Kapitel XIX
Das waren böse Tage, die nun für Lars Asmussen gekommen waren. Es lag alles im Trüben und hatte keinen rechten Sinn. Und er fühlte nur, daß es wund war in ihm. Aber da hatte ihm eines Tags Peter Lassen etwas erzählt, das brachte eine Weile so ein klares, ruhiges Fühlen in ihn, wie wenn Karen mit ihm redete.
Was Peter ihm aber erzählte, war so gekommen:
Peter kam einmal im Sonnenschein über die Koppeln. Er ging aufrecht und trat fest auf und pfiff laut und fröhlich. Peter war zufrieden mit dem frischen, starken Wind und vor allem mit Peter Lassen. Er rechnete den Verdienst der letzten Woche zusammen, und auch damit war er zufrieden.
Auf einmal blieb er vor dem Knickloch stehen und sah auf die Koppel dahinter.
„Jetzt schon Kühe!“ sagte er. „Hoekskoppel“ nickte er vor sich hin. „Da kriechen die Küken auch eher aus dem Ei als bei andern Leuten.“
Er wollte eben weitergehen, da trat ein Mädchen von der andern Seite auf die Koppel. Sie ging zu den Kühen hin und sah kein einziges Mal vom Boden auf. Und die feinen, starren Schlehdornzweige, mit den weißen Blüten, standen hoch gegen die milde blaue Luft und dahinter stand Peter und sah auf das Mädchen hin. Und Peter hatte lange aufgehört zu pfeifen und der zufriedene Schimmer war nicht mehr in den Augen, sondern ein unruhiges Licht war darin; fast gequält blickten sie zwischen den Blüten hindurch auf das Mädchen. Das hatte sich ganz ruhig auf den Melkschemel gesetzt und war bald fertig mit der ersten Kuh.
Da machte Peter eine Bewegung, als wollte er auf die Koppel steigen, aber er zog die Brauen zusammen und blieb, wo er war. — Nun ging sie zur zweiten Kuh, aber Peter stand noch immer hinter den Schlehdornzweigen. Und das Gequälte in seinen Augen war noch stärker. Sie gab der letzten Kuh einen kleinen Stoß, daß sie weiter ging, und dann legte das Mädchen die Hände auf die Knie und den Kopf in die Hände und blieb so zusammengebeugt auf dem niederen Schemel, so wie zerdrückt von einer großen Last. Und der weiche Frühlingssonnenschein lag auf ihren hellen Haaren, daß sie gleißten, und über der Koppel lag der weiche warme Frühlingsfrieden.
Da seufzte Peter tief auf und trat auf die Koppel hinaus. Die Falte hatte er noch zwischen den Brauen, und in seinem aufrechten Gang lag es wie lauter Rechtlichkeit. — „Guten Tag, Dora,“ sagte er.
Da sah sie schnell zu ihm auf, und das Blut stieg ihr bis an die Haarwurzeln. „Guten Tag, Peter Lassen,“ sagte sie leise.
„Eine schöne Kuh,“ sagte Peter und klopfte der Roten auf den Rücken.
Dora aber sah ihm ins Gesicht mit einer großen Bangigkeit in den Augen und sagte kein Wort. — Da räusperte sich Peter und stützte sich mit dem Ellbogen gegen die Kuh. Aber er fand immer noch nicht die rechten Worte. Und hoch oben in der weichverschwimmenden Bläue zitterte die Luft vom hellen Lerchenjubel.
Da stand sie langsam auf und hob den Melkschemel vom Boden. „Dora,“ sagte Peter, „wart’ einmal. — Dora, es ist dir nicht so gut gegangen, du hättest mal lieber auf mich hören sollen. — Nun tust du das vielleicht eher, Dora,“ — er holte tief Atem und dann hastig: „wir wollen uns doch lieber heiraten jetzt.“
Da kam es ganz anders, als Peter dachte.Dora hatte sich aufgerichtet. Und mit einem Male war es wieder die große Helle, die vor ihm stand. Aus den Augen blitzte und flackerte es. „Ja, du hast recht, mir ist das schlecht gegangen, Peter Lassen, und ich bin jetzt so eine, mit der niemand mehr viel Umstände macht. Aber so demütig bin ich dabei doch nicht geworden, Peter Lassen, daß ich jeden Gnadenbissen annehme, den du mir hinwirfst.“ Sie nahm ihren Schemel unter den Arm und ging, und ihr Rock streifte die blühenden Margueriten. Dann blieb sie stehn und rief über die Schulter: „Wenn du das nächste Mal mit mir sprichst, vergiß nicht, daß du mir etwas abzubitten hast, Peter Lassen.“
Dann war sie fort, und Peter starrte ihr nach. — Er gab der Kuh einen zornigen Stoß und ging nach dem Fußsteig zurück. — „Es ist gut,“ dachte er, „nun habe ich getan, was ich mußte. — Die hätte nie zu unsereins gepaßt. Weiß Gott, was Mutter gesagt hätte — und alle andern ordentlichen Leute. — Bewahre, was hätte der rote Trollsen und der alte Mazen gelacht. Und die jungen dummen Henigsens hätten sich gefreut.“ Und Peter sagte sich immer wieder, wie gut es sich traf, daß Dora Nielsen so unvernünftig war. — Aber er sahgar nicht vergnügt aus dabei, und alle Augenblicke blieb er stehen und sah sich um. Aber es war rein gar nichts zu sehn auf den sonnigen Koppeln, als nur glänzende rote Kühe.
Da ging er weiter, aber den Kopf hielt er ein wenig gebeugt.
Sie wußten nicht, was Peter hatte. Von denen zu Hause kam keiner mehr mit ihm zurecht. Er war viel schweigsamer als sonst, und wenn er sprach, war es, um irgend jemand anzufahren.
Lars rang und kämpfte selbst mit seiner großen Not. Aber er merkte doch, daß auf dem andern eine Last lag, und manchmal sah er ihn mit seinen tiefen Augen fragend an. Dann drehte Peter den Kopf zur Seite und begann zu pfeifen, aber er hörte bald wieder auf.
Und immer wieder sagte er sich, daß es gut wäre. Aber so wie die große Helle vor ihm gestanden hatte in der warmen Frühlingssonne, so stand sie ihm immer vor der Seele. Er wurde sie nicht los. Und er fing an, sich wieder und wieder die Worte zu sagen, die sie gesprochen hatte. Und er tat etwas, was Peter Lassen noch nie getan hatte, er versuchte, sich auszudenken, wie ihr zumute war, daß siegerade diese Worte hätte sagen müssen, und ob sie Peter Lassen wohl nicht mehr leiden konnte. Und wenn er das dachte, dann zog sich sein Herz ganz fest zusammen, daß es war wie ein körperlicher Schmerz. Und auf einmal, an einem Sonntagmorgen, als er lange auf Klaas Klaaßens umgekehrtem Boot gesessen hatte und wunderliche neue Gedanken in ihm aufgedämmert waren und wieder versunken, da wußte er, wie Dora Nielsen zumute gewesen war, und Dora Nielsen tat ihm im innersten Herzen so bitter leid, daß er sich im Zorn mit der Faust aufs Knie schlug. Dann stand er auf und ging nach Hause.
Als ihn nach einer Weile die kleinere Schwester Lena fragte, wo er im guten Sonntagszeug hingehen wollte, fuhr er sie erschrecklich an und hätte sie beinahe geohrfeigt.
Auf dem Hoekhof fragte er mit bitterbösem Gesicht nach Dora Nielsen.
Die stattliche Hoektochter sah neugierig zum Fenster heraus, als er in den Kuhstall ging.
Dora war bei den Kälbern. Sie hatte etwas Weiches, Mütterliches, wie sie das trinkende Kalb streichelte. — Sie fuhr so stark zusammen, als sie Peter erblickte, daß das Kalb zur Seite sprang.
Peter stand vor ihr und drehte an seiner Mütze. Er sah zur Seite, und es war etwas Jungenhaftes an dem großen Menschen. „Verzeih mir die Ohrfeige,“ brachte er endlich mit seiner tiefen Stimme heraus.
Dora sah ihn groß an, sie zitterte ein wenig. — Da blickte er ihr fest ins Gesicht. Und in seinen guten Blauaugen stand etwas, daß Dora die Hände vors Gesicht schlug und laut aufweinte. „Ich bin’s nicht wert — ich bin’s ja nicht wert,“ schluchzte sie.
Da fühlte sie seine starken Arme um ihren Leib, und nun wußte die große Helle, daß sie endlich nach Hause gefunden hatte.
***
Daß alles zwischen den beiden so gekommen war, dazu hatte Lars’ Erzählung damals im Boot mitgeholfen, das wußte er. Eine kurze Zeit war ihm der Gedanke eine Art Trost. Aber die Qual der Sehnsucht blieb. Da flüchtete er sich immer mehr in die Arbeit. Und es gab jetzt gerade genug zu tun für die beiden Jungen. Jeder hatte in seiner eigenen Heimhütte schon eine Weile den Alten mit eigenen Gedanken zugesehen.
Hans Peter Lassen hatte ein Magenleidenund saß verfallen und schweigsamer als je in seinem kleinen Hause. Und seine Frau jammerte laut. So mußte Großvater allein hinausgehen. Mühsam drehte der alte Mann mit seiner Winde das Netz herauf, und sein Fang war jämmerlich gering. Aber er wollte selbstverdientes Brot essen, und er klagte nicht, wenn er nach der Arbeit ganz matt in sich zusammensank. Den Frauen hatten Lars und Peter nur mürrisch kurze Antworten gegeben, wenn die darauf zu sprechen kommen wollten. Aber Lars und Peter kamen doch zusammen und berieten, was zu tun sei. Die Jungen waren sich einig, daß keiner von den beiden Alten bei der harten Winterarbeit mehr aushalten könnte. Da hatten sie ausgemacht, daß Lars und Peter jeder in einem eigenen Boote hinausgehen und einen Mann zur Hilfe mitnehmen sollte, und der hatte dann geringeren Anteil am Verdienst. Großvaters altes Winterboot war nicht mehr viel wert. So mußte im Sommer ein neues Boot gebaut werden.
Mit dem Aalfang war es in dieser Zeit überhaupt nicht gut gewesen, so daß sie oft an einem Tage zweimal hinausmußten. Und in den Stunden, wo sie sonst schliefen, stand Lars und zimmerte und hämmerte an dem neuenBoot. Und wenn die Späne flogen und die Säge ächzte oder der Hammer dröhnte, dann wurde ihm wohler. Und wenn das heiße Sehnen in ihm aufstieg wie ein körperlicher Schmerz, dann ließ er das Holz kreischen und dröhnen, und fort und fort sagten ihm die Töne dasselbe: frei wollte er bleiben und unabhängig von den behaglichen, satten Leuten dort oben. NachseinerArt, frei, frei. —
Als es gar zu lange währte, daß er sich nicht sehen ließ, kam Jakob Lind einmal den Strand entlang, wo Lars vor dem Feuer stand mit schwarzen Händen und beschmiertem Zeug.
„Die Arbeit ist der rechte Grund zum Bauen, hat Großvater gesagt, und da hat er recht. Laß mich man, Jakob Lind!“
Und Lars blieb bei seiner Arbeit und ging nicht zu Jakob Lind. Wenn er einmal einen Augenblick absetzen mußte nach stundenlangem Quälen und es war nicht gerade Schlafenszeit, dann stand er totstill am Ende des Ricks und sah ins Wasser. Aber dies einsame Sinnen mit der großen Qual im Herzen brachte ihn nicht vorwärts, sondern er saß im Nebel fest.
So kam wieder einmal ein Sonntag, aber er lastete grau und schwül über dem trägen, öligen Wasser.
Es war Trina Lassens freier Nachmittag gewesen, und sie trat aus der Haustür, um nach dem Flecken zurückzugehen.
Da sah sie Lars auf dem Rick stehen. Die reglose dunkle Gestalt vor der weiten, öden See hatte etwas Tieftrauriges für die Augen der kleinen Trina, denn sie wußte, wie es ihm im hohen grauen Hause ergangen war, und er tat ihr so leid, der starke, große Lars.
Schritt vor Schritt, als ob sie einen im Schlafe störe, ging sie zaghaft aufs Rick hinaus. Ganz leise, kaum hätte man es der Arbeitshand zugetraut, legte sie die Finger auf seinen Arm. „Lars, ich wollte bloß danken,“ sagte sie.
„Wofür?“ fragte er.
„Da drin sitzt Helle-Dora bei Peter, und sie sind so froh. Das hast du getan.“
Da sah er ihr mit sonderbarem Blick in die Augen. Dann strich er ihr freundlich über die Hand. „Du findest wohl das Rechte, Trina, Kind.“
Sie sah dankbar zu ihm auf.
„Ist es immer noch so schwer da drüben?“ fragte er.
„Es geht schon“, sagte sie.
„Und Miete — hilft sie dir nicht?“ Seine Stimme klang fast hart.
„Sie kann wohl nicht,“ sagte Trina und sahzur Seite. Sie hatte den Kopf vorgebeugt, daß ein paar dunkle Haarsträhnen ihr über die Stirn hingen.
„Warum bleibst du denn dort?“
„Ich weiß nicht, aber es ist wohl überall schwer, und hier bin ich doch nah bei den Eltern. Sie sagen, in Hamburg oder so wäre es besser, aber ich fürchte mich.“
Da faßte er sie auf einmal bei der Hand. „Sieh mal, Trina, wir sind beide nicht so froh, und wir kennen uns von klein auf und könnten gewiß gut zusammen arbeiten, was meinst du, wollen wir’s nicht zusammen versuchen?“
Sie wurde flammend rot und dann wieder blaß und sah ihn an, als wenn er in fremder Sprache gesprochen hätte. Da fragte er noch einmal:
„Wollen wir uns heiraten, Klein-Trina?“
Da sah sie zu ihm auf mit hell strahlendem Glück in den Augen, daß er sie bei der Hand nahm und mit ihr zu Mutter Stina ging. Und sie merkte es gar nicht, daß er nicht so froh aussah. —
***
Der nächste Sonntag, an dem es Jakob Lind erfuhr, war wieder ein klarer, stiller Frühsommertag, und er hatte mit seiner Frau undKaren einen Weg über Land gemacht. Die Nachmittagssonne lag über dem kleinen Landsee, und jeder Schilfhalm hob sich lautlos in den goldenen Frieden hinauf, nur die Libellen schwirrten durchs Schilf und setzten sich auf die großen, roten Blumen. Zwischen den Kastanienblättern fielen die goldenen Lichter bis auf den grünen Wassergrund, wo sich die wunderlichen Schlinggewächse wanden. — Und aus dem blauen Schatten glitten lautlose weiße Schwäne ins goldene Licht hinaus, und ihr weißes Gefieder schimmerte bläulich und gleißte wieder auf in goldig-weißem Schein. — Und aus der Hölzung träumte auf langgezogenen Sehnsuchtsklängen die Drossel und jauchzte wieder auf von goldenen Sonnenträumen, und manchmal — leise tief aus grüner Dämmerheimlichkeit rief lockend der Kuckuck ins Kinderland.
Auf dem Seeweg ging Jakob Lind, und an seinem Arme hing seine kleine Frau.
Karen war ein Stück zurückgeblieben. Hier und da beugte sie sich zum dunklen Wasser und brach die hohen, gelben Iris zum Strauße. Und die grüngoldenen Sonnenlichter tanzten über ihr helles Kleid.
Dann träumte sie in den märchenstillen Sonnenfrieden hinaus, und es war ihr, alsginge der große, ernste Fischer immer neben ihr, und als ob er etwas von ihr wollte. Was sollte sie tun? Was sie war, gehörte ihm; ihr schien, das war von immerher sein Recht. War denn eine Zeit gewesen, wo sie ihn noch nicht kannte? Im tiefsten Seelengrunde hatte sie so wie ein Bild von seinem Wesen wohl immer schon geträumt. Denn wie verstand sie sonst, bis in ihr innerstes Empfinden, die ernste, grüblerische Art und diese Kraft, die doch so schwer war zur frischen, starken Tat? Wer ihn aufrütteln durfte aus seinen Träumen! Hatte Gott ihr diese Seele in die Hände gelegt, weil sie allein sein innerstes Empfinden verstand?
Sie lehnte am gewunden-rötlichen Kastanienstamm und sah hinauf nach dem Mückenschwarm, der da im goldenen Strahle tanzte, und wieder war der helle Siegesschein in ihren weiten, klaren Augen.
Als sie in den Flecken kamen, sagte ihnen jemand, daß Lars Asmussen mit Trina Lassen versprochen sei. Da stampfte die kleine Frau Lind mit dem Fuße auf. „Das hat er nur getan, um die abscheuliche Miete zu ärgern, der dumme, dumme Mensch!“
„Ich fürchte, es war Feigheit,“ sagte Jakob Lind.
Aber Karen ging still weiter.