I. THEIL.
Die Massai-Expedition. — Reisevorbereitungen. — Anwerbung der Mannschaft. — Die Spitzen der Karawane. — Aufbruch von Tanga. — Ein Tag aus dem Karawanenleben. — Unruhen im Wadigo-Land. — Durch die Umba Nyika. — Kisuani. — Aruscha.
Fahnenträger
Am 16. November 1891 langte ich mit dem deutschen Postdampfer in Tanga, Deutsch-Ostafrika, an. Vor meinen Blicken erhob sich die üppige Tanga-Insel aus der tiefblauen Fluth, dahinter lugten auf hoher Uferrampe die braunen Hütten des Städtchens zwischen schlanken Kokospalmen hervor und tauchte der breite Bau des Forts auf, wie ein weisser Klecks in der Landschaft erscheinend. Im Hintergrunde ragten die bläulichen Berge Usambára's; alte liebe Bekannte. Betrat ich doch nicht als Fremdling den Boden Afrikas, war es doch das vierte Mal, dass ich mein Glück im dunklen Welttheil versuchte.
Einmal hatte ich Westafrika befahren und den Riesenstrom des Kongo bis in's Herz des Kontinents, bis Stanley-Falls, verfolgt, zwei Mal hatte ich in Ost-Afrika der Erforschung Usambára's und der Länder bis zum Kilimanjaro mich gewidmet.Diesmal freilich stand eine grössere Aufgabe vor mir, galt es doch die weiten gänzlich unerforschten Massai-Gebiete zwischen Kilimanjaro und Victoria-Nyansa zu durchziehen, welche nach den spärlichen Berichten als wasserarme, von feindlichen Stämmen durchstreifte Wüsten dargestellt wurden. Da mir jedoch die Haupterfordernisse des Reisenden: Kenntniss der Sprache und Kenntniss des Landes zu Gebote standen, so blickte ich mit Vertrauen in die Zukunft. Die Weltsprache Ostafrikas, das Kiswahíli, spreche ich völlig fliessend und afrikanische Erfahrung besass ich zur Genüge; so fehlten nur sorgfältige Ausrüstung und tüchtige Mannschaft, um das Gelingen des Unternehmens — die Gunst des Schicksals vorausgesetzt — wahrscheinlich zu machen.
Was die Ausrüstung anbelangt, so kann ich mich nicht zur Ansicht Jener bekennen, welche behaupten, in Ostafrika bekomme man »Alles«. Allerdings man bekommt mehr oder weniger Alles, aber schlecht und theuer, so dass ein Reisender, der sich in Europa ausrüstet, selbst wenn er das Vorzüglichste wählt, immer noch billiger wegkommt. Ein Zelt wie das von Benjamin Edgington in London, welches mir während zwei Reisen Obdach gewährte, ein Feldbett, Feldtisch, Feldstuhl und Blechkoffer wie die von Silver in London, gehören nicht zu dem »Alles«, welches man in Ostafrika erhält.
Selbst die Provisionen, die man noch am ehesten an Ort und Stelle beziehen kann, zog ich vor, aus Europa mitzunehmen, da eine sorgfältige, gegen alle Fälle gesicherte Verpackung draussen kaum durchführbar ist. Die Firma Wilhelm Richers in Hamburg lieferte sie mir in durchwegs vorzüglicher Qualität und zu sehr mässigen Preisen. Dieselben wurden genau nach meiner Angabe in längliche Holzkisten verpackt, deren jede ungefähr dasselbe enthielt, so dass der Verlust einer Kiste keinen unersetzlichen Schaden verursacht hätte. Alle hatten einen verlötheten Blecheinsatz, der erst geöffnet wurde, wenn die Kiste in Verwendung kam und den wohlverstauten Inhalt vor Verderben schützte.
So wurden denn alle die Kisten und Ballen der Expedition in Tanga ausgeladen, daneben auch drei Kameele, die ich für etwaige Wüstenwanderungen aus Aden mitgenommen und welche ihre Treiber, braune untersetzte Araber aus Yemen, mit grosser Sorgfalt unterbrachten. Auch 15 kohlschwarze Sudanesensoldaten, die ich in Massaua angeworben, fanden ein vorübergehendes Heim in einer Negerhütte, während mir selbst in den wohlbekannten Räumen des Usagarahauses gastliche Aufnahme geboten wurde.
Noch am Abend meiner Ankunft stellten sich schwarze Freunde, meist Getreue von meinen früheren Reisen ein, darunter auch der brave Kihara wadi Mwamba, der 1888 die schweren Stunden der Gefangenschaft bei Buschiri mit Dr. Meyer und mir durchgemacht. Alle erfuhren von meinen neuen Plänen und erklärten sich unbedenklich bereit, bei der Massai-Expedition wieder einzutreten. Auch meine treue Reisegefährtin von der Usambára-Fahrt, die Halbaraberin Ranïe binti Abedi, meist »Kibibi« genannt, liess nicht lange auf sich warten.
Nachdem ich mich noch einige Tage in Tanga aufgehalten und dem späteren Engagement der Mannschaften vorgearbeitet, begab ich mich nach Sansibar, um ein wichtiges Geschäft, den Ankauf der Tauschwaaren zu besorgen. Während mehrerer Tage durchschlenderte ich mit Sapojee, dem gewandten Parsi der Ostafrikanischen Gesellschaft, die Bazars, um »Merikani« und »Kaniki«, »Mishanga kuta« und »Mutinarok«, alle die verschiedenen Baumwollstoffe, Glasperlen und sonstigen Artikel anzukaufen, welche im Innern Afrika's das Geld ersetzen. In Sansibar traf ich auch einen Landsmann aus Transleithanien, den ungarischen Sportsman Herrnvon Inkey, der eben auf einer Jagdexkursion begriffen war und mich bat, die Expedition bis zum Kilimanjaro begleiten zu dürfen, was ich ihm gerne zugestand.
Bald jedoch kehrte ich wieder nach Tanga zurück, harrte doch meiner eine wichtige Aufgabe, ja die wichtigste, welche meiner Ansicht nach ein Expeditionsführer in Afrika zu lösen hat: die Anwerbung der Mannschaft. Es ist allerdings in Ostafrika die Möglichkeit geboten sich die Sache bequem zu machen: man braucht nur mit einem indischen Agenten einen Trägervertrag zu schliessen, in welchem sich derselbe verpflichtet, die Mannschaften bis zu einem gewissen Tage zu stellen. Dann kann man die Zwischenzeit bequem im Lehnstuhl verträumen, in der Ueberzeugung, am bestimmten Tage seine Leute bereit zu finden. Dieser Vorgang scheint ungemein einfach und wurde auch thatsächlich bis in die neueste Zeit von Gouvernements-Expeditionen sowie von Privaten eingeschlagen. Dabei war es fast ausschliesslich der indische Kaufmann Sewah Haji, der mit den Aufträgen der Europäer beehrt wurde. Dieser ist nicht etwa ein indischer Grosshändler im Stile Sir Taria Topan's, dessen Handelsbeziehungen bis ins Herz des Kontinents reichen und der die bedeutendsten Araber wie Tippo-Tip als seine Agenten bezeichnen kann, sondern er hat eigentliche kaufmännische Geschäfte fast ganz aufgegeben. Seine Firma ist jetzt ein Dienstvermittelungs-Bureau in grossem Stile, er ist Träger- und Arbeiter-Agent, d. i. ein Mann, der durch die Unerfahrenheit und Bequemlichkeit der Europäer und den Unverstand der Afrikaner Reichthümer sammelt. Diese gestatten es ihm, zeitweise Reisen nach Europa zu unternehmen, wo er von Jenen, die ihm ihr Geld in den Rachen geworfen, zum Frühstück eingeladen wird.
Für Alle, für Deutsche, Engländer, Franzosen und für den Kongostaat wirbt Sewah Haji Träger an. Aber er lässt sich auch dafür bezahlen. Während er selbst dem Küstenmann höchstens 10 Rps. pro Monat, dem Mnyamwesi und Msángo gar nur einige Ellen Baumwollstoff giebt, muss der Europäer 15-20 Rps. monatlich bezahlen! Durch kleine Beträge, die Sewah den Schwarzen in ihrer arbeitsfreien Zeit vorschiesst und dann wucherisch verzinst, weiss er sich stets Leute an der Hand zu halten. Durch hohe Bezahlungen gewinnt er einflussreiche Karawanenführer, dafür werden die Anderen in ihren hart verdienten Löhnungen um so mehr verkürzt. Ausser den Vorschüssen, die mit Zins und Zinseszins bis ins Unendliche anwachsen, werden ihnen noch allerlei »Gebühren« abgezogen,besonders wenn es sich um naivere Inlandleute handelt. Schliesslich ist der arme Afrikaner froh, wenn er nur einige Rupies oder etwas weissen Baumwollstoff bekommt, ja er freut sich noch, wenn man ihm eine rothe Mütze oder sonst einen Plunder als »Bakschisch« schenkt. Er führt ja keine Bücher, während der Inder alles schwarz auf weiss hat und Unzufriedene auffordert, nur immerhin auf die Station zu gehen und sich über ihn zu beschweren. Der Begriff »Station« ist jedoch in Ostafrika noch so innig mit dem Begriffe »Prügel« verbunden, dass Jedermann es sich dreimal überlegt dahin klagen zu gehen, wenn er seiner Sache nicht ganz sicher ist.
Es ist jedoch begreiflich, dass die Mannschaften unter solchen Umständen dem Unternehmen wenig Lust und Liebe entgegenbringen und besonders wenn der europäische Gebieter, den sie am Abmarschtage zum ersten Mal sehen, ihnen nicht zusagt, einfach davonlaufen. Geschieht dies in der Nähe der Küste, so muss Sewah Haji selbst, sonst seine Agenten in Tabora und Mwansa freilich Nachschub leisten und der Karren wird mit Mühe und Noth im Gange erhalten, doch mit unendlichem Aerger und Verzögerungen muss der Reisende die Mussestunden an der Küste büssen.
Da ich während der Dr. Meyer'schen Expedition 1888 das Sewah Haji'sche Trägerelend gründlich ausgekostet, so beschloss ich mich nie mehr mit diesem oder einem andern Agenten einzulassen, sondern meine Leute selbst zu engagiren. Schon 1890, während der Usambára-Expedition, war mir dies trefflich gelungen, und obwohl »Kenner« mir diesmal versicherten, dass bei der herrschenden »Trägertheuerung« und dem »Trägermangel« Sewah Haji absolut nicht zu umgehen sei, wollte ich dies dennoch versuchen.
Von einschneidender Wirkung für das Gelingen einer Expedition ist die Wahl guter Karawanenführer. Für mich war dies um so mehr der Fall, als ich beschlossen hatte, keinen europäischen Begleiter mitzunehmen, sondernalleinzu reisen. Vor Allem brachte mich zu diesem Entschluss der Umstand, dass ich, wie ich offen gestehe, mich in Afrika unter Schwarzen am wohlsten fühle. Doch würde dieses, mehr persönliche Moment, mich selbstverständlich nicht abgehalten haben einen Europäer mitzunehmen, falls ich dies im Interesse der Expedition für nothwendig gehalten hätte. Ich bin jedoch zu der Ansicht gelangt, dass man Europäer in Afrika nur da verwenden soll, wo Schwarze absolut nicht zu brauchen sind. Dies ist bei einer Expedition nur bezüglich der Oberleitung und der wissenschaftlichen Forschung der Fall, denn alles Andere, von der Marschdisziplin angefangen, bis zu den kleinsten Details des Karawanenlebens, verstehen ja die Schwarzen unendlich besser als wir. Es ist ja begreiflich, dass ein Mann, dessen Väter schon vor Livingstone und Krapf nach dem Innern Afrika's zogen, der in den Verhältnissen geboren und darin aufgewachsen ist, unter kräftiger Leitung und bei entsprechender Befähigung ganz anderes leisten muss als ein europäischer Neuling. Ob durch Mitnahme des Vertreters eines anderen Faches wissenschaftlich mehr ausgerichtet worden wäre, ist noch fraglich.Denn bekanntlich können verschiedene Fachleute sehr schwer zusammen arbeiten und es ist ferner sicher, dass man allein, schon durch Langeweile getrieben, weit mehr Studien macht als etwa in angenehmer Gesellschaft.
Einer jener Leute, welche mir mehr werth sind als ein und selbst mehrere Weisse, stellte sich mir nach meiner Rückkehr in Tanga vor. Es warMzimba bin Omari, ein Swahíli aus Bweni bei Pangani, der s. Zt. bei der Usambára-Expedition als Träger eintrat, durch seine Tüchtigkeit es rasch zum Askari (Soldaten) brachte und während einer Krankheit des damaligen ersten Mnyapara (Anführers) dessen Stelle vertrat. Diesmal hatte ich ihn selbst trotz seiner Jugend — er ist kaum 25 Jahr alt — zu diesem wichtigsten Posten bestimmt. Der Mnyapara spielt eine ähnliche Rolle in der Expedition, wie der Feldwebel in der Kompagnie, nur dass die Expedition eben vollständig selbstständig ist und alle Zwischenglieder zwischen Hauptmann und Feldwebel fehlen. Mehr als einmal hat Mzimba während meiner Abwesenheit und Erkrankung meine Stelle vertreten und ich hatte dann stets das Gefühl dass es eben so gut, ja besser ging, denn Mzimba hatte den Ehrgeiz, mir zu beweisen, dass er auch ohne mich fertig werden könne. Ueberhaupt hatte er eine bei Schwarzen seltene Selbstständigkeit und hat mehr als einmal allein Gefechte mit Besonnenheit und Muth auf das Schneidigste geleitet. Der Mannschaft gegenüber besass er grosse Autorität, die er hauptsächlich dadurch aufrecht erhielt, dass er nur mit einigen jüngeren Verwandten unter den Trägern, sonst aber mit den Leuten garnicht verkehrte. Obwohl musterhaft gehorsam, zögerte Mzimba doch nie, eine ganz bestimmte Meinung abzugeben, wenn ich ihn um seinen Rath befragte. Freilich hatte er sich derart in mein Reisesystem und in meine Denkweise eingelebt, dass er meist nur das äusserte, was mir selbst als das richtigste erschien.
Während Mzimba ein untersetzter, lichtbrauner Bursche mit klugen Augen und von nicht übermässiger Schönheit ist, warMkamba, der zweite Anführer der Kirongozi, ein hochgewachsener, schwarzer junger Hüne, ein ernster, auffallend hübscher Bursche. Er war im Gegensatz zu Mzimba Sklave, doch schienen ihn seine Fesseln gerade nicht zu drücken, denn ungehemmt durchstreifte er jahraus jahrein das Massailand. Er bildet den Typus eines »Msafíri« (Karawanenmannes) aus Pangani. Heute kehrt er vom Rudolfsee zurück um einige Tage darauf wieder nach Kavirondo aufzubrechen, bei einer Karawane zahlt man ihm seinen spärlichen Lohn und bei der andern nimmt er schon Vorschuss für die nächste Reise.
Dr. Baumann
Eine weitere, sehr wichtige Persönlichkeit für eine Massaireise ist der Leigwenan, der Dolmetscher. Diesen fand ich in der Person desBakari bin Mfawmeaus Mtangata, der meist mit seinem Massainamen »Kiburdangóp« genannt wurde. Er war ein im Massailand ergrauter Mann, der die Sprache der gefürchteten Viehräuber fliessend handhabte und eine erstaunliche Landeskenntniss besass, ein gutmüthiger, etwas ängstlicher Swahíli.
Nachdem ich diese drei Stützen der Expedition gesichert, ging ich daran mit ihrer Hilfe die Askari und Träger anzuwerben. Vor Allem dieAskari, die Soldaten. Denn es ist selbstverständlich, dass der Reisende in unerforschten Theilen Afrika's auch heute, wo die rothen und blauen Grenzlinien der Kolonien, Schutzgebiete und Interessensphären Kreuz und Quer durch die Karte des Kontinents gezogen sind, doch noch einzig und allein auf seine eigene Kraft angewiesen ist. Die Stationen, die hunderte von Meilen weit entfernt an den grossen Heerstrassen liegen, können ihm auch nicht den Schatten von Schutz gewähren. Ebensowenig kann er erwarten von der kaiserlichen Schutztruppe, die ohnehin nur das Nothwendigste an Mannschaft besitzt, eine Bedeckung zu bekommen. Der letztere Nachtheil ist übrigens nicht so gross als man annehmen sollte, da es ja dem Reisenden freisteht zu thun, was bei der Schutztruppegeschieht, nämlich Neger anzuwerben, dieselben zu uniformiren und militärisch abzurichten. Da das Menschenmaterial genau dasselbe ist, so ist solche eigene »Schutztruppe« jener des Gouvernements völlig ebenbürtig, ja ich habe diesmal mit meinen selbst angeworbenen Leuten weit bessere Erfahrungen gemacht als auf der Usambárareise mit den 7 Askari des Reichskommissariats, von welchen drei ausrissen und überhaupt nur einer als Soldat verwendet werden konnte.
Fünfzehn Sudanesen hatte ich mir, wie erwähnt, schon mitgebracht. Die übrigen Askari wurden zusammen mit den Trägern angeworben und nur gutempfohlene und anscheinend intelligente Leute zu diesem Dienst berufen. Viele darunter hatten während des Aufstandes in der Schutztruppe gedient und sich dabei die deutschen Kommandos und Griffe angeeignet. Ihre Ombascha's (Gefreiten) waren der Sudanese Bahid Mohammed, ein tiefschwarzer, langer Dinkaneger und der Swahíli Hailala wadi Baruti, ein hübscher, kluger Yao. Freilich wurde mancher, der als Askari angeworben war, im Laufe der Zeit zum Träger gemacht und dafür Träger, die besondere Eigenschaften zeigten, zu Askari befördert.
Zur Anwerbung der Träger begab ich mich von Tanga nach Mtangata, Pangani und Bagamoyo und sandte Leute nach Bondei und Muoa aus. Ich verfolgte dabei stets den Grundsatz im Allgemeinen nur Leute zu nehmen, die durch einen an der Küste ansässigen und bekannten Gewährsmann empfohlen wurden. Bei Sklaven waren dies meist ihre Herren. Mit diesem Gewährsmann wurde ein schriftlicher Vertrag abgeschlossen, wonach er sich verpflichtete den Vorschuss des Trägers zurück zu zahlen, falls dieser zu irgend einer Zeit davonliefe. Es mag ja freilich langweilig sein an 200 solcher Verträge aufzusetzen, doch sind diese das einzige Mittel welches gegen Desertionen schützt. Irgend welche Schwierigkeit, die Leute zu bekommen, fand ich trotz des angeblichen »Trägermangels« keineswegs. Im Gegentheil, die Massai-Expedition war populär geworden, aus allen Dörfern kamen junge Burschen, und Kontraktarbeiter lösten ihre Verträge um als Träger einzutreten. Leute die 12 und 15 Rps. monatlich hatten, traten bei mir für 10 ein; ich hätte, falls ich damals gewollt hätte, 1000 und mehr Leute anwerben können.
Die 200 Mann, die ich angeworben, hatten sich Anfangs Januar 1892 in Tanga vereinigt und ich beschleunigte das Packen der Lasten, um rasch fortzukommen. Denn dass zweihundert junge Burschen, die einer unsicheren Zukunft entgegengehen, die Vorschuss erhalten haben und täglich Zehrgeld bekommen, zu allerlei Unfug geneigt und ganz danach angethan sind, ein Nest wie Tanga auf den Kopf zu stellen, scheint begreiflich. Ich selbst stand diesem Treiben völlig machtlos gegenüber, da ich die Leute, die in der Stadt zerstreut lebten, nicht in der Hand hatte und es mir auch im Interesse der Sache garnicht einfiel, jetzt schon die Zügel straff anzuziehen — dazu war im Massailand Zeit. Ich wäre denn wohl in häufigen Konflikt mit den Behörden gerathen, wenn die löbliche Polizei inden ostafrikanischen Küstenstädten nicht zum Glück aus Egyptern und Sudanesen bestände und wann hätte ein Egypter oder Sudanese dem Zauberworte »Bakschisch« jemals widerstanden? So drückten denn die biederen Stadtsoldaten nicht nur ein sondern beide Augen zu und mir sowohl wie dem Bezirkshauptmann blieb viel Aerger erspart. Mehrmals am Tage erschienen Weiber welche »verführt« oder Greise, Kinder und andere Leute die durchgeprügelt worden waren: sie alle wurden durch einen Bakschisch zufriedengestellt. Selbst den Vali von Tanga, den würdigen, arabischen Bürgermeister gelang es mir zu beruhigen, als er eines Abends wuthentbrannt mit äusserst schiefgewickeltem Turban bei mir ankam und klagte, dass einige meiner Manyema-Träger ihn aus seiner eigenen Veranda hinausgeworfen hätten, um dort dem verpönten Kartenspiel zu fröhnen. Ich lud ihn ein auf den Schreck einen Cognac zu nehmen, ein Getränk, welches, nebenbei gesagt, ihm die Freuden des islamitischen Paradieses ersetzen muss, das er sich durch dessen Genuss, sowie durch andere, minder salonfähige Neigungen vulgo Laster schon längst verscherzt hat. Nachdem er etwa die halbe Flasche »in Gedanken« ausgetrunken, ging auch er befriedigt ab.
Solange meine Kerls sich begnügten die Weiber zu »verführen« und die Männer durchzuprügeln ging, wie gesagt, alles ganz gut. Einer aber wollte die Sache umkehren und begann damit, Weiber durchzuprügeln. Das bekam ihm jedoch schlecht; einige schwarze Megären fielen über ihn her, warfen ihn zu Boden und traten ihn buchstäblich todt. Seine Gefährten fanden den armen Baraka Manyema als Leiche und das Bezirksamt leitete eine gründliche Untersuchung ein, deren Ende ich nicht abwartete. Denn der Boden brannte mir in Tanga begreiflicherweise unter den Füssen und Mzimba mit seinen Getreuen packten vom Morgen bis in die Nacht, um uns rasch flott zu bekommen.
Am 14. Januar schickte ich die 40 bepackten Massai-Esel, die gewissermaassen den Train der Expedition bildeten unter Mkambas Befehl voraus nach Amboni. Am Morgen des 15. liess ich meine »Bande« antreten, jeder bekam sein Gewehr und Pulverhorn, die Askari ihren Hinterlader, und die Lasten wurden vertheilt. Dann liess der Tambour seine mächtige Negertrommel ertönen, der wohlbekannte Wanyamwesimarsch, der Mganda ya Safari wurde mit Jubelgeschrei begrüsst, Kopwe, ein halbverrückter, zwerghafter Mschambaa entlockte einem Antilopenhorn die furchtbarsten Töne und, die deutsche Flagge voran, setzte sich die Karawane in Bewegung. Im Vorbeimarschiren drückte ich den deutschen Landsleuten die Hand und erhielt manches — oft recht ironisches — Abschiedswort. Denn selbst alte Afrikaner glaubten, dass sich auch bei mir die übliche Komödie wiederholen und gleich am ersten Tage drei Viertel der Leute ausreissen würden. Der Reisende, der heute Abschied genommen, taucht dann morgen mit langem Gesicht wieder an der Küste auf, zur Erheiterung der schadenfrohen Landsleute. Diesmal sollten sich diese aber geirrt haben. Keinerlei Desertionen traten ein, die mich nöthigten wieder an die Küste zu kommen, sondern im Gegentheil, ihre eigenen Bootleute undLohnarbeiter liefen rudelweise davon, um sich der Massai-Expedition anzuschliessen, sodass sie schleunigst Boten absenden mussten um sie wieder einzufangen.
TAFEL IILager am Sogonoi-BergLager am Sogonoi-Berg.
TAFEL II
Lager am Sogonoi-Berg.
Am ersten Tage lagerten wir unter den schattigen Mangos des DorfesAmboniam Sigifluss, am nächsten Morgen marschirten wir schon bei Tagesanbruch an der Tabaksfarm vorbei und in's grasige, palmenreiche Digoland.
Bevor ich den Reisebericht weiter verfolge, sei es mir gestattet ein kurzes Bild unserer Märsche und unseres Lebens im Lager zu geben, wie es sich täglich abspielte.
Schon lange vor Tagesanbruch kam in die schlummernde Karawane Leben. Es waren die Eseljungen, die vom diensthabenden Unteroffizier geweckt wurden, um das mühsame und langwierige Geschäft der Bepackung der widerhaarigen Thiere zu besorgen. Unter dem wahnsinnigen Geschrei ihres Aufsehers, Mabruki Wadudu, eines alten Bekannten von der Meyer'schen Expedition, fingen sie die Thiere ein, legten ihnen die mit Bananenlaub gefüllten Polster und die nach Massaiart genähten ledernen Tragsättel mit den Lasten auf. Sobald ein zartrother Streif sich am östlichen Himmel zeigte, schlug der Trommler die Tagwache und Mzimba begann die Lasten zu vertheilen. Während ich eine Tasse Cacao und einen kleinen Imbiss zu mir nahm, wurde mein Zelt abgebrochen, dann gab ich durch einen schrillen Pfiff das Zeichen zum Abmarsch.
Den Vortrab bildete Mkamba mit 12 Askari, stets denselben Leuten. Bei ihm befand sich der eingeborene Wegweiser, der manchmal freiwillig, öfter gezwungen und nicht selten an der Kette marschirte. Denn ich konnte, besonders in weglosen, wasserarmen Gegenden, das Wohl und Wehe meiner Karawane nicht von den Launen eines Wilden abhängig machen der, wenn er schliesslich nach einigen Tagen beschenkt wurde, vergnügt nach Hause zurückkehrte. Mkamba wurde stets von mir über die einzuschlagende Richtung aufgeklärt, die Details des Weges überliess ich seinem Ermessen. Er hatte ferner auf etwaige Feindseligkeiten der Eingeborenen scharf zu achten und war für Beseitigung von Marschhindernissen, wie Dorngestrüpp u. s. w., verantwortlich. Seine Leute waren mit Beilen und Waldmessern ausgerüstet.
Etwa 100 Schritt hinter dem Vortrab folgte die Karawane, deren Spitze der Fahnenträger Askari Kipishi bildete, ein vielgereister Mann aus Mtangata, der sein keineswegs leichtes Amt mit besonderem Geschick versah. Von ihm hing es nämlich ab, ob die Karawane geschlossen oder lose marschirte; lief er zu sehr, so kamen die Leute hinten nicht nach, ging er zu langsam, so trat ein schleppendes Tempo ein, welches für Träger sehr ermüdend ist. Diese folgten, so ziemlich stets in derselben Reihenfolge in langer Linie dem Fahnenträger, zwischen ihnen einzelne Askari, welche für die Marschdisziplin sorgten. Ich hielt nämlich strenge darauf, dass die Karawane immer geschlossen marschirte; Niemand durfte in der Eintheilung stehen bleiben oder sich gar zur Rast niederlassen, dazu waren zwei Ruhepausen da, die während jedes Marsches gehalten wurden. Der Marschdisziplinwar alles, Männlein und Weiblein, deren es, wie wir sehen werden, meist gar nicht wenige in der Karawane gab, unterworfen und Zuwiderhandelnde erhielten unfehlbar Hiebe.
Am Ende der Karawane folgte ich mit meinem »Stabe«, d. i. den Leuten, welche die wissenschaftlichen Instrumente trugen, den Boys, Köchen und dem Eseljungen des Reitesels, den ich stellenweise benutzte. Selbstverständlich war ich ununterbrochen mit topographischen Aufnahmen beschäftigt, die ich nach langjähriger Uebung halb unbewusst ausführte. Hinter mir schwankte das eine Kameel das mir noch geblieben — zwei waren in Tanga gestorben — und tönte das wilde Geschrei der Eseltreiber und das noch tollere Wiehern der Grauthiere. Den Schluss bildete Mzimba mit 15 Askari, ebenfalls stets denselben Leuten. Er war verantwortlich, dass Niemand, der zur Karawane gehörte, zurückblieb. Auch er musste die Augen tüchtig offen halten, denn vielfach und besonders später als wir Rindvieh mittrieben, waren die Angriffe der Eingeborenen gegen das Ende der Karawane gerichtet. Das war auch mit ein Grund, warum ich selbst mich näher an demselben aufhielt.
Sobald die Sonne nahe am Zenith war, begann Mkamba sich nach einem Lagerplatz umzusehen. In Steppen und unbewohnten Gegenden handelt es sich vor Allem um genügendes Wasser und Brennholz, waren diese gefunden, so konnte ein Platz leicht bestimmt werden. In bewohnten Ländern lagerten wir meist in Dörfern.
Der Fahnenträger stiess seine Flagge an der Stelle in die Erde, wo das Lagerzelt errichtet werden sollte. Trommler und Hornist liessen ihre Klänge ertönen und alles athmete erleichtert auf: für heute war's wieder überstanden. Ein Theil der Askari schlug rasch mein Zelt auf oder erbaute, falls keine Negerhütte Schatten bot, in aller Eile eine »Kibanda«, eine Zweighütte mit Grasdach, die einen weit angenehmeren Aufenthalt während des Tages bot als das Zelt. Die übrigen Askari schichteten die Lasten, Munitionskisten, Blechbüchsen mit Pulver, Tauschwaaren und Provisionskisten sorgfältig auf und schlugen das Lastenzelt.
Die Jungen hatten inzwischen das Zelt in Ordnung gebracht und in der Kibanda den Tisch gedeckt, der Koch den Mittagsimbiss fertig gestellt. Bei dieser, wie bei allen Mahlzeiten hielt ich darauf, dass die Hilfsquellen, welche das Land bot, möglichst vollständig ausgenutzt, und auch möglichst gut gekocht wurde, da ich der Ansicht huldige, dass eine gute Mahlzeit sicherer vor Fieber schützt als eine Dosis Chinin oder Arsenik. Dafür, dass Reinlichkeit und Ordnung in der Küche herrschte, sorgte die brave Kibibi, die dortselbst als Alleinherrscherin regierte.
Die Träger hatten sich inzwischen ebenfalls Laubhütten gebaut und begannen ihre Lebensmittel abzukochen. Dies geschah nach Lagergenossenschaften, Kambi's, deren jede einen Aeltesten, den Mkubwa ya Kambi, hatte. Die verschiedenen Landsleute, die Manyema, Wadigo, Wabondei, Wasegua, Wassegeju, Wasaramo und Wanyamwesi,die Leute von Tanga, Mtangata, Pangani, Bweni und Bagamoyo, die Sansibariten und Sudanesen sondern sich da von einander ab, und bilden kleine geschlossene Kreise.
Während ich Nachmittags damit beschäftigt war, meine Aufnahmen zu ordnen und zu ergänzen, sowie ethnographische, linguistische und andere Studien zu machen, waren die Askari darauf bedacht, das Lager gegen einen nächtlichen Angriff zu befestigen.
In einem Dorf war das verhältnissmässig einfach, da mittelafrikanische Siedelungen sehr häufig ohnehin mit Dornverhauen oder anderen Schutzwehren umgeben sind. Im Busch musste jedoch stets die »Boma«, der Stachelzaun, errichtet werden. Alle Mann hackten dann Zweige von den dornigen Akazien und thürmten dieselben im Kreise um das Lager so hoch auf, dass ein Darüberspringen unmöglich war. Solche Maassregeln mögen übertrieben und unnütz erscheinen, aber Sorglosigkeit hat in Deutsch-Ostafrika, wie ich glaube, gerade genug schwere Niederlagen bereitet, sodass ein wenig zuviel Vorsicht nichts schaden kann.
Gegen 5 Uhr Nachmittags versammeln sich die Kambi-Aeltesten bei Mzimba und erhalten »Poscho«, Proviant. Die mitgebrachten oder von den Eingeborenen erworbenen Nahrungsmittel hat dieser vor sich aufgehäuft und giesst jedem Aeltesten mit der Kibaba, einer Holzschüssel, soviel Portionen, als er Leute vertritt, in ein ausgebreitetes Tuch. Dieses sogenannte »Kibabasystem« wird von Arabern und Swahíli stets ausgeübt und war auch bei älteren Reisenden üblich, während jetzt Europäer fast stets das »Mikonosystem« verfolgen, d. h. den Leuten so und so viel Armlängen (Mikono) Baumwollenzeug geben, mit welchen sie eine bestimmte Anzahl Tage ausreichen müssen.
Schon auf der Usambára-Expedition habe ich mit Erfolg das Kibabasystem benutzt, welches ungleich billiger und praktischer ist. Bei der Massai-Reise, wo ich oft auf Monate Proviant für die Mannschaften mitnehmen musste, wäre das Mikonosystem geradezu ein Unding gewesen. Dasselbe verdankt seinen Ursprung hauptsächlich der Abneigung vieler Europäer, für die Verpflegung ihrer Leute zu sorgen. Sie geben denselben ihre Mikono und überlassen es ihnen, sich Nahrung einzukaufen. Auf grossen Karawanenstrassen mag dies ja ganz bequem sein, bei Forschungs-Expeditionen hat es jedoch seine sehr grossen Nachtheile. Vor Allem haben viele Leute garnicht genug Einsicht, um mit ihren Tauschwaaren sparsam umzugehen. Sie verprassen die erhaltenen Mikono gleich nach Empfang und müssen dann bis zum nächsten Poscho-Tage hungern oder bei den Eingeborenen mausen. Dabei kann der Reisende seinen Leuten nicht verbieten, das Lager zu verlassen und unter dem Vorwand Nahrung einzukaufen, weit abseits umherzuschweifen, was auf die Disziplin schädlich einwirkt und in feindlichen Gegenden geradezu verhängnissvoll werden kann. Ferner ist das Mikonosystem eine Quelle fortwährender Unzufriedenheit. Denn weiter im Innern ist das Baumwollzeug mehr werth, und der Reisende sieht sich veranlasst, die Zahl der Mikono herabzusetzen, was stetsStürme der Entrüstung und nicht selten Desertionen veranlasst. Der Mann dagegen, der vom ersten bis zum letzten Reisetag seine Kibaba, Lebensmittel, erhält, an welchen er sich sattessen kann, ist stets zufrieden und kümmert sich wenig darum, ob der Expeditionsleiter, der für ihn eine Art Vorsehung ist, sie billig oder theuer erworben hat. Jagd- und Kriegsbeute, sowie die reichen Geschenke der Inlandhäuptlinge, kommen direkt der Expedition zu Gute, während sie beim Mikonosystem oft geradezu schädlich wirken. Denn wenn der Mann auch im Ueberfluss schwelgt, so wird er doch seine gewohnten Mikono verlangen und diese auf zwecklose Weise durchbringen, was zu vielfachem Unfug Veranlassung giebt.
Zur Poschozeit werden auch die Kranken von dem dazu bestimmten Askari vorgeführt und so gut als möglich von mir behandelt. Vor Sonnenuntergang, kurz bevor ich mein Nachtmahl einnehme, treten die Askari an und machen etwa eine halbe Stunde Gewehrgriffe. Dann wird die Wache für die Nacht abgetheilt. Während der ganzen Reise stellte ich allnächtlich vier Wachtposten auf, die unter kriegerischen Verhältnissen auf sechs und acht verstärkt wurden. Ununterbrochen riefen dieselben mit lauter Stimme die arabischen Zahlen, das beste Mittel, um sich wach zu erhalten. Wenn das Wasser entfernt liegt, so ziehen schon während der Wachabtheilung kleine Trupps von Leuten mit Gefässen aus, um für die Nacht und den nächsten Morgen Wasser zu schöpfen. Denn sowie es dunkel geworden, schlägt der Trommler den Zapfenstreich und ruft die Befehle für den nächsten Tag, vor Allem ob marschirt wird oder nicht, aus. Dann darf Niemand mehr hinaus und das Lager verstummt allmählich.
Eine Weile noch flüstern einzelne Gruppen bei den glühenden Lagerfeuern, doch bald sinkt alles in tiefen Schlaf. Eintönig erschallen die Rufe der Wachtposten um das Lager, draussen jedoch werden die Stimmen der Wildniss laut. Die Hyänen heulen und lachen in widerlicher Weise, manchmal ertönt ein mächtiger Ruf: das Gebrüll des Löwen. Doch trotz allem Lärm schläft man schliesslich ein, bis das Rasseln der Trommel am nächsten Morgen zu neuer Thätigkeit ruft.
Man darf allerdings nicht glauben, dass solch regelmässiger Dienstgang gleich von Anfang an durchführbar ist. Erst herrscht unglaubliche Unordnung, die ungeübten Leute marschiren schlecht und sind nicht vom Fleck zu bringen, im Lager entwickelt sich ein unendlicher Wirrwar. Die beiden Hauptmittel des Expeditions-Chefs: Geduld und Kurbatsch bringen täglich mehr Ordnung in das Chaos, doch braucht es immerhin fast einen Monat bis Alles im Gange ist und Jeder seine Thätigkeit genau kennt. Der eigentliche Lohn für die Mühen der ersten Zeit tritt aber nach mehreren Monaten ein: dann geht alles wie geölt, so dass die Leute selbst ihre Freude daran haben und der Kurbatsch, welcher anfangs täglich viel zu thun hatte, verlässt nur selten mehr seinen Ehrenplatz im Gürtel Mzimba's.
Freilich, wer die zügellose wüste Schaar gesehen hätte, die am Morgen des 16. Januar mit mirAmboniverliess, der hätte wohl kaum geahnt wie wohlerzogen und tüchtig diese Leute noch werden sollten. Mit Horn und Trommel voran gings unter stetem Jubelgeschrei durch's Digoland, so dass die erschreckten Wadigo mit Weib und Kind ihre Dörfer verliessen und spornstreichs in den Busch entsprangen.
Der Augenblick, das Digoland zu besuchen, war gerade kein günstiger. Wenige Wochen vorher hatten die Wadigo wieder einmal zuviel Palmwein getrunken. Sie, die immer ganz gute Unterthanen waren, rissen auf einmal die deutsche Flagge herab und erklärten sich für unabhängig. Einen deutschen Offizier, der mit wenigen Soldaten und sehr wenig Munition hinkam, um sie zur Vernunft zu bringen, empfingen sie mit heftigem Feuer. Unter den obengenannten Umständen musste er sich nach kurzer Gegenwehr zurückziehen, wobei ihn die Wadigo bis Amboni verfolgten und die Scheunen der Pflanzer-Gesellschaft niederbrannten. Nun wurde Ernst gemacht. Dampferweise kamen Soldaten aus Dar-es-Salaam und Freiherr von Bülow wurde beauftragt, die Wadigo zu pacificiren. Es gelang ihm dies sehr leicht; nach den ersten Schüssen liefen die Wadigo davon und das übliche Strafverfahren mit Dorfbrennen und Viehforttreiben konnte eingeleitet werden.
Drei Tage nachdem Freiherr von Bülow das Land verlassen, langte ich mit meiner Expedition darin an. Begreiflicherweise mussten die Wadigo in dem Erscheinen von 200 Bewaffneten, die mit Lärm und Trommelschall einzogen, einen neuen Rachezug sehen. Sie suchten das Weite, und als wir unter einem prachtvollen Baum vor dem DorfeGombelolagerten, sahen wir keine Seele. Einige Träger, die sich von der Karawane entfernt hatten, wurden abseits mit Pfeilen beschossen.
So stand ich denn vor der Nothwendigkeit, entweder meine Leute gleich in den ersten Tagen hungern zu lassen oder schon hier, so nahe an der Küste, mit dem leidigen Fouragiren zu beginnen. Das erstere hätte zweifellos viele Desertionen, möglicherweise den Ruin der Expedition veranlasst, ich zögerte also nicht, den Leuten zu erlauben, den zur Nahrung nöthigen Maniok aus den Feldern zu ziehen. Dass diese es dabei nicht bewenden liessen und wohl auch manchmal ein Hühnchen mitgehen liessen, ist bei der begreiflicherweise noch mangelhaften Disziplin in einer drei Tage alten Expedition nicht verwunderlich.
Bemüht, möglichst rasch aus diesen unangenehmen Gegenden zu kommen, zogen wir durch die damals völlig menschenleeren Distrikte von Mgandi, Kaerua und Buiti. Erst inDaluni, das zwischen prachtvollen Kokospalmen am Fusse des Usambára-Gebirges liegt, liefen die Leute nicht davon und wir konnten Lebensmittel einkaufen, womit ich die leidige Wadigo-Affaire für erledigt hielt. Dieselbe hatte aber noch ein Nachspiel. Als nämlich die Wadigo erfuhren, dass sie diesmal nicht »amtlich« geplündert worden waren, führten sie beim Bezirksamt Klage. Dieses leitete die Klage weiter, nach Dar-es-Salaam, nach Berlin, nach Coblenz, wo das Antisklaverei-Komiteveranlasst wurde, eine Schadenersatz-Summe zu zahlen. So löste sich denn alles in Wohlgefallen auf: die Wadigo bekamen ihr Geld, welches ihre Verluste an Maniok und Hühnern mindestens zehnfach deckte, das Bezirksamt hatte sein »amtliches« Recht durchgesetzt, das Komite hatte gezahlt und konnte zahlen, da es wusste, dass mein Vorgehen im Interesse der Expedition dringend geboten war — und ich zog inzwischen, von allen diesen »amtlichen« Vorgängen nichts ahnend, landeinwärts, der unamtlichen afrikanischen Freiheit zu!
Ein kurzer Aufenthalt in Daluni diente dazu, die wenigen Nachzügler bei der Karawane zu versammeln, und am 22. Januar traten wir den Marsch längs der steil ansteigenden felsigen Mschihui-Berge durch die Umba-Nyika an. In Folge des ungewöhnlich frühzeitigen und reichlichen Regens hatte die Steppe gewissermaassen ihr Frühlingskleid angelegt. An Stelle der gelben harten Gräser sprossen zarte junge Halme hervor, die Baobabs, die sonst ihre mächtigen Aeste blattlos in die Lüfte recken, zeigten reiches Laub, und selbst die Akazien und Dornbüsche verhüllten ihre stachlige Aussenseite mit dichtem Grün. Von Wassermangel war keine Rede; die Bäche, die sonst als trockene Gräben nur Marschhindernisse bilden, führten das erfrischende Nass in Mengen und Niemand beachtete die Wasserbaobabs, jene natürlichen Baumcisternen, die oft in der trockenen Zeit aus den unversiegbaren Wasservorräthen ihrer Innenhöhlung dem Wanderer Labsal bieten.
Die fruchtbare Oase von Kitivo, welche die Stelle bezeichnet wo der Umba aus den Usambárabergen tritt, bot uns und unsern noch wenig geübten Leuten Gelegenheit zur Ruhe und Erholung. Inkey und ich benutzten den Ruhetag zu einem Ausflug in das prächtige Hochthal von Mlalo, das Dr. Meyer und ich 1888 entdeckt, und wo die Mitglieder der deutschen Mission uns begrüssten, die auf mein Anrathen sich dort niedergelassen hatten.
Um die Nordspitze Usambáras herum zogen wir nachMnasi, wo mein alter Bekannter, der Häuptling von Mbaramu, mir Wegweiser durch die Steppe verschaffte. Da die Wasserverhältnisse günstige waren, beschlossen wir, den Umweg über Gonja zu vermeiden und direkt auf Kisuani loszugehen. Mehr aus alter Gewohnheit als weil es wirklich nöthig war, machten wir beim letzten Wasserplatz von Mnasi »Telekesa«, d. h. wir kochten gegen Mittag ab, alle Gefässe wurden gefüllt, das Kameel bekam eine Last voller Schläuche und, gegen die Eventualitäten einer wasserlosen Nacht gerüstet, brachen wir um 1 Uhr Nachmittags auf. Durch lichte, mit spärlichem Stachelgestrüpp bedeckte Steppen, aus der einzelne Felskuppen sich erhoben, führte die ziegelrothe Linie unseres Pfades. Die mächtigen Abfälle Usambáras entfernten sich immer mehr; im Westen tauchte die dunkle Mauer des Pare-Gebirges in der Abenddämmerung mit solcher Klarheit auf, dass man die weissen Rauchsäulen der Schmieden erkennen konnte. Gerade als die Sonne sich anschickte, hinter den Pare-Bergen zu verschwinden, entdeckte Mkamba einen kleinen Wassertümpel und wir lagerten,erfreut, umsonst Telekesa gemacht zu haben. Durch ähnliches Land zogen wir am nächsten Tage zum Kambaga-Fluss, der, in der Trockenzeit völlig wasserlos, nun reichlich fliessendes Wasser in seinem tief eingerissenen Bett führte. Vom Lager aus hatte man einen schönen Blick auf die unbewohnte Tusso-Kette mit ihren grünen Hängen und der steilen, felsigen Krone. Am 31. Januar erreichten wir nach einem starken Marsch um den Nordostvorsprung Süd-Pare's,Kisuani, jene fruchtbare, an Sorghum, Mais, Zuckerrohr und Hülsenfrüchten reiche Niederlassung. Dort hatte sich seit meinem letzten Besuch manches verändert, ein kleiner Militärposten war entstanden, dessen Besatzung, ein Swahíli-Gefreiter und vier Mann, uns unter der deutschen Flagge empfing.
Ich beschloss, in Kisuani einige Tage zu verweilen, um die Verproviantirung der Karawane für die Massai-Reise zu beginnen, denn dass im Massai-Land gegenwärtig absolut nichts zu bekommen ist, war mir zu Genüge bekannt und ich hatte keine Lust, meine Expedition den Fährnissen einer Hungerperiode auszusetzen. Die Kunst des Afrikareisens besteht ja zum sehr grossen Theil in der Lösung der Verpflegungsfrage, und die Geschichte der Forschung lehrt uns, dass die grössten Schwierigkeiten immer aus dieser entstanden. Ein voller Magen ist für den Afrikaner — und vielfach auch für den Europäer — gleichbedeutend mit Ausdauer, Muth und Unternehmungslust; ein leerer ist feige und gänzlich unbrauchbar. Von diesem Grundsatze ausgehend, sandte ich denn täglich Abtheilungen in's Gebirge, die reich beladen mit Mais wieder herabkamen. Eine Anzahl Ziegen, die wir aus dem Küstengebiet mitgebracht und die nicht mehr vom Fleck kamen, liess ich schlachten und das Fleisch zum Dörren aufhängen. Dies lockte zahlreiche Hyänen an, welche Nachts das Lager umheulten, einmal sogar eindrangen und einen Träger in die Ferse bissen. Dieser erholte sich erst nach Wochen von der Wunde und behielt von nun an den Namen »Komboa fissi« (der von der Hyäne Befreite).
Mein liebenswürdiger Reisegefährte Herr von Inkey, der bisher das Klima sehr gut vertragen und auch schon mit Erfolg gejagt hatte, wurde in Kisuani von starken Fiebern ergriffen und beschloss, in Eilmärschen nach dem Kilimanjaro aufzubrechen, von dessen Höhen-Klima er rasche Erholung hoffte. Vor seiner Abreise hatte er die Güte, mir seinen photographischen Kodak-Apparat zur Verfügung zu stellen der mir fernerhin gute Dienste erwies. Er brach am 5. Februar auf und ich blieb von nun an als einziger Europäer bei der Expedition. An demselben Tage begrüsste ich Herrn Dr. Peters, der auf der Reise nach der Küste in Kisuani durchkam. In seiner Begleitung befand sich ein Swahíli Mwalim, der von Kibongoto aus nach dem Manyara-See geschickt worden war. Er behauptete auch denselben erreicht zu haben und brachte allerlei Nachrichten über den See, die mir sehr unwahrscheinlich klangen und sich auch später als Lügen erwiesen. Der Mann hat den See zweifellos niemals erreicht und die von ihm mitgebrachten Salzproben irgendwo bei Ober-Aruscha, wo sich Salzefflorescenzen genug finden, aufgelesen.
Kisuani verlassend zogen wir zwischen den beiden Komplexen Mittel-Pares hindurch, auf welchen jetzt weit mehr Felder und Siedelungen wahrnehmbar sind, als zur Zeit meines früheren Besuches (1890), ein Umstand, der jedenfalls der Verminderung der Massai-Gefahr zu danken ist. Den niedrigen Sattel zwischen Mittel- und Nordpare überschreitend gelangten wir nach dem Westfuss dieses Gebirges, wo wir uns im LagerplatzPare ya Baussimehrere Tage aufhielten. Derselbe liegt schön unter einigen schattigen Bäumen und gewährt einen prächtigen Ausblick auf den Kilimanjaro mit der schimmernden Schneespitze, deren Dom sich scharf vom tiefblauen Tropenhimmel abhebt. Der Zweck unseres Aufenthaltes war theils Beschaffung neuen Proviantes aus dem fruchtbaren Usangi-Gebirge, theils Auffindung eines Wegweisers für die Massai-Steppe. Der Proviant war leicht beschafft, bestand jedoch leider hauptsächlich aus Erbsen, die für solche Zwecke nicht sehr geeignet sind, da sie schon bei geringer Feuchtigkeit zu keimen anfangen, während Mais- und Sorghum-Vorräthe sich besser halten. Weniger leicht ging es mit dem Führer. Denn als solcher war nur ein erwachsener Massai, ein Elmóruo, denkbar. Da die in Folge der Viehseuche sehr ausgehungerten Massai zu jener Zeit vielfach an den Fuss von Nordpare kamen um gegen Esel Nahrungsmittel einzutauschen, so erschien uns der gewählte Platz als günstig.
Es dauerte denn auch gar nicht lange so brachten meine Askari einen Massai, einen hochgewachsenen, ernsten Mann von ca. 40 Jahren, der sich ElmóruoNdaikainannte. Ich fragte ihn, ob er den Weg zum Manyara kenne, was er bejahte, worauf ich ihm vorstellte, dass es unbedingt nothwendig sei, dass er uns dahin führe. Ndaikai war zwar über die Aussicht, einen solchen Spaziergang von 14 Tagen zu machen, nicht angenehm überrascht, die Zwangslage jedoch, in der er sich befand, sowie die Aussicht täglich reichlich zu essen zu bekommen, versöhnten ihn rasch mit seinem Schicksal. Ndaikai war für uns eine so kostbare und theure Person geworden, dass wir nicht umhin konnten ihn mit den stärksten Banden an uns zu fesseln. Diese bestanden aus einer Eisenkette, die wir dem Trefflichen um den Hals legten um ihn an einem Fluchtversuch zu hindern, welcher uns in der pfadlosen Steppe dem Verderben preisgeben konnte. Auch das nahm Ndaikai in Erkennung der Sachlage keineswegs übel und lachte nach genossener Mahlzeit behaglich den Askari an, der ihm mit scharf geladenem Gewehr Gesellschaft zu leisten pflegte. Ich will gleich vorausschicken, dass Ndaikai solche Sympathie für die Expedition fasste, dass er, als seine Ketten schon längst gelöst waren, als Hirt bei uns blieb, die ganze Reise mitmachte und schliesslich beim Scheiden buchstäblich Thränen vergoss.
Quer durch die ziemlich dürre, fast graslose Nyika zogen wir auf breitem Massaipfad am Baumannhügel vorbei zu der Ruvu-Furth, wo der Fluss durch eine Insel in zwei Arme getheilt und leicht durchwatbar ist und erreichten am 16. Februar die fruchtbare, bananenreiche OaseAruscha. An diesem wichtigen Karawanenplatz befindet sich eine deutsche Station, die seit Jahren das Schicksal hat,abwechselnd errichtet und aufgelassen, dann wieder errichtet und wieder aufgelassen zu werden. Gegenwärtig war gerade das letztere der Fall und ich bezog das einsame Stationsgebäude, in dem 1890, bei meinem letzten Besuch, reges Leben herrschte. Bald kam der Häuptling Shengele mit einem Geschenk an Ziegen, wofür ich ihm ausser dem üblichen Baumwollzeug noch einige Citronenkerne gab mit der Weisung diesen nützlichen Baum in Aruscha anzupflanzen.