PanganiPangani.
Pangani.
TAFEL XVMASSAI-KRIEGER VON MUTYEKMASSAI-KRIEGER VON MUTYEK.
TAFEL XV
MASSAI-KRIEGER VON MUTYEK.
II. THEIL.
Ohne Titel
Allgemeine Uebersicht. — Das abflusslose Gebiet. — Der Kilimanjaro-Graben. — Die Massai-Steppe. — Der grosse ostafrikanische Graben. — Der Wembere-Graben. — Das Granitplateau von Unyamwesi. — Der Victoria-Nyansa. — Die Quelle des Nil und das Mondgebirge. — Das centralafrikanische Schiefergebirge und der centrale Graben.
Das Forschungsgebiet der Massai-Expedition, von welchem nachfolgend die Rede sein soll, dehnt sich von der nördlichen Küstenlinie Deutsch-Ostafrika's, der sogenannten Tangaküste, bis zur Westgrenze der Interessensphäre, die durch den Verlauf des Tanganyika-See gekennzeichnet ist. Dieses ungeheure Gebiet lässt sich in verschiedene, ziemlich scharf von einander getrennte Abschnitte theilen.
An die schmaleKüstenzone, für welche das Auftreten jurassischer Kalke und Thonschiefer bezeichnend ist, schliesst sich eine Kette krystallinischer Gebirgsinseln, die unter dem NamenOstafrikanisches Schiefergebirgezusammengefasst werden.
An diese Gebiete reiht sich westlich eine Zone, die durch grossartige geologische Störungen bemerkenswerth ist. Dieselbe ist vor Allem durch den Verlauf desgrossen ostafrikanischen Grabensbezeichnet, jener ungeheuren meridionalen Bruchlinie, welche, wieSuessso meisterhaft nachgewiesen, vom Todten Meer bis Ugogo durch fast 40 Breitengrade zu verfolgen ist. Als Nebenbruch lässt sich im Osten jener Graben auffassen, dem der Meru und Kilimanjaro,vielleicht auch der Kenia entstiegen und dessen südlichen Verlauf das Panganithal undeutlich kennzeichnet, im Westen die Wembere-Spalte, die als Sackgasse in das Massai-Plateau eingerissen ist. Das ganze ausgedehnte Gebiet entsendet keinen Wasserlauf zum Meere und lässt sich daher alsabflussloses Gebietbezeichnen.
Im Westen von dieser theils krystallinischen, theils jungeruptiven Zone dehnt sich eine weite einförmige Hochebene aus, dasGranit-Plateau von Unyamwesi, in welches nördlich das Becken des Victoria-Nyansa eingelagert ist. Theils dem Nil, theils dem Tanganyika-Gebiete angehörend, ist es durch den fast vollständigen Mangel ständig fliessender Gewässer ausgezeichnet.
Vom Granitplateau gelangt man landeinwärts abermals in ein krystallinisches Gebirge, das, dem ostafrikanischen Schiefergebirge fast gleichlaufend, alscentralafrikanisches Schiefergebirgebezeichnet werden kann. Hier nimmt besonders die Hydrographie unser Interesse in Anspruch; schneidet doch hier die Wasserscheide zwischen Tanganyika-Kongo und Nyansa-Nil durch, liegt doch hier die Quelle der Hauptader des Victoria-See, dieQuelle des Nil. Das Schiefergebirge stürzt in steilen Wänden zu einer anderen ungeheuren Spalte ab, dem centralafrikanischen Graben, dessen Sohle der Tanganyika-See einnimmt.
Das Vorland und die Komplexe des ostafrikanischen Schiefergebirges wurden schon an anderer Stelle[3]eingehend beschrieben, wir beginnen daher in der Beschreibung der einzelnen Abschnitte mit demabflusslosen Gebiet.
Im Westen des Panganiflusses bei Aruscha erhebt sich dasLitema-Gebirge, in seinen höchsten Punkten bis über 1700 m ansteigend und gegen Süden in niedrigen Kuppen verlaufend. Es bildet den Westrand desKilimanjaro-Grabens, jenes Seitenzweiges der grossen Spalte, dem die vulkanischen Bergriesen des Kilimanjaro und Meru entstiegen. Das Litema-Gebirge ist der Hauptmasse nach krystallinisch mit stellenweiser Ueberlagerung archaischer, graphithaltiger Kalke und vorherrschend nordwestlichem Streichen mit nordöstlichem Fallen unter etwa 45°. Doch sind die Schichten vielfach stark verworfen und es haben grosse Störungen stattgefunden, wie auch das Vorhandensein jungeruptiver Durchbrüche anzeigt.
Das Litema-Gebirge fällt gegen das Pangani-Thal ziemlich steil, weit sanfter gegen die bedeutend höhereMassai-Steppeab. Dieselbe bildet ein Plateau, welches allmählich bis zu 1500 m ansteigt, um dann eben so sanft gegen die Sohle des grossen Grabens zu fallen. Es ist durch das gänzliche Fehlen ständig fliessender Gewässer, überhaupt durch Wasserarmuth, bezeichnet. Aus der weiten, leicht gewellten Ebene erheben sich insular einzelne Bergkuppen, die bis zu 17-1800 m ansteigen und nicht nur weithin sichtbare Landmarken in dieser Wildniss bilden, sondern in ihren Klüften meist auch Quellen und Wassertümpel bergen. Im Norden sind es die Gruppen des Benne- und Sogonoi-Berges, des Mella, Lukutu und des ansehnlichen DonyoKissale, welche im Distrikt Sogonoi und Balanga aufragen. Weiter im Süden erheben sich der Sambo, Neibor múrt, Kinyarók und die einzelnen spitzen Felsberge der Massai-Landschaft Kiwaya, welche einerseits bis zu den bewohnten Höhen von Unguu, andererseits bis zu den Vorbergen des Irangi-Gebirges in der Ebene verstreut sind.
Ueberall in der Steppe und in den Bergkuppen herrscht Gneiss und krystallinischer Schiefer vor, mit leicht geneigten meist landauswärts fallenden Schichten und verschiedenen, aber fast immer den meridionalen genäherten Streichungsrichtungen. Nur im Süden, gegen Unguu zu, treten Spuren jüngerer Kalke auf, die das frühere Vorhandensein von Süsswasserseen anzudeuten scheinen, deren einer, der Kinyaróksee, heute noch besteht und die vielleicht den südlichen Verlauf der Kilimanjaro-Spalte bezeichnen.
Während in der trockenen Zeit die Massai-Steppe durch Wassermangel vielfach ganz unpassirbar ist, sammelt sich in der Regenzeit das Wasser in den flachen Mulden und verwandelt diese in Sümpfe. Solche Senkungen sind meist vollkommen offen, grasig, in der trockenen Zeit oft fast vegetationslos und von tiefen Rissen im schwarzen Boden durchfurcht, während höher gelegene Striche mit Steppenvegetation, Dorngestrüpp und Schirmakazien bedeckt sind, aus welchen vereinzelt Baobabs aufragen. Eine reichere Vegetation, darunter stellenweise sogar Laubwald, tritt am Fusse und an den Hängen der Bergkuppen auf.
Von Menschen fast ganz verlassen, ist die Massai-Steppe der Tummelplatz grosser Wildmengen. Die Büffel zwar und die anderen wilden Rinderarten haben durch die Viehseuche 1891 schwer gelitten und sind fast ganz verschwunden. Aber Zebras und Antilopen, Giraffen und Strausse treiben sich noch in Heerden umher und besonders massenhaft tritt das Nashorn auf, meist in Gruppen von 2 bis 3 die Wildniss durchstreifend. Selbst Elephanten kommen noch vor und auch Löwen und Leoparden sind ziemlich häufig. Raubvögel folgen in Schwärmen jeder Karawane.
Die Regenzeit scheint in der Massai-Steppe früher als an der Küste, gewöhnlich Mitte Februar einzusetzen. Sie wird durch heftige Ostwinde eröffnet, die überhaupt das ganze Jahr hindurch vorherrschen. Die Temperaturschwankungen sind sehr bedeutend, an glühenden Sonnenbrand unter Tage schliessen sich eisig kalte Nächte. In der Trockenzeit eine wasserlose Wüste, in der Regenzeit ein Sumpf, stets eine pfadlose, schwer zugängliche Wildniss, bildet die Massai-Steppe kein sehr vielversprechendes Gebiet.
Der grosseostafrikanische Grabenist besonders scharf durch seinen Westrand, den Steilabfall des Massai-Plateaus, charakterisirt. Derselbe wurde im Norden von Dr. Fischer bis zur Breite des Natron-Sees erforscht, im Süden vermuthete man seine Fortsetzung in den Muhalala-Bergen in Ugogo, doch das Zwischenglied war noch unbekannt. Am Natron-See ist der Graben einerseits durch dasMassai-Gebirge, den sogenannten Mau-Abfall, dem der thätige Vulkan des Donyo ngai entsteigt, andererseits durch den Tafelberg des Geleï bezeichnet.
Südwärts schreitend, gelangt man in die schon von Dr. Fischer erkundete flache Senkung, die sich zwischen dem Natron-See und dem Manyara-See ausdehnt. Sie hat fast dieselbe Höhe wie der Manyara-See und weist Spuren von Kalksinter und Gerölle auf, welche auf eine frühere grössere Ausdehnung des Manyara und möglichen Zusammenhang mit dem Natron-See hinweisen. Im Osten erhebt sich die wahrscheinlich krystallinische Masse des Simangori-Berges. Im Westen ragt der hier fast 700 m hohe, ungemein schroffe Abfall des Plateaus auf. Dieses ist von unregelmässigen Höhenzügen bedeckt, zwischen welchen verschiedene Gewässer dem Manyara-See zufliessen. An dieser Stelle ist also die von Suess angenommene Aufwulstung der Grabenränder nicht wahrzunehmen, während sie weiter südlich, wo der Mto ya Matete unweit des Plateaurandes entspringt und westlich abfliessen soll, möglicherweise auftritt. Am Abfall sowohl wie am Plateau stehen ausschliesslich junge Eruptivgesteine, vorherrschend Basalte an, die auf den Höhen vielfach mit rother Lateritmasse überlagert sind. Als Eruptionscentrum kann hier der oblonge Kessel am Ngorongoro betrachtet werden, der, von steilen Tuffwänden eingesäumt, eine flache Sohle besitzt, deren westlicher Theil von dem kleinen Ngorongoro-See eingenommen wird, dem mehrere Bäche zuströmen. Am Ufer des Sees stehen jüngere Kalke an.
Weiter südlich senken sich die Berge des Abfalls bedeutend ab, sind am Nordende des Manyara-Sees ca. 200 m hoch und steigen dann wieder zum Plateau von Iraku an. Der Manyara-See (1000 m) erfüllt ein seichtes Becken und besitzt nach der Jahreszeit wechselnden Wasserstand, trocknet jedoch niemals gänzlich aus. Er nimmt im Norden und Westen mehrere wasserreiche Bäche, im Süden den ansehnlichen Kwou-Fluss auf. An seinem Westufer entspringen mehrere heisse Quellen (Temp. ca. 80° C.). Der Manyara ist ein Salzsee, sein Wasser ist nicht trinkbar und dicke Salzschichten bedecken das Ufer.
TAFEL XVIAusblick von Meri (Iraku) gegen NordIraku-PlateauEbene von UmbugweKilimanjaroManyara-SeeLaua ya Sereri-SeeAusblick von Meri (Iraku) gegen Nord.
TAFEL XVI
Iraku-PlateauEbene von UmbugweKilimanjaro
Iraku-PlateauEbene von UmbugweKilimanjaro
Iraku-Plateau
Ebene von Umbugwe
Kilimanjaro
Manyara-SeeLaua ya Sereri-See
Manyara-SeeLaua ya Sereri-See
Manyara-See
Laua ya Sereri-See
Ausblick von Meri (Iraku) gegen Nord.
Wie aus der chemischen Untersuchung[4]ersichtlich, sind die Salze des Manyara vor Allem durch ihren Soda-Gehalt ausgezeichnet, während Salpetersäure und Magnesia-Salze ihnen gänzlich fehlen. Durch den letzteren Mangel unterscheidet das Wasser des Manyara sich wesentlich von dem des todten und kaspischen Meeres, sowie vom Seewasser, wie denn überhaupt die Seen des ostafrikanischen Grabens nicht, wie der Tanganyika und Nyassa als Relictenseen, sondern als Ueberreste eines früheren Flusssystems zu betrachten sind. Darauf deutet auch die niedere Fauna des Manyara, welche trotz seines Salzgehaltes reine Süsswasserformen aufweist und besonders auf die Nilfauna hinweist. Aus ähnlichen Vorkommnissen im Rudolf-See schloss Suess, dass die Entstehung des Grabens in einer Zeit erfolgt sein müsse, wo diegegenwärtige Nilfauna bereits bestand oder doch einen der jetzigen sehr ähnlichen Charakter hatte. Was die Schnecken des Manyara anbelangt, so gehören dieselben allzu weit verbreiteten Arten an, um einen solchen Schluss direkt zu gestatten, auch scheint eine Verschleppung von Schneckeneiern durch Vögel leicht möglich. Doch wird die Suess'sche Annahme durch das massenhafte Auftreten junger Eruptivgesteine im Grabengebiet, deren Entstehung ihrem Charakter nach bis in die geologische Gegenwart fällt, bekräftigt.
Am Manyara-See besteht der Abfall nicht mehr aus Basalten, sondern der liegende Gneiss mit meist nordöstlichem Streichen und verschiedenen oft sehr steilen Fallrichtungen tritt hier und am Plateau von Iraku zu Tage.
Die südliche Fortsetzung des Manyara-See bildet der flache Boden von Umbugwe, ein Alluvialgebiet, in dem einzelne krystallinische Hügel aufragen und das von dem theilweise versumpften Kwoufluss und seinen Nebenbächen durchzogen wird. Es ist zweifellos alter Seeboden und der Laua ya Sereri, östlich von Kutadu's Land, ein Salzsee, der in dürren Jahren manchmal eintrocknet, stand früher mit dem Manyara in Verbindung. Der Boden Umbugwe's ist salzig und das Wasser der Lachen, die sich nach starkem Regen in grosser Ausdehnung bilden, ist nicht trinkbar. Westlich von Umbugwe erhebt sich der Steilabfall bis zur Höhe von 1900 m und ist gekrönt vom Plateau von Iraku, das durchschnitten von zahlreichen Bächen des Kwousystems weit tiefere Thäler, überhaupt weit gebirgigeres Terrain besitzt als Mutyek. Ueberall steht, wie schon erwähnt, Gneiss und krystallinischer Schiefer an, in einzelnen Kuppen in romantischen Felsbildungen aufragend. Weiter westlich scheint das Land stark abzuflachen und nimmt immer mehr Steppencharakter an.
Südlich von Umbugwe steigt die Sohle des Grabens sanft um etwa 100 m und das Auftreten von Basalt und Tuff zeigt eruptive Durchbrüche an. Auf der Höhe der derart erreichten Stufe liegt die Landschaft Ufiomi mit dem kleinen Maitsimba-See (1440 m), dem einzigen in der langen Reihe der Grabenseen, der Süsswasser enthält. Er verdankt dies dem Vorhandensein eines Abflusses, der allerdings nur nach starkem Regen oberirdisch Wasser führt, stets jedoch an unterirdischem Sickerwasser reich ist, das in den Kwou mündet. Oestlich vom Maitsimba erhebt sich der vulkanische Ufiomiberg bis ca. 2500 m; er ist der nördliche Ausläufer des Plateau von Uassi, welches hier den sehr scharfen Ostrand des Grabens bildet. Es steigt bis zu 1700 m an, besitzt sowohl gegen den Graben als gegen die Massaisteppe sehr schroffe Abfälle, hat leicht gewelltes Terrain, meist periodische Wasserläufe und besteht aus Gneiss und krystallinischen Schiefern mit vorherrschend meridionaler Streichungsrichtung und steilem Fall gegen Westen.
Im Westen des Maitsimba-See sind mehrere Höhenzüge dem Steilabfalle vorgelagert, der sich schroff und felsig zum Plateau von Meri bis über 2000 m hoch erhebt. Ihm entströmen die Nebenbäche des Bubu, der erst mit papyrusreichem Ufer östlich von der Landschaft Mangativerläuft, als breites, sandiges Bett bei Irangi vorbeifliesst und schliesslich in Ugogo in altem Seeboden verläuft. Bei Mangati macht der Steilabfall, der auch hier aus krystallinischen Schiefern in sehr stark gestörten Schichtenlagen besteht, plötzlich einen Bogen nach Westen, um nach einigen Kilometern als bedeutend niedrigere Stufe nach Südwest zu streichen. Aus der dadurch gebildeten Bucht erhebt sich vollkommen isolirt der vulkanische Kegel desGurui[5]bis zu 3200 m, der 1885 von Dr. Fischer in Irangi zuerst gesehen worden war. Sein Obertheil besteht fast ganz aus steilen, schwarzen Basaltwänden, die Hänge sind theils grasig, theils bewaldet. Zwischen Gurui und dem schroffen Abfall dehnt sich die leicht gewellte Landschaft Mangati aus, in deren Westecke der kleine Salzsee Balangda (1600 m) liegt. Derselbe trocknet in dürren Jahren oft fast ganz ein, dann bilden sich starke Salzablagerungen an den Ufern, die von den Eingeborenen gewonnen und als Kochsalz benutzt werden, als welches sie vorzügliche Eigenschaften besitzen.[6]
Südlich vom Gurui senkt sich die Sohle des Grabens wieder bis zu 1360 m, welche Höhe sie in der Landschaft Uyanganyi erreicht. Den Westrand bildet hier der Abfall des Plateaus von Turu, welches bis zu 1820 m ansteigt und einen sehr deutlich ausgeprägten Randwall gegen den Graben zu besitzt. Sowohl an der Sohle des Grabens wie am Plateau von Turu steht Granit an, welches Gestein hier aus Unyamwesi in das Grabengebiet übergreift.
Das Plateau von Turu besitzt sandigen, salzhaltigen Boden, nähert sich mit den zahlreich verstreuten Granitkuppen dem Landschaftscharakter Unyamwesi's und ist von trockenen Wasserrissen durchzogen, deren einige in den kleinen Singisa-Salzsee münden, der ebenfalls von den Eingeborenen ausgebeutet wird.[6]An seinen Ufern streift eine recente Kalkscholle an.
Weiter nördlich entdeckte Lieutenant Werther einen anderen kleinen Salzsee, von welchem ich auch durch Eingeborene erfuhr. Derselbe liegt in einem ähnlichen Kessel wie der See von Ngorongoro, also wahrscheinlich in vulkanischem Gebiet.
Südlich von Unyanganyi ist die Grabensohle durch den Verlauf trockner Bäche bezeichnet, während der Abfall niedriger, aber stets deutlich ausgeprägt verläuft und in die Stufe von Muhalala-Ugogo übergeht. Oestlich vom Graben steigt allmählich das Plateau von Ussandaui, mit aufgesetzten höheren Kuppen wie den Tuyui an, welches durchweg aus Granit besteht und erst an seinem Ostrand gegen den Bubu zu, durch höhere krystallinische Gebirge mit vorherrschend meridionalen Streichungsrichtungen eingesäumt wird. Dasselbe Gestein tritt auch in den niedrigen Bergen von Irangi auf, die bereits dem System der Massai-Steppe angehören.
Ohne direkten Zusammenhang mit dem grossen Graben, aber doch nur als Seitenbruch desselben, verläuft der Wembere-Graben in vorherrschend nordöstlicher Richtung. Er bildet, wie erwähnt, eine Sackgasse und ist in seinem nördlichen Theil vom Eyassi-Salzsee (1050 m) eingenommen, der einen dem Manyara ähnlichen Charakter, aber sandigere und völlig vegetationslose Ufer besitzt. Er enthält ebenfalls scharfes untrinkbares Wasser,[7]muss aber dennoch gleich dem Manyara ein Thierleben beherbergen, da zahlreiche Wasservögel seine Fläche beleben. In trockenen Jahren mag der jedenfalls seichte Eyassi einschrumpfen, trocknet jedoch niemals völlig oder auch nur erheblich aus und überschwemmt zur Regenzeit weite Gebiete.
Im Norden des Sees erhebt sich das Plateau von Sirwa bis über 2000 m. Es besitzt ähnlichen Charakter wie Mutyek und hat hohe vulkanische Berge aufgesetzt, die 3000 m jedenfalls übersteigen. Nur am Fusse des Abfalles tritt das liegende Gestein als Gneiss auf, darüber lagern verwitterte Tuffe, Basalte und andere Eruptivgesteine. Von der Plateauhöhe strömen dem Eyassi-See mehrere wasserreiche, von Phönixpalmen begleitete Bäche zu. Die Berge seines Westufers sind im Norden anfangs noch hoch und stürzen in steilen Hängen ab, am Ostufer streichen parallele, immer höher ansteigende Bergketten. Weiter südlich sind die Grabenränder weniger hoch und erheben sich bei Mbusi am Westrand kaum 100 m über der Sohle, während der Ostrand bei Issansu etwas höher sein dürfte. Hier tritt überall Granit auf, der in der Sohle des Grabens von grauen Lehmmassen überdeckt ist. Diese Nyarasa-Steppe bildet die südliche Fortsetzung des Eyassibodens und ist stellenweise von dicken Salzefflorescencen bedeckt, welche ein vorzügliches Kochsalz[7]liefern.
Ueber die Ebene weht fast fortwährend ein heftiger staubgeschwängerter Nordostwind, welcher an Löss erinnernde Lehmterassen anhäuft. In diesen finden sich Sumpfschnecken, die oft ganz calcinirt aussehen und doch das lebende Thier enthalten, das offenbar in der feuchten Jahreszeit erwacht. Während dieser ist die Nyarasa-Steppe grösstentheils überschwemmt. Sie wird von dem ca. 30 m breiten, brackigen Simbitifluss durchzogen, der zwischen Lehmmauern dem Eyassi zuströmt. Er bildet den Unterlauf des Wembere und der zahlreichen meist periodischen Wasserläufe des östlichen Unyamwesi. Bei besonders starken Winden macht sich eine Gegenströmung aus dem Eyassi im Simbiti bemerkbar und sein Wasser ist dann völlig ungeniessbar. Noch ein anderer ansehnlicher Fluss, den die Elephantenjäger Mto ya matete (Fluss der Phönixpalmen) nennen, soll von Osten her in den Eyassi münden.
Weiter südlich in der Breite von Iramba wird die Grabensohle schmäler und erhält den Namen Wembere-Steppe, welcher auf grössere Gebiete übertragen wurde, während er thatsächlich nur diesem schmalen Streifen zukommt. In Unyamwesi, in der Breite von Ussure ist die Sohle des Grabens 1120 m hoch, während die Randberge völligunbedeutend, aber stets deutlich wahrnehmbar verlaufen. Sie sind vielfach von Granitzinnen gekrönt (siehe Abb. pag. 109), während die Sohle selbst stets mit Alluvialmassen bedeckt, zur Trockenzeit eine Wüste, zur Regenzeit ein Morast ist. Bei Ussure und in Iramba erheben sich niedrige Hügelzüge, die allmählich in das Plateau von Turu übergehen. Gegen Süden zu lässt sich der Graben bis in die Gegend von Turu verfolgen.
Bezüglich desLandschafts-Charakterssind die Niederungen und Plateaus in den Grabengebieten sehr verschieden. Die Grabensohle trägt im grossen Ganzen den Typus der Steppenvegetation, Akazien, Baobabs herrschen vor, bei Umbugwe treten einzelne Borassuspalmen auf. Wo jedoch die Nähe der Gebirge reichlichere Niederschläge erzeugt und besonders an fliessenden Gewässern grünt üppige Gras- und Krautvegetation und der Ackerbau findet vorzügliche Bedingungen.
Von den Plateaus sind die südlichen, Turu, Ussandaui und das südliche Uassi trocken, sandig und von geringer Fruchtbarkeit; schon im nördlichen Uassi und am Ufiomiberg macht sich reicherer Waldwuchs geltend und die wasserreichen, kühlen Hochplateaus von Iraku und Mutyek gehören zweifellos zu den besten Gebieten Ost-Afrika's. Dieselben sind hauptsächlich von schönem Weideland mit kleinen eingestreuten Laubbäumchen bedeckt, dessen ziegelrother fetter Boden, wie man in Iraku sehen kann, für Ackerbau sehr geeignet ist. Die hohen Parthien bedeckt tropischer Hochwald mit überwuchernder Krautvegetation und Unterholz. Während in den Niederungen die Temperaturunterschiede sehr scharf an einander grenzen, herrscht auf diesen Höhen stets eine angenehme, kühle Luft, selbst Mittags ist die Sonnenwärme nur behaglich und Morgens tritt oft recht empfindliche Kälte ein. Die Unterschiede der Jahreszeiten machen sich auf den Plateaus weniger geltend, indem auch in der trockenen Zeit Niederschläge häufig sind. In der Grabensohle bemerkte ich gegen Abend ziemlich regelmässige Nordwinde, die über die Salzseen hinwegstreichend fast an Seebrisen erinnern, aber nicht gesund und malariahaltig sind, wie denn überhaupt die Niederungen ziemlich fieberreich genannt werden müssen.
Durch die vielen besiedelten Distrikte ist das Thierleben zurückgedrängt, aber immer noch grossartig genug. Die nördlichen Wembere-Gebiete, das Mutyek-Plateau und vor allem Ngorongoro beherbergen ungeheure Wildmassen, unter welchen das Rhinozeros in erstaunlicher Menge auffällt. Dieser Dickhäuter, der das Glück hat, keine kostbaren Zähne zu besitzen, kann sich ungestört vermehren, während gegen die Elephanten ein wahrer Vernichtungskrieg geführt wird, der ihn auch in vielen Gegenden, wie am Gurui, ausgerottet hat. Löwen und Leoparden sind häufig und richten in den Heerden der Eingeborenen Schaden an. Das Flusspferd kommt in allen Gewässern des Grabens und im Eyassi-See, sowie auch im Ngorongoro-See vor, Krokodile jedoch nirgends. Von den Muscheln und Schnecken ist im Anhang ausführlich die Rede. Sie dienen grossen Schwärmen vonWasservögeln, Flamingos, Enten und Marabus als Nahrung. In den Bächen, selbst in Tümpel periodisch fliessender Gewässer leben grosse Welse.
Im Wembere-Graben besitzt, wie gesagt, der Charakter nackter, trockener Salzwüste die Oberhand. Auch die umrahmenden Höhen sind wenig einladend. Nur im Norden und Osten des Eyassi-Sees dehnen sich fruchtbare Plateaus aus, welche an Mutyek und Iraku erinnern. Die bewohnten Landschaften Issansu, Iramba und Eyambi besitzen einen an Turu erinnernden ärmlichen Boden, sonst ist Alles Wildniss, von wasserarmen, in der Trockenzeit gänzlich versiegenden sandigen Rissen durchzogene, wellige Baumsteppe, die der Kultur wenig Aussicht eröffnet und erst weitab vom Graben in Meatu einerseits und in Hindamara andererseits besseren, wasserreichen Landstrichen Platz macht.
Schon bei Besprechung der westlichen Grabengebiete ist mehrfach von Granit die Rede gewesen. Dieses Gestein gelangt weiter landeinwärts imGranitplateau von Unyamwesizur fast völligen Alleinherrschaft. Dieses weite Gebiet, welches das Süd- und Ostufer des Victoria-Nyansa umfasst, im Süden über Tabora hinaus und im Westen bis Uha reicht, zeichnet sich durch sehr grosse Einförmigkeit aus. Das Terrain ist flach oder leicht gewellt, Gebirge sind selten und werden durch wilde Anhäufungen von Granitblöcken ersetzt, die in mehr oder weniger grossen Abständen verstreut sind.
Die Gewässer dieses Gebietes, die einerseits dem Simbiti-Eyassi, andererseits dem Victoria-Nyansa und dem Tanganyika zuströmen, zeichnen sich durch Wasserarmuth aus. Die Wembere-Zuflüsse sind fast alle periodisch und liegen den grössten Theil des Jahres trocken. Auch der in den Mlagarassi mündende Igombe, der fliessendes Wasser geführt haben soll, besitzt solches nun schon seit Jahren nicht mehr und besteht nur aus einer Reihe tiefer Tümpel, die nur zur Regenzeit unter einander in Verbindung stehen. Nicht viel wasserreicher sind die Zuflüsse des Victoria-Nyansa. Der Simiyu-Fluss, der im Massai-Land entspringt und bei seiner Mündung ein breites, schiffbares Aestuarium besitzt, liegt fast das ganze Jahr trocken. Zur Regenzeit schwillt er allerdings zeitweise ungeheuer an, doch für gewöhnlich enthält er nur Tümpel. Wasserreicher ist der Rubana, der in Nata entspringt, den Grumetri aufnimmt und sich als ständig fliessendes Gewässer in einem Aestuarium des Speke-Golfes ergiesst. Auch er besitzt jedoch sehr wechselnden Wasserstand. Noch mehr ist dies bei den nördlich verlaufenden Flüssen, dem Suguti und Mara, der Fall, die jedoch ebenfalls nicht ganz auszutrocknen scheinen. Der Mara ist der Unterlauf des Ngare dabasch (Ngare = Wasser, dabasch = breit, aber seicht), der zahlreiche Abflüsse des Massai-Plateaus aufnimmt. Fischer sah im Januar 1886 »wenig lehmfarbiges Wasser in tiefem, breitem Bett«, bei meiner Anwesenheit in Ngoroïne im Mai 1892 überschwemmte der Mara seine Ufer und war schwer passirbar.
Alle anderen Gewässer Unyamwesi's, sowohl jene, die dem südlichen Victoria-Nyansa, als jene, die dem Wembere-Gebiet zufliessen, sind sämmtlichRegenschluchten, mit oft breitem, sandigem Bett, in welchem man durch Graben Wasser erhält, in dem sich jedoch nur selten ein Rinnsal findet.
Von eigentlichen Gebirgen kann nur östlich vom Victoria-See die Rede sein, wo die Berge Baridi, Ikiju, Kiruwiru und Majita, sowie die von Uhemba, Uaschi und Ngoroïne sich als vereinzelte, fast tafelförmige Massive aus den Ebenen erheben. Die letzteren bilden den grössten Theil des Landes. Im westlichen Massailand sind sie völlig flach, von niedrigen Senkungen durchzogen, in deren einer der kleine Salzsee Lgarria liegt, und unterbrochen von zerstreuten Granithügeln, wie dem Kiruwassile und Duvai.
In ganz Usukuma und Unyamwesi, sowie in Usinja und den südlichen Nachbargebieten ist das Land wellig, mit den oben erwähnten steilen Granitkuppen, die der Landschaft ein eigenartiges Gepräge geben.
Dergeologische Baudes Granitplateaus ist, wie erwähnt, ein ungemein gleichartiger. Fast überall herrscht eine mächtige Granitüberlagerung vor und krystallinisches Gestein tritt nur selten zu Tage, noch vereinzelter junge Sedimentgesteine.
Vom Grabengebiet kommend, fand ich in Serengeti Arkosen als Verwitterungsprodukte des Granits anstehend. Der Duvai-Hügel besteht aus weissem Quarzit, am Kiruwassile-Hügel steht ausser Granit auch röthlicher Quarzit an. Solcher findet sich auch am Mbelegeti in Usenye, sowie nördlich bei Mosonge und in Nata am Rubana-Fluss, wo ein meridionales Streichen mit Fall gegen Ost unter ca. 10° erkennbar ist. An den Bächen Elmaraus, sowie am Nyansa, am Kiruwiru, bei den Irambabergen und am Majita treten Grauwacken und Hornblende-Schiefer, ebenfalls in meridionalem Streichen, und sehr steiler Fallrichtung gegen Osten, oft in senkrechten Schichten auf. Zwischen Kiruwassile und Elmarau ist ein kleiner Durchbruch von älterem Eruptivgestein zu bemerken. Ein solcher findet sich auch in Irangala am Emin Pascha-Golf. In den Schaschibergen und in Ngoroïne steht an den Bächen vielfach Amphibolit an, während die Höhen von Granitblöcken gebildet werden. Von Kalken fand ich nur eine Spur in Elmarau, sowie kleine Schollen im Serengeti und Ntussu. In ganz Usukuma, Usinja und Unyamwesi, von Ussandaui bis Uha fand ichausschliesslichGranit anstehen.
Einförmig wie der geologische Aufbau ist auch derLandschaftscharakterdes Landes. Zwischen den besiedelten und oft sehr intensiv bebauten Gebieten dehnen sich unbewohnte Striche aus, die nur in dem östlichen Nyansagebiet den Charakter offener Savannen haben, sonst überall mit Steppenwald bedeckt sind. Im Osten ist der Massai-Charakter mit Dorngestrüpp, Akazien und einzelnen Baobabs, mit wilden Phönixpalmen an den Wasserbetten vorherrschend, im Westen bedeckt Miombowald (meist Caesalpiniaceen) in seinen lichten Beständen weite Gebiete. Die centralen Theile, vor Allem die südlichen Nyansagebiete, zeigen eine Mischung der beiden Vegetationsformen. Klimatisch folgt das Granitplateau im Allgemeinen den Küstenjahreszeiten, ist jedoch wahrscheinlich trockenerals diese. Nach der Erfahrung alter Leute nimmt die Trockenheit alljährlich zu und manche Bäche, die noch vor Jahren Wasser führten, liegen jetzt als sandige Betten. In der trockenen Zeit ist Unyamwesi nicht viel leichter zu bereisen als die Massai-Steppe; die Brunnen liefern schlechtes, spärliches Wasser, und in den weiten Wildnissen, die sich zwischen den Dörfern ausdehnen, muss man oft ohne Wasser lagern. Dennoch ist der Boden ein fruchtbarer und die Niederschläge genügen für reichen Anbau, wie die schönen Kulturen der Eingeborenen beweisen.
Im Norden des Granit-Plateaus ist das ungeheure Becken desVictoria-Nyansaeingelagert. Dessen im Süden und Osten ziemlich stark gegliederte Küsten fallen theils in 4-5 m hohen Steilwänden ab, theils sind sie flach und mit dichtem Papyrusgürtel gesäumt, in welchem der wasserliebende, korkartige Ambatsch-Baum verstreut ist. Aehnlichen Charakter weist der in zahlreiche Arme gegliederte Emin Pascha-Golf auf. Die Bukumbi-Bai oder der Smith-Sund hat fast durchweg felsige Küsten. Solche ziehen sich auch am Südufer des Speke-Golfes dahin, dessen Ostende bei Katoto flach und papyrusreich ist. Die Nordküste des Spekegolfes ist gebirgig und steil, sie ist durch den schmalen, durchwatbaren Rugedsi-Kanal von der fruchtbaren, langgestreckten Granitinsel Ukerewe getrennt, welcher wieder das fast kreisrunde Eiland Ukara vorgelagert ist. Nördlich vom Rugedsi-Kanal schneidet der tiefe, vielgegliederte Baumann-Golf ein, mit hohen Halbinseln und Inseln im Westen, mit flachen Papyrusufern im Osten. Er ist durch eine schmale Landenge, welche das Majita-Massiv mit dem Festlande verbindet von der Majita-Bai getrennt. Weiter nördlich ist der Verlauf der Küstenlinie nur oberflächlich bekannt und haben wir möglicherweise recht wesentliche Veränderungen der Karte zu erwarten.
Der Victoria-Nyansa ist in dem besprochenen Theile sehr inselreich, ausser den genannten sind noch zahlreiche, meist felsige Eilande darin verstreut.
Das Wasser des Sees ist an tiefen Stellen und steilen Küsten dunkelgrün, ganz süss und wohlschmeckend, in flachen Theilen wird es gelblich bis braun und hat dann einen schlechten Sumpfgeschmack.
Nach verschiedenen Erkundigungen, welche ich einzog,fieldas Niveau des Victoria seit etwa 1880 um mehr als einen Meter,steigtjetzt jedoch wieder. Die alte Fluthmarke ist an felsigen Küsten deutlich wahrnehmbar. Eine eigenthümliche, schon von mehreren Reisenden beobachtete Erscheinung ist die scheinbare Ebbe und Fluth im Victoria-See. Am Speke-Golf ändert sich der Wasserstand um ca. 50 cm und ist Morgens am niedrigsten, Mittags am höchsten. Ich beobachtete dies im Mai, doch ist diese Niveauschwankung während des ganzen Jahres angeblich eine ziemlich regelmässige. So durchwaten die Eingeborenen den Rugedsi-Kanal stets Morgens, während sie in der Mittagszeit mit Kanus durchfahren. An der Westküste des Sees, in Bukoba, wurde diese Erscheinung von Dr. Stuhlmann nicht beobachtet. In Kavirondo dagegen beobachtete Pringle ein Schwanken von 6 zu 12 cm, dessen Höhepunkt gegen Abend erreicht wurde. Obdiese eigenthümlichen Schwankungen ausschliesslich den Winden ihre Entstehung verdanken oder ob Seiche-Erscheinungen dabei eine Rolle spielen, mag spätere Forschung entscheiden.
Nach sehr starkem Regen soll der See merklich anschwellen. Er besitzt eine starke Strömung gegen Norden, welche besonders im Rugedsi-Kanal sehr kräftig sichtbar wird. Die Wassertiefen sind zweifellos erheblich. Auf offener See fand ich im Speke-Golf und der Bukumbi-Bai bei 10 m nirgends Grund, an felsigen Küsten finden sich Tiefen von 5-7 m nahe am Ufer, bei flachen sind die Tiefen natürlich geringer.
Der Fischreichthum des Nyansa ist ein auffallend ungleicher, in der Bukumbi-Bai und im Emin Pascha-Golf sehr gering, ausserordentlich gross dagegen am Ostende des Speke-Golfes bei Katoto. Krokodile und Flusspferde sind überall häufig. Was die Ufer anbelangt, so reicht im Süden das wellige, mit Granitblöcken bedeckte Gebiet von Unyamwesi bis an dieselben heran. Im Osten sind die fruchtbaren Ufergebiete oft durch einen Steppenstreifen von den östlichen Hochländern getrennt, von welchen nur ein Komplex, der von Majita und Kiruwiru, bis an die Küste tritt. Auch jener Theil der Westküste, den ich bei Bukome kennen lernte, hat wasserarme Gegenden in nächster Nähe des Sees.
Dennoch scheint mir Lugard's Ansicht der Berechtigung zu entbehren, dass der Victoria-See aus unterirdischen Quellen bedeutende Zuflüsse empfange. Denn der Ausfluss des Nil in Uganda ist nur um ein Drittel wasserreicher als der Einfluss, der Kagera-Nil, und dieses Drittel wird durch die übrigen Zuflüsse des Sees immerhin reichlich ergänzt. Sein eigenes Volumen erhält der See der Verdunstung gegenüber nicht nur durch die Niederschläge, welche er selbst aufnimmt, sondern auch durch die ungeheure Wassermasse die ihm sämmtliche Gewässer zur Regenzeit zuführen.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Binnenseen Centralafrika's, welche Grabenseen sind, ist der Victoria-See ein echtes Becken, bei dessen Entstehung keine grossen geologischen Störungen thätig waren. Stuhlmann fasst zwar den westlichen Steilrand des Sees als Bruchlinie auf, eine Ansicht, die durch das Auftreten älterer Eruptivgesteine bei Irangala eine gewisse Stütze erhält. Doch war die betreffende Störung jedenfalls nur eine rein lokale und spielte bei der Entstehung des Victoria-Sees keine bedeutende Rolle. Ob die Theorie Stuhlmann's, dass der Victoria-See ursprünglich mit dem Eyassi zusammenhing, Begründung hat, mag spätere Forschung lehren. Vorläufig scheint das fast völlige Fehlen junger Sedimente, vor Allem von Kalken, zwischen Victoria-See und Eyassi eher dagegen zu sprechen.
TAFEL XVIIMangati und der Gurui-BergBalangda-SeeMangati und der Gurui-Berg.
TAFEL XVII
Balangda-See
Balangda-See
Balangda-See
Mangati und der Gurui-Berg.
Die Frage derZuflüsse des Victoria-Nyansahat besonders deshalb Interesse, weil sie unzertrennlich mit dem altenProblem der Nilquellenverbunden ist. — DurchSpeke'sewig denkwürdige Reise ist dieses Problem entschieden seiner Lösung am nächsten gebracht worden. Mit der Entdeckung des Victoria-Sees undseines Hauptzuflusses desKagera, den Speke Kitangule nennt und bei dessen Anblick ihn hoher Stolz erfüllte, sowie des Ausflusses des Nil, traten die Nilquellen aus ihrem undurchdringlichen Dunkel. Wenn auch noch Niemand dieselben erreicht hatte, so war es doch zweifellos, dass sie irgendwo zwischen Tanganyika und Victoria-See liegen mussten. Damit war die Frage, soweit sie einhistorischesInteresse bot, gelöst, und mit Recht konnte in diesem Sinne Speke sein berühmtes Telegramm absenden: »The Nile is settled«.
Anders verhält es sich, wenn man die Frage vom reingeographischenStandpunkte betrachtet. Da ergiebt sich als zweifellose, von Speke selbst anerkannte Thatsache, dass der Kagera der Quellfluss des Nil, der Ursprung des Kagera also dieQuelle des Nilist. Die Wassermasse, die der Kagera dem See zuführt und die nur um ein Drittel geringer ist als jene des Murchison-Nil, die Bedeutung dieses Stromes, neben welchem alle anderen Zuflüsse vollkommen verschwinden, hat selbst bei den Eingeborenen die Ueberzeugung festgesetzt, dass der Kagera »die Mutter des Flusses von Jinja«, der Nil sei.
Auf dem Programm, welches Stanley für seine grosse Expedition 1874 entworfen, stand auch die Entdeckung der Kagera-Nil-Quelle. Mit der diesem grossen Forscher eigenen Thatkraft drang Stanley längs des Kagera, den er Alexandra-Nil nennt, aufwärts, war jedoch gezwungen an der Grenze von Urundi abzulenken und den Fluss zu verlassen. — »Ich bin mir wohl bewusst, dass ich nicht bis in die Tiefe eingedrungen bin« sagt Stanley an der betreffenden Stelle seines klassischen Reisewerkes. Bis 1892 wurde kein weiterer Versuch gemacht die Quelle des Nil zu erreichen und mit Recht konnte Reclus im 10. Band seiner »Nouvelle Géographie Universelle« sagen: »On cherche encore cette tête du Nil, comme au temps de Lucain, personne n'a eu la gloire de voir le Nil naissant.«
Am 19. September 1892 erreichte ich mit meiner Expedition die Quellen des Kagera-Nil und damit war das letzte Räthsel des alten Nilproblems gelöst. Wenn man überhaupt an dem von hervorragenden Geographen und Reisenden angenommenen Standpunkt festhält, dass der Kagera, der Alexandra-Nil der Engländer, der Quellfluss des Nil sei, so muss der Ursprung des Kagera folgerichtig auch alsQuelle des Nilangesehen werden. Dass der Fluss, dessen Ursprung ich am 19. September erreichte, wirklich der Kagera-Nil ist, ergiebt sich aus folgender Thatsache.
Am Einfluss in den Ruayana-See (Windermere) besass der Kagera im März 1875, also während der höchsten Regenzeit, nach Stanley eine Breite von 45 m und eine Maximaltiefe von 15 m. An der Kitangule-Fähre, 200 Kilometer weiter stromabwärts, war der Kagera zur selben Zeit an 100 m breit und 17 m tief, während er in der trockenen Jahreszeit, wo ihn Graf Schweinitz 1892 an der Mündung befuhr, 80-100 m breit und durchschnittlich 8 m tief war. Nach Stuhlmann war der Kagera in der Regenzeit 1891 bei Kitangule 60 m breit und mehrere Meter tief.Obwohl die Einmündung eines noch unbekanntengrossenZuflusses auf der von Stanley rekognoszirten Strecke Ruayana-Kitangule ausgeschlossen, verdoppelt sich doch das Wasserquantum des Flusses auf dieser Strecke, durch Aufnahme der zahlreichen Bergwässer.
Oberhalb des Ruayana-See erforschte Stanley den Kagera, der 17 Seen durchfliesst und mit üppiger Wasservegetation[8]bedeckt ist, bis zu einer Stelle, die kaum 50 Kilometer von jener entfernt ist, wo ich den Kagera in Ussui überschritt. Stanley erkundete, an der Stelle wo er den Kagera verliess, dass derselbe oberhalb der Aufnahmestelle des Akanyaru ein Fluss von nicht sehr bedeutender Breite und Tiefe sei.
Bei der Ruanilo-Fähre, wo ich den Kagera überschritt, war derselbe Anfang September, also in sehr trockener Jahreszeit und bei ungewöhnlich niedrigem Wasserstand, ein reissendes Gewässer von 35 m Breite und 3 m Tiefe. Er besass steile, 3 m hohe Ufer und an Fluthmarken war deutlich zu erkennen, dass er dieselben in der Regenzeit ganz überschwemmt. Der Akanyaru wurde zur selben ungewöhnlich trockenen Jahreszeit überschritten und bestand aus zwei Armen, deren einer 10 m breit und 5 m tief, der andere 5 m breit und 1 m tief und langsam fliessend war. Auch hier zeigten weite Papyrusbestände und Fluthmarken an, dass der Akanyaru in der Regenzeit mindestens auf das Vierfache seines Wasserquantums anschwillt, was mir auch von Eingeborenen bestätigt wurde.
Bei dem ungeheuer raschen Anwachsen der Gewässer in jenem Gebiet, welches z. B. das Wasserquantum des Akanyaru in wenigen Kilometern verdoppelt, wie ich mich an den beiden Ueberschreitungsstellen überzeugen konnte, ist es völlig zweifellos, dass diese beiden Gewässer im Stande sind, das von Stanley in der Regenzeit am Ruayana beobachtete Wasserquantum zu liefern. Die Einmündung einesgrossenZuflusses, der etwa als Quellarm in Betracht kommen könnte, zwischen Stanley's südlichstem Punkt und meiner Ueberschreitungsstelle des Kagera ist also, wenn schon überhaupt mehr als unwahrscheinlich, so durch das Wasserquantum allein völlig ausgeschlossen. Der von mir überschrittene Flussist der Kagera-Nilnicht nur seiner Bedeutung nach, sondern auch im Volksmunde.
Der Kagera-Fluss führt in seinem Oberlauf, schon in der Breite von Ussui, den Namen Ruvuvu. Dieser Name bleibt ihm bis zu seiner Quelle, während die unbedeutenden Nebengewässer sämmtlich andere Namen führen. Bei solchen Strom-Quellen ist jedoch selbst in Europa stets der Volksmund entscheidend und muss es auch hier sein, besonders da er hier den thatsächlich wasserreichsten Flusslauf als Quellfluss benennt, was bei europäischen Flüssen nicht immer der Fall ist. Dass die Eingeborenen sich der Bedeutung des Kagera-Ursprunges wenigstens theilweise bewusst sind, bezeugt die abergläubische Scheu mit dersie die Stelle umgeben, wie denn der Kagera von der Quelle bis zur Mündung, in derGrantaus abergläubischen Gründen nicht lothen durfte, ein geheiligter Fluss, auch in diesem Sinne der »heilige Nil« ist.
Neben der Ansicht, welche den Kagera-Fluss als Quellarm betrachtet, kann noch jene in Betracht kommen, die den Victoria-See selbst als Quelle des Nil annimmt. Diese Annahme hätte Berechtigung, wenn der Victoria-See das Sammelbecken vieler kleiner, gleichartiger Gewässer wäre. Dies ist aber, wie wir oben gesehen haben, nicht der Fall, dem Kagera gegenüber sind alle Zuflüsse vollkommen unbedeutend; der Victoria Nyansa ist alsonichtdie Quelle des Nil, ebensowenig wie der Bodensee die Quelle des Rhein ist, obwohl auch dieser andere Zuflüsse als den oberen Rhein aufnimmt. Wenn englische Geographen, aus begreiflichen nationalen Gründen, neuerdings den Victoria-See als Nilquelle verfechten, so möchte ich daran erinnern, dass gerade die Engländer den Kagera stets »Alexandra-Nil« nannten und dadurch bezeugten, dass derKageraeben für sie derNilwar.
Ausser dieser immerhin diskutirbaren Ansicht giebt es noch eine, die nicht die Quelle des Kagera, sondern den südlichsten Punkt des Nilsystems überhaupt als Quelle des Nil annimmt. Diese Ansicht ist deshalb eine vollkommen unerhörte, weil dieselbe bei keinem anderen Fluss der Welt Geltung hat. Es giebt sehr viele bedeutende Ströme, bei welchen die Quelle von Nebengewässern in Luftlinie weiter von der Mündung entfernt ist, als die des Hauptstromes, ohne dass letztere dadurch aus ihrer Stellung verdrängt wird. Wo freilich der Hauptstrom sich in ein Gewirre verschieden benannter Quellbäche auflöst, hat die Wahl des entferntesten als Hauptquelle Berechtigung, wo dies jedoch, wie beim Kagera, nicht der Fall ist, erscheint ein solches Verfahren gewaltsam und unberechtigt.
Von Reisenden hat, soviel mir bekannt, noch keiner diese unnatürliche Auffassung angenommen. So entdeckte Stanley im südlichen Unyamwesi Wasserläufe, welche, wie schon aus der Höhe vermuthet und durch meine Reise nachgewiesen wurde, nicht dem Nil, sondern dem Eyassigebiet angehören. Stanley konnte dies auf seiner Reise nicht wissen, sondern glaubte südliche Zuflüsse des Simiyu entdeckt zu haben. Obwohl diese, wenn sie wirklich dem Nilgebiet angehören würden, weitaus die südlichsten Gewässer desselben wären, glaubte Stanley doch nicht daran, die Nilquelle entdeckt zu haben, sondern strebte diesem Ziel durch Verfolgung des Kagera zu.
Die Annahme des südlichsten Punktes des Nilgebietes als Quelle des Nil muss also, als durchaus unbegründet, verworfen werden. Uebrigens ist auch für jene Theoretiker, welche doch daran festhalten wollen, die Nilquellfrage alsgelöstzu betrachten. Denn die südlichsten Zuflüsse des Nil sind zweifellos jene Bäche, welche ich auf der Reise vom Tanganyika südostwärts in Süd-Urundi überschritt. Der äusserste, der Luvirosa, ein von Südwest herkommendes ½ m tiefes und kaum 3 m breites Bächlein, überschritt ich am 7. Oktober und verfolgte einen direkt von Süd kommenden Bach bis zum Ursprung,der sich nahe an der Wasserscheide gegen den Mlagarassi befindet. Es ist als sicher anzunehmen, dass die Quelle dieses Rinnsals unter ca. 3° 46´ s. Br. der südlichste Punkt des Nilsystems ist. Die Quelle des Luvirosa, deren beiläufige Lage mir von den Eingeborenen gezeigt wurde, muss, nach der Kammrichtung des Gebirges zu schliessen, etwasnördlicherliegen. An der Stelle, wo ich den Luvirosa überschritt, hatte derselbe fast genau dasselbe Wasserquantum, wie der Mswavula-Bach, den ich am 5. Oktober überschritt und bis zum Ursprung verfolgte. Derselbe war vom Ueberschreitungspunkt ca. 14 Kilometer entfernt und es ist daher sehr wahrscheinlich, dass der Luvirosa in gleicher Entfernung von der Ueberschreitungsstelle entspringt.
Der Grund, warum ich diesen Bach, dessen Ursprung man mir, wie gesagt, am Berghang zeigte, nicht bis zur Quelle verfolgt habe, lag einerseits in der untergeordneten Bedeutung, die ich der ganzen Annahme beilegte, andererseits in dem Umstand, dass mir nicht bekannt war, dass ich im Begriffe stand, das Nilgebiet zu verlassen. Aber auch wenn ich mir die Mühe gegeben hätte, den Luvirosa und alle seine Nebenrinnsale zu verfolgen, so würde dies doch zwecklos gewesen sein, denn die Differenz, um die es sich handeln kann, ist sicher nicht grösser als einige Kilometer, also so klein, dass sie innerhalb der Fehlergrenzen der topographischen Aufnahme fallen, wie sie ein Forschungsreisender auszuführen im Stande ist. Künftigen Generationen, die vielleicht eine Mappierung von Urundi ausführen, wird es vorbehalten sein, den mathematisch südlichsten Punkt des Nilgebietes auszufinden. Sehr wahrscheinlich wird sich der Ursprung des von mir verfolgten Baches als solcher erweisen, vielleicht auch der eines anderen, ja bei den gewundenen Läufen dieser Gebirgswässer ist es nicht unwahrscheinlich, dass irgend ein Lauftheil am südlichsten liegt, der also dann, nach der Theorie des »südlichsten Punktes«, als Quelle des Nil zu betrachten wäre, eine Möglichkeit, welche das absurde der ganzen Annahme darlegt.
Wie immer man über das Nilquell-Problem denken möge, soviel ist sicher, dass durch die Massai-Expedition des Deutschen Antisklaverei-Komite die letzten Schleier desselben gelüftet wurden, — dass das »Caput Nili Querere« von nun an endgiltig der Vergangenheit angehört.
Fern sei es von mir, den Ruhm einesSpekezu schmälern, jenes kühnen Forschers, der das Dunkel, welches über der Nilquelle lag, mit einem Schlage gelichtet. Seiner undStanley'sPionierarbeit verdanke ich es ja vor Allem, wenn es mir gelungen ist, ihre Pfade weiter verfolgend, als erster Weisser die Quelle des Nil zu schauen.
Von der Nilquelle zu reden ohne dieMondbergezu erwähnen scheint unmöglich, ist es doch in neueren Afrikawerken geradezu Mode geworden, deren Lage mit Beigabe von allerlei alten Karten zu erörtern. Der Streit, ob dieser oder jener Berg mit dem ptolemäischenMondberge gemeint sei, scheint mir jedoch ein ziemlich müssiger, da er bei den Alten eine genaue Kenntniss der innerafrikanischen Geographie voraussetzt, welche sie kaum besessen haben.
Wie weit die Beziehungen der alten Egypter nach Innerafrika reichten ist allerdings nicht leicht abzusehen. Jedenfalls ist die Behauptung Stuhlmanns[9], dass ihre Kenntniss des Nil nur bis Wadi Halfa gereicht habe, durchaus irrig und steht im Widerspruch mit dem Ergebniss der egyptologischen Forschung. Am Berge Barkal, also weit oberhalb Wadi Halfa fand Lepsius[10]Tempelruinen, deren älteste aus der Zeit Amenhotep III. (ca. 1500 v. Chr.) stammen. Inschriften, die auch von Brugsch[11]vielfach citirt werden, gaben auf den Denkmälern vom Barkal-Berge Auskunft über jene aethiopischen Pharaonen, die als 25. Dynastie eine Fremdherrschaft in Egypten ausübten.
Weiter südlich, zwischen Nil und Atbara, fand Lepsius die ausgedehnte Ruinenstätte von Meroë mit zahlreichen Pyramiden und am blauen Nil, also oberhalb Chartum beim Dorfe Soba, traf derselbe Forscher[12]eine Statue des Osiris. Dass sich weiter südlich noch keine Denkmäler gefunden haben, kann keineswegs als Beweis angeführt werden, dass den alten Egyptern diese Länder nicht bekannt waren. Denn auch in vielen asiatischen Landschaften, die sie auf ihren Kriegszügen oder Razzias nachweisbar berührten, finden sich keine egyptischen Baureste. Es kann im Gegentheil als erwiesen gelten, dass die Egypter bis tief in den Sudan vorgedrungen sind. Senaar (Essi-n-arti-Flussinsel, nach Brugsch) war ihnen bekannt und ist vielleicht mit dem Reiche Alo oder der Landschaft Asmak identisch, in welcher Psametik egyptische Soldaten ansiedelte. Punt, das Somaliland, wird schon in der ältesten Zeit genannt und eine Landschaft Gureses, die auf den Siegestafeln Tothmes III. (1600 v. Chr.) fungirt, identificirt Brugsch mit Kassala[13]; während derselbe Forscher in den Volksstämmen der Kar oder Kal die heutigen Galla sieht. Aus den geographischen Angaben der altegyptischen Urkunden, die uns besonders Dümichen zugänglich gemacht, liessen sich noch zahlreiche Beweise dafür anführen, dass die alten Egypter im Sudan thatsächlich festen Fuss gefasst hatten. Wie weit von dort aus der Einfluss der egyptischen und der verwandten aethiopischen Kultur bis ins Innere des Kontinents reichte ist heute noch nicht abzusehen. Erst das vergleichende Studium der ethnologischen Belegstücke mit jenen der altegyptischen Kultur scheint geeignet darüber Klarheit zu verbreiten. Jeder, der Innerafrika kennt und unbefangen die Darstellungen der Denkmäler betrachtet, wird unwillkürlich von der erstaunlichen Aehnlichkeit betroffen, welche viele altegyptische Waffen und Geräthe mit solchen Centralafrika's bieten. Besonders die Abbildungen der schwarzenunterworfenen Völker mit ihrer eigenartigen Haartracht zeigen überraschende Analogien.
Jedenfalls ist es zweifellos, dass die alten Egypter mit den Stämmen des innersten Afrika's in Berührung traten. Ob diese direkt oder durch importirte Sklaven[14]und Sklavenhändler geschah, scheint von untergeordneter Bedeutung. Jedenfalls hatten sie Gelegenheit sich Kenntnisse über das Quellland des Nil zu erwerben und haben solche auch thatsächlich besessen. Die »Quelle« des Nil bei der Insel Philae wurde im rein symbolischen Sinne aufgefasst, wie auch von Egyptologen wie Dümichen und Lauth[15]anerkannt wird. Letzterer nennt die Quelle bei Philae (Elephantina) einen Quasi-Ursprung, und citirt einen egyptischen Geographen Asamon, der schon in früherer Zeit wusste, dass der Nil aus einem See kam. Auch die bekannten Angaben von Herodot, Diodor und Aristoteles von den Nilsümpfen und Pygmäen, die ja nur aus egyptischen Quellen entsprungen sein können, beweisen uns, dass die Alten von jenen Ländern Kenntnisse besassen. Diese wurden zur Zeit des Ptolemäus ergänzt und erweitert und gaben Nachricht von der Existenz von Seen und schneebedeckten Gebirgen, aus welchen der Nil entspringt.
DieGesammtheit dieser Gebirgeund nicht ein einzelner Berg, war dasMondgebirgeund nur die Frage scheint interessant, wie die Alten gerade auf diese Bezeichnung kamen. Die Erklärung, dass Gebel Kamar, Mondberg, zugleich silberner, weisser Berg bedeutet, hat schon Beke widerlegt. Denn sie setzt selbstverständlich voraus, dass Ptolemäus den Namen von den Arabern übernommen und unrichtig übersetzt habe. Nun ist aber das arabische Wort Kamar (Mond), welches allein mit Komr (weiss) verwechselt werden konnte, verhältnissmässig jüngeren Datums und kommt erst im Koran-Arabisch vor. Im hymyarischen, welches zu Ptolemäus und Marinus von Tyrus Zeiten gesprochen wurde, heisst der Mond »warkh«, was eine Verwechslung ausschliesst. Auch nennen die Inder, in deren geographischen Werken das Nilquellgebiet ebenfalls erwähnt wird, die Berge offenbar nach griechischer Quelle Somagiri (Mondberge). Ob allerdings das »Monemugi«, welches Pigafetta und Giovanni Botero im 16. Jahrhundert in Westafrika erkundeten, irgend etwas mit den ostafrikanischen Mwesi-Ländern zu thun hat, scheint mir sehr zweifelhaft.
Jedenfalls ist das Auftreten der BezeichnungMwesi,Mond, in den fraglichen Gebieten in hohem Grade auffallend. Schon Reichard hat auf diesen Umstand hingewiesen und Unyamwesi, das Mondland, geradezu mit den Mondbergen identifiziert. Diese Theorie ist jedoch deshalb irrig, weil der Name Unyamwesi, wie ich nachweisen konnte, kein nationaler, sondern von Küstenleuten und Arabern dem Lande beigelegt ist. Nach der arabischen Geographie vermuthetensie dort ein Mondland und nannten das Land Unyamwesi, ähnlich wie die Salomons-Inseln so getauft wurden, weil man in ihnen das Ophir Salomons zu erkennen glaubte. In Urundi jedoch tritt der Name Mwesi, den schon Burton[16]erkundete, als einheimischer, als Titel des alten Herrschergeschlechtes auf. Dass dieses Wort wirklich »Mond« bedeutet und nicht etwa eine Abart der verbreiteten Bantuform für Häuptling Munyi, Bena u. s. w. ist, ist zweifellos. Denn einerseits ist diese Form im Kirundi durch »Mwami« (Herrscher), die auch im Kiganda auftritt, vertreten, anderseits wurde mir stets ausdrücklich versichert, dass Mwesi »Mond« bedeute und dass das Königsgeschlecht vom Mond herstamme. Mwesi makisavo, der bleiche Mond hiess der letzte Herrscher, mit welchem ich identificirt wurde.
Es liegt mir fern zu behaupten, dass die Missosi ya Mwesi, welche ich an der Quelle des Nil fand, mit den Mondbergen der Alten identisch seien. So sehr diese Bezeichnung mich auch überraschte, so ist es doch mehr als unwahrscheinlich, dass die Alten von dieser Lokalität Kenntniss hatten.
Etwas Anderes ist es, wenn man ganz Urundi in Betracht zieht, das heute noch bei allen NachbarstämmenCharo cha mwesi,Mondland, heisst.Wasder Name Mwesi dem Lande bedeutet, mag aus der Beschreibung der Reise hervorgehen. Darf man nun nicht annehmen, dass dieser Mwesi, dessen blosse Nennung heute noch ruhige Ackerbauer in rasende Fanatiker verwandeln kann, einst noch grössere Bedeutung hatte und dass sein Reich weite Striche im Nil-Quellgebiet umfasste? Ist es undenkbar, dass die Alten, die von den Pygmäen und Nilseen hörten, nicht auch durch dunkle Negergerüchte von diesem »Mondland« vernahmen und nach demselben die Gebirge, aus welchen der Nil seine Wasser sammelt, »Mondgebirge« nannten? —
Wenn wir, zur geographischen Beschreibung zurückkehrend, die Gebiete westlich vom Victoria-Nyansa überblicken, so finden wir dieselben erfüllt von vorherrschend meridional streichenden Gebirgszügen, die alscentralafrikanisches Schiefergebirgezusammengefasst werden können. Dieselben tragen theils den Charakter durch Erosion vielfach zerrissener Plateaus, theils gliedern sie sich in Kammgebirge. Im Gegensatz zu Unyamwesi ist der Typus der ständig fliessenden Gewässer hier der normale, und periodische Wasserläufe kommen nur vereinzelt vor.
Durch die Wasserscheide zwischen Nil und Kongo ist das Gebiet in zwei klimatisch recht wesentlich unterschiedene Hälften getrennt, von welchen die nördliche, das Nilgebiet, aus wasserreichen Höhen, die südliche, das Gebiet des Mlagarassi, aus trockenen, in ihrem Charakter vielfach an Unyamwesi erinnernden Gebieten besteht.
In hydrographischer Beziehung betritt man, vom Victoria-See kommend, erst das Gebiet des Urigi-Sees, der zeitweise einen Abfluss in den Nyansa besitzen soll und gelangt dann in das Kagera-Nilgebiet.
Von Urundi und Ruanda strömen dem Kagera zahlreiche Bäche zu, darunter auch der ansehnliche Akanyaru, der als wildes Bergwasser in den Missosi ya Mwesi unweit der Nilquelle entspringt und dann in breitem, papyrusreichen Thal, die Grenze zwischen Ruanda und Urundi bildend, gegen Nordost fliesst.
Bekanntlich fungirte der Akanyaru fast zwanzig Jahre lang als »Alexandra-Nyansa« auf den Karten. Stanley hatte nämlich in Karagwe und Ussui von der Existenz eines Nyansa ya Akanyaru gehört und darin sehr begreiflicher Weise einen See vermuthet. Nach meinen Erfahrungen bezeichnen die Eingeborenen jener Striche jedes Gewässer als Nyansa, während der Name für See »Tanganyika« lautet. So wurden mir der Victoria- und Albert-Edward-See als »Tanganyika« bezeichnet, selbst der Urigi-See war für die Leute von Ruanda ein »Tanganyika«. Stets wurde mir versichert, dass ein solcher »Tanganyika«, also ein See, in Ruanda nicht existiere. Nyansa ya Warongo, zweifellos identisch mit dem »Mworongo« Stuhlmanns, ist ein Nebenfluss des Akanyaru. Nach allem, was ich erfuhr, scheint mir die Existenz irgend eines namhaften Seebeckens im Nilquellgebiet so gut wie ausgeschlossen. Das einzige Gewässer, über dessen Charakter ich verschiedene Angaben hörte, ist derKifu, den die einen »Nyansa« (Fluss), die anderen »Tanganyika« (See) nannten. Alle stimmten jedoch darin überein, dass er südlich von den Mfumbiro-Bergen liege und einen Abfluss nach dem Russisi habe, also nicht mehr dem Nilgebiet angehört. Vielleicht ist er mit dem Oso-See Stanleys identisch.
Die Gewässer des Urundi-Plateaus, theilweise schon jene von Ussui zeigen sämmtlich einen gleichförmigen Charakter. Nur grössere Flüsse, wie der Kagera und Akanyaru haben breitere, tiefe Thäler erodiert, sonst zeigt sich bei allen Wasserläufen ein System von Thalstufen. Die engen Thäler sind mit papyrusreichen Hochsümpfen erfüllt, durch welche der Bach träge sickert, um dann in felsigen Schnellen eine Stufe zu überwinden und in ein neues Papyrusthal einzutreten. In Ost-Ussui treten öfter sehr schön erhaltene Felsterrassen an den Thalhängen auf (vid. Kopfleiste des Kapitels), in Urundi sind diese durch die Verwitterung und durch Ueberlagerung mächtiger Lehmschichten verschwunden und die Thäler von steilen, grasigen Hängen eingeschlossen. In Süd-Urundi fehlen die Papyrussümpfe und die Flüsse besitzen in den Absätzen der Stufen etwas breitere Thäler mit Alluvialmassen, welche sie in vielgewundenem Lauf durchschneiden.
Weit wasserärmer als das Nilgebiet ist, wie erwähnt, jenes desMlagarassi, der jedoch selbst ständig Wasser führt und einen merkwürdigen, fast kreisförmigen Lauf besitzt. Er entspringt nämlich in der Landschaft Uganda nördlich von Ujiji, fliesst hierauf, einenBogen gegen Norden bildend, durch die Landschaften Urundi und Uha, biegt sodann wieder gegen Westen um und mündet südlich von Ujiji in den Tanganyika.
In Uha, wo ich ihn kennen lernte, ist er ein Flachland-Fluss mit breitem Ueberschwemmungsgebiet. Er nimmt dort einige ziemlich wasserreiche Bäche, sonst wohl nur periodische Läufe auf, deren grösster der Igombe ist.
Ueber das Gebiet desRussisikonnte ich, wie oben erwähnt, nur gerüchtweise Nachricht einziehen. Von den Urundi-Bergen fliessen ihm zahlreiche wasserreiche Bäche zu. Er soll in der Regenzeit ziemlich weit aufwärts mit Kanus befahrbar sein und keine Schnellen besitzen.
Unweit Ruwenga soll eine heisse Quelle entspringen. Die wenigen Tage, die ich amTanganyikazubrachte, sind nicht im Stande der ziemlich reichen Litteratur über diesen See Neues hinzuzufügen. Von früh 10 Uhr bis Sonnenuntergang wehte im September ein kräftiger Südwind, der in dieser Jahreszeit regelmässig auftreten soll. Das Wasser war leicht brackisch, aber geniessbar. Nach Aussage der Eingeborenen fällt der See stark und breite Sanddünen zeigen die Fläche, die er früher bedeckte. Auch die von Hore und Livingstone gesehene Insel konnte ich nicht mehr wahrnehmen.
Was dieorographische Gliederunganbelangt, so trifft man in Ost-Ussui leicht gewellte Landschaften, die von einzelnen meist N. N. O. verlaufenden Kämmen durchschnitten werden. Weiter landeinwärts treten diese näher aneinander und nehmen Plateaucharakter an. In Urundi ist das allmählich ansteigende Land durch die Erosion in ein ziemlich regelloses Gewirre von Kuppen verwandelt, in welchem die meridionale Kammrichtung kaum noch erkennbar ist. Den Westrand bildet der riesige, fast 3000 m hohe Wall der Missosi ya Mwesi, der jenseits steil nach dem Centralafrikanischen Graben abstürzt.
Durch den Tanganyika und das Russisi-Thal, durch den Albert-Edward- und Albert-See charakterisirt, bildet derCentralafrikanische Graben, wie schon Dr.Hans Meyerausgeführt, eine mehr lokale aber kaum weniger grossartige Störungslinie als der Ostafrikanische. Die Seen sind sämmtlich durch leicht brackisches Wasser ausgezeichnet und der Tanganyika legitimirt sich durch die Fauna deutlich als Relicten-See. Zum Unterschied vom ostafrikanischen Graben, bei welchem der Westrand allein durchwegs scharf ausgeprägt ist, scheinen hier beide Ränder in gleicher Deutlichkeit aufzutreten. Am Tanganyika sowohl wie am Albert- und Albert-Edward-See tritt der Westrand als schroffe Mauer auf; ebenso präsentirt sich der Ostrand im Süden als die Missosi ya Mwesi, im Norden als Ruvensori bis über die Schneegrenze aufragend.
Die von Suess vermuthete Aufwulstung der Grabenränder, tritt hier bei den Randgebirgen deutlich auf. Ueberall bildet die Höhe des Abfalls auch die Wasserscheide, auf der einen Seite die des Kongo, auf der anderen die des Nil, dessen Ursprung sich in nächster Nähe des Grabens befindet. Aehnlich wie der Gurui sich in der Sohle desOstgrabens erhebt, so ragen hier die Mfumbiro-Vulkane auf, einen deutlichen Beweis für den Bruchcharakter dieser Senkung liefernd.
Von dem östlichen Randwall des Tanganyika zweigt jener Kamm ab, welcher die Wasserscheide zwischen Kagera und Mlagarassi bildet und erst steil und felsig ist, dann immer mehr abflacht. Südlich davon sind nur niedrige Hügelzüge vorgelagert, aus welchen man in das Flachland von Unyamwesi tritt.
Dergeologische Bauist durch das Vorherrschen krystallinischer Gesteine bezeichnet; nur selten und meist an grossen Flussläufen, wie dem Kagera und Akanyaru, werden die liegenden plutonischen Gesteine, Granit und Diabas, durch die Erosion blosgelegt. In Ussui und Urundi bis zum Akanyaru ist Quarzit vorherrschend mit meist N. N. O. — S. S. W.-Streichen und steilem W. N. W.-Fallen. Derselbe ist vielfach mergelich verwittert und oft mit dicken Lateritmassen überlagert. Vereinzelt tritt Gneiss, Glimmerschiefer und Urthonschiefer in gleicher Lagerung auf, letzterer am Muhembaberg graphithaltig. In Ruanda tritt Gneiss auf, während im südlichen Urundi wieder Quarzit vorherrscht. Auch in Uha steht krystallinisches Gestein an, welches vielfach eisenschüssig verwittert ist und sich an das Granitgebiet von Unyamwesi anschliesst. —
Wahrscheinlich paläozoische Sedimente treten an einigen Punkten Urundi's auf, Kalke fand ich nur in Uha, doch sollen solche auch bei Ruvenga am Westufer des Tanganyika anstehen.
DasKlimaist in ganz auffallender Weise durch die Wasserscheiden beeinflusst, indem das Gebiet des Kagera fruchtbar und reicher an Niederschlägen ist als das Tanganyika-Gebiet, während das Urigi-Gebiet etwa die Mitte zwischen beiden einhält. — Der Grund liegt wohl hauptsächlich in der verschiedenen Seehöhe, möglicherweise auch in herrschenden Windrichtungen, deren Erforschung der Zukunft vorbehalten bleibt.
An das Klima ist die Vegetation gebunden, welche denLandschaftscharakterbestimmt. Durch einen Steppenstreifen ist das Nyansa-Ufer von Ussui getrennt, ein vorherrschend offenes, grasiges Gebiet in dem nur Siedelhaine und vereinzelt hohe Laubbäume aufragen. Diese verschwinden im centralen Ussui, das einen sehr dürren Charakter mit rothem, eisenschüssigem Gerölle und spärlichem Gestrüpp an den Hängen besitzt. West-Ussui und Urundi sind fast ganz Weideland, mit Wiesen die alljährlich abbrennen und deren Eintönigkeit nur durch die dunkelgrünen Papyrus-Sümpfe und Siedelhaine unterbrochen wird. Erst an den Hängen der Missosi ya Mwesi tritt Bergwald mit zahlreichen Bambus auf. Das südliche Urundi, welches schon dem Mlagarassi-Gebiet angehört, ist ziemlich trocken und steinig. Uha ist ein Waldland; auf ungeheuren Strecken bedeckt mit wasserarmen, lichten Laubwäldern, in welchen Caesalpiniaceen vorherrschen und welche als Miombowälder in das östliche Unyamwesi übergreifen. Die einzige Unterbrechung dieser Wälder bilden in Uha ausgedehnte, zur Regenzeit versumpfte Savannen. Da das ganze Gebiet mehr oder weniger dicht besiedelt ist, so ist Wild ziemlich spärlichund findet sich nur in den Wildnissen von Uha. —
Wenn wir das ganze Gebiet überblicken, so finden wir in demselben eine uralte Kontinentalmasse, in welcher Sedimente nur eine untergeordnete Rolle spielen und die durch das Vorherrschen primärer Gesteine ausgezeichnet ist. Die gebirgsbildenden Motoren, die in Europa und Asien durch Faltung das Antlitz der Erde veränderten, übten hier keine wahrnehmbare Wirkung. An ihre Stelle traten grossartige Störungslinien, welche das Land, in geologisch jüngster Zeit, in einzelne Schollen zerrissen und es zu einem der merkwürdigsten und bedeutungsvollsten Gebiete der Erdoberfläche machten.