Kapitel XVI
Lars war noch einsilbiger nach der Sturmnacht. Als er sie da behaglich im warmen Wirtshauslicht hatte sitzen sehn, die ehrbar satten Bürgersleute, da hatte es mitten in der heulenden Dunkelheit um ihn wie in grellem Licht gestanden. „Da gehörst du nicht hin.“ Darum arbeitete er zu Hause jetzt hart, und zu Onkel Gust ging er nicht. Lars hatte Arbeit, denn das Wasser hatte viel zerstört, wenn auch der Strohdachhütte selbst nichts geschehen war.
Aber das Sehnen war schrecklich. Denn alles Denken und Träumen in ihm hatte jetzt den einzigen Weg genommen hin zu dem feinen, blonden Mädchen. Nur sie sah er, wenn er an den Riemen zog und über die See blickte. Nur nach ihr griff er, wenn er ins braune Netzwerk faßte. Sie quälte ihn, daß er nach der schweren Arbeit Stunde um Stunde wach lag in der dunklen Nacht. Aber doch, er gehörte zu den schlichten, kleinen Leuten und ihrer Not.
Und er ging nicht in den Flecken.
Da kam eine Postkarte von Miete, darauf stand: „Du willst es also nicht tun. Deine Marie Asmussen.“ Da kämpfte er ein paar Tage mitsich, dann hielt er es nicht mehr aus. Er wollte nur sehen, was sie eigentlich von ihm wollte, — sagte er sich. Und Sonntag nachmittag ging er doch hinauf.
Ganz steif und feierlich kam er die Treppe herauf. Als er in der Vorderstube Stimmen hörte, machte er die Tür zur Nebenstube auf. Miete deckte dort mit Trina den Tisch.
Miete war es, als füllte seine große Gestalt das ganze Zimmer, und sein widerspenstiger Ernst schüchterte sie beinah ein. Aber sie tat, als sei er gestern erst hier gewesen, und lachte ihn lustig an. Als er Trina die Hand gab, traf es ihn wie ein höhnischer Blitz seitwärts von Mietes hübschen Augen. Dann setzte er sich langsam und folgte ihr mit den Blicken, wie sie mit ihrem leichten, sichern Bewegen die blinkernden Dinge auf das weiße Leintuch setzte und der rötliche Lampenschein und der dunkle Schatten über sie hin und her glitten. Seine Blicke trieben ihr das Blut in die Backen. „Rate, wer dort drin ist!“ sagte sie.
„Wie soll ich das wissen?“
„Hast du nicht gehört, daß wir in Aalby einen neuen Lehrer haben?“
„Was geht der mich an, die Fische kann ich doch nicht in die Schule schicken.“
„Du sollst ihn aber sehen!“
„Herr Lehrer!“
„Miete, bist du verrückt?“
Da trat der Lehrer wirklich in die Tür, und Lars mußte wieder aufstehen langsam und widerwillig. — Es war ein schmächtiger Mann mit einem braunen Vollbart. Und nun trat er vor Lars hin, und er lachte dabei.
Da erkannte der ihn an den Augen. „Jakob Lind!“ rief er. Dann wurde er gleich wieder steif und dachte daran, daß er nur ein Fischer geblieben war.
Aber Jakob Lind hatte die schwere Arbeitshand gefaßt und schüttelte sie. „Du dummer Kerl!“ sagte er, und Lars sah, daß Jakob immer noch die guten, geraden Augen hatte. Da taute er langsam auf, und beim Abendbrot kamen sie allmählich auf die alten Geschichten, und der dicke Aage und der laute Herr Braun mit der goldenen Brille und Hans Todtsen mit seinen großen Worten, sie mußten alle heran, und Lars hatte fast ganz vergessen, wo er war, und hatte laut mitgelacht über die alten Geschichten.
Als das Essen zu Ende war und der blaue Zigarrenqualm um die Hängelampe zog, hatte Jakob Lars gebeten, mit ihm zu gehen.
Da sah Lars von der Seite auf den hellen Kopf, der neben ihm über die feine Stickerei gebeugt war. „Geh doch mit ihm!“ sagte Miete Asmussen.
Da stand er auf und trat mit Jakob aus dem Hause.
Es war eine milde Nacht für den beginnenden Winter. Durch die grauen Wolken drang ein verschwommenes, bleiches Schimmern, und von Zeit zu Zeit ward die gelbe Mondscheibe sichtbar. Die kahlen Zweige ragten wie angstvoll gespreizte Finger. Und hier und da schrie eine Eule in ödem Klageton nach dem Genossen.
Wie ins Unendliche hinein dehnten sich die kahlen Felder. Vor ihnen lag wie ein massiger, schwarzer Klumpen der Wald. Am Wege standen nur hier und da einsam ragende, schwarze Bäume. Manchmal rieben sich die dürren Zweigenden raschelnd, oder ein Nachtvogel flog mit schwer klappendem Flügelschlag in das weite Dunkel hinaus.
Es war wie ein Warten in der Luft auf ein wunderlich Verborgenes. Als müsse das Wort zu finden sein, mit dem die heimlichen Tiefen sich aufschließen und man hineinblickt in den Wurzelgrund des Seins.
So eine Nacht war es, die den Menschen aus sich heraushebt, daß er seines kleinen Selbst vergißt.
Die zwei Männer hatten sich viel zu sagen. Es waren nicht nur die alten Erinnerungen, es war noch ein anderes, das sie zusammenzog. — Wer kann den Finger auf die Stelle der Seele legen, aus der es aufklingt wie tiefer Glockenton und das Echo aus der anderen Seele weckt?
Sie wußten es auch nicht, was die Dinge aus ihrer Seele heraufrief, die sonst schweigend im Unbewußten ruhten.
Sie fingen an und erzählten von den vergangenen Jahren, so gut sie konnten; denn sie waren beide langsame Menschen, und ihr Denken und Grübeln lag oft tief, ihnen selbst fast verborgen.
Jakob hatte sich mühsam mit seinen geringen Mitteln bis zur Universität gearbeitet. Als er erst wenige Semester dort war, starb sein Vater, und es galt, schnell Geld verdienen für die Mutter und die kleinen Geschwister; denn sie waren sehr arme Leute.
„Da bin ich Lehrer geworden,“ sagte er.
Dann war er still, und Lars hörte, wie es in den trockenen Buchenblättern klappernd raschelte.
„Aber es ist mir gar nicht so schwer geworden,“ fing er dann wieder an. „Weißt du, Lars, das ist so: erst kommen sie da mit tausend Fragen und Meinungen, und man wird ganz wirr, und die ganze Welt ist zuletzt schwarz und tot und gibt auf nichts mehr Antwort. Und wenn man dann still ist und die Augen aufmacht, dann wächst es doch wieder wie ein Licht aus dem Finstern.
Und das schien mir immer das Herrlichste, vondemLicht den armen, geplagten Menschen hintragen zu dürfen. Aber daraus ein Amt zu machen mit Regeln und Würden, das war mir ganz zuwider. Und da ist es mir ganz recht, daß ich nur ein Schulmeister geworden bin.“
Das konnte Lars wohl verstehen, und dann fing Jakob an und fragte ihn, wie es bei ihm gewesen war mit dem schlichten Arbeiterleben. Und allmählich kam Lars in das Erzählen, und Jakob erfuhr von den ersten harten Arbeitsjahren und vom ersten jungen Stolz beim Bauen der eigenen Boote und von den Jahren als Soldat und der Möglichkeit, heraufzukommen. Aber immer wieder klang es durch, daß er frei sein wolle und bleiben wolle, so wie es ihm selbst gefiel.
Und dann schwiegen sie wieder, und siehörten den Klang ihrer eigenen Füße auf der harten Straße und hörten vom nahen Wald ein Käuzchen schreien, und im trüben Mondgedämmer lag rings wie in heimlichen Schleiern das weite Land.
Lars wußte selbst nicht, wie es geschah, aber in der wunderlichen Nachtstille trotz all der heißen, wühlenden Unrast in seiner Seele fühlte er doch wieder das Sehnen nach etwas Besserem aus dem Grunde aufsteigen, und mit knappen, halb verständlichen Worten sagte er Jakob auch von dem.
„Ja,“ sagte da Jakob Lind, „es war ein alter Professor an der Universität, der war uns Jungen ein lieber Freund. Den fragte ich mal so was Ähnliches. ‚Den Drang haltet nur wach,‘ sagte der. ‚Der lügt euch nie. Die Arbeit kommt von selbst, wenn ihr reif seid. Vielleicht daß ihr sie tut, ohne daß ihrs selber wißt.‘“
„Das hätte Großvater wohl ähnlich denken können,“ meinte Lars.
Sie waren zusammen bis Aalby gewandert.
„Nun mußt du mit hereinkommen und meine Frau sehen,“ sagte Jakob.
Sie standen vor dem niederen, grünumwachsenen Hause. Lars blieb scheu zurück. AberJakob trat in den Flur, und dann klinkte er gleich die Tür zur Wohnstube auf, und eine behagliche Flut von Licht und Wärme wallte Lars entgegen. Er sah in die lange Stube hinein. Hinten am Tisch im warmen Lampenschein saß eine runde, frische, junge Frau über die große Näharbeit gebeugt, und ein großes, blondes Mädchen saß geradeüber.
Als Jakob eintrat, sprang die Frau auf und gleich an seinen Hals. — „Endlich!“ rief sie, und ihre Stimme hatte einen hellen, warmen Klang. „Wir haben schon so lange gewartet!“
Lars war im Halbdunkel bei der Tür stehn geblieben und drehte an seiner Mütze.
Da wandte sie sich zu ihm. „Ist das Lars?“ fragte sie und faßte ihn gleich bei der Hand. Da wurde ihm ein wenig behaglicher zumute. „Karen und ich haben schon gedacht, ob du ihn mitbringst.“
Lars sah auf die andere. Die war hoch gewachsen und stand da sehr still, und ihre hellen Augen sahen prüfend tief in ihn hinein, daß es ihm fast wieder unbehaglich wurde bei dem forschend ernsten Blick. Aber die kleine Frau Lind ließ ihm keine Zeit dazu. Sie zog ihn an den Tisch, und er mußte sich zwischensie und Jakob setzen in den traulichen Lampenschein. Sie fragte ihn über die Schuljahre mit Jakob aus. So etwas war ihm noch nie begegnet, wie die freundliche Art der kleinen Frau Lind mit ihrer fröhlich schwatzenden Munterkeit. Und dazwischen kamen Jakobs verständige Worte, die so klangen, als ob sie einen Luftzug aus der fernen, versunkenen Welt des Wissens und Forschens herüber brächten.
Erst war es, als passe Lars nicht recht da auf den Lehnstuhl zwischen die beiden Lehrersleute mit seinen großen, verarbeiteten Gliedern, dann aber setzte er sich ordentlich behaglich zurecht, er wußte selbst nicht warum. Ohne daß er es ahnte, war sacht eine Tür in seiner Seele aufgegangen. Wenn er jetzt aufsah, dann traf er den ernsten, prüfenden Blick des blonden Mädchens. Aber die forschenden Augen waren ihm nun nicht mehr unbehaglich. Dies klare Schauen gehörte wohl mit zu der lebendig-fröhlichen Wärme, wie sie hier im Schulhaus wohnte.
Und als Lars endlich über die dunklen Koppeln nach Hause ging, da war etwas Fröhliches in ihm, was er sonst nicht kannte.