Kapitel XXI

Kapitel XXI

So hatte Lars dann noch vor der Zeit des Heringfangs geheiratet und war in das neue Haus gezogen. Nun fuhren sie zusammen hinaus in die heulenden Herbststürme, Lars und Kords und Peter mit Christen Matthies. Der Herbst war stürmisch, aber er blieb lange warm. Darum konnten die Fischer von draußen ihre Stellnetze nicht setzen, und die Fischer in der Bucht hatten einen guten Verdienst. Aber als dann der erste Frost kam und die Stellnetze wieder die Bucht absperrten, war der Unterschied fühlbar hart, und die Fischer brauchten zornige Worte.

Lars war mit Kords ein paarmal ins Wirtshaus gegangen statt zu Herrn Asmussen oder den Linds. Peter sagte nichts darüber, aber er ging mit finsterm Gesicht um Lars herum. Im Wirtshaus saß Lars meist mit seinem unbeweglichen Gesicht zwischen den dicken Tabakswolken, fast als wenn er schliefe, und sagte nur selten ein Wort.

Als sie mit den Fäusten auf den Tisch schlugen und laut auf die Fischer von draußen fluchten, da hatte er sich einmal aufgerichtet: „Das ist, weil ihr euch hier nicht einig werdenkönnt bei uns. Anderswo haben die Fischer Vereinigungen, da machen sie die Sachen untereinander aus.“

„Ach was, Vereinigungen,“ sagte der rote Trollsen, „damit man mir vorschreibt, daß ich heute fischen muß, ob ich will oder nicht, und nicht mehr mein eigener Herr sein darf.“

„So eine Vereinigung müßte das eben sein, wo jeder ruhig seinen eigenen Weg gehen könnte und sie sich gegenseitig schützten gegen den Zwang von außen. Da können sie auch wohl zusammen ihre eigenen Interessen schützen.“

Der rote Trollsen schüttelte mit dem Kopf, aber sie wagten doch alle nicht recht, etwas zu sagen; denn Lars’ stille Art und sein sicheres, ruhiges Fortarbeiten zwang ihnen allen Achtung ab.

Zum Frühling hatte er auch so viel Geld verdient, daß er sich ein Stück Kartoffelland hinter dem Hause kaufen konnte. Er schritt nun wieder aufrecht daher und sein Blick ging zufrieden geradeaus. Zu seinen Schreiner- und Holzarbeiten bekamen die Leute immer mehr Vertrauen, und er mußte Fischkasten bauen und ihnen die schadhaften Boote bessern. Wenn er so für sie arbeitete, so lernten sie ihn mit der Zeit besser kennen und bekamen immermehr Achtung vor seinem stetig-kraftvollen Schaffen. Und als das Jahr herum war, da war ihm die Arbeit stetig zugewachsen. Und für die er gearbeitet hatte, die beredeten ihn oft, daß er nach der Arbeit mit ihnen ins Wirtshaus kam. Und weil er auf ihr Zureden gekommen war, und sie sich an seiner Arbeit gefreut hatten, meinten sie, ein Anrecht auf ihn zu haben, und waren gleichsam stolz auf sein verständiges Reden. Ihr Beifall aber zog die andern mit. So kam es, daß in diesem Jahr viele mit großem Vertrauen auf Lars hörten. Und Lars merkte es wohl, und es war, als gäbe ihm das alles eine Kraft. Und es kam eine Freude in ihn, daß die Gedanken leichter und fröhlicher in ihm umgingen. Er machte Pläne von einer großartigen Fischereivereinigung, die er gründen wollte. Wenn die Gedanken und Pläne bisher auch weder Hand noch Fuß hatten, so gaben sie Lars doch einen frohen Stolz, daß er hochaufgerichtet und sicher einherging.

Aber einen Kummer hatte Lars dabei; denn wie die Monate dahinrollten, schien Großvater immer weniger Anteil an seinem Tun zu nehmen.

Großvaters tiefe Augen sahen unter denschweren, weißen Brauen heraus auf Lars’ neue Wege, aber er schwieg dazu. Er schwieg jetzt fast immer, und wenn er sprach, war es ein halbverständliches Murmeln. Seit er nicht mehr auf die See ging, saß er am Fenster der Hinterstube, wo Mutters Webstuhl stand, und sah still auf das Meer hinaus. Den weißen buschigen Kopf senkte er bis auf die Brust, aber in den Augen war immer noch waches, sinnendes Leben. Aber es hatte fast den Anschein, als sei all das Neue, das in Lars’ Leben gekommen war, gar nicht bis in die fast gleichgültige Stille gedrungen, in der Großvater jetzt lebte.

Manchmal hockte sich Lars auf den Schemel, der dort bei Großvater stand, und versuchte, ihm langsam und deutlich zu erzählen. Dann ließ der Alte die sinnenden Augen kurz über den langen, ernsten Fischer hingehn. Er wischte sich mit der schweren, großen Hand über Mund und Bart. Aber dann sah er nach seiner Gewohnheit wieder zum Fenster hinaus und gab keine Antwort. Und Lars stand auf, und wenn er sich umdrehte, saß eine tiefe Falte zwischen seinen Augenbrauen.

Da war es aber doch noch einmal gekommen, daß Großvater zu etwas aufwachte, was Lars anging.

Als das grüne Herbstlicht die Welt mit Klarheit zu überfluten begann, da trat Mutter Stina in die Hinterstube mit einem hellen Schein über dem stillen Gesicht. Und sie legte behutsam Lars’ kleinen Sohn in Großvaters Arme. Und es war, als schimmerte es feucht in Großvaters alten Augen, und er fing an, vor sich hinzumurmeln, und es klang wie ein Segen. Lars stand dabei und sah still auf die beiden. Er sagte weiter nichts, aber er wollte von da ab, daß sie dem Alten das Kind häufig brachten. Und Großvater hielt es in den Armen, und manchmal murmelte er ihm Worte zu. Und der kleine Klaus war lange still in Großvaters Armen und schlief dort fast ruhiger als bei seiner Mutter daheim.

Auch Lars saß oft sinnend auf seinem alten Platz. Und von Zeit zu Zeit wechselte er ein Wort mit Mutter Stina, und auf Mutter Stinas Gesicht lag der seltene, helle Schein, wenn sie ihn und den kleinen Klaus unter dem Strohdach hatte.

Dann war es an einem Frühlingsmorgen. In Lars’ Hause war großes Reinemachen. Da hatte Trina das Kind in aller Frühe zu Mutter Stina hinübergebracht.

Die Sonne stand noch tief und sandteblitzende Strahlenbündel aus den mächtigen Wolkentoren hervor über See und Land. Die riesigen, quellenden Wolkengebilde lagen im rötlichen Schein, und vom Lande, wo ein Schatten über die See fiel, war sie wie von blauen Schleiern überhangen.

Großvater saß am Fenster, das Kind im Arm, und sah auf Lars und Peter hin, die mit ihrem Boote nicht weit vom Ufer lagen.

Als Mutter Stina nach einer Weile zu den beiden in die Hinterstube sah, verwunderte sie sich, wie tief Großvaters Kinn auf das Kind heruntergesunken war. Da sah sie aufmerksam hin. —

Das sinnende Licht war in den alten Augen erloschen.

In der Morgensonne war Großvaters standhafte Seele über die See hinausgewandert in die große Ewigkeit hinein. —

***

Als der Platz am Fenster leer war und der tiefe, sinnende Blick ihm nirgends mehr begegnete, da fühlte Lars doch ringsum eine große Öde. Es zog ihn wieder zu Jakob Lind hin. — Still und in sich gekehrt saß er dort manchmal, und die kleine Frau Lind wußte nicht recht, was sie mit ihm anfangen sollte.

Aber wenn er mit Jakob oder mit Karen allein war, dann sprach er ein wenig. Und er erzählte ihr von Großvater und seiner stillen Art. Wie er sich immer gleich blieb und seinen eigenen Weg ging, ohne zu wanken, ob es bergauf gegangen war oder bergab.

„Solche Leute sollten sie zu Führern haben, die Arbeitenden,“ sagte Lars und wurde eifriger dabei. „Solche Leute aus ihrer Mitte, die sie kennen und achten und die auf sicheren, festen Füßen stehen, Leute von den Ordentlichen, die sich schon bewährt haben. Sie müssen ja wohl hinter irgend jemand herlaufen. Jetzt führt sie der, der am lautesten schreit; aber hier zwischen unsern ruhigen Leuten müßte es anders sein.“

Und Karen nickte, und ihre weiten hellen Augen gaben ihm Antwort.

Da hatte Lars einen Ersatz für Großvaters schweigendes Verstehen gefunden und ging wieder zufriedener an seine Arbeit.


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