Kapitel X
Sie hatten die saure Winterarbeit gut überstanden trotz ihres billigen schlechten Bootes. Und auch den Zorn hatten sie verschmerzt, daß die andern Fischer ihrem Boot vorbeiliefen und mit breitem Lächeln über ihre Schultern nach den zwei Nachzüglern blickten. Und bei der harten Arbeit hatte Lars selten über seine Einsamkeit und seine große Sehnsucht nachdenken können.
Dann war es im Frühling gewesen, daß es in Lars endlich zur Reife gekommen war, was nun schon bald ein Jahr wühlte und wuchs. Er hatte tief aufgeseufzt, und dann begann er davon zu reden. Er legte alles langsam und bedächtig auseinander, und in Peter Lassens Augen zündeten sich Flammen an, und er schlug begeistert mit der Faust auf den Tisch. Hans Peter Lassen spuckte verächtlich aus und wollte von dem ganzen Unsinn nichts hören. Nun sah er endlich, wo die Bildung den Jungen verrückt gemacht hatte. Aber Klaas Klaaßen nickte langsam mit dem großen, grauen Kopf. Und am nächsten Morgen besorgten sie sich die Bohlen und Bretter.
Von der See aus sah man das Feuer unddie beiden langen Gestalten, die sich davor bewegten. Und sie achteten nicht der Brandwunden und der schmerzenden Hände, wenn sie die Arbeit der Maschine tun mußten und das starke Holz über der Flamme bogen. Und von Zeit zu Zeit kam Großvater mit breiten, langen Schritten und stand mit den Händen in den Hosentaschen ganz still, wie aus Holz geschnitten, kniff manchmal ein Auge zu und sah wohlgefällig auf das Hämmern und Sägen, wie die Hobel weiß umhersprühten, und die jungen Gesichter glühten. Und Hans Peter Lassen kam wie zufällig vorbei und warf ein verächtliches Wort über die Schulter und sah doch hin und kam am nächsten Tage wieder und blieb allmählich bei Großvater stehn, die Pfeife im Mund. Und die andern Fischer kamen und gaben in kurzen Worten Rat und Meinung. Aber die beiden Jungen ärgerten sich der Alten und hörten nicht hin.
Nun war’s darüber Spätsommer geworden, und heute war der große Tag! Lustige weiße Köpfe tanzten über die blaue See. Eisern fest hielt Lars die Riemen und Peter Lassen ging voraus mit dem Mast über der Schulter. Unheimlich laut klangen Lars seine eigenen Tritte auf den Brettern des Ricks. Er wußte, daßsie alle auf ihn achteten am Strand, Großvater und die andern alten Fischer, und er trachtete hart danach, eben so gleichgültig auszusehen, wie Peter; denn ihm war, als müßten ihm die Alten anmerken, wie sein Herz klopfte. Und er ging steifbeinig und mit langen Schritten bis ans Ende des Ricks.
Aber am Strand, auf den umgekehrten Booten saßen Großvater und Hans Peter Lassen und noch eine ganze Anzahl mit struppigen Bärten, wetterharten Gesichtern und scharfspähenden Fischeraugen.
Und einer oder der andere stand auf und folgte ihnen breitbeinig und gemächlich, die Pfeife im Mundwinkel, auf das Rick hinaus. Vorn am Rick schaukelte ein gedecktes Fischerboot auf und nieder. Ein wenig unbeholfen war die Form, aber sonst sah es neu und schmuck aus.
Peter ließ sich zuerst hinunter gleiten. Es hatte etwas Geschmeidiges, unähnlich seinem steifen Bewegen, wie er sich ins Boot schwang. Lars’ Hände zitterten, als er ihm die Riemen herunterreichte, aber sein Gesicht blieb gleichmütig.
Rrrr, ging das Segel hinauf. Die Fischer zeigten mit dem Daumen nach dem Segel undder Stellung des Mastes und nickten mit dem Kopf.
Und nun stießen sie sich ab. — Lars saß am Ruder, den Kopf ein wenig nach vorn gestreckt. Wie sie vom Land freikamen, faßte sie die frische Ostbrise. Es rasselte und klapperte in den Tauen, die weißen Wellenköpfe sprangen gegen das Boot, aber es behielt die Nase oben und lief gemächlich gegen an. Da stieg eine rasche Farbe in Lars’ Backen.
Am Ufer aber hatte sich ein beifälliges Gemurmel erhoben, sie wurden fast lebhaft in ihrem Bewegen. Aber Großvater saß ganz still auf dem umgekehrten Boot und schmauchte. Nur seine Augen lachten.
Dies war die Probefahrt gewesen. — Der siebzehnjährige Junge hatte es erreicht. Freilich, ein wenig schwerfällig war noch das neue Boot, und es lief auch noch kaum so schnell wie die andern Fischerjollen, aber es war doch ein seetüchtig Boot, das sagten sie alle, und daß es überhaupt lief, das war das Verwunderliche.
***
Das war an einem Sonnabend, und am Nachmittag brachte Lars mit Großvater die Fische nach der Räucherei.
Gegen Abend war der Ostwind zu Bett gegangen, und sie krochen mit schlappem Segel mühselig über die Bucht. Die Ufer spiegelten sich tief im Wasser, und die große Stille lag wieder auf breiten Flügeln über See und Land. Das lautlose Hingleiten und das ewige Schweigen um ihn her löste etwas in Lars’ Seele, daß die Härte des Mühens und Quälens ums tägliche Brot zurückglitt und er zum erstenmal anfing, von der Sehnsucht zu reden, einmal hinaus zu kommen über diese schlichte Runde von Mühen und Quälen, Essen und Schlafen. Und er fand auch Worte für seinen Zorn und Haß gegen den reichen Onkel und die satten Leute überhaupt. Aber der Alte hielt die Hand am Ruder, sah geradeaus über die lautlose Fläche und sagte kein Wort.
Als sie so eine Weile unhörbar hingeglitten waren, bewegte er langsam die Lippen, als spräche er mit sich selbst. Und mit eins fing er in seiner stockenden, murmelnden Weise an. „Lars, min Jung’,“ sagte Großvater. „Kannst du nich sehn, daß da rings herum alles so eine richtige, feine Ordnung hat, und paßt sich eins ins andere, rein wie mein Harmonium. Nur die Menschen machen da wohl mal einen Wirrwarr hinein. Das ist dann der verstimmte Ton,weißt du. Dann klingt das, als ob die ganze Melodie falsch ist, und kein Ton weiß mehr, ob er an seinem richtigen Fleck sitzt. Aber das bleibt alles ganz richtig, und wenn der eine falsche Ton weg ist, dann merkt man das. — Ich glaube, jeder muß nur richtig fest auf seinem eigenen Ton bleiben, dann paßt ihn die große feine Ordnung überall herein. Nur wenn er nicht fest hält auf seinem Ton und wackelt herum und macht selbst einen Wirrwarr, dann muß er heraus. Wenn’s geht, läßt man ihn ganz aus der Melodie, und die große Ordnung rings herum, wo alles arbeitet und brauchbar ist, sucht auch nur, wie sie ihn los wird.“
Das traf Lars auch alles, als sei es in seiner eigenen Seele gewachsen. Nur dunstiger hatte er es auch schon gedacht. Aber von dem Drängen und Sehnen konnte Großvater eben doch nichts wissen.
„Ja“, fing er endlich wieder an und strich mit der Hand immer auf der Duchte hin und her, „wenn man bloß so wissen könnte, welches der richtige Ton ist, der einem eigentlich gehört. Das Boot habe ich doch fein gebaut, und zu so was habe ich doch mächtige Lust, da wär’ das doch dann richtig gut, wenn ich zuletztdochzum richtigen Schiffbauer käme. Aber wenndas dann nicht geht, was ist denn da mein eigener Ton?“
„Ja, min Jung’, das is nich so leicht, wie Spickaal essen. Das is nich leicht und finden das raus, und ebenso schwer is dann wohl das Erklären, denn das merkt jeder bloß ganz allein. Wenn’s auch manchmal nicht so geht, wie du denkst, mußt eben aufpassen und lauern, wo dich die große Ordnung hineinpaßt. Mit dem Gegenanstrampeln, wenn die Ordnung nich will, und das Ding nich reif is, wird das sein Leben nix. Das gibt man einen großen Tüter.“
„Aber immer so still sitzen und sich ducken, ist doch auch nichts. Da drüben in Wanbyll die Fischer, die halten zusammen und wollen mal die ganze Welt neu machen, das ist doch fein.“
„Das Zusammenhalten, ja, das is wohl was Rechts, aber mit dem andern all’ machen sie mir viel zu viel Lärm. Da glaub’ ich nich an, das is nich was, was die Ordnung reif gemacht hat. — Wirst schon sehn, arbeiten und langsam wachsen, und kein Spektakel, sonst wird da mein Tag nix draus.“
Lars ruckte mit den Schultern, er war ungeduldig. Aber so oft er wieder anfing zu reden, Großvaters Mund war nun wie ein fester Strich und die Linien an den Seitenfest eingegraben. Er sagte kein Wort mehr. Er sah weit über See und kniff von Zeit zu Zeit mit dem einen Auge.
In Lars aber war nichts von der gleichmütigen Ruhe. Der junge Ruhm und dann das Gespräch mit Großvater hatten sein Denken und Fühlen wachgeschüttelt, daß ihm die Brust zu eng wurde. Und es bäumte sich in ihm der Wille in Auflehnung gegen das Stillehalten und Horchen. Heute abend wußte er, daß er handeln mußte, vielleicht wie die in Wanbyll es wollten, — vielleicht anders. Nur nicht stillsitzen und abwarten!
Dann aber traten sie zurück in ihre stille Welt. Das Gleichmaß der Arbeit legte die schwere, ruhevolle Hand auf Lars, und unbemerkt glitt er in die dunstig-grüblerische Verträumtheit seiner Eigenwelt zurück.