Kapitel XXIII
Von da ab wurde es besser mit Trina, und Lars konnte wieder auf Arbeit gehen. Aber ganz allein konnte sie doch nicht bleiben, darum zog ihre Mutter zu ihr. Hans Peter Lassen war schon vor ein paar Jahren gestorben. — Kurz vor Großvaters Tod hatte ihn der Schlag gerührt. Frau Lassen war froh, daß sie eine Unterkunft fand, und zog willig in Larsens Haus. Aber Frau Lassen war eine laute, fast herrische Frau, und im Alter war sie schwatzhaft geworden.
Und das laute, breite Lachen seiner Frau, und das harte, zänkische Geplapper der Mutter umgaben Lars wie eine unerträgliche Qual.
Und Jakob wußte, wie es um ihn stand, und kam und sah nach ihm, wenn er Zeit hatte, und Frau Lind und Karen begleiteten ihn manchmal. Meist gingen sie am Strand entlang und versuchten, ihn zu treffen, wenn er dort allein an seinen Netzen arbeitete. Er wandte sich kaum nach ihnen um und hantierte an seiner Arbeit weiter mit seinen schweren großen Bewegungen. Frau Lind meinte dann wohl, sie sei ihm zur Last, und setzte ihren Wegfort, aber Jakob und Karen ließen sich von seiner mürrischen Art nicht stören.
Meist gab er nur kurze Antworten auf das, was sie ihn fragten. Aber einmal, als Frau Lind wieder vorausgegangen war und Karen bei ihm stehen blieb, fast unbeholfen, aber mit einem ernsten geraden Blick des Mitleids in den hellen Augen, da fing er an, vor sich hinzureden, immer, ohne sie anzusehen dabei. Sie hatten gerade von seiner Arbeit gesprochen, und er packte fast wütend in seine Netze hinein, während er sprach.
„Es ist eben alles grundfalsch,“ sagte er. „Ich hätte zupacken sollen und meinen eigenen Weg gehen und mich um die andern nicht scheren. Was können sie mir jetzt helfen! Wäre ich auf die Werft gegangen, so hätte ich es nun vielleicht zu etwas Tüchtigem gebracht. So ist bald alle Freudigkeit aus mir herausgequetscht, und ich bin zu nichts mehr gut!“
Sie stand ganz still hinter ihm, und er schaffte wieder weiter mit schweren, zornigen Bewegungen. Dann sagte sie stockend und so, als mache es ihr Mühe, ihre innersten Gedanken laut auszusprechen: „Lars“, sagte sie, „Herr Lind hat neulich etwas gesagt, das glaube ich auch ganz fest. Wenn man einen höheren Berghinauf soll, muß man allemal wieder ins Tal hinunter. Vielleicht kommt jetzt Ihr höherer Berg.“
Aber Lars antwortete nicht, und Karen mußte weitergehen.
Es war aber nachher noch ein paarmal geschehen, daß sie über ernste Dinge zusammen zu reden kamen, bis der goldene Oktobertag kam, der die große Wendung brachte.
Es war ein trüber Morgen, und in dem schweren Nebel sah alles Ding traurig und ernst aus und als habe es das Leben tief in sich hineingezogen. Peter und Lars kamen mit schweren Tritten vom Strande herauf. Sie waren müde von der langen Arbeit. Mutter Lassen stand in Larsens Haustür. Sie stemmte die Arme ein und wiegte sich auf und ab. „Sieh, sieh, die vornehmen Herrn Fischer, unsere feinen Herrn kommen zu Hause, Trina!“
Peter warf seiner Mutter ein ärgerliches Wort zu und ging nach seinem Hause weiter. Trina wußte, daß die Art der Mutter Lars quälte, und in ihrer Not lachte sie ihm laut und breit entgegen.
Da ging er ohne Gruß an den Frauen vorbei und setzte sich an den Tisch. Trina brachte ihm zu essen. Und weil sie die Wolkenauf seiner Stirn sah, setzte sie sich ihm gegenüber und sann, was sie für ihn tun könne. Über dem Sinnen kam aber das Lachen wieder und wollte nicht aufhören.
„Klein-Trina ist immer lustig,“ sagte Mutter Lassen. „Warum bist du so steif und still, du kleiner Klaus, geh’ hin und sprich mit Vater, erzähl’ ihm was, du dummerlill dreng[5]!“
Aber Klaus drückte sich in die Ecke mit zornigen Augen.
„Willst du ungezogen sein, du dummes Kind?“ Und sie schüttelte ihn heftig bei der Schulter. Trina sah mit angstvollen Augen zu, und ihr Mund zog sich breit, als wolle sie weinen, aber sie lachte nur noch mehr.
Lars hatte schweigend fertig gegessen. „Laß den Jungen!“ donnerte er jetzt.
Da wurde sie wild. „Das will nu so ein feiner Herr sein und in die Bücher studieren und kann doch sein eigen Kind nicht erziehn, und wenn alte Leute mit Erfahrung die Wirtschaft mit dem Jungen nicht mehr ansehen können, so schreit er sie an.“
Sie keifte noch weiter, aber Lars war in die Nebenstube gegangen und hatte sich zu Bettgelegt. Er schlief fest, aber nach einer guten Stunde weckte ihn doch die schrille Stimme seiner Schwiegermutter und Trinas lautes Lachen.
Es war Sonnabend, und Peter und Lars gingen heute nicht mehr auf See. Da zog sich Lars hastig an und trat aus dem Hause.
Gegen Mittag war die Sonne durch den Nebel gebrochen; jetzt lag die Welt in goldener Herbstklarheit.
Lars hatte Besorgungen im Flecken. Er ging schnell, als wollte er dem Jammer hinter sich entfliehen.
Im Laden traf er Karen. Linds waren morgens mit ihr hergefahren, und sie war über Mittag bei einer Freundin gewesen. „Kommen Sie doch mit nach Aalby,“ sagte sie, „Lehrer Linds werden nun auch zu Hause sein, sie hatten nur kurz in Norbüll zu tun.“
Da ging er mit ihr. Sie waren beide hoch und schlank und schritten tüchtig aus, und die starke Herbstluft strich ihnen über die Backen und gab ihnen ein warmes Rot. Es lag etwas so Frisches, Junges in der Luft, daß das Blut schneller durch ihre Adern trieb und sich davon ein froher Schimmer in ihren Augen anzündete.
Die starke, junge Herbstluft mochte es auchsein, die ein wenig von der Schwere forthob, die auf Lars’ Schultern lag. Und es war gar nicht mehr, als ringe er jedes Wort wie in Not aus seiner Seele herauf, sondern er redete vertraulich und kam wohl einmal ins Erzählen.
Und ringsum lag die goldig-blaue Klarheit über den Koppeln, und wo der blaue Waldesschatten darüber glitt, da hing es noch wie weiche dunstige Schleier. Und an den trocknen Halmen schaukelten im linden Winde silberne Spinnweben, und in den feinen Wassertropfen spiegelte sich die goldene Klarheit wider. Aber zwischen dem allen jauchzte eines hervor wie ein Freudenschrei: Das waren zwischen den Koppeln da, wo die Meeresarme ins Land hineinlangten, die großen, blauen Wasserflächen.
Und Lars und Karen wandelten mitten zwischen dem Glanze.
Von Zeit zu Zeit stieg es wie ein Verwundern in Lars auf, daß sie ihn so schnell verstand und daß sie beide immer wußten, was der andere dachte und fühlte.
Und dann waren sie an den Wald herangekommen. Die weiche, feuchte Moderluft kam ihnen entgegen. Sie gingen langsamer, als sie in das mildgedämpfte Licht traten. Hoch und feierlich war der Raum. Die dicken, grauenStämme ragten ernsthaft bis in das gelbe Blätterdach hinein. Ganz leise tastete sich manchmal ein zitternd goldener Strahl aus dem tiefen Blau zwischen dem gelben Dache hindurch zu dem farbentiefen Waldesboden.
„Hier wollen wir uns setzen,“ sagte Karen. „Wir haben ja Zeit.“ Sie saß auf einem Baumstumpf, und er war an ihrer Seite. Vor ihnen, tief gewurzelt und stark, stand die alte Buche mit den wunderfarbig sattgrünen Moosen am grauen Stamm, und eine hohe, schlanke Klettenpflanze hob sich davor in wundervoller Ebenmäßigkeit. Herbstmüde, lichtgrüne und gelbe Farren verdeckten den kleinen Bach, aber sein Murmeln spann sich wie ein endloses Lied von heimlicher Weisheit durch den feierlichen Herbstwald.
Lars hatte sich auf seinen Arm zurückgelehnt im weichen Waldboden. Er sah hinauf in das tiefe Blau zwischen den gelben Blättern. Von ungefähr, aus den unbewußten Tiefen, stieg ihm ein Erinnern auf an die Kinderzeit: Die breiten Kastanienblätter und das weiße Blütenlicht und Mutters Nähe. — So wohl war ihm jetzt wie damals in der uralten Heimstätte, nur daß er es jetzt mit tiefen Atemzügen in sich trank, was er damals im Unbewußten wohl nur halb genoß. So vertraut war ihm das große, blonde Mädchen wie Mutter selbst; das war das Wunderliche an dieser Stunde. Er mußte sie fragen, wie das war. Da richtete er sich auf. Aber seine herbe Unbeholfenheit ließ ihn nicht die rechten Worte finden. Sie hatte sich vorgebeugt, um zu verstehen, wie er’s meinte, und sah ihm tief in die Augen hinein. Da überwand er sich und versuchte es noch einmal, aber es waren auch nur stockende Worte.
Mit eins aber ging eine Veränderung über ihr Gesicht, und wie er das andere Licht in ihren Augen sah, da wußte er, daß sie ihn doch verstanden hatte. — Aber er wußte mehr — er wußte auf einmal die Antwort dazu. Und in dem stillen, milden Waldeslicht sagten sich ihre Augen wunderliche Dinge.
Der milde Herbstfrieden und die heimlich süße Waldesstille waren es gewesen, die hatten den Wächter vor Karens Seele eingeschläfert. Da war die Seele groß und stark aus ihrem Haus getreten und hatte aus Karens klaren Augen herausgeblickt. Und die andere Seele hatte geantwortet, und still, wie der atemlos harrende Herbstwald, hatten sie miteinander geredet.
Dann kam es wie ein herbes Erschrecken in ihr Gesicht. Sie reckte sich auf und ging fest und schnell den Fußsteig nach Aalby voraus, und Lars folgte ihr.
***
An dem Nachmittage wunderte sich Lehrer Lind über Lars’ scheues, wortkarges Wesen, und die klugen, dunklen Augen der kleinen Frau Lehrer gingen angstvoll zwischen Lars und Karen hin und her. Aber Karen schien so ruhig und heiter wie sonst zu sein.
Lars blieb nicht lange. Als er nach Hause ging, hatte sich der Nebel wieder zusammengezogen. Er ging wieder durch den Wald. Als er unter die hohen Wölbungen trat, hatte das reglose gelbliche Dämmern etwas Unheimliches bekommen. Wie erstarrt hingen die gelben Blätter in der grauen Luft. Nur manchmal ließ hier oder dort eines müde seinen Halt los und glitt leise, geisterhaft durch den trüben Raum, und zögernd fand es seinen Weg zum tiefgrünen Muttergrunde. Lars hatte sich auf die Stelle vom Nachmittag gesetzt. — Den Kopf hatte er in beide Hände gestützt. Er fühlte nur das eine: es war alles aus.
Er konnte nicht recht denken. Manchmal wollte es in ihm aufzucken wie heißes, wonnigesLicht, daß sie ihn liebte. Aber dann kam es wieder wie die Herbstestrübe darübergezogen, unbarmherzig, fast unerträglich. Er hatte sie durch seine eigene Schuld verloren.
Und das Wasser neben ihm murmelte und raunte und spann sein Lied durch die Stille wie von Ewigkeit her. Und es klang unerbittlich, wie unabwendbar ewige Gesetze.
Tastend — leise — geisterhaft — flatterte ein müdes Blatt vorüber. Und allmählich kam sein Leben und stieg vor ihm auf. — Da war der alte, weiße Hof. Da hatten sie ihn fortgeschleppt, und sein Herz war fast darüber zersprungen, aber er hatte die Hand losgelassen, und als er groß und stark wurde, hatte er nicht einmal darum gekämpft. Und aus der heimlich schlichten Eigenwelt hatten sie ihn gerissen in ein Fremdes, in das er nicht paßte. Und dann hatten sie ihn wieder zurückgestoßen mit dem Hunger nach den fernen Landesgrenzen im Herzen. Aber er hatte es ertragen und nicht gekämpft um das ferne Ziel. Und da er ein Mann ward, sah er wieder einen offenen Weg vor sich; aber er war wieder umgekehrt, um anderer Menschen willen und um unklares Fühlen. Und zuletzt war die Frau in sein Leben getreten, die zu ihm gehörte, und er hatte es gar nicht gemerkt.
Es war so, als kämen die zahllosen Stimmen aus dem raunend-platschenden Hinfließen und sagten es ihm alles in Worten. Noch nie war dies in deutlichem Denken in seiner Seele wach geworden. Und er sann und quälte sich und sann, wie es so gekommen war. — Er war immer so vor sich hingegangen im trüben Licht und hatte gewartet und geträumt und wieder gewartet in den weißen Nebel hinein. Der Nebel war es gewesen, der hatte es zugedeckt. Und nun war alles falsch und wirr.
Konnte er es denn ertragen, dies öde Leben, und ohne sie? Er hatte sich wieder an den Boden gelegt. Er deckte den Arm über die Augen. „Ich kann nicht,“ murmelte er.
Ganz, ganz leise fing es an, zwischen den trockenen Blättern zu rascheln und klappern. Dann kam ein leises, gleichförmiges Tröpfeln. Der Nebel war zum Regen geworden. Reicher, satter wurden die Farben in der Feuchtigkeit. Es kam ein farbiges Gleißen über die reglosen Blätter und die ernsten Stämme. Und geheimnisvoll wie das Rinnen des Baches klang das gleichmäßig leise, klappernde Tropfen.
War denn nirgends ein starkes Frisches, nach dem er hinsehen konnte und aufstehen und vorwärtsgehen? Er merkte nichts von der großenOrdnung. Das war ein schöner Traum gewesen, den sich der alte Fischer zurecht gesponnen hatte. Es war alles wirr.
Und das murmelnde Fließen rann und rann wie ein endlos mühseliges Gespinst. — Und das öde Getropfe webte ringsum mit sachtem Rascheln. Aber aus der alten Erde stieg ein feuchter Duft, und es war, als ob ein Trieb der Stärke mit aufquoll aus dem dunklen Grunde. In dem reglos Liegenden wuchs das Wollen aus den Tiefen seines Wesens herauf. — Es ist ein Wundersames um die Kraft, wie sie dem Mutterherzen der alten Erde entströmt. — Lars stand auf, und er sah mit dunklen Augen fest vor sich hin. Noch war er ein freier Mann, und er wollte das Leben fest anpacken. Nur eines konnte er nicht: Karen lassen. Dies starke, treue Herz, das sein innerstes, wirres Wesen verstand, die mußte ihm helfen. Vielleicht, daß noch irgendwo eine Arbeit auf ihn wartete, und wie von ungefähr stieg Christen Matthies’ trauriges Gesicht in seiner Seele auf. „Er sollte lieber den kleinen Leuten helfen, wenn er so klug ist,“ hatte Christen Matthies gesagt.
So ging er durch den leise rinnenden Regen nach Hause.
[5]Kleiner Bursch.
[5]Kleiner Bursch.
[5]Kleiner Bursch.