Hackenklinge, UsinjaHackenklinge, Usinja.
Hackenklinge, Usinja.
Wer seine Füsse rein hält und täglich untersuchen lässt, um die etwa eingedrungenen Thiere zu entfernen, der hat diese Plage nicht besonders zu fürchten. Wird jedoch ein Sandfloh — der einmal eingedrungen, nicht mehr schmerzt — vernachlässigt, so schwillt er zu Erbsengrösse an und erzeugt schliesslich Geschwüre, die, wenn massenhaft auftretend, Blutvergiftung und den Tod veranlassen können. Besonders in Gegenden, wo das Thier neu auftritt, wo also dessen Behandlung nicht bekannt ist, richtet es geradezu Verheerungen an. Wir sahen in Usinja Leute, welchen die Glieder einzeln abfaulten, ja ganze Dörfer waren in Folge dieser Plage ausgestorben. Ich suchte derselben dadurch zu begegnen, dass ich bei meiner Mannschaft eine strenge Strafe für Jeden ansetzte, der sich wegen Sandfloh fussmarode meldete. Dadurch erreichte ich, dass die Leute ihre Füsse sorgfältig visitierten, und litt fast gar nicht unter diesem Uebel.
In den nächsten Tagen zogen wir durch flaches Land längs des Emin Pascha-Golfes, der in zahlreiche papyrusreiche Buchten endet. Die Landzungen zwischen diesen sind meist mit Busch bedeckt. Am Ende der Buchten wechselt Sumpfgebiet mit offenem, theilweise bebautem Land, in welchem grosse Schmiedehütten verstreut lagen. Die eigentlichen Dörfer waren fast ganz im Papyrus des Ufers verborgenund gegen aussen durch hohes Gras fast unsichtbar. Als wir im DorfeIrangalalagerten, fing eine der Grashütten, die in nächster Nähe meines und des pulvergefüllten Lastenzeltes lagen, Feuer, welches ohne das energische Eingreifen der Askari und Makua leicht schweres Unheil hätte anrichten können. So wurde jedoch alles Feuergefährliche rasch beiseite geschafft und schliesslich verbrannte nichts als eine — Kaffeemühle.
Am 19. August erreichten wir die äusserste Südwestecke des Nyansa, wo die Hütten und ärmlichen Felder vonAmrandaliegen. Hier kreuzten wir die Route Stanley's und Emin Pascha's und lagerten etwas nördlicher in Busirayombo, dem Hauptdorf vonBukome, das an Papyrusufer in öder, staubiger, buschbewachsener Gegend liegt. Es hat etwa dreissig Hütten und ist die Residenz eines blutjungen, etwas beschränkt aussehenden Häuptlings mit Wahumatypus, der einen Schutzbrief von Dr. Stuhlmann besass und in dessen Reisewerk abgebildet ist. Er brachte mir Bananen und Pombe und erhielt ein Gegengeschenk, das von ihm und seinem Gefolge buchstäblich mit stürmischem Applaus aufgenommen wurde. Hier, wie in ganz Usinja und den westlichen Gebieten, ist es nämlich Sitte, Höhergestellte durch Niederknien und Händeklatschen zu begrüssen, welches in Bukome besonders kräftig gehandhabt wurde. (Siehe Abb. pg. 63.)
Etwas nördlich lag eine kleine Handelsniederlassung Mr. Stokes', des irischen Händlers, dessen Angestellter, ein netter Mnyamwesi, mir seinen Besuch machte. Bei dieser Station ist der Nyansa nicht mehr von Papyrus eingeengt. Bei Busirayombo besitzt er gelblich schmutziges und übelriechendes Sumpfwasser, in dem Wasserwanzen umherschwimmen und das Abends ganze Wolken Mosquitos ausspeit, die eine keineswegs angenehme Zugabe zu den tausenden von Sandflöhen bilden.
Am 21. August verliessen wir ohne Bedauern Bukome und zogen westwärts, durch einen unbewohnten Streifen, der Landschaft Ussui zu. Ziegelrother Lateritboden bedeckte die hügelige, mit jungem, lichtem Buschwald, Akazien und einzelnen Baumeuphorbien bestandene Landschaft. Wir passirten einen Hügel, von dem die Eingeborenen Raseneisensteine als Erz gewinnen, und erreichten Mittags das erste Dörfchen vonUssui. Dasselbe zeigte sich uns als ein reich bebautes, ziemlich stark gewelltes Land, das hauptsächlich von Sorghum- und Patatenfeldern bedeckt ist, in welchen die kleinen, von Bananenhainen umgebenen Dörfer liegen. In der Umgebung reifen auch schöner Tabak und Tomaten. Die Eingeborenen, die fast alle in Zeug gekleidet waren, besitzen viele Schmieden und begegneten uns scheu, weil sie noch nicht wussten, wie ihr König Kassussura sich zu meinem Besuche stellen würde.
Am 23. August überstiegen wir zwei hohe felsige Kämme, zwischen welchen leicht gewelltes, bewohntes und bebautes Land lag. Von der letzten Höhe stiegen wir in ein weites Thal ab, dessen untere Hänge mit Bananenhainen und Feldern bedeckt waren. Jenseits lag der grosse HüttenkomplexKassussura's, des Häuptlings von Ost-Ussui, eines der mächtigsten eingeborenen Potentaten in Deutsch-Afrika.
Von Bananen umschlossen lagen in der Nähe die ärmlichen Hütten einer Niederlassung Mr. Stokes', deren einzigen Reiz ein hoher Schattenbaum bot. Eine andere, aus Swahíli-Hütten bestehende Handelsstation hatte der Inder Kipilipili gegründet, der augenblicklich nicht anwesend und durch den Araber Pangalala vertreten war. Auch Stokes hatte einen intelligenten Araber Namens Raschid in Ussui stationirt, der uns freundlich begrüsste. Er war im Innern Afrika's gross geworden, hatte Burton und Speke gekannt und wies uns die Stelle des Dorfes Uthungu, wo der grosse Forscher vor 30 Jahren durchgekommen. Auch die Eingeborenen erinnerten sich deutlich an Speke und erzählten, er habe dem Vorgänger des jetzigen Häuptlings durch Schiessen sehr imponirt.
Von Kassussura erfuhr ich nicht viel Gutes, er sollte persönlich zwar recht freundlich, doch sehr habsüchtig sein und keine Karawane ohne Wegzoll (Hongo) passiren lassen. Einen deutschen Reisenden hatte er noch nicht bei sich gesehen und die Araber versicherten, dass es ohne Hongozahlen nicht abgehen werde. Wirklich erschien auch nach einiger Zeit ein Würdenträger mit einer Anzahl Leute als Abgesandter Kassussura's, der ein ziemlich unverschämtes Benehmen zur Schau trug. In solchen Fällen schadet es nie, die Unverschämtheit durch noch grössere zu übertrumpfen; bevor daher der Abgesandte eine Hongoforderung stellen konnte, fragte ich ihn, warum er mit leeren Händen zu mir komme, ob denn Kassussura nicht wisse, dass er an mich Hongo zu bezahlen hätte? Der Würdenträger war erst ganz starr darüber, dass er, der gekommen war, um Hongo zu fordern, nun selbst Hongo zahlen sollte; aber ein Rundblick durch das Lager mit den Askari und Ruga-Ruga machte ihn doch nachdenklich, und in dieser Stimmung kehrte er zu seinem Herrn zurück.
WassuiWassui.
Wassui.
Die Araber begannen nun eifrig verrostete Schiessprügel und Schwerter zu putzen und meinten, es müsse unbedingt zu blutigen Kämpfen kommen, denn so etwas lasse sich der grosse Kassussura in seinem eigenen Lande nicht bieten. Aber nichts dergleichen geschah: am Abend erschien eine ganze Schaar von Wassui, die ungeheure Massen Lebensmittel anschleppten, das Hongo Kassussura's. Zugleich kam auch der Würdenträger, nun ganz kleinlaut, und erklärte, dass der König zwar mein Freund sei, aber doch den heissen Wunsch hege, michnichtzu sehen. Ich glaubte auf das Vergnügen seiner Bekanntschaft verzichten zu können und sandte ihm ein schönes Geschenk, welches ihn sehr befriedigte und zu neuer Spende veranlasste.
Den 24. August verbrachte ich in der Stokes'schen Niederlassung, wo sich auch ein ganz weisser Egypter befand, der kränklich und von Sandflöhen gequält war. Es war einer der Leute Emin Pascha's, Namens Hassan, der mit Stanley aus Equatoria abgegangen, jedoch in Karagwe liegen geblieben war. Von da ab wurde er von verschiedenen Arabern ernährt und beherbergt, war jedoch halb verrückt, was sich hauptsächlich darin äusserte, dass er von Jedermann, z. B. auch von mir, seinen rückständigen egyptischen Sold verlangte. Ich hätte den Armen gern mitgenommen, doch konnte er kaum gehen.
Am selben Tage liess ich pro forma die Einwilligung Kassussura's zum Marsch durch sein Land einholen, die er bereitwilligst ertheilte und uns vier Mann als Wegweiser und Geleit mitgab. Gleichzeitig schickte er eine Heerde Ziegen und an 100 Lasten Bananenmehl und süsse Kartoffeln und bat um eine deutsche Flagge und um Stellung unter deutschen Schutz, ein Ansuchen womit ich ihn an die Station Bukoba verwies.
Am 25. August zogen wir an dem bananenreichen, aber anscheinend nicht sehr stark bewohnten Residenzdorf Nyaruvungu vorbei, überstiegen ein Joch und gelangten in ein Grasland mit offenen Büschen, das von Sorghumfeldern, Bananenhainen und freundlichen Hütten unterbrochen war. Stellenweise erhebt sich ein hoher Laubbaum, von früherer stärkerer Waldbedeckung zeugend. Höher ansteigend gelangt man in das Plateauland am Msenyi, das von tief einschneidenden Thälern durchzogen ist, deren Gewässer dem Urigi-See zuströmen. Die Höhen bedecken wellige, ausgedehnte Weidegebiete, die mit ihrem üppigen Graswuchs und der kühlen Luft, die auf ihnen herrscht, an Mutyek erinnern. Nur fehlten dort die kleinen Bananenhaine und Felder der weit zerstreuten Siedelungen, an welchen sich die Eingeborenen, schlanke Leute mit sanften, angenehmen Gesichtszügen zeigten, die uns knieenden Gruss darbrachten.
Schon früh hielten Kassussura's Wegweiser bei einem freundlichen Dörfchen und meinten, dass dieser Ort uns zum Lager bestimmt sei. Da wir noch weiter marschiren wollten, baten sie uns dringend zu bleiben, da Kassussura's Programm, das er schon durch Boten überall hin verkündet hatte, sonst gänzlich zerstört würde, was ihnen eventuell den Kopf kosten könnte. Thatsächlich sah man schon von allen Hängen mit Lebensmittel und Pombe beladene Eingeborene herabsteigen, denn in diesen Ländern ist der Reisende überall Gast des Königs und zwar eines Königs dem alles im Lande gehört und demgegenüber niemand Privat-Eigenthum besitzt. Eine Art Polizei erschien, die mit langen Knüppeln Ordnung hielt und tüchtig auf die Eingeborenen einhieb, falls sie in das Lager eindringen oder uns sonst irgendwie belästigen wollten. Denn wir hatten natürlich der Bitte der Wegweiser nachgegeben und gelagert, worauf diese ihre Köpfe wieder etwas sicherer zwischen den Schultern sitzen fühlten. Doch sollte einer von ihnen noch einmal an diesem Tage für sein Haupt zittern müssen, indem er einen Regenschirm verlor, den Kassussura ihm vor einigen Tagen geschenkt hatte. Eine solche Nichtachtung seines Geschenkes würde sicher mit dem Tode bestraft worden sein und derArme war der Verzweiflung nahe, bis er zum Glück seinen Regenschirm wieder fand.
Je weiter wir gegen Westen vordrangen, desto bergiger und reizvoller wurde das Land. Zwar behielten die Höhen noch Plateaucharakter, doch fielen sie nach allen Seiten in steilen, oft in schroffen terassenförmigen Felswänden abstürzenden Hängen nach den engen Bachthälern ab. Auf felsigem Pfade stiegen wir zu den grasigen, von ziegelrothen Viehwegen durchschnittenen Thälern ab. Die Eingeborenen der spärlichen, weit zerstreuten Dörfer pflegten mich meist in Gruppen zu erwarten, die etwa zehn Schritte vor mir Halt machten, worauf die Leute einzeln laufend ankamen und knieend und händeklatschend ihren Gruss »Kssura!« riefen. Das Baumwollzeug beginnt hier abzunehmen und macht der Fellkleidung Platz. Das Lager im Dorfe Uakilinda war durch eine riesenhafte Ricinuspflanze merkwürdig, die etwa 10 Meter hoch war, einen dicken Stamm und ausgebreitete Aeste besass.
Am 27. August verliessen wir das Gebiet des Urigi-See's und betraten den Grenzdistrikt Kassussura's, der weit trockener und weniger fruchtbar ist. Während sonst überall klare Bäche in den Thälern rieseln, trifft man hier auf trockene Wasserrisse und an den Hängen tritt oft rothbraunes, metallisch glänzendes Gerölle zu Tage, zwischen welchem nur einzelne, niedrige Bäumchen ihr Dasein fristen. Auch der graue Boden der Thäler scheint wenig fruchtbar. Wir bestiegen einen hohen Kamm, auf dem eine duftende Veilchenart gedieh und hatten einen weiten Blick über den DistriktNyakawandamit seinen bräunlichen, tafelförmigen Bergen und den fernen Höhen von Uha im Süden.
Das Land ist wenig bewohnt, stundenweit liegen die kleinen ärmlichen Dörfchen von einander entfernt. Das grösste ist jenes des »Gouverneurs« von Nyakawanda, das einen Stachelzaun besitzt, der durch zahllose Spinngewebe von Weitem das Aussehen einer Mauer bekommt. Auch das Thierleben dieser Gegend, überhaupt der Länder westlich vom Nyansa, ist sehr arm, Wild trifft man fast gar nicht und selbst die unvermeidliche Hyäne liess sich Nachts selten hören. Vielleicht war daran die empfindliche Kälte schuld, die besonders in den frühen Morgenstunden das Thermometer auf 5 Grad Celsius fallen liess.
Am 28. August verliessen wir Kassussura's Land und durchzogen eine wilde von Bergkämmen durchschnittene, steinige, wasserarme Gegend, die den südlichsten Zipfel von Karagwe bildet und gänzlich unbewohnt ist. Sie trennt Ost-Ussui von West-Ussui oderUyogoma, dessen erste Dörfer wir am Morgen des 29. August erreichten. Hier herrschte der HäuptlingYavigimba(Ruavigimba) der von unserem Nahen und friedlichen Absicht offenbar schon gehört hatte, denn an der Grenze erwarteten uns andere Wegweiser, und Lebensmittel wurden überall bereit gehalten.
Am 29. August kreuzten wir vorKaponora'sDorf die Route Stanley's und traten in gänzlich unbekanntes Gebiet ein. Für die nächsten Tagereisen, soweit Yavigimba's Herrschaft reichte, konnten wir Erkundigungen einziehen, darüber hinaus jedoch lagUrundi,ein Land, mit dem keinerlei Verkehr bestand und von dem nur dunkle Gerüchte in's Ausland drangen. Vor der Massai-Tour konnten wir doch Nachrichten über die zu bereisende Gegend einziehen, diesmal jedoch tappten wir völlig im Dunkeln, betraten eine terra incognita im buchstäblichen Sinne des Wortes, ein Land, in dem der Kompass uns als einziger Leitstern diente.
Das östliche Uyogoma war kein besonders einladendes Gebiet, ein steriles Bergland mit unendlichen Hügelzügen, mit wenigen, ärmlichen Dörfern. Die Bewohner sind dunkler, negerhafter als die Leute in Ost-Ussui, sie gehören bereits der Warundi-Gruppe an und einige meiner Leute, die in Ujiji am Tanganyika geboren waren, konnten sich fliessend mit ihnen verständigen.
VonRusengoan trat der Plateau-Charakter schärfer zu Tage, grasige Halden dehnten sich aus, in welchen einige Laubbäume verstreut waren. Die engen Thälchen haben ein schwaches Gefälle und sind von Papyrus-Massen erfüllt, zwischen welchen dünne, sumpfige Gewässer sickern. Die Niederlassungen waren weit auf den Hochebenen verstreut und schlecht gehaltene Felder umgaben die verfallenen Grashütten. Erst am 1. September erreichten wir ein etwas grösseres Dorf, die Residenz des Häuptlings Yavigimba. Derselbe zeigte sich vorerst nicht, doch kamen zahlreiche Eingeborene, die ihren Kniefall machten und reichlich Lebensmittel brachten, obwohl sie anscheinend selbst nicht sehr viel hatten. Alle waren mit langen Stäben und Speeren ausgerüstet, die sie bei der Begrüssung weglegten und trugen am Unterarm einen merkwürdigen dicken Holzring, der beim Bogenspannen dienlich ist. Sie sprachen kein Kisinja mehr, sondern nur Kirundi und scheinen früher eifrig Viehzucht getrieben zu haben, die jedoch durch die Seuche schwer litt.
Armring der WarundiArmring der Warundi.
Armring der Warundi.
Am 2. September kam Yavigimba, ein hochgewachsener dunkelfarbiger Mann, um Geschenke mit mir auszutauschen. Es war ihm sehr um die Freundschaft der Europäer zu thun und er bat mich dringend, ihm als sichtbares Zeichen eine Flagge zu geben. Hier war ein Verweisen nach Bukoba nicht mehr möglich, denn dieser Ort lag für Yavigimba gänzlich aus der Welt, ich nahm daher keinen Anstand, ihm eine deutsche Flagge und eine Bescheinigung zu geben, die jederzeit gegen einen Schutzbrief eingetauscht werden konnte.
Wenn ich gehofft hatte, in Yavigimba's Residenz etwas Sicheres über Urundi zu erfahren, so sollte ich mich getäuscht haben. Zwar erzählte man mir allerlei von den blutgierigen, kriegerischen Warundi, die keine Fremden in ihr Land liessen, von ihrem König Mwesi, der irgendwo an unbekanntem Orte throne, von zahlreichen »Nyansa«, welche das Land bewässern — aber irgend welche Klarheit konnte ich nicht erlangen. Von dem »Akanyaru«, dem Alexandra-See, den Stanley erkundet, kannte man allerdings den Namen und berichtete, dass erein »Nyansa« sei, der Tage lang mit Kanus befahren würde, so dass ich hoffen durfte, einen grossen See zu entdecken.
Noch zwei Tagereisen hatten wir durch Uyogoma zurückzulegen, dann überschritten wir einen Kamm und stiegen sanft in ein Thal ab, das von mauerartigen, von verbranntem Gras geschwärzten Tafelbergen gesäumt ist. Die Wassui der kleinen zerstreuten Dorfkomplexe folgten uns schaarenweise mit ihren langen Speeren, leisteten ihren Gruss und schlossen sich dann in lachenden und scherzenden Gruppen der Karawane an.
Schon in den Morgenstunden erreichten wir das Ufer eines breiten Flusses, der seine graubraunen Wogen zwischen hohen von üppiger Vegetation gekrönten Ufern dahin wälzte. Mit Bewegung blickte ich in die Fluthen dieses Stromes, aus welchem steile Granitriffe hervorragten; war es doch derQuellfluss des Nil, hier Ruvuvu, späterKageragenannt, bildete er doch die Westgrenze von Ussui gegen jenes räthselhafte Urundi, in welches wir nun eindringen sollten!
Doch das Leben des Reisenden gewährt keine Frist zu langen Betrachtungen; schon hatte Mkamba den primitiven Einbaum, der als Fähre dient, in Beschlag genommen und mit kräftigen Stössen und Ruderschlägen beförderten die Wassui-Fährleute die ersten Askari an's linke Ufer. Hinter der Karawane, die sich am Ufer niederliess und allmählich übergeführt wurde, sammelten sich hunderte von Wassui und bedeckten dicht gedrängt als schwarze bewegliche Masse mit blitzenden Speeren die Hügelhänge und das Ufer. Auf der Felsinsel im Flusse hockten zahlreiche Eingeborene, gleich Affen sassen sie auf Baumstämmen, die in den Fluss hinausragten, ja sie schwammen trotz der vielen Krokodile darin herum, um das Schauspiel unseres Uebergangs zu geniessen.
Mit dieser Bewegung am rechten stand die Ruhe am linken Ufer in grellem Widerspruch. Wussten die Warundi etwa nicht, dass wir kamen, oder brüteten sie abseits Arges? Sollten die vielen Tage des Friedens, die wir genossen nun wirklich ein Ende haben und wir wieder blutigen Kämpfen entgegengehen? Die Askari am linken Ufer schienen ähnliches zu vermuthen, sie hatten Wachen ausgestellt und Mkamba's hohe Gestalt tauchte auf dem Gipfel eines Termitenhügels auf, unbeweglich in die Ferne spähend.
Plötzlich — ich befand mich gerade im Kanu — ertönte aus dem Dickicht des Ufers von Urundi ein langgezogenes Jauchzen und wie durch Zauberschlag tauchten plötzlich zahlreiche dunkle Gestalten mit langen Stäben aber ohne Waffen auf. Im Gänsemarsch kamen sie, Laub und ihre Stäbe schwingend, an, kräftige Gestalten mit originellen Haartouren und braun und grau gemusterten zipfelförmigen Ueberwürfen aus Rindenzeug, das von nun an das einzige Bekleidungsmaterial bildete. Auf der Höhe der Rampe stellten sie sich in zwei oder drei Reihen an und führten jenen merkwürdigen Tanz auf, den ich dann noch unzählige Male sehen sollte, ohne dass er seinen Reiz für mich verlor. Derselbe wird weder von Trommeln, noch von Gesang, noch von irgend einem Instrument begleitet. Den Takt giebt einfach der Tanzschritt, der durch mehr oder weniger kräftige Trittebezeichnet ist. Unter Leitung eines Vortänzers führen die Massen mit unglaublicher Gleichmässigkeit und Geschicklichkeit diese Tänze auf, dass der Boden dröhnt und mächtige Staubwolken die Tänzer umhüllen. Mit hocherhobenen Armen schwingen sie zierlich ihre Stäbe und Laub, schreiten vor- und rückwärts, führen gleichzeitig hohe Sprünge aus und fallen dabei niemals aus dem Takt, der durch die Fusssohle gegeben wird. Dabei verliert der Tanz nie das Gepräge einer kraftvollen Anmuth; besonders die Vortänzer könnten es in kühnen und doch eleganten Sprüngen mit jedem Ballettänzer aufnehmen. Für einen alten Unteroffizier müsste der Tanz der Warundi geradezu ein Labsal sein, denn was ist der schneidigste Parademarsch gegen diese komplizirten, fortwährend wechselnden und doch unglaublich taktfest ausgeführten Tanzschritte!
Zum Schluss stimmten alle wieder das eigenthümliche Jauchzen oder besser gesagt Jodeln in der Fistel an, rissen Blätter von den Bäumen und streuten dieselben knieend vor mir aus. Während die Karawane übersetzte und wir am Ufer Lager schlugen, kamen immer neue Schaaren von Tänzern und die früheren lagerten in malerischen Gruppen auf der Uferrampe. Es war ein grossartiges Schauspiel. Am rechten Ufer standen Kopf an Kopf die Wassui, in dicht gedrängten Massen die Hügel bedeckend, am linken trampelten, jauchzten und klatschten hunderte von Tänzern in der grellen Sonne, einer Bande Wahnsinniger gleichend. Bei den Wassui sah man noch einzelne Fetzen Baumwollzeug, einige Glasperlen, die äussersten Vorposten der alles umfassenden europäischen Industrie, hier nichts dergleichen; Kleidung und Schmuck war echtes, unverfälschtes Afrika. Erst gegen Abend verzogen sich die Menschenmengen und es erschienen die Aeltesten der Gegend, um mir ein laubbekränztes Schaf und eine Sorghum-Aehre als Friedenszeichen zu überbringen.
Am 6. September verliessen wir den von leichten Morgennebeln überlagerten Nil und traten in welliges Grasland ein, dessen zahlreiche kleine Thäler von Papyrus erfüllt und von felsigen Thalstufen unterbrochen sind, über welche das klare Wasser der Bäche rieselt. Fast kein Baum oder Strauch ist auf den theilweise verbrannten Grasfeldern sichtbar und die Dörfer mit ihren Bananenhainen und den glänzendblättrigen Ficusbäumen, die Rindenstoff, theilweise auch Brennholz liefern, heben sich gleich dunkelgrünen Inseln von den gelbbraunen Flächen ab. Dieses Alpenland, welches unter gewöhnlichen Umständen wohl recht ruhig dalag, glich nun einem gestörten Ameisenhaufen. Von allen Seiten eilten dunkle Gestalten auf den schmalen Pfaden der Hänge oder querfeldein auf uns zu, während von den entfernten Dörfern Hornstösse ertönten, unser Kommen anzeigend.
Vor den Hüttenkomplexen standen die alten Leute, knieten bei unserem Herannahen nieder, klatschten und reichten mir Grasbündel unter allerlei schönen Redensarten, die ich noch unzählige Male hören sollte. In langen Reihen, mit Stäben und ausgebreiteten Armen kamen die Krieger laufend herbei, traten längs unseres Pfades anund führten ihren Tanz auf, worauf sie uns mit jubelndem Geschrei vorliefen und von neuem zu tanzen begannen.
Etwas im Hintergrunde hielten sich die Weiber mit ihren grauen Lendenschürzen und den Ueberwürfen, die bei Verheiratheten den Busen decken, während die wohlgeformten Brüste der jungen Mädchen frei bleiben. Singend begleiteten sie die Karawane, in den offenen Armen Laubzweige tragend.
Einige Leute hatten sich als eine Art Festordner aufgeworfen und hieben tüchtig in die andrängende Masse ein. Denn alle diese Menschen blieben keineswegs bei ihren Dörfern zurück, sondern zogen lachend und jubelnd hinter uns her. Von einer Anhöhe zurückblickend, sah ich bald tausende von braunen, wildbewegten, in der Sonnengluth glänzenden Leibern mit geschwungenen Stäben und Laubzweigen einer Bacchanten-Schaar gleichend.
Warundi-WeiberWarundi-Weiber.
Warundi-Weiber.
Den ungeheuren Lärm übertönten Rufe wie »Mwesi!« »Mkasi ya Urundi!« (Beherrscher Urundi's) »Viheko visima« (Grosser König) und »Tuli Wahutu« (Wir sind Sklaven), die mein Dolmetscher mir übersetzte und die mich schliessen liessen, dass die Begeisterung der Warundi einen besonderen Grund haben müsse. Bei der allgemeinen Raserei war es nicht so leicht, diesen zu erfahren und erst nach einigen Tagen brachten meine Leute das richtige heraus.
TAFEL IXUebergang über den KageraUebergang über den Kagera.
TAFEL IX
Uebergang über den Kagera.
Die Warundi waren nämlich sonst von einem Herrschergeschlecht regiert worden, welches seine Abkunft vom Mond (mwesi) herleitete und dessen Königstitel »Mwesi« war. Der letzte Mwesi, namens Makisavo (das Bleichgesicht) war seit langem verschollen, lebte aber der Tradition nach im Monde fort und wurde vom Norden her erwartet. Als nun plötzlich ein weisser Mensch vom Norden ins Land kam, sahen siein ihm den ersehnten Herrscher, den Mwesi Makisavo.
Dagegen war nichts zu machen; eine Schaar wahnsinniger Fanatiker ist bekanntlich Vernunftsgründen nicht zugänglich, ich war und blieb für sie der Mwesi, und derart zum Pabst-König von Urundi befördert, blieb mir nichts anderes übrig, als meine Würde mit möglichstem Anstand zu tragen.
Anfangs machte mir die Sache übrigens viel Spass, die topographische Aufnahme war zwar durch den unaufhörlichen ohrenzerreissenden Lärm erschwert, aber das Schauspiel dieses grossartigen afrikanischen Volkslebens bot doch das höchste Interesse. Besonders im Lager entwickelten sich förmliche Tanzfeste. In weitem Kreise kauerten und standen die Volksmengen um einen freien Platz, auf welchem die Tänze stattfanden.
In der rechten den langen Stab, in der linken Laub haltend, führten die Krieger der einzelnen Gegenden nach einander die schwierigsten »Pas« auf. Oft hatten sich die jungen Leute desselben Ortes mit gleichartigem Rindenzeug bekleidet, ja eine Gruppe, die mir durch besondere Geschicklichkeit auffiel und von einem jungen, prachtvoll gebauten Krieger geführt wurde, trug schneeweiss bemalte Lederschurze. Komisch war eine Anzahl nackter Knaben, die jedesmal mitzutanzen versuchten, darunter oft kleine Bengel, die kaum die Beine heben konnten. Diese durften Fehler im Tanz machen: doch wehe dem erwachsenen Tänzer der nur den geringsten für Nicht-Warundi kaum wahrnehmbaren Fehltritt machte, er wurde mit Hohngeschrei verjagt und konnte froh sein wenn er ohne Prügel davon kam.
Nach den Männern traten Weiber an, die Verheiratheten in aschgrauer Kleidung, die Kinder auf dem Rücken, die Ledigen mit ganz schmalen Lendenschurzen, kleine Mädchen nackt. Sie stellten sich im Halbkreis auf, dessen Mitte zwei schön gewachsene junge Mädchen einnahmen, die mit ausgebreiteten Armen einen reizenden Tanz im spanischen Fandango-Styl aufführten, begleitet von Händeklatschen und angenehm weichem Gesang. Nichts, als die anmuthigen Bewegungen der Arme erinnerte hier an den obscönen »Bauchtanz« der Orientalen und vieler Negerstämme, bei welchem die Tänzerin fast unbeweglich steht. Hier wurde regelrecht mit den Beinen und zwar mit einer Kühnheit und Anmuth getanzt, um welche jede Ballerine die schwarzbraune Kollegin beneiden könnte. Der wohlklingende, wechselvolle Gesang der sanften Frauenstimmen und der Anblick dieser schlanken Wesen, welche mit ständigem Lächeln jene kunstvollen Tänze aufführten, gaben ein Schauspiel von eigenthümlichem Zauber. Auf das Schöne folgte das Groteske in Gestalt einiger alten Weiber, die mit »süssem« Grinsen, zum Halloh der Träger, ihre runzeligen Glieder verrenkten.
Um Nahrungsmittel brauchten wir hier nicht zu sorgen; der Wunsch, etwas zu kaufen, wurde garnicht begriffen; denn dem Mwesi gehört eben alles, was im Lande ist, er nimmt sich was ihm beliebt und was er nicht nehmen kann wird ihm lastenweise von allen Seiten angebracht. Grosshörnige Rinder, Ziegen und Schafe, Unmengen von Bananen undHülsenfrüchten, zahlreiche Krüge mit Pombe kamen fortwährend, ohne dass irgend jemand von uns etwas verlangte oder erbat. Selbst die sonst unvermeidliche Bettelei der Neger verstummte dem Mwesi gegenüber. —
Das Land behielt stets den Charakter eines grasigen von engen Papyrusthälchen durchzogenen Berglandes. Manchmal hat man eine breite Senkung zu überschreiten, die stets versumpft und mit verfilzter, schwimmender Grasvegetation bedeckt ist, in welche man leicht einsinkt. Die Warundi häuften hier Bündel von Gras auf, um uns das Ueberschreiten zu erleichtern. In dieser Gegend lebt auch ein den Pygmäen verwandter Stamm der Watwa, der in ärmlichen Grashütten haust.
Landschaft in Nord-UrundiLandschaft in Nord-Urundi.
Landschaft in Nord-Urundi.
Wir durchzogen die reich bewohnten Distrikte vonGutahaundMukivuyeund erreichten am 10. SeptemberIntaganda, eine Landschaft am rechten Ufer des breiten Thales, welches der papyrusreicheAkanyaru-Fluss durchströmt. Dieser gab Veranlassung zur Entstehung der Sage vom Nyansa ya Akanyaru, dem Alexandra-See Stanley's.
Jenseits tauchten hohe grasige Berge mit den dunkeln Punkten der Siedlungen auf; es warRuanda, das räthselhafte Königreich, in welchem weisse Neger vermuthet wurden, jenes Fabelland, von dem viele Reisende gehört, das aber noch Keiner betreten hatte. Mein Wunsch, die Nilquellfrage endgiltig zu lösen, hielt mich davon ab, eine nähere Erforschung dieses Landes vorzunehmen, jedenfalls wollte ich es jedoch besuchen und beschloss daher am nächsten Tage den Akanyaru zu übersetzen.
Die moralische Kraft meiner Leute, besonders der Askari, wurde zu jener Zeit auf eine harte Probe gestellt. Denn darüber waren wir uns völlig klar, dass diese tolle Freundschaft der Warundi, welcheausschliesslich auf Aberglauben begründet war, jeden Augenblick durch irgend welche zufälligen Ereignisse in das Gegentheil umschlagen konnte. Zwar kam alles unbewaffnet und nur mit langen Stäben, doch die Speerspitze steckte in Laub eingewickelt unter dem Rindenzeug, und jeden Augenblick konnten die friedlichen Tänzer sich in speerschwingende blutgierige Gegner verwandeln. Ein strenger Wachtdienst wurde daher Tag und Nacht unterhalten und Befehle ausgegeben, welche es uns ermöglichen sollten, jeden Moment einen Angriff abzuwehren.
Das Bewusstsein der trotz aller Freundschaft stets drohenden Gefahr, der Anblick der tausendköpfigen Menschenmasse, welche gleich einem brausenden Meere sich längs der Karawane hinwälzte, das ununterbrochen andauernde Getöse, alles das war im Stande auch die härtesten Gemüther zu beeinflussen. Vom Tanganyika, dem wir zustrebten, hatte hier kein Mensch eine Ahnung und immerfort ging es nach Westen, unbekannten Fernen zu. Ich versicherte ja freilich, dass der Tanganyika nicht mehr weit sei, aber auch das Vertrauen in die Wissenschaft des Weissen hat in solchen Fällen seine Grenzen. Dazu kam, dass Mzimba an einer Augenentzündung erkrankt und fast blind war, also nichts zur Hebung des guten Muthes der Mannschaft beitragen konnte.
Als wir denn in Intaganda lagerten und das wilde Stampfen und Jauchzen der Warundi draussen ertönte, hielten die Askari unter sich eine Berathung und schickten mir eine Deputation, welche mich bat, zurückzukehren, denn sie wollten nicht mehr weiter ins Innere reisen und den Akanyaru nicht übersetzen. Dies wäre nun vielleicht der Moment gewesen, meine Leute antreten zu lassen, nach berühmten Mustern eine begeisternde Rede zu halten und an ihre Treue und ihren Muth zu apelliren. Vielleicht wären sie mir dann — ebenfalls nach berühmten Mustern — zu Füssen gefallen und hätten gerufen: »Mit Dir gehen wir bis an's Ende der Welt.«
Aber ich versäumte leider diese Gelegenheit und begnügte mich, der Deputation einige harte Gegenstände, die sich gerade in meiner Nähe befanden, an den Kopf und sie aus meinem Zelt hinaus zu werfen. Als dann gegen Abend die Askari zur Wachabtheilung antraten, fragte ich sie, ob vielleicht noch jemand von mir etwas wünsche, worauf sie versicherten, dass sie ganz und gar zufrieden seien.
Am Morgen des 11. September übersetzten wir den Akanyaru. Von Intaganda aus marschirten wir zuerst über eine bergige, von Dörfern bedeckte Halbinsel, welche in die Papyrus-Sümpfe einschneidet. Dann stiegen wir steil zum Akanyaru ab und betraten den von Wurzelstöcken durchsetzten, jetzt völlig trockenen schwarzen Boden der Ufer, in dem 2-3 m hohe Papyrus-Halme gedeihen. Der erste Arm des Flusses war etwa 10 m tief und nicht durchwatbar. Am linken Ufer, welches schon zu Ruanda gehört, zeigte sich anfangs keine Seele, und ich begann mit meinen Leuten die Ufer nach einem Kanu abzusuchen.
Da traten drüben einige Wanyaruanda, mit Speeren und Haumessern bewaffnet, aus dem Schilf. Die Warundi riefen ihnen zu, die Speere wegzulegen, da der Mwesi ihr Land besuchen wolle. Dies geschah sofort; auf einen gellenden Schrei des Anführers erschienen noch etwa 50 Leute und begannen unaufgefordert eine eifrige Thätigkeit. Einige holten zwei grosse, im Schilf verborgene Kanus, in welche sie, mit ausgehöhlten Rudern arbeitend, die Karawane überzusetzen begannen. Andere flochten lange Seile aus Papyrus, die sie über den Fluss spannten, worauf sie in Form von Papyrusbündel Scheiterhaufen darauf häuften und festbanden. Auf diese Art errichteten sie in unglaublich kurzer Zeit eine Brücke, auf welcher die Träger, ja selbst Rindvieh und Esel trockenen Fusses übersetzen konnten.
So marschirten wir inRuandaein, als jedoch unser reichliches Gefolge von Warundi nachdrängen wollte, widersetzten sich die Eingeborenen und auch ich, der ich froh war, die unruhige Gesellschaft loszuwerden, machte meine Autorität als Mwesi geltend und schickte sie heim. Sie blieben zurück und lange tönte ihr Ruf »Gansa gansa Mwami« (sei gegrüsst Häuptling) hinter uns her. Noch überschritten wir einen zweiten, ebenfalls überbrückten Arm und verliessen dann den Papyrusgürtel um den Hang eines steil ansteigenden Grasberges zu betreten.
Auch hier standen grosse Menschenmengen, auch hier wurde getanzt und gejubelt und die Weiber, unter welchen es sehr hübsche gab, empfingen uns mit »offenen Armen« und sangen, ihre Laubzweige schwingend, wohlklingende Lieder. Doch fehlte der tolle Fanatismus Urundi's, ich war eben hier nicht mehr der Mwesi, sondern höchstens ein ausländischer Potentat, dem man einige Aufmerksamkeiten erweist. Wir lagerten auf der Höhe in einem schönen bananenreichen DorfeMundabi, das gut gebaute, wohnliche Hütten besass. Dort stellten sich mir einige Häuptlinge, Watussi, mit völlig abessinischen Gesichtstypen vor, die hierKigere, den König von Ruanda, vertraten. Auch in der Verproviantirung zeigte sich ein Unterschied mit Urundi, man brachte zwar reichlich Lebensmittel, aber man erwartete und bekam Gegengaben. Die beiden nächsten Tage verbrachten wir in Mundabi und ich zog eingehende Erkundigungen über das Vorhandensein eines Sees in Ruanda ein, erhielt jedoch hier, im Lande selbst negative Antworten. Die Eingeborenen führten öfter Tänze auf, haben es jedoch in der Kunst Terpsichorens nicht annähernd so weit gebracht wie die Warundi.
Am 14. September zogen wir durch stark welliges, offenes Land mit grünenden Thälern und steilen Hängen gegen Südwest. Ueberall rieselten klare Bäche, welche in zahlreiche Gräben abgeleitet, die schönen Felder bewässerten. Ueberhaupt waren die Kulturen und Dörfer in Ruanda viel besser gehalten als in Urundi, ein Umstand, der bei sonst ganz gleichartiger Bevölkerung wohl der Ruhe im Lande, im Gegensatz zu dem politisch zerfahrenen Urundi, zu danken ist. Auch ziemlich viele Rinder mit ungeheueren Hörnern sind zu sehen.
Die Eingeborenen bereiteten uns überall einen freundlichen Empfang, die Weiber sangen und die Aeltesten überreichten uns mit Laub umwundene Spaten als Friedenszeichen. Ueberall gab es Watussi,die durch schlanken Körperbau und fast europäischem Typus sofort auffielen. Einige waren lichter gefärbt und haben wohl zur Entstehung der Sage von den weissen Negern Veranlassung gegeben. Sie benahmen sich etwas zurückhaltend und erklärten stets, wir müssten erst die Erlaubniss Kigeres zum Verlassen des Landes einholen, bevor wir uns der Grenze näherten. Merkwürdigerweise hielt man uns im Lande für gänzlich unbewaffnet, da Gewehre völlig unbekannt waren.
Watussi-RindWatussi-Rind.
Watussi-Rind.
Am nächsten Morgen zogen wir durch mehrere Dörfer, wo wir mit gewohntem Jubelgeschrei empfangen wurden, und wandten uns dem Abfall gegen den Akanyaru zu, der auch hier die Grenze Urundi's bildet. In dem offenen, grasigen Lande konnte ich die ganze Karawane übersehen und bemerkte, dass plötzlich etwa dreissig mit Bogen bewaffnete Eingeborene sich dem Vortrab entgegenstellten. Es waren Watussi, welche Mkamba zuriefen, wir dürften das Land nicht verlassen, bevor Kigere dies bewilligt. Mkamba hielt dies für einen Scherz, da er doch nicht annehmen konnte, dass dreissig Leute die Karawane aufhalten wollten, und marschirte ruhig weiter. Da vertheilten die Krieger sich seitwärts von der Route und begannen ganz gemüthlich, Pfeile auf unszu schiessen. Natürlich genügten einige Schüsse, um sie zu verjagen, worauf unsere Massai-Viehtreiber sie mit ihren langen Speeren verfolgten. Damit war dieser Zwischenfall erledigt und im nächsten Dorfe erscholl wieder Freudengeschrei und Weibergesang.
Wir stiegen über steile Hänge nach dem Akanyaru ab. In den Schluchten rauschten Gewässer, die von Schirmakazien und Laubbäumen eingesäumt waren. Solche bezeichneten auch den Lauf des Akanyaru, der hier als vielgewundener, reissender Bergstrom gegen Nordost floss. Während wir den Fluss durchwateten, sammelten sich jenseits riesige Menschenmengen an, das »Gansa mwami« erscholl, Alles jubelte, tanzte, klatschte und tobte wie wahnsinnig im Kreise herum — kurz, wir waren wieder inUrundi.
In den nächsten Tagen durchzogen wir die DistrikteMugitivaundRusiga. Das Land steigt immer mehr an und erhebt sich zu bedeutender Seehöhe. Grasige, langgezogene Rücken durchziehen das Land und fallen in steilen Hängen zu den meist sumpfigen Thälern ab. Im Südwesten taucht allmählich eine hohe waldige Bergkette auf, in der ich die Wasserscheide gegen den Tanganyika vermuthete. Die zahlreichen Gewässer bildeten die hintersten Wasser des Nil, dessen Quelle wir uns immer mehr näherten. Die bananenreichen Dörfer waren von Feldern umgeben, in welchen besonders eine vorzügliche Erbsenart gedieh, auf den Wiesen weideten zahlreiche Rinder mit ungeheurem Gehörn.
Der Fanatismus der Warundi erreichte hier seinen Höhepunkt. Ungeheure Volksmassen kamen von allen Seiten angezogen und wälzten sich gleich einem Strom hinter uns her. Andere Schaaren zogen voraus, gleich einem Heuschreckenschwarm über alles im Lande herfallend. Sie rissen Vorräthe und Hausgeräth aus den Hütten, die Felder waren in wenigen Minuten kahl, ganze Heerden von Rindern wurden mitgetrieben und von meinem rasenden Gefolge oft buchstäblich in Stücke zerrissen. Die ungeheuren Pombemassen, die sich in den Dörfern fanden, trugen ebenfalls nicht zur Beruhigung der Gemüther bei.
Die Bewohner der Ortschaften liessen sich nicht immer ruhig ausplündern, es fanden blutige Gefechte vor der Karawane statt, bei welcher Leute schwer verwundet, mehrere sogar erschlagen wurden. Aber sobald ich mich näherte, legten beide Theile die Waffen nieder, warfen sich buchstäblich unter die Hufe meines Reitesels und riefen ihr »gansa mwami!« Die tollste Raserei entwickelte sich in unmittelbarer Nähe meiner Person. Männer, Weiber und Kinder drängten mit fürchterlichem Geschrei und fanatisch verzerrten Zügen auf mich ein; denn den Mwesi gesehen oder gar berührt zu haben, galt als das höchste Glück. Kurbatschhiebe und selbst Kolbenschläge der Askari waren völlig wirkungslos, mit blutüberströmten Gesichtern kehrten die Gezüchtigten sofort wieder und heulten knieend ihr »gansa mwami«.
Der fortwährende Anblick dieser aneinander gepressten schwarzen Leiber, das Getöse, welches die Luft erzittern machte, und der Wahnsinn, der aus dem ganzen Treiben sprach, machten auf mich dentiefsten Eindruck. Ich rechne es mir zur Ehre an, in jenen Stunden die topographische Aufnahme auch nicht eine Minute unterbrochen zu haben. Wenn mir das überhaupt möglich war, so verdanke ich dies nur meinen braven Askari, die dieser Volksmasse gegenüber ihr kaltes Blut behielten.
Natürlich wandte sich die Wuth der Leute oft gegen sie, wollten sie die Warundi doch von ihrem Mwami abhalten. So kam es, dass am 17. September die Askari erst durch Stockhiebe, dann durch Bisse und schliesslich sogar durch Messerstiche verwundet wurden. Als einem jungen Manyema-Ruga-Ruga gar die Unterlippe abgebissen wurde, war es kein Wunder, dass er Feuer gab. Wie es in solchen Fällen zu gehen pflegt, krachten gleich mehrere Schüsse, und bevor mein sofort gegebener Pfiff zum »Feuer einstellen« sich Geltung verschaffte, bedeckten zu meinem tiefen Bedauern etwa 30 Warundi todt und schwer verwundet den Boden.
Eine Todtenstille trat ein und wir erwarteten nun, den längst gefürchteten Umschlag der Stimmung eintreten zu sehen. Aber nichts dergleichen geschah, ein gellender Freudentriller einer hohen Frauenstimme unterbrach das Schweigen, das »gansa mwami« erscholl wieder aus tausend Kehlen, die Krieger tanzten wenige Schritte von den Leichen ihrer Landsleute, und in das Aechzen der Sterbenden mischte sich der Jubelgesang der Weiber. Es war ein schreckliches Bild.
Obwohl ich mich selbst und in Anbetracht der Umstände auch die Askari von jeder Schuld freisprechen musste, rief ich doch im Lager die Aeltesten der Gegend zusammen und erklärte mich bereit, das in Afrika in solchen Fällen übliche Blutgeld zu zahlen. Aber sie hielten das für einen Scherz. »Der Mwesi«, sagten sie, »thut und lässt was er will, schlägt todt wen er will, ja, ein Mwesi, der keine Leute todtschlägt, wäre gar kein richtiger Mwesi.«
Im Lager war natürlich lebhafte Bewegung. Die Volksmengen, welche uns begleiteten, lagerten meist etwas abseits und äfften Nachts die Rufe unserer Wachtposten nach. Zu mir kamen fortwährend Leute mit Geschenken, kamen Zauberer mit weiss bemalten Gesichtern, eine Klapper schwingend und mit künstlich heiserer Stimme Beschwörungen murmelnd, ja es kamen Leute, welche selbst meinem Esel Geschenke an Vieh und Pombe anboten und sich um sein Wasser, als einer kostbaren Medizin, schlugen. Einmal brachte man mir einen uralten weisshaarigen Mann und fragte mich, ob ich ihn kenne. Ich bedauerte nicht die Ehre zu haben, worauf der Alte meinte, ich habe ihn wohl vergessen, er aber erinnere sich noch genau daran, mich schon früher als Mwesi gesehen zu haben.
Die Träger hatten damals eine bequeme Zeit, denn unterwegs galt es bei den Warundi als eine vielbeneidete Ehre, die Lasten des Mwesi zu schleppen und im Lager bedurfte es nur eines Winkes, um Eingeborene zum Wassertragen und anderen Verrichtungen zu veranlassen.
Am 18. September überschritten wir den Nil, der hier, wie an der Grenze von Ussui, Ruvuvu genannt wird, einen stark fliessenden, etwa 5 m breiten Bach, und wandten uns nach Nordwest, um dessen Quelle zu erreichen. In den zahlreichen Dörfern hausen viele Watussi, die sich zum Unterschied von den Warundi scheu und ablehnend verhielten. Sie stellen gewissermaassen einen Raubadel vor und waren daher von dem Erscheinen eines Mwesi, der ihnen angenehme anarchische Zustände beenden konnte, keineswegs erbaut. Die Warundi warnten mich mehrfach vor ihnen und als ich sie aufforderte, doch alle Feinde von mir abzuwehren, was ihnen bei ihrer riesigen Uebermacht nicht schwer fallen könne, erklärten sie, dass dies nicht anginge, sie als »Wahutu« (Unterworfene) könnten unmöglich mit ihren Herren, den Watussi, kämpfen, dies müsse der Mwesi schon selbst besorgen.
Als wir am 18. September von einer Anhöhe abstiegen, fiel mir auf, dass unser Warundi-Gefolge langsam zurückblieb und plötzlich bemerkte ich etwa 200 Watussi, die mit Bogen und Speer bewaffnet von der Höhe auf uns anstürmten. Ich bestieg schleunigst mit meinen Askari eine Kuppe im Hang, liess einige Salven auf die Angreifenden abgeben und warf sie ohne Schwierigkeit. Als ich die Höhe erstieg, war ich natürlich überzeugt, dass alle bei mir befindlichen Leute mir dahin folgen würden. Zum Unglück blieb jedoch der Massai-DolmetschBakari(Kiburdangop) mit seinem Freunde, dem Elmoruo Ndaikai von Unter-Aruscha am Wege stehen. Einige Watussi bemerkten diese beiden, stürzten auf sie los und verwundeten Bakari am Oberarm. Allerdings stiess Ndaikai die beiden Krieger nieder, doch als er mit blutrauchendem Speer zu mir kam, um den Vorfall zu melden, war es zu spät, Bakari war bereits dem Blutverlust erlegen. Nun geriethen unsere Massai-Hirten, die Bakari stets besonders geneigt waren, in grenzenlose Wuth; unterstützt von den Elephantenjägern unternahmen sie eine Verfolgung der Watussi und stiessen viele derselben nieder.
Den braven Bakari, der sechs Jahre seines Lebens im Massai-Lande verbracht und dem ich fast alles verdanke, was ich über Sprache und Sitten der Massai erfahren, senkten wir in die Erde — eine Tagereise von der Nilquelle.