Kapitel II
Es war nun kein Zweifel mehr, die goldenen Schätze des Sommers waren verloren gegangen. Das Korn in den Diemen war verfault.
Wenn Mutter jetzt des Abends im Wirtshaus Herrn Asmussen auf die Schulter tippte: „Crischan, Crischan,“ sagte er nicht einmal: „Gleich, gleich;“ er ruckte die Schulter zur Seite und sah in die Karten oder in seinen Grog. Und einer von den Stammgästen mußte ihn fast jeden Abend am Arm nach Hause führen.
Und es kam eine Nacht, in der horchte Mutter Stunde um Stunde auf den tiefen Schlag der Uhr draußen auf der Diele. Aber Herr Asmussen kam nicht.
Ticke-tack! sagte die Uhr, und Mutter hörte den harten Klang in der Kammer. Und es war ihr, als schreite die Zeit mit harten Füßen über sie hin, weiter — weiter, über Lust und Leid, weiter — weiter. Und es war, als müßte sie halten und hemmen, aber es ging weiter, ticke-tack, mit harten Füßen weiter — weiter. Da konnte sie es nicht mehr ertragen im Bett, zog sich hastig an und ging zu Lars hinein.
Lars warf sich im Bette hin und her, undendlich machte er langsam die Augen weit auf. Da stand wahrhaftig im Mondschein Mutter an seinem Bett, ganz still, und starrte und starrte Lars ins Gesicht. Und ganz schlaftrunken sah Lars wieder hinauf, ohne sich zu regen, noch halb im Traume, aber in großem Verwundern.
Und als sie sich so eine Weile angesehen hatten und draußen mit harten Tritten die Zeit weiterging, da kam ein Ton. — — Mutter fuhr zusammen und ging zur Tür hinaus, aber Lars war nun völlig wach und setzte sich im Bette auf. Da kam der Ton wieder — ein lautes, dröhnendes Klopfen an der Haustür.
Und dann kam es herauf aus der dunklen, stillen Nacht, ein unheimlicher Klang um den andern. Es durchzog das stille Haus, und Lars saß zitternd in seinem Bett und lauschte. Erst war es wie das Scharren von vielen Füßen, gedämpft, als träten sie leise auf, und ein Flüstern und Raunen, wie von leisen Männerstimmen, und dann ein Rücken und Poltern und wieder das Raunen und Scharren.
So ging es eine Weile und wollte nicht verstummen. Lars hätte gerne geweint vor Angst, aber er wagte es nicht.
Dann klangen die Laute wieder auf derDiele, und dann schlug dumpf die Haustür, und nur die alte Uhr ging ticke-tack über der Menschen Lebenswege weiter.
Der Mond schien nicht mehr ins Zimmer. Die Dunkelheit lag über Lars wie eine erstickende Decke. Aber aus der schwarzen Tiefe kam noch ein Klang bis zum kleinen lauschenden Jungen. Es währte eine Weile, bis er ihn unterschied; dann wußte er endlich, was es war. Von nebenan aus der schrecklichen Nachtstille kam ein Schluchzen, ein herzbrechendes Weinen.
Er wußte selbst nicht, woher ihm der Mut gekommen war; aber auf einmal lief er draußen über die Diele, und seine kleinen bloßen Füße klatschten auf die Steinfließen.
Unter der Tür zum Schlafzimmer der Eltern lag ein heller, gelber Schein. Da schob er sich leise ins Zimmer. Vater lag auf seinem Bett, den Kopf ein wenig hintenüber, und er sah so sonderbar aus. Mutter aber kniete auf der Erde und schluchzte und schluchzte. Und auf einmal packte Lars das Grausen noch ärger als vorhin, und er hastete hinaus und in sein Bett. Die Decke zog er weit hinauf und lag noch lange mit weit offenen Augen zitternd da.
***
Es tat den Leuten allen leid. Und Herrn Asmussens Freunde kamen alle mit ihren Frauen. Und die Frauen setzten sich auf das gute Plüschsofa und hatten das Taschentuch in der Hand und sagten schöne, tröstliche und fromme Dinge. Aber Frau Asmussens Gesicht lag immer unter dem großen Schweigen. Sie sah zur Seite und sagte meist kein Wort. Da gingen sie wieder und fanden, daß man ihr die niedere Herkunft anmerke.
Auch von den kleinen Leuten kamen manche, die sahen ihr fest in die Augen und gaben ihr still die Hand. Und manche sagten ihr, daß ihnen Herr Asmussen da und da geholfen hätte, und daß sie ihn nicht vergessen würden.
Aber sie konnten es doch alle nicht ändern, daß die fremden Männer kamen und in Herrn Asmussens Büchern rechneten und durch das Haus gingen und auf die alten edelgeformten Spiegel und Stühle und auf die glänzenden neuen Möbel Zettel klebten. Und im Stall und der Scheune redeten sie breit und laut; und in der Küche saß die Magd am Tisch und weinte; und der junge Knecht ließ sich von dem alten noch einmal sagen, wie es zugegangen sei, daß der gute Hof so verschuldet wurde, und daß für den kleinen Lars, nun daseinen Vater im Rausch der Schlag gerührt habe, so gut wie gar nichts geblieben sei.
***
Es war an einem windigen Wintertage. Die öde, graue Kälte drängte und pfiff ums Haus und trachtete schon Besitz zu nehmen von den herrenlosen Räumen. Mutter hatte Lars bei der Hand genommen und war noch einmal in jedes Zimmer gegangen. Und es war als atmeten die alten Möbel und sprächen mit einer leisen singenden Stimme und als strömten sie eine Wärme aus trotz der frostigen Öde vor den Fenstern.
Dann hatte sie den Mägden und Knechten die Hand gegeben. — Lars’ Hand war ganz naß, weil Trina so darauf geweint hatte. Und dann fuhr der Wind in Mutters kümmerliches, schwarzes Kleid und wippte den Crêpeschleier auf ihrem Hute auf und nieder. Aber Mutters stilles Gesicht zuckte nicht; es war nur noch schmaler und blasser. Sie hielt Lars ganz fest und ging zum Wagen. Da packte sie den Jungen warm ein, und dann setzte sie sich neben ihn. — Kutscher Maaß schlug mit den Zügeln und schnalzte mit der Zunge, dann rasselten sie fort.
An der Ecke sah sich Lars noch einmal um. Er wußte ganz genau, daß es ein Abschied war fürs ganze Leben. Er sah das große Strohdach mit dem Loch und den Wasserstrahl vom Brunnen mitten im Hof, und es war, als ginge etwas entzwei in seiner kleinen Brust; aber er sagte kein einziges Wort, und Mutter hatte sich nicht einmal umgesehen.