Chapter 13

Milchgefäss aus Holz, WatussiMilchgefäss aus Holz, Watussi. — Geräth zum Aushöhlen der Milchgefässe, Watussi.

Milchgefäss aus Holz, Watussi. — Geräth zum Aushöhlen der Milchgefässe, Watussi.

Wie wir die Watussi heute sehen, erscheinen sie als ein physisch hervorragender hamitischer Hirtenadel unter den Bantustämmen, welchen sie sich sprachlich und ethnographisch völlig angeschlossen haben. In manchen Gegenden sind sie von den Bantu nur durch den Typus, der besonders bei Herrscherfamilien rein erhalten ist, zu unterscheiden. In anderen Gegenden, wie in Urundi und Ruanda, leben sie noch alsgetrennter Stamm, als Viehzüchter unter den ackerbauenden Bantu. Ob es gelingen wird, sprachlich und ethnographisch reinere Watussi, als die von Stuhlmann und mir gesehenen, aufzufinden, scheint fraglich. Denn an den Nilquell-Seen fehlen die weiten Steppen und unbewohnten Plateaus der Massai-Länder, überall lebt hier seit Jahrtausenden eine Bantu-Bevölkerung, welche Eindringlinge wie die Watussi wohl politisch beherrschen, deren ungeheurer Ueberzahl sie jedoch ethnisch weichen müssen.

Der östlichste Punkt bis zu welchem der Watussi-Einfluss gedrungen, ist die vonWasinjabewohnte InselUkerewe. Dort soll vor 15 Generationen Ruhinda, ein Mtussi, mit seinem Anhang aus Uhaia, eingewandert sein. Er verdrängte die Ureinwohner, die der Waschaschi-Gruppe angehörten und den Wakara-Wakwaya verwandt waren und soll die Banane eingeführt haben. Er ist am Kitare-Berg begraben und sein Nachkomme ist der jetzt lebende Häuptling Lukonge, der mit seiner Familie noch deutlich den Watussi-Typus trägt. Irangala, der Nordwesten der Insel, untersteht jedoch nicht diesem, sondern dem Häuptling Kaka.

Krieger aus UkereweKrieger aus Ukerewe.

Krieger aus Ukerewe.

Nur mehr oder weniger mit ohnehin verwandten Wakwaya-Elementen vermischt, sind die Wakerewe sprachlich reine Wasinja. Sie hatten früher Kämpfe mit den zwischen Speke-Golf und Baumann-Golf hausenden Wataturu zu bestehen, die sie mit ihren vergifteten Pfeilen angriffen. Doch wurden diese schliesslich besiegt und lebten dann mit den Wakerewe in Frieden. Dann tauchten die Massai auf, vernichteten die Wataturu und fielen auch, den Rugedsi-Kanal übersetzend, in Ukerewe ein, um Rinder zu rauben. Gegenwärtig beherrscht Lukonge ausser Ukerewe auch Kiruviru, die Insel Nafuba und die Inseln des Baumann-Golfes; Ukara dagegen ist völlig unabhängig.

TAFEL XXIIOrnamente auf Körben der WakereweOrnamente auf Körben der Wakerewe.

TAFEL XXII

Ornamente auf Körben der Wakerewe.

Ukerewe stand bis in die letzten Jahre in einem gewissen Abhängigkeits-Verhältniss von Uganda. Das Gleiche war auch bei den kleinen Staaten vonUsinja, im engeren Sinne von Mweri, der Fall, eine Landschaft, die sich von der Bukumbi-Bai bis zumSüdwestende des Emin Pascha-Golfes ausdehnt. Das Land war früher stärker bewohnt, wie die zahlreichen Spuren früherer Niederlassungen in jetzt unbesiedelten Gebieten andeuten, wurde jedoch durch Einfälle der Wangoni theilweise entvölkert. Am bedeutendsten ist der Häuptling Rwoma, der den Nordosten des Landes beherrscht. Alle anderen sind nur Schulzen die jedoch, wie auch Rwoma, sämmtlich dem Watussi-Stamm angehören.

Westlich vom Nyansa dehnt sich das KönigreichOst-Ussuiaus, das auch Theile von Usambiro- und nördlichen Wanyamwesi-(Wafiomi)-Landschaften umfasst. Es ist in seinem östlichen Theile ziemlich dicht, im westlichen Gebirgsland dagegen schwach bewohnt. Es steht unter despotischer Herrschaft des Häuptlings Kassusura, der früher ein Vasall Uganda's jetzt unabhängig ist. Durch einen unbewohnten, zu Karagwe und Uha gehörigen Strich von Ost-Ussui getrennt, liegtWest-Ussui, das nur in seinem östlichem Theil von Wasinja, im westlichen von Warundi bewohnt ist. Diese nennen sich, ebenso wie die Wanyamwesi Südost-Ussui's, ebenfalls »Wassui«, woraus hervorgeht, dass dieser Begriff kein ethnographischer, sondern ein politischer ist. West-Ussui wird vom Häuptling Yavigimba (Kirundi Rwawigimba) beherrscht. Dieser ist, wie Kassusura, ein Mtussi, auch trifft man in West-Ussui zuerst Watussi-Hirten, die jedoch von Yavigimba nicht sehr begünstigt und vielfach vertrieben wurden. So stammen die Watussi von Urambo aus West-Ussui.

DieWasinjaerscheinen körperlich als ein Mischvolk der ursprünglichen Bantu-Bevölkerung mit starken hamitischen (Watussi) Elementen. Man trifft also neben reinem Negertypus auch schöne an Abessinier erinnernde Körper- und Gesichtsformen, sowie Leute, die ein deutliches Gemisch der beiden Typen erkennen lassen. Als fast reine Watussi erscheinen die Herrscherfamilien, doch haben dieselben vollere Körperformen als die mageren Hirtenstämme, was wohl hauptsächlich der reichlicheren Pflanzenkost zuzuschreiben ist.

Im Allgemeinen sind die Wasinja ein mittelgrosser, kräftiger und wohlgebildeter Stamm mit dunkelbrauner Hautfarbe. Haarfrisuren werden nicht getragen. Beschneidung ist unbekannt. Als Stammesmarke gilt in der Landschaft Usinja eine schlangenartig, spiralig endende Narbenverzierung die unterhalb des Nabels quer über den Bauch verläuft. Die ursprüngliche, in Ukerewe noch allgemein übliche Kleidung ist ein Ziegenfell, das von einer Schulter herabhängt und stets die Schamtheile bedeckt, doch wird in Usinja und Ussui überall Baumwollzeug getragen. Nur die Weiber tragen meist Lederlendenschurze. In Ukerewe lässt man oft den Bart lang wachsen und dreht ihn zu einem dünnen Zopf, der mit Bast umwunden wird. Ausser Arm- und Beinringen und mit Draht umsponnenen Darmsaiten (Madodi) am Arm, werden nur Halsbinden aus Metall- oder Glasperlen als Schmuck getragen.

Den Zähnen wird überall besondere Pflege gewidmet, in Ukerewe benutzt man eigene Gefässe mit Sand zum reinigen derselben. Als Kriegsschmuck wird in Ukerewe eine kaurigeschmückte Mütze aus Löwenfell getragen.

Die Wasinja sind intelligent und wissen sich in neue Verhältnisse zu schicken. Früher waren sie durch ihre Erpressungen der Schrecken der Karawanen, jetzt haben sie darin sehr nachgelassen und nur Kassusura von Ost-Ussui erhebt nach wie vor sein »Mahongo« (Tribut) von den Händlern. Durch diese Erpressungen, sowie durch die Eisenindustrie haben sie, obwohl sie niemals zur Küste gehen, doch viel Zeug gesammelt. Ihre Sprache ist ein angenehm klingender Bantudialekt, der ungeheure Verbreitung von Unyoro bis Ukerewe und auch über Schaschi besitzt.

Während Waschaschi und Wanyamwesi noch in Cylinderhütten mit Kegeldach und Lehmwänden wohnen, finden wir bei allen Wasinja die reinen Gras- oder Laubhütten, in Ukerewe sowohl, wie in Usinja und Ussui von genau der gleichen Anlage, nur nach Reichthum und Stellung des Besitzers abweichend in Grösse und Sorgfalt der Ausführung. DieWasinja-Hütte(Abb. pag. 71) besteht aus einem einfachen Geflecht aus Zweigen ohne Mittelpfeiler, das mit Gras oder dürren Bananenblättern gedeckt wird. Den Gipfel krönt häufig ein Straussenei. Oefter ist an dem Eingang ein Vordach vorhanden, das manchmal hübsch mit Rohrwänden versehen ist. Das Innere ist durch Lehm- oder Rohrwände in kleine Abtheilungen getheilt. Der Durchmesser variirt von circa 15 m (wie bei Lukonge's Hütte) bis zu 3 m. Oft ist die Hütte so leicht, dass man sie ohne Schwierigkeit an einen andern Platz tragen kann.

Gefäss mit Sand zum ZahnreinigenGefäss mit Sandzum Zahnreinigender Wakerewe.

Gefäss mit Sandzum Zahnreinigender Wakerewe.

In Ukerewe und Usinja ist die Höhe grösser als der Durchmesser, in Ussui ist das Umgekehrte der Fall und die Hütte nähert sich immer mehr der Halbkugelform. Grössere Dörfer sind vereinzelt, meist sind kleine Weiler zwischen den Feldern verstreut, die mit lebenden oder Stangenzäunen und schönen Bananenhainen umgeben sind.

Die Hauptbeschäftigung der Wasinja ist Ackerbau, neben welchem Jagd undFischereinur untergeordnete Rollen spielen. Letztere wird von den Nyansastämmen, besonders den Wakerewe in ähnlicher Weise wie von den Waschaschi betrieben. Hauptsächlich dazu, sowie zur Vermittelung des Verkehrs haben sie ziemlich grosse Kanus, die ähnlich wie jene der Waganda aus genähten Brettern bestehen und von 2-40 Mann halten. Das Rudern geschieht sitzend mit eigenthümlich geformten und bemalten Rudern. (Abb. pag. 44.) Den Takt giebt Gesang, den ein meist an der Spitze des Kanus stehender Vorsänger leitet.

DieViehzuchtwar früher bedeutender als jetzt, wo sie durch die Seuche stark gelitten. In Ukerewe wird das (offenbar von Osten importirte) Zeburind, westlich vom Bukumbigolf aber überall das Watussi-Rind gehalten. Die Bewohner der Landschaft Usinja sollen sich früher fast ausschliesslich von Viehzucht ernährt haben, bis die Wangoni-Einfälle ihnen das unmöglich machten.

Kleinvieh wird überall, besonders in Ukerewe zahlreich gehalten. In Ussui haben die Schafe auffallend lange Fettschwänze. Hühner giebt es wenige, dagegen wird viel Mühe auf Bienenzucht verwendet. Als Stöcke dienen auf Bäume aufgehängte Holzröhren, wie man solche auch in den Kilimanjaro-Ländern antrifft. Der Ukerewe-Honig gilt mit Recht als besonders vorzüglich. Hunde giebt es überall, dieselben sind in Usinja auffallend langbeinig.

Die ursprüngliche Kulturpflanze der Wasinja war jedenfalls die Banane, die sich, meist in der süssen Art (Musa paradisiaca) überall bei ihnen findet. In Ukerewe und Theilen von Ussui liefert sie heute noch die Hauptnahrung während in Usinja der Maniok ihre Stelle vertritt, eine Kulturpflanze, welche ihrer leichten Anbauart halber, nicht selten von früheren Viehzüchtern (z. B. auch den Wadigo) gewählt wurde. Im Uebrigen findet man eine auffallend grosse Mannigfaltigkeit der Kulturpflanzen. So baut man in Ukerewe Bananen, Sorghum Mawele (Penicillaria), Mais, Pataten, Hülsenfrüchte, Kürbisse, Maniok, Tabak und Hanf, in Usinja Maniok, Pataten, rothen Sorghum, Mais, Bananen, Arachis und etwas Tabak, in Ussui Bananen, weissen Sorghum, Maniok, Tomaten, Pataten, Bohnen, Sesam, Arachis, kleine Kürbisse, Ricinus und Tabak.

Die Felder sind gut gehalten, das Erträgniss der Ernte wird in Vorrathshütten aufgespeichert oder in länglichen, an Stangen gebundenen Grasgeflechten verwahrt. (Abb. pag. 71.) Zur Bearbeitung dienen Hacken und sichelförmige Feldbeile, die zum Roden des hohen Grases benutzt werden. Der Sorghum wird nicht in Mörsern, sondern in länglichen Holztrögen gestampft, die rothe Varietät fast nie zur Pombebereitung benutzt.

Von besonderer Bedeutung ist in Usinja und Ost-Ussui dieEisenindustrie, die von »Warongo« genannten Schmieden ausgeübt wird, welche möglicherweise die Nachkommen einer Schmiedekaste der Watussi sind. Das Eisen wird aus Raseneisenstein gewonnen und ist guter Qualität. Die Werkstätten sind geräumiger als die Wohnhäuser. Als Brennmaterial dienen Holzkohlen. Der Blasebalg, sowie überhaupt der ganze Schmiedeapparat mit Hämmern und Zangen, gleicht fast vollkommen dem in Nord-Pare[21]üblichen. Das Haupterzeugniss sind Hackenklingen (Abb. pag. 72), die in ganz Unyamwesi und bis Ugogo hin ungemein geschätzt sind. Daneben werden sehr schöne Speere und Pfeilspitzen gefertigt, wie denn alle Arbeiten der Warongo sich durch ausserordentliche Schönheit und Solidität auszeichnen. Pfeile und Bogen sind die Hauptwaffen der Wasinja, erstere werden in Bambusköchern oder länglichen Kalebassen, in Ussui in Lederbeuteln verwahrt und manchmal vergiftet. Vorderlader-Gewehre sind in Usinja und Ussui stark verbreitet. Die Speere haben durchwegs Klingen mit übergreifender Schaftzwinge. Ihre Form nähert sich theils jener von Urundi, theils der von Nkole. Manche Speere haben auch eiserne Schäfte. Schilde sind nicht mehr gebräuchlich, eine veraltete Form derselben fand ich nur in Ukerewe. Dieselbe ist ausdem korkähnlichen Ambatsch-Holz gefertigt und eigenartig ornamentirt. Schwerter sind nicht gebräuchlich. Von Häuptlingen werden öfters zierliche Paradebeile getragen.

Alle Geräthe der Wasinja und besonders der Wakerewe zeichnen sich durch sorgfältige und zierliche Ausführung aus. Trinkkalebassen und vor Allem Körbe sind mit originellen Ornamenten versehen, in welchen die Quadrat- und Dreieckmuster vorherrschen, nicht selten aber auch Spiralmuster auftreten.

GerätschaftPfeilspitzen, Usinja. — Sichel der Wasinja. — Sichel, Ukerewe. — Trinkkalebasse der Wakerewe. — Korbflasche der Wakerewe.

Pfeilspitzen, Usinja. — Sichel der Wasinja. — Sichel, Ukerewe. — Trinkkalebasse der Wakerewe. — Korbflasche der Wakerewe.

Gegenstand desKultussind die Geister der Ahnen, welche Krankheiten verursachen und die man in Ukerewe durch Trommeln und kleine Opfer, in Ussui durch Zeugbündel, die an Kreuzwege gelegt werden, versöhnt. Auch gewisse Plätze gelten als Sitz von Geistern und pflegt dort jeder Vorbeiziehende einen Stein hinzuwerfen, so dass sich nach und nach ein Steinhaufen aufthürmt. Mit dem Ahnenkultus in Beziehung steht jedenfalls auch eine meterhohe Figur aus Ebenholz,die ich in Ukerewe fand und die mir als Bildniss des verstorbenen Häuptlings gedeutet wurde. Bei derselben hielt sich stets die Lieblingsfrau des Verstorbenen auf. Bei der Seltenheit bildlicher Darstellungen des menschlichen Körpers in Ost-Afrika hat diese Figur besonderes Interesse.

Geräte und WaffenTopf der Watwa (Urundi). — Speere der Wassui. — Holzfigur des verstorbenen Häuptlings, Ukerewe. — Paradebeil der Wasinja. — Schild aus Ambatschholz, Ukerewe. — Köcher der Wassui.

Topf der Watwa (Urundi). — Speere der Wassui. — Holzfigur des verstorbenen Häuptlings, Ukerewe. — Paradebeil der Wasinja. — Schild aus Ambatschholz, Ukerewe. — Köcher der Wassui.

Die Regierungsform der Wasinja ist überall monarchisch. Früher bestand ein grosses Königreich, jetzt ist das Land in kleine Fürstenthümer getheilt, von welchen Ost-Ussui das bedeutendste ist. Dann folgen West-Ussui (Uyogoma), Ukerewe und Rwoma's Land in Usinja. Alle anderen Herrscher in Usinja, sowie Kaka in West-Ukerewe, sind nicht viel mehr als Dorfschulzen. Die Häuptlinge geniessen sehr grosse Macht und verfügen nahezu unumschränkt über Leben und Tod. Sie halten eine Art Leibwache, welche zugleich Polizeidienste versieht und bei Verbrechen die Schuldigen verhaftet. Auf Diebstahl steht Todesstrafe, auch wird das Vermögen des Schuldigen eingezogen und seine Verwandten werden der Sklaverei überliefert. Ausser solchen Sklaven, die jedoch meist ins Ausland verkauft werden, giebt es in Usinja auch fremde, durch Karawanen importirte.

Watwa-Dorf, UrundiWatwa-Dorf, Urundi.

Watwa-Dorf, Urundi.

Der gewöhnliche Gruss eines Höheren besteht bei allen Wasinja, von Ukerewe bis Ussui, im Niederknien und Händeklatschen. Der Gegrüsste erwidert darauf nicht.

Die Wasinja sind zwar weniger unternehmungslustig als die Wanyamwesi, durch ihre Intelligenz und ihre Geschicklichkeit, die sich besonders in Schmiedearbeiten äussert, aber doch sicher berufen eine Rolle zu spielen.

Während die Wasinja schon von verschiedenen Reisenden, von Speke bis auf die neueste Zeit besucht und besonders von Stuhlmann vorzüglich beschrieben wurden, gelangen wir westlich von ihnen zueinem Bantustamm, von dem kaum mehr als der Name bekannt war: denWarundi. Mit den ihnen nahe verwandten Waha und Wanyaruanda bewohnen sie ein weites Gebiet, von Ussui bis zum Russisi, von Unyamwesi bis zum Tanganyika und reichen nördlich bis nahe an den Albert Edward-See. Ueberall stehen sie als »Wahutu« (Unterworfene) dem Adel der Watussi gegenüber.

Die Warundi sind zweifellos sehr alte Ansiedler der von ihnen bewohnten Gebiete; irgend welche Tradition über Einwanderung besteht, soviel ich erfahren konnte, nicht. Dennoch sind die Warundi wahrscheinlich keine Urbevölkerung, sondern eine solche haben wir in denWatwazu sehen, welche überall im Lande verstreut leben. Der Name Watwa (oder Batwa) ist bekanntlich ein weit verbreiteter und wird hauptsächlich den Pygmäenvölkern in den südlichen Kongowäldern beigelegt. In den schwach bewohnten Urwäldern konnten die Watwa sich begreiflicherweise reiner erhalten als in dem offenen Urundi, inmitten einer dichten Ackerbaubevölkerung. Der Blutmischung waren hier die Wege geebnet und thatsächlich finden wir, dass die Watwa Urundi's durchschnittlich nicht kleiner sind als die umwohnenden Warundi.

Sie leben in kleinen Niederlassungen mit sehr schlechten Grashütten, benutzen im Gegensatz zu den Warundi, die stets auch Speere führen, ausschliesslich Bogen und Pfeile und lebten ursprünglich von der Jagd. Mit der Zunahme der Bevölkerung nahm jedoch das Erträgniss derselben ab, doch wandten sich die Watwa keineswegs dem Ackerbau, sondern der Töpferei zu. Mit einem Stück Kalebasse als einzigem Geräth und einem Schnurende zum Anbringen der Ornamente fertigen sie ungemein geschmackvolle Töpfe und Krüge an, welche sie an die Ackerbauer verkaufen.

Sie werden sehr verachtet und gelten als Pariastamm. Kein Mrundi würde aus demselben Gefäss wie ein Mtwa trinken, auch sollen Heirathen nicht vorkommen. Dennoch ist, wie gesagt, die Blutmischung unverkennbar und zwar nicht nur bei den Watwa, sondern auch bei den Warundi. Denn unter den vielfach hochgewachsenen Warundi trifft man, besonders im Norden, auffallend häufig Leute von etwa 1,35 m Höhe mit kurzem Hals, röthlichen Lippen und gedrungener Gestalt, auch erwachsene, auffallend lichtfarbige Weiber mit dem Kinde auf dem Rücken bei einer Höhe von 1,20 m.

Offenbar hat man es hier mit Fällen von Atavie zu thun, bei welchen der Typus einer Watwa-Urbevölkerung zu Tage tritt, welche in den Warundi aufgegangen ist. Die heutigen Watwa dagegen stellen nur einen von der herrschenden Rasse durch die Lebensweise unterschiedenen Pariastamm dar. Der Uebergang zwischen ihnen und den Kongo-Watwa bilden die Watwa der Berge westlich vom Tanganyika, die ebenfalls von Jagd und Töpferei leben, nach den Märkten der Eingeborenen kommen, jedoch bereits als Zwerge bekannt sind. Alle Watwa sollen eine eigene Sprache besitzen, doch konnte ich trotz vieler Bemühung nur Kirundi-Wörter von ihnen erhalten. Sie scheinen sehr stumpfsinnig,»tu wayovu« (Wir sind Elephantenjäger) ist das einzige, was sie auf alle Fragen antworten. Auch ihre Geräthschaften, mit Ausnahme jener für Töpferei, haben nichts charakteristisches und gleichen jenen der Warundi.

Wenn also auch in gewissen Distrikten eine Aufnahme von Watwa-Elementen bei den Warundi wahrscheinlich ist, so haben sie sich im Allgemeinen doch sehr rein und besonders von hamitischen (Watussi) Mischungen ziemlich frei erhalten.

DieWarundisind ein kräftiger, mittelgrosser Stamm; hochgewachsene und herkulisch gebaute Leute sind nicht selten. Die Gesichtszüge sind rein negerhaft, die Hautfarbe dunkelbraun, bei der geringen Reinlichkeit oft fast schwarz erscheinend. Die Busen junger Weiber sind wohlgeformt und nicht zitzenförmig.

Haartrachten der WarundiHaartrachten der Warundi.

Haartrachten der Warundi.

DieSpracheder Warundi ist ein reines Bantu-Idiom, welches von Kisinja (Kinyoro) wesentlich abweicht, mit Kiha aber nahezu identisch ist. Der Dialekt von Ruanda nähert sich etwas mehr dem Kisinja. Sonst finden sich keine eingreifenden dialektischen Verschiedenheiten in ganz Urundi und einige meiner Leute aus Ujiji konnten sich überall verständlich machen.

Im Gegensatz zu den meisten Negerstämmen werden die Ohren in Urundi niemals durchbohrt und auch die Zähne in keiner Weise verstümmelt. Beschneidung ist nicht üblich. Die Kopfhaare werden kurz getragen oder abrasirt, wobei man oft einzelne Stellen in Formvon Spiralstreifen, Kreisen oder Haarkämmen stehen lässt. Die Weiber rasiren die Haarränder meist rund ab. In manchen Gegenden pflegt man sich mit weisser Farbe (aus Mergel oder Hyänenmist) am kahlrasirten Schädel und im Gesicht Flecken und Streifen zu malen. Als Kleidung dient hauptsächlich Rindenzeug, das in rother und grauer Farbe vorkommt. Die rothen Stoffe sind oft mit grauen und schwarzen Flecken und Streifen gemustert. Männer tragen einen dreieckigen Ueberwurf, dessen langer Zipfel bis zu den Knien herabhängt und stets die Schamtheile bedeckt, sowie manchmal auch einen Lendenschurz. Ledige Weiber tragen einen Lendenschurz aus grauem Rindenzeug, Verheirathete auch noch ein Tuch, welches den Busen verhüllt und oft zugleich den Sprössling festhält.

Zeug-Ornamente der WarundiZeug-Ornamente der Warundi.

Zeug-Ornamente der Warundi.

In manchen Gegenden tritt an Stelle des Rindenzeugs — doch stets nur vereinzelt — Leder; besonders lieben es junge Leute, beim Tanz schneeweiss bemalte Lederschürzen zu tragen. In Ruanda haben viele Weiber Lederkleidung. Europäisches Zeug trifft man in Urundi — ausser am Tanganyika — nirgends, in Ruanda nur ganz vereinzelt. Ein beliebter Halsschmuck der Warundi ist das dreieckige Segment einer Seeschnecke, welches an einer Schnur getragen wird. Da Küstenerzeugnisse — ausser etwas Messing und sehr wenigen Glasperlen— sonst gänzlich fehlen, so ist das häufige Vorhandensein einer Seeschnecke auffallend. Doch wird dieser Schmuck auch in Unyamwesi häufig getragen und wurde wohl in früheren Zeiten — als ein friedlicher Verkehr mit Urundi noch möglich war — massenhaft importirt und hat bei seiner Solidität bis heute ausgehalten. Doch sieht man schon häufig Nachahmungen aus Knochen und Flusspferdhauern. Ausser diesen wird auch ein trichterförmiger Eisenschmuck um den Hals getragen, sowie hübsche, mit Messing ornamentirte Holzcylinder.

An den Knöcheln tragen Weiber und vornehme Männer mit Eisendraht umsponnene Darmseiten, Madodi. Ein eigenthümlicher Schmuck ist der dicke hölzerne Armring (Abb. pag. 77), den alle Warundi-Krieger am linken Unterarm tragen und der häufig mit originellen Eisen-, Messing- und Kupferornamenten beschlagen ist. Er dient theils als Waffe beim Faustkampf, theils zum Auflegen des Pfeiles beim Zielen und zum Abhalten der rückschnellenden Bogensehne. Doch findet er sich als reiner Schmuck auch in Gegenden, die keine Bogen und Pfeile benutzen, wie Uyogoma.

DieWohnungender Warundi sind reine Grashütten ohne Mittelpfahl, oft breiter als hoch, dann mit seitlichen Stützen. Von der reinen Halbkugelform weichen nur die Hütten im Kagera-Quellgebiet ab, die cylindrischen Bambus-Unterbau besitzen. In Nord-Urundi und Uyogoma ist das Innere durch zwei halbkreisförmige Lehmwände (a a) getheilt, die nicht bis zum Dach reichen und mit den convexen Seiten gegen den Eingang stehen. Sonst werden die Kammern stets durch Papyrus- oder Bambuswände abgetrennt. In einer derselben steht das bequeme, mit Gras und Bananen-Matten bedeckte Bett. Neben der Wohnhütte stehen Vorrathskörbe, die ähnlich wie die von Usinja und Unyamwesi aussehen.

Halsschmuck der WarundiHalsschmuck der Warundi.

Halsschmuck der Warundi.

WohngrundrissWohngrundriss.

Wohngrundriss.

Alle Hütten sind in kleinen Komplexen zwischen dichten Bananenhainen vertheilt und mit buschiger Euphorbien- oder mit Distel ausgefüllter Bambus-Hecke umgeben. Aus den Bananen erheben sich einzelne glänzendblättrige Ficus-Bäume, die zur Herstellung des Rindenzeugs dienen und das ganze Dorf erscheint wie eine dunkelgrüne Insel in dem Meer lichtgrüner Grashalden.

Die Jagd spielt in dem dicht bewohnten Urundi keine Rolle, Fischfang betreiben die Tanganyika-Stämme mit Eifer, während im Kagera und Akanyaru, soviel ich erfahren konnte, nicht gefischt wird. Die Kanus der Tanganyika-Warundi sind primitive Einbäume mit Ruder, deren Blätter mit Baststricken befestigt sind. Am Akanyaru giebt es schone Einbäume mit langen, schaufelförmig ausgehöhlten Rudern, die wohlzugleich zum Ausschöpfen des Kanus dienen.

Die Rindviehzucht liegt hauptsächlich in den Händen der Watussi, doch haben auch Warundi vereinzelt Rinder der Sanga-Varietät. Schafe werden viele gehalten, sie sind glatthaarig mit kleinem Fettschwanz, nur in Nord-Urundi sah ich auch wollhaarige Schafe. Ziegen trifft man nur vereinzelt. Schlanke Hunde sind häufig und werden oft an der Leine geführt. Bienenzucht ist überall beliebt, die Körbe werden cylindrisch aus Gras geflochten und haben zwei Holzdeckel mit Fluglöchern. Hühner werden selten, in West-Ussui garnicht gehalten.

DieHauptnahrungder Warundi liefert die Banane, welche in den Dorf-Komplexen angebaut wird. Die halbreifen Früchte werden meist abgenommen und vergraben, wodurch sie rascher reif werden. Eine grosse Rolle spielen auch Hülsenfrüchte, Bohnen und Erbsen, letztere von besonders guter Qualität. Sie werden in langen Bastkörben in den Hütten aufbewahrt. Sorghum der rothen Varietät dient hauptsächlich zur Bereitung von Pombe, der in grossen Mengen genossen wird. Zum Stampfen dienen Holzmörser. Vereinzelt trifft man auch Eleusine, süsse Kartoffeln, Mais und Maniok; überall Tabak, der in Ruanda geraucht, in Urundi hauptsächlich geschnupft wird. Aus Honig und Bananen wird ebenfalls ein geistiges Getränk bereitet, das ziemlich wohlschmeckend ist. Zum Rauchen dienen lange Pfeifen mit Thonköpfen, die Schnupfer pflegen sich die Nase mit einem halbgespaltenen Stück Holz zusammen zu klemmen, um den Genuss zu verlängern.

Topf, Ruanda. Sichel, Hackenklinge, Urundi.Topf, Ruanda. — Sichel, Urundi. — Hackenklinge, Urundi.

Topf, Ruanda. — Sichel, Urundi. — Hackenklinge, Urundi.

Am Tanganyika trifft man sehr viele Oelpalmen, die dort ein richtiges Kulturgewächs bilden. Ueberall pflanzt man ferner die Ficus-Art, welche das Rindenzeug, in manchen Gegenden auch Brennholz liefert, vielfach auch Bambus und Disteln zum Herstellen von Zäunen. Im Allgemeinen sind die Warundi keine besonders eifrigen Ackerbauer, sie pflanzen nur so viel, als sie zum Leben unbedingt nöthig haben und weite Striche ihres fruchtbaren Landes bleiben unbebaut.

VonGeräthschaftender Warundi fanden schon einige Erwähnung. Dem Ackerbau dienen eiserne Spaten und eigenthümliche, sichelförmige Haumesser, die sich ähnlich in Ukerewe und dem nördlichen Zwischenseengebiet finden und die auch zum Lichten der Papyrussümpfe gebraucht werden. Korbwaaren werden mit Geschick gefertigt. ZurTöpferei haben die Warundi wenig Geschick, wo die Watwa fehlen, sind die Töpfe stets plump und leicht zerbrechlich. Ein eigenthümlicher Regenschirm ist im Süden des Landes gebräuchlich, er besteht aus einem Halbcylinder aus Blättergeflecht, den der Träger über den Kopf stülpt. Zur Anfertigung des Rindenzeuges dient ein Beinhammer, mit welchem das betreffende Rindenstück einfach breitgeschlagen wird. Der Baum kann vollständig geschält werden und erholt sich, umwickelt mit altem Rindenzeug oder Bananenblättern, rasch wieder.

Geräte der WarundiHammer zum Fertigen von Rindenzeug, Urundi. — Speerspitze der Warundi. — Pfeilspitze, Warundi. — Schwert der Warundi vom Tanganyika. —Schild, Ruanda. — Schwert, Ruanda. — Pfeilbehälter der Warundi.

Hammer zum Fertigen von Rindenzeug, Urundi. — Speerspitze der Warundi. — Pfeilspitze, Warundi. — Schwert der Warundi vom Tanganyika. —Schild, Ruanda. — Schwert, Ruanda. — Pfeilbehälter der Warundi.

DieWaffender Warundi sind Speer und Bogen, wobei schwer zu sagen ist, welche Waffe als Hauptwaffe gelten kann. In manchen Gegenden trifft man nur Speere, in anderen nur Bogen, meist aber beide Waffen gemeinsam. Die Speere haben lange, schlechte Schafte undlocker sitzende, charakteristisch geformte Spitzen. Letztere werden meist abgenommen und in Bananenblätter gewickelt unter dem Rindenzeug getragen. Die Bogen sind nicht besonders kräftig, die Pfeile meist ohne Widerhaken und fast niemals vergiftet. Köcher sind nicht bekannt, die Pfeile werden in den Hütten in länglichen, ornamentirten Behältern aufbewahrt, im Felde aber stets in der Hand getragen. Kurze Schwerter dienen hauptsächlich als Paradewaffen und werden besonders am Tanganyika schön ausgeführt. Schilde sind gegenwärtig nicht mehr gebräuchlich, doch traf ich in Nord-Urundi alte, sehr originelle Holz- und Korbschilde, die jetzt nur mehr bei Tänzen dienen.

Einen Verkehr mit der Aussenwelt kennen die Warundi nicht, weder kommen jemals Karawanen in's Land, noch verlassen die Bergwarundi ihre Heimath. Sie gehen niemals nach Ussui oder Ruanda, ebenso nicht zum Tanganyika, sondern verkehren höchstens mit Uha, woher sie Salz und Messing beziehen. Die Tanganyika-Warundi allerdings haben durch jahrelangen Verkehr mit Arabern und Swahíli ihre Sitten vielfach modificirt, reisen öfter nach Ujiji und ziehen sogar mit an die Küste.

In so grossartiger Weise ich auch das Volksleben in Urundi kennen lernte, so wenig bot sich mir bei dem herrschenden Begeisterungstaumel Gelegenheit, näheres über dasinnere Lebender Warundi zu erfahren. Diesbezügliche Erkundigungen konnte ich nur am Tanganyika einziehen, so dass die nachfolgenden Bemerkungen sich hauptsächlich auf die Bewohner des Seeufers beziehen, bei der grossen Einheitlichkeit des Stammes aber wohl in den Hauptsachen für alle Warundi gelten.

Nach der Geburt eines Kindes bleibt die Mutter sieben Tage in der Hütte. Sobald dem Kinde Haare wachsen, wird ein Familienfest abgehalten, wobei Pombe getrunken und ein Schaf geschlachtet wird, dessen Blut man mit dem festen Abfall des Pombe (Maische) in eine Grube giesst. Diese wird wieder ausgefüllt, mit Gras bestreut und ein Topf mit Doppelöffnung darauf gestellt. Dabei werden die Geister der Vorfahren beschworen das Kind zu schützen. Hierauf wird das Kind rasirt, die Haare werden mit Pombeabfall angemacht und in einer Schachtel aufbewahrt. Diese gilt als ein Talisman und bleibt stets am Geburtsort des Kindes. Gelegentlich dieses Festes erhält das Kind drei Namen vom Vater, Mutter und der Grossmutter (mütterlicherseits) die es lebenslang behält. Ein Kind, welchem die oberen Schneidezähne zuerst wachsen, gilt als unglückbringend und wird in den Busch geworfen. Am Tage des Reifwerdens eines Mädchens, wird dieses von der Grossmutter im Hause umhergeführt und muss alle Gegenstände berühren.

Topf der WarundiTopf der Warundi.

Topf der Warundi.

Der Vater wählt dem Sohne eine Gattin und bezahlt den Brautpreis, der meist in zwei Ochsen oder dem Aequivalent besteht. Das junge Ehepaar bleibt sieben Tage in der Hütte, während welcher ein Fest gefeiertwird. Vielweiberei ist gebräuchlich.

Die Warundi sind ein körperlich gesundes Volk, Kranke und Krüppel sieht man nur wenige. In gewissen Gegenden sind Augenleiden sehr häufig und man trifft verhältnissmässig viele Blinde und Einäugige. In das Gebiet der Krankheiten gehört auch die besonders am Tanganyika häufige Geophagie (Erdesserei). Töpferthon geniessen dort viele Leute mit Vorliebe, manche Kinder verschlingen jedoch mit Gier alle Arten Erde und magern zu Skeletten ab, während der Bauch unförmlich anschwillt. Die Pocken grassiren öfter im Lande und richten besonders am Tanganyika Verheerungen an. Der Sandfloh ist fast schon über ganz Urundi verbreitet und wird vielfach zur unerträglichen Landplage.

ZaubergeräthZaubergeräth, Klapper der Zauberdoktoren in Warundi.

Zaubergeräth, Klapper der Zauberdoktoren in Warundi.

Die Behandlung der Kranken obliegt dem Zauberdoktor, einem Mann oder alten Weib. Derselbe trägt einen Kopfputz von Federn, bemalt sich im Gesicht mit Mergel, führt einen Bastsack mit Amuletten mit sich und rasselt mit einer Klapper während er mit heiserer Stimme singt. Ist Jemand von einem Geist besessen, so finden Tänze statt, ein Schaf wird geschlachtet und der Kranke im Fluss gebadet.

Die Warundi glauben nicht an natürlichen Tod, sondern nur an solchen durch Zauberei, darum schneiden die Angehörigen allen Todten den Bauch auf und suchen darin den Zauber. Dann gehen sie mit einem Geschenk zum Zauberdoktor, das sie jedoch vor seinen Augen verbergen. Als Probe seiner Geschicklichkeit muss er die Grösse des Geschenkes errathen. Dann wird ein Topf mit Wasser und Zaubermedizin aufgestellt, den alle Dorfinsassen haben müssen. Wer dies nicht kann, ist der Zauberer, der den Verstorbenen getödtet, er wird gebunden und getödtet (in den Tanganyika geworfen), worauf die Angehörigen des Verstorbenen sein Vermögen einziehen.

Der Todte wird auf der rechten Seite liegend ins Grab gelegt. Stirbt ein Hausvater, so wird er in der Hütte begraben und diese hierauf verlassen, andere begräbt man vor der Hütte.

Die ganzen religiösen Anschauungen der Warundi lassen sich auf denAhnenkultuszurückführen. Selbst der Mwesi-(Mond)-Glaube ist nichts anderes als dieser, indem die Herrscher des Landes ihre Abkunft vom Mond herleiteten.

Als Schutz gegen böse Geister, die in Flüssen und Bäumen wohnen, wird Zauber-Pombe an die Hütten gespritzt. Hat man Grund zu glauben, dass der Geist eines Verstorbenen unzufrieden sei, so wird ein junger Anverwandter desselben auf den Boden gelegt und ihm mit einer Hacke auf den Kopf geklopft. Er äussert dann die Wünsche des Verstorbenen.

Den Verkehr mit den Geistern vermittelt der Zauberdoktor, dieser macht auch Regen und wahrsagt aus Hühnerdärmen. Einzig zu diesem Zwecke werden überhaupt Hühner gehalten und niemals gegessen. Auch Ziegen isst man nicht; die Warundi-Männer geniessen nur Schaf- und Rindfleisch, die Weiber nur das letztere.

DieRegierungsformder Warundi war wohl stets eine monarchische und zwar wurden sie jedenfalls sehr lange Zeitepochen hindurch von dem Geschlecht der Mwesi (Monde) beherrscht. Wie weit deren Reich sich ursprünglich ausdehnte wäre schwer zu ermitteln, doch überschritt es jedenfalls die Grenzen des heutigen Urundi. In den Nachbarländern nennt man Urundi heute noch stets »charocha Mwesi« (Land Mwesi's) und glaubt noch vielfach an die Existenz dieses Herrschers. Nach Aussage der Meisten waren die Mwesi lichtfarbige Watussi und der letzte Mwesi hiess Makisavo (Bleichgesicht), ein Name der auch mir beigelegt wurde. Diese Ansicht von der lichten Farbe des Mwesi ist allgemein verbreitet, doch giebt es Leute die behaupten, dass er kein Mtussi, sondern ein Mrundi, also ein nationaler Herrscher gewesen sei.

Die Residenz des Mwesi lag zweifellos unweit der Kagera-Nil-Quelle, wo sie auch Burton erkundete. Man kann dies schon daraus schliessen, dass die heute noch bekannten Mwesi-Gräber sich am Ganso-Kulu, einem Berg an der Kagera-Quelle, befinden. Die Träger der Königleiche ruhten in einem dunklen Hain, Wuruhukiro, und beerdigten hierauf die Leiche am Ganso-Kulu. Die waldigen Missosi ya Mwesi, die Berge Mwesi's oder Mondberge, gelten als Sitz der Geister verstorbener Mwesi.[22]

Wann der letzte Mwesi gelebt hat und warum das Geschlecht ausstarb konnte ich niemals bestimmt erfahren, doch muss es schon an 100 Jahre her sein, dass er — angeblich in einem Kriege im Ausland — verschollen ist. Alle Warundi haben übrigens den festen Glauben, dass der Mwesi heute noch lebt und erwarten ihn als eine Art Erlöser. Es war daher sehr natürlich, dass ich, ein von Norden kommender, lichtfarbiger Mensch, ihnen als die Verkörperung dieser mythischen Person erscheinen musste. Zu welch' tollem Fanatismus die Warundidurch diesen Glauben hingerissen wurden versuchte ich in der Reiseschilderung darzustellen.

Der Glaube an meine Sendung nahm erst ab, als ich die Missosi ya Mwesi und die Begräbnissstätten der früheren Könige ohne Schaden besucht. Denn nach der Tradition darf ein lebender Mwesi diese Gegenden nicht betreten: geschieht dies doch so muss er sterben. Da mir jedoch nichts geschah, so wurde die allgemeine Begeisterung stark abgekühlt. Als ich später vom Tanganyika her, also vom Westen wieder in Urundi eindrang, hielt mich Niemand mehr für den Mwesi, der von Norden kommen muss, doch wurde mir berichtet, dass der Mwesi kurz vorher Nord-Urundi im Triumph durchzogen und alle seine Feinde niedergeworfen habe, ohne dass man ahnte, dass ich mit diesem »Mwesi« identisch war. Der Widerstand der Watussi im Norden lag keineswegs in einem Zweifel an meiner Sendung, sondern nur in der Abneigung dieses Raubadels, ein für sie angenehmes Interregnum, durch das Auftauchen eines Mwesi beendet zu sehen.

Zur Regierungszeit der Mwesi lebten wohl die Watussi, ähnlich wie jetzt in Ruanda, als deren Statthalter im Lande verstreut, jetzt ist dasselbe in zahllose kleine Gemeinden zerrissen, die von Häuptlingen verschiedener Abkunft regiert werden. Ihre Würde ist auf den Sohn, event. auf die Tochter erblich; stirbt eine Familie aus, so wird ein neuer Häuptling gewählt. Die Autorität des Häuptlings ist nicht bedeutend, er übt zusammen mit den Aeltesten Gerichtsbarkeit aus. Diebe werden geköpft, doch ist Lösegeld üblich, von welchem die Hälfte der Bestohlene, die andere Hälfte der Häuptling bekommt. Mörder werden stets geköpft. Entfliehen sie zu einer Nachbargemeinde, so werden sie unter keinen Umständen ausgeliefert und es finden ihretwegen Kämpfe statt. Männliche Kriegsgefangene werden dabei getödtet, weibliche und Kinder jedoch zurückgegeben. Der siegreiche Häuptling betrachtet das besiegte Land als unterworfen. —

Sklaverei ist in ganz Urundi unbekannt, doch wurden von den Ujiji-Arabern schon mehrfach Razzias nach Süd-Urundi unternommen und Sklaven ausgeführt, deren man auch an der Küste einzelne findet. Nach Mittel- und Nord-Urundi haben sie sich jedoch niemals gewagt.

Eine grosse Rolle spielen in Urundi die Volksbelustigungen undTänzevon welchen in der Reiseschilderung[23]ausführlich die Rede war. Das Tanzen ist in Urundi eine förmliche Kunst, welche von Jugend an geübt und mit Meisterschaft betrieben wird. Die Trommel ist unbekannt, doch wird ein Kuhhorn geblasen und ein Saiteninstrument gespielt.

Als gewöhnlicher Gruss dient Niederknien und Händeklatschen, sowie Ueberreichen von Laub. Als Friedenszeichen pflegt man Feldfrüchte oder mit Laub umwundene Spaten darzureichen. Auch Geschenkvieh wird mit Laub bekränzt.

TAFEL XXIIIWATUSSIMeisenbach, Riffarth & Co. Berlin heliogr.WATUSSI

TAFEL XXIII

Meisenbach, Riffarth & Co. Berlin heliogr.

WATUSSI

Wenn man das heutige Urundi betrachtet, so erhält man den Eindruck der grössten politischen Zerfahrenheit. Im Norden den Einfällen Kigere's, des eroberungslustigen Häuptlings von Ruanda, im Süden den Razzias arabischer Sklavenhändler ausgesetzt, sind die Warundi in unzählige, durch Zwistigkeiten getrennte Gemeinden zertheilt und werden durch den räuberischen Hirtenadel der Watussi ausgebeutet. Es ist kein Wunder, wenn sie mit Sehnsucht dem Auftreten eines »Mwesi« entgegensehen. Einmal ist ihnen ein solcher schon unter deutscher Flagge erschienen, freilich nur als Pionier und den Nachfolgern die Pfade ebnend. Wenn diese eintreffen und versuchen, die deutsche Herrschaft in Urundi zu begründen, so werden sie — wenn es eben die rechten Leute sind — keinerlei Schwierigkeiten sondern begeisterten Empfang finden und im Stande sein, der deutschen Sache ein noch unberührtes, gut veranlagtes Naturvolk zu gewinnen, welches jedenfalls bestimmt ist in der Zukunft der Kolonie die wichtigste Rolle zu spielen.

Die grosse Empfänglichkeit der Warundi lässt auch schliessen, dass ein von Norden kommender Missionar dort die grossartigsten Bekehrungs-Erfolge erreichen könnte. Jedenfalls scheint es rathsam, Urundi von vornherein einer bestimmten Konfession von Missionaren zuzutheilen, damit das traurige Schauspiel des Religionskrieges in Uganda keine Wiederholung finde.

An die Warundi schliessen sich südlich vom Mlagarassi dieWaha. Dieselben sind den Warundi nahe verwandt, sprechen dieselbe Sprache und zeigen nur geringe Abweichungen, die auf den langjährigen Verkehr mit Wanyamwesi hinweisen. Im Aeusseren und der Tracht gleichen sie den Warundi, besitzen jedoch ziemlich viel Baumwollzeug. Die Hütten sind stets höher als ihr Durchmesser, innen durch Strohwände getheilt, geräumig und freundlich. Sie sind oft in grossen Dörfern mit bis zu 120 Hütten vereinigt, während man in Urundi nur von verstreuten Weilern reden kann. Der Grund hierfür liegt in den vielen äusseren Feinden, welche die Waha bedrohen und sie zwingen, in grossen Mengen zusammenzuleben. Die Getreidevorräthebewahren sie in mächtigen runden Holzschachteln. Die Dörfer sind oft mit Stangenzäunen umgeben.

Wohnhütte etc. der WahaGetreideschachtelnWohnhütteGetreideschoberBienenstockGeisterhüttender Waha.

GetreideschachtelnWohnhütteGetreideschober

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BienenstockGeisterhütten

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Geisterhütten

der Waha.

DerAckerbauwird mit grosser Sorgfalt betrieben und es macht sich in den Kulturpflanzen der Einfluss Unyamwesi's geltend. An die Stelle der Banane, die seltener wird, treten Sorghum und Mais, auch Maniok, Pataten, Hülsenfrüchte, Zuckerrohr, Tomaten, Grundnüsse und Tabak werden angebaut. Die ausgedehnten Waldwildnisse bieten gute Gelegenheit zurJagd.

DieViehzuchtist nicht bedeutend, der Rinderstand wurde durch Einfälle der Wangoni und im Süden auch der Massai decimirt. Doch trifft man noch ziemlich viel Kleinvieh und Hühner, auch Tauben, die in den im westlichen Unyamwesi gebräuchlichen Taubenschlägen gehalten werden. Bienenzucht ist sehr häufig, die Stöcke bestehen aus cylindrischen, mit Lehm bestrichenen Körben, die auf niedrigen Gestellen ruhen.

Die Waha verfertigen Rindenzeug nicht nur aus dem Ficus, sondern auch aus einem der Miombo-Gruppe angehörigen Waldbaum. Doch dient das aus letzterem gewonnene Zeug mehr zu Schlafmatten, da es steifer als das Ficuszeug ist. Auch die grossen Holzschachteln werden in ähnlicher Weise aus Baumrinden hergestellt und geschickt vernäht. Selbst Kanus zum Uebersetzen des Mlagarassi werden aus Baumrinde zusammengenäht. Zum Unterschied von den Warundi besitzen die Waha Trommeln länglicher Form in verschiedener Grösse.


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