Kapitel XXVII

Kapitel XXVII

Lars Asmussen und Jakob Lind hatten recht. Es sitzt eine heilende Kraft im Anpacken. Der Mensch treibt mit seiner frischen Tat den Nebel vor sich her, daß er nicht mehr vor seinen Augen liegt wie eine trübe Wand. Und während er noch mit aller Kraft bei seinem Werke ist, hat sich leise, leise der Nebel geteilt, und der erste keusche Sonnenstrahl tastet sich durch das trübe Grau. — Dann kommt wohl irgendeine treue Hand und rührt ihn an und sagt: „Da ist das Licht!“ Und er sieht auf und wagt fast noch nicht, sich zu freuen. Dann aber hebt er den Kopf in den Sonnenschein und zieht auf seiner eigenen Straße nach dem Ziel, das ihm in der großen Ordnung gesteckt ist.

Und vielleicht ist es gar nicht fern.

Aber das gilt ihm gleich, denn er sieht wieder, daß es auf einem hohen Berg gelegen ist und daß die Sonne scheint.

Der arme, kleine Mensch — nicht einmal den Nebel kann er selbst vertreiben, um wieder seinen eigenen Weg in der großen Ordnung zu sehen! Nur tapfer handeln kann er, seiner Art getreu, und warten, bis der Nebel weicht. —

Lars war zu einem Entschlusse gekommen. Nicht, daß ihm Jakobs Raten viel genützt hätte. — Guter Rat hat wohl noch keinen Mann aus dem Brunnen gezogen. Und gerade einem aus dem eigenwilligen nordischen Volke wäre es ein hartes Ringen gegen seine Art gewesen, auf fremdes Wort zu hören. — Nein, der Rat tut’s selten, aber die Liebe tut es. — Da ist es, als schlösse der andere Mensch ein Fenster in seiner Seele auf. Mancher tut’s schnell, als stieße er mit Kraft die beiden Flügel auf, der andere drückt und stemmt und bringt die rostigen Angeln nur mühsam auseinander. Aber wie es auch ist, und manchmal war es nur ein unbehilflich Wort — aber von da innen aus der verschlossenen Seelentiefe sehen dann so wunderlich strahlende Dinge hervor, die man nicht nennen kann und nicht ausrechnend wägen. Aber für kurze Augenblicke hat sie der in der großen Not gesehen, und ganz leise, wie von fern kommt es ihm wie Lerchenglaube, daß da Licht sein könnte hinter dem Nebel. —

Lars hatte eins verstanden: Da war ein Mensch, der glaubte noch an ihn. Da wußte er, daß er wieder Mut fassen konnte, wenn er sich aufraffte.

Und er schämte sich seiner Tatenlosigkeit.Er ging durch Haus und Gartenland und sah, daß überall Arbeit wartete. Und wie er erst anzupacken begann, begriff er nicht mehr, daß er es hatte so weit kommen lassen. Es war zurückgegangen in Lars’ Wirtschaft. Und nun faßte ihn die Arbeit wie ein Fieber. Peter wurde es fast zu viel, weil Lars Stunde um Stunde draußen bei der Arbeit bleiben wollte. Und wenn er dann vom Fischen kam, machte er sich an die Kartoffeln, und Trina half ihm tüchtig beim Ausmachen. Und er besserte und hämmerte überall. Und dann machte er sich mit dem Dachdecker daran und setzte ein neues Strohdach auf Mutter Stinas Haus. Er wurde mager in diesem Sommer über all dem harten Arbeiten; aber als der Herbst herankam, war fast alles wieder so gut imstande in den beiden Häusern und dem Gartenland wie sonst, und das viele Arbeiten hatte auch Trina gut getan, und sie war so gesund und ruhig, daß Mutter Lassen zu ihrer zweiten Tochter ziehen konnte, wo eben wieder ein Kind geboren war.

In seinem Hause war es nun stiller und klarer geworden. Lars war kaum zum Nachdenken gekommen. Er wußte nicht recht, wie ihm selbst zumute war. Aber unbewußt war es auch klarer und ruhiger in ihm, und dawar auch allmählich ein Entschluß gereift. Er wußte wohl, daß er die Unrast erst ganz los wurde, wenn er es sich ganz unmöglich machte, Karen wiederzusehen. Das wollte er ihr nun sagen. — Es mußte ein Abschluß gemacht sein.

Es war ein warmer Sonntagnachmittag für den beginnenden Herbst. Lars ging nach Aalby. Als er in den Lehrergarten trat, sah er gleich, daß Karen hinten unter dem Apfelbaum stand. Die schweren Äste hatten viele Stützen, und doch bogen die rotbackigen Äpfel die Zweige fast bis zum saftiglangen Grase hinunter. Zwei hellhaarige, kleine Lehrerskinder standen neben Karen und hielten den großen Korb. Den kleinen Zweijährigen hob sie nach den bunten Äpfeln hinauf, und er patschte mit den dicken Armen in die vollen Äste hinein und riß von den lustigen Früchten herunter. Karen nahm sie ihm ab und warf sie in den Korb. Zwischen den Blättern aber lachten die hellen Sonnenlichter hindurch und schillerten auf all den hellhaarigen Köpfen und lagen wie goldene Flecke im schattig bläulichen Grase. Es war wie ein Zittern in der Luft von hellen, lachenden Kinderstimmen und warmen Sonnenlichtern.

Als Karen die Schritte hörte und sich umsah, ging es wie ein ernster Schatten über diefrohen Augen. — „Gleich,“ sagte sie, „wenn ich hier fertig bin, will ich mit Ihnen sprechen.“ Dann setzte sie das Kind zur Erde und zog ihm die kleine Schürze zurecht. Es wollte weinen, aber sie gab ihm einen bunten Apfel zum Spielen und faßte dann selbst in die roten Früchte hinein. Der Korb war bald gefüllt, und sie schickte die Kinder damit ins Haus. Dann setzte sie sich zu Lars auf die Bank unter dem Apfelbaum und hob den Zweijährigen auf ihren Schoß. Lars aber sah immer unverwandt mit dem ernsten Gesicht vor sich hin, so als merke er gar nichts von der lachenden, reifenden Fülle ringsum, sondern sähn nur tief in sich hinein auf einen steten, festen Punkt.

„Nun?“ fragte Karen endlich und sah auf das Kind hinunter.

„Ich habe mir das überlegt,“ sagte Lars, und er sprach es eintönig, wie eingelernt, vor sich hin. „Es ist besser, ich komme nicht mehr hierher. Ich wollte aber gern, daß Sie das wüßten. Und ich wollte Ihnen auch gern Lebewohl sagen — für immer“ — setzte er leiser hinzu.

Sie hob den Kopf und sah ihn fest an. — „Das habe ich schon immer gedacht. Ich geheauch zum ersten Januar nach Hamburg in eine andere Stellung. Sie brauchten aber gar nicht erst zu kommen, ich hätte das schon so gewußt, warum.“

„Vielleicht wollten Sie auch nichts mehr von mir wissen — jetzt!“ Es lag finster über seinem Gesicht und wie eine Bitte.

Es war einen Augenblick still. Ein Apfel fiel mit dumpfem Klang ins Gras. Auf dem schmalen Fußsteig hüpfte eine Amsel mit ihren Jungen und fütterte sie aus einem alten Apfel. Karen zeigte sie dem Kinde, und es lachte und streckte die Arme nach den Vögeln. Da sah sie Lars wieder fest in die Augen. „Ich wußte, daß es nicht so bleiben würde, wie die Zeit im Winter. Ich wußte, daß Sie wieder zurecht kommen würden, Lars Asmussen.“ Die Sonne lag ihr wieder in den Augen.

„Warum wußten Sie das?“

„Das weiß ich nicht, aber ich weiß auch, daß alles wieder ganz hell wird in Ihnen. Gott wird Sie noch brauchen, Lars Asmussen.“

Lars hatte die Ellbogen auf die Knie gestützt und sah tief ins lange Gras hinunter. „Wenn man aber nichts merkt und nichts fühlt.“ — Er stockte.

„Sie fühlen es ja schon wieder, sonst wärenSie gar nicht so weit. Sie haben nur geschlafen bis jetzt.“ Sie war ganz rot geworden, solche Anstrengung war es ihr, so zu sprechen.

Er sah sie wieder an. „Vielleicht ist es so. — Es muß wohl etwas sein“ — er sprach nicht fertig, sondern stand langsam auf. Sie stand auch vor ihm. Das Kind hatte sie auf die Erde gleiten lassen, und es trottete zu den kreischenden jungen Amseln hinüber. Einen Augenblick ging es wie eine heiße Welle über sein Gesicht. Aber sie sah ihm fest in die Augen und gab ihm die Hand. Da hielt er sie fest in seiner schweren Arbeitsfaust, dann drehte er sich um und ging hinaus, und sein Gesicht war so ruhig wie sonst.

Auf den Koppeln stand fast überall das Korn in Hocken. Es knisterte förmlich in der warmen Sonne. Die Luft war sehr still. Hier und da schnarrte der metallene Grillenklang zwischen den glänzenden Stoppeln herauf. Lars stand und sah auf die strahlend weißen Wolken, wie sie hinter den Koppeln riesenhaft heraufwuchsen im tiefen Blau. Es war eine Stille in Lars Asmussen.

Er hatte vor den großen Rätseln gestanden und in die unergründliche Nacht gesehen. Aber er hatte mit Taten auf das Dunkel losgeschlagen.Und nun begann es, sachte, ganz sachte zu tagen. Und in Lars’ Seele war es so, wie zu der feierlichen Stunde, wenn der ernste Morgenwind vom kommenden Lichte raunt. Die letzten Jahre hatten harte Linien in sein Gesicht gegraben. Aber er ging wieder wie sonst fest und aufrecht seiner Arbeit zu.


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