gottesbegriff ist vorhanden, Gebete sind jedoch nicht gebräuchlich.
Die Bewohner benachbarter Distrikte führen keine Kriege untereinander, sondern prügeln sich nur mit ihren langen Stöcken. Den Krieg nach Aussen beschliesst der Zauberdoktor, der auch Anführer desselben ist. Der Kampf besteht in Gefechten auf freiem Felde, selbst im Siegesfall dringen die Kämpfer nicht in Feindesland ein. Männliche Kriegsgefangene werden nicht getödtet, sondern zur Auslösung aufbewahrt, laufen jedoch meist davon. Die Wafiomi halten keine Sklaven, wurden jedoch mehrmals von den Ober-Aruschanern (zuletzt 1891) behufs Sklavenraub angefallen und es sollen sich in Ober-Aruscha Wafiomi-Sklaven befinden.
In Streitfällen entscheiden die Aeltesten. Diebstahl im eigenen Land ist unerhört und sehr schimpflich, Fremde zu bestehlen gilt als ehrenvoll. Mord wird durch Blutgeld gesühnt, nur wenn letzteres nicht geleistet wird tritt Blutrache ein. Ausständige Schulden tilgt der Gläubiger durch selbstständige Pfändung. Grund und Boden gilt niemalsals Besitz, nur die darauf stehenden Feldfrüchte sind Eigenthum, das vom Nachbarfeld abgegrenzt wird. Daher kann Jeder unbeackertes, wenn auch früher bebaut gewesenes Land bestellen und erhält dadurch Recht auf die Ernte. Ebenso kann Vieh überall weiden.
Sternschnuppen gelten als böses Zeichen, der Mond und die Jahreszeiten geben die Zeiteintheilung.
DasGesammtbildder Wafiomi ist das eines noch völlig unberührten, im Grunde gut gearteten Naturvolkes. Bei den traurigen Erfahrungen, die sie von ihren Nachbarn, besonders den Massai gemacht, ist es nicht verwunderlich, dass sie bisher allen Fremden feindlich gegenüber standen, doch wird es zweifellos gelingen, sie in dieser Hinsicht zugänglicher zu machen. Wurde mir als erstem Weissen in dem berüchtigten Ufiomi doch wenigstens kein feindlicher, in Iraku sogar ein harmlos freundlicher Empfang zu theil. Sobald die Wafiomi vor feindlichen Einfällen gesichert und nicht mehr gezwungen sind, sich gleich wilden Thieren in Erdhöhlen zu verbergen, werden sie sicher ihre Eigenschaften als treffliche Ackerbauer noch weiter entfalten und zur Besiedelung der herrlichen noch unbewohnten Plateauländer beitragen. Ob sie freilich zu einer höheren Kulturmission geeignet erscheinen, ist bei dem konservativen Sinn und der völligen, bis zur Verwahrlosung getriebenen Bedürfnisslosigkeit dieses Volkes fraglich. Auch ist es nicht wahrscheinlich, dass sie einem stärkeren Eindringen des Bantu-Elementes widerstehen werden.
Vorläufig nehmen dieBantuvölker, jener Hauptstamm Mittel-Afrika's, im abflusslosen Gebiet noch keinen grossen Raum ein. Das bedeutendste Volk sind jedenfalls dieWagogo, die schon von mehreren Reisenden beschrieben worden sind und auf die ich schon deshalb nicht näher eingehe, weil ich nur wenige Vertreter dieses Stammes kennen gelernt. Die Wanyamwesi dagegen, deren Wohngebiet besonders in den Zweigstamm der Wakimbu ins abflusslose Gebiet übergreift, und die viele Ansiedelungen in demselben besitzen, sollen an anderer Stelle Erwähnung finden. Wir wenden uns daher gleich den nördlich, in direkter Nachbarschaft der Wafiomi lebenden Warangi und Wambugwe zu.
Die Stämme derWambugweundWarangigehören, obwohl räumlich ziemlich getrennt lebend, doch einer Gruppe an, ja sie bilden thatsächlich nureinenStamm. Da jedoch die Warangi durch ihren starken Verkehr mit Fremden, sei es Küstenleuten, sei es Wagogo und Wanyamwesi, viel von ihrer Ursprünglichkeit verloren haben, so wird nachfolgend hauptsächlich von den Wambugwe die Rede sein.
Die Wambugwe bewohnen ein sehr beschränktes Gebiet. Ihre Wohnstätten, die Temben, sind in der baumlosen Salzebene am Südende des Manyara-See verstreut, welche, eine alte Fortsetzung des Sees bildend, zur Regenzeit theilweise mit Salzwasser überschwemmt ist und nur stellenweise spärlichen Graswuchs gedeihen lässt. Die Felder liegen südlich und östlich von dieser Ebene in fruchtbarerem Gebiet. Die Warangi hausen in den hügelartigen Landschaften, welche sich beider Araber-Niederlassung Kondoa (Irangi) ausdehnen, sowie nordöstlich davon in Tandala. Die ebenfalls zu Irangi gehörigen Distrikte Uassi und Burunge haben keine Warangi- sondern Wafiomi-Bevölkerung.
Ihre Abkunft leiten die Wambugwe von Irangi, also aus dem Süden her; doch ist es zweifellos, dass ihre Einwanderung schon vor vielen Generationen erfolgte. Ihrer Sprache nach sind die Wambugwe ein Bantu-Volk und gehören möglicherweise mit den Wagogo einer Gruppe an. Doch scheint es sicher, dass sie viele fremde Elemente, vor allem Wataturu und Wafiomi, in sich aufgenommen haben. Immerhin weist der Stamm, wie er sich uns heute darstellt, physisch ein ziemlich einheitliches Gepräge auf.
Die Wambugwe sind mittelgrosse schlanke und kräftige Leute von oft tadellosen Körperformen. Die Gesichtszüge bilden ein Mittelding zwischen hamitischen und reinem Negertypus; der nebenstehend abgebildete Häuptling Mbi zeigt dieselben in besonders charakteristischer Weise. Die Hautfarbe hat vorherrschend chokoladebraune, rothbraune bis gelbliche Töne, besonders unter den Weibern trifft man hellfarbige, ungemein zierliche Gestalten. Die Haltung ist eine freie und stolze, der Gesichtsausdruck intelligent.
Wambugwe-Häuptling MbiWambugwe-Häuptling Mbi.
Wambugwe-Häuptling Mbi.
Diesem Aeusseren entspricht auch derCharakter, der den Mbugwe vor allem zum Krieger stempelt. Von drei Seiten von ungeheuren Steppenländern, auf der vierten vom Steilabfall des Plateaus begrenzt, ist das Umbugwe-Ländchen von allen Seiten den Einfällen feindlicher Stämme, vor allen der Massai und Ober-Aruschaner ausgesetzt. Während die umwohnenden Stämme, wie die Wataturu und Wafiomi unter diesen Einfällen schwer litten und ihr ganzes Vieh an die Massai verloren, wussten die Wambugwe trotz der ungünstigen, völlig offenen Lage ihres Ländchens sich doch alle Feinde vom Halse zu halten und ihre kostbarste Habe, ihr Rindvieh, zu vertheidigen. So verächtlich der Massai auch über die meisten »Mangati« (Ackerbauer-Feinde) denkt, den Ltoroto, wie er die Wambugwe nennt, kann er seine Achtung nicht versagen. Denn gar oft haben die wilden Viehräuber der Steppe sich blutige Köpfe in Umbugwe geholt, jamehrmals kehrten die Wambugwe den Spiess um, sie fielen ihrerseits im Massailande ein, erstürmten die Kraals am Donyo Kissale und trieben das Vieh weg.
Die Erfahrungen, welche sie seit jeher gemacht, mussten dazu beitragen, die Wambugwe misstrauisch gegen alles Fremde zu machen. Mehrmals wurden Handelskarawanen von der Küste, die in völlig harmloser Absicht kamen, von ihnen überfallen, ausgeraubt und fast vollständig aufgerieben, so dass jahrelang sich Niemand als die unerschrockenen Elephantenjäger nach Umbugwe wagte. Auch diese schwebten fortwährend in Lebensgefahr und waren allerlei Uebergriffen von Seiten der Eingeborenen ausgesetzt.
Auch mir, dem ersten Europäer den sie sahen, wollten die Wambugwe in gleicher Weise begegnen, doch bekam ihnen dies schlecht: zum ersten Mal empfingen die nie Besiegten eine empfindliche Niederlage. Doch gerade ihr Verhalten nach derselben zeigt von dem klaren Verstand der Wambugwe. Während andere Stämme, wenn ihr Angriff abgeschlagen ist, sich meist in alle Winde verlieren, gänzlich unerreichbar sind und den nächsten Europäer der durch ihr Gebiet kommt wieder anfallen, erkannten die Wambugwe sofort, dass sie einer überlegenen Macht gegenüberstanden. Es kam zu einer Verständigung und die Schonung der Verwundeten und Auslieferung der Kriegsgefangenen meinerseits trug nicht wenig zur Befestigung der neuen Freundschaft bei. Fast ein Jahr später fand ich die Wambugwe gänzlich umgewandelt als friedliche, zugängliche Leute und Küstenkarawanen sowohl wie andere Reisende, die nach mir das Land besuchten, fanden die beste Aufnahme.
Wenn wir dasAeussereder Wambugwe betrachten, so finden wir, dass dieselben sich von der Alles überfluthenden Massai-Mode ziemlich unabhängig gehalten haben (Abb. Taf. 4 und pag. 22). DieStammesmarkebei Männern und Weibern besteht aus einem von der Nasenwurzel über die Wangen verlaufenden Schnitt. Das Haupthaar tragen sie entweder abrasirt oder sorgfältig in ganz kleine Zöpfchen geflochten. Kleine Holzstücke oder einige Glasperlen dienen als Schmuck der Ohren. Die jungen Männer pflegen auf Reisen und auf der Jagd nackt zu gehen, sonst besteht dieKleidungaus einem Lendenschurz oder Mantel von ungemein weich und biegsam gegerbtem Leder, welches mit Glasperlen verziert und gelb, braun oder roth gefärbt wird. Zeug wird, seit das Land erschlossen ist, immer mehr getragen. Die Weiber bekleiden sich mit einem Lendenschurz aus Leder. An den Beinen werden häufig Eisendraht und Glasperlen getragen, an den Füssen schöne mit Glasperlen verzierte Ledersandalen. Die Beschneidung ist üblich. Als Kriegsschmuck tragen die jungen Leute häufig einen Büschel Federn in den Haaren.
DieWohnungender Wambugwe (Abb. pag. 18) bestehen aus quadratischen, nach den Weltgegenden orientirten Temben, die in Entfernungen von 30-40 m von einander in der Ebene verstreut sind. Dieselben sind ungleich gross und haben von 6-50 m im Geviert, dienenjedoch selten mehr als einer Familie zum Aufenthalt. Trotz ihrer oft bedeutenden Ausdehnung sind die Temben nur brusthoch. Die Seitenwände bestehen aus Stangen mit Lehmverkleidung, das flache Dach, welches das ganze Tembe bedeckt, besitzt eine Unterlage von Stangen aus dem festen Kernholz der Dumpalmen, auf welchen eine Schicht quergelegter Sorghumstengel und die Lehmauflage folgt. In der Mitte der Dachfläche wird manchmal eine Stange als Zierrath aufgestellt. Die grösseren, besonders die Häuptlingstemben haben an der (westlichen) Vorderseite ein 1½ m, an den übrigen ½ m breites Vordach. Der Innenraum dient als Aufenthalt für Menschen und Vieh. Die kleineren Temben bestehen aus einem einzigen Raume mit vielen Dachstützen und höchstens einer Einzäunung für das Vieh, die grösseren aus mehreren, durch Wände getrennten Wohnstätten. Bei ihrer Niedrigkeit, der darin herrschenden absoluten Dunkelheit und den unzähligen Stangen und Verschlagwänden sowie dem Stalldunst, bieten die Temben gerade keinen behaglichen Aufenthalt, um so weniger als es darin von kleinen Zecken, den sogenannten Papassi, wimmelt.
Die Warangi haben dieselben, doch weniger gut gebauten Temben, dieselben liegen jedoch nicht einzeln, sondern zu drei oder vier, einen kleinen Hof umschliessend, der gegen Aussen durch einen Knüppelzaun abgesperrt ist.
DieJagdspielt bei den Wambugwe eine ziemlich grosse Rolle und wird mit dem Wurfspeer, seltener mit Bogen und Pfeil ausgeübt. Fischfang wird nur zu Zeiten grosser Hungersnoth im Kwoufluss betrieben.
Weit wichtiger ist dieViehzucht, die allerdings durch die Seuche stark gelitten hat, immerhin aber noch recht bedeutend ist. Das Mbugwe-Rind ist ein echtes Zebu mit starkem Höcker, kräftiger, untersetzter Gestalt und meist kurzen Hörnern. Es ist verschieden, braun, schwarz und grau gefärbt, auch Blässen sind nicht selten. Wie bei den meisten afrikanischen Rindern, ist der Milchertrag ein geringer,einLiter täglich gilt schon als ganz gute Leistung. Die Rinder grasen durchweg in der Salzebene um die Temben herum und verlassen deren Umkreis niemals. Obwohl sie anscheinend nur spärliche Weide finden, gedeihen sie doch vortrefflich und sind von seltener Ausdauer und Zähigkeit. Ich hatte Umbugwe-Rinder während meiner ganzen Reise mit und dieselben vertrugen das kalte Plateauklima ebensogut wie Hitze und Wassermangel in der Steppe, ja selbst die starken Märsche ermüdeten sie keineswegs. Die Wambugwe pflegen ihre Rinder durch Einschnitte in die Ohren zu bezeichnen.
Unter den Rindern treiben sich in der weiten Ebene des Dorfgebietes zahlreiche, halbwildeEselherum. Dieselben sind kräftig gebaut, haben eine glänzend silbergraue Farbe und sehr oft leichte Streifung an den Beinen, erinnern also lebhaft an den wilden Esel der Somali-Länder. Sie werden nur zum Herbeitragen von Feuerholz, das sehr weit hergeholt werden muss, benutzt, laufen aber meist frei umher. Auch die Esel fand ich, sobald sie gezähmt sind, was rasch gelingt, sehr ausdauernd. An Kleinvieh werden viele Ziegenund Schafe, an Geflügel Hühner gehalten. Hunde und auffallend viele Katzen sind überall zu finden.
DerAckerbauwird nicht im Tembegebiet getrieben, weil dasselbe in der Regenzeit oft von Lachen überschwemmt ist und auch als Viehweide dient. Dadurch wird den Wambugwe das Leben ziemlich sauer gemacht. Wenn sie Trinkwasser oft eine Stunde weit holen müssen, so werden Feldfrüchte mehrere, Brennholz oft sogar viele Stunden weit hergeholt. Die Aecker liegen südlich und östlich vom Tembegebiet und sind gut gehalten. Angebaut wird fast nur Sorghum weisser und rother Varietät, letzterer ausschliesslich zur Bier-(Pombe)-Bereitung, sowie Tabak. Trotz des anscheinend wenig fruchtbaren Bodens ist das Erträgniss doch ein ungemein reiches, wie man an den kolossalen Getreidevorräthen sehen kann, welche die Wambugwe in meterhohen und ebenso breiten, cylindrischen Strohkörben in ihren Hütten aufspeichern.
Tembe der WarangiTembe der Warangi.
Tembe der Warangi.
DieHauptnahrungist der Sorghumbrei. Um diesen herzustellen, wird der Sorghum am Dach des Tembe aufgebreitet, hierauf meist unenthülst zwischen Mahlsteinen zerrieben. Nicht selten mischt man dem Mehl Salz vom Balangda-See (Mangati) bei, manchmal sogar das scharfe, für Nicht-Wambugwe gänzlich ungeniessbare Salz des Manyara. Das Fleisch aller Thiere wird genossen, nur Fisch, Nashorn und Elephant gelten als unrein und werden nur während einer Hungersnoth verzehrt. Betreffs des Zusammenessens von Männern und Weibern bestehen keine bestimmten Vorschriften. Hirsebier (Pombe) wird in sehr grossen Mengen hergestellt, in mächtigen Töpfen gähren gelassen und dann getrunken. Tabak wird besonders von Männern geraucht, geschnupft und gekaut, in letzterem Falle wird ihm das scharfe Salz des Manyara beigemengt.
TAFEL XXHIRT AUS UFIOMIMeisenbach, Riffarth & Co. Berlin heliogr.HIRT AUS UFIOMI
TAFEL XX
Meisenbach, Riffarth & Co. Berlin heliogr.
HIRT AUS UFIOMI
DieGerätheder Wambugwe zeichnen sich vielfach durch Zierlichkeit aus. Dem Ackerbau dient eine breitklingige Hacke, die, wie alle Eisengeräthe, aus Irangi-Eisen gefertigt, ja oft direkt von dort importirt wird, da die Warangi-Schmiede mit Recht als geschickt gelten. Ausser den grossen, früher erwähnten Vorrathskörben, dienen als Gefässe kleine Körbe und Kalebassen, die vielfach aus Irangi importirt und mit hübschen schwarzen Ornamenten versehen sind. Die netten Töpfe und Krüge werden von eigenen Handwerkern gefertigt und gehören nicht der Hausindustrie an. Erwähnung verdient das Gerben der Rindshäute, zu welchem Behufe die Haut getrocknet, mit einem besonderen Beil abgekratzt und mit Fett und Kuhmist eingeriebenwird. Sie wird dann einen Tag ausgebreitet, mit menschlichem Urin begossen, dann geknetet und zwei Tage in Urin gelagert. Hierauf wird sie nochmals ausgebreitet, getrocknet und abgerieben. Durch dieses Verfahren bekommt die Haut eine erstaunliche, sammetartige Weiche. Wünscht man das Leder zu färben, so wird die betreffende Pflanzenfarbe dem Urin beigemischt.
Hacke der WambugweHacke der Wambugwe.
Hacke der Wambugwe.
DieWaffender Wambugwe bestehen aus Speer, Schild, Bogen, Pfeil und Schleuder. Schwerter scheinen vollkommen unbekannt. Der Speer ist ein echter Wurfspeer mit ziemlich breiter Klinge, eingelassenem Schaftdorn, lederbenähtem Hals und mit Eisen umwundenem Schaftende. Jeder Krieger trägt zwei bis vier Speere in der Rechten. In der Linken führt er den spitzovalen Schild, welcher aus Büffelhaut gefertigt, mit kleinen vorgetriebenen Buckeln versehen ist und an der Hinterseite einen Längsstock besitzt, (Abb. Tafel 4). Bogen und Pfeile sind leicht und dienen nur alten Leuten und Kindern als Waffen und Jagdgeräth. Als solches für kleines Wild dient auch die interessante Steinschleuder, ein Geräth, das man sehr selten in Mittelafrika findet. (Abb. pag. 186.) Dieselbe wird auch zum Verjagen der Vögel aus den Feldern gebraucht. Im Gebrauch der Waffen, besonders im Werfen der Speere besitzen die Wambugwe bedeutende Geschicklichkeit.
Kalebassen-Ornamente der WambugweKalebassen-Ornamente der Wambugwe.
Kalebassen-Ornamente der Wambugwe.
Die Speere der Warangi sind zierlicher, doch weniger kräftig, ihre Schilde meist kreisrund mit Mittelbuckel.
Von einemHandelkonnte in Umbugwe kaum die Rede sein, bevor das Erscheinen meiner Expedition eine neue Aera für das Land eröffnete. Küstenkarawanen wagten sich, wie gesagt, nicht ins Land, und selbst Wasukuma kamen nur selten dahin. Der Verkehr mit der Aussenwelt beschränkte sich auf das Eintauschen von Irangi-Eisen und Mangati-Salz gegen Vieh; selten unternahmen die Wambugwe einen Zug nach Meatu, um Irangi-Hacken gegen Häute zu vertauschen. Das wenige, was sie an Glasperlen und Zeug benöthigten, erhielten sie durch die Warangi, die stets ungehindert im Lande verkehrten, seltener durch Wagogo der nördlichen Distrikte, die manchmal bis Umbugwe vordringen.
Gegenwärtig freilich durchziehen häufig Europäer- und Swahíli-Karawanen das Land und eine vollständige Umwandlung aller Lebensverhältnisse ist im Gange.
Ueber das merkwürdigeinnere Lebendieses Stammes konnte ich verhältnissmässig viel erfahren, da ich während meines zweiten Aufenthaltes mit den Eingeborenen sehr freundschaftlich verkehrte und vorzügliche Dolmetscher besass.
Die erste Erfahrung, welche der neugeborene Mbugwe an seinen Landsleuten macht, ist keine angenehme. Es werden ihm nämlich mit einem scharfen Messer zwei Schnitte über das Gesicht — dieStammesmarke— gezogen. Alle Wambugwe ohne Ausnahme tragen diese; sieht man Jemand ohne die charakteristischen Schnitte, so ist er entweder ein Fremder oder er wurde von seiner Mutter nach Empfang besonderer Medizin, die durch den Zauberdoktor verabreicht wird, geboren.
Speer der WarangiSpeer der Warangi.
Speer der Warangi.
Steinschleuder der WambugweSteinschleuder der Wambugwe.
Steinschleuder der Wambugwe.
Die Namengebung erfolgt in der Kindheit durch Verwandte und gilt fürs Leben. Nur wenn ein Kind krank wird, nimmt der Zauberdoktor öfter an, dass ein verstorbener Verwandter (besonders der Vater) etwas gegen dasselbe habe. Dann giesst man dem Todten Pombe aufs Grab und das Kind nimmt dessen Namen als zweiten an. Die Beschneidung wird von kundigen Personen bei Männern und Weibern in der Jugend vollzogen; dabei findet ein Trinkgelage statt. Das Reifwerden der Mädchen giebt zu keinen Gebräuchen Anlass.
Sehr merkwürdig, ja unter Mittelafrikanern fast vereinzelt ist das grundsätzliche Fehlen der Vielweiberei. Selbst Häuptlinge haben nur eine Frau, und als Kutadu, der kein Mbugwe, sondern ein Mtaturu ist, dennoch eine zweite nahm, erregte dies allgemeines Aergerniss.Die Brautwerbung geschieht durch Uebersendung eines Rindes an den Vater, wird dieses angenommen, so wird die Hochzeit durch Tanz und Pombegenuss gefeiert. Einen weiteren Brautpreis hat der Bräutigam nicht zu zahlen, ja, es ist üblich, dass der Vater der Tochter Rinder in die Ehe mitgiebt. Tritt Scheidung ein, so muss der Gatte diese dem Schwiegervater zurückgeben, dann können beide Theile wieder heirathen. Der Verführer eines Mädchens muss dem Vater, der einer Frau dem Gatten das etwa geborene Kind überlassen, weitere Streitigkeiten entstehen deshalb nicht.
Heirathen mit Weibern fremder Stämme, wie Wafiomi, Wataturu und besonders Warangi sind nicht selten und tragen dazu bei, den Wambugwe hamitisches Blut zuzuführen. Kindsmord soll niemals vorkommen.
BeiKrankheitenwird der Zauberdoktor gerufen, der Pflanzenmedizin, gewöhnlich Brechmittel eingiebt. In schweren Fällen nennt er die Person, die den Kranken bezaubert hat und die stets gleichen Geschlechts mit diesem ist. Dann pflegen die Verwandten dem Häuptling ein oder mehrere Rinder zu bringen und in nächtlicher Berathung beschliesst dieser mit den Stammesältesten den Zauberer zu tödten. Dieser wird dann meuchlings niedergemacht.
BeimTodeeines Menschen wird der Rath des Zauberdoktors nicht eingeholt. Man schlachtet eine Ziege und reibt mit deren Fett die Augen des Verstorbenen ein, damit sein Geist die neugeborenen Kinder nicht sehe und ihnen durch bösen Blick schade. Hierauf wird die Leiche, wenn ein Mann, auf dem rechten, wenn eine Frau, auf dem linken Arm liegend im Tembe begraben. Nur wer durch eine Speerwunde stirbt wird draussen beerdigt. Beim Leichenschmaus wird der erste Pombeschluck aufs Grab gespien. Dann wird das Tembe ruhig weiter bewohnt.
Erscheint ein Todter im Traume, so wird der Zauberdoktor befragt, der dann meist die Opferung eines schwarzen Stieres fordert, dessen Nabel im Grabe verscharrt wird. —
Wie aus dem Obigem hervorgeht, spielt auch bei den Wambugwe, wie bei allen Bantu derAhnenkultdie erste Rolle. So werden auch Löwe und Elephant als Geister längst Verstorbener angesehen. Ein eigentlicher Gottesbegriff scheint jedoch zu fehlen.
Die Sklaverei ist in Umbugwe unbekannt, ihr kriegerischer Sinn schützt die Wambugwe auch vor Sklavenjagden, welche die Ober-Aruschaner nach diesen Gegenden zu unternehmen pflegen.
Die ursprünglicheRegierungsformist zweifellos die Familien-Republik, wie sie heute noch im Distrikt Wabwa besteht. Die ungeheure Macht der Zauberdoktoren, sowie die Erblichkeit dieser Würde, liessen dieselben jedoch rasch zu kleinen Herrschern, Häuptlingen, heranwachsen. Von den drei in Umbugwe lebenden Häuptlingen ist nur Mbi ein echter Mbugwe, Mtakayko hat Wataturublut und Kutadu ist ein reiner Mtaturu. Die beiden Letzteren sind die mächtigsten und als Zauberer sehr gefürchtet, ihr reicher Viehbesitz stammt fast nur von Geschenken her, die sie in dieser Eigenschaft bekamen.
Zu ihren Künsten gehört vor Allem dasRegenmachen. Dazu nimmt der Zauberer bei hellem Sonnenschein ein schwarzes Kalb und ein schwarzes Schaf, hebt sie auf das Tembedach, schlitzt ihnen den Bauch auf und spritzt den Mageninhalt nach allen Richtungen. Dann giesst er Wasser und Medizin in ein Gefäss; ist der Zauber gelungen, so kocht das Wasser auf und Regen erfolgt. Um Regen zu hindern zieht sich der Zauberer in das Innere des Temberaumes zurück und erhitzt einen Bergkrystall[19]in einer Kalebasse.
Die Macht des Häuptlings ist sehr durch die Aeltesten beschränkt, die in allen wichtigen Angelegenheiten mitzusprechen haben. Zu seinen Vorrechten gehört, dass er die Erlaubniss zum Ernteschnitt giebt; am ersten Tage wird dann auf seinen Feldern geschnitten.
DieKriegeder Wambugwe untereinander sind wenig blutig. Ziegen und Rinder werden dabei niemals fortgetrieben, als Beute gelten nur Hausgeräth und Hühner. Ganz anders freilich wissen sie sich gegen auswärtige Feinde zu vertheidigen. Als mächtiger Kriegszauber wird ein Angehöriger des feindlichen Distriktes abgefangen, getödtet, seine Haut abgezogen und an Armen und Brust getragen. Als Friedenszeichen überreichen die Wambugwe etwas Gras, das sie nach Massaiart vorher bespeien. Ihr gewöhnlicher Gruss ist »Tálala«.
Mord wird durch Blutrache gesühnt. Von Diebstählen werden nur die grösseren dem Häuptling angezeigt. Dieser verbannt dann den Dieb und zieht dessen Eigenthum ein, wobei die Aeltesten etwas, der Bestohlene aber nichts abbekommt. Grundbesitz ist bekannt, das urbar gemachte Land gilt endgiltig als erworben.
Sonne und Mond betrachten die Wambugwe als Brüder, die Sterne als Menschen, deren einer stirbt, wenn eine Sternschnuppe fällt.
Wenn wir dasGesammtbildder Wambugwe betrachten, so finden wir einen körperlich und geistig gesunden, völlig urwüchsigen Stamm, der nach jahrhundertelanger Abgeschlossenheit nun plötzlich mit der Aussenwelt in regen Verkehr tritt. Es ist zweifellos, dass die Veränderungen, welche dessen Lebensgewohnheiten schon in den nächsten Jahren erleiden müssen äusserst tiefgehende sein werden. Mir jedoch, der ich als erster Weisser die Wambugwe in voller Ursprünglichkeit gesehen, der ich ihnen — hoffentlich als letzter Europäer — in blutigem Kampfe gegenüberstand und sie dann aber auch als Freunde kennen lernte; mir scheint es fast sicher, dass dieser Stamm bei kräftiger und doch maassvoller Behandlung zu einem der wichtigsten Kulturelemente Deutsch-Ostafrika's heranzubilden wäre. —
Die Plateaulandschaften südwestlich vom Gurui-Berg, bis gegen Ugogo hin, bewohnt ein anderer Bantu-Stamm, dieWanyaturu, d. i. Leute von Turu. Dieselben leiten ihre Abkunft vom Gurui-Berg her, sind aber jedenfalls schon sehr alte Ansiedler. In vieler Hinsicht weisen sie Aehnlichkeit mit den Waschaschi im östlichen Nyansa-Gebiet, besonders aber mit deren ursprünglichsten Vertretern,den Wakara von Ukara auf. Jedenfalls gehören die Wanyaturu zu den tiefststehenden Bewohnern des abflusslosen Gebietes, was besonders auffällt, wenn man aus dem Innern, aus Unyamwesi kommt, wo die Kulturstufe eine ungleich höhere ist.
Die Wanyaturu sind kräftige, hochgewachsene Leute, ziemlich dunkelfarbig und von recht reinem Negertypus, der im Allgemeinen dem der Wanyamwesi gleicht. (Abb. Taf. 13 und pag. 110.) An Hamiten erinnernde Gesichtszüge sind selten und wohl nur bei Nachkommen eingewanderter Wataturu zu finden. Die Männer gehen vollkommen nackt und scheinen nicht das geringste Schamgefühl zu kennen. Um die Hüften tragen sie zahlreiche, festsitzende Bastschnüre, um die Knöchel Glasperlen oder Lederschnüre. Beide Geschlechter sind beschnitten. Die Männer tragen die Haare meist kurz, manchmal mit einer Feder am Scheitel. Seltener drehen sie kleine Zöpfchen, die sie mit Fett festigen, oder tragen, wie die Wanyairamba, dünne, lange Haarzöpfchen, die nach hinten hängen. Die Weiber tragen Lederlendenschurze und rasiren den Schädel, ältere Leute schlingen manchmal ein Stückchen Zeug um die Hüften.
Die Wanyaturu gelten mit Recht als boshaft. Wildheit und Hass alles Fremden bildet den Grundzug ihres Charakters der durch politische Zerfahrenheit des Landes noch verschärft wird.